19. Hundposttag

[763] Der Friseur, der nicht lungen-, sondern singsüchtig ist – Klotilde in Viktors Traum – Extrazeilen über die Kirchenmusik – Gartenkonzert von Stamitz- Zank zwischen Viktor und Flamin – das Herz ohne Trost Brief an Emanuel


Der Oktober-Sonntag, womit – ich diesen Posttag voll mache, war schon um 9 1/2, morgens ein so freudiger glänzender Tag in St. Lüne, daß das ganze Pfarrhaus an den Hofmedikus dachte. – »Ach er sollte abends ins Konzert kommen!« Der Virtuose Stamitz gab eines in Le Bauts Garten. – »O lieber schon zum Mittagessen!« – »Und in meine Frühpredigt, wenn er nicht in die Kinderlehre will.« Eymann hatte dabei seine neu aufgelegte Perücke am meisten im Kopfe, die ihm Herr Meuseler heute darauf gesetzt hatte. Dieser geschickte Perückenmacher bereisete die Diözesanen (Pfarrer), die kein eignes Haar trugen, öfter und mit größern Verdiensten um ihre Köpfe als der Superintendent selber, dieser Beherrscher der Gläubigen, zu welchem die meisten Kapläne sagten: Ihro Exzellenz. Hätt' er sichs abgewöhnen können, daß er zuviel sang, log und soff, der Friseur: so hätten die meisten Geistlichen ihre Toupets – diese artistischen Hahnenkämme – bei ihm machen lassen; – so aber nicht.

Da der Kaplan gern die Konfitüren des Schicksals – worunter falsche Haare gehören – mit etwas versäuerte und hopfte: so suchte er natürlicherweise sich die heutige Perücke, für deren falsche Touren er an Zahlungstatt echte abgeschnittene Haare seiner Leute gab, durch Skrupel zu versalzen, die er sich über das lange Wegbleiben Viktors machte. Er erinnerte: »Wir müssen ihn vor den Kopf gestoßen haben – er schreibt nicht einmal – er ist vielleicht mit meinem Sohne zerfallen – etwas hats gesetzt – und dann sieht uns der alte Lord auch nicht mehr von der Seite an – unsere Ratten halfen ihn auch mit austreiben.«[763]

Durch solche Elegien setzte er anfangs nur sich, und zuletzt selber den Zuhörer in Angst. Er war durch nichts zu widerlegen als dadurch, daß man etwas Neues, was ihn ängstigte, hervorsuchte. Die Wetterscheide seines Gewölkes oder sein Not- und Hülfbüchlein war diesesmal ein wahres Buch, des Zeitzer Tellers »Anekdoten für Prediger«, die er heute durch den Perückenmacher vom geistlichen Lesezirkel empfing. Geistliche, zumal die auf dem Lande, betreiben alles mit einer kleinlichen pünktlichen Ängstlichkeit, worein sie zum Teil ihr regierender Wauwau und Lindwurm von Konsistorium schreckt. In dieser Lesegesellschaft war nun ein Gesetz im Gange – Kommentatoren und Herausgeber halten es –, daß jedes Leseglied die Fett- und Dintenflecke und Risse, die es im Lesebuch anträfe, vorn immatrikulieren sollte in einem Flecken-Verzeichnis und Befundzettel samt der Seitenzahl »wo«. Ganz natürlich leugnete jeder, der nur halbwege ein ehrlicher Lutheraner war, die unbefleckte Empfängnis des Buchs; und die Sommerflecken wurden also alle ordentlich einregistriert, aber keiner bestraft. Bloß der gewissenhafte Hofkaplan lud als Wüstenbock die Strafe fremder Fehler auf, indem er eine ganze Nacht jedesmal nicht schlafen konnte, sooft er im Buche mehre Kleckse als im Sündenregister fand, weil er offenbar sah, er werde zum Adoptivvater des namenlosen Schmutzes gemacht und zum Käufer des Buchs. – – Tellers Anekdoten für Schwarzröcke waren nun gar völlig schwarze Wäsche: war nicht ein Eselohr am andern – Kleckse auf Klecksen – die Blätter ordentliche Korrekturbogen... und zwar unmetaphorisch gesprochen? – Eymann hob an: »Und wenn mirs Geld zum Fenster hereinflög'....«

Da flog Viktors Brief zum Fenster herein und sein – Verfasser zur Tür.

Freilich aber wars so: Viktor hatte vor schönem Wetter schöne Träume, vor elendem erschien ihm der Satan mit seiner Sippschaft. Das schöne Sonnabend- Wetter und der Gedanke an den Geburttag Klotildens und des Nachsommers gaben ihm einen Morgentraum, der ein Theater war, in welchem bloß ihr holdes Bild gespielt. Eine Person, die er hinter dem Schleier des Traums gesehen, stand für ihn den ganzen nächsten Tag in einem zauberischen[764] Widerschein. Bei ihm irrten die Träume – diese Nachtschmetterlinge des Geistes – wie andre über die Nacht und den Schlaf hinaus; wenigstens vormittags liebt' er jede Person im Wachen fort, die er im Traum zu lieben angefangen. Diesesmal floß gar umgekehrt die wachende Liebe in die träumende hinein, und die wirkliche Klotilde fiel mit der idealen in ein so leuchtendes Heiligenbild zusammen, daß einer, der seinen Traum weiß, sich ins übrige leicht findet. Deswegen muß der Traum den Lesern gegeben werden, den poetischen Lesern besonders – für andere möchte ich eine Ausgabe der Hundposttage veranstalten, wo er heraus wäre; denn unpoetische, die selber keine haben, sollten auch keine lesen.

Euch aber, euch guten, selten belohnten weiblichen Seelen, die ihr ein eignes zweites Gewissen neben dem ersten für reine Sitten habt – deren einfache Tugend in der Nähe zu einem Kranze aus allen Tugenden aufblüht, wie Nebel-Sterne durch Gläser in Millionen zerfallen – die ihr, so veränderlich in allen Entschlüssen, so unveränderlich im edelsten, aus der Erde geht mit verkannten Wünschen, mit vergessenem Werte, mit Augen voll Tränen und Liebe, mit Herzen voll Tugend und Gram – euch teuern erzähl' ich gern den kleinen Traum und mein großes Buch! ...

»Eine Hand, die Horion nicht sah, faßte ihn an, eine Lippe, die er nicht sah, redete ihn an: Dein Herz sei jetzo heilig und rein, denn der Genius der weiblichen Tugend wohnt in diesem Gefilde. – Siehe, da stand Horion auf einer mit Vergißmeinnicht überzogenen Flur, auf welche der Himmel wie ein blauer Schatten herübersank; denn alle Sterne waren aus ihm genommen, nur der Abendstern stand einsam flimmernd oben an der Stelle der Sonne. Weiße Eis-Pyramiden, gestreift mit herunterrinnenden Abendröten, umrangen wie mit einem Wall aus Gold- und Silberstufen das ganze dunkle Rund – – Darin ging Klotilde, erhaben wie eine Verstorbene, heiter wie ein Mensch in der andern Welt, geführt bald von geflügelten Kindern, bald von einer verschleierten Nonne, bald von einem ernsten Engel, aber sie ging ewig vor Horion vorüber – sich lächelte ihn selig-liebend an unter jedem Vorüberziehen, aber sie zog vorüber. – Blumige Erhöhungen, Gräbern[765] fast gleich, stiegen auf und nieder, denn jede wurde von einem darunter schlummernden Busen durch Atmen geregt; eine weiße Rose stand über dem Herzen, das darunter verhüllet lag, zwei rote wuchsen über den Wangen, deren zartes Erröten sich in die Erde verbarg, und oben am himmlischen Nachtblau wankte der weiße und rote Widerschein der Hügel-Blumen gleitend ineinander, sooft unten die Rosen des Herzens und der Wangen sich mit dem Hügel bewegten – Versiegende Echo, aber von ungehörten Stimmen erregt, gaben einander hinter den Bergen Antwort; jedes Echo hob die kleinen Schlummerhügel höher auf, als wenn sie ein tiefer Seufzer oder ein Busen voll Wonne erhöhte, und Klotilde lächelte seliger, von jedem Widerhalle tiefer in den Blumenboden versenkt – In den Tönen war zu viel Wonne, und das aufgelöste Herz des Menschen wollte darin sterben. Klotilde sank jetzt in die Gräber bis ans Herz; nur das stille Haupt lächelte noch über der Aue – die Vergißmeinnicht ragten endlich an die untergesunkenen Augen voll seliger Tränen und überblühten sie – Da überkroch die Holde plötzlich ein Schlummerhügel, und unter den Blumen stiegen ihre Worte auf: Ruhe du auch, Horion! – Aber die fernern Laute verwandelten sich unter dem Begraben in dunkle Harmonikatöne... Siehe, unter dem Verstummen ging ein großer Schatten wie Emanuel heran und stand vor ihm wie eine kurze Nacht und verdeckte die unbekannte Minute aus einer höhern Welt. Aber als die Minute und der Schatten zerflossen waren: da waren alle Hügel niedergefallen – Da übergüldete der Blumen-Widerschein zusammengeflossen den wallen den Himmel – Da klammerten sich an die Purpurgipfel der Eisberge weiße Schmetterlinge, weiße Tauben, weiße Schwanen mit ausgespannten Flügeln wie mit Armen an, und hinter den Bergen wurden gleichsam von einer übermäßigen Entzückung Blüten emporgeworfen und Sterne und Kränze – Da stand auf dem höchsten, in lichtem Glanz und Purpurlohe ruhenden Eisberg Klotilde verherrlicht, geheiligt, überirdisch entzückt, und an ihrem Herzen flatterte eine Nebelkugel, die aus aufgelösten kleinen Tränen bestand, und auf welche Horions blasses Bild gezeichnet war, und Klotilde breitete die Arme auseinander.« – –[766]

Aber um zu umarmen? oder um sich aufzuschwingen? oder um zu beten? ... Ach, er erwachte zu bald und strömte in größern Tränen, als die nebeligen waren, aus, und eine untersinkende Stimme rief unaufhörlich um ihn: Ruhe du auch!

O du weibliche Seele, die du müde und unbelohnt, bekämpft und blutend, aber groß und unbefleckt aus dem rauchenden Schlachtfelde des Lebens gehst, du Engel, den das männliche, von Stürmen erzogne, von Geschäften besudelte Herz achten und lieben, aber nicht belohnen und erreichen kann; wie beugt sich jetzo meine Seele vor dir, wie wünsch' ich dir jetzo des Himmels stillenden Balsam, des Ewigen belohnende Güte! Und du, Philippine, teure Seele, tritt weg in eine verborgne Zelle und lege unter den Tränen, die du schon so oft vergossen hast, deine Hand an dein reines weiches Herz und schwöre: »Ewig bleibe du Gott und der Tugend geweiht, wenn auch nicht der Ruhe!« Dir schwör es; mir nicht, denn ich glaub' es ohne Schwur. – –

Welch' eine Paradenacht voll Sterne und Träume war das! und welch ein Galatag der Natur kam auf sie! In Viktors Kopf stand nichts als St. Lüne, blau überzogen, silbern übertauet und mit dem schönsten Engel geschmückt, der heute nasse frohe Augen in den freundlichen Himmel hob und dachte: »Wie bist du heute gerade an meinem Wiegenfeste so schön!« – Sogar der Stadtsenior und seine Tochter, welche beide Hochzeit machten – jener eine Wieder-Hochzeit mit seiner Seniorin, diese eine erste mit dem Waisenhausprediger-, schoben sich in den Zug seiner freudigen Gedanken als zwei neue Paare ein.

Er wollte nicht nach St. Lüne, sondern er sagte: »Ich ziehe mich nur an zu einem kleinen Spaziergange.« –

»Es ist ganz egal, wo ich heute gehe«, sagt' er draußen und ging also auf den St. Lüner Weg. –

»Umkehren kann ich allemal«, sagt' er auf halbem Wege. – –

»Noch närrischer aber wär's, wenn ich zugleich Briefsteller und Briefträger würde und mein eignes Schreiben einhändigte«, sagte er und zog solches her aus. –

»Und meiner guten Mutter ihres beantwortete ich bei dieser Gelegenheit mündlich«, fuhr er halb im Traume fort und voll größerer[767] Liebe gegen sie, die ihm den holden nächtlichen durch die Nachricht des Geburttages zugeschickt. –

– – Da er aber das Lüner Vorgeläute zum Kirchengeläute vernahm: so sprang er empor und sagte: »Nunmehr versalz' ich mir den Weg nicht länger durch weitere Skrupel, sondern ich marschiere keck und entschlossen ins Dorf.«

Und so zog er an der Hand Fortunens, hinter dem Nachlächeln der ganzen Natur, mit Träumen im Herzen, mit unschuldiger Hoffnung im neu aufblühenden Angesicht, in das Eden seiner Seele ein.

Flamin hatt' er nicht mitgebeten, um dem Stadtsenior den Hochzeitgast nicht zu nehmen, und weil er selber nicht wußte, daß er nach St. Lüne gelangen würde – und vielleicht auch, weil er seine phantasierende Aufmerksamkeit auf den schimmernden Morgen durch keine juristischen Akten-Neuigkeiten wollte stören lassen. Er ging überhaupt lieber mit einer Frau als einem Mann spazieren. Männer schämen sich beinahe nebeneinander anderer als stummer Empfindungen; aber weiblichen Seelen öffnen sich gern die verschämten Gefühle; denn sie decken das nackte Herz mit Mutterwärme zu, damit es nicht unter dem Enthüllen erkalte.

Da Viktor unten ums Pfarrhaus ging, sah er oben selber zum Fenster auf sich herunter, in seiner zweiten Auflage für einige gute Freunde; aber der Wachs-Viktor mußte sogleich hinter eine spanische Wand getrieben werden, damit er den fleischernen nicht erschreckte. Der Empfang des letzten und das Jubelfest dabei braucht nicht lebhafter von mir beschrieben zu werden, als daß ich sage: der Mops wurde fast ertreten, der Gimpel sprang umsonst nach seinem Frühstück herum, die Pfarrerin brachte in ihrer anblickenden Freude auch dem Gaste keines, und die Kirche ging erst nach dem Doppel-Uso von einer halben Stunde an; daher diesesmal mehre Eingepfarrte als sonst betrunken hineinkamen.

Berauscht, aber von Freude, kam Viktor auch hinein. Es ist nichts Angenehmeres, als eine Pfarrfrau zu sein und zum Mann, wenn sie ihm das geistliche Bäffchen umlegt, zu sagen: »Mach es[768] heute länger, die Keule brät sonst nicht gar.« – Die häuslichen Kleinigkeiten ergötzten meinen Helden ebensosehr, als ihn die höfischen erzürnten.

Er ging mit dem Pfarrer und der Pfarrerin, die alle Prozesse der Küche und Toilette summarisch und männlich abkürzte. Seine Duldung gegen die Fehler des geistlichen Standes hatte mit jener vornehmen stift- und tafelfähigen nichts gemein, welche aus höchster Verachtung entsteht, und die einen christlichen Priester so leicht wie einen ägyptischen erträgt: sondern sie kam aus seiner Meinung, daß die Kirchen noch die einzigen Sonntagschulen und spartischen Schulpforten des armen Volkes sind, das seinen cours de morale nicht beim Staate hören kann. Auch liebte er als Jüngling die Lieblinge seiner Kindheit.

Viele Prediger suchen den Quintilian, der schlechte Gründe in Reden vorangestellet haben will, und den Cicero, der sie erst hintennach verlangt, zu vereinigen und postieren solche an beiden Orten; aber Eymann hielt gute Empfindungen für besser als schlechte Gründe und wand um den Bauern nicht Schluß-, sondern Blumenketten.

Der obige Friseur wollte anfangs nicht in die Kirche, weils unter seinem Stand war, aber nachher konnt' er nicht anders; denn wegen des fremden Hofherrn darin wurde Kirchenmusik gemacht.

Es ist der einzige Fehler des Perückenmachers Meuseler, daß er zu gern singt und seine Kehle in alle Kirchenmusiken, die in seiner Perückendiözes gemacht werden, einmengt, zumal am heiligen Pfingstfest. Der Lüner Kantor wollt' es nie leiden; aber wie berückt er diesen und labt tausend Ohren? So bloß: er frisierte heute hinaus, was noch zu frisieren war (nicht bloß heute, sondern es ging allemal so), und glitt bloß an der Chortreppe hinan. Hier wachte und lehnt' er so lange, bis der Kantor, auf dem musikalischen Wurstschlitten seßhaft, mit dem Finger in den ersten Akkord der Kirchenmusik einhieb. Dann fuhr er wie ein Sonnenstrahl schnell ins Chor und mausete dem jungen Altisten sein Pensum weg und sangs dem Kirchensprengel in die Ohren, jedoch unter so viel Jammer und Puffen, als säng' er sein Manuskript[769] den Rezensenten vor. Denn man muß es nun einmal der Welt bekannt machen, daß der bissige Klavierist dem frisierenden Altisten mit einem spitzwinkligen Triangel von Ellenbogen wütig entgegenstochert, um den fremden Singvogel aus dem Vogelhause des Chors zu stoßen. Da aber der Sänger seinen rechten Arm zum festen Notenpulte seines Textes und den andern zur Streitkolbe machte, wie die an Jerusalem bauenden Juden, welche die eine Hand voll Bauzeug, die andre voll Waffen hatten: so konnte der Perückenmacher, unter fortwährendem Fechten und Musizieren, schon sein möglichstes tun und einiges durchsetzen während des Gottesfriedens der Musik. Aber sobald die Musik den letzten Atem gezogen hatte: so setzte der harmonische Strichvogel und Sturmläufer behend über das Chor hinaus und sann unterwegs tausend Ohren und einem einzigen Ellenbogen nach. Der Kantor konnt' ihn nicht riechen und nicht kriegen.

Lief er hingegen glücklicherweise mit seinen Schachteln durch ein Dorf, wo gerade Pfarr- und Schulherr und pädagogischer Froschlaich eine taube Leiche umquäkten und umkrächzeten, welches viele noch kürzer eine Leichenmusik nennen: so konnte der Virtuose, ohne Gegenstemmung der Ellenbogen, munter mit zwei Füßen mitten in die Motette hineinspringen – das Trauer-Ständchen, das die Erben dem Toten bringen, bearbeiten – dem Leichenzuge einige Finalkadenzen gratis zuwerfen und doch noch im Dorfe dem Amtmann eine ganz neue Beutelperücke anbieten. –

Unserem Helden machte die Dorfkirchen-Musik das größte satirische Vergnügen. Wir aber hätten wenig davon, wenn ich nicht so vorsichtig wäre, daß ich um die Erlaubnis nur zu einer elenden Extrasilbe – man soll sie kaum sehen – über die Kirchenmusik bettelte.[770]


Elende Extra-Silbe über die Kirchenmusik


Ich sehe allemal mit Vergnügen, daß die Leute in einer Kirchenmusik sitzen bleiben, weil es ein Beweis ist, daß keiner von der Tarantel gestochen ist; denn liefen sie hinaus, so sähe man, sie könnten keine Mißtöne aushalten und wären also gebissen. Ich als profaner Musikmeister setze nur für wenige Kirchen – nämlich für geflickte oder für neue den Einweihlärm – und verstehe also im Grunde von der Sache nichts, worüber ich mich im Vorbeigehen auslassen will; aber soviel sei mir doch erlaubt zu behaupten, daß die lutherischen Kirchenmusiken etwas taugen – auf dem Lande, nicht in den Residenzstädten, wo vielleicht die wenigsten Mißtöne richtig vorgetragen werden. Wahrlich, ein elender, versoffner, blauer Kantor, der in Bravour-Arien sich braun singt und andere braun schlägt – es gibt also zweierlei Bravour-Arien –, ist imstande, mit einigen Handwerkern, die Sonntags auf der Geige arbeiten, mit einem Trompeter, der die Mauern Jerichos niederpfeifen könnte ohne Instrument, mit einem Schmied, der sich mit den Pauken herumprügelt, mit wenigen krampfhaften Jungen, die das Singen noch nicht einmal können, und die doch einer Sängerin gleichen, welche nicht wie die schönen Künste allein für Ohr und Auge arbeitet, sondern auch (aber in einem schlimmern Sinn als die Jungen) für einen dritten Sinn, und mit dem wenigen Wind, den er aus den Orgel-Lungenflügeln und aus seinen eignen holt, ein solcher stampfender Mann ist, sag' ich, imstande, mit so außerordentlich wenigem musikalischen Gerümpel doch ein viel lauteres Donnern und Geigenharz-Blitzen um den Kanzel-Sinai, ich meine eine weit heftigere und mißtönendere Kirchenmusik aus seinem Chor herauszumachen als manche viel besser unterstützte Theater-Orchester und Kapellen, mit deren Wohllauten man so oft Tempel entweiht. Daher tut es nachher einem solchen lauten Manne weh, wenn man sein Kirchen-Gekratze und Geknarre verkennt und falsch beurteilt. Soll sich denn in alle unsre Provinzialkirchen das weiche leise herrnhutische Tönen einschleichen? – Es gibt aber zum Glück noch Stadtkantore, die dagegen arbeiten, und die wissen, worin reiner[771] Chor- und Mißton sich vom Kammerton zu unterscheiden habe.

Den Lesern nicht, aber Organisten kann ich zumuten, daß sie wissen, warum bloße Dissonanzen – denn Konsonanzen sind nur unter dem Stimmen der Instrumente zu ertragen – aufs Chor gehören. Dissonanzen sind nach Euler und Sulzer Ton-Verhältnisse, die in großen Zahlen ausgedrückt werden; sie mißfallen uns also nicht wegen ihres Mißverhältnisses, sondern wegen unsers Unvermögens, sie in der Eile in Gleichung zu bringen. Höhere Geister würden die nahen Verhältnisse unserer Wohllaute zu leicht und eintönig, hingegen die größern unserer Mißtöne reizend und nicht über ihre Fassung finden. Da nun der Gottesdienst mehr zur Ehre höherer Wesen als zum Nutzen der Menschen gehalten wird: so muß der Kirchenstil darauf dringen, daß Musik gemacht werde, die für höhere Wesen passet, nämlich eine aus Mißtönen, und daß man gerade die, die für unsre Ohren die abscheulichste ist, als die zweckmäßigste für Tempel wähle.

