25. Hundposttag

[875] Verstellte und wahre Ohnmacht Klotildens – Julius – Emanuels Brief über Gott


Gutes, schönes Geschlecht! Zuweilen wenn ich ein demantenes Herz über deinem warmen hängen sehe: so frag' ich: trägst du etwan ein abgebildetes darum auf deiner Brust, um dem Amor, dem Schicksal und der Verleumdung das gleiche Ziel ihrer verschiedenen Pfeile zu bezeichnen, wie der arme Soldat, der kniend umgeschossen wird, durch ein in Papier geschnittenes Herz den Kugeln seiner Kameraden die Stelle des schlagenden anweist? – – Wenn dieses Kapitel geendigt ist, wird mich der Leser nicht mehr fragen, warum ichs so angefangen habe...

Einst kam Viktor von einem tagelangen Spaziergange zurück, als ihm Marie mit einem Briefchen von Matthieu atemlos entgegenlief. Es stand die Frage darin, ob er ihn und seine Schwester nicht heute über St. Lüne bis nach Kussewitz begleiten wollte. Das Laufen Mariens hatte bloß von einem reichen Botenlohn und Gnadengelde Matzens hergerührt, der arme Leute oft zugleich beschenkte und persiflierte, wie er seine Schwester zugleich liebenswürdig und lächerlich fand. Leuten, die ihn kannten, kam er daher komisch vor, wenn er ernsthaft sein mußte. Aber Viktor[875] sagte Nein zur Mitreise; was recht gut war, denn beide waren ohnehin schon fort. Ich kann nicht bestimmen, obs nach zwei oder nach drei Tagen war, daß sie wiederkamen, die Schwester mit dem kältesten Gesichte gegen ihn, und der Bruder mit dem wärmsten. Er konnte sich diese doppelte Temperatur nicht ganz erklären, sondern nur halb etwan aus Entdeckungen, die beide bei Tostato und dem Grafen O über seine Verkleidung und sein Buden-Drama könnten gemacht haben. Bisher war Joachimens Zürnen immer erst eine Folge des seinigen gewesen; jetzo wars umgekehrt; dies verdroß ihn aber sehr.

Einige Tage darauf stand er mit der Fürstin und mit Joachimen in einem Fenster des ministerialischen Louvre. Die Unterhaltung war lebhaft genug; die Fürstin überzählte die Buden auf dem Markte, Joachime sah dem schnellen Zickzack einer Schwalbe nach, Viktor stand heimlich auf einem Beine (das andere stellt' er nur zum Schein und unbeladen auf den Boden), um zu versuchen, wie lang' ers aushalte. Auf einmal sagte die Fürstin: »Heilige Maria! wie kann man doch ein armes Kind so eingesperrt in einem Kasten herumtragen!« Sie guckten alle auf die Straße. Viktor nahm sich die Freiheit zu bemerken, daß das arme Kind von – Wachs sei. Eine Frau trug einen kleinen Glasschrank vor sich hängend, worin ein wächserner eingewindelter Engel schlief; sie bettelte, wie andere, gleichsam auf dieses Kind, und das Kleine ernährte sie besser, als wenn es lebendig gewesen wäre. Die Fürstin verlangte die neue Erscheinung herauf. Die Frau trat zitternd mit ihrem Mumienkästchen ein und zog den kleinen Vorhang zurück. Die Fürstin hing ein künstlerisch-trunknes Auge an die schlafende holde Gestalt, die (wie ihr Stoff von Wachs) aus Blumen geboren und in Frühlingen erzogen schien. Jede Schönheit drang tief in ihr Herz; daher liebte sie Klotilden so sehr und viele Deutsche so wenig. Joachime hatte nur ein Kind und eine Schönheit lieb – und beides war sie selber. Viktor sagte, diese wächserne Mimik und Kopie des Lebens habt ihn von jeher trübe gemacht, und er könne nicht einmal seine eigne Wachs-Nachbildung in St. Lüne ohne Schauder sehen. »Steht sie nicht in einem Überrock am Fenster des Pfarrhauses?« fragte Joachime viel heiterer. »Nicht wahr?«[876] fragt' er wieder, »Sie dachten wohl vor einigen Tagen, ich wär' es selber?« – Aus ihrer Miene erriet er ihren bisherigen Irrtum, der vielleicht mit beigetragen hatte, sie gegen ihn aufzubringen. Der Pater der Fürstin kam dazu und fügte – nach seiner Gewohnheit, zu huldigen – bei, er werd' ihn, um ihm das Sitzen zu ersparen, nächstens bloß nach seinem Wachsbild zeichnen. Der Pater war bekanntlich ein guter Zeichner.

Ich lasse Begebenheiten, die weniger wichtig sind, unerzählt liegen und gehe fröhlich weiter.

Es war schon im März, wo die höhern Stände wegen ihres sitzenden Winterschlafes mehr vollblütig als kaltblütig sind – wers nicht versteht, nimmt an, ihr Überfluß an Blute rühre mehr vom Aussaugen des fremden her –; wo die Krankheiten ihre Besuchkarten in Gestalt der Rezepte beim ganzen Hof abgehen; wo die Augen der Fürstin, das Äther-Embonpoint des Fürsten und die gichtischen Hände des Hofapothekers die Winterstürme fortsetzten: da war es schon, sag' ich, als auch Klotilde den Einfluß des Winters und ihrer verdoppelten Abgeschiedenheit von Zerstreuungen und ihres Umgangs mit ihren Phantasien jeden Tag heftiger empfand... Wenn ich aufrichtig sein soll: so mess' ich ihrer Abgeschiedenheit wenig, aber ihrem vom Wohlstand auferlegten Umgang mit dem edlen Matz, mit den Schleunesschen, mit andern kaltblütigen Amphibien alles bei; ein unschuldiges Herz muß in dem moralischen Frostwetter, wie alabasterne Gartenstatuen im physischen, wenn jenes und wenn diese weiche einsaugende Adern haben, Risse bekommen und brechen.

