Nr. 37. Eine auserlesene Kabinettsdrüse

[827] Neues Testament


Der September war so schön, der die schönste Rose, Wina, versetzt hatte, daß dem Notar Rock, Stube und Stadt zu enge wurde; er wollte ein wenig in die weite Welt hinaus. Er reisete unsäglich gern, besonders in unbekannte Gegenden; weil er unterwegs glaubte, es sei möglich, daß ihm eines der romantischsten lieblichsten Abenteuer zuflattere, von dem er noch je gelesen. Daher war das erste, was er in einer neuen Stadt machte, kleine Stundenreisen um sie herum. Hatt' er aber lange da gewohnt, so lief er zuzeiten in eine neue Gasse ein und machte sich mit besonderem Vergnügen glaublich, er sei eben auf Reisen in einer ganz fremden Stadt, aus der er noch dazu die Freude hatte, in seiner anzulangen, sobald er nur um die Ecke umbog. Ja sah er nicht träumend dem Laufe der Chausseen nach, die wie Flüsse die Landschaft schmücken, weil sie, wie diese, ohne Wohin und Woher unendlich ziehen und das Leben spiegeln? – Und dacht' er jetzt nicht, auf einer davon geht das stille Mädchen dahin und sieht den blauen Himmel und den Vater an und denkt an vieles?

Nur war er lange im Zweifel und Skrupel, obs nicht Sünde sei, das wenige von den Eltern und Instrumenten gewonnene Geld bloß vergnügt zu verreisen, zumal da der Bruder Vult nach seiner Gewohnheit wieder anfing, nicht viel zu haben. Er las alle moralischen Regeln des reinen Satzes genau durch, um zu erfahren, ob er diese süß tönende Ausweichung oder diese Quinten-Fortschreitung von Lust zu Lust in sein Kirchenstück aufnehmen dürfe; und noch war er unentschieden, als Flitte alles dadurch entschied, daß er den Stadttürmer, bei welchem er wohnte, zu ihm schickte und sagen ließ, er liege auf dem Sterbebette und wünsche noch diesen Abend sein Testament durch einen Notar zu machen.

Wenn die Welt hinter dem Notar den Turm besteigen soll, wo der Elsasser sich tödlich gebettet, so müssen ihr vorher, ohne[827] lange darüber zu reden, die notwendigsten Treppen hingestellt werden, die zu seinem Lager bringen; alles war so:

Das Glück ist ein so schlechter Freund als dessen Günstlinge die Natur gibt den Weisen auf die Lebensreise zu wenig Diätengelder mit – Flitte war ein solcher Weiser, und wiewohl er längst die Regel kannte, daß das Ende des Geldes wie das eines Parks geschickt verborgen werden müsse: so fehlt' ihm doch der allgemeine nervus rerum gerendarum zu dieser List.

In Städten, wo Flitte nur durchflog, vermocht' er leichter etwas, und wär' es auch nur dadurch gewesen, daß er sich als seinen eigenen reichen Bedienten ankleidete und sich selber anmeldete als seinen Herrn und zum zweitenmal ohne den Kerl wiederkam. In Haßlau tat es ihm einen Monat lang gute Dienste, daß er auf seine Kosten einen Teich abziehen und darin nach einem kostbaren Tafelsteine stochern und wühlen ließ, den er wollte hinein verloren haben. Aber der Hunger, der ebensowohl als Philipp II., zumal unter des letztern Regierung, der Mittagsteufel heißen sollte, und noch mehr der Kleiderteufel und jeder Tag hatten ihm allmählich ein anständiges Gefolge von Lehnlakaien oder valets de fantaisie, das immer hinter ihm ging unter dem bekannten Namen Gläubiger, in die Dienste geführet und zugewälzt. Oft schickten diese wahren Kammer-Mohren ihre eignen Laden- und andere Diener als Mephistophelesse, die, ohne zitiert zu sein, ihn selber zitierten.

Deswegen zog er auf den Glockenturm – seinen Schuldturm –, um durch die unzähligen Treppen manche Besuche zu verleiden, oder aus dem Glockenstuhle vorauszusehen. Unten in der Stadt schwur er stets, er hab' es getan, um eine schöne freie Aussicht zu genießen, so sehr er auch die Beschwerden sich vorher habe denken können. Unter seinen Gläubigern war nun ein junger Arzt, namens Hut, der sich sehr aufblies und der wenige Patienten hatte, weil er ihnen das Sterbliche auszog und sie verklärte. Dieser Hut hatte den vier großen Brownischen Kartenköniginnen seine vier ganzen Gehirnkammern eingeräumt – der Sthenie die erste vorn heraus – der Hypersthenie die zweite – der Asthenie die dritte –[828] der Hyperasthenie die vierte als wichtigste –, so daß die vier großen Ideen ganz bequem allein ohne irgendeine andere darin hausen konnten. Gleichwohl macht' er mit der heiligen Tetraktys von vier medizinischen syllogistischen Figuren selber noch keine sonderliche; der alte Spaß über den Doktorhut des Dr. Huts wurde stets erneuert.

