Nr. 27. Spatdrüse von Schneeberg

[755] Gespräch


Walt kam am ersten aus dem Lachen zu sich und zur ernsten Frage, wie Vult vor der Stadt seine Augen-Rolle jetzt hinausspiele. »Ich habe«, sagte Vult, »schon einigen Schimmer, dann bessert sichs zusehends, zuletzt komm' ich mit einer großen Kurzsichtigkeit davon.« Der Notar bezeugte, wie er sich auf eine leichtere Zukunft freue, worin sich das Leben wie eine bunte Blume weit auftun würde. Er übergoß den Virtuosen, in der Hoffnung, ihn zu überraschen, mit einem Frühlingsregen von wohlriechenden Wassern des Lobs auf die Flöte. Allein fahrende Ton-Meister, die man stets laut beklatscht, und nur hinter ihrem Rücken auspfeift, sind fast noch eitler als Schauspieler, welche doch zuweilen eine gute Monatsschrift kneipt und ärgert. »Ich darf mich«, versetzte[755] Vult, »wohl, ohne die Bescheidenheit zu verletzen, einiger Bescheidenheit rühmen. Aber wie hörtest du? Voraus und zurück, oder nur so vor dich hin? Das Volk hört wie das Vieh nur Gegenwart, nicht die beiden Polar-Zeiten, nur musikalische Silben, keine Syntax. Ein guter Hörer des Worts prägt sich den Vordersatz eines musikalischen Perioden ein, um den Nachsatz schön zu fassen.«

Der Notar erklärte sich darüber ganz vergnügt; er teilte dem Flautisten die gewaltige Verstärkung des Eindrucks mit, die er selber der Flöte durch die Szenen-Träume, durch die Mädchen und durch Wina zugeschickt, ohne zu erraten, daß Vultens ganzes Gesicht an diesem Lorbeer verzogen käue, weil er den Unmut seinem mangelhaften Streckvers zuschrieb, worin der Virtuose las. Dieser hatte das Gedicht in der Hoffnung aufgenommen, es lobe keine andern Schönheiten als musikalische. »Es ist«, sagte der Notar stockend, »an die Braut des Grafen; ich bin auch nicht zufrieden mit manchem harten Fuß darin, ich meine den Ditrochäus ( ñ – ñ –), den dritten Päon ( ñ ñ – ñ) und den Jonikus mit dem langen Anfang (– – ñ ñ)

aber im Feuer wird man leicht hart.« – »Wie Prügel z.B. und Eier«, sagte Vult. »Aber, o Gott, wie hören deine Menschen! Sollte man nicht lieber seine Flöte zum Blasrohr oder zur Kinder-Klistierspritze ansetzen oder zu Hobelspänen für einen Sarg verschneiden, wenn man so die gräßliche Bespritzung des einzigen Himmlischen erfährt, das noch über die Lebens-Spießbürgerei oben vorüberfliegt? –

Ich ziele nicht auf dich, Notar; aber du bringst mich darauf. Denn wie besonders Musik entheiligt wird – obgleich jede Kunst überhaupt – das höre! Tafelmusik lass' ich noch gelten, weil sie so schlecht ist wie Tafelpredigten, die man in Klöstern ins Käuen hinein hält; von verfluchten, verruchten Hofkonzerten, wo der heilige Ton wie ein Billardsack am Spieltische zum Spielen spielen und klingeln muß, red' ich gar nicht vor Grimm, da ein Ball in einem Bilderkabinett nicht toller wäre; aber das ist Jammer, daß ich in Konzertsälen, wo doch jeder bezahlt, mit solchem Rechte erwarte, er werde für sein Geld etwas empfinden wollen; allein ganz umsonst. Sondern damit das Klingen aufhöre ein[756] paarmal und endlich ganz, – deswegen geht der Narr hinein. Hebt noch etwas den Spießbürger empor am Ohr, so ists zwei-, höchstens dreierlei: 1. wenn aus einem halbtoten Pianissimo plötzlich ein Fortissimo wie ein Rebhuhn aufknattert, 2. wenn einer, besonders mit dem Geigenbogen, auf dem höchsten Seile der höchsten Töne lange tanzt und rutscht und nun kopfunter in die tiefsten herunterklatscht, 3. wenn gar beides vorfällt. In solchen Punkten ist der Bürger seiner nicht mehr mächtig, sondern schwitzt vor Lob.

