Achtes Kapitel

[249] Bedenklichkeiten gegen das Schuldenbezahlen – die reiche Armut am Sonntag – Thronfeierlichkeiten – welsche Blumen auf dem Grabe – neue Distel-Setzlinge des Zanks


Siebenkäs, ein König und doch ein Armenadvokat und holzersparendes Mitglied, stand den Morgen als ein Mann auf, der, die Spesen etc. abgerechnet, bare 40 fl. frk. jede Stunde auf den Tisch legen konnte. Er genoß den ganzen Vormittag das für Tugendhafte mit einem besondern Reize versetzte Vergnügen, Schulden abzutragen – erstlich beim Sachsen die Hausmiete – bei den Fleischern, Bäckern und andern Krankenwärtern unserer[249] dürftigen Maschine die kleinen Duodezrechnungen. Denn er glich den vornehmsten Personen, die von den geringsten nur Lebenmittel borgen und kein Geld, wie manche Richter nur mit jenen, nicht mit diesem zu bestechen sind.

Daß er übrigens seine Schulden abführt, kann ihm keiner verdenken, der weiß, daß er von geringem oder gar keinem Herkommen ist. Von einem Manne von Stande erwartet man als seiner anständiger, daß er seine Zinsen nicht bezahle – wozu ihn schon die Kreuzzüge verbinden, in welchen seine ältern Ahnen mit dienten und folglich, bloß unter den Römischen Stuhl eingepfarret, nichts zu verzinsen brauchten –, am wenigsten seine Schuldposten. Denn einem Mann von feinem Ehrgefühle, z.B. einem Hofmann, etwas borgen, heißet dasselbe mehr oder weniger versehren. Diese Beleidigung seines Gefühls sucht der feine Mann zu verzeihen und will sich also die ganze Beleidigung samt ihren Umständen ganz aus dem Sinne schlagen; erinnert ihn der Beleidiger seines Ehrgefühls daran, so stellet er sich mit wahrer Feinheit, als wiss' er kaum, daß er beleidigt worden. Hingegen rohe Landjunker und Offiziere auf dem Marsch zahlen wirklich aus und schlagen sich – wie in Algier, wo jeder Münzgerechtigkeit hat – die Münzsorten dazu selber. Auf Malta ist eine lederne Münze, von 16 Sous im Wert, gäng und gäbe, deren Randschrift heißet: non aes sed fides80; diese juchtene Münze, wiewohl nicht rund, sondern lang ausgeprägt wie spartisches Geld – daher sie noch häufiger unter dem Namen der Hund- und Reitpeitschen vorkömmt –, zählen Landsassen und Personen vom Dorfadel ihren Kutschern, Juden, Schreinern und andern Leuten, denen sie schulden, so lange auf, bis Gläubigere befriedigt sind. – Ja ich stand schon am Tische und sah, daß Offiziere, die auf Ehre hielten, den Degen von der Wand oder Hüfte nahmen und damit dem Stiefelwichser, der sein Geld wollte, es in gedachter antiquarischer Rechenmünze – und schon bei den tapfern Spartern waren Waffen zugleich Münzen – wirklich hinzahlten, wobei noch dazu der Mann viel besser gewichset wurde als die meisten[250] Stulpenstiefel, wofür er einfoderte. Und sollt' es, im ganzen und moralisch gesprochen, ein Fehler sein, wenn auch Militärpersonen vom höchsten Range ihre kleinern Schulden abführen und oft dem winzigsten Schneidermeister, der Metall begehrt, die eiserne Elle aus den Händen nehmen und ihm – indem sie ihn noch dazu gerade mit dem Maße messen, womit er sie und ihre Pelze maß – nicht bloße Rechenmünzen oder auch Assignaten, sondern ein Metall, welches das reiche Peru nicht hatte, nämlich besagtes Eisen, als gutes Geld, wenn nicht in die Hand drücken, doch an einen Ort, der Konkursmassen tragen kann? Wenigstens hatten die Briten keine andere Münze als lange Eisenstäbe; kürzer ist die arabische Münze von Draht, Larin genannt, einen Zoll lang, 16 kr. im Wert (s. Eulers Wechselenzyklopädie). – Auf Sumatra sind die Schädel der Feinde unsere Louisdor und die Kopf-Stücke; sogar dieses Schatzgeld, den feindlichen Schädel des Professionisten, der etwas geliefert hat, greift oft der edlere Schuldner an, nur um diesem genugzutun. In der Kautelarjurisprudenz und im allerneuesten preuß. Gesetzbuch fehlet gleichwohl die Kautel: daß ein Gläubiger sich im Schuldschein sogleich ausbedingen solle, in welcher von den zwei gangbaren und alternierenden Geldsorten er von seinem hohen Gemeinschuldner wolle befriedigt werden, ob in Metall oder in Prügeln......

Siebenkäs hatte diesen Donnerstags-Morgen eine kitzelnde Disputierübung über das halbe Herz oder halbe Schwein des Kardinalprotektors, das ihm der Unterkönig, der Friseur, aufdringen wollte, um gewisser den halben Königschuß zu bekommen. Als der Sachse den Schuß hatte, die 25 fl., stritt er kälter und ließ sich endlich gefallen, daß künftigen Sonntag das gehälftete Tier oben in Firmians Stube von ihm, von den übrigen Hausleuten und von den zwei Schützen-Landesvätern und – müttern in Gesellschaft des Schulrates rein wie ein jüdisches Osterlamm sollte – aufgezehret werden. –

Die Blumengöttin unserer Tage nahm jetzo einige Finger spitzen voll Gesäme jener Blumen, die schnell aufgehen und die, wie die Christwurzel oder Nießwurz, im jetzigen Dezember[251] blühen, und säete sie neben den Steig, den Firmian am häufigsten ging. – – Aber wie lange, Freudiger! wird die erzwungne Blüte an deinen Tagen hängen bleiben? Und wird es deinem philosophischern Dianens- und Brotbaum, der an der Stelle der Klageiche gesetzet ist, nicht wie anderen abgehauenen Bäumen ergehen, die man auch am Andreastage in die Stube und in Kalkwasser pflanzt und die nach einem flüchtigen Ertrag von gelbem Laub und dumpfer Blüte auf immer verschmachten? –

Den Schlaf, den Reichtum und die Gesundheit genießet man nur, wenn sie unterbrochen worden; bloß in den ersten Tagen, nachdem die Bürde der Armut oder Krankheit abgeladen ist, tut dem Menschen das Aufrechtstehen und das freie Atmen am sanftesten. Diese Tage währten bei unserem Firmian bis zum Sonntag. Er mauerte einen ganzen Kubikfuß von der Teufelsmauer in seiner Auswahl aus des Teufels Papieren auf – er rezensierte – er prozessierte – er wachte listig über den Hausfrieden, den die Einlösung der Pfänder hätte stören können. Das will ich zuerst erzählen, und dann erst das Platos-Gastmahl am Sonntag. Er handelte nämlich schon am Königtage eine Dutzenduhr für 21 fl. an sich, um sein Geld nicht – nach und nach auszugeben; er wollte überhaupt einen Hoffnunganker in die Uhrtasche auswerfen. Als nun die Frau darauf antrug, die Salatiere, die Heringschüssel und andere Pfänder auszulösen, und da das nicht mit Küssen, sondern mit seinem halben Kapitale geschehen mußte, so sagt' er: »Ich bin zwar nicht dafür – in kurzem trägt sie die alte Sabel wieder fort – aber wenn du willt, so tu es immer, ich stelle dirs frei.« Hätt' er sie bekriegt, er hätte gemußt; so aber, da er ihr das meiste Geld in ihren Beutelhulfter goß – und da sie die wachsende Ebbe täglich anzeichnete – und da sie sich alle Tage an die Auslösung machen konnte: so machte sie sich eben nicht daran. Die Weiber schieben gern auf, und die Männer fahren gern zu; bei jenen gewinnt man durch Geduld, bei diesen, z.B. bei Ministern, durch Ungeduld. Ich erinnere hier alle deutsche Ehemänner, die etwas nicht auslösen wollen, noch einmal daran, daß ichs ihnen klar gesagt habe, wie sie mit ihren schönen Widerbellerinnen umzuspringen haben.[252]

Jeden Morgen sagte sie: »Ei wahrlich, wir sollten doch einmal nach unsern Tellern schicken.« Und er antiphonierte: »Meinetwegen nicht, ich lobe dich eher deswegen.« So gestaltete er seinen Wunsch in ein fremdes Verdienst um. Firmian hatte Kenntnis des Menschen, nicht der Menschen – er war bei jedem neuen Weibe verlegen, aber nicht bei einem alten – wußte genau, wie man unter gebildeten Leuten sprechen, gehen, stehen müsse, bracht' es aber nicht nach – nahm jede fremde äußere und innere Unbehülflichkeit wahr und behielt seine – wurde, wenn er seine Bekannten Jahre lang mit Welt und Überlegenheit behandelt hatte, erst auf Reisen innen, daß er, unähnlich dem Weltmann, über Unbekannte nichts vermöge. – – Was soll ich viel Worte machen? Er war ein Gelehrter. –

Inzwischen wär' er doch vor dem Sonntage, mit allen seinen Friedenpredigten und Friedenverträgen in der Brust, wieder in einen häuslichen Frosch- und Mäusekrieg unversehens hineingetappt. Es ist nämlich Tatsache, aus seinem eignen Munde entnommen, daß er, als Lenette unaufhörlich ihre Hände und Arme und damit zugleich hundert andere Sachen wusch, obgleich mehr mit kaltem Wasser, weil unmöglich in einem fort warmes dazu dastehen konnte, daß er, sag' ich, weiter nichts mit der allersanftesten Stimme in der Welt tat als die wahrhaft freudige Frage: »Das kalte Wasser erkältet dich also gar nicht?« – »Nein«, sagte sie in einem gedehnten Tone. »Warm macht dichs vielmehr?« fuhr er fort. »Ja«:, sagte sie in einem abgeschnappten. Sitten- und Seelenlehrer sind wider mein Erwarten sehr zurück, sowohl in der allgemeinen Seelengeschichte als in der besondern dieses Buchs, welche sich über die halbgrollende Antwort auf eine so milde Frage besonders verwundern. Lenette wußte nämlich längst recht gut, daß der Advokat, gleich Sokrates, gewöhnlich mit den sanftesten Lauten, wie Sparter mit Flöten, seinen Krieg anfing, ja sogar fortführte, um gleich jenem, bei sich zu bleiben; sie besorgte daher auch diesesmal, daß der Flötentext eine Kriegerklärung gegen die weibliche Regierform enthalte, die ihre Arbeitbezirke nach Waschwassern, wie das jetzige Bayern seine Landkreise nach Flüssen, einteilt. »Aus welcher Tonart«,[253] fluchte daher der Advokat öfters, »soll nun ein Ehemann sein Stück spielen, wenn zuletzt die weiche wie die harte klingt, frag' ich jeden?«

Aber diesesmal war er gerade mit der größten Milde auf nichts Hartes ausgewesen, sondern auf eine Vorrede zu einem richtigen Erziehsystem kindlicher Leiber. Denn er fuhr nach ihrer Antwort fort: »Damit erfreuest du mich wahrhaft. Hätten wir Kinder, so seh' ich, du würdest sie nach deiner Methode immer waschen, und zwar kalt und über den ganzen Leib; das aber stärkte, da es so wärmte.« Sie hielt ohne alle Antwort bloß die Hände zum Siegen gefaltet in die Höhe, wie jener biblische Prophet; denn ein kaltes Baden der Kinder war ihr nichts als ein Blutbad durch einen Herodes. Viel heller setzte jetzt Firmian seine Abhärt- und Abgleichmethode der Erziehung ins Licht; – viel heißer sträubte sich die Frau mit allem ihrem Gefieder dagegen auf, bis beide endlich durch gegenseitige, geschickte Entwicklung des männlichen und des weiblichen Erziehwesens weit genug gekommen wären, um als ein Paar Zephyrstürme gegeneinander aufzustehen, hätte nicht der Ehemann die Frage wie einen herrlichen Freischuß getan: »Wetter! haben wir denn Kinder? Warum machen wir uns denn voreinander selber lächerlich?« –

Lenette versetzte: »Ich sprach nur von fremden Kindern.«

Also, wie gesagt, brach kein Krieg aus, sondern vielmehr der friedliche Sonntag herein samt den Gästen, die das halbierte warme Herz oder Schwein der babylonischen Hure oder des Kardinalprotektors gewinnen und verspeisen wollen. Es war überhaupt, als wenn jetzo ein günstiger Stern der drei Weisen auf diesem Haus voll Hausarme stehen wollte; denn schon Freitags zuvor hatte ein Sturmwind den halben Rats-Forst glücklicherweise eingerissen und für alle Arme den Advent-Weg so glänzend mit Zweigen und den daran hangenden Bäumen überstreuet, daß die ganze Forstdienerschaft der Ährenlese einer solchen Weinernte nicht zu wehren vermochte; seit Jahren lag im Merbitzerschen Hause nicht so viel Holz als am Sonntage, teils gekauftes, teils kühn geholtes.

Ist nun schon an sich ein Sonntag der Sonnen-, Mond- und[254] Sternentag in einer Armenkaserne, wo der Mensch seine paar Bissen, seine paar Glanzkleider, seine zwölf Sitz- und zwölf Liegstunden hat und die nötigen Nachbarn zum Gespräch: so läßt sich wohl denken, wie vollends in Merbitzers Hause der Sonntag aufgetreten, wo jedermann ein halbes Schwein schon so ausgemacht und umsonst im Maule hatte als vorher die Predigt im Ohr, weil der vornehmste Mietmann im Hause die Kronfeierlichkeiten als Schützen-Souverän nirgends begehen wollte als am Tische unter lauter Handwerkern.

Schon vor dem ersten Kirchengeläute war die alte Sabel da. Der Kronschatz des Schießkönigs vertrug es ganz wohl, sie als Erbküchenmeisterin neben der Königin Lenette für einige Kreuzer und einige Nebenteller anzustellen. Der Königin selber kam jene überflüssig und wie eine Neben- oder zweite Königin vor – und im Schachbrett bekommt wirklich ein König zwei Königinnen, wenn man eine Bauerfigur in die Dame bringt und er die erste Königin noch hat, was dasselbe ist, wenn es unter einem wahren Thronhimmel geschieht –; denn Lenette hätte als wahre homerische und großkarolinische Fürstin am liebsten ganz allein gewaschen, gekocht und aufgesetzt. Der Schützen-Souverän selber verließ das laute staubende Thron- und Baugerüste des Tags und durchstrich in einem Schanzlooper selig und frei die weite grüne Ebene des stillen blauen Spätherbstes, aufgehalten von keinen dürren Verbietreisern und Wache stehenden Strohwischen und keine dickern Sperrstricke durchreißend als die Fäden der Spinne. Nie spazieren Gatten gemütlicher und gemächlicher im Freien, ja sogar in fremden Stuben auf und ab, als wenn in ihren die Stampf- und Zuckermühlen und die Fegemühlen arbeiten und toben und sie sich für ihre Heimkunft den reinsten Mahlschatz aller Mühlgänge versprechen. Mit einem dichterischen Idyllenauge schauete der Advokat aus seinen stillen Wiesen in die ferne Lärmstube voll Pfannen und Hackmesser und Besen hinein und ergötzte sich wahrhaft an dem ruhigen Anschauen der fernen umherfahrenden Betriebsamkeit und an dem Hineinträumen in die freudigen Zungenträume der heißhungerigen Tischgesellschaft – – bis er auf einmal rot und heiß wurde: »Da[255] tust du was Rechtes«, redete er sich selber an; »das kann ich auch; aber die arme Frau fegt und kocht sich zu Hause ab, und niemand erkennt ihr Verdienst.« Nun konnt' er wohl nicht weniger leisten als einen recht starken Eid, daß er, was er auch daheim gerückt und gebügelt finde, alles im höchsten Grade genehmigen und erheben wolle ohne weiteres.

