11. Hundposttag

[632] Übergabe der Prinzessin – Kuß-Kaperei – montre à regulateur – Sammliebe


Voltaire, der kein gutes Lustspiel schreiben konnte, wäre nicht imstande, den eilften Hundposttag zu machen. –

Bei dem eilften Hundtag bemerk' ich freilich, daß die Natur[632] Gewächse mit allen Anzahlen von Staubfäden geschaffen, nur keine mit eilf; und auch Menschen mit eilf Fingern selten.

Inzwischen ist das Leben, gleich den Krebsen, am schmackhaftesten in den Monaten ohne R.

Darwider sagen einige, die Feder eines Autors gehe wie eine Uhr desto schneller, je länger sie geht; ich aber wend' es um und sage, aus Vielschreibern werden vielmehr Schnellschreiber.

Und doch will man Menschen, die das fünfte Rad am Wagen sind, nicht leiden; aber jedem Rüstwagen ist ein fünftes hinten aufgeschnallet, und im Unglück ist es ein wahres Glückrad. Reinhold las Kants Kritik fünfmal durch, eh' er ihn verstand – ich erbiete mich, ihm verständlicher zu sein, und verlange nur halb so oft gelesen zu werden.

Frei heraus zu reden, so heg' ich einige Verachtung gegen einen Kopf voll Spring-Ideen, die mit ihren Springfüßen von einer Gehirnkammer in die andre setzen; denn ich finde keinen Unterschied zwischen ihnen und den Springwürmern im Gedärm, welche Goeze vor einem Licht drei Zolle hoch springen sah.

Allerdings hängt der folgende Gedanke nicht recht mit der vorigen Schluß- und Blumenkette zusammen: daß ich besorge, Nachahmer zu finden, um so mehr, da ich hier selber einer von gewissen witzigen Autoren bin. In Deutschland kann kein großer Autor eine neue Fackel anbrennen und sie so lange in die Welt hinaushalten, bis er müde ist und das Stümpchen wegwirft, ohne daß die kleinen darüber herfallen und mit dem Endchen Licht noch halbe Jahre herumlaufen und herumleuchten. So liefen mir (und andern) in Regensburg tausendmal die Buben nach und hatten Überbleibsel von Wachsfackeln, die das Gesandten-Personale weggeworfen hatte, in Händen und wollten mich bis zu meinem Hauswirt leuchten für wenige Kreuzer.... Stultis sat!

– Viktor eilte am Morgen ins Schloß. Er bekam einen kaufmännischen Anzug und die Bude. Um zehn Uhr fiel die »Übergabe« der Prinzessin vor. Die drei Zimmer, worin sie vorgehen sollte, lagen mit ihren Flügeltüren seinem Kaufladen entgegen. Er hatte die Prinzessin noch nie gesehen – außer die ganze Nacht in jedem Traum – und konnte alles kaum erwarten...[633]

Und der Leser auch: schneuzt er nicht jetzt Licht und Nase – füllt Pfeife und Glas – ändert die Stellung, wenn er auf einem sogenannten Lese-Esel reitet – drückt das Buch glatt auseinander und sagt mit ungemeinem Vergnügen: »Auf die Beschreibung spitz' ich mich gewissermaßen«? – Ich wahrlich nicht; mir ist, als sollt' ich arkebusiert werden. Wahrhaftig! ein Infanterist, der mitten im Winter Sturm läuft gegen eine feindliche Mauer vom dicksten Papier in einer Oper, hat seinen Himmel auf der Erde, mit einem Berghauptmann meines Gelichters verglichen.

Denn einer, der Kaffee trinkt und eine Beschreibung von irgendeinem Schulaktus des Hofs machen will – z.B. von einem Courtag – von einer Vermählung (im Grunde von den Vorerinnerungen dazu) – von einer Übergabe –, ein solcher Trinker macht sich anheischig, Auftritte, deren Würde so äußerst fein und flüchtig ist, daß der geringste falsche Nebenzug und Halbschatten sie völlig lächerlich macht – daher auch Zuschauer wegen solcher dazugedachter Nebenstriche über sie in natura lachen – er macht sich anheischig, sag' ich, solche ans Komische grenzende Aufzüge so wiederzugeben, daß der Leser die Würde merkt und so wenig dabei lachen kann, als spielte er selber mit. Es ist wahr, ich darf ein wenig auf mich bauen, oder vielmehr darauf bauen, daß ich selber an Höfen gewesen und den angeblichen Klaviermeister gemacht (ob dieser eine Maske höherer Würden war oder nicht, lass' ich hier unentschieden); man sollte also von einem Vorzug, der mir fast vor der ganzen schreibenden Hanse zuteil geworden, und dem ich wirklich mein (von einigen) in der Hof-Scientia media entdecktes Übergewicht über die schriftstellerische so niedrige Schiffmannschaft gern verdanke, davon sollte man sich fast außerordentliche Dinge versprechen. – Man wird aber schlimm abfahren; denn ich war nicht einmal imstande, meinem Zögling Gustav den Krön-Prozeß in Frankfurt so ernsthaft vorzutragen, daß dieser aufhörte zu – lachen. So wußte auch Yorick niemals so zu schelten, daß seine Leute davonliefen, sondern sie mußten es für Spaß halten.

Mein Unglück wär's gewesen, wenn ich die Übergabe der Prinzessin – anfangs dacht' ich freilich, es wäre dann mehr Würde[634] darin – unter dem Bilde einer mit einem Türspan besiegelten Haus-Übergabe an Gläubiger abgeschildert hätte, oder wie eine Übergabe eines Feudums durch investitura per zonam – oder per annulum – oder per baculum secularem24. – – Ich bin aber zum Glück darauf gekommen, die Übergabe unter der poetischen Einkleidung einer historischen Benefizkomödie mit derjenigen Würde abzumalen, die Theater geben. Ich habe dazu soviel und mehr Einheit des Orts – (drei Zimmer) –, der Zeit – (den Vormittag) und des Interesse – (den ganzen Spaß) – in Händen, als ich brauche. Und wenn ein Autor noch dazu – das tu' ich – vorher die betrübtesten ernsten Werke durchlieset, Youngs Nachtgedanken – die akatholischen gravamina der Lutheraner – den dritten Band von Siegwart – seine eignen Liebebriefe; ferner wenn er sichs noch immer nicht getrauet, sondern gar vorher Homes und Beatties treffliche Beobachtungen über die Quellen des Komischen vor sich legt und durchgeht, um sogleich zu wissen, welchen komischen Quellen er auszuweichen habe: so kann ein solcher Autor schon ohne Besorgnis der Prahlerei seinen Lesern die Hoffnung machen und erfüllen, daß er, des Komischen sich so komisch er wehrend, vielleicht nicht ohne alle Züge des Erhabnen liefern und malen werde folgende


historische Benefizkomödie von der Übergabe der Prinzessin, in fünf Akten


(Das halbe Wort Benefiz bedeutet bloß den Nutzen, den ich selber davon habe.)

Erster Akt. Unter drei Zimmern ist das mittlere der Schauplatz, wo man spielt, der Handelsplatz, wo man auslegt, der Korrelationsaal (regensburgisch zu reden), wo alles Wichtige zeitigt und reift – hingegen in dem ersten Nachbar-Zimmer steckt der italienische, im zweiten der flachsenfingische Hofstaat, und jeder[635] erwartet ruhig den Anfang einer Rolle, für die ihn die Natur geschaffen. Diese zwei Zimmer halt' ich nur für die Sakristeien des größten.

Das Mittelzimmer, d.h. sein Vorhang, der aus zwei Flügeltüren gemacht ist, geht endlich auf und zeigt dem Associé Sebastian, der aus seinem Laden neben der katarrhalischen Firma hereinguckt, viel. Es tritt auf an der Türe der Kulisse No. 1 ein rotsamtner Stuhl; an der Türe der Kulisse No. 2 wieder einer, ein Bruder und Anverwandter von jenem; es sind diese Duplikate die Sessel, worin sich die Prinzessin setzt im Verfolge der Handlung, nicht weil die Müdigkeit, sondern weil ihr Stand es ausdrücklich begehrt. Mitten im Handeln ist schon ein langer befranster Tisch begriffen, der das Mittelzimmer, das selber ein Abteilzeichen der zwei Kulissen ist, abteilt in zwei Hälften. Man sollte nicht erwarten, daß dieser Sektiontisch sich seines Orts wieder von etwas werde halbieren lassen, was ein Dummer kaum sieht. Aber ein Mensch trete in Viktors Laden: so wird er einer Seidenschnur ansichtig, die, unter dem Spiegeltisch anfangend, über den Achatboden und unter dem Partage-Tisch wegstreichend, aufhört vorn an der Türschwelle; und so teilt ein bloßer Seidenstrang leicht den Abteiltisch und dadurch das Abteilzimmer und am Ende die Abteilschauspielergesellschaft in zwei der gleichsten Hälften – lasset uns daraus lernen, daß am Hofe alles tranchiert wird, und selber der Prosektor wird zu seiner Zeit hingestreckt auf den Zergliedertisch. Von dieser seidenen Schnur, womit der Großherr seine Günstlinge von oben dividiert, aber in Brüche, kann und soll im ersten Akt nicht mehr die Rede sein, weil er – aus ist...

Es wurde mir ungemein leicht, diesen Auftritt ernsthaft abzufassen; denn da nach Platner das Lächerliche nur am Menschen haftet, so war das Erhabene, das in meinem Aufzuge die Stelle des Komischen einnimmt, in einem Akte leicht zu haben, wo gar nichts Lebendiges spielte, nicht einmal Vieh.

Zweiter Akt. Das Theater wird jetzo lebendiger, und auf dasselbe hinaus tritt nun die Prinzessin an der Hand des italienischen Ministers aus der Kulisse No. 1; beide wirken anfangs, gleich der[636] Natur, still auf diesem Paradeplatz, der schon auf dem Papier zwei Seiten lang ist...

Nur einen Blick vom Theater in die Hauptloge! Viktor spielt für sich, indem er unter den Lorgnetten, die er zu verkaufen hat, sich die hohleste ausklaubt und damit die Heldin meiner historischen Benefizkomödie ergreift... Er sah den Beicht- und Betschemel, auf dem sie heute schon gekniet hatte: »Ich wollt',« (sagt' er zu Tostato) »ich wäre heute der Pater gewesen, ich hätt' ihr ihre Sünden vergeben, aber nicht ihre Tugenden.« Sie hatte zwar jenes regelmäßige Statuen- und Madonnengesicht, das ebensooft hohle als volle Weiberköpfe zudeckt; ihre Hofdebüt-Rolle verbarg zwar jede Welle und jeden Schimmer des Geistes und Gesichts unter der Eiskruste des Anstandes; aber ein sanftes Kindesauge, das uns auf ihre Stimme begierig macht, eine Geduld, die sich lieber ihres Geschlechtes als ihres Standes erinnert, eine müde Seele, die sich nach doppelter Ruhe, vielleicht nach den mütterlichen Gefilden sehnte, sogar ein unmerklicher Rand um die Augen, der von Augenschmerzen oder vielleicht von noch tiefern gezeichnet war, alle diese Reize, die zu Funken wurden, welche in den getrockneten Zunder des Associé hinter der Brille geschlagen wurden, machten diesen in seiner Loge ordentlich – halbtoll über das Schicksal solcher Reize. Und warum sollt' es auch einem den Kopf nicht warm machen – zumal wenn schon das Herz warm ist –, daß diese unschuldigen Opfer gleich den Herrnhuterinnen zwischen ihrer Wiege und ihrem Brautbette Alpen und Meere gestellet sehen, und daß die Kabinette sie wie Seidenwurmsamen in Depeschen-Düten versenden? .... Wir kehren wieder zu unserem zweiten Akte, in dem man noch weiter nichts vornimmt, als daß man – ankommt.