Freilich bleiben Herzen übrig, Walt, die delikater fühlen und eigennütziger. Ich habe aber Stunden, wo ich aufbrausen kann gegen ein paar verliebte Bälge, die, wenn sie etwas Hohes in der Poesie oder Musik oder Natur vorbekommen, sofort glauben, das sei ihnen so recht auf den Leib gemacht, an ihren flüchtigen Erbärmlichkeiten, die ihnen selber nach einem Jahr bei noch größerer als solche erscheinen, habe der Künstler sein Maß genommen und komme mit dem gestickten Krönungsmantel und Isisschleier auf dem Ärmel zurück, für die Kunden. Ein Associé von Neupeter sieht bei solcher Gelegenheit nachts gen Himmel an die Milchstraße und sagt zur Kauffrau: ›Edle, so empfange jenen Kreis als einen schlechten Ring von mir zum Zeichen und Braut-Gürtel unseres himmlischen Bunds.‹«

»Ei, Bruder«, sagte Walt, »du bist so hart: was kann denn ein Mensch für eine Empfindung oder gegen sie, es sei in der Kunst oder großen Natur? – Und wo wohnen denn beide, so groß sie auch sind, als nur in einzelnen Menschen? – Wohl mag er sie sich daher zueignen, als wären sie für ihn allein. Die Sonne geht vor Schlachtfeldern voll Helden – vor dem Garten der Brautleute – vor dem Bette eines Sterbenden zugleich auf, ja in derselben Minute vor andern unter; und doch darf jeder nach ihr sehen und sie an sich heranziehen, als beleuchte sie seine Bühne nur allein und stimme ein in sein Leid oder in seine Lust; und ich möchte sagen, gerade so wie man Gott so anruft als den seinigen, indes doch ein Weltall vor ihm betet. Ach sonst wär' es ja schlimm, wir sind ja alle einzelne.«

»Gut, so nehmt die Sonne hin«, sagte Vult, »aber nur der[757] Paradiesesfluß der Kunst treib' eure Mühlen nicht. Darfst du Tränen und Stimmungen in die Musik einmengen: so ist sie nur die Dienerin derselben, nicht ihre Schöpferin. Eine elende Pfeiferei, die dich am Todestage eines geliebten Menschen aus den Angeln höbe, wäre dann eine gute. Und was wäre das für ein Kunst-Eindruck, der wie die Nesselsucht sogleich verschwindet, sobald man in die kalte Luft wieder kommt? Die Musik ist unter allen Künsten die rein-menschlichste, die allgemeinste.« – –

»Desto mehr Besonderes geht hinein«, versetzte Walt;»irgendeine Stimmung muß man doch mitbringen; warum nicht die günstigste, die weichste, da das Herz ja ihr wahrer Sangboden ist? – Aber deine Lehre will ich nicht vergessen, nämlich voraus- und zurückzuhören.«

»Wie gings dir sonst?« fragte Vult mürrisch. »Denn ich bleibe dabei, Wirklichkeit in die Kunst zu kneten zum Effekt ist so eine Mischung wie an manchen Deckengemälden, in welche der Perspektive wegen noch wirkliche Gips-Figuren geklebet sind. Erzähle!« Walt – der Vults Murrsinn bloß seiner unkünstlerischen Hörkunst zuschrieb und über welchen ohnehin die Liebe ihren Traghimmel hielt – erzählte sanft und gern, wie eifrig er bisher den Grafen gesucht, wie er ihm bei Neupeter, dessen Diner er beschrieb, gegenüber gesessen, mit ihm gesprochen und an ihm gefunden, daß er durch die stolze Gewandtheit seines Geistes und durch den philosophischen Schwung über enge Blicke und Winke dem Flötenspieler so ungemein ähnlich sei. »Du liebst Dubletten, doch wahrlich hier sind keine, Freund; aber nur weiter!« versetzte Vult, dem, wie Frauen, kein Lob der Ähnlichkeit gefiel.

Darauf zeigt' er Winas Briefumschlag her als Einlaßkarte in Klothars Zimmer und Ohr. »Ja, ja, ganz natürlich – überhaupt (fing Vult an); aber nenne nur ins Henkers Namen nicht Spieß- und Pfahlbürgerinnen wie die Dlles Neupeter Damen; in großen Städten, an Höfen gibts Damen, aber in Haßlau nicht. Dein höllisches Preisen! Ich will gehangen sein, sprichst du mehreren Mamsellen auf der Welt den Verstand ab als fünfen, den fünf törichten im Neuen Testamente. – Und was hältst du von der weiblichen Tugend dieser scharmanten Wesen, der fünf klugen,[758] der Rosenmädchen, der Wickel- und Freifrauen und der ersten Sängerinnen? Aber ich weiß es schon.«

»Nun, ich scheue mich nicht«, versetzte der Notar, »wenigstens dir, meinem leiblichen Bruder, zu bekennen, daß ich bis diese Stunde keinen Begriff habe, daß ein vornehm gekleidetes schönes Frauenzimmer sich sündlich vergessen könne; etwas anders ist eine Bäuerin. Gott weiß wie heilig und zart alle insgeheim sind; wer wills wissen? Aber mein Blut, das weiß ich, könnt' ich für jede hingeben.«

Da sprang der Flautist wie von Verwunderung besessen im Zimmer auf und nieder, schnappte mit beiden Händen wie mit Schnappweifen, nickte mit dem Kopfe und wiederholte: »Vornehm gekleidetes!« – Es wäre zu wünschen, daß die Leserinnen sein anstößiges Erstaunen, wenn nicht rechtfertigen, doch entschuldigen wollten mit den Verhältnissen, worein er auf seinen großen Reisen geraten mußte, da es, wie schon gemeldet worden, wenig größere Städte und höhere Stände gab, denen er nicht blies als anerkannter Flötenmeister. Das bessert seinen Handel um vieles.