Die Geschichte bestätigte es auch zu seinem Ruhme, daß, als er bei seiner Heimkunft sein Büchergestelle abgebürstet und sein Dintenfaß außen weiß gewaschen und alle seine Sachen in Ordnung, jedoch in einer neuen gefunden, er ohne das geringste Auffahren Lenetten freundlich lobte und sagte: sie habe wie aus seiner Seele gewirtschaftet und gefegt; denn gerade vor gemeinen Frauen, von denen heute ein Dreizack von Höllenrichterinnen81 erscheine, könne man nicht gebürstet und gleißend genug auftreten – daher er ihr absichtlich heute die General-Intendantur des Theaters überlassen –, indes sie bei gelehrten Männern, wie Stiefel oder er selber, sich vergeblich in die beste englische Kratz- und Krempel- und Streichmaschine der Stube umsetze, weil solche Männer bei ihren hohen Gedanken auf dergleichen nötige Kleinigkeiten gar nicht herunter sähen.

Aber wie leitete durch diese schöne Stimmung der Präsident des Eßkongresses alles lieblich und lustig ein, noch ehe der Kongreß nur ankam. Nun vollends noch nachher! – Wenn die dreizehn Vereinigten Staaten, nämlich ihre dreizehn Deputierten miteinander an einem runden Tisch auf etwas, das sie ausgemacht, noch ein Abendmahl nehmen – und durch diese Deputierte wird wenigstens so viel ausgemacht, daß, wenn dreizehn Leute an einem Tische speisen, der dreizehnte darum nicht sterbe –: so halten es die vereinigten Freistaaten, weil sie aus dreizehn Kassen spielen, leicht aus, daß ihre Abgeordnete so traktieret werden wie – Firmians Leute in seiner Stube. Es ist angenehm, das Weidvieh grasen zu sehen, aber nicht den Nebukadnezar, sobald er als eines herumgeht; und so ist es nur widrig, den feinern[256] Mann, nicht aber das arme Volk mit zu vieler Lust auf der Wiese des Magens, am Eßtisch, weiden zu sehen. Sie waren alle einig, sogar alle Eheleute; denn es ist der Hauptzug des gemeinen Volks, einander in 24 Stunden 12 Friedeninstrumente und ebensoviele Kriegerklärungen zu schicken und besonders jedes Essen zu einem Liebe- und Versöhnmahle zu veredeln. Firmian sah in gemeinen Leuten gleichsam eine stehende Truppe, die Shakespeares Lustspiele gab, und er glaubte hundert mal, dieser Theaterdichter sei der unsichtbare Souffleur derselben. Firmian hatte schon lange nach dem Vergnügen geschmachtet, eine Freude zu haben, von der er an arme Personen etwas weggeben konnte; er beneidete den reichen Briten, der für eine Schenke voll Taglöhner die Zeche bezahlt oder der wie Cäsar eine Hauptstadt freihält. Der Hausarme gibt dem Straßenarmen, der eine Lazzarone dem andern, wie Schaltiere der Wohnplatz anderer Schaltiere und Regenwürmer die Wohnerde kleinerer Würmer sind.

Abends kam der Pelzstiefel, der zu gelehrt war, um zwischen ungelehrten Plebejern Schweinfleisch oder einen Scheffel Salz zu essen. Nun konnte doch Siebenkäs wieder einen Einfall haben, den niemand verstand als Stiefel. Er konnte doch den Staaten-Perpendikel, den Zepter, und die bunte Glaskugel des Reichsapfels auf den Tisch legen und als Eß- und Vogelkönig82 sagen, sein langes Flughaar diene ihm, wie den fränkischen Königen, statt der Krone, die sein Hausherr geschossen – er konnte behaupten, die Einrichtung, daß bloß der, unter dessen Händen der Adler stirbt, König werde, das sei offenbar eine Nachahmung des Ordens der fratricellorum Beghardorum, die nur den, in dessen Händen ein Kind umkam, zum Papst ernannten83 – er könne zwar über den Reichsmarktflecken Kuhschnappel nicht so lange, sondern 14 Tage kürzer regieren, wie der König in Preußen[257] über das Reichsstift Elten, der darüber jährlich 15 Tage herrsche – er habe zwar eine Krone mit Einkünften, die sehr herabgesetzt und in Wahrheit um die Hälfte beschnitten wären, und gleiche zu sehr dem großen Mogul, der sonst jährlich 226 Millionen einnahm und jetzo nur das Einhundertunddreizehntel davon – aber bei seiner Krönung sei doch statt aller schlimmen Gefangnen ein einziger guter losgelassen worden, er selber – und er sei wie Peter II. von Aragonien mit nichts Schlechterem gekrönt worden als mit Brot84 – unter seiner ephemerischen Regierung sei niemand geköpft, bestohlen oder totgeschlagen worden, und was ihn am meisten freue, er stelle einen Fürsten der alten Deutschen vor, der freie Leute beherrschte, verteidigte und vermehrte und selber darunter gehörte etc.

Die Kehlen in diesem königlichen Appartement wurden gegen Abend hin immer lauter und trockner – die Rauchfänge am Munde, die Pfeifen, machten die Stube zu einem Wolkenhimmel und die Köpfe zu Freudenhimmeln – draußen lag die Herbstsonne mit geflammten warmen Flügeln auf der nackten kalten Erde, um den Frühling eher auszubrüten – die Gäste hatten die Quinterne, nämlich die 5 Treffer der 5 Sinne, aus den 90 Nummern oder 90 Jahren des Lebenslotto gezogen – jedes darbende Auge funkelte, und in Firmians Seele trieben die Knospen der Freude alle ihre Häute auseinander und schwollen blühend heraus – – Die tiefe Freude führt allezeit die Liebe an ihrer Hand, und Firmian sehnte sich heute unaussprechlich mit seinem freudetrunkenen schweren Herzen an Lenetten ihres, um an ihrer Brust alles zu vergessen, was ihm mangelte, oder auch ihr.

Alle diese Umstände wehten ihm einen sonderbaren Einfall in den Kopf. Er wollte nämlich das verpfändete seidene Blumenwerk heute auslösen und es draußen in irgendeine schwarze Stätte pflanzen, an die er Lenetten noch abends – und wär' es in der Nacht – scherzend führen wollte, um sie in ein schönes frohes Erstaunen über solche Blüten zu setzen. Er schlich sich[258] auf den Weg zum Leihhaus; aber – da jeder Entschluß anfangs mit einem winzigen Funken in uns anfängt und mit breiten Blitzen beschließet – so besserte er unterwegs den Vorsatz der Auslösung in den ganz andern um, sich wabre natürliche Blumen zu erhandeln und diese als ein Ziel in den nächtlichen Spazierweg einzustecken. Weiße und rote Rosen konnt' er aus dem Treibhause eines Hofgärtners des Fürsten von Öttingen-Spielberg, der erst in den Ort gezogen war, leicht bekommen. Er ging um die mit Blüten verhangnen steilrechten Glasdächer herum und zum Gärtner und – erhielt, was er wollte, bloß keine Vergißmeinnicht, die der Mann natürlich den Wiesen überlassen hatte. Und Vergißmeinnicht waren zur Ründe der liebevollen Illusion unentbehrlich. Er ging daher mit dem authentischen Herbstflor zur Taxatrizin, in deren Händen seine Seidenpflanzen waren, um die toten tauben Kokons-Vergißmeinnicht in lebende Rosen einzubinden. Als er hinkam und die Frau darum anging: vernahm er staunend, in seinem Namen habe das Pfand schon der Hr. v. Meyern eingelöset und mitgenommen und ein so großes Pfandgeld dagelassen, daß sie sich bei dem Advokaten noch heute bedankte. Es gehörte der ganze Widerstand eines mit Liebe gestärkten Herzens dazu, daß er dem Venner nicht noch heute mit einem Sturm über den krieglistigen Pfandraub ins Haus lief, weil er kaum den – freilich irrigen und nur durch Lenettens Verschweigen der Übergabe erzeugten – Gedanken aushalten konnte, daß zwischen Rosas diebischen Ringfingern das schöne Pfand seiner reinen Liebe blühe. Auch die schuldlose Betrogne, die Taxatrizin, wäre anzufahren gewesen an einem andern, nicht so lieb- und freudevollen Tage; aber Firmian fluchte bloß im allgemeinen, um so mehr, da die höfliche Frau ihm auf sein Bitten fremde Seidenvergißmeinnicht zuzuführen hatte. – Auf der Gasse war er mit sich über die Pflanzstatt der Blumen streitig; er wünschte, er hätte in der Nähe ein frisch aufgeackertes Beet mit Modererde vor sich, deren dunkler Grund das Blumenrot und Blumenblau erhöhe. Endlich sah er ein Feld, das im Winter und Sommer und in der größten Kälte zu Beeten aufgerissen wird – den Gottesacker, der nebst seiner[259] Kirche außerhalb des Orts von einem Hügel wie ein Weinberg herabhing. Er schlich oben durch ein Hintertor hinein und sah einen frisch aufgeworfnen Grenzhügel des beschlossenen Lebens; er war gleichsam vor die Triumphpforte gewälzt, durch die eine Mutter mit ihrem neugebornen Kinde auf dem Arm in die hellere Welt gegangen war. Auf diese Bahre aus Erde steckt' er die Blumen wie einen Totenkranz und ging nach Haus.

Man hatt' ihn kaum in der glücklichen Gesellschaft vermisset, die in ihrem mit fremden Bestandteilen gefüllten Elemente wie betäubte Fische schwamm, gleichsam gelähmt vom Gifte der Lust; Stiefel blieb vernünftig und sprach mit der Frau. Es ist der Welt schon aus dem ersten Teile bekannt – und den Leuten im Hause sonst –, daß Firmian gern aus seiner Gesellschaft weglief, um sich mit größerer Lust wieder in sie zu werfen, und daß er sein Vergnügen unterbrach, um es zu schmecken, wie Montaigne sich aus dem Schlafe wecken ließ, um ihn zu empfinden; er sagte also bloß, er sei nur draußen gewesen.

Endlich verliefen die lautesten Wellen, und es blieb nichts in der Ebbe zurück als drei Perlenmuscheln, unsere drei Freunde. Firmian blickte die glänzenden Augen Lenettens mit zärtlichen an, denn er liebte sie darum mehr, weil er ihr – eine Freude aufhob. Stiefel wurde von einer so reinen und tugendhaften Liebe ausgewärmt, daß er sie ohne groben logischen Verstoß für wahre Mitfreude erklären konnte, besonders da seine Liebe für die Frau der Liebe für den Mann nicht Fesseln, sondern Flügel anlegte. Der Schulrat war bloß auf der umgekehrten Seite in Angst, ob er seine Freude und Liebe auch feurig genug ausbrechen lasse; er drückte daher die Hände der Eheleute mehrmal und zwischen seine beiden gelegt – er sagte, er merke sonst wenig auf Schönheit, aber heute hab' ers mit Absicht getan, weil der Armenadvokatin die ihrige so gut gestanden unter den Arbeiten und besonders unter so vielen gemeinen Weibern, die er deshalb auch gar nicht einmal angeblickt – er versicherte dem Advokaten, er seh' es ordentlich für eine vermehrte Freundschaft gegen ihn selber an, was er Liebes für die brave Frau tue, und dieser versprach er, seine Zuneigung, die er ihr schon in der[260] Kutsche auf dem Wege von Augsburg durch seine Reden bewiesen, desto mehr zu verstärken, je mehr sie seinen Freund und dadurch ihn selber liebhabe.

In diesen Freudenbecher Lenettens warf Firmian natürlicherweise keine Kelchvergiftung durch die in seinen Augen neue Nachricht, daß der Venner die seidnen Blumen erobert habe: er war heute so froh, die kleine Spielkrone hatte alle blutige Öffnungen seines Kopfes, von dem er die Dornenkrone ein wenig abgehoben, so weich zugedeckt und gestillt, wie Alexanders Diadem den blutenden Kopf des Lysimachus, daß er nichts wünschte, als die Nacht wäre so lange wie eine Polarnacht, weil sie ebenso heiter war. In solchen Augenblicken sind allen unsern Schmerzen die Giftzähne ausgebrochen, und allen Schlangen der Seele hat ein Paulus, wie denen auf Malta, die Zungen versteinert.

Als Stiefel fortwollte, hielt er ihn nicht, drang aber darauf, daß er sich von beiden begleiten ließe, nicht bis an ihre Türe, sondern an seine. Sie gingen. Der aufgedeckte Himmel mit der Gassenbeleuchtung der Stadt Gottes durch Lampen aus Sonnen zog sie aus den engen Kreuzgängen des Marktfleckens in den ausgedehnten Schauplatz der Nacht hinaus, wo man gleichsam das Himmelblau atmet und die Ostwinde trinkt. Jedes Stubenfest sollte man schließen und heiligen mit dem Kirchgang in den kühlen weiten Tempel, auf dessen Kirchengewölbe die Sternen-Musaik das ausgebreitete Heiligenbild des Allerheiligsten zusammensetzt. Sie schweiften umher, von vorauseilenden Frühlingwinden, die den Schnee von den Bergen spülen, erfrischet und gehoben; die ganze Natur gab das Versprechen eines milden Winters, der die Hausarmen ohne Holz sanft über das finsterste Viertel des Jahrs hinüberführt und den nur der Begüterte verwünscht, weil er bloß den Schlitten und keinen Schnee bestellen kann.