Machen wir einmal der herrnhutischen Instrumentalmusik die Kirchentüre auf: so steckt uns zuletzt auch ihr Singen an, und es verliert sich nach und nach alles Sing-Geblök, welches unsre Kirchen so lustig macht, und welches für Kastratenohren ein so unangenehmer Hammer des Gesetzes, aber für uns ein so guter Beweis ist, daß wir den Schweinen ähneln, die der Abt de Baigne auf Befehl Ludwigs XI., nach der Tonleiter geordnet, mit Tangenten stach und zum Schreien brachte. So denk' ich über Kirchen- oder neudeutschen Schlachtgesang.


Ende der Extrasilbe über die Kirchenmusik


Ich hätte den Haarkräusler nicht so lange singen und agieren lassen, wenn mein Held diesen ganzen Sonntag zu etwas anderem zu gebrauchen wäre als zu einem Figuranten; aber den ganzen Tag tat er nichts von Belang, als daß er etwan aus Menschenliebe die alte Appel zwang – indem er ihre Kommoden und Schachteln selber auspackte –, von ihrem Körper, der lieber Schinken als sich anputzte, die gewöhnliche, mit typographischer Pracht gedruckte Schabbes-Ausgabe schon um drei Uhr nachmittags zu[772] veranstalten: sonst lieferte sie solche erst nach dem Abendessen. Die Juden glauben, am Sabbat eine neue Schabbesseele zu bekommen: in die Mädchen fahrt wenigstens eine, in die Appeln ein paar.

Aber warum mut' ich meinem Helden zu, heute mehr Handlung zu zeigen – ihm, der heute – versunken in die Traum-Nacht und in den kommenden Abend – bewegt durch jedes freundliche Auge und durch die Urnen des weggeträumten Lenzes – sanft aufgelöset durch den stillen lauen Sommer, der an den Rauch altären der Berge, auf den mit Milchflor belegten Fluren und unter dem verstummenden Trauergefolge von Vögeln lächelnd und sterbend lag und beim Aufsteigen der ersten Wolke auf dem Laube verschied – Viktor, sag' ich, der heute, von lauter weichen Erinnerungen wehmütig angelächelt, fühlte, daß er bisher zu lustig gewesen. Er konnte die guten Seelen um ihn nur mit liebenden schimmernden Augen anblicken, diese noch schimmernder wegwenden und nichts sagen und hinausgehen. Über seinem Herzen und über allen seinen Noten stand tremolando. Niemand wird tiefer traurig, als wer zu viel lächelt; denn hört einmal dieses Lächeln auf, so hat alles über die zergangne Seele Gewalt, und ein sinnloser Wiegengesang, ein Flötenkonzert – dessen Dis- und Fis-klappen und Ansätze bloß zwei Lippen sind, womit ein Hirtenjunge pfeift – reißet die alten Tränen los, wie ein geringer Laut die wankende Lawine. Es war ihm, als wenn ihm der heutige Traum gar nicht erlaubte, Klotilden anzureden; sie schien ihm zu heilig und noch immer von geflügelten Kindern geführt und auf Eisthronen gestellt. Da er überhaupt für Le Bauts Gespräche im Reiche der Moralisch-Toten heute keine Zunge und keine Ohren hatte: so wollt' er im großen laubenvollen Garten dem Stamitzischen Konzert ungesehen zuhören und sich höchstens vom Zufall vorstellen lassen. Sein zweiter Grund war sein zum Resonanzboden der Musik geschaffnes Herz, das gern die eilenden Töne ohne Störung aufsog, und das die Wirkungen derselben gern den gewöhnlichen Weltmenschen verbarg, die Goethes, Raffaels und Sacchinis Sachen wahrhaftig ebensowenig (und aus keinen geringern Gründen) entbehren können als Löschenkohls seine. Die[773] Empfindung erbebt zwar über die Scham, Empfindung zu zeigen; aber er haßte und floh während seiner Empfindungen alle Aufmerksamkeit auf fremde Aufmerksamkeit, weil der Teufel in die besten Gefühle Eitelkeit einschwärzt, man weiß oft nicht wie. In der Nacht, im Schattenwinkel fallen Tränen schöner und verdünsten später.

Die Pfarrerin bestärkte ihn in allem; denn sie hatte heimlich in die Stadt geschickt und den Sohn eingeladen und eine Überraschung im Garten künstlerisch angelegt. –

Die Pfarrleute hoben sich endlich in den belaubten Konzertsaal und dachten nicht daran, wie sehr sie von Le Bauts Hause verachtet würden, das nur edle Metalle und edle Geburt, nie edle Taten für Eintrittkarten gelten ließ, und das die Pfarrleute als Freunde des Lords und Matthieus hoch, aber als Schoßhunde beider noch höher geschätzt hätte.

Viktor blieb im Pfarrgarten ein wenig zurück, weil es noch zu hell war, und auch weil ihn die arme Apollonia dauerte; diese guckte einsam und ungesehen im vollen Putze aus dem Fenster des Gartenhäuschens in die Luft und wiegte das Patchen steilrecht, das sie bald über ihren Kopf, bald unter ihren Magen hing. Er setzte, wie ein Spießbürger, im Gartenhaus den Hut nicht auf, um ihren Mut durch Höflichkeit zu stärken. Ein Wickelkind ist gleichsam der Einbläser und Balgtreter der Kinderwärterin: der junge Sebastian schickte Appeln hinreichenden Entsatz gegen den ältern, und sie unterfing sich zuletzt, zu reden und anzumerken, das Patchen sei ein guter, lieber, schöner »Bastel«. »Aber« (setzte sie dazu) »die gnädige Frölen (Klotilde) dürfen das nicht hören; Sie wollen haben, wir sollen ihn Viktor nennen, wenn Sie hören, daß der Vater Bastel sagt.« Sie strich es nun heraus, wie Klotilde sein Patchen liebe, wie oft sie ihr den kleinen Schelm abnehme und ihn anlächle und abküsse; und die Lobrednerin wiederholte am Kleinen alles, was sie pries. Ja der erwachsene Sebastian tat es auch nach, aber er suchte auf den kleinen Lippen nichts als fremde Küsse; und vielleicht gehörten bei Appeln wieder seine unter die Sachen, die gesucht werden. Der Glücklichere verließ die Glücklichere; denn Amor schickte nun eine geschmückte Hoffnung[774] nach der andern an sein Herz als Boten ab, und alle sagten: »Wir belügen dich wahrhaftig nicht; trau uns!«

Endlich fing Stamitz zu stimmen an, um welchen die zähe Obristkämmerei sich gewiß nichts bekümmert hätte, weil heute keine Fremde da waren, hätte sich nicht Klotilde dieses Gartenkonzert als die einzige Feier ihrer Geburtnacht erbeten gehabt. Stamitz und sein Orchester füllten eine erleuchtete Laube – der adelige Hörsaal saß in der nächsten hellsten Nische und wünschte, es wäre schon aus – der bürgerliche saß entfernter, und der Kaplan flocht aus Furcht vor dem katarrhalischen Tau-Fußboden ein Bein ums andre über die Schenkel – Klotilde und ihre Agathe ruhten in der dunkelsten Blätterloge. Viktor schlich sich nicht eher ein, als bis ihm die Ouvertüre den Sitz und das Sitzen der Gesellschaft ansagte; in der fernsten Laube, in der wahren Sonnenferne nahm dieser Bartstern Platz. Die Ouvertüre bestand aus jenem musikalischen Gekritzel und Geschnörkel – aus jener harmonischen Phraseologie – aus jenem Feuerwerkgeprassel widereinander tönender Stellen, welches ich so erhebe, wenn es nirgends ist als in der Ouvertüre. Dahin passet es; es ist der Staubregen, der das Herz für die großen Tropfen der einfachern Töne aufweicht. Alle Empfindungen in der Welt bedürfen Exordien; und die Musik bahnet der Musik den Weg – oder die Tränenwege.

