§ 27
Theorie des Erhabenen

[105] Aber worin besteht denn die ideale Erhabenheit? – Kant und nach ihm Schiller antworten: in einem Unendlichen, das Sinne und Phantasie zu geben und zu fassen verzagen, indes die Vernunft es erschafft und festhält. Aber das Erhabene, z.B. ein Meer, ein hohes Gebirge, kann ja schon darum nicht unfaßbar für die Sinnen sein, weil sie das umspannen, worin jenes Erhabene erst wohnt; dasselbe gilt für die nachfliegende Phantasie, welche in ihrer unendlichen Wüste und Ätherhöhe vorher den unendlichen Raum für die erhabene Pyramide aufbauet. – Das Erhabene ist ferner zwar immer an ein sinnliches Zeichen (in oder außer uns) gebunden, aber dieses nimmt oft gar keine Kräfte der Phantasie[105] und der Sinne in Anspruch. So ist z.B. in jener orientalischen Dichtung, wo der Prophet das Merkmal der vorübergehenden Gottheit erwartet, welche nicht kommt hinter dem Feuer, nicht hinter dem Donner, nicht hinter dem Sturmwinde, sondern die endlich kommt mit einem linden, leisen Wehen, offenbar das sanfte Zeichen erhabener, als ein majestätisches wäre. So steht ästhetische Erhabenheit des Handelns stets im umgekehrten Verhältnis mit dem Gewichte des sinnlichen Zeichens, und nur das kleinste ist das erhabenste; Jupiters Augenbraunen bewegen sich weit erhabener in diesem Falle als sein Arm oder er selber.

Ferner teilt Kant das Erhabene ins mathematische und ins dynamische ein, oder wie Schiller es ausdrückt, in das, was unsere Fassungkraft übersteigt, und in das, welches unserer Lebenskraft droht. Man könnt' es kürzer das quantitative und das qualitative nennen, oder das äußere und das innere. Aber nie kann das Auge ein anderes als ein quantitatives Erhabene61 anschauen; nur erst ein Schluß aus Erfahrungen, aber keine Anschauung kann einen Abgrund, ein stürmendes Meer, einen fliegenden Felsen zu einem dynamischen Erhabenen machen. Wie wird denn dieses aber angeschauet? Akustisch; das Ohr ist der unmittelbare Gesandte der Kraft und des Schreckens, man denke an den Donner der Wolken, der Meere, der Wasserfälle, der Löwen etc. Ohne alle Erfahrung wird ein Neuling von Mensch vor der hörbaren Größe zittern; aber jede sichtbare würde ihn nur heben und erweitern.

Wenn ich das Erhabene als das angewandte Unendliche definieren darf: so gibt es eine fünffache Einteilung oder auch eine dreifache: das angewandte auf das Auge (das mathematische oder optische Erhabene) – auf das Ohr (das dynamische oder akustische) – von innen muß die Phantasie die Unendlichkeit wiederum auf ihre eigne quantitative und qualitative Sinnlichkeit beziehen, als Unermeßlichkeit62 und als Gottheit – und dann ist noch die[106] dritte oder fünfte Erhabenheit, welche sich gerade im umgekehrten Verhältnis mit dem äußern oder innern Sinnlichen und Zeichen offenbaret, die sittliche oder handelnde.

Wie wird nun das Unendliche gerade auf einen sinnlichen Gegenstand angewandt, wenn er selber, wie ich bewiesen, kleiner ist als die Flügel der Sinne und der Phantasie? Den ungeheuren Sprung vom Sinnlichen als Zeichen ins Unsinnliche als Bezeichnetes – welchen die Pathognomik und Physiognomik jede Minute tun muß – vermittelt nur die Natur, aber keine Zwischen-Idee; zwischen dem mimischen Ausdruck des Hasses z.B. und zwischen diesem selber, ja zwischen Wort und Idee gibt es keine Gleichung. Allein die Bedingungen müssen zu finden sein, unter welchen ein sinnlicher Gegenstand zum geistigen Zeichen wird vorzugsweise vor einem andern. Bei dem Ohre ist Extension und Intension zugleich vonnöten; der donnernde Ton muß zugleich ein langer sein. Da wir keine Kraft anschauend kennen als unsere; und da Stimme gleichsam die Parole des Lebens ist: so ists begreiflicher, warum gerade das Ohr das Erhabene der Kraft bezeichnet. Eine schnelle Vergleichung unserer Töne mit fremden muß man nicht ganz dabei aus schließen. Sogar die Stille kann erhaben werden, die eines hoch still schwebenden Raubvogels, die vor dem großen Meersturm, die nach dem großen Blitze vor dem Donner.

Die optische Erhabenheit ruhet nicht auf Intension – denn Blendung ist nicht erhaben, auch Nacht und Sonne wären es nicht, allein gesehen, ohne Himmel und Umgebung –, sondern auf Extension, aber nur der einfärbigen.63 Eine unabsehliche angebauete Land-Ebene weicht dem grauen stillen Meere, obgleich jene optisch-intensiv dem Auge mehr Licht darreicht und obgleich dieses so gut als jene an der Wolke aufhört. So wäre einem Obeliskus durch große Farben-Flecke – nicht aber durch zu nah und zu klein aufgetragene, weil diese sonst vor dem schwindelnden Auge in einen verschmölzen – seine halbe Größe wegzunehmen. Warum dies aber, da eher verschiedene Farben sie heller und also bei alter Ferne größer bauen müßten? Darum: jede neue Farbe beginnt einen neuen Gegenstand, in der Ferne oder Nacht ausgenommen,[107] wo alle Farben ineinandertaumeln. Hingegen übersäe man sie wie eine Peters-Kuppel mit kleinen Lichtern: so wird sie größer, weil diese nachts64 denselben Gegenstand fortsetzen, nicht sich anfangen. Daher sind die Sterne nur durch den Himmel optisch erhaben, nicht er durch sie. – Noch ist die letzte Frage: warum wird denn nun der von einer Farbe lange fortgesetzte Gegenstand ein Bild der Unendlichkeit?

Ich antworte: durch eine Grenze, also durch zwei Farben; und das Begrenzte ist erhaben, nicht das Begrenzende; das Auge wiederholet bis zum Schwindel dieselbe Farbe, und dieses ewige Wiederkommen des Nämlichen wird das unendliche Bild; weder die Mitte, noch die Spitze der Pyramide ist erhaben, sondern die Bahn des Blicks. Um aber eben zu wissen, daß hier ein Nämliches sei, muß ich hier ein Verschiedenes zugleich haben und ihm entgegensetzen; ohne dieses gäb' es kein Ziel, keine Ferne, also keine Größe; daher die Nacht vor dem zugedrückten Auge nicht erhaben ist, obwohl eine vor dem offnen, weil ich hier von einer erleuchteten Stelle oder von mir an den unendlichen Weg ziehe.

Ich erwehre mich des Einzelnen, da sich die Aufgaben und Auflösungen ins Unendliche vervielfältigen lassen; z.B. einer Untersuchung bedürfte der Fall, wo oft die verschiedenen Gattungen, wie Blitz und Donnerschlagen, vereinigt treffen, wie der Wasserfall, der mathematisch und dynamisch groß ist, so wie das stürmende Meer. Eine andere lange Untersuchung wäre wieder die, wie dieses angewandte Unendliche der Natur sich zu dem der Kunst verhalte, da in beiden die Phantasie auf die Vernunft bezieht u.s.w. Ebenso wäre gegen den kantischen »Schmerz bei jedem Erhabenen« viel einzuwenden, besonders dieses, daß nach ihm das größte den größten geben müßte, nämlich Gott; und so wäre gegen den andern kantischen Satz, daß neben dem Erhabenen alles klein sei, einzuwerfen, daß es sogar Stufen des Erhabenen, nicht als eines Unendlichen, sondern als eines angewandten, gibt; denn eine wache Sternennacht, z.B. über einem schlafenden Meere, sind keine so mächtigen Flügel der Seele als ein Gewitter-Himmel[108] mit seinem Gewitter-Meere; und Gott ist erhabener als ein Berg.

61

Man steigere die optische Intension, man überfülle das Auge mit Licht: es wird nie Kräfte, nur Größen finden.

62

Die Ewigkeit ist für die Phantasie ein mathematisches oder optisches Erhabene; oder so die Zeit ist die unendliche Linie, die Ewigkeit die unendliche Fläche, die Gottheit die dynamische Fülle.

63

Quintus Fixlein, 2te Auflage, S. 357.

64

Am Tage würden sie vor dem größern Lichte selber nur kleine Gegenstände.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 105-109.
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