Erste Nacht in Flätz

[51] Gleichwohl nahm mir der Wein die Besonnenheit nicht, vor dem Bette-Gehen unter das Bette zu sehen, ob jemand darunter lauere, z.B. die Hure, der Zwerg oder der Legations-Rat, ferner den Schlüssel unter den Tür-Drücker (die beste Sperr-Ordnung unter allen) zu schieben, dann zum Überflusse meine Nacht-Schraube in die Türe einzubohren und endlich davor noch die Sessel übereinander zu bauen und Beinkleider und Schuhe anzubehalten, weil ich durchaus nichts besorgen wollte.

Ich hatte aber noch andere Sachen des Nachtwandels wegen abzutun. Mir wars überhaupt von jeher unbegreiflich, wie so viele Menschen zu Bette gehen und darin gesetzt liegen können, ohne zu bedenken, daß sie vielleicht im ersten Schlafe sich aufmachen als Nachtwandler und auf Dächer hinauskriechen und irgendwo erwachen, wo sie den Hals brechen und den Rest. Ja es wäre mir schon Gefahr genug, wenn ein unbescholtner Mann, ein Feldprediger, im eigenen Bette einschliefe und etwa auf den Seidenpolstern im Schlafgemache der vornehmsten Dame in der Stadt aufwachte, von der er vielleicht sein Glück erwartet. Bin ich zu Hause: so wag' ich wenig mit Schlaf; – weil ich, da meine rechte Fußzehe jede Nacht mit einem drei Ellen langen Wickelbande (ich nenn' es scherzend unser eheliches Band) an die linke Hand meiner Frau angeschlungen wird, die Gewißheit habe, daß ich, falls ich aus dem Bett-Arrest herausginge, mit dem Sperrstrick sie wecken und ich folglich von ihr als meinem lebendigen Zaun an der Nachtschnur wieder ins Bett würde zurückgezogen werden. Im Gasthof aber konnt' ich nichts tun, als mich einige Male an den Bettfuß schnüren, um nicht zu wandern; obgleich alsdann einbrechende Spitzbuben neue Not mitbringen konnten. Ach, so gefährlich ist alles Schlafen, daß leider jeder, der nicht auf dem Rücken wie ein Leichnam daliegt, besorgen muß, mit dem Ganzen schlafe auch ein oder das andere Gliedmaß, ein Fuß, ein[51] Arm, ein; und dann kann das entschlummerte Glied – da es in der medizinischen Geschichte gar nicht daran an Exempeln fehlt – am Morgen zum Amputieren gereift daliegen. Deshalb lass' ich mich häufig wecken, damit nichts einschläft.

Als ich an den Bettpfosten gut angebunden und endlich unter die Bettdecke gekommen war: wurde ich wegen meiner Pontaks Feuertaufe aufs neue bedenklich und furchtsam vor meinen zu erwartenden Kraft- und Sturm-Träumen – welche leider nachher auch nichts Besseres wurden als Helden- und Potentaten-Taten, Festungs-Stürme, Felsen-Würfe –; noch aber seh' ich wenig diesen Punkt ärztlich beherzigt. Medizinalräte und ihre Kunden strecken sich alle ruhig in ihren Betten aus, ohne daß nur einer von ihnen befürchtet oder untersucht, ob ihm ein wütiger Zorn (zumal wenn er schnell darauf kalt säuft im Traum) oder ein herzzerreißender Harm, was er alles in den Träumen erleben kann, am Leben schade oder nicht. Wär' ich, ich bekenn' es, eine Frau und mithin weiblich-furchtsam, zumal in guter Hoffnung, ich würd' in letzterer über die Frucht meines Schoßes in Verzweiflung sein, wenn ich schliefe und folglich im Traum alle die von medizinischen Polizeien verbotenen Ungeheuer, wilden Bestien, Mißgeburten und dergleichen zu Gesicht bekäme, wovon eine ausreicht (sobald die bestätigte Lehre des Versehens wahr bleibt), daß ich Kreißende mit einem elenden Kinde niederkäme, das ganz aussähe wie ein Hase und voll Hasenscharten dazu oder das eine Löwenmähne hinten hätte oder Teufelsklauen an den Händen oder was sonst noch Mißgeburten an sich haben. Vielleicht wurden manche Mißgeburten von solchem Versehen in Träumen gezeugt.

Nachts kurz vor 12 Uhr erwacht' ich aus einem schweren Traum, um eine für meine Phantasie zu geisterhafte Geistergeschichte zu erleben. Mein Schwager, der sie mir eingebrockt,[52] verdient für seine ungesalzene Kocherei, daß ich ihn euch als den Braumeister des schalen Gebräudes ohne Schonen nenne. Wäre Argwohn mit Unerschrockenheit verträglicher: so hätte ich vielleicht schon aus seinem Sittenspruche über dergleichen unterwegs so wie aus dem Fortbehalten seines Nebenzimmers, an dessen Mitteltüre mein Lager stand, leicht alles geschlossen. Mir war nämlich, als würd' ich angeblasen von einem kalten Geister-Atem, den ich auf keine Weise aus den entfernten und versperrten Fenstern herzuleiten vermochte; – worin ichs denn auch traf, denn der Schwager hatt' ihn aus einem Blasebalg durchs Schlüsselloch eingeschickt. Alles Kalte bringt in der Nacht auf Todes- und Geister-Kälte. Ich ermannte mich aber und harrte – nun fing gar das Deckbette an, sich in Bewegung zu setzen – ich zog es an mich – es wollte wieder weiter – behend setz' ich mich plötzlich im Bette auf und rufe: »Was ist das« – Keine Antwort, überall Stille im Gasthof – das ganze Zimmer voll Mondschein – Jetzt hob sich mein Zugpflaster, das Deckbette, gar empor und luftete mich, wobei mir war wie einem, von dem man ein Pflaster schnell abhebt. Nun tat ich den Rittersprung aus dem Teufels-Torus und zersprengte springend mein Nachtwandlers-Leitseil. »Wo ist der dumme Menschen-Narr,« rief ich, »der die erhabne unsichtbare Geister-Welt nachäfft, die ihm ja auf der Stelle erscheinen kann?« Aber an, über, unter dem Bette war nichts zu hören und zu sehen. Ich schauete zum Fenster hinaus; überall geisterhaftes Mondlicht und Straßenstille, und nichts bewegte sich als (wahrscheinlich vom Winde) auf dem fernen Galgenberg ein Neu-Gehenkter.

Jeder andere hätt' es so gut für Selbsttäuschung gehalten als ich; daher wickelte ich mich wieder in mein passives lit de justice und Luftbett ein, darin erwartend, inwiefern ich an Erschrecken erkalten sollte oder nicht.

Nach einigen Minuten fing das Deckbette, der teuflische Fausts-Mantel,[53] sein Fliegen und Schiffs-Ziehen (ich allein war der Verurteilte) wieder an, der Abwechslung wegen hob auch wieder der unsichtbare Bettaufhelfer empor. Verfluchte Stunde! – Ich möchte wissen, ob es im ganzen gebildeten Europa einen gebildeten oder ungebildeten Menschen gäbe, der bei so etwas nicht auf Geister-Teufeleien verfallen wäre; – ich verfiel darauf unter der (sich selber) fahrenden Habe des Deckbettes und dachte, Berga sei Todes verfahren und fasse nun noch geistig mein Bette. Dennoch konnt' ich sie nicht anreden, so wenig als den Teufel, der hier einspielen konnte, sondern ich wandte mich bloß an Gott und betete laut: »Dir übergeb' ich mich ganz, Du allein sorgtest ja bisher für mich schwachen Knecht – und ich schwöre, daß ich anders werde.« – Ein Versprechen, das dennoch von mir soll gehalten werden, so sehr auch alles nur dummer Lug und Trug gewesen.

Mein Gebet verfing nichts bei dem unchristlichen Dragoner, der mich einmal im Zuggarn des Deckbettes gefangen hielt – unbekümmert, ob er ein Gastbette zum Parade- und Totenbette mache oder nicht – er spann meine Nerven wie Golddraht durch engere Löcher hindurch immer dünner bis zum Verschwenden und Verschwinden, denn das Bette marschierte endlich gar herab bis an die Mitteltüre. –

Jetzt war es Zeit, ohne Umstände erhaben zu werden und mich um nichts mehr hienieden zu scheren, sondern mich dem Tode schlicht zu widmen: »Rafft mich nur weg,« (rief ich und schlug unbedenklich drei Kreuze), »macht mich nur schnell nieder, ihr Geister; ich sterbe doch unschuldiger als tausend Tyrannen und Gottesleugner, denen ihr leider weniger erscheint als mir Unbefleckten.« Hier vernahm ich eine Art von Lachen, entweder auf der Gasse oder im Nebenzimmer; vor diesem warmen Menschenton blüht' ich plötzlich wie vor einem Frühling an allen Spitzen wieder auf. Ich verschmähte gänzlich die weggehaspelte Decke,[54] die jetzt von der Türe nicht mehr wegkonnte; ich legte mich unbedeckt, doch warm und schwitzend genug, bald in den Schlaf. Übrigens schäm' ich mich nicht im geringsten vor allen aufgeklärten Hauptstädten – und ständen sie vor mir –, daß ich durch meinen Teufels-Glauben und meine Teufels-Anrede einige Ähnlichkeit mit dem größten deutschen Löwen bekommen, mit Luther.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 51-55.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz
Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz.
Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz (Insel Bücherei)
Des Feldpredigers Schmelzle Reise nach Flätz

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der Weg ins Freie. Roman

Der Weg ins Freie. Roman

Schnitzlers erster Roman galt seinen Zeitgenossen als skandalöse Indiskretion über das Wiener Gesellschaftsleben. Die Geschichte des Baron Georg von Wergenthin und der aus kleinbürgerlichem Milieu stammenden Anna Rosner zeichnet ein differenziertes, beziehungsreich gespiegeltes Bild der Belle Époque. Der Weg ins Freie ist einerseits Georgs zielloser Wunsch nach Freiheit von Verantwortung gegenüber Anna und andererseits die Frage des gesellschaftlichen Aufbruchs in das 20. Jahrhundert.

286 Seiten, 12.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon