§ 30
Quelle des Vergnügens am Lächerlichen

[119] Dieser tief und schief laufenden Quelle nachzuspüren und nachzudringen, ist so schwierig als unerlaßlich; denn sie bringt erst recht die Natur des Lächerlichen zutage. Aus welcher Definition[119] desselben – bloß eine ausgenommen – man auch dessen Freudengaben abzuleiten suche: so kann doch keine, z.B. die unschädliche Ungereimtheit des Lächerlichen – oder das Verdunsten in nichts – oder die schmerzliche Unterbrechung der Verstandestotalität – kurz alle diese wahren Mängel können nicht für den ohnehin von Mängeln geängstigten Menschengeist Freude und Erheiterung, oder gar eine so erschütternde zubereiten, daß er über das körperliche Nachspiel dieses geistigen Spiels kaum mehr Herr bleibt, wie z.B. der griechische Philemon, noch dazu Lustspieldichter, noch dazu im 100ten Jahre, noch dazu am Lachen bloß über einen Feigen fressenden Esel starb. Sogar das Komische in der Kunst kann den geistigen Kitzel bis an die Nähe des geistigen Schmerzes treiben; z.B. wenn in Wielands Abderiten der ganzen Ratsversammlung bei einem plötzlichen Schrecken alle heimliche Dolche aus den Westen entfahren und sie vor sich selber in Waffen blinkend dastehen – oder wenn in Smolletts Peregrine Pickle dem Maler, der im Finstern in ein fremdes Bette gedenkend, die suchende Hand auf einem darneben kauernden kahlen Mönchkopf wie auf einer glatten Kugel aufzuliegen kommt, welcher sich und die Hand allmählich zu heben anfängt, so daß der Maler über die unbegreifliche Erhebung so lange staunt, bis er mit der Hand ins Gebiß des Kopfes hineingleitet. – Eine ähnliche peinliche Überlust des Komischen empfand der uns allen bekannte Verfasser z.B. beim Malen von Stellen wie die, wo der zerstreute Pfarrer72 auf das Kanzelpult sich unter dem Kanzelliede zum Beten niederbückt und das Aussingen der Gemeine verhört und fortliegend bleibt, indem er die stumme, auf sein Aufrichten lauernde Gemeine so lange überdenkt, bis er sich endlich aus der zurückgelassenen Perücke in die Sakristei abschleicht und diese allein auf dem Pulte als Predigt-Adjunktus stehen läßt.

Das körperliche Lachen ist entweder nur Folge des geistigen, und dienet dann ebensogut dem Schmerze der Zornwut, des Verzweifelns u.s.f., oder es entstand ohne den erregenden Geist, dann ists nur schmerzlich; z.B. das Lachen bei Wunden des Zwerchfells, bei Hysterie, selber bei Kitzel. Übrigens kann dasselbe[120] Glied ganz verschiedenen geistigen Bewegungen nachfolgen: dieselbe Träne hängt wie Tau an der Freude, wie Gewittertropfe am Schmerze, wie Giftschweißtropfe am Zorn, wie Weihwasser an der Bewunderung. Die Lust am geistigen Lachen aus körperlichem erklären, hieße das süße elegische Weinen aus dem Reize der Augen-Ausleerung quellen lassen.

Am meisten ist unter den Ableitungen der komischen Lust aus dem Geistigen die von Hobbes aus dem Stolze bestandlos. Erstlich ist die Empfindung des Stolzes sehr ernst, und gar nicht verwandt der komischen, obwohl der ebenso ernsten Verachtung. Unter dem Lachen fühlt man weniger sich gehoben (oft vielleicht das Gegenteil) als den andern vertieft. Der Kitzel der Selbstvergleichung müßte ja als komische Lust sich bei jeder Wahrnehmung fremden Irrtums und fremder Tiefe einstellen und desto lachender sein, je höher man stände, indes man doch gerade umgekehrt oft fremde Unterworfenheit mit Schmerz empfindet.

Und welches besondere Gefühl von Erhebung ist wohl möglich, da oft der belachte Gegenstand auf einem so niedrigen, mit uns ganz inkommensurabeln (unanmeßbaren) Vergleichgrade steht, wie z.B. der obige Esel mit Philemon, oder die körperlichen Lächerlichkeiten des Stolperns, des Fehlsehens u.s.w.? Lachende sind gutmütig und stellen sich oft in Reih und Glied der Belachten; Kinder und Weiber lachen am meisten; die stolzen Selbstvergleicher am wenigsten; und der sich für nichts ausgebende Arlekino lacht über alles, und der stolze Muselmann über nichts. – Niemand scheuet sich, gelacht zu haben; aber eine so deutliche Selbsterhebung, als Hobbes voraussetzt, würde jeder heimlicher halten. Endlich nimmt kein Lacher es übel, sondern recht gut auf, wenn noch Hunderttausende mit ihm lachen und sich also hunderttausend Selbsterhebungen um seine stellen; was aber, hätte Hobbes recht, unmöglich wäre, weil unter allen Gesell- und Gespannschaften eine von lauter Stolzen die unausstehlichste sein müßte, ganz unähnlich der liberalen einer von lauter Geizhälsen, ja Gurgeljägern.

Die Lust am Lächerlichen der Natur kann, wie jede Empfindung, nicht aus dem Mangel, sondern nur aus dem Dasein eines[121] Guten entstehen. Wer sie, wie einige getan, als eine Zurückwirkung der Lust am ästhetischen Komischen erklärt, würde bloß die ähnliche Mutter aus der schöneren Tochter ableiten; aber die Lacher waren früher als die Komiker. Die komische Lust läßt sich zwar, wie jede, durch den Verstand auf dem Wege der umgebenden einwirksamen Verhältnisse in mehre Elemente zerlegen, aber im Brennpunkte der Empfindung selber schmelzen alle (wie die Bestandteile des Glases) zu einem dichten durchsichtigen Gusse. – Der Elementargeist der komischen Lust-Elemente ist der Genuß dreier in einer Anschauung vor- und festgehaltenen Gedankenreihen, 1) der eignen wahren Reihe, 2) der fremden wahren und 3) der fremden von uns untergelegten illusorischen. Die Anschaulichkeit zwingt uns zum Hinüber- und Herüber-Wechselspiel mit diesen drei einander gegenstrebenden Reihen, aber dieser Zwang verliert durch die Unvereinbarkeit sich in eine heitere Willkür. Das Komische ist also der Genuß oder die Phantasie und Poesie des ganz für das Freie entbundnen Verstandes, welcher sich an drei Schluß- oder Blumenketten spielend entwickelt und daran hin- und widertanzt. Drei Elemente sondern diesen Genuß des Verstandes von jedem andern desselben an. Erstlich stört keine sich eindrängende starke Empfindung seinen freien Lauf; das Komische gleitet ohne Friktionen (Reibungen) der Vernunft und des Herzens vorüber, und der Verstand bewegt sich in einem weiten luftigen Reiche frei umher, ohne sich an etwas zu stoßen. – Ein dermaßen frei gelaßnes Spiel hat er, daß ers sogar an geliebten und geachteten Personen treiben kann, ohne sie zu versehren; denn das Lächerliche ist ja nur ein von und in uns selber geworfener Schein, und in diesem Vexier-Lichte kann der andere gesehen zu werden schon vertragen.

Das zweite Element ist die Nachbarschaft des Komischen mit dem Witze, nur aber mit dem Vorteile, daß jenes weit über diesen erquickend hinaus herrscht. Da der Witz- was leider erst im zweiten Bändchen der Vorschule weitläuftig zu erweisen ist – eigentlich anschaulicher Verstand oder sinnlicher Scharfsinn ist, so wurde zur Verwechslung desselben mit dem Komischen zu leicht verführt, so sehr auch Beispiele eines ernsten und erhabnen[122] Witzes und eines witz-freien Komischen dagegen sprachen. Denn der wichtigere Unterschied zwischen beiden ist, daß der Verstand am Witze nur einseitige Verhältnisse der Sachen, am Komischen aber die vielseitigen Verhältnisse der Personen durchläuft und genießt, dort einige intellektuelle Glieder, hier handelnde; dort verfliegen die Verhältnisse ohne festen Grund, hier wohnen ungezählte in einem Menschen. Das Persönliche gibt, wie dem Herzen einen Spielraum, ebenso dem Verstande einen noch unbestimmtern und weitern. Allem diesem fügt das Komische noch den Vorzug der sinnlichen Anschaulichkeit bei. Erscheint bloßer Witz zuweilen komisch: so bedenke man, daß er diese Stärke erst aus einer komischen Umgebung oder Stimmung holen muß. Wenn z.B. Pope in seinem Lockenraube von der Heldin sagt: »sie sei in Angst, ob sie ihre Ehre oder ihr Brokatkleid beflecken, ob sie ihr Gebet oder eine Maskerade versäumen, auf dem Ball ihr Herz oder ihr Halsband verlieren werde«, so entspringt die komische Kraft nur aus der Ansicht der Heldin, aber nicht aus der Paarung des Ungleichartigsten; denn in Campens Wörterbuch würde Beflecken der Kleider und darauf als uneigentlich das Beflecken der Ehre ohne komische Wirkung stehen.

Ein drittes Element des komischen Genusses ist der Reiz der Unentschiedenheit, das Kitzeln des Wechsels zwischen scheinbarer Unlust (an dem Minimum des fremden Verstandes) und zwischen der eignen Lust der Einsicht, welches beides, in unserer Willkür stehend, um so süßstechender (pikanter) berührt und neckt. Insofern daher nähert sich das Komische dem körperlichen Kitzel, der als ein närrischer Doppellauter und Doppelsinn zwischen Schmerz und Lust auszittert. Seltsam genug und fast komisch trifft der Umstand – den ich jetzo bei der zweiten Auflage wahrnehme – mit meiner Definition des Lächerlichen in der ersten allegorisch zusammen, nämlich der, daß wir sogar den körperlichen Achsel- und Fersenkitzel halb willkürlich nur fühlen, wenn wir uns in einen fremden Finger versetzen, indes der eigne nichts dergleichen erwirkt, ja daß, wenn man mit dem fremden in der eignen Hand sich berührt, nur die Viertel Wirkung erfolgt sobald man nur nach eignem Willen ihn umherruckt –, aber so[123] gleich die ganze, wenn er sich, obwohl in unserer Hand, selbsttätig bewegt. Ein so närrisches Ding, als das selber ist, woran es klebt, der Mensch!

Das Lächerliche bleibt daher ewig im Gefolge der geistigen Endlichkeit. Wenn der Flötenspieler Quod deus vult (im noch nicht erschienenen 29ten Bändchen der Flegeljahre) klagt – doch wahrscheinlich mehr aus Scherz –, daß er oft verdrüßliche Stunden habe, wo er sichs zu sehr ausmale, daß er selig werde und folglich Ewigkeiten hindurch als Vollendeter unter lauter Vollendeten ohne alles das leben müßte, was man hienieden noch Scherz nenne oder Spaß: so ängstigt sich der Mann zuverlässig unnütz; denn sowohl der anschauenden als der angeschaueten Endlichkeit bleibt eben als einer die Täuschung des komischen Stellen – Wechselns fort und anhängend, nur eine andere auf höherer Stufe; und noch über einen Engel ist zu lachen, wenn man der Erzengel ist.

72

Quintus Fixlein, zweite Auflage. S. 371.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 119-124.
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