III.

[148] Rat zu urdeutschen Taufnamen24


Ich rücke hier in Briefform in die Zeitung für die elegante Welt für Leser, welche sie mithalten – worunter Sie gewiß auch gehören, lieber Spazier –, insofern einer davon an mich etwas zu schreiben hat, vorher die Nachricht ein, daß ich von Koburg nach Baireuth gezogen bin. Die Ursachen des Zugs gehören nicht in Ihre Zeitung, sondern in die Flegeljahre, nämlich in den vierten Teil.

Was diesen Brief selber anlangt, so versprach ich Ihnen leider für solchen in einem früheren Auszüge und Sentenzen aus meiner Ästhetik, welche zu Michaelis erscheint. Aber ich muß um die Erlaubnis bitten, gelogen zu haben. Einem Autor wird es ebenso schwer, mit seinen Gedanken das jeu de bateaux25 zu spielen, als einer Mutter mit ihren Kindern. Gnomen, sagt er, die er in alter Bedeutung als Denksprüche gebe, können andern leicht in neuer als Zwerge erscheinen. Zögen Sie aber, lieber Spazier, statt meiner aus: so wär' es zehn Mal besser, leichter und vernünftiger.

Lieber hätt' ich für diesen Brief aus Tiecks echt poetischem Oktavian die Geburt der Rose und die Geburt der Lilie ausziehen mögen – zwei Dichtungen, welche ihm die Blumengöttin selber wie reife Frühlingblüten zugeworfen. Auch wär' es in der ersten Entzückung über sein Buch – und in der ersten Entrüstung über Merkels scham- und sinnloses Geschwätz über dasselbe – verzeihlich gewesen, viel Worte über diesen italienisch-wortreichen Dichter zu machen. Wenn er indes, wie die Feuerwerker, seine[148] poetischen Feuerwerke zu gern auf dem Wasser gibt und die Widerscheine zu sehr sucht: so ist wenigstens dieses leichte Nachglänzen eines wahren Feuers poetischer und lieblicher als das schwere Feuerwerkgerüste von Statuen und Gebäuden, das uns manche berühmte Dichter für das Feuerwerk selber verkaufen. Wär' ich die elegante Welt, Spazier, so würd' ich ein frommes poetisches Kind; dann könnte Tieck, der eines ist, leichter mit mir spielen.

Auch diesen Auszug aus Oktavian wird ein anderer besser geben als ich. Wichtiger als jeder aus Gedichten und Ästhetiken schien mir für die elegante Welt einer aus Wiarda, der über deutsche Namen geschrieben. Wir leben jetzo, wenn nicht in, doch vor einer bösen Zeit, und wer die Ohren nahe an die deutsche Erde legen will, kann leicht darunter die Mineurs arbeiten und höhlen und mit Pulvertonnen und Leitfeuern gehen hören. Sollte nun einmal Deutschland zum ersten Male erobert werden, wiewohl nicht wie Amerika aus Mangel an zahmen Tieren, sondern aus Überfluß daran: so wär' es ja um die deutschen Namen geschehen, wenn vorher niemand einen mehr führte. Leider bitten wir gegenwärtig lieber alle Propheten, Apostel, Heilige und Völker zu Gevattern als einen alten Deutschen. Wer am Hofe einen deutschen Taufnamen hat, sucht ihn wenigstens französisch auszuschreiben und zu unterschreiben – ausgenommen Friedrich der Einzige, der sich sogar an Voltaire Frederic unterschrieb, welches (wie Godaric, Ardoric etc.) nur deutsch ist; denn ric heißt reich und Fried Schirm. Wenn man wenige Tiere ausnimmt, welche sich Hans nennen, wie Rehe, Pferde, Schwanen: so gibts nicht viele deutsche Menschen und Möbeln, die nicht ein Franzose, sobald er sie entdeckt, wie ein Seefahrer die Inseln behandelte; er benennt, besetzt und besitzt sie. Schon bei den Weinhändlern bedeutet Taufen und Heiraten des Weins dieselbe Verdünnung.

Ein zweiter Grund für urdeutsche Namen ist ihr Wohlklang. Der Ausländer verstümmelt nicht schöne Namen am meisten, sondern schlechte. Nur bei unsern Kunstwerken kehrt ers um. Hätte z.B. Montesquieu einen klingendern Namen gehabt: so wär' er nicht in Rom angemeldet worden im ersten Zimmer als[149] Montdieu – im zweiten als Montieu – im dritten als Mordieu – bis er endlich im letzten als Herr von Forbii eintrat. Chamfort erzählt, daß der Wüstling Richelieu nie imstande gewesen, den Namen eines Bürgerlichen auszusprechen, ohne ihn zu verstümmeln. Da wir Deutsche gegen die Franzosen – denn diesen müssen wir uns täglich mehr zu- und entgegenbilden, damit sie künftig mit uns besser vorlieb nehmen – als geborne Bürgerliche erscheinen: so werden sie einst neben der geöffneten Mine jeden Namen, wenn er nicht halbitalienisch, wie etwa Bonaparte, tönt, entweder erbärmlich verrenken oder uns gar als neuen Mitgliedern ihrer großen Akademie der Arkadier neue arkadische Namen geben, z.B. Pépé, Huleu, Bexou, Baïf, Ouffle, Grez.

