Dreißigster oder XXIII. Trinitatis-Sektor

[262] Souper und Viehglocken


Heut' arbeit' ich im Hemd wie ein Hammerschmied, so abscheulich lang und schwer ist der dreißigste Sektor. – Da Gustav von Oefel erfuhr, daß ein kleines Souper bei der Residentin so viel heiße wie bei uns das größte, so teilte er in seinem Kopf, eh' er es zieren half, Personen und Rollen aus, und sich die längste: – den einzigen Fehler beging er allemal, daß, wenn er endlich auf die[262] Bühne kam und spielen sollte, er nicht spielte. Eh' er in eine große Gesellschaft ging, wußt' er Wort für Wort, was er sagen wollte; kam er wieder heraus, so wußt' er (in der Kulisse) auch, was er hätte sagen sollen – aber gesagt hatt' er darin weiter nichts. Es kam nicht von Menschenfurcht; denn es war ihm fast leichter, etwas Kühnes als etwas Witziges zu sagen; sondern davon kams, daß er das Gegenteil einer Frau war. Eine Frau lebt mehr außer als in sich, ihre fühlende Schnecken-Seele legt sich fast außen um ihre bunte Körper-Konchylie an, sie zieht ihre Fühlfäden und Fühlhörner nie in sich zurück, sondern betastet damit jedes Lüftchen und krümmt sie um jedes Blättchen – mit drei Worten: das Gefühl, das der Arzt Stahl der Seele von der ganzen Beschaffenheit ihres Körpers zuschreibt, ist bei ihr so lebendig, da sie in einem fort fühlt, wie sie sitzt und steht, wie das leichteste Band aufliegt, welchen Zirkelbogen die gekrümmte Hutfeder beschreibt – mit zwei Worten: ihre Seele fühlt nicht nur den Tonus aller empfindlichen Teile des Körpers, sondern auch den der unempfindlichen, der Haare und der Kleider – mit einem Worte: ihre innere Welt ist nur ein Weltteil, ein Abdruck der äußern.

Bei Gustav aber nicht; seine innere Welt steht weit abgerissen neben der äußern, er kann von keiner in die andre, die äußere ist nur der Trabant und Nebenplanet der innern. Seiner Seele – in den Gehirn-Weltglobus, den der Hut bedeckt, eingesperret – verbauen die bunten eignen Gewächse, auf denen sie sich wiegt und vergisset, die Aussicht auf die Gegenstände jenseits ihres Körpers, die nur dünne Schatten auf ihre Gedanken-Auen werfen; sie sieht also die äußere Welt nur dann, wenn sie sich ihrer erinnert; dann ist diese in die innere versetzt und verwandelt. Kurz Gustav beobachtet nur das, was er denkt, nicht was er empfindet. Daher weiß er niemals seine Ideen und Worte mit den vorüberschießenden Ideen und Worten andrer Leute zu amalgamieren. Der Hofmann schraubt auf und zu, und die Kaskaden seines Witzes springen und schimmern – Gustav hingegen wirft erst den Eimer in den Ziehbrunnen und will darin den Trunk mit der Zeit herausdrücken. – Eine feinere Ursache geb' ich unten an.

Oefel rühmte ihm am Morgen dieses wichtigen Souper so viel[263] von Beaten vor, er würde heute ihr coeur so sehr im Gleichgewichte mit dem esprit der Residentin sehen, – daß er alles Sehen verwünschte und einen zweiten Grund bekam, sein schweres Herz ins stille Land zu tragen. Sein erster war: er schickte sich allemal zu einer großen Gesellschaft dadurch an, daß er vorher in die größte ging – unter den großen blauen Himmel. Hier unter kolossalischen Sternen, an der Brust der Unendlichkeit, lernt man sich erheben über metallene Sterne neben das Knopfloch genäht; von der Betrachtung der Erde bringt man Gedanken mit, durch die man die Erdstäubchen, die man Menschen nennt, kaum wirbeln sieht – und die farbigen Gold-Insekten, womit sich das Gewächsreich musivisch stickt, werden von der Gold- und Juwelenstickerei der Hofpracht nicht übertroffen, nur nachgeahmt. – Gegenwärtiger Verfasser stattete allemal dem großen Erd- und Himmelzirkel einen Besuch vor und einen nach dem Besuche ab, den er einem kleinern Cercle machte, damit der große die Eindrücke des kleinen verhütete und verlöschte.

Ich werde rot, wenn ich mir denke, wie unbehülflich sich mein Gustav durch zwei Vorzimmer in einen Salon mag haben führen lassen, wo wenigstens schon an sieben Spieltischen Streiter saßen. Feinheit der Denkart ist Anlage, Feinheit des Ausdrucks ist eine Frucht, wozu nicht gerade Hofgärtner nötig sind; aber Feinheit des äußern Anstands ist nirgends zu holen als da, wo sie alles gilt in der großen Welt voll Mikrokosmen. Sollt' ich von letzterer Feinheit mehr aufzuweisen haben, als man gewöhnlich bei meinem Advozier-Stand sucht: so bin ich nie so eitel, sie aus etwas anderem abzuleiten als aus meinem Leben am Scheerauer Hof. – Die Residentin (Beata ohnehin nicht) spielte selten, und mit Recht: eine Frau, die mit ihrem Gesichte andre Herzen gewinnen kann als lackierte auf der Karte und die den Männern einen andern Kopf nehmen kann als den auf Metalle gedrückten, tut übel, wenn sie sich mit dem Kleinern begnügt, sie müßte denn mit den schönsten Fingern taillieren und coupieren können, die ich noch in weiblichen Handschuhen und Ringen gesehen. Vor dem funfzigsten Jahre sollte keine spielen und nach ihm nur die, die der Mann und die Tochter verspielen sollte. – Hingegen der poetische Gladiator,[264] Herr von Oefel, diente unter der Armee, die (nach dem Modejournal) in jeder Winternacht 12000 Mann stark ist in den vordern deutschen Reichskreisen – nämlich mit und gegen L'hombre-Spieler. Die Residentin war eine brillante Sonne, der immer Beata als Abendstern nachzog. Sanfter holder Hesperus am Himmel! du wirfst deine Strahlen-Silberflitter auf unser Erden-Laub und schließest leise unser Herz für Reize auf, die so sanft wie deine sind! Alle Sommerabende, die mein Auge in Träumen und Erinnerungen auf deinen über mich erhöhten Unschuld-Auen verlebte, belohn' ich dir, versilberter schönster Tautropfe in der blauen Äther-Glockenblume des Himmels, indem ich dich zu einem Bilde der schönen Beata mache! – O könnt' ich doch ihre Heiligengestalt aus meinem Herzen heben und hieher auf meine Blätter legen, damit es der Leser sähe, nicht bloß begriffe, wie von der junonischen Bouse, aus der alle weibliche Reize brechen, selber seltene Uneigennützigkeit, doch aber Unschuld und weibliche bescheidne Zurückgezogenheit nicht, wie von ihr alle diese hölzernen Strahlen abfallen, wenn sich neben ihr mehr verhüllt als zeigt Beata, welche über die heftigsten weiblichen Wünsche den innern Sieg erhält und doch weder Sieg noch Kampf verrät – die, ohne Bousens Trauer-Hülse und Trauerspielen, ein erweichtes Herz dir gibt und deinen Blick unwiderstehlich beherrschet – und mit der du im Mondschein gehen kannst, ohne sie oder den Nachthimmel auf der Erde minder zu genießen! – Gustav fühlte noch mehr als ich; und ich fühle in meinen biographischen Stunden wieder mehr als sonst in meinen musikalischen. – –

Bei Gelegenheit! wenn sie essen: werd' ich auch die übrigen Gäste abfärben. Unter dem gesellschaftlichen Tumult, der sowohl Gustavs Sinnen als Ideen betäubte, fiel freilich nur Beatens halbes Sonnenbild in seine Seele. Aber nachher freilich! – Vorher aber lagen beide mit der Residentin unter dem Fensterbogen, die ironisch Gustaven vor Beaten entschuldigte, daß er heute nicht mit dem Pinsel gekommen – eine Menge zufälliger Zwischenredner zu geschweigen. Die Residentin wurde ihnen entrissen; die nahe und einsame Stellung nötigte beide zum Sprechen und Beaten zum Bleiben. Gustav, der schon vor der Assemblee im Kopfe[265] hatte, was er sagen wollte, sagte nichts. Aber Beata endigte das vorige Gespräch über das Abzeichnen und sagte: »Wenn Sie mich nicht schon entschuldigt haben, so kann ich mich nicht entschuldigen.« Ein andrer von mehr Wendung hätte geradezu Nein gesagt und so im Scherze, der keine Verlegenheit zuließ, die Fäden der Vogelspinne um das arme Kolibri herumgewunden. – Gustav hatte zu starke Gefühle, um hier zu scherzen. An einer Menge schwerer Materien, wovon euch alle Handhaben abbrechen, hält bloß die des Scherzes fest, und ihr könnt sie damit regieren; besonders wenn ihr mit Mädchen unter Fensterbögen sprecht.

Gustav suchte längst Gelegenheit, Beaten andre Teile seiner Seele zu zeigen, als damals in der Korn-Sache zum Vorschein gekommen; jetzo hätt' er die Gelegenheit, obwohl keine Mittel gehabt, wenn nicht der Park mit dem Abend-Schmuck sich vor das Fenster gelagert hätte. Aber Natur-Schönheit war die einzige Sache, worüber er mit andern Schönheiten begeisternd und begeistert sprechen konnte; – und er konnte am frischesten alle Weltreize in einen Morgen zusammendrängen, wenn er seinen Eintritt aus der Erde hinauf in das hohe Weltgebäude beschrieb. Auf jedes Wort und Bild, das er sagte, oder sie zurückgab, war eine Seele geprägt, die sie einander zugetrauet hatten. Plötzlich schwieg er mit weiten glänzenden Augen – ihm war, als gehe in seiner Seele ein Zauber-Mond auf und scheine über ein weites dämmerndes Land und ein Engel seiner Kindheit steh' im Blütenlande und nehm' ihn in seine Arme und drück' ihn so an sich, daß das Herz an ihm zerflösse .... Und worauf ruhte dieses innere Landschaftstück? – Worauf das berühmte Straßburger Uhrwerk ruht – auf einem Tierhals: dieses liegt nämlich auf einem Pegasus-Nacken; seines trugen die Hälse des zufällig vor dem Schlosse heimgehenden Weideviehs, an denen solche Glocken hingen, die denen der Herde Reginens ähnlich klangen und die mithin die ganze Jugendszene mit ihren Tönen wieder in seine Seele setzten .... In einer solchen Stimmung hätt' er in einer National-Versammlung geredet; auch machte der Tumult, der beide einfaßte, sie einsamer und vertraulicher: kurz er erzählte ihr mit Feuer und historischen Auslassungen seine Schäferei mit einem Lamm auf dem[266] Berg. – Dieses Schwärmen steckte sie (wie jedes alle Weiber) so sehr an, daß sie anfing – zu schweigen.

Die Not zwang beide, jetzt einen äußern Gegenstand (wie ein Schwert im fürstlichen Bett) zwischen ihre zusammenfließenden Seelen zu bringen – sie sahen auf die beiden Gärtners-Kinder unten hinab, und zwar so begierig, daß sie nichts sahen. Der Junge sagte: »Mich hat das Fräulein (Beata) so lieb« und streckte beide Arme auseinander – das Mädchen sagte: »Mich hat der Herr (Gustav) so groß lieb, wie das Schloß« – »und mich«, replizierte er, »so groß wie den Garten« – »und mich«, exzipierte das Mädchen, »so groß wie die ganze Welt.« Darüber konnten die Flügel des Jungen nicht hinaus, und hätten seine Schwanzfedern über den Katheder-Horst hinausgestochen. Jedes zählte dem andern die Liebepfänder, die es von den oben über gegenseitiges Lob erfreueten Zuhörern erhalten hatte, und sagte bei jedem Stück: »Hast du das g'kriegt?« –

Mit jenem hastigen Sprung der Kinder zu einem neuen Spiel sagte das Mädchen: »Jetzo mußt du der Herr (Gustav) sein; und ich will das Fräulein (Beata) sein. Jetzo will ich dich liebhaben, nachher mußt du mich.« Sie strich ihm sanft die Backen und dann die Augenbraunen und endlich die Arme und manipulierte den Herrn. »Jetzo mich!« sagte sie mit schnell herunterhängenden Armen. Der Junge warf seine Arme so eng um ihren Hals, daß die zwei Ellenbogen sich durchschnitten und schürzten und als überflüssige Bandschleifen über den Liebeknoten hinausragten; er küßte sie derb. Plötzlich fand ihre kritische Feile einen verdammten Anachronismus an diesem historischen Schauspiele, und sie sagte fragend: »Ja, der Herr und das Fräulein haben sich ja nicht lieb?« –

Das war zu viel für die Frontloge oben, die zugleich das Auditorium und das Original der kleinen Spieler war, und die Kopie derselben zu werden in Gefahr geriet. Gustav hielt das Augenlid gewaltsam offen, damit es das Wasser, worin sein Auge stand, zu keiner sichtbaren auf die Wange fallenden Träne vereinigte – und die gerührte Beata ließ, ohne oder mit Absicht, ihre Rose abgeknickt zu Boden zittern: er bückte sich nach ihr lange und ließ[267] seine Träne verborgen wegsinken; aber da er ihr die Rose gab und beide furchtsam die gesenkten Augen auf der Blume versteckten und hefteten und da sie ein herspringender Tropf unterbrach: so standen plötzlich ihre aufgeschlagnen Augen einander wie der aufgehende Vollmond der untergehenden Sonne gegenüber und sanken ineinander, und in einem Augenblick unaussprechlicher Zärtlichkeit sahen ihre Seelen, daß sie einander – suchten.

Der springende Tropf war Oefel, der Beatens Arm haben wollte, sie in den Speisesaal zu führen. Jetzt, Leser, trag' ich dir statt lebendiger Rosen (wie unser Seelen-Paar ist) lauter in Butter gesottene Rosen auf. Sechs- oder siebenundzwanzig Gedecke, glaub' ich, waren. Ich will hier statt eines Küchenzettels einen Passagierzettel der Gäste verfertigen. Erstlich waren am Tische und im Schlosse zwei keusche Menschen – Beata und Gustav; welches ein Beweis ist, daß schöne Seelen an allen Orten wachsen, sogar an den höchsten: so ließ der Kaiser Joseph jährlich einige Nachtigallen in den Augarten werfen, damit man da was hörte.

Nro. 2 war der Fürst, der in seinem kurzen Leben mehr Weiber in der Nähe gesehen als der Ochs Apis, dessen Leben doch so lang war wie das ägyptische Alphabet. Er war an dieser Tafel, was er auf seinen Reisen an mancher table d'hôte nicht zu sein vermochte, der Bruder Redner und der Hauptwind unter 63 andern Nebenwinden. Seine Krone hatten sämtliche Damen auf.

Nro. 3 war sein apanagierter Bruder, den der gekrönte haßte, nicht weil er zu viel Volkliebe hatte und verdiente, sondern weil er einmal todkrank war und nicht starb, sondern von der Apanage fortlebte. Das Gerippe dieses Bruders würde den Fürsten, wie ein jedes Gerippe Ägypter und Griechen, zu einem freudigern Genuß des Gastmahls überredet haben.

Nro. 4 war ein Michaelisritter aus Spaa (Herr v. D.), dessen Ordenstern in Scheerau noch Strahlen abschickte, nachdem er in Paris längst vernichtet war. So sagt Euler, daß ein Fixstern am Himmel noch wegen seiner Entfernung sein Schimmern fortsetzen kann, ob er gleich längst eingeäschert worden.

Nro. 5 war Cagliostro, der unter so vielen pointierenden Köpfen[268] das Schicksal der Ärzte und Gespenster und Advokaten hatte, daß seine öffentlichen Spötter zugleich seine geheimen Jünger und Klienten sind.

Nro. 6 war mein Gerichtherr von Röper, der, weil er mit dem Fürsten etwas zu sprechen hatte, dageblieben war. Er war der einzige im ganzen Eßkonvent, der zweierlei tat: erstlich daß er alle Weinsortiments des Bousischen Wein-Inventariums sich reichen ließ, um von allen Weingütern der Residentin denjenigen deutlichen oder doch klaren Begriff in seinen Magen zu bringen, worauf die ältern Logiken so sehr dringen – zweitens daß er einen so großen Wert auf das frikassierte, marinierte etc. Essen legte, als wenn ers gäbe und nicht bekäme, und immer höflicher und gebückter wurde, je satter und voller er wurde, gleich einer Wurst, die sich krümmt, wenn man sie füllet.

Nro. 7, 8, 9 waren zwei grobe Regierungräte ** und ein grober Kammerpräsident *, wovon die zwei ersten den ganzen Hof verachteten, weil er keine andern Pandekten im Kopfe hatte als literarische, und der dritte, weil er sich es ausmalte, wie viel Pensionen und Gagen der ganze Hof ohne die Kammer, d.h. ohne ihn wohl hätte, und sämtliche drei, weil sie glaubten, sie hielten den Thron, ob sie gleich nichts hätten tragen können als in Salomons Tempel das – eherne Meer.

Nro. 10 war die Residentin, die sich nach dem Tone eines jeden stimmte und doch durch ihren eignen sich von allen Weibern unterschied – gleich dem König Mithridates redete sie die Sprachen aller ihrer Untertanen.

Nro. 11, 12 war eine durchreisende Äbtissin und eine verwittibte Fürstin von **, die ihrem Stande gemäß einsilbig und hautain waren.

Nro. 13 war die Défaillante, deren größte Reize und Anziehkraft in den kleinen Füßen angebracht waren, wie in den zwei Füßen eines armierten Magneten. Der Kopf, ihr zweiter Pol, stieß ab, was der untere zog.

Nro. 00000 gehen mich nichts an; es waren alte, in den Schminksalpeter eingepökelte Damen-Gesichter, denen aus dem Schiffbruch ihres untergesunknen Lebens nichts geblieben war als ein[269] hartes Brett, auf dem sie noch sitzen und herumfahren, nämlich der Spieltisch.

Nro. 00000 gehen mich auch nichts an; es waren eine Garbe Hofdamen, verschnittene Spaliergewächse an den Tapeten, oder vielmehr Einfassunggewächse um fruchtbare Beete – sie hatten Witz, Schönheit, Geschmack und Betragen, und wenn man zur Flügeltür hinaus war, hatte mans schon wieder vergessen.

Nro. 0000 war eine Kompagnie Hofleute, mit roten und blauen Ordenbändern durchschnitten, welche an ihnen wie die rote und blaue Farbe des Spiritus in Thermometern stehen, damit man ihr Steigen besser sehen könne – die gleich dem Silber glänzten und alles, was sie berührten, schwarz machten – die keinen höhern und breitern Himmel sich denken konnten als den Thronhimmel und keinen größern Tag im Jahr als einen Courtag – die in ihrem Leben weder Väter waren, noch Kinder, noch Ehegatten, noch Brüder, sondern bloß Hofleute – die Verstand hatten ohne Grundsätze, Kenntnisse ohne Glauben daran, Leidenschaften ohne Kräfte, satirisches Gefühl der Torheiten ohne Haß derselben, Gefälligkeit ohne Liebe und Freimütigkeit zum Spaß – deren Echtheit man wie die des Smaragds daran prüft, daß sie wie er kalt bleiben, wenn man sie mit dem Munde erwärmen will – und die, die Wahrheit zu sagen, der Satan schildern mag und nicht ich ....

Oefel war zwischen Beata und die Ohnmächtige eingemauert; Gustav wars ihnen gegenüber zwischen zwei kleine witzige Dämchen: aber er vergaß die Nachbarschaft seiner Arme über die seiner Augen. Aus Oefels Gliedern schossen Witzfunken, als wenn ihn die Seide, die ihn umlag, elektrisieren hälfe. Die Ohnmächtige war ihrer Lehnherrschaft über ihn so gewiß, daß sie es für keinen Lehnfehler ansah, wenn ihr Lehnmann Beaten, seiner Teller-Nachbarin, die schönsten Dinge sagte; »Er wird sich« (dachte sie) »ärgern genug, daß er aus Höflichkeit nicht anders kann.« Dem Herrn von Oefel war am Ende nie um etwas anders zu tun als um den Herrn von Oefel; er lobte, nicht um seine Achtung, sondern um seinen Witz und Geschmack auszukramen; er unterdrückte weder Schmeicheleien noch Satiren, wenn sie gut und ungegründet waren; er tadelte die Weiber, weil er beweisen wollte, er erriete[270] sie, und weil er das für schwer hielt; und ich halte ihn für einen Narren.

Drei Bergbohrer setzte er gewöhnlich an einem Mädchenherzen an, um eine Lücke darein zu bringen, in die er das Schießpulver legte, womit er die vererzte Liebeader aus dem Mädchen hervorsprengen wollte. Seine erste Miniergrube, die er heute wie allemal im weiblichen Herzen lud, war bei Beaten, daß er mit ihr lange von ihrem Anzug sprach – es ist ihnen, behauptete er, einerlei, ob man von ihren Gliedern oder ihren Kleidern redet; aber ich behaupte, die Häßliche trägt ihren Anzug als ihre Frucht, die Kokette als die bloße Gartenleiter oder den Obstbrecher und die Gute als das Laub der Frucht. Beata trug ihn wie Eva als Laubwerk.

Zweitens stellte er um Beaten die Schlag- und Garnwände der Metaphern, um sie darin zu jagen – er behauptete, wie die Mädchen das singen, was sie nie sagen würden (gleich denen, die zu stammeln aufhören, wenn sie zu singen anfangen), so lassen sie in Bildern und Allegorien alle die Geständnisse ihres Innern aus sich winden, die man ihnen mit eigentlichen Worten nie abföchte, ob es gleich einerlei wäre – ich hingegen behaupte, diese taugen nichts und die, die so viel taugen als Beata, können nicht mit Worten gefangen werden, weil ihre Gedanken nie schlimmer sind als ihre Worte. Freilich aus einem Zimmer (oder Herzen), wo es innen brennt und raucht, lodert die Flamme aus der ersten Öffnung heraus, die du aufmachst.

Seine dritte Behauptung und List war, Männer fühlten den Wert des Einfachen und das Erhabene der Aufrichtigkeit und der geraden Versicherung »ich habe dich lieb«, aber Mädchen wollten tournure und Feinheit und Umschweife in diese Versicherung, die türkische Briefstellerei durch gewachsene Blumen wär' ihnen lieber als die mit poetischen, eine tätige Schmeichelei lieber als eine wörtliche – ich aber behaupte, daß er recht hat. Daher ließ er z.B. seine Repetieruhr vor der Ohnmächtigen allemal die Stunde ihres letzten Rendezvous repetieren, und er gefiel ihr unendlich; daher sah er eine allemal, wenns zu machen und zu merken war, schielend hinter dem Rücken im Spiegel an – daher steckt' er gegen Beaten voll Teufeleien, die ich fast alle nennen[271] sollte. Zwei nenn' ich auch. Er erinnerte sich erstlich, daß er sich zu vergessen und auf ihre Hand die seinige im Feuer des Redens zu legen habe; darauf stellt' er sich, als besänn' er sich, als nähm' er seiner Hand ein Lot ums andre in der Absicht, sie unvermerkt wegzuheben, sobald sie mehr nicht wöge als ein Fingerglied – »So handelt« (sagt' er zu sich) »feinere Delikatesse immer; und ich werd' es sehen, was sie verfängt.« Seine zweite Teufelei war, daß er in der Spiegelplatte, woran er saß, ihr Gesicht (seinem eignen gab er statt des Preises nur das Akzessit) anschielte und bewunderte, da er doch das Original näher hatte. Eine Schäferin von Porzellan trieb Schäfchen über den Spiegel: »Ich habe noch keine schönere Schäferin unter Glas gesehen«, sagt' er doppelsinnig; »aber ich ein schöneres Schaf«, sagte die Défaillante und meinte ihn.

Diese Spiegelplatte kam mit ihrer Schäferin, die über ein umblümtes Ufer in das gläserne Wasser sah, und mit ihrem Lamm und Schäfer fast dem Gustavischen Kindheitspiele nahe. Beatens Auge verlor sich unwillkürlich zwischen diese Blumen und nahm ihr Ohr mit sich, in welches der Legationrat vergeblich mit seinem krieglistigen Witze einzubrechen trachtete. Gustavs Augen suchten und mieden nur – Augen, nicht Szenen; aus dem gesellschaftlichen Gewühl, unter dem seine innern Flügel erlagen, konnt' er nur durch einen Springstab von außen in die Höhe. Denn die ausgenommen, die ihm ähnlich war, ritzten und beizten die andern alle, die es nicht waren, sein Inneres so sehr mit ihren Tischreden, daß er nie in größerer Beklemmung war als heute. Ich will das fliegende Tischgespräch, das die Tugend betraf, in Gedankenstrichen abgemarket hersetzen, weil mehre Köpfe daran sprachen, wie am Bauern-Tischgebet die ganze Familie antiphonierend betet.

»Man hat keine Tugend, sondern nur Tugenden – Die Weiber haben sie, die Männer bekriegen sie – Tugend ist nichts als eine ungewöhnliche Höflichkeit – Tugend ist un peu de pavillon joint à beaucoup de culasse1; mais le moyen de n'être que l'un ou que[272] l'autre? – Sie ist, wie die Schönheit, überall anders; die Köpfe sind hier spitz, dort breit; so ists mit den Herzen, die darunter sind – Schönheit und Tugend zanken und lieben sich wie ein Paar Schwestern, und doch geben sie einander ihren Putz (bezog sich) – Man denkt nie so gern an die Tugend, als wenn man die Rosenmädchen in Salency sieht – Sie wird auch an andern Orten gekrönt (bezog sich wieder) u.s.w.«

Kurz jeder Ton und Blick erwies nicht, sondern setzte es schon voraus, daß Tugend nichts wäre – als der Ökonomus des Magens, die Konviktoristin der Sinne, die Offiziantin und Tochter des Körpers. Der Liebe gings wie der Tugend. »Die Julie des Jean Jaques« (sagte einer) »ist wie tausend Julien oder wie Jean Jaques selber: sie beginnt mit Schwärmen, endigt mit Beten – aber das Fallen ist zwischen beiden.«

Niemand, als wer einmal in Gustavs Lage war, wer einmal das verheerende Bestürmen seiner tiefsten Überzeugung von der Möglichkeit und Göttlichkeit der Tugend in einem Kreise witziger und entscheidender Leute von Stande erlitt; wen unter solchen Erschütterungen, deren jede ein Riß in die Seele ist, sein eignes Unvermögen kränkte, solche Tugend- und Heiligen-Stürmer zu beschämen, geschweige zu bekehren; wen unter diesen Herodes-Beschimpfungen seiner Heilandin nicht einmal der Stolz aufrichtete, der zwar gern mit uns auf unserm besondern Zimmer isset, aber an der table d'hôte aus unserem Innern eilt – – bloß also wer in solchen Lagen keuchte, kann sich Gustavs Alpdrücken in der seinigen denken.

Selbst Beatens Angesicht, das die Partei der Tugend und der Liebe nahm, konnt' ihn nicht gegen jene persiflierenden Frostgesichter decken, aus denen, wie aus Gletscher-Spalten bei wechselnder Witterung, schneidende Winde bliesen und die das Herz zerphilosophierten und das Gefühl des eignen Werts zerrissen. In Gustavs Alter machen die Gustave zwei grundfalsche Schlüsse – sie suchen erstlich unter jeder tugendhaften Zunge ein tugendhaftes Herz, zweitens aber auch unter jeder schlimmen ein schlimmes.

Gustav würde wenig darnach gefragt haben, daß er nicht viel[273] antworten, geschweige fragen konnte, wären ihm nicht zwei Ohren gegenüber gesessen, die etwas Bessers wert waren, als was sie zu hören bekamen. Er glitschte allemal neben der rechten Taste hinaus und griff Konsonanzen, wo Dissonanzen in der Partitur geschrieben standen, und umgekehrt. Bald erstaunte er über die fremden freimütigen Lizenzen, bald erstaunten seine Nachbarn über seine; und Witz wär' ihm leichter gewesen, als einen Ton zu treffen, der ihm bald zu kühn, bald zu feig vorkam. – Das wars aber nicht eigentlich: sondern sein wichtiger Fehler, der wie ein Fußblock seine Füße hielt, war,

daß er logisch richtig dachte. –

Den Fehler haben viele; und ich selber mußte mich viele Vormittage üben und mit der Seele voltigieren, eh' ich einigermaßen unzusammenhängend und hüpfend denken konnte nur wie ein halber Narr. Ich hätt' es am Ende doch zu nichts gebracht, wenn ich mich nicht zu Weibern in die Schule und auf die Schulbank gesetzet hätte. Diese denken weit weniger logisch, und wer bei ihnen den guten Ton nicht erlernt, aus dem ist nichts zu machen – als ein deutscher Metaphysiker. Antworten sie wohl jemals Ja oder Nein, statt dessen, was nicht zur Sache gehöret? Drücken sie sich über das Wichtigste bedachtsam und mit prozessualischen Weitläuftigkeiten aus oder über das Frivolste frivol? Hören und üben sie Persiflieren ungern, oder legen sie – Ballköniginnen und Gouvernanten der bureaux d'esprit freilich ausgenommen – wohl je den geringsten Akzent, Accent und Wert auf ihre Tisch-, Nachttisch-, Spiegel- und andre Reden? Oder legen sie einen auf Wahrheiten? Zum Glück nimmt diese Feinheit des Tons, die das Fakultätsiegel und der Handwerkgruß der Weiber ist, mit der Feinheit der Stoffe zu, die eine umhat. Ein paar kleine deutsche Städte, etwa Unterscheerau u.a., müssen sich mir nicht entgegenwerfen, wo freilich die dasigen Weiber, die sich lieber Damen nennen hören, mit nichts Laute von sich geben als mit dem artikulierten Fächer und Schlepprock, den Insekten gleich, deren Stimme nicht aus dem Munde, sondern aus dem schwirrenden Flugwerk und Bauchtrommelfell hervorsauset.