Der galante Flitte tat nun seinem Gläubiger folgenden Antrag: Die Stadt stecke voll Vorurteile – er selber in leichten Schuldengesetzt aber, er stelle sich ein wenig tödlich krank und mache sein Testament: so heile erstlich durch einen Betrug sich die Stadt von ihrem Selbstbetrug, wenn Hr. Dr. Hut ihn öffentlich wiederherstelle, und er selber zweitens, wenn er sein Vermögen dem Hofagent Neupeter vermache, gewinne diesen nach der schon längst gewonnenen Tochter und könne sie heiraten und Herrn Hut leichter bezahlen. Der Doktor ging weigernd den Antrag ein.

Nach wenigen Tagen erkrankte der Elsasser sehr tödlich – erbrach sich – aß und trank nichts mehr (ausgenommen in seltenen einsamen Augenblicken) – nahm das Abendmahl, das er und andere, wie er dachte, ja auch in gesunden Tagen nähmen. Endlich mußte zum Notar in der Nacht geschickt werden, damit er den Letzten Willen aufsetzte.

Walt erschrak; Flittens tanzende blühende Jugend hatt' er geliebt, und ihn dauerte ihre Niederlage. Schwer, schwül, bewölkt legt' er den langen hohen Treppen-Gang zurück. Die dicke Glocke schlug 11 Uhr, und ihm klangs, als bewegte der Todesengel den Leichen-Klöppel darin. Matt und leise und geschminkt (aber weiß) lag der Elsasser da, unter sieben Testierzeugen, wovon der Frühprediger Flachs auch einer war, der es mit seinem blassen langen Gesicht zu keinem Vesperprediger bringen konnte.

Walt nahm stumm voll Mitleids des Patienten Hand mit der Rechten und zog mit der Linken sein Petschaft und Papier aus der Tasche; und überzählte mit den Augen kurz die Zeugen. Er foderte drei Lichter, weil sie das promptuarium juris von ihm foderte zu Nachttestamenten; war aber mit einem elenden zu[829] frieden, weil auf dem ganzen Leucht-Turm kein zweites zu haben stand, desgleichen kein drittes, und er viel zu mitleidig und zu eilig war, jemand in die Nacht und den Turm herabzuschicken nach Licht.

Der Kranke fing an, das erste Vermächtnis zu diktieren, nach welchem dem Kaufmann Neupeter Flittens ganze Dividende am längst erwarteten westindischen Schiffe zustarb, desgleichen ein versiegeltes, mit OUF bezeichnetes Juwelenkästchen, das von den Gebrüdern Heiligenbeil in Bremen abzufodern war. – Es war sichtbar, daß Flitte, obwohl halb tot, doch überall auf diktierte gut stilisierte Schreibart ausging. – Aber Walt mußte einhalten und einen Löffel Wasser fordern, um einige Dinte aus dem Dintenpulver zu machen, in das er eintunkte. Als die Dinte fertig war, fand er wieder sehr ungern, daß die neue ganz anders aussehe als die alte, und daß er so das Instrument geradezu entgegen allen Notariats-Ordnungen – mit doppelter Dinte hinschreibe. Gleichwohl bracht' ers nicht über sein höfliches Herz, alles zu zerreißen und von neuem anzuheben.

Darauf testierte der Kranke dem dürftigen Flachs seine silbernen Sporen und seinen mit Seehund bezognen leeren Koffer und die Reitpeitsche. Dem Dr. Hut vermacht' er alles, was er an Aktiv-Schulden in der Stadt zu fodern hatte.

Er mußte innenhalten, um einige Kräfte zu schöpfen. »Auch vermach' ich dem Hrn. Notar Harnisch«, hob er mit schwacher Stimme wieder an, »für das Vergnügen, ihn zu kennen, alles, was sich teils an Barschaft, teils an Wechseln nach meinem Tode bei mir vorfinden mag, und was sich gegenwärtig nicht über 20 Friedrichsd'or belaufen wird, daher ich ihn bitte, vorlieb zu nehmen, und meinen goldnen Fingerring noch beifüge.«

Walt konnte kaum die Feder führen; und wollt' es auch nicht mehr; denn er errötete vor so vielen Zeugen und von einem sterbenden Menschen, dem er nichts vergelten konnte, so ansehnlich beschenkt zu werden; er stand auf, drückte stumm vor Mitleiden und Liebe die gebende Hand und sagte nein und bat ihn, doch einen Arzt zu wählen.

»Dem Hrn. Stadttürmer Heering« – wollte Flitte fortfahren,[830] sank aber, geschwächt durch Sprechen, aufs Kissen zurück. Heering sprang herbei, lockerte die Kissen besser auf und setzte den Patienten ein wenig in die Höhe. Es schlug 12 Uhr; und Heering sollte nachschlagen; aber er wollte in einen solchen Aktus nicht hämmern auf der Glocke, sondern erhielt Stille, damit man den Testierer forthöre: »ihn also bedenk' ich mit meinem feinen weißen Zeuge, desgleichen mit allen meinen Kleidern – nur die Reitstiefel gehören der Magd – und allem, was noch von einer reichbesetzten Tabatiere in meinem Koffer übrigbleibt, wenn man davon Leichen- und andere Kosten bestritten hat.«

Bald nach einigen Legaten und nach den Formalitäten, die den letzten Willen eines Menschen noch mehr erschweren als den schlimmsten vorher, war alles abgetan. Noch drang der sichtbar mehr ermattende Elsasser darauf, daß der Notar jetzt alle seine Effekten mit dem Notariatsspiegel zupetschiere. Er tats, da ihm alle Promptuarien, sowohl von Hommel als Müller, dafür bürgten, daß ers könne.

Es war ihm bitter, von dem armen lustigen Vogel – der ihm Federn und goldne Eier zurückließ – zu scheiden und ihn schon in den Krallen der rupfenden Todes-Eule um sich schlagen zu sehen. Heering leuchtete ihm und sämtlichen Zeugen herab. »Mir wills schwanen«, sagte der Türmer, »daß er die Nacht nicht übersteht, ich habe meine kuriosen Zeichen. Ich hänge aber morgen früh mein Schnupftuch aus dem Turme, wenn er wirklich abgefahren ist.« Schauerlich trat man die langen Treppenleitern durch die leeren dumpfen Turm-Geklüfte, worin nichts war als eine Treppe, herunter. Der langsame eiserne Perpendikelschlag, gleichsam das Hin- und Hermähen der an die Uhr gehangenen Eisen-Sense der Zeit – das äußere Windstoßen an den Turm das einsame Gepolter der neun lebendigen Menschen – die seltsamen Beleuchtungen, die die getragene Laterne durch die oberste Empore hinunter in die Stuhlreihen flattern ließ, in deren jeder ein gelber Toter andächtig sitzen konnte, sowie auf der Kanzel einer stehen – und die Erwartung, daß bei jedem Tritte Flitte verscheiden und als bleicher Schein durch die Kirche fliegen könne, – – das alles jagte wie ein banger Traum den Notar im[831] düstern Lande der Schatten und Schrecken umher, daß er ordentlich von Toten auferstand, als er aus dem schmalen Turme unter den offnen Sternenhimmel hinaustrat, wo droben Auge an Auge, Leben an Leben funkelte und die Welt weiter machte.

Flachs, als Geistlicher von den vier letzten Dingen mehr lebend als ergriffen, sagte zu Walt: »Sie haben Glück bei Testamenten.« Aber dieser bezog es auf seinen Stil und Stand, er dachte an nichts als an das närrische hüpfende Lebens-Karnaval, wo der zu ernsthafte Tod am Schlusse den Tänzern nicht nur die Larven abzieht, auch die Gesichter. Im Bette betete er herzlich für den jetzt kämpfenden Jüngling um einige Abendröte oder Frühlingsstrahlen in der wolkigen Stunde, welche auf jeden Menschen wie ein unendlicher Wolkenhimmel plötzlich oben herunterfällt und ihn zugehüllt auflöset. Er drückte dabei fest die Augen zu, um über nichts Zufälliges etwan zusammenzuschaudern.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 827-832.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Flegeljahre
Flegeljahre; Eine Biographie
Flegeljahre: Eine Biographie
Flegeljahre. Eine Biographie
Flegeljahre: Eine Biographie (insel taschenbuch)
Flegeljahre: Roman (Fischer Klassik)

Buchempfehlung

Jean Paul

Titan

Titan

Bereits 1792 beginnt Jean Paul die Arbeit an dem von ihm selbst als seinen »Kardinalroman« gesehenen »Titan« bis dieser schließlich 1800-1803 in vier Bänden erscheint und in strenger Anordnung den Werdegang des jungen Helden Albano de Cesara erzählt. Dabei prangert Jean Paul die Zuchtlosigkeit seiner Zeit an, wendet sich gegen Idealismus, Ästhetizismus und Pietismus gleichermaßen und fordert mit seinen Helden die Ausbildung »vielkräftiger«, statt »einkräftiger« Individuen.

546 Seiten, 18.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon