35. Summula

[225] Theodas Brief an Bona


»Bona! Ich war dir nie ernst genug, jetzt dächt' ich, wär' ichs. Doch kann ich mich irren, und ich bin vielleicht nur wund. Herzen und Glocken bekommen so leicht Sprünge bei starkem Bewegen. Wär' ich nur mit meinem an deinem schneeweißen Halse: es sollte bald heil sein. Gräme dich nicht voraus, ich habe nichts verloren, nicht einmal ein Stückchen Liebe, bloß ein paar Dummheiten. Nur der Mond, der mir beim Aufgang die Augen wässerte, steigt jetzt immer höher und zieht mit Gewalt blutwarme Tropfen aus der Brust herauf; so zieh' er denn fort.

Ach Bona, ich weine! Denn ich habe dumm gefehlt; und du sollst heute alles wissen. Nur wird es mir sauer, dir das lange historische Zeug auszubreiten, da ich dessen so satt und genug habe. Wir brauchen einen ganzen Herbst dazu, eh' wir beide fertig sind mit der Sache.[225]

Herr von Nieß ist ein Spitzbube: er ist eben der Dichter Theudobach eigenhändig, zu dem er mich geleiten wollen. So also ist eine heutige Manns- und Schreibperson! Wenn nun, sage mir, die bessern Schauspiel-Dichter nicht redlicher sind als ihre Schauspieler oder irgendein feinster Dieb: auf was hat sich eine gute Seele zu verlassen? Auf Gott und eine Freundin, wahrlich auf sonst nichts. Wär' ich nur über deine Sorge und Bürde hinweg und wäre dein Kind an deiner Brust: so fragte ich keinen Deut nach Begebenheiten, sondern säße bei dir und erzählte sie.

Kurz das geschmeidige gewundene Schlangenwesen der Männer, das sich bis sogar in den Sonnentempel der Kunst einschlängelt, legte sich auch an mich und meinen Vater und kroch ein, unter dem Namen von Theudobachs Freund. Er konnte mithin jedes Wort hören, was ich von ihm dachte: es war so gut, als war er mit meiner Seele in mein Gehirn eingesperrt.

Um uns alle recht in seinem blauen Dunste herumzuführen, sprengt' er aus, der Poet komme erst abends, wenn er seinen Ritter vorläse. Vermutlich war sein Plan, wenn wir so alle mitten im Jubilieren über seinen Ritter und im Vormusizieren des Ständchens säßen, vom Sessel aufzustehen und zu sagen: ich bin der Mann selber. Zum Unglück für ihn und für mich versalzte ihm ein Namenvetter das ganze Te deum. Es tritt nämlich gerade, als uns Frauen die Herzen steilrecht himmelan brennen, ein edler junger Mann herein, den alle Mädchen für den Maler und für das Urbild des Ritters zugleich ansehen müssen, nicht etwa ich allein. In einem Traum küßt' ich einmal einer hohen himmlischen und doch sanften Gestalt des noch ungesehenen Dichters die Hand; gerade so sah der Fremde aus. Da sein Name wirklich Theudobach war und er auch allerlei geschrieben, wiewohl nur über Mathematik: so war er neugierig und zornig hieher gereiset, um zu sehen, wer ihm hier seine Rolle nachspiele. Kurz in der Minute, da Nieß sich als den Theudobach demaskierte, steht der zweite bessere da, der ihn in die alte Nießische Chauve-souris-Maske zurücksteckt. Und wahrlich, wer nur beide nebeneinander stehen sah, den Hauptmann Theudobach in einer Gestalt, seines riesenmäßigen Urahns nicht unwürdig, und das feine Schachfigürchen[226] Nieß, an ihm hinauf sturmlaufend, der mußte es machen wie ich und an alle deine vernünftige Ratschläge nicht denken. Ich ging nämlich öffentlich zum Hauptmann und erklärte ihn für den Dichter. Mir glüht hier schmerzlich das Gesicht, und ich denke an meines Vaters Wort: ›Durch Eiligkeit entstehe oft Feuer, und durch Langsamkeit werd' es stärker; weil die Leute die Sachen gerade umkehrten.‹ Indes war jeder meiner Meinung – auch noch unter dem Abendessen – gleichwohl lauf' ich jetzt als das Maulbronner Sünden-Böckchen herum und werde von den andern Sünden-Zicklein meines Geschlechts heimlich angemeckert. Denn Nieß schickte mir unter dem Essen meinen Brief an ihn und seinen Kupferstich; kurz der Star wurde mir mit der Starnadel gestochen und ein bißchen das Herzchen dabei.

O, wie war ich hinter meiner Augenbinde, als hätte ich sie mir vom Amor geborgt, so ruhig-froh! Wenn ich dir erst künftig einmal male, wie himmlisch der Sternen-Abend war, solange mir ihn nicht mein Schmerz umzog – wie rein-heiter ich an der Seite des guten Menschen saß, den ich noch für den poetischen Traumgott meiner Jugendträume ansah, und wie froh ich mein Auge auf alles um mich warf, auf die erleuchteten Bäume, auf jeden Gast am Tisch, wie auf die Sterne über mir – wie immer das freudige Herz überkochen wollte – und wie ich gern die armen Nachtschmetterlinge verscheucht hätte, die sich an den Lichtern zerstörten – und wie ich in die aufdämmernden Wolken in Osten mit feuchten Augen sah und dachte: wie gar zu selig wird dich vollends dein beglückender Mond machen, wenn er dich so findet.... Er fand mich nicht mehr so – er fand mich voll Scham und Gram, ich sah ihn an – dein stillendes Auge wäre mir heilsamer gewesen – ich grub meines ordentlich ein in seinen Glanz und dachte dann nach: wie anders, anders es gewesen wäre, wäre alles so geblieben, welch eine unvergeßliche Paradieses-Nacht, die noch in keinem Traume gewohnt, ich hätte durchleben und ewig im Herzen halten dürfen! – Es sollte nicht sein, das zu große Glück. Indes, glaub' ich, durchquellt keine Träne so heißschmelzend den ganzen Menschen als die, die er fallen lassen muß, wenn er, ebenso heiter wie andere, in einem weiten, duftenden, wehenden[227] Arkadien angelangt und stehend, plötzlich von irgendeinem einsamen Unglück umgriffen wird und nun mitten unter dem allgemeinen Gesange: ›Freut euch des Lebens‹, den er mitsingt, leise sagt: freuet euch des Lebens, meines ist anders.

Ach wozu dies alles? Aber eine wichtige Regel macht' ich mir; und ich wollte, besonders die Männer hielten sie heilig: schone, o schone jede Seele bei einem Lustfeste, weil es ihr viel zu wehe tut, mitten in der allgemeinen Freuden-Ernte ganz allein gar nichts zu haben, und doch noch bei dem Zentner-Ach in der Brust mit einem leichten Lächel-Gesicht dazustehen; daher sollten besonders die Liebhaber und die Eltern uns arme Mädchen mit Qualen verschonen auf Bällen, Hochzeitfesten, Maienfesten, Weinlesen. Ach wir leiden nie mehr als in Gesellschaft; die Männer vielleicht in der Einsamkeit! Ich weiß es nicht.

Jetzo sah ich nicht mehr ab, warum ich Umstände mit der Tafel machen sollte; unglücklich konnt' ich ja in der Einsamkeit so gut sein als in der Gesellschaft. Ich ging davon; und sagt' es dem Vater. Das Aller-Dümmste (dacht' ich) denken doch die Bade-Gästinnen ohnehin von mir; also ist nichts zu verderben an den Dummheiten.

Ich konnte aber unmöglich schon nach Haus und unter die Dach-Enge; ich mußte ins Weiteste; ich wollte die Sterne bei mir behalten. Da senkte mein ganzes Herz sich plötzlich auf die unsichtbare Brust meiner toten Mutter. Ich dachte an die Zauberhöhle, durch deren wunderbare Lichter sie einst die auf ihren Armen aufhüpfende Tochter durchgetragen; und ich erfragte unten im Dorfe den Höhlen-Eingang. Der Mond schien an die Pforte; die Kinder hatten davor gespielt und Ketten von Dotterblumen und ein kleines Gärtchen von eingesteckten Weiden zurückgelassen. Ich öffnete die Türe, um vor die weite, wie ein Leichnam in die Höhle begrabne Finsternis zu treten; aber als der Mond seinen Schimmer lang hineinwarf und ich meinen Schatten drinnen in der Höhle liegen sah: so schauderte michs; ich sah die Schattengestalt meiner Mutter in ihrem Grabe schlafen; da eilt' ich davon und dachte mir dich und dein Wohl, um mein Herz zu wärmen. O lebe wohl![228]

Spätere N. S. Sein Herz ist sein Gesicht; ich rede vom Hauptmann. Aus Zartheit wich er mir bisher aus; aber er schickte mir durch meinen Vater ein Blättchen, worin er alle Schuld des öffentlichen Mißverständnisses auf sich nimmt und durch seine Zurückziehung, um es nicht zu bestätigen, dafür zu büßen gesteht. Du wirst es lesen. Es gehe dem braven Jüngling wohl!

Aber unendlich sehne ich mich aus diesem Gottesacker voll blühender Nesseln und begrabner Schönheiten hinweg an deine treue Brust hinan; dennoch muß ich ausharren, weil mein Vater nicht eher reisen will, als bis er, wie er fast so ernsthaft versichert, daß man bange wird, seinen Rezensenten abgestraft. Erfahr' ich indes deine Niederkunft: so bin ich ohne weiteres – ohne Vater und ohne Wagen – zu Fuße bei dir, bei meiner alten schönern Zeit. Sonderbar ists, daß hier so manche noch außer uns weilen, die alle nicht baden und nicht trinken, nämlich Nieß und sogar der Hauptmann.«

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 6, München 1959–1963, S. 225-229.
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