Der Eindruck eines wohllautenden Namen, so wie eines mißtönigen, wird oft kaum von jahrelanger Gegenwirkung überwunden; und er wird gar verdoppelt, wenn der Mensch so handelt, wie er heißt; so sehr ist unser Schicksal, wie nach Bonnet der Baum, ebensowohl in die Luft als in die Erde gepflanzt. Wär' ich z.B. Rapinat gewesen, so hätt' ich mich in der Schweiz Fenelon oder Jean Jaques oder Tell getauft, um wie die Mühle schön zu klingeln nach dem Zermahlen.

Ich schlage daher noch, da es für Deutsche Zeit ist, aus Wiarda und Fischart zur Probe einige urdeutsche köstliche Namen vor; erstlich weibliche: Amala (von amal, unbefleckt), Amaloberga- Theoda (von theod, vornehm), Theodelinda, Theudegotha, Theuberga – Liuba (von lieb) – Witta (die Weise) – Hilda (Heldin) – Torilda (von toro, kühn) – Fastrada (von fest) – Egwia (die Treue) – Diotwina (Siegerin) – Liota (von lud, berühmt)- Liebwarta – Adelinda – Aethelwina – Gisa (die Mächtige) Folka (die Vollkommene) – Oda (von od, glücklich).

Der schönen männlichen Namen sind weit mehrere: Totilar (von theod) – Theudobach (von theut, Volk) – Theodulph (ulf, Helfer) – Likolf – Adalmar (der große Edle) – Ewold (der Mächtige) – Walland – Torwald – Fastulf – Toro, Torald, Thorismund, Thurstan- Hariobaud – Osmund (von mund, Mann und Beschützer) – Gummunder, Hildemund – Britomar, Wisimar, Marobod, Theodemir (von mar, berühmt und mehrend) – Eoric,[150] Ardaric (von hear, geehrt) – Ollo, Almot, Ollorico (von al, groß)- Odo, Athulf, Eodric (von od, glücklich) – Adelfried, Adalland (von ethel) – Clodic (von lud) – Degenwerd – Manrich etc. etc.

Das Herz erhebt sich froh vor unsern edeln Urvätern und Urmüttern, deren bloße Namen so großsinnig zu uns sprechen; und das Ohr findet sich von spanischen und italienischen Ähnlichkeiten geschmeichelt. Gerade für die zwei größten Weltteile der eleganten Welt sind urdeutsche Namen Geschenke. Erstlich für die Weiber. – Ein schöner Taufname (z.B. Amala, oder unbefleckt) ist die einzige Schönheit, die ihnen Männer und Jahre nicht rauben. Zweitens für Fürsten. – Bekanntlich haben sie keine andern als Taufnamen, aber deren viele (Kaiser Joseph hieß noch: Benedikt August Johann Anton Michael Adam), und sie regieren mit einem davon (wie man aus dem Unterschreiben sieht) die Länder. Ein wohllautender Taufname aber, z.B. Theodulph (Volks- oder erhabener Helfer), könnte gewiß über der Unterschrift des Ministers, dessen angeborner Name, z.B. Kretschmann, selten so lieblich klingen kann als ein gewählter, die schönsten Kontraste machen.

Auch Vätern überhaupt sollten Taufnamen mehr am Herzen liegen, da sie bei diesen das Verdienst, sie gegeben zu haben, herrlicher außer Zweifel setzen können als bei irgendeinem vornehmen Geschlecht-Namen, den sie den Kindern geben.

– – Ob ich gleich hier der Welt unbezahlbare Namen, wozu sie wie zu Tugenden nichts zu erfinden braucht als die Träger, mit einer gewissen Verschwendung anbiete – da ich in meinen künftigen Biographien Helden und Heldinnen genug habe, welche ohne die köstlichsten Namen gar nicht existieren können –: so bin ich doch, oder eben darum, nicht im geringsten gesonnen, auch nur einen davon an die zeitigen Romanschreiber abzustehen, sondern ich erkläre hiermit öffentlich jeden für einen Namendieb, der irgendeinen in diesem Briefe oder auch im Wiarda für seine erbärmlichen Helden abborgt und ihn dadurch natürlich so abnutzt, daß ihn nachher die meinigen so wenig tragen wollen als einen durchschossenen Trödel-Mantel. Gedachter Schreibtroß besitzt ja Italien; in diesen Namen-Bruch und Schacht fahr' er ein.[151]

Ich habe kaum den Mut zu sagen: leben Sie wohl, lieber Sp., so wenig brieflich ist dieser Brief geschrieben.

Jean Paul.


Nachschrift. Was ein bloßer Name vermag, sieht man an meinem; sonst könnt' ich ihn leicht verdeutschen, um mir nicht zu widersprechen.[152]

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 148-153.
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