Sechsunddreißigster oder II. Advent-Sektor

[322] Kegelschnitte aus vornehmen Körpern – Geburttag-Drama – Rendezvous (oder, wie Campe sich ausdrückt, Stell dich ein) im Spiegel


Auf dem Steindamm nach dem neuen Schlosse fürchtete Beata sich, in diesem ihren Gustav zu finden; im Schlosse selber wünschte sie das Gegenteil, sobald sie hörte, er sei in Ruhestatt. Ihre Mutter hatte ihr, indem sie mit ihr die Regimenter der Roben, Mäntel etc. teils reduzierte, teils überkomplett machte, so viel bewiesen, Beata werde von ihrer eignen Empfindung getäuscht und das Paradies ihrer unschuldigsten Liebe sei nach ihrer mütterlichen Empfindung blutschlecht und wirklich ein pontinischer Sumpf – die Blütenbäume darin seien Giftbäume – der Blumenflor bestehe teils aus giftigen Kupfer-, teils aus falschen Porzellan-Blumen – auf den Grasbänken darin sitze man sich Schnupfen an und das sanfte Wiegen des magischen Bodens sei eine Erd-Erschütterung. Diese Eidesverwarnung nach dem Eide der Liebe ließ sich noch hören; aber daß sie noch Beatens Jugend einwandte – die gewöhnlichste, einfältigste, unwirksamste und am meisten aufbringende Einwendung gegen eine lebendige Empfindung –, das begann den kleinen Eindruck ihrer Wochenpredigt zu schwächen, den die Nutzanwendung gar weglöschte: daß ihr Vater ihr schon den Gegenstand[322] ihrer Liebe halb und halb gewählt .... Meine Gerichtprinzipalin war recht gescheit; aber, meinem Gerichtprinzipal zuliebe, auch oft recht dumm.

Beata brachte also dem Gustav ein durch dieses Zersetzen äußerst weiches und zärtliches Herz über den Steindamm mit – und er kam auch mit einem solchen wunden an, um welches kein Blättchen eines Kallus mehr hing. Ottomars salomonische Predigten über und gegen das Leben hatten seine Puls- und Blutadern mit einer unendlichen Sehnsucht gefüllet, die armen zerfallenden Menschen zu lieben und mit seinen zwei Armen, eh' sie auf die Erde fielen, das schönste Herz an sich zu ziehen und zu pressen, eh' es unter die Erdschollen niedersänke. Die Liebe heftet ihre Schmarotzerpflanzen-Wurzeln an alle andre Empfindungen.

Es war Zeit, daß sie kamen, des Herrn von Oefels wegen. Denn am Hofe vermißte man sie, wie überhaupt jeden, gar wenig. Ein russischer Fürst von *** – ein Mulatte und Deponens von Hofmann und Vieh, dessen sichtbare Extremen sich in die unsichtbaren Extreme von Kultur und Wildheit endigten – war samt einem Rudel von Franzosen und Italienern dagewesen, die sämtlich wie ihr Altmeister die für die große Welt alltägliche Sonderbarkeit hatten, daß sie – nicht ganz waren; – für einen Weltmann ist heutzutage nichts schwerer, als aus seinem Körper nicht das zu machen, was ich mit Recht aus meiner Lebensbeschreibung mache – einen Sektor oder Ausschnitt. In der Tat sah diese fragmentarische Division wie ein Phalanx von Krüppeln aus, der zu einem Wundertäter reiset. Der meisten Glieder, die wir bei der Auferstehung nicht wiederkriegen, z.B. Haare, Magen, Fleisch, H-- und andre1 – daher freilich der große Connor leicht verfechten kann, ein auferstandner Christ falle nicht größer aus wie eine Stechfliege – solcher Glieder hatte sich die amputierte Junta schon vor der Auferstehung entladen oder doch viel davon weggetan.

Ich hab' oft darüber nachgedacht, warum tuns die Großen und[323] machen sich zu Kleinen im physischen Sinn; aber ich war zu unwissend, andre Gründe zu erraten als folgende: der Sitz des Zorns (wofür nach Winckelmann die Griechen die menschliche Nase hielten) kann nicht bald genug ausgerottet werden, weil weder ein Hofmann noch ein Christ Zorn beweisen soll. – Zweitens: verkleinerte Körper sind wenig von bucklichten, auch in der Größe, verschieden; diese aber, wie wir an Äsop, Pope, Scarron, Lichtenberg und Mendelssohn sehen, haben viel Witz. Nun zieht der Weltmann aus den starken Fässern unserer Vorfahren geschickt den Spiritus auf kleine Körper- Flaschen, und solche Einschnitte und optische Verkürzungen und Kuren des Leibes machen unfähig, etwas anders zu werden als witzig oder höchstens stupid: so kann eine Flöte, in die Risse kamen, keine andre Töne von sich geben als feine und hohe. Witz wird aber bekanntlich in der großen Welt, wenn nicht mehr, doch ebensoviel geschätzt wie Unmoralität. – Drittens: wie die alten Patriarchen darum ein langes Leben bekamen, um die Erde zu bevölkern, so haben sich viele Kosmopoliten in der nämlichen Absicht ein kurzes vorgenommen und gern das Leben von andern Menschen mit einem Curtius-Sturz in den tödlichen Schlund erkauft. Es ist aber noch die Frage, ob ich recht habe. – Die vierte Ursache kenn' ich aus geheimen mystischen Gesellschaften, wo eben jene Menschen-Segmente sie kennen lernten. Heutiges Tages muß jede Seele von – Stand desorganisiert und entkörpert werden. Hier hat man nun nicht mehr als zwei ganz verschiedne Operationen. Die kürzeste und schlechteste meines Erachtens ist die, daß sich der Mensch – aufhenkt und daß so die Seele den Körper von sich wie eine Warze abbindet. Ich wurde keinen Großen deshalb tadeln, wenn ich nicht wüßte, daß er die weit bessere und sanftere Operation vor sich habe, wodurch er seinen Leib gleichsam als die Form, worein die geistige Statue gegossen ist, bloß gliedweise ablösen kann. Ich will hier nicht in den Fehler der Kürze, sondern lieber in den entgegengesetzten fallen. Also: der Körper ist nach Philosophen, die auch eine Seele haben, bloß ein Werkzeug, ihre und unsre auszubilden und sie an die Entbehrung dieses Werkzeugs zu gewöhnen. Die Seele muß alle Fäden, die sie an den Klumpen schnüren, nach und nach zerfressen[324] und abbeißen. Er ist ihr das, was den Kindern, die schwimmen lernen, der korkene Küraß2 ist: täglich muß sie diesen Küraß zu verkleinern suchen, um endlich ohne ihn zu schwimmen. Der philosophische Mann von Welt und das Mitglied geheimer desorganisierender Unionen schafft also von diesem Schwimm-Panzer anfangs nur das Fleisch an Beinen und Backenknochen beiseite. Das ist noch wenig. Darauf brennt er durch Glühfeuer Gehirn, Nerven und anders Zeug weg, weil sie das Küchenfeuer aushielten. Die Haare oder das menschliche Rauchwerk bringt jeder ohne Mühe weg. Der wichtigste Schritt bei dieser Küraß-Sektion ist der, daß man ohne das Barbiermesser des Origenes so viel bewerkstellige – nur sanfter – wie er. Ist das vorbei: so hat man zu jener völligen Ertötung nicht mehr weit, wo der ganze Küraß rein herunter ist und wo die Seele im Meere des Seins endlich schwimmen gelernt hat, ohne von ihrem Schwimmkleid nur so viel, als man zum Verkorken einer Flasche bedarf, noch um sich zu haben. Nachher wird man beerdigt. So wenigstens trägt man in geheimen Gesellschaften von Ton die menschliche Entkörperung vor.

Diese zerbrochne Gesellschaft deckte unsern und jeden Hof so schön wie zerbrochne Porzellan-Gefäße holländische Beete; zweitens hatte sie die höflichste Art von der Welt, grob zu sein. Wäre unter diesen Leuten ein gewisses je ne sais quoi nicht der Unterschied zwischen Laune und Grobheit, zwischen Feinheit und Beleidigung: so fehlte er.

Ich sagte oben, es war Zeit, daß unser Paar ankam, des Herrn von Oefels wegen. Denn das Geburtfest der Residentin rückte heran, gleichwohl hatte noch kein Mensch eine Seite von seiner Rolle memoriert. Die Leser haben noch ebensowenig vom Geburttag-Drama im Kopfe als die Spieler; daher soll ihnen hier ein dünner Absud dieser Oefelschen Pflanze vorgesetzt werden.


