§ 25
Beispiele der Romantik

[98] Einzelne romantische Streiflichter fallen schon durch die griechische Poesie hindurch, wohin z.B. Ödips Dahinverschwinden im Sophokles, der fürchterliche Dämogorgon, das Schicksal etc. gehören. Aber der echte Zauberer und Meister des romantischen Geisterreichs bleibt Shakespeare (ob er gleich auch ein König mancher griechischen Inseln ist); und dieser schöne Mensch, der den Glauben der Geisterwelt würde erfunden haben, wenn er ihn nicht gefunden hätte, ist wie die ganze Romantik das Nachbild der Ebenen von Baku: die Nacht ist warm, ein blaues Feuer, das nicht verletzt und nicht zündet, überläuft die ganze Ebene, und alle Blumen brennen, aber die Gebirge stehen dunkel im Himmel.

Jetzo ist Schiller zu nennen. Wenn die Romantik Mondschein ist, so wie Philosophie Sonnenlicht: so wirft dieser Dichter über die beiden Enden des Lebens und Todes, in die beiden Ewigkeiten, in die Welt vor uns und die Welt hinter uns, kurz über die unbeweglichen Pole der beweglichen Welt seinen dichterischen Schein, indes er über der Mitte der Welt mit dem Tageslicht der Reflexion-Poesie steht; wie die Sonne nur an beiden Polen wechselnd nicht untergeht und den ganzen Tag als ein Mond dämmert. Daher der Mondschimmer, z.B. seiner Astrologie, seiner Jungfrau von Orleans55, seines Glockenlieds. Bei letztem ist schon die[98] Wahl eines romantischen Aberglaubens romantisch, welcher den Guß der Glocken, als der heiligsten Werkzeuge, die nur aus dieser Welt in die andere rufen und uns in der jetzigen immer auf Herkules' Scheidewegen anreden, gewöhnlich von feindseligen Geistern bekämpft annahm.

Herders herrliche »Legenden« haben als christliche Romantik noch kein sprechendes Auge gefunden. – Die Mohrin Zorayda in Don Quixote schauet aus dem romantisch-gestirnten Himmel des Werks als näherer Stern herab. – Tieck (obwohl zu sehr aufgelöset in die romantische und deutsche Vorzeit, um eine Gegenwart anzunehmen und darzustellen) gab in Sternbald56 fast eine shakespearesche humoristische Phantasie über die Phantasie.

Gozzi schimmert mit einer warmen italienischen Zaubernacht neben Goldoni, welcher Rom kalt und rein überschneiet. – Hebels alemannische Gedichte sind köstlich-romantisch.

Durch den romantischen Meister von Goethe zieht sich, wie durch einen ungehörten Traum, ein besonderes Gefühl, als walte ein gefährlicher Geist über den Zufällen darin, als tret' er jede Minute aus seiner Wetterwolke, als sehe man von einem Gebirge herab in das lustige Treiben der Menschen, kurz vor einer Katastrophe der Natur. Unter den Märchen werden seines in den Horen und unter den Dramen sein Faust als romantische Himmelszwillinge über der Nachwelt schimmern.

Bei den folgenden romantischen Beispielen bemerk' ich voraus, daß ich nur sie selber, aber nicht deren ganze Verfasser für romantisch und dichterisch erkläre. Damit entschuldige man mich, wenn ich in Klingers goldnem Hahn die Liebe des Pagen Fanno und der Prinzessin Rose, oder dessen Bambino für romantisch ausgebe und mit Recht behaupte, daß er dort zuerst auf das Hofleben romantisches Rosen- und Lilienlicht fallen ließ; denn seine Dichterjugend, worin die dichtende und die bürgerliche Welt sich so lange bekämpfte, bis endlich diese siegend vorwog, wie es denn sein neuestes Werk (»Bemerkungen« u.s.w.) durch die Urteile bewies, die es teils fällte, teils gewann. Ich frage jeden Revisor der Romanen oder gar der ästhetischen Literatur in Ergänzungblättern[99] allgemeiner Literaturzeitungen, ob er nicht sobald er nur einmal reifer ist als sein Urteil – zugeben und einsehen muß, daß Klingers Poesien den Zwiespalt zwischen Wirklichkeit und Ideal, anstatt zu versöhnen, nur erweitern, und daß jeder Roman desselben, wie ein Dorfgeigenstück, die Dissonanzen in eine schreiende letzte auflöse. Zuweilen in Giafar und andern schließt den gut motivierten Krieg zwischen Glück und Wert der matte kurze Frieden der Hoffnung oder ein Augenseufzer. Aber ein durch seine Werke wie durch sein Leben gezogenes Urgebirge seltener Mannhaftigkeit entschädigt für den vergeblichen Wunsch eines froheren farbigen Spiels. – Romantisch ist ferner Schlegels Sonett »die Sphinx« im Athenäum. Romantisch wird im Alarkos sowohl Schlegels als des ersten Bearbeiters in dem alten spanischen Romançe del Conde Alarcos der schauerliche Volksglaube gebraucht, daß der Missetäter in drei Tagen sterbe, wenn ihn das Opfer desselben vor Gottes Gericht im Sterben lade; auch verliert sich das Gebäude schön in eine romantische Abenddämmerung. Erhaben und wahr, nur zu kurz angedeutet ist der Zug, daß die Sterbende in der kalten Scheideminute, wo schon die zweite strengere Welt anfängt, die Erdenliebe gegen ihren Mörder verliert und wie ein Totengericht nur Gerechtigkeit befiehlt. – Romantisch ist die Liebgeschichte in der 185sten bis 210ten Nacht der arabischen Märchen; – ferner die Dichtung der Jahrszeiten in Mniochs Analekten (I. S. 67), aber desto unpoetischer die Dichtung über das Innere. Weit mehr romantisch, und sehr selten griechisch ist Klopstock, welcher, so wie Haydn in der Schöpfung mit Musik malt, so umgekehrt oft mit Malerei nur tönt; und man sollte nicht jede (oft nur philosophische) Einfachheit mit griechischem Geiste vermengen.57

Nichts ist seltener als die romantische Blume. Wenn die Griechen die schönen Künste eine Musik nannten: so ist die Romantik die Sphärenmusik. Sie fodert das Ganze eines Menschen, und[100] zwar in zärtester Bildung, die Blüten der feinsten höchsten Zweige; und ebenso will sie im Gedichte über dem Ganzen schweben, wie ein unsichtbarer, aber mächtiger Blumenduft. Ein uns allen wohl bekannter und naher Verfasser macht zuweilen seinen romantischen Duft zu sichtbar und fest wie durch Frost. – Die Deutschen, deren poetischen Charakter Herder in Biedersinn und Hausverstand setzte, sind für die romantische Poesie zu schwer und fast für die plastische geschickter; und der große Lessing, welcher fast jeden Geist hatte, nur nicht den romantischen, könnte als charakteristischer Sprecher und Abgesandter des deutschen gelten, wiewohl er (ist der kühne Ausdruck erlaubt) zwar nicht in der Dicht-, aber in der Denk-Kunst romantisch war. Vossens plastische Idyllen stehen daher weit über seinen Oden, denen, wie noch mehr seinen Scherzgedichten, zwar nicht poetischer Körper, aber oft der ideale Geist zu mangeln scheint. Ebenso selten als das romantische Talent ist daher der romantische Geschmack. Da der romantische Geist, diese poetische Mystik, niemals im Einzelnen aufzufassen und festzubannen ist: so sind gerade die schönsten romantischen Blüten bei der Volksmenge, welche für die lesende die schreibende richtet, einem tierischen Betasten und Ertreten ausgesetzt; daher das schlimme Schicksal des guten Tiecks und besonders echter Märchen. – Dabei erschwert noch der Wechsel das Nachsprechen einer Regel; denn die plastische Sonne leuchtet einförmig wie das Wachen; der romantische Mond schimmert veränderlich wie das Träumen. – –

Wendet man das Romantische auf die Dichtungarten an: so wird das Lyrische dadurch sentimental – das Epische phantastisch, wie das Märchen, der Traum, der Roman – das Drama beides, weil es eigentlich die Vereinigung beider Dichtungarten ist.[101]

55

Nur daß auf letzten, wie oft bei theatralischen Vorstellungen vorfällt, zuweilen eine aufgehende Bühnen-Türe das äußere Weltlicht hereinlässet und so die poetische Beleuchtung unterbricht durch eine weltliche.

56

II. S. 306.

57

Die Alten drückten sich unbewußt mit Kürze und Einfachheit aus und wollten einfältig nur die sie erfüllende Wirkung des Gegenstandes weiter geben. Die Neuen schneiden sich erst aus der selber bewußten Vielversteherei eine kokette Kürze zu, welche die Preise der Einfachheit und des Reichtums zugleich gewinnen will.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 98-102.
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