So stands mit ihr an einem wichtigen Tage, wo er bei ihr die kleine Julia fand. Diesen geliebten Namen legte sie dem Kinde des Seniors bei, des Mietherrn von Flamin, um ihre Trauersehnsucht nach ihrer toten Giulia durch einen ähnlichen Klang, durch den Rest eines Echo zu ernähren. »Dieser Trauerton« (sagte Viktor bei sich) »ist ja für sie das willkommene ferne Rollen des Leichenwagens, der sie zu ihrer Jugendfreundin holt; und ihre Erwartung eines ähnlichen Schicksals ist ja der traurigste Beweis eines ähnlichen Grams.« Wenn noch etwas nötig war, seine Freundschaft von aller Liebe zu reinigen: so wars dieses schnelle Entblättern[877] einer so schönen Passionblume; – gegen Leidende schämt man sich des kleinsten Eigennutzes. – Unter dem Gespräche, von dem sich die eifersüchtige Julia durch die Unverständlichkeit ausgeschlossen fand, zupfte sie an der Bedientenklingel aus Verdruß; denn Mädchen machen schon um acht Jahre früher Gefallansprüche als Knaben. Klotilde verbot dieses Geläute durch ein zu spätes Interdikt; die Kleine, erfreuet, daß sie das hereilende Kammermädchen in Bewegung gesetzt, suchte wieder an der Quaste zu zupfen. Klotilde sagte auf französisch zum Doktor: »Man darf ihr nichts zu monarchisch befehlen; jetzt ruht sie nicht, bis ich mein äußerstes Mittel versuche. – Julia!« sagte sie noch einmal mit einem weiten, von Liebe übergossenen Auge; aber umsonst. »Nun sterb' ich!« sagte sie, schon dahinsterbend, und lehnte das schöne, von einem scheidenden Genius bewohnte Haupt an den Stuhl zurück und schloß die frommen Augen zu, die nur in einem Himmel wieder aufzugehen verdienten. Indem Viktor bewegt und stumm vor der stillen Scheintoten stand und bei sich dachte: »Wenn sie nun nicht mehr erwachte und du die starre Hand vergeblich rissest, und ihr letztes Wort auf dieser öden Erde gewesen wäre: nun sterb' ich! – o Gott, gäb' es dann ein anderes Mittel für die Trostlosigkeit ihres Freundes als ein Schwert und die letzte Wunde? Und ich faßte mit der kalten Hand ihre Hand und sagte: ich gehe mit dir!« – indem er so dachte, und indem die Kleine weinend die sinkende Rechte zog: so wurde das Angesicht wirklich bleicher, und die Linke gleitete vom Schoß herab – – hier wurde jenes Schwert mit der Schärfe über sein Herz gezogen – – Aber bald schlug sie wieder die irren Augen auf, todesschlaftrunken sich besinnend und schämend. Sie beschönigte die flüchtige Ohnmacht durch die Bemerkung: »Ich habe es wie jener Schauspieler mit der Urne seines Kindes gemacht, ich dachte mich an die Stelle meiner Giulia in ihrer letzten Minute, aber ein wenig zu glücklich.«

Er wollte eben medizinische Hirtenbriefe gegen diese zernagende Schwärmerei abfassen – so sehr übersetzt eine unglückliche Liebe jedes weibliche Herz aus dem majore-Ton in den minore-Ton, sogar einer Klotilde ihres, deren Stirn männlich, und[878] deren Kinn sich fast mehr zum Mut als zur Schönheit erhob –, als ganz andere Hirtenbriefe kamen. Die Botenmeisterin derselben war Viktors glücklichere Freundin – Agathe. Lache wieder Leben, du Unbefangne, in zwei Herzen, auf welche der Tod seine fliegenden Wolken-Schatten geworfen! Sie fiel vertraut in zwei freundschaftliche Arme; aber gegen ihren Bruder Doktor, der so lange statt des ganzen Rumpfs nur seine Hand, d.h. seine Briefe, nach St. Lüne hatte gehen lassen, war sie noch scheu. Ich kann aber seinen Fehler, aus einem Hause, das er ein Vierteljahr aus Gründen gemieden, nachher noch ein zweites ohne Gründe wegzubleiben, ich kann diesen Fehler nicht ganz verdammen, weil ich ihn – selber habe. – Sie konnte sich nicht satt an ihm sehen; ihr blühendes Landgesicht wies ihm statt seiner jetzigen Karwoche des Grames eine Rötelzeichnung seiner und ihrer dahingeflatterten Freudentage im Pfarrgarten. Er verhieß ihr feierlich, ihr Ostergast zu sein mit ihrem Bruder und statt der Köpfe und Fenster einander nichts einzuschlagen als Eier; er rastete nicht, bis er der alte wieder war, und sie die alte. Da sie die Langduodez-Geschichte des Dorfes und Vaters den beiden nur aus Liebe lächelnden Hofleuten gar nicht als eine Auszugmacherin oder in einer verstümmelten Ausgabe ablieferte, sondern in der Länge ihrer Rückenbänder: so fühlten Klotilde und Viktor, wie sanft ihnen dieses Niedersteigen von den bunten spitzen Hofgletschern in die weichen Täler der mittlern Stände tat, und sie sehnten sich beide weg von glatten Herzen an warme. Unter den Menschen und Borsdorferäpfeln sind nicht die glatten die besten, sondern die rauhen mit einigen Warzen. Dieses Sehnen nach aufrichtigern Seelen war es auch wohl, was aus Klotilden die Behauptung preßte: es gebe nur Mißheiraten zwischen den Seelen, nicht zwischen den Ständen. Daher kam ihre wachsende Liebe gegen die außer dem Lohkasten eines Stammbaums, nur in der Gemeinhut grünende Agathe – welche Liebe einmal ich und der Leser im ersten Bande aus Scharfsicht für den Deckmantel einer andern Liebe gegen Flamin erklärt haben, und die uns beiden den Tadel gegen eine Heldin abgewöhnen sollte, die ihn hintennach immer widerlegt.[879]

Auf der dicken Brieftasche, die Agathe brachte, war die Handschrift der Aufschrift von – Emanuel, welchen Klotilde alles an die Pfarrerin überschreiben ließ, um ihrer Stiefmutter das – Zumachen ihrer Briefe abzunehmen. Die Frau Le Baut hatte diese Einsicht der Akten, diese Sokrates-Hebammenkunst im Ministerium erlernt, das ein Recht besitzt, Haussuchung in den Briefen aller Untertanen zu tun, weil es sie entweder für Pestkranke oder für Gefangene halten kann, wenn es will. Während die Stieftochter im Nebenzimmer das äußere Paket erbrach, weil sie aus seiner Dicke einen Einschluß für den Doktor prophezeiete: hauchte letzter aus Zufall – oder aus Absicht; denn seit einiger Zeit legte er überall seine Entzifferkanzleien der Weiber an, im engsten Winkel, in jeder Kleidfalte, in den Spuren gelesener Bücher – haucht' er, sagt' ich, zufälligerweise an die Fensterscheiben, auf denen man sodann lesen kann, was ein warmer Finger daran geschrieben hat. Es traten nach dem unwillkürlichen Hauche lauter französische, mit dem Fingernagel skizzierte Anfang-S heraus. »S!« – dacht' er – »das ist sonderbar: ich fange mich selber so an.«

Seine Vermutungen brach die mit einem seligentwölkten Angesicht wiederkommende Klotilde ab, die dem denkenden Medikus einen großen Brief von Emanuel reichte. Nach dieser zweiten Freude folgte statt der dritten eine Neuigkeit; sie eröffnete ihm jetzt, »daß endlich Emanuel sie instand gesetzt, eine gehorsame, wenn auch nicht gläubige Patientin zu sein«. Sie hatte nämlich bisher den Vorsatz ihres Gehorsams und ihrer Frühlingkur so lange verschwiegen, bis ihr Freund in Maienthal ihr ein Krankenzimmer – gerade Giulias ihres – bei der Äbtissin auf einige Lenzmonate ausgewirket hatte, damit da das Wehen des Frühlings ihre gesunknen Schwingen hebe, der Blumenduft das zerspaltne Herz ausheile, und der große Freund die große Freundin aufrichte.

Viktor entwich eilend, nicht allein aus Hunger und Durst nach dem Inhalte seiner Hand, sondern weil eine neue Gedankenflut durch seine alten Gedanken reihen brach. – »Bastian!« (sagte Bastian unterweges zu sich) »ich hielt dich oft für dumm, aber für so dumm nicht – Nein, es ist sündlich, wenn ein Mann, ein Hof- Medikus, ein Denker, monatelang darüber spintisieret, oft halbe[880] Abende, und doch die Sache nicht eher herausbringt, als wenn er sie hört, jetzt erst – Wahrlich sogar das Fenster-S passet an!« – Ich und der Leser wollen ihm das aus den Händen nehmen, womit er sich hier vor uns steinigt; denn er wirft nach uns beiden ebensogut, weil wir ebensogut nichts erraten haben wie er. Kurz, der versteckte Glückliche, der die schöne Klotilde zur Unglücklichen macht, und für den sie ihre stumme scheue Seele ausseufzet, und der für ihre meisten Reize gar keine Augen hat, ist der blinde – Julius in Maienthal. Daher will sie hin.

Ich wollt' einen Folioband mit den Beweisen davon vollbringen: Viktor zählte sie sich an seinen fünf Fingern ab. Beim Daumen sagt' er: »Des Julius wegen sucht sie die kleine Julia, so ists auch mit Giulia« – beim Schreibfinger sagte er: »Das französische Anfang-J sieht wie ein S ohne Querstrich aus« – beim Mittelfinger: »Die Minerva hat ihm ja nicht bloß die Flöte, sondern auch Minervens schönes Gesicht beschert, und in dieses blinde Amors-Gesicht konnte Klotilde sich ohne Erröten vertiefen; schon aus Liebe gegen seinen Freund Emanuel hätte sie ihn geliebt«-beim Ringfinger: »Daher ihre Verteidigung der Mißheiraten, da sein bürgerlicher Ringfinger an ihren adeligen kommen soll« – beim Ohrfinger: »Beim Himmel! das alles beweiset nicht das geringste.«

Denn nun überströmten ihn erst die ganzen Beweise: im ersten Bande dieses Buchs kam oft ein unbekannter Engel zu Julius und sagte: »Sei fromm, ich schweb' um dich, ich beschirme deine eingehüllte Seele – ich gehe in den Himmel zurück.« –

Zweitens: dieser Engel gab einmal Julius ein Blatt und sagte: »Verbirg es, und nach einem Jahr, wenn die Birken im Tempel grünen, laß es dir von Klotilden vorlesen: ich entfliehe, und du hörst mich nicht eher als über ein Jahr.« – – Alles das lag ja Klotilden wie angegossen an: sie konnte dem Blinden nie ihr sterbendes Herz aufdecken – sie ging gerade jetzt (wie lange ist noch auf Pfingsten?) nach Maienthal, um das Blatt, das sie ihm in der Charaktermaske eines Engels gereicht, selber vorzulesen – endlich ging sie ja gerade damals nach St. Lüne ab – – kurz, aufs Haar trifft alles zu.[881]

Wenn der Lebensbeschreiber ein Wort dareinsprechen dürfte: so wär' es dieses: Der Berghauptmann, der Lebensbeschreiber, glaubt seines Orts alles recht gern; aber Klotilden, die bisher aus jedem Schmutznebel weiß strahlend herausging, und an der man, wie an der Sonne, so oft Wolken mit Sonnenflecken vermengte, kann er so lange nicht tadeln, bis sie es selber vorher tut. Viktor hat sogar, wie ich in der ersten Auflage, manche Beweise vergessen, die für Klotildens Liebe gegen Julius reden: z.B. den warmen Anteil an dessen Blindheit und ihren Wunsch seiner Heilung (im Briefe an Emanuel), Flamins veraltete Eifersucht in Maienthal, sogar die Wonne, mit der sie im Schauspielhaus das Tal ein Eden nennt und die Lethe ausschlägt.

Viktor riß das Paket entzwei, und zwei Blättchen fielen aus einem großen Blatte heraus. Das eine Blättchen und das große Blatt waren von Emanuel, das zweite vom Lord. Er studierte das letzte, in doppelten Chiffern geschriebne zuerst; folgendes:


»Im Herbst komm' ich, wenn die Äpfel reifen. – Die Dreieinigkeit« (der Lord meint des Fürsten drei Söhne) »ist gefunden; aber die vierte Person in der Gottheit« (der vierte lustige Sohn) »fehlet. – Fliehe aus dem Palaste der Kaiserin aller Reußen,« (- mit dieser Chiffer hatten beide den Minister Schleunes zu bezeichnen verabredet-) »aber die Großfürstin (Joachime) melde noch mehr: sie will nicht lieben, sondern herrschen, sie will kein Herz, sondern einen Fürstenhut. – In Rom« (er meint Agnola) »hüte dich vor dem Kruzifix, aus dem ein Stilett springt! Denk an die Insel, eh' du fehlest.«


Viktor erstaunte anfangs über die zufällige Angemessenheit dieser Verbote; aber da er sich bedachte, daß er sie ihm schon auf der Insel gegeben haben würde, wenn sie sich nicht auf seine neuern Begebenheiten bezögen: so erstaunt' er noch mehr über die Kanäle, durch welche seinem Vater die Spionen-Depeschen von seinen jetzigen Verhältnissen zugekommen sein mögen (- könnte denn mein Korrespondent und Spion nicht auch des Vaters seiner sein? – ), und am meisten über die Warnung vor[882] Joachimen. »O! wenn diese gegen mich falsch wäre!« sagte er seufzend und mochte das trübe Bild und den Seufzer nicht vollenden. – – Sondern er vertrieb beide durch das kleine Blatt von Emanuel, das so klang:


»Mein Sohn!


Die Morgenröte des Neujahrs schien über den Schnee an mein Angesicht, als ich das Papier hinlegte,« (Emanuels zweiten, sogleich folgenden Brief) »auf das ich zum letzten Male meine Seele mit allen ihren über diese Kugel hinausreichenden Bildern abzudrücken suchte. Aber die Flammen meiner Seele wehen bis zum Körper und sengen den mürben Lebensfaden ab; ich mußte oft die zu leicht blutende Brust vom Papier und von der Entzückung wegwenden.

Ich habe, mein Sohn, mit meinem Blut an dich geschrieben. Julius denkt jetzo Gott. – Der Lenz glüht unter dem Schnee und richtet sich bald auf aus dem Grünen und blüht bis an die Wolken. – Meine Tochter (Klotilde) führt den Frühling an der Hand und kömmt zu mir – Sie nehme meinen Sohn an die andre Hand und lege ihn an meine Brust, worin ein zerlaufender Atem ist und ein ewiges Herz... O wie tönen die Abendglocken des Lebens so melodisch um mich! – Ja wenn du und deine Klotilde und unser Julius, wenn wir alle, die wir uns lieben, beisammen stehen; wenn ich eure Stimmen höre: so werd' ich gen Himmel blicken und sagen: die Abendglocken des Lebens umtönen mich zu wehmütig, ich werde vor Entzückung noch früher sterben als vor dem längsten Tage, und ehe mir mein verewigter Vater erschienen ist.

Emanuel.«


*


Lieber Emanuel, das wirst du leider! Der Freuden-Himmel dringt an deinen Mund, und unter Wehen, unter Tönen, unter Küssen saugt er dir den flackernden Atem aus; denn der Erdenleib, der nur grasen, nicht pflücken will, verdauet nur niedrige Freuden, und erkaltet unter dem Strahl einer höhern Sonne! – –[883]

Mit Rührung zieh' ich von Viktors entzweigedrücktem unkenntlichen Angesicht den Schleier weg, der seine Schmerzen bedeckt. Laß dich anschauen, trostloser Mensch, der einem Frühling entgegengeht, wo sein Herz alles verlieren soll, Emanuel durch den Tod, Klotilde durch Liebe, Flamin durch Eifersucht, sogar Joachime durch Argwohn! Laß dich anschauen, Verarmter, ich weiß, warum dein Auge noch trocken ist, und warum du gebrochen und den Kopf schüttelnd sagst: »Nein, mein teurer Emanuel, ich komme nicht, denn ich kann ja nicht.« – Es ätzte sich in dein Herz am tiefsten, daß gerade dein treuer Emanuel noch glaubte, du würdest von seiner Freundin geliebt. – Der unentwickelte Schmerz ist ohne Träne und ohne Zeichen; aber wenn der Mensch das Herz voll zusammenfließender Wunden durch Phantasie aus dem eignen Busen zieht und die Stiche zählt und dann vergisset, daß es sein eignes ist: so weint er mitleidig über das, was so schmerzhaft in seinen Händen schlägt, und dann besinnt er sich und weint noch mehr. – Viktor wollte gleichsam die starre Seele aus den gefrornen Tränen wärmend lösen und ging ans Erkerfenster und malte sich, indes die verhaltene Abendglut des Märzes aus dem Gewölke über den maienthalischen Bergen brannte, Klotildens Vermähltag mit Julius vor – O, er zog, um sich recht wehe zu tun, einen Frühlingtag über das Tal, der Genius der Liebe schlug über den Traualtar den blauen Himmel auf und trug die Sonne als Brautfackel ohne Wolkendampf durch die reine Unermeßlichkeit. – Da ging an jenem Tage Emanuel verklärt, Julius blind, aber selig, Klotilde errötend und längst genesen, und jeder war glücklich – Da sah er nur einen einzigen Unglücklichen in den Blumen stehen, sich nämlich; da sah er, wie dieser Betrübte wortkarg vor Schmerzen, fröhlich aus Tugend, näher und vertrauter mit der Braut aus Kälte, so ungekannt, eigentlich so entbehrlich mit herumgeht, wie ihm das schuldlose Paar mit jedem Zeichen der Liebe alles vorrechnet, was er verloren, oder gar aus Schonung diese Zeichen verhehlt, weil es seinen Gram errät – dieser Gedanke fuhr gleich einer Lohe wider ihn –, und wie er endlich, weil die beladene Vergangenheit alle seine getöteten Hoffnungen und seine entfärbten Wünsche vor[884] ihn trägt, sich umwendet, wenn das geliebte Paar von ihm zum Altar und zum ewigen Bunde geht, wie er sich trostlos umwendet nach den stillen leeren Fluren, um unendlich viel zu weinen, und wie er dann so allein und dunkel in der schönen Gegend bleibt und zu sich sagt: »Deiner nimmt sich heute kein Mensch an – niemand drückt deine Hand, und niemand sagt: Viktor, warum weinst du so? – O dieses Herz ist so voll unaussprechlicher Liebe wie eines, aber es zerfällt ungeliebt und ungekannt, und niemand stört sein Sterben und sein Weinen – Doch, doch, o Julius, o Klotilde, wünsch' ich euch ewiges Glück und lauter zufriedne Tage«.... Dann konnt' er nicht mehr; er legte die Augen in die Hand und an den Fensterrahmen und erlaubte ihnen alles und dachte nichts mehr; der Schmerz, der wie eine Klapperschlange mit aufgerissenem Rachen ihn und sein Entgegentaumeln angeschauet hatte, drückte ihn jetzt, ergriffen und hineingeschlungen, auseinander...

Weiche Herzen, ihr quälet euch auf dieser felsichten Erde so sehr wie harte den andern – den Funken, der nur eine Brandwunde macht, schwinget ihr zum Feuerrade um, und unter den Blüten ist euch ein spitzes Blatt ein Dorn! ... Aber warum, sag' ich zu mir, zeigst du deines Freundes seines und öffnest entfernte ähnliche Wunden an geheilten Menschen? O antwortet für mich, ihr, die ihr ihm gleicht: möchtet ihr eine einzige Träne entbehren? Und da die Leiden der Phantasie unter die Freuden der Phantasie gehören: so ist ja ein nasses Auge und ein schwerer Atemzug das geringste, womit wir eine schöne Stunde kaufen....

– Der Stolz – die beste Widerlage gegen weichliche Tränen – wischte sie meinem Helden ab und sagte ihm vor: »Du bist so viel wert wie die, welche glücklicher sind; und wenn unglückliche Liebe dich bisher schlimm machte, wie gut könnte dich nicht die glückliche machen!« – Es war Stille in ihm und außer ihm; die Nacht war am Himmel; er las Emanuels Brief.


»Mein Horion!


Vor einigen Stunden hat die Zeit ihre Sanduhr umgekehrt, und jetzo rieselt der Staub eines neuen Jahres nieder. – Der Uranus[885] schlägt unserer kleinen Erde die Jahrhunderte, die Sonne schlägt die Jahre, der Mond die Monate; und an dieser aus Welten zusammengesetzten Konzertuhr treten die Menschen als Bilder heraus, die freudig rufen und tönen, wenn es schlägt.

Auch ich trete froh heraus unter das schöne Neujahrmorgenrot, das durch alle Wolken glimmt und den hohen halben Himmel heraufbrennt. In einem Jahre seh' ich aus einer andern Welt in die Sonne: o wie wallet dieses letzte Mal mein Herz unter dem Erdengewölk von Liebe über, gegen den Vater dieser schönen Erde, gegen seine Kinder und meine Geschwister, gegen diese Blumen- wiege, worin wir nur einmal erwachen, und unter ihrem Wiegen an der Sonne nur einmal entschlafen!

Ich erlebe keinen Sommertag mehr, darum will ich den schönsten, wo ich mit deinem Julius70 zum ersten Male betend durch Lichtwolken und durch Harmonien drang und mit ihm vor einem donnernden Throne niederfiel und zu ihm sagte: ›Oben in der unermeßlichen Wolke, die man die Ewigkeit nennt, wohnt der, der uns geschaffen hat und liebt‹ – diesen Tag will ich heute in meiner Seele wiederholen; und nie erlösche er auch in meinem Julius und Horion!

Ich habe oft zu meinem Julius gesagt: ›Ich habe dir den größten Gedanken des Menschen, der seine Seele zusammenbeugt und doch wieder aufrichtet auf ewig, noch nicht gegeben; aber ich sage dir ihn an dem Tage, wo dein und mein Geist am reinsten ist, oder wo ich sterbe.‹ Daher bat er mich oft, wenn sein Engel bei ihm gewesen war, oder wenn die Flöte und die schauernde Nacht oder der Sturm ihn erhoben hatte: ›Sage mir, Emanuel, den größten Gedanken des Menschen!‹ –

Es war an einem holden Juliusabend, wo mein Geliebter an meinem Busen auf dem Berge unter der Trauerbirke lag und weinte und mich fragte:›Sage mir, warum ich diesen Abend so sehr weine! – Tust du es denn nie, Emanuel? Es fallen aber auch warme Tropfen von den Wolken auf meine Wangen.‹ – Ich antwortete: ›Im Himmel ziehen kleine warme Nebel herum und verschütten[886] einige Tautropfen; aber geht nicht der Engel in deiner Seele auf und nieder? Denn du streckest deine Hand aus, um ihn anzurühren.‹ – Julius sagte: ›Ja, er steht vor meinen Gedanken; aber ich wollte nur dich anrühren; denn der Engel ist ja aus der Erde gegangen, und ich sehne mich recht nach seiner Stimme. In mir wallen Traumgestalten ineinander, aber sie haben keine so hellen Farben wie im Schlafe – lächelnde Angesichter blicken mich an und kommen mit aufgebreiteten Schattenarmen auf mich und winken meiner Seele und zerfließen, eh' ich sie an mein Herz andrücke – Mein Emanuel, ist denn dein Angesicht nicht mit unter meinen Schattengestalten?‹ Hier schloß er sein nasses Angesicht glühend an meines, das ihm abgeschattet vorzuschweben schien; eine Wolke sprengte das Weihwasser des Himmels über unsre Umarmung, und ich sagte: ›Wir sind heute so weich bloß durch das, was uns umringt und was ich jetzt sehe.‹ – Er antwortete: ›O sage mir es, was du siehest, und höre nicht auf, bis die Sonne hinabgegangen ist.‹

Mein Herz schwamm in Liebe und zitterte in Entzücken unter meiner Rede: ›Geliebter, die Erde ist heute so schön, das macht ja den Menschen weicher – der Himmel ruht küssend und liebend an der Erde, wie ein Vater an der Mutter, und ihre Kinder, die Blumen und die schlagenden Herzen, fallen in die Umarmung ein und schmiegen sich an die Mutter. – Der Zweig hebt leise seinen Sänger auf und nieder, die Blume wiegt ihre Biene, das Blatt seine Mücke und seinen Honigtropfen – den offnen Blumenkelchen hängen die warmen Tränen, in die sich die Wolken zerteilen, gleichsam in den Augen, und meine Blumenbeete tragen den aufgebauten Regenbogen und sinken nicht – Die Wälder liegen saugend am Himmel, und trunken von Wolken stehen alle Gipfel in stiller Wollust fest – Ein Zephyr, nicht stärker als ein warmer Seufzer der Liebe, hauchet vor unsern Wangen vorbei unter die rauchenden Kornblüten und treibt Samen-Staubwolken auf, und ein Lüftchen ums andre gaukelt und spielt mit den fliegenden Ernten der Länder, aber es legt sie uns hin, wenn es gespielt hat – – O Geliebter, wenn alles Liebe ist, alles Harmonie, alles liebend und geliebt, alle Fluren ein berauschender Blütenkelch, dann[887] streckt wohl auch im Menschen der hohe Geist die Arme aus und will mit ihnen einen Geist umschlingen, und dann, wenn er die Arme nur an Schatten zusammenlegt, dann wird er sehr traurig vor unendlicher, vor unaussprechlicher Sehnsucht nach Liebe.‹ –

›Emanuel, ich bin auch traurig‹, sagte mein Julius.

›Siehe, die Sonne zieht hinab, die Erde hüllet sich zu – laß mich alles noch sehen und es dir sagen.... Jetzo fliehet eine weiße Taube, wie eine große Schneeflocke, blendend über das tiefe Blau... Jetzo zieht sie um den Goldfunken des Gewitterableiters herum, gleichsam um einen im Taghimmel aufgehangenen glimmenden Stern – o sie woget und woget und sinkt und verschwindet in den hohen Blumen des Gottesackers.... Julius, fühltest du nichts, da ich sprach? Ach die weiße Taube war vielleicht dein Engel, und darum zerfloß heute vor seiner Nähe dein Herz – Die Taube fliegt nicht auf, aber Tau-Wolken, wie abgerissene Stücke aus Sommernächten, mit einem Silberrand, ziehen über den Gottesacker und überfärben die blühenden Gräber mit Schatten.... Jetzo schwimmt ein solcher vom Himmel fallender Schatten auf uns her und überspült unsern Berg – – Rinne, rinne, flüchtige Nacht, Bild des Lebens, und verdecke mir die fallende Sonne nicht lange! .... Unser Wölkchen steht in Sonnenflammen.... o du holde, so sanft hinter dem Erdenufer zurückblickende Sonne, du Mutterauge der Welt, dein Abendlicht vergießest du ja so warm und langsam wie rinnendes Blut aus dir und erblassest sinkend, aber die Erde, in Fruchtschnüren und Blumenbändern aufgehangen und an dich gelegt, rötet sich neugeschaffen und vor schwellender Kraft.... Höre, Julius, jetzo tönen die Gärten – die Luft summet – die Vögel durchkreuzen sich rufend – der Sturmwind hebt den großen Flügel auf und schlägt an die Wälder; höre, sie geben das Zeichen, daß unsre gute Sonne geschieden ist....

O Julius, Julius,‹ (sagt' ich und umfaßte seine Brust) ›die Erde ist groß – aber das Herz, das auf ihr ruht, ist noch größer als die Erde und größer als die Sonne... Denn es allein denkt den größten Gedanken.‹

Plötzlich ging es vom Sterbebette der Sonne kühl wie aus einem Grabe daher. Das hohe Luftmeer wankte, und ein breiter Strom,[888] in dessen Bette Wälder niedergebogen lagen, brauste durch den Himmel die Laufbahn der Sonne zurück. Die Altäre der Natur, die Berge, waren wie bei einer großen Trauer schwarz überhüllt. Der Mensch war vom Nebelgewölbe auf die Erde eingesperrt und geschieden vom Himmel. Am Fuße des Gewölbes leckten durchsichtige Blitze, und der Donner schlug dreimal an das schwarze Gewölbe. Aber der Sturm richtete sich auf und riß es auseinander; er trieb die fliegenden Trümmer des zerbrochenen Gefängnisses durch das Blau und warf die zerstückten Dampfmassen unter den Himmel hinab – und noch lange braust' er allein über die offne Erde fort, durch die lichte gereinigte Ebene... Aber über ihm, hinter dem weggerissenen Vorhang glänzte das Allerheiligste, die Sternennacht. –

Wie eine Sonne ging der größte Gedanke des Menschen am Himmel auf- meine Seele wurde eingedrückt, wenn ich gen Himmel sah – sie wurde aufgehoben, wenn ich auf die Erde sah- Denn der Unendliche hat in den Himmel seinen Namen in glühenden Sternen gesäet, aber auf die Erde hat er seinen Namen in sanften Blumen gesäet.

›O Julius,‹ sagt' ich, ›bist du heute gut gewesen?‹ – Er antwortete: ›Ich habe nichts getan, außer geweint.‹

›Julius, knie nieder und entferne jeden bösen Gedanken – höre meine Stimme beben, fühle meine Hand zittern – ich knie neben dir.

Wir knien hier auf dieser kleinen Erde vor der Unendlichkeit, vor der unermeßlichen, über uns schwebenden Welt, vor dem leuchtenden Umkreis des Raums. Erhebe deinen Geist und denke, was ich sehe. Du hörst den Sturmwind, der die Wolken um die Erde treibt – aber du hörst den Sturmwind nicht, der die Erden um die Sonne treibt, und den größten nicht, der hinter den Sonnen weht und sie um ein verhülltes All führt, das mit Sonnenflammen im Abgrund liegt. Tritt von der Erde in den leeren Äther: hier schwebe und siehe sie zu einem fliegenden Gebirge einschwinden und mit sechs andern Sonnenstäubchen um die Sonne spielen – ziehende Berge, denen Hügel71 nachflattern, stürzen vorüber[889] vor dir und steigen hinauf und hinab vor dem Sonnenschein – dann schau umher im runden, blitzenden, hohen, aus kristallisierten Sonnen erbaueten Gewölbe, durch dessen Ritzen die unermeßliche Nacht schauet, in der das funkelnde Gewölbe hängt – Du fliegst Jahrtausende, aber du trittst nicht auf die letzte Sonne und in die große Nacht hinaus – Du schließest das Auge zu und wirfst dich mit einem Gedanken über den Abgrund und über die ganze Sichtbarkeit, und wenn du es wieder öffnest, so umkreisen dich, wie Seelen Gedanken, neue hinauf- und hinabstürmende Ströme aus lichten Wellen von Sonnen, aus dunkeln Tropfen von Erden, und neue Sonnenreihen stehen einander wieder aus Morgen und Abend entgegen, und das Feuerrad einer neuen Milchstraße wälzt sich um im Strom der Zeit – Ja dich rücke eine unendliche Hand aus dem ganzen Himmel, du siehest zurück und heftest dein Auge auf das erblassende eintrocknende Sonnenmeer, endlich schwebt die entfernte Schöpfung nur noch als ein bleiches stilles Wölkchen tief in der Nacht, du dünkst dich allein und schauest dich um und- – ebensoviel Sonnen und Milchstraßen flammen herunter und hinauf, und das bleiche Wölkchen hängt noch zwischen ihnen bleicher, und außen um den ganzen blendenden Abgrund ziehen sich lauter bleiche stille Wölkchen. – –

O Julius, o Julius, zwischen den wandelnden Feuerbergen, zwischen den von einem Abgrund in den andern geschleuderten Milchstraßen, da flattert ein Blütenstäubchen, aus sechs Jahrtausenden und dem Menschengeschlecht gemacht- Julius, wer erblickt und wer versorgt das flatternde Stäubchen, das aus allen unsern Herzen besteht? –

Ein Stern wurde jetzt herabgeschlagen. Falle willig, Stern, in die Luft der Erde geheftet, auch die Sterne über der Erde taumeln wie du in ihre entlegnen Gräber herab – das Weltenmeer ohne Ufer und ohne Grund quillet hier, versieget dort; die Mücke, die Erde, fliegt um das Sonnenlicht und sinkt in das Licht und zerbröckelt O Julius, wer erblickt und erhält das flatternde Stäubchen auf der Mücke, mitten im gärenden, grünenden, verwitternden Chaos? O Julius, wenn jeder Augenblick einen Menschen und eine Welt zerlegt – wenn die Zeit über die Kometen geht und sie austritt wie[890] Funken und die verkohlten Sonnen zerreibt – wenn die Milchstraßen nur wie zurückfahrende Blitze aus dem großen Dunkel dringen – wenn eine Weltenreihe um die andere in den Abgrund hinuntergezogen wird, wenn das ewige Grab nie voll wird und der ewige Sternenhimmel nie leer: o mein Geliebter, wer erblickt und erhält denn uns kleine Menschen aus Staub? – Du, Allgütiger, erhältst uns, du, Unendlicher, du, o Gott, du bildest uns, du siehest uns, du liebest uns – O Julius, erhebe deinen Geist und fasse den größten Gedanken des Menschen! Da wo die Ewigkeit ist, da wo die Unermeßlichkeit ist und wo die Nacht anfängt, da breitet ein unendlicher Geist seine Arme aus und legt sie um das große fallende Welten-All und trägt es und wärmt es. Ich und du und alle Menschen und alle Engel und alle Würmchen ruhen an seiner Brust, und das brausende schlagende Welten- und Sonnenmeer ist ein einziges Kind in seinem Arm. Er siehet durch das Meer hindurch, worin Korallenbäume voll Erden schwanken, und sieht an der kleinsten Koralle das Würmchen kleben, das ich bin, und er gibt dem Würmchen den nächsten Tropfen und ein seliges Herz und eine Zukunft und ein Auge bis zu ihm hinauf – ja, o Gott, bis zu dir hinauf, bis an dein Herz.‹ –

Unaussprechlich gerührt sagte weinend Julius: ›Du siehst, o Geist der Liebe, also auch mich armen Blinden – o! komm in meine Seele, wenn sie allein ist, und wenn es warm und still auf meine Wangen regnet, und ich dazu weine und eine unaussprechliche Liebe fühle: ach du guter großer Geist, dich hab' ich gewiß bisher gemeint und geliebt! – Emanuel, sage mir noch viel, sage mir seine Gedanken und seinen Anfang.‹

›Gott ist die Ewigkeit, Gott ist die Wahrheit, Gott ist die Heiligkeit – er hat nichts, er ist alles – das ganze Herz fasset ihn, aber kein Gedanke; und Er denkt nur uns, wenn wir ihn denken. – – Alles Unendliche und Unbegreifliche im Menschen ist sein Widerschein; aber weiter denke dein Schauder nicht. Die Schöpfung hängt als Schleier, der aus Sonnen und Geistern gewebt ist, über dem Unendlichen, und die Ewigkeiten gehen vor dem Schleier vorbei und ziehen ihn nicht weg von dem Glanze, den er verhüllet.‹

Stumm gingen wir Hand in Hand den Berg hinab, wir vernahmen[891] den Sturmwind nicht vor der Stimme unserer Gedanken, und als wir in unsere Hütte traten, sagte Julius: ›Ich werde den größten Gedanken des Menschen immer denken, unter dem Tönen meiner Flöte, unter dem Brausen des Sturms und unter dem Fallen des warmen Regens, und wenn ich weine, und wenn ich dich umarme, und wenn ich im Sterben bin.‹ – Und du, mein geliebter Horion, tue es auch.

Emanuel.«


*


Der kleine Erden-Kummer, die kleinen Erdengedanken waren jetzt aus Horions Seele geflohen, und er ging, nach einem betenden Blick in den geöffneten Sternenhimmel, an der Hand des Schlafs in das Reich der Träume hinein. – Lasset uns ihn nachahmen und heute auf nichts weiter kommen. –


Ende des zweiten Heftleins[892]

70

Julius wurde erst im zwölften Jahre blind und hatte also Vorstellungen des Gesichts.

71

Planeten mit Monden.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 1, München 1959–1963, S. 875-893.
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