Die zwei Männer führten Gespräche, die der erhabnen Gestalt der Nacht gehörten; Lenette sagte nichts. Firmian bemerkte: »Wie nahe und wie klein liegen jetzt die jämmerlichen Austerbänke, die Dörfer, nebeneinander; wenn wir von einem Dorf[261] zum andern reisen, so kömmt uns der Steig so lang wie einer Milbe der ihrige vor, wenn sie sich auf der Landkarte vom Namen des einen Dorfs zu dem des andern wälzt. Und höhern Geistern mag wohl unsere Erdkugel ein Erdball für ihre Kinder sein, den der Hofmeister dreht und erklärt.« »Aber es kann«, sagte Stiefel, »ja noch kleinere Erden als unsere geben, und überhaupt muß etwas an unserer sein, da der Herr Christus für sie gestorben ist.« – Das drang wie warmes Blut in Lenettens Herz. Firmian sagte bloß: »Für die Erde und die Menschen sind schon mehre Erlöser als einer gestorben – und ich bin überzeugt, Christus nimmt einmal mehre fromme Menschen bei der Hand und sagt: ›ihr habt auch unter Pilatussen gelitten‹. Ja mancher Schein-Pilatus ist wohl gar ein Messias.« Lenette besorgte heimlich, ihr Mann sei ein Atheist, wenigstens ein Philosoph. Er führte beide in Schlangen- und Schraubengängen dem Kirchhof zu. Aber auf einmal wurden seine Augen feucht, als wenn er durch einen tiefen Nebel ginge, da er an das überblümte Grab der Mutter und mithin an seine Lenette dachte, die keine Hoffnung gab, eine zu werden. Er suchte die Wehmut sich mit philosophischen Bemerkungen aus der Brust zu schaffen; daher sagt' er: Die Menschen und die Uhren stocken, solange sie aufgezogen werden für einen neuen langen Tag, und er glaube, der dunkle Zwischenraum, womit der Schlaf und der Tod unsere Zustände abteile und absondere, wende das zu große wachsende Leuchten einer Idee, das Brennen nie gekühlter Wünsche und sogar das Zusammenfließen von Ideen ab, so wie die Planetensysteme durch düstere Wüsten, und die Sonnensysteme durch noch größere auseinander gehalten werden. Der menschliche Geist könne den unendlichen Strom von Kenntnissen, der durch die ewige Dauer rinnt, nicht fassen, wenn er ihn nicht in Absätzen und Zwischenräumen trinke – den ewigen Tag, der unsern Geist blenden würde, zerlegen Johannisnächte, die wir bald Schlaf, bald Tod nennen, in Tagzeiten und fassen seinen Mittag in Morgen und Abend ein.

Lenette wäre aus Furchtsamkeit lieber hinter der Gottesackermauer weggelaufen; sie wurd' aber hineingeführt. Firmian[262] nahm mit der in sich geschmiegten Frau einen Umweg zum Strauß. Er warf die schmalen klaffenden knarrenden Messing-Türchen zu, die den frommen Vers und den kurzen Lebenslauf bedeckten. Sie kamen zu den der Kirche nähern vornehmen Gräbern, die wie ein Wassergraben um diese Festung liefen. Hier traten lauter steilrechte Grabmäler auf die stillen Mumien, und weiter hinauf oben ruhten nur liegende Falltüren auf liegenden Menschen. Er brachte einen knöchernen, im Freien schlafenden Kopf ins Rollen und hob mit beiden Händen – Lenette mocht' ihn immerhin bitten, sich nicht zu verunreinigen – diese letzte Kapsel eines vielgehäusigen Geistes auf und sah in die leeren Fensteröffnungen des zerstörten Lustschlosses und sagte: »Um Mitternacht sollte man sich auf die Kanzel drinnen stellen und diese skalpierte Maske des Ich auf das Kanzelpult statt der Sanduhr und Bibel legen und darüber predigen vor den andern noch in ihre Häute eingepackten Köpfen. Wenns die Leute nur tun wollten, so sollten sie meinen Kopf nach meinem Ableben schinden und in die Kirche, wie einen Heringkopf, an einem Seil, wie den Taufengel, aufhenken, damit die törichten Seelen einmal zu hinauf– und einmal hinabsähen, weil wir hängen und schweben zwischen dem Himmel und dem Grabe. In unsern Köpfen, Herr Rat, sitzt noch der Haselnußwurm; aber aus diesem Kopfe ist er schon verwandelt ausgeflogen, denn er hat Löcher und einen gepulverten Kern85

Lenette erschrak über diese gottlose Lustigkeit so nahe neben Gespenstern; aber sie war nur eine verkleidete Erhebung. Auf einmal lispelte sie: »Dort schauet etwas über das Dach des Beinhauses herunter und richtet sich auf.« Der Abendwind trug bloß eine Wolke höher, und sie ruhte in Gestalt einer Bahre auf dem Dach, und eine Hand streckte sich aus ihr heraus, und ein zunächst an der Wolke blinkender Stern schien gleichsam auf die in die Nebelbahre gelegte Gestalt über der Stelle des Herzens als eine schmückende weiße Blüte gesteckt.

»Es ist nichts«, sagte Firmian, »wie eine Wolke. Wir wollen[263] aufs Haus losgehen: so wird sie sich verstecken.« So hatt' er den schönsten Vorwand, ihr das blühende Miniatur-Eden auf dem Grabe einzuhändigen. Sie war kaum zwanzig Schritte hinaufwärts geschleppet, so wurde die Bahre vom Hause verbauet. »Was blüht denn da?« sagte der Rat. »Ei!« rief Firmian, »wahrhaftig, weiß- und rote Rosen und Vergißmeinnicht, Frau!« Sie blickte zitternd, zweifelnd, forschend auf diese mit einem Strauße bestreuete Ruhebank des Herzens, auf den Altar, unter dem das Opfer liegt. »Es ist schon gut, Firmian,« sagte sie, »ich kann nichts dafür, aber du hättest es nicht tun sollen – willst du mich denn immerfort quälen?« Sie fing an zu weinen und drückte die strömenden Augen auf Stiefels Arm. –

Denn sie, die in nichts so fein war als im Argwohn, hatte geglaubt, es sei der seidne Strauß aus ihrer Kommode, und der Mann wisse um die Schenkung von Rosa und habe mit der Pflanzung der Blumen auf das Grab einer Kindbetterin entweder ihre Kinderlosigkeit oder sonst sie selber zum Gespött. Er mußte ebenso verwirrt als verwirrend werden bei den gegenseitigen Irrtümern; er mußte fremde bestreiten und eigne ablegen; denn nun vernahm er erst von Lenetten, daß Rosa ihr die ausgelösten Seidenblumen längst eingehändigt. An der grünen Distel des Mißtrauens in ihre Liebe schlugen jetzt einige Blüten aus; denn nichts tut weher, als wenn eine geliebte Person uns zum ersten Male etwas verbirgt, und wär' es eine Kleinigkeit. Der Advokat war sehr mißmutig über das Verbittern der Rührung, worein er sich und andere zu bringen gedacht. Seine an sich schon zu künstliche welsche Blumensaat hatte der böse Feind des Zufalls durch Einstreuen welschen Unkrauts aus Bosheit und zur Strafe noch krauser verkünstelt und verkröpft; und man hüte sich daher, den Zufall zum Dienste des Herzens zu mieten.

Der verlegne Rat tat die Verlegenheit seines Urteils durch einige warme Flüche über den Venner kund; er wollte letzlich einen Friedenkongreß zwischen den sinnenden Eheleuten eröffnen und riet Lenetten an, dem Mann die Hand zu geben und sich auszusöhnen. – Aber dazu brachte sie nichts; nach langem Zaudern bekannte sie: sie wolle schon; aber nur, wenn er die Hände[264] gewaschen hätte. Die ihrigen fuhren aus Ekel krampfhaft zurück vor zweien Handhaben eines Totenkopfs. –

Der Schulrat nahm beiden Menschen die Sturmfahne ab und hielt eine Friedenpredigt, die warm aus dem Herzen kam – er stellt' ihnen den Ort vor, wo sie wären, unter lauter Menschen, die schon gerichtet wären, und neben den Engeln, die an den Gräbern der Frommen Wache ständen – er führte an, die zu ihren Füßen verwesende Mutter mit dem Säugling im Arm, deren ältestem Sohn er nach Schellers Prinzipien das Lateinische beibringe, mahne sie gleichsam an, bei ihrem friedlichen Hügel nicht über Blumen zu hadern, sondern sie davon als Ölzweige des Friedens zu nehmen.... Sein theologisches Weihwasser sog Lenettes Herz durstiger ein als das reine philosophische Alpenwasser Firmians, und des letzten erhebende Gedanken über den Tod schossen über ihre Seele ohne Eingang hinweg. – Die Versöhnopfer wurden gebracht und die gegenseitigen Ablaßbriefe ausgewechselt; indessen nimmt ein solcher Friede, den ein Dritter zwischen zweien schließet, immer ein wenig die Natur eines Waffenstillstandes an. – Seltsam genug erwachten beide am Morgen mit Tränen in den Augen, konnten aber durchaus nicht angehen, von welchen Träumen die Tropfen zurückgeblieben, ob von freudigen oder von trüben

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Etudes de la nature, T. III. p. 220. Der Verfasser, ein Schüler Rousseaus, ist für Freunde Rousseaus.

81

Die Haarkräuslerin, die Schusterin, die Buchfinderin: denn die alte Sabel selber, das Erbamt bei der königlichen Tafel verwaltend, bring' ich nicht in Anschlag.

82

Griechen und Römer hatten bekanntlich bei Gastmahlen einen Zeremonienmeister oder Speise-Gonfaloniere, dessen Regierung so lange dauerte als das Essen.

83

Wolf Memorab. Cent. XIII. p. 540. Es ist freilich nur Verleumdung; aber in den finstern Zeiten griff man mehr die Handlungen und jetzo mehr die Lehrsätze der Ketzer an, weil jetzo Rechtglaubige und Andersglaubige doch wenigstens – im Handeln übereinkommen.

84

Diese Krönung des Peters mit ungesäuertem Brot (s. Jägers Historische Tabell.) ist wie die jetzigen mit den Kaufmitteln des Brots nichts als eine rhetorische Figur, die pars pro toto heißet.

85

zwei Löcher an einer Haselnuß deuten an, daß der Käfer, der darin als Würmchen den Kern zernagte, verpuppet ausgekrochen ist.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 249-266.
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