I. oder Miserikordias-Vorlesung
über die Kunst für Stilistiker
(Einige Personalien der Vorlesung.)

[334] Die jährliche Vorrückung der Messen ist so gut als die der Äquinoktien bekannt; daher ists kein Wunder, daß der Verfasser dieses und der Leipziger Vorlesungen schon am Sonnabende vor der Böttiger-Woche sich in Leipzig befand samt so vielen nachherigen Zuhörern. Dies und manches andere setzte ihn in den Stand, noch vor dem Böttiger-Sonntag im Beygangschen Museum zu sein und im Auf- und Abgehen vielleicht manches über die Kunst fallen zu lassen, was aufzulesen war von Meß- und andern Fremden. Ein Meß-Fremder lädt und saugt sich überall so gern elektrisch, magnetisch, galvanisch voll von Meß-Ausflüssen, er stehe, wo er will, in Auerbachs Hof oder in Hendels Kuchengarten oder im place de répos; – es sei ein Handelmann, so will er nichts umsonst gehört haben, sondern alles zu einigen Zinsen und will auch Gelehrte unter seinen Flügel nehmen, weil er sie für unschädlich ansieht, obwohl für unnütz; sei's ein Weltmann, so gefällt ihm alles, was zu erzählen und zu belachen ist; – sei's ein Musensohn und Musen- Stiefsohn und – Enkel, so ist er unglaublich ersessen auf Schriftsteller und hegt (er gehöre nun zur Spinnschule der Stilistiker oder zur Prophetenschule der Poetiker) die schöne Hoffnung, von einem mündlichen Autor mehr zu ziehen für oder wider jetzige Tulipomanie (Tulpensucht) als von einem schriftlichen. –

Dies allein müßte jeden Meßfremden rechtfertigen, der an den Verfasser die Bitte getan hätte, die gesprächweise entfallnen Eier weiter auszubrüten auf einem Lehrstuhl; in der Tat reizte aber etwas anders den Hunger und Durst nach Vorlesungen über die Kunst – es ließ nämlich der bekannte vorjährige Dezember-Artikel in der Zeitung für die elegante Welt, welcher der Michaelis-Messe[334] 1804 Vorlesungen, in der Oster-Messe 1804 zu Leipzig gehalten, versprach, Vernünftige wünschen, daß sie wirklich nachher und zwar vorher (vor dem Druck) möchten gehalten werden, obgleich dieser Widerspruch nur ein leichter Scherz auf dem Titelblatte sein sollte; denn die »Programmen« waren schon vorher im Leipziger Jahrbuche von meinem Freunde Fr. v. Oertel ganz richtig angekündiget worden.

Kurz, Personen von Gewicht hielten durch einen feinen Mann an ihrer Spitze – er sah wie die leibhaftige Persiflage aus – bei mir um außerordentliche Vorlesungen auf so lange an, als die ordentlichen geschlossen wären. Das schöne Gesuch wurde, es kürzer zu erzählen (denn die weitläuftigeren Verhandlungen gehören in Ecks Tagebücher der Leipziger Akademie), bejaht; Lese-Anstalten sogleich gemacht; – unter Hörsälen gewählt; Hör- und Lesetage, nämlich die drei Sonntage der drei Meßwochen, festgesetzt; – und darauf an Straßen-Ecken und schwarzen Brettern die Zettel angeklebt, welche einluden.

Auf Malta wurde gelesen, nämlich im Gartensaale der Insel. Ausländern ist vielleicht weniger bekannt als den meisten Leipzigern, daß in Reichels Garten die Inseln Korsika, Sizilien und Sardinien und auch Malta in den dazu gehörigen Wassern liegen, jede genau abgesondert von der andern und auf ihrer Gartentüre mit ihrem Namen bezeichnet. – Eine alte Sage, daß Gottsched früher auf Malta gelesen, will ich zwar nicht gern für erlogen ausgeben, aber auch nicht für erwiesen, besonders wenn darzutun wäre, daß das kleine Eiland erst aus der Erde gestiegen, als der Professor schon unter derselben gelegen. Den ersten Lese-Sonntag Miserikordias vor der Böttiger-Woche, den 15. April (nämlich den 25. Germinal) abends gegen 5 Uhr trat gegenwärtiger Verfasser als Vorleser in den Reichelschen Garten. Die ganze Malteser-Brücke oder – Treppe besetzten schon Zuhörer. Es fehlte weder an vornehmen Großhändlern, welche in der Vor- oder Bötticher-Woche das Meiste abtun – noch an lesenden Magistern, welche hospitierten – noch an deren Verlegern in Leipzig – die neue allgemeine deutsche Bibliothek hatte einen ästhetischen und philosophischen Ausschuß geschickt, desgleichen das dasige[335] Taubstummeninstitut – korrespondierende Mitglieder der Leipziger deutschen Gesellschaften und historischer Klassen – Domscholaster, Präsenzpfleger, Wassergeschworne und Heiligenrevisoren aus Reichsstädten und ein auswärtiger Ordinarius waren in bedeutender Anzahl da – Sogar auf den benachbarten Sizilien und Korsika standen Kunstfärber und Kunstpfeifer und ein Kunstknecht199, um etwas von mir zu fischen, falls ich schriee und Gedanken an ihre Küsten schwämmen – Und einen ähnlichen Prisen-Zweck mag ein Naumburger Schweinborstenhändler verfolgt haben, der in einiger Ferne spazieren ging.

(So weit die erste Auflage. Die zweite hat noch dieses nachzuschalten. Der Vorleser, welcher glaubt, es bringe einigen Nutzen – sowohl den Zuhörern als ihm selber –, wenn er die gedruckten Vorlesungen jährlich in Leipzig wieder vorläse, wie jeder Professor seine, hat es denn von Jahr zu Jahr um ein halbes Nichts von Lesesold in diesem geldpapiernen Zeitalter getan. Über die so geringe Einnahme tröstete ihn der Vorteil, daß er die Vorlesung beinahe nur aus der bei Perthes abgedruckten Auflage abzulesen hatte, so wie die Zuhörer wieder zu ihrem Vorteil die nämliche Auflage in Händen hielten und dem Ableser nachlasen, wie etwan im Opernbüchlein dem Singen.

Es ist wohl hier der Ort, das Lob der Leipziger Kaufmann- und Zuhörerschaft abzulehnen, welche mich auf Kosten der gewöhnlichen Louisdor-Vorleser und Ausleser großer Städte erhoben. Der Billige vergesse jedoch nicht, daß sich Männer schon bezahlen lassen dürfen, welche aus Handschriften vorlesen, die erst halbe Jahre später im Drucke erscheinen, deren Abdrücke noch dazu um einen fünfmal kleinern Preis für die Zuhörer selber, zur Wiederholung des Gehörten, zu kaufen stehen.

Für Leser, welche nicht in Universität-Städten wohnen, ist vielleicht anzumerken, daß ich mich in meinen wiedergehaltenen Vorlesungen des alten Professor-Rechts in seiner Ausdehnung bedient, dieselben Scherze, welche ich Anno 1804 (in der ersten[336] Auflage) vorgebracht, sämtlich Anno 1813 wieder zu machen. Leser auf Universitäten wissen ohne mein Erinnern, daß jeder Professor seine Scherze hat, die er jährlich oder halbjährlich, nach der mystischen Lehre der Wiederbringung aller Dinge, wiederbringt, und deren Wiederkehr viel gewisser vorauszusehen ist als die eines Schwanzsterns. (Hier in diesem Worte hör' ich, wie in der gelehrten Republik, 10 Mitlauter gegen 2 Selbstlauter.) Solcher unbeweglicher Feste des Witzes beziehen Professoren denn viele, weil sie für alte Späße neue Ohren finden und ihnen der Wechsel der Hörer den Wechsel der Späße ersetzt. – Dennoch wurden die kommenden Vorlesungen mit ganzen neuen Einfall-Seiten durchschossen und bereichert, weil man gern über das Gewöhnliche hinaus sich angreifen wollte; ein einziger Fall, welcher keinem Professor zur Vorschrift aufzudringen ist... Jetzo fährt die erste Auflage wieder fort:)

Nicht ohne Wirrwarr bestieg der Vorleser die volle Treppen-Brücke und darauf den leeren Stuhl und fing so an:


Cicero, gelehrtes und zu ehrendes Auditorium, behauptet, er könne einen Redner nicht wohl leiden, der nicht anfangs viel Verwirrung verrate. Es gehört unter meine Wünsche, einige durch diesen Anfang an den Tag zu legen. Aller Anfang ist dermaßen schwer, daß die ganze Philosophie bisher weiter nichts suchte als eben einen. Für manches lässet sich viel sagen und so umgekehrt, so wie für vieles. Sollten einige Herren Zuhörer drüben unter Kunst das verstehen, was die Bäcker und die Hüttenmeister so nennen, nämlich eine Maschine, um Wasser wegzuschaffen, oder gar, wie die wohllöblichen Kunstknechte, eine, um welches anzuschaffen: so drücken sie sich in beiden Fällen metaphorisch aus, und ich bin dann sehr ihrer Meinung, d.h. einer Meinung, welche ja noch dazu ganz die meinige ist. Diese Vorlesung ist eine Uferpredigt, welche also auch auf Leute auf andern Eilanden und folglich deren Ufer Rücksicht nehmen will.

Vorlesers Absicht ist, heute die Böttiger-Woche mit einer Vorlesung über die Stilistiker der Kunst und dabei über die Kunst der Stilistiker so zu lesen, daß es entweder Feinden oder Freunden[337] nicht mißfällt. Die Gründlichkeit wird nichts einbüßen, hofft er, obwohl gewinnen, wenn er alles in Kapitel zerspällt, welche er da man ihm so oft vorrückt, daß in allen seinen Werken kein Kapitel stehe, sondern ähnliche Abteilungen – selber wieder gar in dreierlei Kapitel spielend zerlegt, in gemeine, die die halbe Welt macht, in Kapitel, die man hält, z.B. Klöster mit ihren Kapitularen, und in das Kapitel, das man jedem lieset, ders braucht. Ich mache das


199

Offenbar erwarteten die Leute aus Vorlesungen über die Kunst etwas für ihre eigene. Ein Kunstknecht heißet in Leipzig nicht ein Rezensent sondern ein angestellter Diener, der auf die Wasser-Kunst zu sehen hat.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 334-338.
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