Die Kulissen No. 1 und 2 stecken noch voll Akteurs und Aktricen, die nun herausmüssen. An diesem Tage ist es, wo zwei Höfe wie zwei Heere einander in zwei Stuben gegenüber halten und sich gelassen auf die Minute rüsten, wo sie ausrücken und einander im Gesichte stehen, bis es endlich wirklich zu dem kommt, wozu es nach solchen Zurüstungen und in solcher Nähe ganz natürlich kommen muß, zum – Fortgehen. Der Kubikinhalt[637] von No. 1 quillet der Fürstin nach, er besteht aus Italienern – in der nämlichen Minute richtet auch der Hofstaat aus der Kulisse No. 2 seine Marschroute ins Hauptquartier herein, er besteht aus Flachsenfingern. Jetzo stehen zwei Länder – eigentlich nur der aus ihnen abgezogene und abgedampfte Geist – sich einander ganz nahe, und es kömmt jetzt alles darauf an, daß der Seidenstrang, den ich im ersten Akt über die Stube gespannt, anfange zu wirken; denn die Grenzverrückung und Völkermischung zweier so naher Länder, Deutschlands und Welschlands, wäre in einem Zimmer fast so unvermeidlich wie in einer päpstlichen Gehirnkammer, hätten wir den Strang nicht – aber den haben wir, und dieser hält zwei zusammengerinnende Völkerschaften so gut auseinander, daß es nur Jammer und Schade ist – die Ehrlichkeit hat den größten –, daß die deutschen Kabinette keinen solchen Sperrstrick zwischen sich und die italienischen hingezogen haben; und kams denn nicht auf sie an, wo sie den Strick anlegen wollten, am Fußboden, oder an welschen Händen, oder an welschen Hälsen? –

Wenn die englische allgemeine Weltgeschichte und ihr deutscher Auszug einmal die Zeit so nahe eingeholet haben, daß sie das Jahr dieser Übergabe vornehmen und erzählen und unter andern das bemerken können, daß die Prinzessin nach dem Eintritt sich setzte in den Samtsessel: so sollte die Weltgeschichte den Autor anführen, aus dem sie schöpft – mich.... Das war der zweite Akt, und er war sehr gut und nicht sowohl komisch als erhaben.

Dritter Akt. Darin wird bloß gesprochen. Ein Hof ist das Parloir oder Sprachzimmer des Landes, die Minister und Gesandten sind Hörbrüder25. Der flachsenfingische Sekretär las entfernt ein Instrument oder den Kaufbrief ihrer Vermählung vor. Darauf wurden Reden gelispelt – vom italienischen Minister zwei – vom flachsenfingischen (Schleunes) auch zwei – von der Braut keine, welches eine kürzere Art, nichts zu sagen, war als der Minister ihre. – –

Da wahrlich jetzt dieser erhabne Akt aus wäre, wenn ich nichts sagte: so wird mir doch nach vielen Wochen einmal erlaubt sein,[638] ein Extra-Blättchen zu erbetteln und anzuhenken und darin etwas zu sagen.


Erbetteltes Extrablättchen über die größere Freiheit

in Despotien


Nicht nur in Gymnasien und Republiken, sondern auch (wie man auf der vorigen Seite sieht) in Monarchien werden Reden genug gehalten – ans Volk nicht, aber doch an dessen curatores absentis. Ebenso ist in Monarchien Freiheit genug, obgleich in Despotien deren noch mehr sein mag als in jenen und in Republiken. Ein wahrer despotischer Staat hat, wie ein erfrornes Faß Wein, nicht seinen (Freiheit-)Geist verloren, sondern ihn nur aus dem wässerigen Umkreis in einen Feuerpunkt gedrängt; in einem solchen glücklichen Staate ist die Freiheit bloß unter die wenigen, die dazu reif sind, unter den Sultan und seine Bassen, verteilt, und diese Göttin (die noch öfter als der Vogel Phönix abgebildet wird) hält sich für die Menge der Anbeter desto besser durch den Wert und Eifer derselben schadlos, da ihre wenigen Epopten oder Eingeweihten – die Bassen – ihren Einfluß in einem Maß genießen, dessen ein ganzes Volk nie habhaft wird. Die Freiheit wird gleich den Erbschaftmassen durch die Menge der Erbnehmer kleiner; und ich bin überzeugt, der wäre am meisten frei, der allein frei wäre. Eine Demokratie und ein Ölgemälde sind nur auf eine Leinwand ohne Knoten (Ungleichheiten) aufzutragen, aber eine Despotie ist eine erhobene Arbeit – oder noch sonderbarer: die despotische Freiheit wohnt wie Kanarienvögel nur in hohen Vogelbauern, die republikanische wie Emmerlinge nur in langen. –

Ein Despot ist die praktische Vernunft eines ganzen Landes; die Untertanen sind ebenso viele dagegen kämpfende Triebe, die überwunden werden müssen. Ihm gehört daher die gesetzgebende Gewalt allein (die ausübende seinen Günstlingen); – schon bloße gescheite Männer (wie Solon, Lykurg) hatten die gesetzgebende Gewalt allein und waren die Magnetnadel, die das Staatschiff führte; ein Despot besteht, als Thronfolger von jenen, fast aus lauter Gesetzen, aus fremden und eignen zugleich, und ist der [639] Magnetberg, der das Staatschiff zu sich bewegt. – »Sein eigner Sklave sein, ist die härteste Sklaverei«, sagt ein Alter, wenigstens ein Lateiner; der Despot fodert aber von andern nur die leichtere und nimmt auf sich die schwerere. – Ein anderer sagt: parere scire par imperio gloria est; Ruhm und Ehre erbeutet also ein Negersklave so viel wie ein Negerkönig. – Servi pro nullis habentur; daher fühlen auch politische Nullitäten den Druck der Hofluft so wenig wie wir den der andern Luft; despotische Realitäten aber verdienen schon darum ihre Freiheit, weil sie den Wert derselben so sehr zu fühlen und zu schätzen wissen. – Ein Republikaner im edlern Sinn, z.B. der Kaiser in Persien, dessen Freiheitmütze ein Turban und dessen Freiheitbaum ein Thron ist, ficht hinter seiner militärischen Propaganda und hinter seinen Ohnehosen mit einer Wärme für die Freiheit, wie sie die alten Autores in den Gymnasien fodern und schildern. Ja wir sind nie berechtigt, solchen Thron-Republikanern Brutus-Seelengröße früher abzusprechen, als man sie auf die Probe gesetzt; und wenn in der Geschichte das Gute mehr aufgezeichnet würde als das Schlimme, so müßte man schon jetzt unter so vielen Schachs, Khans, Rajahs, Kalifen manchen Harmodion, Aristogiton, Brutus etc. aufzuweisen haben, der imstande war, seine Freiheit (Sklaven kämpfen für eine fremde) sogar mit dem Tode sonst guter Menschen und Freunde zu bezahlen. –


Ende des erbettelten Extrablättchens über die größere Freiheit in Despotien


Das Extrablättchen und der dritte Akt sind aus, aber dieser war ernsthafter und kürzer als jenes.

Vierter Akt. Indem ich den Vorhang herab und wieder hinauf warf: setzte ich die Welt aus dem kürzesten Akt in den längsten. Zur Prinzessin – die jetzt, wie die deutsche Reichsgeschichte meldet, sitzt – trat ihre Landsmannschaft26, die weder sehr ehrlich, noch sehr dumm aussah, die Oberhofmeisterin, der Hof-Beichtvater, der Hof-Äskulap, Damen und Bedienten und alles. Dieser[640] Hofstaat nimmt nicht Abschied – der ist schon ingeheim genommen –, sondern rekapituliert ihn bloß durch eine stille Verbeugung. Der nächste Schritt aller Welschen war aus dem Mittelzimmer nach – Italien.

Die Italiener gingen vor Sebastians Warenlager vorbei und wischten aus ihrem Gesicht, dessen feste Teile en haut-relief waren – die deutschen waren en bas-relief –, einen edlern Schimmer weg, als jener ist, den Höfe geben; – Viktor sah unter so vielen akzentuierten Augenknochen die Zeichen seiner eignen Wehmut vervielfältigt, die ihn für das willige fremde Herz beklemmte, das allein zurückblieb unter dem frostigen Thron- und Wolkenhimmel der Deutschen, von allen geliebten Sitten und Szenen weggerissen, mikroskopischen Augen vorgeführt, deren Brennpunkt in weiche Gefühle sengt, und an eine Brust von Eis gebunden....

Als er alles dieses dachte und die Landsleute sah, wie sie einpackten, weil sie kein Wort mehr mit der Fürstin sprechen durften – und als er die stumme gelenkte Gestalt drinnen ansah, die keine andere Perlen zeigen durfte als orientalische (obgleich der Traum und der Besitz der letztern abendländische bedeutet: Tränen mein' ich), so wünscht' er: »Ach du Gute, könnt' ich nur einen dreifachen Schleier so lange über dein Auge ziehen, bis es eine Träne vergossen hätte! – Dürft' ich dir nur die versteigerte Hand küssen, wie deine Hofdamen jetzt tun, um mit meinen Tränen die Nähe eines gerührten Herzens auf die verkaufte Hand zu schreiben...«

Seid weich und erweitert nicht Fürstenhaß zu Für stinnen-Haß! Soll uns ein gebeugtes weibliches Haupt nicht rühren, weil es sich auf einen Tisch von Mahagoni stützt, und große Tränen nicht, weil sie in Seide fallen? »Es ist zu hart,« – sagte Viktor im Hannöverschen – »daß Dichter und magistri legentes, wenn sie neben einem Lustschloß vorbeigehen, mit einer neidischen Schadenfreude die Bemerkung machen, darin werde vielleicht ebensoviel Tränenbrot gebacken wie in Fischerhütten. O wohl größeres und härteres! Aber ist das Auge, aus dem im Dachsbau eines Schotten nichts Tränen presset als der Stubenrauch, eines größern Mitleids[641] wert als jenes zarte, das gleich dem eines Albinos schon von Freudenstrahlen schmerzt und das der gequälte Geist mit geistigen Zähren erfüllt? Ach unten in den Tälern wird nur die Haut, aber oben auf den Höhen der Stände das Herz durchstochen; und die Zeigerstange der Dorfuhr rückt bloß um Stunden des Hungers und des Schweißes, aber der mit Brillanten besetzte Sekundenzeiger fliegt um öde, durchweinte, verzagende, blutige Minuten.«

Aber zum Glück wird uns die Leidengeschichte jener weiblichen Opfer nie vorgelesen, deren Herzen zum Schlagschatz und, wie andre Juwelen, zu den Throninsignien geworfen werden, die als beseelte Blumen, gesteckt an ein mit Hermelin umgebnes Totenherz, ungenossen zerfallen auf dem Paradebett, von niemand betrauert als von einer entfernten weichen Seele, die im Staatskalender nicht steht...

Dieser Akt besteht fast aus lauter Gängen: überhaupt gleicht diese Komödie dem Leben eines Kindes – im ersten Akt war Hausrat-Besorgung für das künftige Dasein – im zweiten Ankommen – im dritten Reden – im vierten Gehenlernen u.s.w.

Als Deutschland an Welschland und dieses an jenes Reden genug gehalten hatte: so nahm Deutschland oder vielmehr Flachsenfingen oder eigentlich ein Stück davon, der Minister Schleunes, die Fürstin bei der Hand und führte sie aus dem heißen Erdgürtel in den kalten – ich meine nicht aus dem Brautbette ins Ehebette, sondern – aus dem italienischen Territorium der Stube ins flachsenfingische über den seidnen Rubikon hinweg. Der flachsenfingische Hofstaat steht als rechter Flügel drüben und ist gar noch nicht zum Gefechte gekommen. Sobald sie die seidne Linie passiert war: so wars gut, wenn das erste, was sie in ihrem neuen Lande tat, etwas Merkwürdiges war; und in der Tat tat sie vor den Augen ihres neuen Hofs 4 1/2 Schritte und – setzte sich in den flachsenfingischen Sessel, den ich schon im ersten Akt vakant dazu hingestellt. Jetzo rückte endlich der rechte Flügel ins Feuer, zum Hand- und Rockkuß. Jeder im rechten Flügel – der linke gar nicht – fühlte die Wurde dessen, was er anhob, und dieses Gefühl, das sich mit persönlichem Stolz verschmolz, kam – danach Platner der Stolz mit dem Erhabnen verwandt ist – meiner Benefizfarce[642] recht zupasse, in der ich nicht erhaben genug ausfallen kann. Groß und still, in seidne Fischreusen eingeschifft, in einen Roben-Golf versenkt, segeln die Hofdamen mit ihren Lippen an die stille Hand, die mit Ehe-Handschellen an eine fremde geschlossen wird. Weniger erhaben, aber erhaben wird auch das adamitische Personale herangetrieben, worunter ich leider den Apotheker Zeusel mit sehe.

Wir kennen unter ihnen niemand als den Minister, seinen Sohn Matz, der unsern Helden gar nicht bemerkt, den Leibarzt der Prinzessin Kuhlpepper, der, vom Fette und Doktorhut in eine schwere Lots-Salzsäule verwandelt, sich wie eine Schildkröte vor die Regentin und Patientin schiebt. –

Kein Mensch weiß, wie mich Zeusel ängstigt. Gegen alle Rangordnung stell' ich lieber früher als ihn die feisten, in schelmische Dummheit verquollenen Livreebedienten vor, deren Röcke weniger aus Fäden als aus Borten bestehen, und die sich als gelbe Bänder-Präparate vor müden, an schönere Gestalten gewöhnten Augen bücken. Viktor fand durch seine britische Brille die italienischen glasierten Hofgesichter wenigstens malerisch-schön, hingegen die deutschen Parade-Larven so abgegriffen und doch so gesteift, so matt und doch so gespannt, die Blicke so verraucht und doch so geschwefelt!..... Ich halte Zeuseln noch durch einige Osterlämmer oder agnus dei von Pagengesichtern auf, so weich und so weiß wie Maden; eine Amme möchte sie mit ihrer Milchpumpe von Mund an den Busen legen.

Länger war Zeusel nicht mehr zu halten, er ist hereingebrochen und hat die Fürstin beim Flügel – der ganze Spaß dieser Komödie, ich meine der Ernst, ist uns nunmehr verdorben. Dieser graue Narr hat sich in seinen alten Tagen – seine Nächte sind noch älter – in einen ganzen historischen Kupferstich geknöpft, das will sagen, in eine zoologische Modeweste, worin er samt seinen vier bunten Ringen ordentlich aussieht wie ein grüner Pürschwagen, an dem die Tierstücke der ganzen Jagd angemalet und vier Ringe zum Anketten der Sauen in natura sind. Ich muß es jetzt sehen und leiden – da er alles in der Vergangenheit tut –, daß er nun, besoffen von Eitelkeit und kaum vermögend, Uhrketten von Galaröcken zu unterscheiden, hinläuft und sich etwas Seidenzeug[643] herausfängt zum Kusse. Es war leicht vorauszusehen, daß mir der Mensch mein ganzes Altarblatt verhunzen würde mit seiner historischen Figur; und ich hätte den Hasen gar unterdrückt und mit dem Rahmen des Gemäldes überdeckt, wenn er nicht mit seinen Löffeln und Läufen zu weit herausstände und – klaffte; auch ist er vom Korrespondenten ausdrücklich unter den Benefiz-Konföderierten mit aufgeführt und angezeichnet. – – Es lohnt kaum der Mühe zu schreiben:

Fünfter Akt; da nun alles versalzen ist und die Lesewelt lacht.

Im fünften Akt, den ich ohne alle Lust mache, wurd' auch weiter nichts getan – anstatt daß Tragödiensteller und Christen die Bekehrung und alles Wichtige in den letzten Akt verlegen, wie nach Bako ein Hofmann seine Bittschriften in die Nachschrift verschob –, als daß die Prinzessin ihre neuen Hofdamen das erste Rechen- oder Abziehexempel ihres Erzamtes machen ließ: das nämlich, sie auszukleiden.... Und da mit dem Auskleiden sich die fünften Akte der Trauerspiele – der Tod tuts – und der Lustspiele – die Liebe tuts – beschließen: so mag sich auch dieses Benefizding, das wie unser Leben zwischen Lust- und Trauerspiel schwankt, matt mit Entkleidung enden.


Ende der Benefizakte


– Ich war gestern zu aufgebracht. Der Apotheker ist zwar der Hund und die Katze in meinem Gemälde, die einander unter dem Tische des Abendmahls beißen; aber im ganzen ist die Posse schon erhaben. Man bedenke nur, daß alles in einer monarchischen Regierungform abgetan wird – daß diese nach Beattie dem Komischen mehr als die republikanische aufhilft – daß nach Addison und Sulzer gerade die spaßhaftesten Menschen (z.B. Cicero) am ernsthaftesten sind, und daß folglich das nämliche auch von dem Zeug, das sie machen, gelten müsse: so sieht man schon aus dem Komischen, das meine Akte haben, daß sie ernsthaft sind. – –

Mein Held hielt im Laden eine heftige Pater Merzische Kontroverspredigt gegen etwas, wofür die Reichsstädter und Reichsdörfer predigen – dagegen: »daß die Menschen ohne alles weiße[644] und graue Gehirn und ohne Geschmack und Geschmackwärzchen in dem Grade handeln können, daß sie sich nicht schämen, die paar Jahre, wo sie der Schmerz noch nicht auf seinem Pürschzettel und der Tod noch nicht auf seinem Nachtzettel hat, sündlich und hundmäßig zu verzetteln, nicht etwa mit Garnichtstun, oder mit den halben Takt-Pausen der Kanzleiferien, oder den ganzen Takt-Pausen der Komitialferien, oder mit den Narrheiten der Freude was wäre rühmlicher? –, sondern mit den Narrheiten der Qual, mit zwölf herkulischen Nichts-Arbeiten, in den Raspelhäusern der Vorzimmer, auf dem tratto di corda des gespannten Zeremoniells .... Mein lieber Hofmarschall, meine schönste Oberhofmeisterin, ich billige alles; aber das Leben ist so kurz, daß es nicht die Mühe lohnt, sich einen langen Zopf darin zu machen. – Könnten wir nicht das Haar aufbinden und über alle Vorsäle, d.h. Vorhöllen, über alle Vorfechter und Vortänzer hinwegsetzen gleich mitten in die Maiblumen unsrer Tage hinein und in ihre Blumenkelche... Ich will mich nicht abstrakt und scholastisch ausdrücken: sonst müßt' ich sagen: wie Hunde werden Zeremonien durchs Alter toll; wie Tanzhandschuhe taugt jede nur einmal und muß dann weggeworfen werden; aber der Mensch ist so ein verdammt zeremonielles Tier, daß man schwören sollte, er kenne keinen größern und längern Tag als den Regensburger Reichstag.«

Solange er aß, war Tostato nicht da, sondern im Laden. Nun hatt' er schon am vorigen Abend einen Entwurf zum Kusse der schönen Dunsin nicht aus dem Kopfe bringen können: »Eine viehdumme Huldin küss' ich einmal,« sagt' er, »dann hab' ich Ruh' auf Lebenlang.« Aber zum Unglück mußte um die Dunsin die sogenannte Kleinste (die Schwester), deren Verstand und deren Nase zu groß waren, als Senkfeder der Angel schwimmen, und die Feder würde sich, hätt' er nur eine Lippe an den Köder gesetzt, sogleich gereget haben. Er war aber doch pfiffig: er nahm die Kleinste auf die Schenkel und schaukelte sie wie Zeusels Kutscher und sagte dieser Klugen süße Namen über den Kopf hinüber, die er alle mit den Augen der Dummen zueignete (am Hofe wird er mit umgekehrtem Scheine zueignen). Er drückte der Kleinsten zweimal zum Spaße die Spionenaugen zu, bloß um[645] es im Ernst zum dritten Male zu tun, wo er die Dunsin an sich zog und sie mit der rechten Hand in eine Stellung brachte, daß er ihr – zumal da sie es litt, weil Mädchen der List ungern abschlagen, oft aus bloßer Freude, sie zu erraten – unter den Hofdiensten gegen die Blinde den schleunigen Kuß hinreichen konnte, für den er schon so viele avant propos und Marschrouten verfertigt hatte. Jetzo war er satt und heil; hätt' er noch zwei Abende dem Kuß nachstellen müssen, er hätte sich sehr verliebt.

Er saß wieder in seinem Mastkorb, als die Fürstin aß. Es geschah bei offnen Türen. Sie schürte sein Lauffeuer der Liebe mit dem goldnen Löffel an, sooft sie ihn an ihre kleinen Lippen drückte – sie störte das Feuer wieder auseinander mit den zwei Zahnstochern (süßen und sauern), sooft sie zu ihnen griff. Tostato et Compagnie setzten heute die teuersten Waren ab: kein Mensch kannte die et Compagnie; bloß Zeusel sah dem Viktor schärfer ins Gesicht und dachte: »Ich sollte dich gesehen haben.« Gegen 2 2/3 Uhr nachmittags ereignete sich das Glück, daß die Prinzessin selber an die Bude trat, um italienische Blumen für ein kleines Mädchen, das ihr wohlgefallen, auszusuchen. Bekanntlich nimmt man sich in jeder Maske Maskenfreiheit und auf jeder Reise Meßfreiheit: Viktor, der in Verkleidungen und auf Reisen fast allzu kühn war, versuchte es, in der Muttersprache der Prinzessin und zwar mit Witz zu sprechen. »Der Teufel«, dacht' er, »kann mich doch deswegen nicht holen.« Er merkte daher mit dem zartesten Wohlwollen gegen dieses schöne Kind in Molochs Armen nur so viel über die seidnen Blumen an: »Die Blumen der Freude werden auch leider meistens aus Samt, Eisendraht und mit dem Formeisen gemacht.« Es war nur ein Wunder, daß er höflich genug war, um den Umstand wegzulassen, daß gerade der italienische Adel die italienische Flora verfertige. Sie sah aber auf seine Ware und so schwieg; und kaufte statt der Blumen eine montre à regulateur27, die sie nachzubringen ersuchte.[646]

Er überbrachte ihr die Uhr eigenhändig; aber leider ebenso eigenhändig – der Leser erschrickt; aber anfangs erschrak er selber und dachte doch den Einfall so oft, bis er ihn genehmigte – hatt' er vorher über den Imperator der Uhr ein zartes Streifchen Papier gepicht, worauf er eigenhändig mit Perlenschrift geschrieben: Rome cacha le nom de son dieu et elle eut tort; moi je cache celui de ma déesse et j'ai raison28.

»Ich kenne die Leute schon,« dacht' er, »sie machen und ziehen in ihrem Leben keine Uhr auf!« Ei, Sebastian, was wird mein Leser denken oder deine Leserin?

Sie reisete noch abends in ihr erheiratetes Land, das künftige Hackbrett ihres Zepters. Unserem Viktor war beinahe, als hätt' er ihr ein andres Herz als das metallene mit dem Zettel mitgegeben, und er freuete sich auf den Flachsenfinger Hof. Vor ihr lief ihr nachgedruckter Bräutigam oder seine Sänfte, aus der er ausstieg an die Wand des Schlafzimmers. Da er ihr Gott war, so kann ich ihn oder sein Bild mit den Bildern der alten Götter vergleichen, die auf einem eignen vis-à-vis – thensa genannt – herumgefahren, oder in einer Porträtbüchse – ναος genannt – oder in einem Bauer – καδισκον genannt – herumgetragen wurden.

Darauf ging Viktor mit seinem Handelskonsul hinter den Kulissen des Benefiztheaters herum. Er schnürte die seidne Demarkationlinie und Sperrkette ab – zog sie in die Höhe wie ein ekles Haar – befühlte sie – hielt sie erst weit vom Auge – dann nahe an dieses – zerrte sie auseinander, eh' er sagte: »Die Kraft stecke, wo sie will – es mag nun eine seidne Schnur politische Körper so gut wie elektrische isolieren – oder es mag mit Fürsten wie mit Hühnern sein, die keinen Schritt weiter setzen, wenn man Kreide nimmt und damit von ihrem Schnabel herab eine gerade Linie auf den Boden hinführt – soviel seht Ihr doch, Associé: wenn ein Alexander die Grenzsteine der Länder verrücken wollte, so wäre ein solcher Strang dagegen das beste ins Enge gezogne Naturrecht und eine dergleichen Barriereallianz.« Er ging in ihr Schlafzimmer zum ausgeleerten heiligen Grabe, d.h. zum Bette der auferstandnen[647] Braut, in welches der an der Wand vor Anker liegende Sponsus von seinem Nagel sehen konnte. Ganze Divisionen von Einfällen marschierten stumm durch seinen Kopf, den er damit an ein seidnes Kopfkissen – so groß wie ein Hunde- oder ein Seitenkissen eines Wagens – mit der Wange andrückte. So anliegend und kniend sprach ers halb in die Federn (nicht in die Feder) hinein: »Ich wollt', auf dem andern Kissen läg' auch ein Gesicht und säh' in meines – du lieber Himmel! zwei Menschengesichter einander gegenüber – sich einander in die Augen ziehend – einander die Seufzer belauschend – von einander die weichen durchsichtigen Worte wegatmend – das ständen ich und Ihr gar nicht aus, Associé!« – Er sprang auf, patschte sein Hasenlager leise wieder platt und sagte: »Bette dich weich um das schwere Haupt, das auf dich sinkt; erdrücke seine Träume nicht; verrate seine Tränen nicht!« – Wäre sogar der Graf von O mit seiner feinen ironischen Miene dazugekommen: er hätte nichts darnach gefragt. Es ist ein Unglück für uns Deutsche, daß wir allein – indes dem Engländer sogar vom Weltmann seine Hasen-, Bock- und Luftsprünge für zierliche Rück-, Vor- und Hauptpas angerechnet werden – gar nicht ernsthaft und gesetzt genug einherschreiten können.

Er lief abends wieder in den Hafen seines Zeidlers ein; und sein schwankendes Herz warf auf die stille blühende Natur um ihn die Anker aus. Der alte Mann hatte unterdes alle seine alten Papiere, Tauf-, Trauscheine und Manualakten vom Nürnberger Zeidlergericht etc., zusammengefahren und sagte: »Les' Er!« – Er wollt' es selber wieder hören. Er zeigte auch seinen »Dreifaltigkeitsring« aus Nürnberg, auf welchem stand:


Hier dieser Ring der weist,

Wie drei in Einem heißt

Gott Vater, Sohn und Geist.


Der Bienenvater machte weiter kein Geheimnis daraus, daß er vorher, als er diesen Ring sich noch nicht in Nürnberg an einem Gerichttage angeschafft hatte, die Dreifaltigkeit nicht glauben können: »jetzt aber müßt' einer ein Vieh sein, wenn ers nicht begriffe.« – Am Morgen vor der Abreise war Viktor in der doppelten[648] Verlegenheit: er wollte gern ein Geschenk haben – zweitens eines machen. Was er haben wollte, war eine plumpe Stundenuhr – bei einer Ausspielung für ein Los à 20 kr. gewonnen –; dieses Werk, dessen dicke Zeigerstange den Lebensfaden des Greises auf dem schmutzigen Zifferblatte in lauter bunten frohen Bienen-Stunden weggemessen hatte, sollte eine Lorenzo-Dose für ihn sein, ein Amulett, ein Ignatius-Blech gegen Saulische Stunden. »Ein Handwerker«, sagt' er, »braucht wahrlich nur wenig Sonne, um zufrieden und warm durchs Leben zu gehen; aber wir mit unsrer Phantasie sind oft in der Sonnenseite so schlimm daran als in der Wetterseite – der Mensch steht fester auf Dreck als auf Äther und Morgenrot.« Er wollte dem glücklichen Lebens-Veteranen als Kaufschilling für die Stundenuhr und als Preismedaille für das Quartier seine Sekundenuhr aufdringen. Lind hatte das Herz nicht, wurd' aber rot. Endlich stellte ihm Viktor vor, die Sekundenuhr sei eine gute Leuchtkugel zum Dreifaltigkeitsringe, ein Thesesbild dieses Glaubenartikels, denn die dreifaltigen Zeiger machten doch nur eine Stunde. – Lind tauschte.

Viktor konnte weder der Spötter noch der Bunklische Reformator einer solchen irrenden Seele sein, und seine sympathetische Laune ist nichts als ein zweifelnder Seufzer über das menschliche Gehirn, das 70 Normaljahre hat, und über das Leben, das ein Glaubens-Interim ist, und über die theologischen Doktorringe, die solche Dreifaltigkeitsringe sind, und über die theologischen Hör- und Sprechsäle, worin solche Sekunden-Uhren zeigen und schlagen.

– Endlich geht er aus Kussewitz um 6 Uhr morgens. Eine sehr schöne Tochter des Grafen von O kam erst um 7 Uhr zurück: das ist unser aller Glück, er säße sonst noch da.

Der Hundposttag ist aus. Ich weiß nicht, soll ich ein Extrablatt machen oder nicht. Der Schalttag ist an der Türe; ich wills also bleiben lassen und nur ein Pseudo-Extrablatt hersetzen, welches sich bekanntlich von einem kanonischen ganz dadurch unterscheidet, daß ichs im apokryphischen durch keine Überschrift merken lasse, sondern nur unter der Hand von der Geschichte wegkomme zu lauter Fremdsachen.[649]

Ich nehme meinen historischen Faden wieder auf und befrage den Leser: was hält er von Sebastians Weiber-Liebhaberei? Und wie erklärt er sich sie? – Wahrhaft philosophisch versetzt er: »Aus Klotilden: sie hat ihn durch ihr Magnetisieren mit der ganzen Weiber-Welt in Rapport gesetzt; sie hat an diesen Bienenschwarm geklopft, nun ist kein Ruhen mehr. – Ein Mann kann 26 Jahre kalt und seufzerlos in seinem Bücherstaube sitzen; hat er aber den Äther der Liebe einmal geatmet: so ist das eirunde Loch des Herzens auf immer zu, und er muß heraus in die Himmelluft und beständig nach ihr schnappen, wie ich in den künftigen Hundposttagen sicherlich sehe.« Einen närrischen philosophischen Stil hat sich der Leser angewöhnt; aber es ist wahr; daher ein Mädchen nie so begierig für ihr Theater den zweiten Liebhaber wirbt als nach dem Hintritt des ersten und nach den Schwüren, ihr Werbepatent wegzuwerfen.

Wie konnte aber der Leser auf noch wichtigere Ursachen29 nicht fallen, 1) auf die Gesamtliebe und 2) auf Viktors Muttermäler?

1) Die Gesamt- oder Zugleichliebe ist zu wenig bekannt. Es ist noch keine Beschreibung davon da als meine: in unsern Tagen sind nämlich die Lesekabinette, die Tanzsäle, die Konzertsäle, die Weinberge, die Kaffee- und Teetische, diese sind die Treibhäuser unsers Herzens und die Drahtmühlen unserer Nerven, jenes wird zu groß, diese zu fein – wenn nun in diesen ehelustigen und ehelosen Zeiten ein Jüngling, der noch auf seine Messiasin wie ein Jude passet und der noch ohne den höchsten Gegenstand des Herzens ist, von ungefähr mit einer Tanz-Hälfte, mit einer Klubistin oder Associée oder Amtschwester oder sonstigen Mitarbeiterin hundert Seiten in den Wahlverwandtschaften oder in den Hundposttagen lieset – oder mit ihr über den Kleebau oder Seidenbau oder über Kants Prolegomena drei bis vier Briefe wechselt – oder ihr fünfmal den Puder mit dem Pudermesser von der Stirne kehrt – oder neben und mit ihr betäubende Säbelbohnen anbindet – oder gar in der Geisterstunde (die ebensooft zur Schäferstunde wird) über den ersten Grundsatz in der Moral uneins wird: so ist[650] soviel gewiß, daß der besagte Jüngling (wenn anders Feinheit, Gefühl und Besonnenheit einander die Waage in ihm halten) ein wenig toll tun und für die besagte Mitarbeiterin (wenn sie anders nicht mit Höckern des Kopfes oder Herzens an seine Fühlfäden stößet) etwas empfinden muß, das zu warm ist für die Freundschaft und zu unreif für die Liebe, das an jene grenzt, weil es mehre Gegenstände einschließt, und an diese, weil es an dieser stirbt. Und das ist ja eben nichts anders als meine Gesamt- oder Zugleichliebe, die ich sonst Simultan- und Tuttiliebe genannt. Beispiele sind verhaßt: sonst zög' ich meines an. Diese Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschläge die vier Finger trennen, jede Hand leichtlich hineinfährt – in die Partialliebe oder in den Fingerhandschuh drängt sich nur eine einzige Hand. Da ich zuerst diese Sache und Insel entdeckt habe: so kann ich ihr den Namen schenken, womit sie andre nennen und rufen müssen. Man soll sie künftighin die Samm- oder Zugleichliebe benamsen, ob ich sie gleich auch, wenn ich und Kolbe wollten, die Präludierliebe – die Maskopei-Zärtlichkeit – die General-Wärme – die Einkindschafttreue nennen lassen könnte.

Den Theologen und ihrer Kannengießerei von den Endabsichten zu Gefallen werf' ich noch diesen festen Grundsatz her: ich möchte den sehen, ders ohne die Sammliebe in unsern Zeiten, wo die einspännige Liebe durch die Foderungen eines größeren metallischen und moralischen Eingebrachten seltner wird, drei Jahre aushielte.

2) Die zweite Ursache von Viktors Weiber-Liebhaberei war sein Muttermal, d.h. eine Ähnlichkeit mit seiner und jeder Mutter. Er behauptete ohnehin, seine Ideen hätten gerade den Schritt, d.h. den Sprung der weiblichen, und er hätte überhaupt recht viel von einer Frau; wenigstens gleichen die Weiber ihm darin, daß ihre Liebe durch Sprechen und Umgang entsteht. Ihre Liebe hat sicher noch viel öfter mit Haß und Kälte angefangen als aufgehört. Aus einem aufgedrungenen verhaßten Bräutigam wird oft ein geliebter Ehemann. »Ich will,« – sagte er im Hannöverischen – »wenn nicht in ihr Herz, doch in ihre Herzohren. Sollte denn die Natur in die weibliche Brust zwei so weite Herzkammern – man kann sich[651] darin umkehren – und zwei so nette Herzalkove – den Herzbeutel hab' ich gar nicht berührt – bloß darum hineingebauet haben, daß eine Mannseele diese vier Zimmer mutterseelenallein miete, wie eine weibliche die vier Gehirnkammern des Kopf-Frauengemachs bewohnt? Ganz unmöglich! und sie tuns auch nicht: sondern aber wer übermäßigen Witz scheuet, gehe mir jetzt aus den Füßen – in die zwei Flügel dieser Rotunda und in die Seitengebäude wird hineingelagert, was hineingeht, d.h. mehr als herausgeht wie in einem Zoll- oder Taubenhause gehts aus und ein – man kann nicht zählen, wenn man zusieht – es ist ein schöner Tempel, der Durchganggerechtigkeit hat. – Solche kehren sich an die wenigen gar nicht, die sich einschränken und die Hauptloge des Herzens nur einem einzigen Liebhaber geben und bloß die zwei Seitenlogen tausend Freunden.«

Gleichwohl konnt' es Jean Paul – es mochte immerhin Platz genug übrig sein – nie so weit treiben, daß er nur in die zwei Koloniekörbe, nämlich in die Herzohren hineingekommen wäre, welches doch das Allerwenigste ist. Weil sein Gesicht zu mager aussieht, die Farbe zu gelb, der Kopf viel voller als die Tasche und sein Einkommen das einer Titular-Berghauptmannschaft ist: so quartieren sie den guten Schelm bloß am kältesten Orte ganz oben unter den Kopf-Mansarden ein, nicht weit von den Haarnadeln und da sitzt er noch jetzunder und scherzet (schreibend) sein eilftes Kapitel hinaus....

24

Ein König von Frankreich schickte einmal einem Vasallen illum baculum, quo se sustentabat, in symbolum traditionis zu. Du Fresne Gloss. Aus du Fresne' Glossario ist meines Wissens noch kein guter und brauchbarer Auszug für Frauenzimmer gemacht worden.

25

So wie es Hörschwestern (les Tourières oder Soeurs écoutes) gibt, die mit den Nonnen ins Sprachzimmer gehen, um auf ihr Reden achtzugeben.

26

Der flachsenfingische Hofstaat küßte zwar die Hand eher; aber man wird schon sehen, warum ichs umkehre.

27

Bekanntlich eine Damenuhr, wie ein Herz gestaltet, auf dem Rücken mit Sonnenweiser und Magnetnadel versehen. Letzte zeigt den Damen, die die Kälte hassen, im Grunde auch Süden, und der Sonnenweiser taugt zum Mondweiser.

28

Rom verbarg den Namen seines Gottes, aber es hatte unrecht; ich verberge meiner Göttin ihren, aber ich habe recht.

29

Eine vierte Ursache wäre, daß ihm jetzt jede Liebe gegen eine andre als gegen Klotilde ein Verdienst um seinen Freund zu sein schien.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 632-652.
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