Stamitz stieg – nach einem dramatischen Plan, den sich nicht jeder Kapellmeister entwirft – allmählich aus den Ohren in das Herz, wie aus Allegros in Adagios; dieser große Komponist geht in immer engern Kreisen um die Brust, in der ein Herz ist, bis er sie endlich erreicht und unter Entzückungen umschlingt.

Horion zitterte einsam, ohne seine Geliebten zu sehen, in einer finstern Laube, in welche ein einziger verdorrter Zweig das Licht des Mondes und seiner jagenden Wolken einließ. Nichts rührte ihn unter einer Musik allezeit mehr, als in die laufenden Wolken zu sehen. Wenn er diese Nebelströme in ihrer ewigen Flucht um unser Schatten-Rund begleitete mit seinen Augen und mit den Tönen, und wenn er ihnen mitgab alle seine Freuden und seine Wünsche: dann dacht' er, wie in allen seinen Freuden und Leiden, an andre Wolken, an eine andre Flucht, an andre Schatten[775] als an die über ihm, dann lechzete und schmachtete seine ganze Seele; aber die Saiten stillten das Lechzen, wie die kalte Bleikugel im Mund den Durst ablöscht, und die Töne löseten die drückenden Tränen von der vollen Seele los.

Teurer Viktor! im Menschen ist ein großer Wunsch, der nie erfüllt wurde: er hat keinen Namen, er sucht seinen Gegenstand, aber alles, was du ihm nennest, und alle Freuden sind es nicht; allein er kömmt wieder, wenn du in einer Sommernacht nach Norden siehst oder nach fernen Gebirgen, oder wenn Mondlicht auf der Erde ist, oder der Himmel gestirnt, oder wenn du sehr glücklich bist. Dieser große ungeheure Wunsch hebt unsern Geist empor, aber mit Schmerzen: ach! wir werden hienieden liegend in die Höhe geworfen gleich Fallsüchtigen. Aber diesen Wunsch, dem nichts einen Namen geben kann, nennen unsre Saiten und Töne dem Menschengeiste – der sehnsüchtige Geist weint dann stärker und kann sich nicht mehr fassen und ruft in jammerndem Entzücken zwischen die Töne hinein: ja alles, was ihr nennt, das fehlet mir....

Der rätselhafte Sterbliche hat auch eine namenlose ungeheure Furcht, die keinen Gegenstand hat, die bei gehörten Geistererscheinungen erwacht, und die man zuweilen fühlt, wenn man nur von ihr spricht....

Horion übergab sein zerstoßenes Herz mit stillen Tränen, die niemand fließen sah, den hohen Adagios, die sich mit warmen Eiderdunen-Flügeln über alle seine Wunden legten. Alles, was er liebte, trat jetzt in seine Schatten-Laube, sein ältester Freund und sein jüngster – er hört die Gewitterstürmer des Lebens läuten, aber die Hände der Freundschaft strecken sich einander entgegen und fassen sich, und noch im zweiten Leben halten sie sich unverweset. –

Alle Töne schienen die überirdischen Echo seines Traumes zu sein, welche Wesen antworteten, die man nicht sah und nicht hörte....

Er konnte unmöglich mehr in dieser finstern Einzäunung mit seinen brennenden Phantasien bleiben und in dieser zu großen Entfernung vom Pianissimo. Er ging – fast zu mutig und zu nahe[776] – durch einen Laubengang den Tönen näher zu und drückte das Angesicht tief durch die Blätter, um endlich Klotilde im fernen grünen Schimmer zu erblicken....

Ach er erblickte sie auch! – Aber zu hold, zu paradiesisch! Er sah nicht das denkende Auge, den kalten Mund, die ruhige Gestalt, die so viel verbot, und so wenig begehrte: sondern er sah zum erstenmal ihren Mund von einem süßen harmonischen Schmerz mit einem unaussprechlich-rührenden Lächeln umzogen – zum erstenmal ihr Auge unter einer vollen Träne niedergesunken, wie ein Vergißmeinnicht sich unter einer Regenzähre beugt. O diese Gute verbarg ja ihre schönsten Gefühle am meisten! Aber die erste Träne in einem geliebten Auge ist zu stark für ein zu weiches Herz... Viktor kniete, überwältigt von Hochachtung und Wonne, vor der edeln Seele nieder und verlor sich in die dämmernde weinende Gestalt und in die weinenden Töne. – Und da er endlich ihre Züge erblasset sah, weil das grüne Laub mit einem totenfarbigen Widerschein der Lampen ihre Lippen und Wangen überdeckte – und da sein Traum und die Klotilde wieder erschien, die darin unter den blumigen Hügel versunken war – und da seine Seele zerrann in Träume, in Schmerzen, in Freuden und in Wünsche für die Gestalt, die ihr Wiegenfest mit andächtigen Tränen heiligte: o war es da zu seinem Zergehen noch nötig, daß die Violine ausklang, und daß die zweite Harmonika, die Viole d'Amour, ihre Sphären-Akkorde an das nackte, entzündete, zuckende Herz absandte? – O! der Schmerz der Wonne befriedigte ihn, und er dankte dem Schöpfer dieses melodischen Edens, daß er mit den höchsten Tönen seiner Harmonika, die das Herz des Menschen mit unbekannten Kräften in Tränen zersplittern, wie hohe Töne Gläser zersprengen, endlich seinen Busen, seine Seufzer und seine Tränen erschöpfte: unter diesen Tönen, nach diesen Tönen gab es keine Worte mehr; die volle Seele wurde von Laub und Nacht und Tränen zugehüllt – das sprachlose Herz sog schwellend die Töne in sich und hielt die äußern für innere – und zuletzt spielten die Töne nur leise wie Zephyre um den Wonneschlaftrunknen, und bloß im sterbenden Innern stammelte noch der überselige Wunsch: »Ach Klotilde,[777] könnt' ich dir heute dieses stumme, glühende Herz hingeben – ach könnt' ich an diesem unvergänglichen Himmelsabend, mit dieser zitternden Seele sterbend vor deine Füße sinken und die Worte sagen: ich liebe dich!« – –

Und als er an ihren Festtag dachte und an ihren Brief nach Maienthal, der ihm das große Lob gegeben, ein Schüler Emanuels zu sein, und an kleine Zeichen ihrer Achtung für ihn und an die schöne Verschwisterung seines Herzens mit ihrem – ja da trat die himmlische Hoffnung, dieses geadelte Herz zu bekommen, zum erstenmal unter Musik nahe an ihn, und die Hoffnung ließ die Harmonikatöne wie verrinnende Echos weit über die ganze Zukunft seines Lebens fließen....

»Viktor!« sagte jemand in langsam gedehntem Ton. Er sprang auf und kehrte seine veredelten Züge gegen den – Bruder seiner Klotilde und umarmte ihn gern. Flamin, in welchen alle Musik Kriegsfeuer und freiere Aufrichtigkeit warf, sah ihn staunend, fragend und unmerklich schüttelnd und mit jener Freundlichkeit an, die wie Hohn aussah, die aber allezeit bloßes Schmerzen empfangener Beleidigungen war. »Warum nahmst du mich heute nicht mit?« sagte freundlich Flamin. Viktor drückte seine Hand und schwieg.

»Nein! rede!« sagte jener. – »Laß es heute, mein Flamin, ich sage dirs noch«, versetzte Viktor.

»Ich will dirs selber sagen« (begann jener schneller und wärmer)

– »Du denkst vielleicht, ich werde eifersüchtig. Und siehe, kennt' ich dich nicht, so würd' ichs auch; wahrlich, ein anderer würd' es, wenn er dich hier so angetroffen hätte und alles zusammenrechnete, deine neuliche Entfernung aus unserem Gartenhaus in die Laube – dein Schreiben ohne Licht und dein Singen von Liebe« –

»An Emanuel«, sagte Viktor sanft –

»Dein Abgeben dieses Blattes an sie« –

»Es war ein anderes aus ihrem Stammbuche«, sagt' er –

»Noch schlimmer, das wußt' ich nicht einmal – Dein Zögern in St. Lüne und tausend andre Züge, die mir nicht sogleich einfallen, dein heutiges Alleingehen« –

»O mein Flamin, das geht weit, du siehst mit einem andern Auge als dem der Freundschaft« –[778]

Hier wurde Flamin, der sich in nichts verstellen konnte, ohne es sogleich zu werden, und der keine Beleidigung erzählen konnte, ohne in den alten Zorn zu geraten, wärmer und sagte weniger freundlich: »Es sehens schon andre auch, sogar der Kammerherr und die Kammerherrin.«

Dieses zerriß Viktor das Herz. »Du Teurer, alter Jugendfreund, so sollen wir auseinander gezogen und gerissen werden, wir mögen noch so sehr bluten; es soll also diesem Matthieu gelingen (denn von dem kommt alles, nicht von dir, du Guter), daß du mich marterst, und daß ich dich martere – Nein, es soll ihm nicht gelingen – Du sollst nicht von mir genommen werden – Siehe bei Gott,« (und hier stand in Viktor das Gefühl seiner Unschuld erhaben auf) »und wenn du mich jahrelang verkennst, so kommt doch die Zeit, wo du erschrickst und zu mir sagst: ich habe dir unrecht getan! – Aber ich werde dir gern vergeben.«

Dieses rührte den Eifersüchtigen, der heute überhaupt (wegen einer besondern Ursache) gelassener war. »Sieh,« (sagt' er) »ich glaube dir allemal: sag es, tust du nie etwas gegen mich?«- »Nie, nie, mein Lieber!« antwortete Viktor. – »Jetzt verzeih meiner Hitze,« fuhr jener fort, »so hab' ich schon mit meiner verfluchten Eifersucht einmal Klotilden selber in Maienthal gequält – aber dem Matthieu tue nicht unrecht; er ists vielmehr, der mich beruhigte. Er sagte mir es zwar, was Klotildens Eltern zu merken geglaubt, ja noch mehr – sieh, ich sage dir alles – sie hätten sogar wegen deiner vorgeblichen Neigung und wegen deines jetzigen Einflusses, den der Kammerherr gern zu seiner Wiedererhebung benutzen möchte, von einer möglichen Verbindung mit der Tochter gesprochen, auch gegen diese, und sie ausgeforscht; aber (dir ists doch gleichgültig) meine Geliebte blieb mir treu und sagte Nein.« –

Nun war unserm Freund das vorher so glückliche Herz gebrochen; dieses harte Nein war bisher noch nicht gegen ihn ausgesprochen worden – mit einer unaussprechlichen, niederdrückenden, aber stillen Wehmut sagt' er leise zu Flamin: »Bleib du mir auch treu – denn ich habe ja wenig; und quäle mich nie mehr so wie heute.« Er konnte nicht mehr reden; die erstickten Tränen[779] stürmten flutend auf sein Herz hinan und sammelten sich schmerzlich unter dem Augapfel – er mußte jetzt einen stillen dunkeln Ort haben, wo er sich recht ausweinen konnte, und in seinem aufgerissenen schmerzenden Innern war bloß der Gedanke noch sanft und balsamisch: »Jetzt in der Nacht kann ich weinen, soviel ich will, und niemand sieht mein zerrissenes Angesicht, meine zerrissene Seele, mein zerrissenes Glück.«

Und als er dachte: »Ach Emanuel, wenn du mich heute so sähest« – konnt' er sich kaum mehr halten.

Er floh mit zurückgestemmten Tränen, gleichgültig wer es sehe oder nicht, aus dem Garten, über welchen ein düsterer Engel eine große Trauerfahne fliegen ließ und Leichenmusik. Er stieß sich wund an einer steinernen Gartenwalze, womit man die beregneten Grasspitzen und Blümchen niederquetscht – er weinte noch nicht, aber auf der Warte, da wollt' er sich sättigen und tränken mit reichlichem Schmerz – er wiederholte immer: »Aber sie blieb getreu und sagte Nein, nein, nein« – die Konzerttöne wehten ihm nach wie Feuer dem, der es besprochen – er watete durch nasse entschlummerte Fluren, die ihre Blumen verhüllten, und schneller als er strichen auf der Erde die Schattenrisse des oben vom Winde verfolgten Gewölkes dahin – er stand an der Warte, hielt jede Zähre noch und rannte hinauf – er warf sich auf die Bank, wo er Klotilden zum ersten Male im weißen Gewand von ferne gesehen – »Ruhe du auch, Horion!« hatte sie aus seinem Traum ihm unter dem Blumenhügel zugerufen, und er hörte es wieder. – –

Hier riß er freudig alle seine Wunden auf und ließ sie frei hinbluten in Tränen – sie überzogen mit trüben Strömen das Angesicht, das sanft oft gelächelt hatte, aber immer gutmütig, und das andern keine abgepresset, sondern abgetrocknet hatte – jede Flut war eine weggehobne Last, aber das Herz wurde darauf wieder schwer und vergoß die neue. – Endlich konnt' er die Töne wieder hören, die meisten sanken unter, eh' sie an den Turm geflossen waren, kleine kamen sterbend an und zergingen in seinem dunkeln Herzen – jeder Ton war eine fallende Träne und machte ihn leichter und sprach seinen Kummer aus – der Garten schien aus sanft ertönenden, gebrochen-überdämmerten, dunkelgrünen[780] Schattenwogen zu bestehen – er riß, von Erinnerung gestochen, das Auge davon weg: »Was geht er mich mehr an«, dacht' er. Aber endlich stieg aus diesem Schatten-Eden und aus der Viole d'Amour das Lied »Vergiß mein nicht« zu seinem müden Herzen auf und gab ihm wieder den sanftern Schmerz und die vergangne Liebe: »Nein,« sagt' er, »ich vergesse dein auch nicht, ob du mich gleich nicht geliebt – Deine Gestalt wird mich doch ewig rühren und an meine Träume erinnern – ach du Himmlische, es ist ja jetzt das einzige, was mich nicht schmerzet, wenn ich denke: ich vergesse dein nicht.«

Alles wurde stumm und ausgelöscht; er war allein neben der Nacht. Endlich ging er nach der langen Stille herab und nach Flachsenfingen zu, matt geweint und arm geworden. Und als er unterweges schnell zum schwarzblauen Himmel, in welchem irrende Wolken um den Mond wie Schlacken umhergeworfen waren, hinaufblickte und schnell wieder über die halb vernichtete Schattengegend, über die Schattenberge und Schattendörfer: so kam ihm alles tot, leer und eitel vor, und es schien ihm, als wär' in irgendeiner hellern Welt eine Zauberlaterne – und durch die Laterne rückten Gläser, worauf Erden und Frühlinge und Menschengruppen gefärbet wären – und die herabgeflossenen hüpfenden Schattenbilder dieser Gläser nennten wir Uns und eine Erde und ein Leben – und allem Bunten liefe ein großer Schatten hintennach. – –

Ach, ich rege vielleicht in mancher Brust längst vergessene Beklemmungen wieder auf, aber es tut uns wohl – da die Leiden so viel Platz in unserer Erinnerung einnehmen –, daß dieses herbe Lagerobst milde wird durch Liegen, und daß ein geringer Unterschied ist zwischen einem vergangnen Schmerz und einer jetzigen Lust.

Der arme Viktor kam nach Mitternacht mit einem bleichen Angesicht und mit brennenden Augen im Hause des Apothekers an. Er begehrte nichts, um seine gebrochne Stimme nicht zu verraten. Als er seinen Alltagsüberrock im Mondschimmer hängen sah, und als er sich wie eine fremde Person vorstellte, der der Rock gehörte und die ihn am Morgen so freudig auszog und jetzo[781] so trostlos anlegte: so ergriff ein Mitleiden, das er mit sich selber hatte, wieder mit zu starkem Druck sein erschöpftes Herz. Marie kam, und er wendete nicht einmal die Zeichen dieses Mitleids von ihr weg. Sie stand betroffen – er sagte ihr mit der sanftesten, aus Seufzern gewebten Stimme, er brauche nichts – und die gute Seele ging ohne Mut zum Trösten und zu Tränen langsam hinaus, aber die ganze Nacht vergoß sie unsichtbare über die fremden und über einen Kummer, der ihr nicht gesagt war.

Warum öffnete gerade heute das Schicksal alle Adern seines Herzens? Warum ließ es gerade auf diesen Tag die Silberhochzeit des Stadtseniors und die erste Hochzeit seiner Tochter mit dem Waisenhausprediger treffen? Warum, wenn doch beide Hochzeitfeste auf diesen Tag zusammenfallen sollten, mußten sie bis nach Mitternacht fortwähren, wo sie den armen Viktor in alle Brandstätten seiner Hoffnungen schauen ließen, wo er in einer lichtervollen Stube aus seiner dunkeln die Liebe sah, welche Hände verknüpfte, Lippen zusammendrückte und Augen und Seelen vermischte? – Zu einer andern Zeit würd' er über den Waisenhausprediger und über zwei Armenkatecheten gelächelt haben; aber heute konnt' er nur darüber seufzen, und es ist eine sanfte Schönheitlinie an seinem innern Menschen, daß er den armen Menschen das vergönnte, was er entbehrte: »Ach ihr seid glücklich«, sagte er – »o liebt euch recht, presset die klopfenden vergänglichen Herzen heiß aneinander, eh' sie der Flügel der Zeit zerschlägt, und glühet aneinander in der kurzen Minute des Lebens und wechselt eure Tränen und Küsse, eh' die Augen und Lippen im Grabe erfrieren – ihr seid glücklicher als ich, der ich das Herz voll Liebe niemand geben kann als den Würmern des Grabes, und auf dessen Sarg ein Tischler die Überschrift, die wie ich mit Erde bedeckt wird, färben soll: ihr guten Menschen, ihr habt mich nicht geliebt, 30 und ich war euch doch so gut!« –

Jedes glückliche Lächeln, jeder flötende Violinenzug, jeder Gedanke wurde jetzt seinem von Tränen umgebenen weichen Herzen zur harten spitzen Ecke, so wie einer Hand, die sich in Wasser untertaucht, alles hart anzufühlen wird.

Seine grenzenlose Aufrichtigkeit, seine grenzenlose Erweichung[782] konnt' er mit nichts befriedigen, als mit einem Briefe an seinen Emanuel, in welchen er seine ganze Seele überströmen ließ.


»O teurer Geliebter!


Sollt' ich denn dirs verbergen, wenn mich Schmerzen übermannen oder Torheiten? Sollt' ich dir nur meine bereueten Fehler zeigen und nie meine gegenwärtigen? – Nein, tritt her, Teurer, an meine wunde Brust, ich öffne dir das Herz darin, es blute und poche unter der Entblößung, wie es will – du deckest es doch vielleicht mit deiner väterlichen Liebe wieder zu und sagst: ich lieb' es noch. –

Du, mein Emanuel, ruhest in deiner hohen Einsamkeit, auf dem Ararat der erretteten Seele, auf dem Tabor der glänzenden: da blickest du sanft geblendet in die Sonne der Gottheit und siehest ruhig die Wolke des Todes auf die Sonne zuschwimmen – sie verhüllt sie, du erblindest unter der Wolke, sie verrinnt, und du stehst wieder vor Gott. – Du liebst Menschen als Kinder, die nicht beleidigen können – du liebst Erdengenüsse wie Früchte, die man zur Kühlung pflückt, aber ohne nach ihnen zu hungern – die Gewitter und Erdbeben des Lebens gehen vor dir ungehört vorüber, weil du in einem Lebens-Traum voll Töne, voll Gesänge, voll Auen liegst, und wenn dich der Tod aufweckt, lächelst du noch über den heitern Traum.

Aber ach, mehr als ein Gewitter donnert hinein in den Lebenstraum von uns andern und macht ihn ängstlich. Wenn ein höheres Wesen in den Wirrwarr von Ideen treten könnte, der unsern Geist umgibt, und aus dem er seinen Atem holen muß, wie wir in einer aus allen Luftarten zusammengegossenen Luftart atmen wenn es sähe, welche Nährmittel durch unsern innern Menschen gehen, denen er seinen Milchsaft abgewinnen muß, dieses Gemenge von komischen Opern – Bayles Wörterbüchern – Konzerten von Mozart – Messiaden – Kriegsoperationen – Goethes Gedichten – Kants Schriften – Tischreden – Mond-Anschauungen – Lastern und Tugenden – Menschen und Krankheiten und Wissenschaften aller Art – – wenn das Wesen diese Lebens-Olla-Potrida[783] untersuchte: würd' es nicht begierig sein, zu wissen, welche widersinnige Säfte dadurch in der armen Seele zusammen gerinnen, und würd' es sich nicht wundern, daß noch etwas Festes und Gleichförmiges im Menschen bleibt? – Ach wenn dein Freund, Emanuel! bald in einem feinen Speisesaal, bald in einem Garten, bald in einer Loge, bald vor dem großen Nachthimmel, bald vor einer Kokette, bald vor dir ist: so macht ihm dieser zweideutige Wechsel der Auftritte Schmerzen und vielleicht Flecken...

Nein, ich will meinen Emanuel nicht belügen – – O sind denn die Kleinigkeiten und die Steinchen dieses Lebens wert, daß wir darum krumme Gänge wählen, wie die Minierraupe durch die Ästchen ihres Blattes sich zu Krümmungen zwingen läßt? – Nein, alles, was ich gesagt habe, ist wahr; aber ich hätt' es nicht gesagt, wenn nicht andre Schmerzen mich auch auf jene führten; und doch hättest du es mir, du unschuldig-kindlich-erhaben-trauender Lehrer, geglaubt. Ach, du hälst mich für zu gut... o es ist ein weiter ermüdender Schritt von der Bewunderung zur Nachahmung! – Jetzt aber blick in mein geöffnetes Herz!

Seitdem ich hier im Totenhaus meiner kindlichen Freuden, in den Beeten, wo meine Kindheitjahre geblühet und abgeblühet haben, vielleicht mit zu vielen Träumen der Vergangenheit umhergehe; – und noch mehr: von dem Tage an, wo du meinem Herzen den Reiz zum Fieber-Schlage auf mein ganzes Leben gegeben, seitdem du mir das Leben aufgedeckt, worin sich der Mensch zerblättert, und den dünnen spitzigen Augenblick, auf dem er so schmerzhaft steht, seit jener Abschied-Nacht, wo meine Seele groß und meine Tränen unerschöpflich waren, rinnt eine ewige Wunde in mir, und der Seufzer einer Sehnsucht, die nichts zu nennen weiß als Träume und Tränen und Liebe, liegt wie eine stockende Ader beklemmend und verzehrend in meiner Brust – – Ach, ich lache noch wie sonst, ich philosophiere noch wie sonst, aber mein Inneres sieht nur der Geliebte, dem ichs jetzt entblöße.

O Schicksal, warum schlugst du in den Menschen den Funken einer Liebe, die in seinem eignen Herzblut ersticken muß? Ruht nicht in uns allen das holde Bild einer Geliebten, eines Geliebten, wovor wir weinen, wornach wir suchen, worauf wir hoffen, ach[784] und so vergeblich, so vergeblich? – Steht nicht der Mensch vor der Brust eines Menschen wie die Turteltaube vor dem Spiegel und girret wie diese sich heiser vor einem toten flachen Bilde darin, das er für die Schwester seiner klagenden Seele hält? – Warum frägt uns denn jeder schöne Frühlingabend, jedes schmelzende Lied, jede überströmende Freude: wo hast du die geliebte Seele, der du deine Wonne sagst und gibst? Warum gibt die Musik dem bestürmten Herzen statt der Ruhe nur größere Wellen, wie das Geläute der Glocken die Ungewitter, anstatt zu entfernen, herunterzieht? Und warum ruft es draußen an einem schönen stillen hellen Tage, wenn du über das ganze aufgeschlagne Gemälde einer Landschaft siehest, über die Blumen-Meere, die auf ihr zittern, über die herabgeworfnen Wolkenschatten, die von einem Hügel zum andern fliehen, und über die Berge, die sich wie Ufer und Mauern um unsern Blumenzirkel ziehen, warum ruft es da denn unaufhörlich in dir: ›Ach, hinter den rauchenden Bergen, hinter den aufliegenden Wolken, da wohnt ein schöneres Land, da wohnt die Seele, die du suchst, da liegt der Himmel näher an der Erde‹? – Aber hinter dem Gebirge und hinter dem Gewölke stöhnt auch ein verkanntes Herz und schauet an deinen Horizont herüber und denkt: ›Ach, in jener Ferne wär' ich wohl glücklicher!‹

Sind wir denn alle nicht glücklich – – Bejah' es nicht und sage nicht zu mir, Emanuel, daß im Winter dieses Lebens gerade die wenigen warmen Sonnenblicke, die ihn unterbrechen, den bessern Menschen wie Gewächse zersprengen und zugrunde richten – sage nicht, daß jedes Jahr etwas von unserm Herzen wegstoße, und daß es wie das Eis immer kleiner werde, je weiter es schwimme im Strome der Zeit – sage nur nicht, daß die irrende Psyche, wenn sie auch ihr zweites Selbst in ihrem Gefängnis höre, doch nie in seine Arme kommen könne – – Aber du hasts schon einmal gesagt:

›In zwei Körpern stehen wie auf zwei Hügeln getrennt alle liebende Seelen der Erde, eine Wüste liegt zwischen ihnen wie zwischen Sonnensystemen, sie sehen einander herübersprechen durch ferne Zeichen, sie hören endlich die Stimmen über die Hügel[785] herüber – aber sie berühren sich nie, und jede umschlingt nur ihren Gedanken. – Und doch zerstäubt diese arme Liebe wie ein alter Leichnam, wenn sie gezeigt wird; und ihre Flamme zerflattert wie eine Begräbnislampe, wenn sie aufgeschlossen wird.‹

Sind wir denn alle nicht glücklich? –

Bejah' es nicht! – Ach der Mensch, der schon von der Kindheit an nach einer unbekannten Seele rief, die mit seiner eignen in einem Herzen aufwuchs – die in alle Träume seiner Jahre kam und darin von weitem schimmerte und nach dem Erwachen seine Tränen erregte – die im Frühling ihm Nachtigallen schickte, damit er an sie denke und sich nach ihr sehne – die in jeder weichen Stunde seine Seele besuchte mit so viel Tugend, mit so viel Liebe, daß er so gern all' sein Blut in seinem Herzen wie in einer Opferschale der Geliebten hingegeben hätte – die aber ach nirgends erschien, nur ihr Bild in jeder schönen Gestalt zusandte, aber ihr Herz ewig entrückte – – endlich, o plötzlich, o selig schlägt ihr Herz an seinem Herzen, und die zwei Seelen umfassen sich auf immer – – er kann es nicht mehr sagen, aber wir könnens: dieser ist doch glücklich und geliebt....

Guter Emanuel, du vergibst mir den Schmerz der Furcht, daß ich es wohl nie sein werde – Nein, nie! – O ich wäre auch für diese von Gräbern zerstückte Erde vielleicht gar zu glücklich, ich dürfte für ein so junges, mit so kleinen Verdiensten gerechtfertigtes Leben vielleicht ein zu großes Eden bewohnen, wenn meine zu weiche Seele, die schon unter drei frohen Minuten einsinkt, die jeden Menschen liebt und sich mit Kinderarmen ans Herz der ganzen Schöpfung hängt, o die schon durch diesen bloßen Traum der Liebe zu selig wird und überwältigt durch diese Beschreibung – – nein, sie wäre zu selig, eine solche von Wehmut und Menschenliebe längst zerschmolzene Seele, wenn sie einmal nach einem so langen tödlichen Sehnen endlich, endlich – Emanuel, ich bebe wieder vor Freude, und es ist doch niemals, niemals möglich! alle ihre Wünsche, ihren ganzen Himmel, so viele Liebe in einer teuern, teuern Seele gesammelt fände, wenn ich vor der großen Natur und vor dem Angesicht der Tugend und vor Gott selber, der mir und ihr die Liebe gab, zur Einzigen, zur Frommen, zur[786] Geliebten – Gott, wie heißt ihr Name – zur Vorausgeliebten, die ich jetzt im Wahnsinn nennen wollte, weinend sagen dürfte: endlich hat dich mein Herz, du Gute, Gott gibt uns heute einander, und wir bleiben beisammen auf die ganze Ewigkeit. Nein, ich würd' es nicht sagen, sondern vor Wonne verstummen und sterben.

– Siehe! mir war jetzt, als ging' eine Gestalt über meine Stube und riefe: Viktor! Ich sah mich um und erblickte meine leere Stube und die abgelegten Sonntagkleider, und jetzt erinnerte ich mich erst, daß ich unglücklich bin und nicht geliebt.

Du aber, unersetzlicher Freund, mißkenne mich nicht; ich schwöre dir, daß ich dir diese Blätter ungeändert gehe, wenn ich auch morgen, wo die Wirbel der heutigen Nacht stiller fließen, alle Änderungen nötig fände. Dein törichter Freund bleibt doch dein ewiger Freund.

S.V.H.«

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 763-787.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Rameaus Neffe

Rameaus Neffe

In einem belebten Café plaudert der Neffe des bekannten Komponisten Rameau mit dem Erzähler über die unauflösliche Widersprüchlichkeit von Individuum und Gesellschaft, von Kunst und Moral. Der Text erschien zuerst 1805 in der deutschen Übersetzung von Goethe, das französische Original galt lange als verschollen, bis es 1891 - 130 Jahre nach seiner Entstehung - durch Zufall in einem Pariser Antiquariat entdeckt wurde.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon