16. Hundposttag

[703] Kartoffeln-Formschneider – Hemmketten in St. Lüne – Wachs-Bossierungen – Schach nach der regula falsi – die Distel der Hoffnung – Begleitung nach Flachsenfingen


Man sollte wie der alte Fritz gern in Kleidern schlafen, sobald man weiß, daß man, wie zuweilen Viktor und ich, im Hemde von den Vampyren der mitternächtlichen Melancholie umzingelt und angefallen wird; sie bleiben aus, wenn man sitzt und alles anhat; besonders erhalten uns Stiefel und Hut das Gefühl des Tages am meisten. –

Eine warme Hand hob Viktors betautes Haupt vom Schlaftisch auf und richtete es der ganzen daherschlagenden Flut des Morgens entgegen. Seine Augen gingen (wie allemal) unbeschreiblich mild und ohne Nachtwolken vor Agathen auf und überstrahlten sie. Aber sie führte ihn mit seinen Strahlen eilig aus der belaubten Schlafkammer hinweg: denn er sollte sich einen Frisierkamm und einen Morgensegen suchen, und zweitens sollte das Tischbett zu einem Teebrett für Klotilden werden, die die warmen Getränke gern an kalten Orten nahm.

Und so steht er draußen zwischen Pfarrhaus und Schloß mitten im Morgen – alles schien ihm erst während seiner Reise gemauert und angestrichen zu sein – denn alles, was darin wohnte, schien sich verändert zu haben und machte ihn wehmütig. »Die Eltern drinnen« (sagt' er zu sich) »haben keinen Sohn – mein Freund hat keine Geliebte, und ich... kein ruhiges Herz.« Da er nun endlich in die Wohnung trat und wieder ein heller Ehrenbogen des liebenden Familienzirkels wurde; da er mit teilnehmenden und doch belehrten Augen die zärtlichen Täuschungen der Eltern, die grundlosen Hoffnungen seines Freundes und das Aufsteigen der gewitterhaften Tage anschauen mußte: so stand sein Auge in einer unverrückten Träne über die Zukunft, und sie wurde nicht kleiner, da seine Adoptiv-Mutter sie durch weiches Anblicken rechtfertigen wollte. – – Zum Teil aber wehete auch dieser[703] Flor über seine Seele bloß aus der vorigen Nacht herüber, deren dämmernde Szenen nur durch einen kleinen Zwischenraum aus Schlaf von ihm geschieden waren: denn eine in Empfindungen verwachte Nacht endigt sich allezeit mit einem schwermütigen Vormittag.

Der Kaplan machte gerade Butter-Vignetten; ich meine, er sägte mit keiner andern Ätzwiege als mit einem Federmesser und in keine andre Kupferplatten als in Kartoffeln Buchdruckerstöcke und Schließquadrätchen ein, die auf die Juliusbutter des Schmuckes wegen zu drucken waren. Man hätte denken sollen, Viktor hätte sich dadurch viel geholfen, daß er Witz hatte und anmerkte, die alten Drucke wären zwar langer Bücher darüber und langer allgemeiner deutschen literarischen Rezensionen der Bücher ganz würdig, aber keines menschlichen Gedankens, und wären zehnmal ungenießbarer als diese neuesten Butter-Inkunabeln; denn wenn es etwas Elenderes geben könnte als die Weltgeschichte (d.h. die Regentengeschichte), deren Inhalt aus Kriegen, wie das Theaterjournal anderer Marionetten aus Prügeleien, bestände, so wär's bloß die Gelehrten- und Buchdruckerhistorie42. Auch das hätt' ihm zustatten kommen sollen, daß er hinterdrein philosophisch war und verlangte, man sollte den Menschen weder ein lachendes noch vernünftiges Tier nennen, sondern ein putzendes; zu welcher Anmerkung die Kaplänin nichts setzte als die Anwendung davon auf ihre Töchter.

Aber in Menschen seiner Art haben Kummer, Satire und Philosophie nebeneinander Platz. Er erzählte dem Kartoffeln-Medailleur und der Kaplänin, die alle Weiber auf der Erde zu ihren Töchtern zählte und gegen sie ähnliche Strafpredigten hielt, seine Reise mit so vielen Satiren und Rasuren, als für beide Parteien nötig waren; aber als er die Wünsche der Familie hörte, daß der Lord glücklich[704] mit dem geliebten Fürstenkinde zurückkommen möge, und die Nachricht, daß der Regierrat schon alles eingepackt habe, um mit seinem Freunde jede Stunde, die er wolle, in die Stadt zu ziehen: so hatte Viktor nichts zu tun als – die absondernden Tränenwege in seinen Augenhöhlen hinauszutragen....

– Aber in den Garten! – Das war unüberlegt. Flamin ging nach, und sie langten miteinander im Laub-Klosett vor den Teetrinkerinnen an. Niemals verschatteten die Zweige desselben ein verlegneres Gesicht, weichere Augen, vollere Blicke und lebhaftere oder schönere Träume, als Viktor darunter mitbrachte. Er dachte sich jetzo Klotilde als ein ganz neues Wesen und dachte also – da er nicht wußte, ob sie ihn liebe – recht dumm; der Mensch achtet allezeit, wenn er den Berg überstiegen hat, den kommenden Hügel für nichts; Flamin war sein Berg gewesen, und Klotilde sein Hügel. – In allen Gespräch-Untiefen, wo man schon halb im Sitzen oder Sinken ist, gibts keine herrlichere Schiffpumpe als eine Historie, die man zu erzählen hat. Man gebe mir Verlegenheit und den größten Zirkel und nur ein Unglück, nämlich die Anekdote davon, die noch keiner weiß als ich, so will ich mich schon retten.

Viktor brachte also seinen Schwimmgürtel heraus, nämlich sein Schifftagebuch, aus dem er für die Laube einen pragmatischen Auszug machte – ich gesteh' es, ein Zeitungschreiber hätte mehr verfälschen, aber schwerlich mehr weglassen können.

Er tat sich, glaub' ich, wieder Vorschub bei der Kaplänin, und noch mehr Schaden bei Klotilden – so sehr er auch nur aus Wohlwollen für die Zuhörer und aus zu starkem Haß des Hofes gegen Klotildens Satiren-Verbot in ihrem Briefe verstieß – dadurch unbezweifelt, daß er – da überhaupt die Mädchen nur den Spott, nicht die Spötter lieben – die Benefizkomödie der Prinzessin nicht von der erhabenen Seite darstellte, wie ich, sondern von der lustigen: Klotilde lächelte, und Agathe lachte.

Da aber der Name Emanuel von ihm genannt wurde und sein Haus und sein Berg: so breitete die Freundschaft und die Vergangenheit auf dem schönsten Auge, worüber noch ein Augenbraunenbogen, aus einer Schönheitlinie gezogen, floß, einen sanften Schimmer aus, der jeden Augenblick zur Freudeträne werden[705] wollte. Doch mußte er zu einer andern werden, als Viktor der Frage um seine Gesundheit, welche Klotilde hoffend an ihn als Kunstverständigen tat, die Antwort der leis' umschriebenen Geschichte seines nächtlichen Blutens geben mußte. Er konnte den Schmerz des Mitleidens nicht verhehlen, und Klotilde konnt' ihn nicht bezwingen. O ihr zwei guten Seelen! welche Quetschwunden wird euer Herz noch von eurem großen Freund empfangen!

Wohin anders konnte sie jetzt ihr liebendes und trauerndes Auge als gegen ihren guten Bruder Flamin hinkehren, gegen den ihr Betragen durch den doppelten Zwang, den ihr ihre Verschwiegenheit und seine Auslegungen anlegten, bisher so unbeschreiblich mild geworden war? – Da nun Viktor das alles mit so ganz andern Augen sah; da er seinem armen Freund, der mit seinem gegenwärtigen Glück vielleicht die giftige Nahrung seiner künftigen Eifersucht vergrößerte, offen und heftend in das feste Angesicht schauete, das einst schwere Tage zerreißen konnten; da ihn überhaupt künftige oder vergangne Leiden des andern mehr angriffen als gegenwärtige, weil ihn die Phantasie mehr in der Gewalt hatte als die Sinne: so konnt' er einen Augenblick die Herrschaft über seine Augen nicht behaupten, sondern sie legten ihren Blick, von mitleidigen Tränen umgeben, zärtlich auf seinen Freund. Klotilde wurde über den Ruheplatz seines Blickes verlegen – er auch, weil der Mensch sich der heftigsten Zeichen des Hasses weniger schämt als der kleinsten der Liebe – Klotilde verstand die kokette Doppelkunst nicht, in Verlegenheit zu setzen oder daraus zu ziehen – und die gute Agathe verwechselte das letzte immer mit dem ersten... »Frag ihn, was ihm fehlt, Bruder!« sagte Agathe zu Flamin...

Dieser lenkte ihn mit ähnlichem Gutmeinen hinter die nächsten Stachelbeerstauden hinaus und fragte ihn nach seiner festen Art, die immer Behauptung für Frage hielt: »Dir ist was passiert!« – »Komm nur!« sagte Viktor und zerrte ihn hinter höhere spanische Wände aus Laub.

»Nichts ist mir« – hob er endlich mit gefüllten Augenhöhlen und lächelnden Zügen an – »weiter passiert, als daß ich ein Narr[706] geworden seit etwan 26 Jahren« – (so alt war er) – »Ich weiß, du bist leider ein Jurist und vielleicht ein schlechterer Okulist als ich selbst und hast wohl wenig in Herrn Janin43 gelesen: nicht?«

Nicht bloß vom Nein wurde Flamins Kopf geschüttelt.

»Ganz natürlich; aber sonst könntest du es aus ihm selber oder aus der Übersetzung von Selle recht schön haben, daß nicht bloß die Tränendrüse unsre Tropfen absondere, sondern auch der gläserne Körper, die Meibomischen Drüsen, die Tränenkarunkel und – unser gequältes Herz, setz' ich dazu. – Gleichwohl müssen von diesen Wasserkügelchen, die für die Schmerzen der armen, armen Menschen gemacht sind, sich in 24 Stunden nicht mehr als (wenns recht zugeht) 4 Unzen abseihen. – – Aber, du Lieber, es geht eben nicht recht zu, besonders bei mir, und es ärgert mich heute, nicht daß du in den Herrn Janin nicht geguckt, sondern daß du meine fatale, verdammte, dumme Weise nicht merkst...« – »Welche denn?« – »Jawohl, welche; aber die heutige mein' ich, daß mir die Augen überlaufen – du darfst es kühn bloß einem zu matten Tränenheber beimessen, worunter Petit alle einsaugende Tränenwege befaßt –, wenn mir z.B. einer unrecht tut, oder wenn ich nur etwas stark begehre, oder mir eine nahe Freude oder nur überhaupt eine starke Empfindung oder das menschliche Leben denke oder das bloße Weinen selber.« – –

Sein gutes Auge stand voll Wasser, da ers sagte, und rechtfertigte alles.

»Lieber Flamin, ich wollte, ich wäre eine Dame geworden oder ein Herrnhuter oder ein Komödiant – wahrlich, wenn ich den Zuschauern weismachen wollte, ich wäre darüber (nämlich über dem Weinen), so wär' es noch dazu auf der Stelle wahr.«

Und hier legt' er sich sanft und froh mit Tränen, die entschuldigt flossen, um die geliebte Brust.... Aber zur Vipern- und Eisenkur seiner Männlichkeit hatt' er nichts als ein »Hm!« und einen Zuck des ganzen Körpers vonnöten: darauf kehrten die Jünglinge als Männer in die Laube zurück.

Es war nichts mehr darin; die Mädchen waren in die Wiesen geschlichen, wo nichts zu meiden war als hohes Gras und betauter[707] Schatten. Die leere Laube war der beste einsaugende Tränenheber seiner Augen; ja ich schließe aus Berichten des Korrespondenz-Spitzes, daß es ihn verdroß. Da die Schwester spät allein wiederkam: so verdroß es den andern auch. Überhaupt, sollte sich etwa der Held – welches für mich und ihn ein Unglück wäre – mit der Zeit gar in Klotilden verlieben: so wird uns beiden ihm im Agieren, mir im Kopieren – die Heldin warm genug machen, eben weil sie selber nicht warm sein will; weil sie weder überflüssige Wärme, noch überflüssige Kälte, sondern allezeit die wechselnde Temperatur hat, die sich mit dem Gespräch-Stoff, aber nicht mit dem Redner ändert; weil sie einem zärtlichen Nebenmenschen alle Lust nimmt, sie zu loben, da sie keinen Sackzehent davon entrichtet, oder sie wenigstens zu beleidigen, da sie keine Ablaßbriefe austeilt, und weil man wirklich in der Angst zuletzt annimmt, man könne keine andern Sünden gegen sie begehen als solche gegen den heiligen Geist. Jean Paul, der in solchen Lagen war und oft jahrelang auf einem Platz vor solchen Bergfestungen mit seinen Sturmleitern und Labarums und Trompetern stand und statt der Besatzung selber ehrenvoll abzog, dieser Paul, sag' ich, kann sich eine Vorstellung machen, was hier in Sachen Sebastians contra Klotilden für Aktenpapier, Zeit und Druckschwärze (von ihm und mir) vertan werden kann, bis wirs nur zur Kriegsbefestigung treiben. Es wird einem Mann überhaupt bei einer ganz vernünftigen Frau nie recht wohl, sondern bei einer bloß feinen, phantasierenden, heißen, launenhaften ist er erst zu Hause. Durch so eine wie Klotilde kann der beste Mensch vor bloßer Angst und Achtung frostig, dumm und entzückt werden; und meistens schlägt obendrein noch das Unglück dazu, daß der arme matte Schäker, von dem sich ein solcher irdischer Engel, wie der apokalyptische vom Jünger Johannes, durchaus nicht will anbeten lassen, selten noch die Kräfte auftreibt, um zum Engel zu sagen – wie etwan zu einem entgegengesetzten Engel mit Weltreichen, der das Anbeten haben will –: »Hebe dich weg von mir!« Paul hebt sich allemal selber weg. – –

Viktor tat dies nicht; er wollte jetzt gar nicht aus dem Hause, d.h. aus dem Dorfe. Die Sommertage schienen ihm in St. Lüne[708] wie in einem Arkadien zu ruhen, wehend, duftend, selig; und er sollte aus dieser sanft irrenden Gondel hinausgeworfen werden ins Sklavenschiff des Hofs – aus der pfarrherrlichen Milchhütte in die fürstliche Arsenikhütte, aus dem Philanthropistenwäldchen der häuslichen Liebe auf das Eisfeld der höfischen. Das war ihm in der Laube so hart! – und in Tostatos Bude so lieb! – Wenn die Wünsche und die Lagen des Menschen sich miteinander umkehren: so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wünsche an. »Er wolle sich selber«, sagt' er, »auslachen, aber er habe doch hundert Gründe, in St. Lüne zu zögern, von einem Tage zum andern – es ekle ihn so sehr seine Absicht an, einem Menschen (dem Fürsten) aus andern Beweggründen zu gefallen als aus Liebe – es sei noch unwahrscheinlicher, daß er selber gefalle, als daß es ihm gefalle – er wolle lieber seinen eignen Launen als gekrönten schmeicheln, und er wisse gewiß, im ersten Monat sag' er dem Minister von Schleunes Satiren ins Gesicht, und im zweiten dem Fürsten – und überhaupt werd' er jetzt mitten im Sommer einen vollständigen Hof-Schelm schlecht zu machen wissen, im Winter eher, u.s.w.«

Außer diesen hundert Gründen hatt' er noch schwächere, die er gar nicht erwähnte, wie etwan solche: er wollte gern um Klotilden sein, weil er ihr notwendig, gleichsam um sein Betragen zu rechtfertigen – aber welches denn, mein Trauter, das vergangne oder künftige? –, seine Wissenschaft um ihre Blutverwandtschaft mit seinem Freund eröffnen mußte. Zu dieser Eröffnung fehlte, was in Paris das Teuerste ist, der Platz; das Exordium auch. Klotilde wer nirgends allein zu treffen. Kenner sagen, jedes Geheimnis, das man einer Schönen sage, sei ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime, und das oft ein zweites Geheimnis gebäre: sollte Viktor etwan darum Klotilden seine Kenntnisse von ihrer Geschwisterschaft so begierig zu zeigen getrachtet haben? –

Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehin die Butterwoche der Vermählung erst vorübergehen mußte. – Er hatte schon Vermählmünzen in der Tasche. Aber er sah Klotilde immer nur in Sekunden; und eine halbe Sekunde braucht man nach Bonnet zu einer klaren Idee, nach Hooke gar eine ganze: eh' er also eine ganze[709] Vorstellung von dieser stillen Göttin zusammengebracht hatte, war sie schon fortgelaufen.

Endlich wurden ernsthaftere Anstalten gemacht – nicht zur Abreise, sondern zum Vorsatz derselben... Die schönsten Minuten in einem Besuche sind die, die sein Ende wieder verschieben; die allerschönsten, wenn man schon den Stock oder den Fächer in der Hand hat und doch nicht geht. Solche Minuten umgaben unsern Fabius der Liebe jetzt: sanftere Augen sagten ihm: »Eile nicht«, wärmere Hände zogen ihn zurück, und die mütterliche Träne fragte ihn: »Willst du mir meinen Flamin schon morgen rauben?«

»Ganz und gar nicht!« antwortet' er und blieb sitzen. Ich frage: steckte nicht seinetwegen die Kaplänin ihr Zungen-Richtschwert in die Scheide, weil er nichts so haßte als laute und stille Verleumdungen eines Geschlechts, das, unglücklicher als das männliche, sich von zwei Geschlechtern zugleich gemißhandelt erblickt? – Denn er nahm oft Mädchen bei der Hand und sagte: »Die weiblichen Fehler, besonders böse Nachrede, Launen und Empfindelei, sind Astlöcher, die am grünen Holz bis in die Flitterwochen als schöne marmorierte Kreise gefallen; die aber am dürren, am ehelichen Hausrat, wenn der Zapfen ausgedorret ist, als fatale Löcher aufklaffen.«- Agathe schraubte jetzt ihr Nähküssen an seinen Schreibtisch und küßte ihn, er mochte zu lustig oder zu mürrisch aussehen. Selber der Kaplan suchte ihm, wenn nicht die letzten Tage, die er bei ihm verträumte, süß zu machen, doch die letzten Nächte, wozu nichts nötig war als eine Trommel und ein Fuß. Die feurigsten nächtlichen Hexentänze der Mäuse untersagte der Kaplan mit seinem Fuß, damit sie den Gast nicht aufweckten; er tat nämlich damit an das untere Bettbrett von Zeit zu Zeit einen mäßigen Kanonen-Stoß, der um so mehr ins Hörrohr der Tänzer einknallte, da er schon die Ohren der Menschen erschreckte. Gegen den Eulerschen Rösselsprung der Ratten zog er nur mit einem Schlegel zu Felde, womit er, wie ein Jüngster Tag in ihre Lust- und Jagdpartien einbrechend, bloß ein- oder zweimal auf eine ans Bettuch gestellte Trommel puffte.

Matthieu war unsichtbar und feierte, da Höflinge den Fürsten[710] alles nachäffen, die Hochzeittage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeitstunden nach. Das Pulver, das aus Kanonen und aus Feuerwerker-Düten fuhr, das Vivat, das aus Kanzeln gebetet und aus Schenken geschrien wurde, und die Schulden, die man dabei machte, waren, denk' ich, so ansehnlich, daß der größte Fürst sich nicht schämen durfte, damit seine Vermählung und – Langweile anzuzeigen. – Die Kälte hat ewig ein Sprachrohr und die Empfindung ein Hörrohr. Die Ankunft einer ungeliebten fürstlichen Leiche oder dergleichen Braut hört man an den Polarzirkeln; hingegen wenn wir Niedere unsre Gräber oder unsre Arme mit Geliebten füllen: so fallen bloß einige ungehörte Tränen, trostlose oder selige.

Flamin lechzete nach dem Sessiontisch, dessen Arbeiten jetzo bald angingen, und begriff das Zögern nicht.... Endlich wurd' einmal im ganzen Ernste der Abschiedtag festgesetzt, auf den loten August; und ich bin gewiß, Viktor wäre am 14ten nicht mehr in St. Lüne gewesen, hätte nicht der Henker am 8ten einen Tiroler hingeführt.

Es ist der nämliche, der vorgestern bei uns Scheerauern mit einer wächsernen Dienerschaft, die er halb aus Reichsständen, halb aus Gelehrten zusammengesetzt hatte, seinen Einzug hielt und mit den Wachshänden dieser Zwillingbrüder des Menschen uns die Gelder aus dem Beutel zog. Es ist dumm, daß mir der Spitz den heutigen Hundtag nicht vorgestern gebracht: ich hätte den Kerl, der in St. Lüne Viktor und den Kaplan in Wachs bossierte, selber ausgefragt, wie Viktor heiße und Eymann und St. Lüne selbst. Am Ende reis' ich aus erlaubter und biographischer Neugierde diesem Menschen-Zimmermeister, der uns mit schauerlichen Widerscheinen unsers kleinen Wesens umringt, noch nach. –

Viktor mußte also wieder verharren; denn er ließ sich und den Kaplan in Wachs nachbacken, um erstlich diesem, der alle Abgüsse, Puppen und Marionetten kindisch liebte, und zweitens um der Familie, die gern in sein erledigtes Zimmer den wächsernen Nach-Viktor einquartieren wollte, einen größern Gefallen zu tun als sich selbst. Denn ihn schauerte vor diesen fleischfarbnen[711] Schatten seines Ich. Schon in der Kindheit streiften unter allen Gespenstergeschichten solche von Leuten, die sich selber gesehen, mit der kältesten Hand über seine Brust. Oft besah er abends vor dem Bettegehen seinen bebenden Körper so lange, daß er ihn von sich abtrennte und ihn als eine fremde Gestalt so allein neben seinem Ich stehen und gestikulieren sah: dann legte er sich zitternd mit dieser fremden Gestalt in die Gruft des Schlafes hinein, und die verdunkelte Seele fühlte sich wie eine Hamadryade von der biegsamen Fleisch-Rinde überwachsen. Daher empfand er die Verschiedenheit und den langen Zwischenraum zwischen seinem Ich und dessen Rinde tief, wenn er lange einen fremden Körper, und noch tiefer, wenn er seinen eignen anblickte.

Er saß dem Bossierstuhl und den Bossiergriffeln gegenüber, aber seine Augen heftete er nieder in ein Buch, um die Körpergestalt, in der er sich selber herumtrug, nicht entfernt und verdoppelt zu sehen. Die Ursache, warum er aber doch die weggestellte Verdoppelung seines Gesichts im Spiegel aushielt, kann nur die sein, weil er entweder den Figuranten im Spiegel bloß für ein Porträt ohne Kubikinhalt oder für das einzige Urbild ansah, mit dem wir andre Doubletten unsers Wesenszusammenhalten.... Über diese Punkte kann ich selber nie ohne ein gewisses Beben reden...

Dem Wachsabdruck Viktors wurde nach seiner Volljährigkeit eine toga virilis, ein Überrock, den das Urbild abgelegt hatte, umgetan, desgleichen das Zimmer eingeräumt, woraus der lebendige zog. Der Kaplan wollte diese wohlfeile Ausgabe von Horion so ans Fenster lagern, wenn die bessere fort wäre, daß die ganze Schul-Jugend, die vom Kantor Sitten und mores lernte, die Hüte abrisse, wenn sie aus dem Schulhause heimtobte. –

Endlich! – Denn Matz kam. Des letzten ausgekelterte Wangen und sein ganzer Körper, der unter den Zitronendrückern der Nachtfeste gewesen war, bewiesen, daß er nicht log, da er sagte, der fürstliche Bräutigam sehe noch achtmal elender aus und liege darnieder am Podagra. Er setzte in seiner bittern Weise, die Viktor wenig liebte, hinzu: »Die bleichen Großen haben überhaupt kein Blut, das wenige ausgenommen, was sie den Untertanen abschröpfen[712] oder was ihnen an den Händen klebt, wie die Insekten kein rotes Blut bei sich führen als das den andern Tieren abgesogne.« Dieses erinnerte Viktor an seine medizinischen Pflichten gegen den Fürsten. Entweder Matzens verwüstete Gestalt – denn unmoralisches Nachtleben macht Züge und Farbe noch widerlicher als das längste Krankenlager –, oder die Erinnerung an des Lords Warnungen, oder beides machte ihn unserem Hofmedikus ebenso verhaßt, als dieser wieder jenem durch das Hofphysikat geworden war; dieses verhehlte Gift Matthäi aber offenbarte sich nicht durch kleinere, sondern durch größere, fast ironische Höflichkeit. Hingegen Matz und Flamin schienen vertraulicher als je zusammen zu sein.

Vormittags nach dem Rasieren sprang, ohne sich noch einmal zu überwaschen, Viktor auf und packte sogleich den Stiefelknecht ein und riß die Hangriemen der Kleider entzwei und bestellte Meßhelfer, damit sie seinen Lebens-Ballast – ausschifften (wegen seiner elenden Packerei) und dann einschifften. Denn er überließ die ganze Kuratel des Gerümpels unserer kleinlichen Lebensgerätschaften immer fremden Händen, und das mit einer solchen Verachtung dieses Gerümpels und mit einer solchen sorglosen Verschwendung – ich werde zwar meinen Helden nie verleumden; aber es ist doch durch den Spitz erwiesen, daß er nie das Kurrentgeld eines versilberten Goldstücks kollationierte und nie einem Juden, Römer und Herrnhuter etwas im Handel abbrach so sehr, sag' ich, daß die ganze weibliche Hanse in St. Lüne schrie: ei der Narr! und daß die Kaplänin sich immer an seine Stelle auf den Handelplatz einschob. Er war aber nicht zu bessern, weil er die Lebensreise und also den Reisebündel mit so philosophischen Augen verkleinerte, und weil er vor nichts so errötete als vor jedem Scheine des Eigennutzes: er lief vor allen Anstalten, Vorreitern und Probekomödien davon, wenn sie seinetwegen auftraten – er schämte sich jeder Freude, die nicht wenigstens in zwei Bissen, in einen für einen Mitesser, zu teilen war – er sagte, die Stirne eines Hospodars müßte die Härte seiner Krone angenommen haben, weils sonst ein solcher Mensch unmöglich ertrüge, was oft bloß seinetwegen gemacht würde von einem ganzen[713] Lande, die Musik – die Ehrenbogen – die Carmina – das Freudengeschrei in Prose und die entsetzlichen Kanonaden. – –

Er hatte jetzt in St. Lüne nichts mehr abzutun als eine bloße platte – Höflichkeit; denn so viel darf ich wohl ohne Eitelkeit behaupten, daß ein Held, den ich zu meinem erkiese, schon hoffentlich so viel Lebensart habe, daß er hingeht zum Kammerherrn Le Baut und sagt: à rèvoir! – An solche Staatsvisiten muß er sich ohnehin jetzt gewöhnen.

Matz saß auch drüben, dieser mit struppichten abgezauseten hängenden Flügeln hingeworfene Amor der Kammerherrin – letzte scherzte über die eitlen Blicke mit ihm, die den nachlassenden Puls seiner Liebe bekannten – Le Baut spielte Schach mit Matzen – Klotilde saß an ihrem Arbeittischchen voll seidner Blumen, mitten unter diesen edlen Drillingen.... Ihr armen Töchter! was für Leute müsset ihr nicht oft bewillkommen und aushören! – Doch für Klotilde war dieser Hausfreund nichts als eine ausgepolsterte Mumie, und sie wußte nicht, kam er oder ging er.

Sebastian wurde als Adoptivsohn des Glücks, als Erbe des väterlichen Günstling-Postens, heute von der Kammerherrschaft ungemein verbindlich empfangen. Wahrhaftig, wenn der Hofmann Unglückliche flieht, weil ihm das Mitleiden zu heftig zusetzt, so drängt er sich gern um Glückliche, weil er Mitfreude genießen will. Der Kammerherr, der sich noch vor dem verbeugte, der in seinem Sturze vom Thron mitten in der Luft hing, bückte sich natürlicherweise vor dem noch tiefer nieder, der in der entgegengesetzten Fahrt begriffen war.

Viktor stellte sich zu den Weibern, aber mit einem aufs Schachbrett irrenden Auge, um, wenn er verlegen wäre, sogleich einen Vorwand der veränderten Aufmerksamkeit oder des Wegtretens bei der Hand zu haben. Es war gescheit; denn jedes Wort, das er und die Weiber sprachen, war ein Schachzug; er mußte gegen die Le Baut – was wußte diese, daß einer Mutter nichts schöner stehe als eine vollkommene Tochter? – d.h. gegen die Stiefmutter seine Kälte und gegen die Stieftochter seine Wärme verdecken. Der Leser frage nicht: was konnte denn die alte Stiefmutter für Wärme begehren? Denn in den höhern Ständen werden die Ansprüche[714] durch Blutverwandtschaft und Alter nicht geändert – bloß in den niedern werden sie es –; daher befürcht' ich allemal, das, was ich der Tochter vortrage, langweile die Mutter, und ich fange mit Recht, wenn diese kömmt, nach einem bessern Redefaden. – Viktor verbarg seine Kälte leicht aus jener Menschenliebe, die bei ihm so oft in zu gutherzige Schmeichelei unmoralischer Hoffnungen ausartete; und wenn eine haben wollte, er sollte sich in sie verlieben, so sagte er: »Ich kann doch wahrlich zum guten Lämmchen nicht sagen: ich mag nicht.« – Die Wärme gegen Klotilde verbarg er – schlecht, nicht weil sie zu stark, sondern gerade weil sie es noch nicht genug war. Es ist natürlich: ein Jüngling von Erziehung kann, wenn er will, seine erwiderte Liebe ohne Kanzelabkündigung verhüllen und verschweigen, aber eine unerwiderte, eine, die er selber bloß erst Achtung nennt, läßt er aus sich ohne Hüllen lodern. – Übrigens bitt' ich die Welt, sich hinzusetzen und zu bedenken, daß mein Held nicht den Teufel im Leibe oder sechzehn Jahre habe, sondern daß er unmöglich eine Liebe für eine Person empfinden könne, die über ihre Gesinnungen wie über ihre Reize eine Mosis-Decke hängt. Liebe beginnt und steigt durch aus nur an der Gegenliebe und mit ihrem wechselseitigen Erraten. Achtung hat er bloß, aber recht viele, aber eine recht wachsende und bange, kurz seine Achtung ist jener kalte hüpfende Punkt im Dotter des Herzens, dem die kleinste fremde Wärme oft nach Jahren – die Metapher ist aus einem Ei geschlagen – wachsendes Leben und Amors Flügel zuteilt.

Er untersuchte jetzt am Arbeittisch Klotildens Wärme mit dem Feuermesser; aber ich kann weiter nicht außer mir vor Freude sein, daß er die Wärme an der ins kleinste abgeteilten Skala wenigstens um 1/111, Linie gestiegen fand. Denn er schießet wohl fehl; ich will lieber auf den Stirnmesser Lavaters bauen als auf den Herz- und Wärmemesser eines Liebe suchenden Menschen, der seine Auslegungen mit seinen Beobachtungen vermengt und Zufälle mit Absichten. Sein Feuermesser kann aber auch recht haben; denn gegen gute Menschen ist man im Beisein der schlimmen (man bedenke nur Matzen) wärmer als sonst.

Man verdenk' es Herrn Le Baut und Frau Le Baut nicht, daß[715] sie meinem Helden zum Glücke gratulierten, an einen solchen Hof, zu einem solchen Fürsten – es ist der größte in Deutschland, sagte er –, zu einer solchen Fürstin – sie ist die beste in Deutschland, sagte sie – abzureisen. Matz lächelte zwischen Ja und Nein. Der Alte setzte das Schach fort, die Alte das Lob. Viktor sah mit Verachtung, wie wenig zwei solchen Seelen, die die Thronstufen für eine Wesenleiter und den Thron-Eisberg für einen Olymp und ein Empyreum hielten, und die nirgends als an dieser Höhe ihr Glück zu machen wußten, bessere Begriffe vom Glück und schlechtere von der Höhe beizubringen wären. Gleichwohl mußt' er vor Klotilden, die auf ihrem Gesichte mehr als ein Nein gegen die Lobrede hatte, offenbaren, daß er ebenso edel verneine wie sie. Er knetete also Lob und Tadel nach einer horazischen Mischung untereinander, um weder satirische noch schmeichlerische Anspielungen auf zwei abgedankte Hofleute zu machen: »Mir gefällts nicht,« sagt' er, »daß es da nur Vergnügungen und keine Arbeiten gibt – lauter Konfektkörbchen und keinen einzigen Arbeitbeutel, geschweige einen Arbeittisch wie dieser da.« »Glauben Sie,« fragte Klotilde mit auffallender Innigkeit, »daß alle Hoffeste einen einzigen Hofdienst bezahlen?« – »Nein,« sagt' er, »denn für die Feste selber sollte man bezahlet werden – ich behaupte, es gibt dort lauter Arbeit und kein Vergnügen – alle ihre Lustbarkeiten sind nur, die Beleuchtung, die Zwischenmusik und die Dekorationen, die dem Schauspieler, der an seine Rolle denkt, weniger gefallen als dem Zuschauer.« – »Es ist allemal gut, dagewesen zu sein«, sagte die Alte. – »Gewiß;« (sagte er) »denn es ist gut, nicht immer dazubleiben.« – »Aber es gibt Personen,« (sagte Klotilde) »die dort ihr Glück nicht machen können, bloß weil sie nicht gern dort sind.« Das war sehr fein und schonend; aber bloß für Viktors Herz verständlich: »Einem schönen Schwärmer« (sagt' er und fragte wie allemal nach dem scheinbaren Widerspruch zwischen Viktors Leben und Viktors Meinungen nichts) »oder einem feurigen Dichter würd' ich raten, zu Hause zu bleiben – beider Flug statt der Pas wäre im Hofleben, was ein Hexameter in der Prose ist, den die Kunstrichter nicht leiden können – und zur Seele mit dem weichsten gefühlvollsten Herzen würd'[716] ich sagen: entfliehe damit, das Herz wird dort als Überbein genommen, wie in der sechsfingerigen Familie in Anjou der sechste Finger.«.... Die Alte schüttelte den Kopf schnell links. »Und doch«, fuhr er fort, »würd' ich sie alle drei auf einen Monat an den Hof ziehen und sie unglücklich machen, um sie weise zu machen.« Die Kammerherrschaft konnte sich in Viktor nicht so gut wie mein Leser schicken, der zu meinem größten Vergnügen Laune und das Talent, alle Seiten einer Sache zu beschauen, so geschickt von Schmeichelei und Skeptizismus unterscheidet. Klotilde hatte langsam den Kopf zum letzten Satze geschüttelt. Überhaupt stritten heute alle für und wider ihn in jenem teilnehmenden Tone, den Weiber und Verwandte allemal gegen einen Fremden annehmen, wenn sie eine Stunde vor her den nämlichen Prozeß, aber zu praktischer Anwendung, mit den Ihrigen geführet hatten.

Viktor, der schon lange besorgte, verlegen zu werden, ging endlich dahin, wohin er bisher so oft geschauet hatte – zum Schach, das man mit der größten Begierde, zu – verlieren, spielte. Der Kammerherr – wir wissen alle, wie er war: er schrieb nichts als Belobschreiben für die ganze Welt, und der Abendmahlkelch wäre mehr für seinen Geschmack gewesen, hätt' er daraus auf eines wichtigen Mannes Gesundheit toasten können – dieser beförderte, so gut er konnte, mit den dürren Schachstatuen bloß das fremde Wohl auf Kosten des eignen: gern verlor er, falls nur Matthieu gewann. Noch dazu glich er jenen verschämten Seelen, die ihre Wohltaten gern verborgen geben, und er konnt' es nicht über sich erhalten, es seinem Schach-Gegner zu sagen, daß er ihm den Sieg zuschanze; er hatte fast größere Mühe, sich zu verbergen wie ein Hofmann, als sich selber zu besiegen wie ein Christ. Eine solche Liebe hätte, wie es scheint, wärmer vergolten werden sollen als durch offenbare Bosheit; aber Matz hatte das nämliche vor und wich dem Siege, den jener ihm nachtrug, wie ein wahrer Spitzbube aus. Le Baut ersann sich vergeblich die besten Züge, womit man sich selber matt macht – Matz setzte noch bessere entgegen und drohte jede Minute, auch zu ermatten. Uns alle dauert der auf dem Schachboden herumgehetzte Kammerherr, der wie eine Kokette besorgt, nicht besiegt zu werden. Es war für ein weiches[717] Auge, das doch dem Schwachen lieber als dem Schelm vergibt, nicht mehr auszuhalten: Viktor trat unter tausend Entschuldigungen gegen den Schwachen und voll Bosheit gegen den Boshaften in die Heckjagd ein und nötigte den Hofjunker, seinen Rat und seine Karitativsubsidien anzunehmen und zu vorgeschlagenen Kriegsoperationen von solchem Wert zu greifen, daß der Mann mit dem Amte der kammerherrlichen Schlüssel endlich trotz seinen Befürchtungen und trotz den schlimmsten Aussichten – verlor. Alle Anwesende errieten alle Anwesende, wie Fürsten einander in ihren öffentlichen – Komödienzetteln.

Er hatte endlich die Abschiedaudienz, aber geringen Trost. Die Gestalt, unter der alle seine Schönheitideale nur als Schildhalter und Karyatiden standen, war noch kälter als bei dem Empfange und immer bloß das Echo der elterlichen Höflichkeit. Das einzige, was ihn noch aufrecht erhielt und beruhigte, war eine – Distel, nämlich eine optische, auf den musivischen Fußboden gesäete. Er nahm nämlich wahr, daß Klotilde diesem Blumenstück, das sie doch kennen mußte, unter dem Abschiede mit dem Fuße auswich, als wär' es das Urbild. Abends macht' er seine Schlußketten, wie sie auf Universitäten gelehret wer den – dieser Vexierdistel impfte er alle Rosen seines Schicksals ein – »zerstreut war sie doch, und weswegen? frag' ich«, sagt' er ins Kopfkissen hinein – »denn erraten haben sie mich drüben ohnehin noch nicht«, behauptete er, indem er sich aufs zweite Kopfkissen legte – »o du holdes Auge, das auf die Distel sank, geh in meinem Schlafe wieder auf und sei der Mond meiner Träume«, sagte er, da er schon halb in beiden war. – Er glaubte bloß aus Bescheidenheit, er werde nicht erraten, weil er sich nicht für merkwürdig genug ansah, um bemerkt zu werden. –

Der 20. August 179* war der große Tag, wo er abmarschierte so nach Flachsenfingen: Flamin war schon um vier Uhr abends fortgetrabt, um keinen Abschied zu nehmen, welches er haßte. Aber unser Viktor nahm gern Abschied und zitterte gern im letzten Verstummen der Trennung: »O ihr dürftigen egoistischen Menschen!« (sagt' er) »dieses Polarleben ist ohnehin so kahl und kalt, wir stehen ohnehin Wochen und Jahre nebeneinander, ohne mit[718] dem Herzen etwas Besseres zu bewegen als unser Blut- bloß ein paar glühende Augenblicke zischen und erlöschen auf dem Eisfeld des Lebens – warum meidet ihr doch alles, was euch aus der Alltäglichkeit zieht, und was euch erinnert, wie man liebt – – Nein! und wenn ich zugrunde ginge, und wenn ich mich nachher nicht mehr trösten könnte: so drückte ich mich mit dem unbedeckten Herzen und mit dem Bluten aller Wunden und zerrinnend und erliegend an den geliebten Menschen, der mich verlassen müßte, und sagte doch: es tut mir wohl!«- Kalte selbsüchtige und bequeme Personen vermeiden das Abschiednehmen so wie unpoetische von zu heftigen Empfindungen; weibliche hingegen, die sich alle Schmerzen durch Sprechen, und poetische, die sich alle durch Phantasieren mildern, suchen es.

Um sechs Uhr abends – denn es war nur ein Sprung nach Flachsenfingen –, als das Vieh wiederkam, ging er fort, begleitet von der ganzen Familie. An seinen glücklichern Arm – meiner muß sich bloß zum Besten der Wissenschaften bewegen – war die Britin und an den linken Agathe angeöhrt; an die Schwester hatte sich der arme Hauspudel geschnallet (Apollonia), welcher gleich wohl dachte, er berühre und genieße trotz dem schwesterlichen Einschiebsel und Zwischengeist den Doktor. So fahren die Funken der Liebe, wie die elektrische und magnetische Materie, durch das Mittel von zwanzig dazwischengestellten Leibern hindurch. Ein Philosoph, der sich hinsetzt und erwägt, daß unsre Finger im Grunde der geliebten Seele nicht um einen Daumen näher kommen, es mag zwischen ihnen und ihr bloß die Gehirnkugel oder gar die Erdkugel liegen, wird allezeit sagen: »Ganz natürlich!« Daraus erklärt dieser sitzende Philosoph, warum die Mädchen die männlichen Verwandten ihres Geliebten halb mitlieben – warum der Rohrstuhl Shakespeares, die Kleiderkommode Friedrichs II., die Stutzperücke Rousseaus unser sehnendes Herz befriedigen. – –

Aber niemand wollte, den Weisel dieses Vorschwarms ausgenommen, wieder zurück. »Nur noch an die sechs Bäume«, sagte Agathe. Als man an diese Grenzpfähle und Lochbäume der heutigen Lust gekommen war, waren deren sieben, und man behauptete[719] allgemein, sie wären nicht gemeint und es ginge weiter. Der Begleitete wird gewöhnlich immer ängstlicher und der Begleiter immer froher, je längeres währt. »Doch bis zu jenem Ackermann!« sagte die scharfsehende Britin. Aber endlich merkte unser Held, daß diese Herkules-Säule ihrer Reise selber gehe, und daß der Ackermann nur ein Wandermann sei. »Das beste ist,« – sagt' er und kehrte sich um – »ich kehre mich um und reise erst morgen.« Der Kaplan sagte: »Bis ans alte Schloß« (d.h. es war noch eine Mauer davon da) »geh' ich ohnehin gewöhnlich abends!« –Allein über diese Grenzfestung des schönsten Abends rückte die plaudernde Marschsäule betrügerisch hinaus, und die Augen wurden über die Ohren vergessen. Da sonach bei diesen Grenzstreitigkeiten ein Hauptartikel nach dem andern durch Separatartikel gebrochen wurde: so war wahrhaftig weiter nichts zu machen – als folgender Versuch. »Hieher wollt' ich Sie nur haben« (sagte Viktor) – »jetzt müssen Sie mit mir weitergehen und heute beim Apotheker übernachten.« – »In der Tat,« sagte die Kaplänin kalt, »bis zu Sonnenuntergang wird mitgegangen: wir sollen doch nicht dieser schönen Sonne den Rücken wenden?« Allerdings hatte der Abend lauter Freudenfeuer angezündet auf der Sonne – auf den Wolken – auf der Erde – auf dem Wasser.

Auf dem Hügel sah man schon die Turmspitzen der Stadt; die Sonne, dieses erwählte Drehkreuz der Begleitung, goß aus ihrer Vertiefung über die Schatten-Beete der Täler ihre goldführenden Purpurflüsse. Oben, als sie verging, nahm Viktor die zwei Eheleute in den Arm und sagte: »O macht euch so glücklich wie mich und kommt froh nach Haus!« – und dann nahm er die Schwestern an sein trunknes Herz und sagte: »Gute, gute Nacht, ich bin euch gut« – und dann sah er alle mit ihren verborgnen Seufzern und Tropfen rückwärts gehen – und dann rief er: »Wahrlich, ich komme bald wieder, es ist ja nur ein Sprung daher« – und dann schrie er nach: »Ich bin des Teufels, wenn wir getrennt sind« – und dann zog ihnen sein schweres Auge durch alle Zweige und Tiefen nach, und erst als der liebende Verein ins letzte Tal wie in ein Grab gesunken war, hüllte er sich die Augen zu und dachte an die unaufhörlichen Trennungen des Menschen....[720]

Endlich öffnete er seine Augen gegen die ausgebreitete überwölkte Stadt und dachte: »Zwischen dieser erhobnen Arbeit, in die sich die Menschen mit ihrem kleinen Leben nisten, sperren sich auch deine kleinen Tage ein – dieses ist die verhüllte Geburtstätte deiner künftigen Tränen, deiner künftigen Entzückungen – ach mit welchem Auge werd' ich nach Jahren wieder über diese Nebel-Gehäuse schauen – und.. ein Narr bin ich, sind denn 2300 Häuser nur meinetwegen?«


Nachschrift. Diesen sechzehnten Posttag hat der Berghauptmann ordentlich am Ende des Junius abgeschlossen.

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Er ist zwar nur gegen die typographische Geschichte gelehrter Werke aufgebracht und verachtet nur das ängstliche Forschen nach den Geburttagen etc. verstorbener und dummer Bücher mitten in einer Welt voll Wunder; aber auch hier muß er bedenken, daß Köpfe, die über nichts als das Drucken selber drucken lassen können, doch besser dieses kleine Etwas tun, das den Besseren am meisten wuchert und erspart, als gar nichts, oder etwas über ihre Kraft.

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Ein bekannter guter Schriftsteller über die Augen.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 703-721.
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