Walt wurde von der mimischen Widerlegung sehr beleidigt: »Rede wenigstens!« sagt' er, »denn dies widerlegt mich nicht.« – Aber Vult versetzte mit dem gleichgültigsten Tone von der Welt: »De gustibus non und so weiter. Von etwas Schönerem! Äußertest du nicht vorhin etwas, als ob beide Dlles Neupeter sich in der Tat für häßlich ansähen, und zeigtest ein Mitleid?« – »Desto besser«, sagte Walt, »wenn sie sich schöner finden. Bei allen Mädchen entschuldige ich das, weil sie sich nur im Spiegel sehen, mithin, wie du aus der Katoptrik wohl weißt, gerade in einer noch einmal so großen Ferne als der Fremde sie; jede Ferne aber, auch die optische, macht schöner.«

»So scheints«, sagte Vult erstaunt. »Spaßeshalber will ich dir doch nur die drei Weiber, so weit ich sie im Klatschrosen-Tal kennen lernen, aufstellen. Die alte Engelberta – nein, das ist die Tochter – die Mutter also, mag noch hingehen; ihr Herz ist ein ausgesessener Großvaterstuhl, und übrigens hat sie von der Muschel-Auster nicht nur die Seele geerbt, sondern auch die[759] Perlen. Freilich, wäre der Agent weniger bemittelt, so würde sie wohl, als Widerspiel der Österreicher Infanterie, die im Kriege aus den Zwilchkitteln Brotsäcke machen muß21, seinen Brotsack zu einem bunten Kittel verschneiden. – – Engelberta, nun sie scherzt zuweilen – viele nennens Verleumden – wie Festungen bei schlimmem Wetter, so tut sie immer Ausfälle, wiewohl man sie nicht eben belagert – wehrt sich, wie ein Hamster gegen einen Mann zu Pferde, und ich könnte sie wie den Hamster am Stocke wegtragen, worein sie sich eingebissen. – Raphaela – sie empfinde, sagst du; aber doch nicht mehr als mein Fingernagel oder meine Ferse? frag' ich. Freilich will sie, ich bekenne es, an der Angelschnur ihres sentimentalischen Haar- und Liebesseiles und an der biegsamen Angelrute ihrer poetischen Blumenstengel sich einen hübschen Walfisch von Gewicht aus dem Meere heben was andere einen Ehemann nennen. An ihrem Ufer, zu ihren Füßen schnalzt der kleine glatte Elsasser Flitte, der gern lebte und sich gern als ein Goldfischchen in einem Gehäuse auf einer Tafel stehen sähe, Semmelkrumen aus schönsten Händen fressend. Die andern – Aber was solls? An der ganzen Tafel dauert mich nichts als der südliche – Wein. Es ist Sünde, wenn ihn jemand anders trinkt als ein Kopf von Witz. Es ist Sünde gegen den heiligen Geist des Weins, wenn er Fracht-Mägen gemeiner Menschen durchziehen muß.«

»O Gott«, sagte Walt, »wie oft brauchst du nicht den Ausdruck gemeine Menschen, aber so erzürnt dabei, als habe sich das Gemeine freiwillig von einer Höhe herabbegeben oder das Ungemeine zu einer hinauf, indes du doch milder von Tieren und Feuerländern sprichst!«

»Warum? – Mich erbittert die Zeit, das Leben, der Satan. Überhaupt – aber was hilfts? – Grüße den Grafen von mir herzlich morgen. Von den ehrlichen sieben Erben haben dir doch ein paar an nahe 32 Beete gestohlen, ganz gegen meine Meinung weniger als gegen deine. Inzwischen Addio!« sagte Vult, schied hastig, über den geringen Erfolg verdrüßlich, womit er mit seiner Welt und Kraft den unerfahrnen Meinungen des sanften Bruders gebot.[760]

Walt sagte mit zärtlichster Stimme gute Nacht, aber ohne Umarmung, und er sah ihn nur mit Lieb' und Trauer an. Er warf sich vor, daß er durch seine Urteile den künstlerischen Bruder so wenig belohnet, und daß er diesem die – Beete verloren habe. »Wenigstens aber hab' ich ihm doch«, sagt' er, »die Tafelschmähungen gegen ihn22verschwiegen.« Er hielt es nur für erlaubt, ein Lob hinter dem Rücken, nicht einen Tadel hinter dem Rücken dem Gegenstande mitzuteilen.

21

Gesetzbuch für die kais. k. Armee. 1785. S. 248.

22

An Neupeters Tische, wo er ihn kurz und stark verteidigt hatte.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 2, München 1959–1963, S. 755-761.
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