*[325]


Dekokt aus dem Geburttag-Drama


In einem französischen Dorfe waren zwei Schwestern so gut, daß jede verdiente, das Rosenmädchen zu werden, und so uneigennützig, daß jede wollte, die andre würd' es. Marie hieß die eine und Jeanne die andre. Am Tage vor der Austeilung der Preismedaille von Rosen stritten sie sich darüber, wer sie – ausschlagen sollte: denn sie wußten von recht guter Hand, daß bloß auf eine von ihnen die Rosenkrone fallen würde. Jeanne – von der Ministerin gespielt – wischte durch den schönen Einfall unter der Laubkrone hinweg, daß sie ihren Liebhaber Perrin – Oefel stellte den vor – öfter und öffentlicher um sich hatte, als eine Rosen-Kompetentin soll. Marie (die Rolle von Beata) konnte also die Krönung nicht von sich, wie es schien, abwenden – indessen bat sie ihren Bruder Henri (Gustav wars), der sie besonders liebte und der seit seiner Kindheit aus ihrem Hause durch seine Reisen weggewesen, diesen bat sie um Sieg in diesem uneigennützigen Wettstreite. Er suchte sie zum entgegengesetzten Siege zu bereden; endlich aber, da er die Unerbittlichkeit ihrer schwesterlichen Liebe so entschieden sah, versprach er, für eine rechte Belohnung ihr die ihrige zu ersparen. »Aber du mußt noch größere Liebe für mich haben«, sagt' er; – »die schwesterliche«, sagt sie; – »eine noch stärkere«, sagte er; – »die freundschaftlichste«, sagte sie; – »eine noch viel stärkere«, sagt' er; – »weiter gibts keine größere«, sagte sie; – »o doch! ich bin ja dein Bruder nicht«, sagt' er und fiel mit liebetrunknen Augen vor ihr nieder und gab ihr ein Papier, das sie aus ihrem bisherigen Irrtum zog und sie dafür in eine kleine Freuden-Ohnmacht stürzte. Sie erschienen alle vier vor dem Gutsherrn und Kranz-Kollator (der Fürst spielte diese Rolle sogar auf dem – Theater), und jede kam seiner Wahl durch eine Bitte und Lobrede für ihre Schwester und durch feine Invektiven auf sich selber zuvor. Der kokettierende Wicht Perrin quästionierte: sollte die Liebe andre Rosen brauchen als ihre eigne? – Marie gab eine fliegende Schilderung von den Vorzügen, denen eine solche Bekrönung gebühre und die zum Teil feine Züge aus Bousens Bilde waren. Der Gutsherr sagte: diese schwesterliche Unparteilichkeit,[326] die so sehr zu bewundern sei wie die Verdienste, die sie zu belohnen suche, verdiene zwei Rosenkronen, eine, um belohnt zu werden, und eine, um selber zu belohnen; (niemand, fiel der scheinbar den Damen und wirklich dem Fürsten schmeichelnde Oefel ein, teilt Kronen schöner aus, als wer sie selber trägt;) und sie würden sich von ihm in nichts als in der Unparteilichkeit und Schönheit unterscheiden, wenn sie an seiner Statt vielleicht wie er wählten, wem der Rosenkranz, eh' der Schmetterling von ihm flöge – einer von Brillanten war mit einer Zitternadel in die größte Rose gesteckt –, aufzusetzen sei .... »Unserer Rosen-Königin!« riefen die Schwestern und brachten den Kranz der Residentin hin.


*


So weit das Drama. Oefel war nichts lieber und glücklicher als die schmeichelnde Folie des andern. Übrigens sah sein Stück wie eine Idylle von Fontenelle aus. Die Phantasie, die den von der Kultur dünn geschliffnen Leuten gefallen will, muß schimmern, aber nicht brennen, muß das Herz kitzeln, aber nicht bewegen; die Äste einer solchen Phantasie werden nicht von schweren gedrängten Früchten, sondern von Schneelast niedergebogen. An solchen Hof-Poeten und an Ohrwürmern sind die Flügel gleichsam unsichtbar und winzig, aber beide finden leichter die Wege zum Ohr. An deutschen Gedichten ist nichts; hingegen die meisten französischen riechen nicht nach der Studier- und Sparlampe, sondern eher nach parfümierten Strumpfbändern, Handschuhen u.s.w., und je weniger sie haben, was den Menschen interessiert, desto mehr haben sie, was den Weltmann reizt, weil sie nicht mehr die Natur und Himmel und Hölle, sondern ein paar Besuchzimmer abmalen und so nicht ungeschickt in immer engere Windungen des Schneckenhauses sich zurückdrängen.

Oefel war zugleich Theater-Dichter, Spieler und Rollen-Schreiber. Er zog aus dem Drama die Rolle Beatens heraus, die er mit den feinsten Anspielungen auf ihr gegenseitiges Liebeverständnis (dacht' er) oder auf ihr einseitiges (denk' ich) in die Welt gesetzet hatte. Die zärtlichsten Winke hatt' er in den Stellen, wo er mit Beata zusammen spielte, hinein versteckt. Er zog deswegen[327] unter manche feine Liebeerklärung und Empfindung bei dem Abschreiben eine exegetische Linie und bezifferte verständig seinen Generalbaß. »Über tausendmal wird die Schalkhafte das überlesen«, sagt' er zu sich.

Darauf überreichte er ihr bald nach ihrer Ankunft ihre Rolle mit weit mehr scheuer Ehrfurcht, als er selber wußte. Zum Unglück für unsern guten dramatisierenden Hasen fiel Beata in zwei Fehler auf einmal aus einer Ursache. Die Ursache war bloß, der Amor hatte in ihrem Herzen sein Laboratorium aufgerichtet und hatte seine chemischen Ofen und alles hineingesetzt: daraus mußte ihr erster Fehler entstehen, daß sie schöner aussah als sonst ohne diese Wärme; denn jede Empfindung und jede innere Streitigkeit nahm auf ihrem Gesicht die Gestalt eines Reizes an. Von der Liebe kam auch ihr zweiter Verstoß, daß sie sich gegen Oefel heute weit zutraulicher und freimütiger betrug als sonst; denn ein liebendes Mädchen hat von allen übrigen Gegenständen (d.h. von den eignen Empfindungen für sie) nichts mehr zu befahren. Herr von Oefel aber addierte auf seiner Rechenhaut ein ganz andres Fazit heraus; er nahm alles für Freude, daß er nun wieder – zu haben sei. Er ging folglich mit einem Herzen fort, das der Amor so mit lilliputischen Pfeilen vollgeschossen hatte wie ein Nähkissen mit Nadeln.

Er sagte noch an jenem Tage: »Ist das Herz einer Frau einmal so weit, so braucht man nichts zu tun, als daß man sie tun lässet.« Das war ihm herzlich lieb; denn es ersparte ihm die – Bedenklichkeit, sie zu verführen. Sooft er Lovelacens oder des Chevaliers3 Briefe las: so wünschte er, sein einfältiges Gewissen ließ' ihm zu, ein ganz unschuldiges widerstrebendes Mädchen nach einem feinen Plane zu verführen. Aber sein Gewissen nahm keine Vernunft an, und er mußte sein ganzes Kaper-Vergnügen auf die Verführung solcher unschuldigen Personen, die er in seinem Kopfe oder in seinem Roman agieren ließ, einschränken: so sehr herrschet im schwachen Menschen die Empfindung über die Entschließungen der Vernunft, sogar in philosophischen Damen. Mithin blieben der Weiberkenntnis Oefels statt der Fangeisen für[328] die Unschuld nur die für die Schuld zu legen übrig, und das einzige, wo er noch mit Ruhm arbeiten konnte, war das, der Verführer von Verführerinnen zu sein.

Man erlaube mir, eine scharfsinnige Bemerkung zu machen. Der Unterschied zwischen Lovelace und dem Chevalier ist der moralische Unterschied zwischen den Nationen und Jahrzehenden von beiden. Der Chevalier ist mit einer solchen philosophischen Kälte ein Teufel, daß er bloß unter die Klopstockschen Teufel gehört, die nie zu bekehren sind. Lovelace hingegen ist ein ganz anderer Mann, bloß ein eitler Alcibiades, der durch einen Staats- oder Ehe-Posten halb zu bessern wäre. Sogar dann, wo seine Unerbittlichkeit gegen die bittende, kämpfende, weinende, kniende Unschuld ihn mehr den Modellen aus der Hölle zu nähern scheint, mildert er seine gleißende Schwärze durch einen Kunstgriff, der seinem Gewissen einige und dem Genie des Dichters die größte Ehre macht und welcher der ist, – daß er, um seine Unerbittlichkeit zu beschönigen, den wirklichen Gegenstand des Mitleidens, die kniende etc. Klarisse, für ein theatralisches, malerisches Kunstwerk ansieht und, um nicht gerührt zu werden, nur die Schönheit, nicht die Bitterkeit ihrer Tränen, nur die malerische, nicht die jammernde Stellung bemerken will. Auf diesem Wege kann man sich gern gegen alles verhärten; daher schöne Geister, Maler und ihre Kenner bloß oft darum für das wirkliche Unglück keine oder zu viele Tränen haben, weil sie es für artistisches halten.

Ich muß aber schneller zum Festtage der Residentin eilen, dessen Gewebe unsern Gustav mit Fäden so vieler Art berührt und ankittet.

Er brachte mit dem größten Vergnügen seine Rolle im Drama, wovon noch viel wird gesprochen werden, seinem Gedächtnis bei und wünschte nichts, als er könnte sie noch nicht auswendig. Beata macht' es auch mit der ihrigen so: der Grund war, ihre Rollen waren auf dem Theater aneinander gerichtet, mithin waren es jetzt ihre Gedanken auch; und für die scheue Beata war es besonders süß, daß sie zarte Gedanken der Liebe für ihn, die sie kaum zu haben und nicht zu äußern wagte, mit gutem Gewissen memorieren konnte. Um nicht immer an ihn zu denken, zerstreuete[329] sie sich oft durch das Geschäft des Auswendiglernens der besagten Rolle. Gute Seele! suche dich immer zu täuschen; es ist besser, es zu wollen, als garnichts darnach zu fragen! – Ihr Adoptiv-Bruder konnte bisher durchaus kein Mittel finden, ihr zu begegnen; die Residentin hatte ihn und dadurch dieses Mittel über den russischen Sektor und Torso vergessen; er selber hatte nicht Zudringlichkeit genug, noch weniger den Anstand, der sie schön und pikant macht – bis ihm Herr von Oefel mit einer feinen Miene sagte, die Residentin woll' ihm einige Gemälde, die der Knäse dagelassen, zu sehen geben. »Ich wollt' ohnehin schon lange das Kopieren im Kabinett anfangen«, sagt' er und täuschte weniger jenen als sich. Über seine errötende Verwirrung sagte Oefel zu sich. »Ich weiß alles, mein lieber Mensch!«

Endlich führte ein schöner Vormittag die zwei Seelen, die sich leichter als ihre Körper fanden, bei der Residentin zusammen. Das Taglicht, die bisherige Trennung, die neue Lage und die Liebe machten an beiden alle Reize neu, alle Züge schöner und ihren Himmel größer als ihre Erwartungen – aber schauet euch weder zu viel noch zu wenig an, man blickt auf euer Anblicken! Oder tut es nur: einer Bouse verbirgst du es doch nicht, Gustav, daß dein Auge, das der Scharfsinn nicht zusammenzieht, sondern die Liebe aufschließet, immer nur bei benachbarten Gegenständen sich aufhält, um ein Streiflicht von ihr wegzufangen; – es hilft auch dir nichts, Beata, daß du es mehr wie sonst vermeidest, ihm nahe zu stehen und ihn zu veranlassen, daß seine Stimme und seine Wangen seine Verräter werden! Es half dir, wie du selber sahest, nichts, daß du der Wiederholung des »Idolo del mio cuore« bei seiner Ankunft auszuweichen suchtest; denn bat ihn nicht die Residentin, deiner Stimme auf dem Klaviere mit den Fingern nachzufließen und seinen innern Freuden-Sturm durch den Schimmer des Auges und durch den Druck der Tasten und durch die Sünden gegen den Takt zu offenbaren? – Diejenigen meiner Leser, die die Residentin frisiert oder bedient oder gesprochen oder gar geliebt haben, können mir es gegen andre Leser bezeugen, daß unter anderen Kaminverzierungen ihres Toilettenzimmers – weil die Großen nichts als Zieraten essen, bewohnen, anziehen, besitzen[330] und beschlafen etc. mögen – auch Schweizerszenen waren und unter diesen eine tragantene Kopie des Eremitenberges: auf diesen Freuden-Olymp stiegen vor den Augen Gustavs Beatens ihre nicht mehr, sooft diese auch vorher den Berg beschienen hatten – endlich befeuchteten sich auch beider Augen, wenn Amandus' Name beide durchtönte, mit einer süßern lebhaftern Rührung, als die über einen Dahingegangnen ist. – – Kurz sie würden sich wie alle Liebende weniger verraten haben, wenn sie sich weniger verborgen hätten. Die Residentin schien heute, was sie allemal schien: sie hatte eine stille, denkende, nicht leidenschaftliche Verstellung in ihrer Gewalt, und auf ihrem Gesicht sah man nicht die falschen Mienen die aufrichtigen erst verjagen. – Das schönste Gemälde aus dem Nachlasse des Russen war nicht zu Hause, sondern unter dem Kopierpapiere des Fürsten. –

So stumm und doch so nahe muß Gustav der Geliebten gegenüber bleiben; nur mit drei Worten, nur mit einem Druck der ziehenden Hand wenn er seine von Empfindungen elektrisierte Seele zu entladen wüßte! – Warum wollen alle unsere Empfindungen aus unserem Herzen in ein fremdes hinüber? – Und warum hat das Wörterbuch des Schmerzens so viele Alphabete und das der Entzückung und der Liebe so wenige Blätter? – Bloß eine Träne, eine drückende Hand und eine Singstimme gab der Welt-Genius der Liebe und der Entzückung und sagte. »Sprecht damit!« – Aber hatte Gustavs Liebe eine Zunge, als er (bei einem Abwenden der Residentin auf 7 Sekunden) im Spiegel, dem er am Klavier gegenübersaß, mit seinen dürstenden Augen das darin flatternde Bild seiner teuren Sängerin küßte – und als das Bild ihn ansah – und als das blöde Bild vor dem Feuerstrom seines Auges das Augenlid niederschlug – und als er sich plötzlich nach dem nahen Urbild des wegblickenden Farben-Schattens umdrehte und sitzend in das gesenkte Auge der stehenden Freundin mit seiner Liebe eindrang und als er in einem Augenblicke, den Sprachen nicht malen, sich nicht einmal in eine, nicht einmal in einen Laut ergießen durfte? – Denn es gibt Augenblicke, wo der tief aus der fremden Seele emporgehobne Schatz wieder zurücksinkt und im Innersten verschwindet, wenn man redet – ja wo das zarte, bewegliche,[331] schwimmende, brennende Gemälde der ganzen Seele sich kaum in oder unter dem durchsichtigen Auge wie das zerstiebende Pastellgebilde unter dem Glase beschützt ....

Deswegen wars meiner Einsicht nach recht wohl getan, daß er zu Hause sofort einen Liebebrief verfaßte. Durch einen solchen Assekuranzbrief des Herzens verbriefte der Lebensbeschreiber von jeher seine Liebe im eigentlichen Sinne. Aber als ihn Gustav fertig hatte, wußt' er nicht, wie er zu insinuieren sei, auf welcher Penny-Post. Er trug ihn so lange herum, bis er ihm nicht mehr gefiel – dann schrieb er einen neuen bessern und trug ihn wieder so lange bei sich, bis er den besten schrieb, den ich im nächsten Sektor hereinschreiben will. Bei dieser Gelegenheit kündige ich dem Publikum auf Ostern meinen »expediten und allzeitfertigen Liebebrief-Steller« an, den alle Eltern ihren Kindern bescheren sollten.

Apropos! Der Pelz-Kurierstiefel und der Beschlag mit Senf und die Eis-Krone haben glücklich mein Blut in die Füße gefüllet und dem Kopfe nicht mehr davon gelassen, als er haben muß, um für ein deutsches Publikum anmutige Ab- oder Ausschnitte aufzusetzen.

1

Nach den ältern Theologen (z.B. Gerhard loc. theol. T. VIII. p. 1161) stehen wir ohne Haare, Magen, Milchgefäße etc. auf. Nach Origenes stehen wir auch ohne Fingernägel und ohne das, was er selber schon in diesem Leben verloren, auf. Nach Connor. med. mystic. art. 13 kommen wir mit nicht mehr Materie aus dem Grabe, als wir bei der Geburt oder Zeugung umhatten.

2

Zückert in seiner Diätetik schlägt einen korknen Küraß vor, der über dem Wasser aufrecht erhält und den man, so wie die Fertigkeit, oben zu schweben, wachse, beschneiden könne.

3

In den Liaisons dangereuses.

Quelle:
Jean Paul: Die unsichtbare Loge, in: Jean Paul: Werke. Band 1, München 1970, S. 322-332.
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