Viele muten mir zu, diese Ähnlichkeit des weiblichen und des[274] Hoftons gar hinaus zu beweisen: ich habe ja die Feder in der Hand und brauche bloß einzutunken. Ein Sopranist im guten Ton (ich werde des Wohlklangs wegen »Hof- und guter Ton« abwechselnd gebrauchen) wird stets den Blitz der Wahrheit durch Pointen so zuzuleiten und zu entkräften wissen, wie den elektrischen durch Spitzen. Der wirkliche Sopranist schneidet aus dem ewigen Zirkel der Wahrheit bunte Segmente und Bogen aus, die auf nichts hängen und ruhen, wie die farbigen herausgeschnittenen Fragmente des Regenbogens. Er ists, von dem man fordert, daß er wie Spiegelquecksilber alles, was vor ihm vorüberrennt, fremde Charaktere und eigne Meinungen, abfärbend abschatte und alles Äußere zeige und alles Innere berge. Wird es für einen Weltmann genug sein – es reiche immer für einen Gelehrten zu –, wenn er ein Feld ist, das satirische Dornen umstecken, und müssen diese nicht vielmehr statt des Raines alle Furchen erfüllen und mehr die Frucht als der Zaun des Ackers sein? Und wer anders als er und die Schwefelleber – die sich aber nur auf Metalle einschränkt – muß alle Heilige und alle Teufel schwarz zu präzipitieren wissen? – Allein Leute, die so hohe Forderungen zu machen wagen, bedenken nicht immer, daß nur ein Latitudinarier und Indifferentist aller Wahrheiten sie befriedigen könne, d.h. ein Mann, der gänzlich sich über den Katheder-Eiländer erhebt, welcher vielleicht jahrelang die nämlichen Meinungen und Hosen behält. Nichts verengert den Tanzplatz des Witzes so sehr, als wenn eigne Meinungen und Wahrheitliebe darin als feste dicke Säulen stehen. – –

Dieses sind eben die Mittel, wodurch Weltleute sowohl andre als sich selber im feinsten lächerlichen Lichte darzustellen wissen. Der Hofmann kann allerdings den deutschen Komödienstellern vorwerfen, daß sie das attische Salz und das feine Komische, das er stets an seiner Person zu haben weiß, unter ihren Schwielen-Händen meistens verfliegen lassen. Er, der Hofmann, macht sich stets auf eine feine, nie niedrige Weise lächerlich und würzet mit einem echten hohen Komischen, das seinem hohen Stande anpaßt, seine Person leicht; aber er kann fragen: »Studieren mich die deutschen Tröpfe, oder salzet Terenz, den sie studieren, seine Charaktere so delikat wie ich meinen eigenen?« ...[275]

Ich denke, durch meine Verirrungen hab' ich den Umstand in meiner Geschichte zureichend motiviert, daß Gustav am Ende, weil er niederlag unter so schnell witzigen Damen und unter dem zu bescheidnen Gefühle fremder Talente und etwa, weil von ihm die Residentin durch ihre Gesellschaft und Beata durch ihren Herrn Vater abgezogen wurde – sich gar fortmachte. Aber draußen richtete sich unter dem kühlenden Nachttau die hängende Blume erfrischt wieder auf; im stillen Lande ging er vor dem viereckigen Schimmer, den die Wandleuchter ins Gras herunter warfen, ohne Sehnen vorüber und drehte sich rund umher, um alle Wände des weiten schwarzgemalten Ballhauses, wo das Schicksal den Sonnen-Ball in große und den Erdball in kleine Kreise wirft, ins Auge zu nehmen. Als er hier den großen Schattenriß des Tages, die Nacht, wie den einer weggegangnen Freundin, kühlend und tröstend an seinem Busen hatte: so dachte er, aber ohne Stolz: »O zu dir, große Natur, will ich allzeit kommen, wenn ich mich unter den Menschen betrübe; du bist meine älteste Freundin und meine treueste, und du sollst mich trösten, bis ich aus deinen Armen vor deine Füße falle und keinen Trost mehr brauche.« ....

»Können Sie mich nicht berichten, wo hier der junge Herr von Falkenberg logiert?« redete ein Nachtbote ihn an. Er überbrachte ihm einen Brief, den er eilig im Fixsternlicht der fernen Wandleuchter durchlief. Aber sie schienen heute lauter trübe Auftritte beleuchten zu sollen. Amandus hatte ihm darin auf dem Deckbette seines Krankenlagers so geschrieben:

1

Bekanntlich heißet an einer Doublette der in der Fassung versteckte Kiesel oder Bergkristall culasse, und der darauf blühende Demant pavillon.

Quelle:
Jean Paul: Die unsichtbare Loge, in: Jean Paul: Werke. Band 1, München 1970, S. 262-276.
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