§ 35
Humoristische Sinnlichkeit

[139] Da es ohne Sinnlichkeit überhaupt kein Komisches gibt: so kann sie bei dem Humor als ein Exponent der angewandten Endlichkeit nie zu farbig werden. Die überfließende Darstellung, sowohl durch die Bilder und Kontraste des Witzes als der Phantasie, d.h. durch Gruppen und durch Farben, soll mit der Sinnlichkeit die Seele füllen und mit jenem Dithyrambus sie entflammen89, welcher die im Hohlspiegel eckig und lang auseinandergehende Sinnenwelt gegen die Idee aufrichtet und sie ihr entgegenhält. Insofern als ein solcher Jüngster Tag die sinnliche Welt zu einem zweiten Chaos ineinanderwirft – bloß um göttlich Gericht zu halten –, der Verstand aber nur in einem ordentlich eingerichteten Weltgebäude wohnen kann, indes die Vernunft, wie Gott, nicht einmal im größten Tempel eingeschlossen ist –: insofern ließe sich eine scheinbare Angrenzung des Humors an den Wahnsinn denken, welcher natürlich, wie der Philosoph künstlich, von Sinnen und[139] von Verstande kommt und doch wie dieser Vernunft behält; der Humor ist, wie die Alten den Diogenes nannten, ein rasender Sokrates. –

Wir wollen den metamorphotischen sinnlichen Stil des Humors mehr auseinandernehmen. Erstlich individualisiert er bis ins Kleinste, und wieder die Teile des Individualisierten. Shakespeare ist nie individueller, d.h. sinnlicher, als im Komischen. Eben darum ist Aristophanes beides mehr als irgendein Alter.

Wenn, wie oben gezeigt worden, der Ernst überall das Allgemeine vorhebt und er uns z.B. das Herz so vergeistert, daß wir bei einem anatomischen mehr ans poetische denken als bei diesem an jenes: so heftet uns der Komiker gerade eng an das sinnlich Bestimmte, und er fällt z.B. nicht auf die Knie, sondern auf beide Kniescheiben, ja er kann sogar die Kniekehle gebrauchen. – Hat er oder ich z.B. zu sagen: »der Mensch denkt neuerer Zeit nicht dumm, sondern ganz aufgeklärt, liebt aber schlecht«: so muß er zuerst den Menschen ins sinnliche Leben übersetzen – also in einen Europäer – noch enger in einen Neunzehnjahrhunderter – und diesen wieder auf ein Land, auf eine Stadt einschränken. – In Paris oder Berlin muß er wieder eine Straße suchen und den Menschen dareinpflanzen. Den zweiten Satz muß er oder ich ebenso organisch beleben, am schnellsten durch eine Allegorie, bis er etwa so glücklich ist, daß er von einem Friedrichstädter sprechen kann, der in einer Taucherglocke bei Licht schreibt und ohne einen Stuben und Glockenkameraden im kalten Meer und nur durch die verlängerte Luftröhre seiner Luftröhre mit der Welt im Schiffe verbunden ist. »Und so erleuchtet«, schließe der Komiker, »der Friedrichstädter sich allein und sein Papier und verachtet Ungeheuer und Fische um sich her ganz«. Das ist aber der obige Satz.

Bis auf Kleinigkeiten könnte man die komische Individuation verfolgen. Dergleichen sind: die Engländer lieben den Henker und das Gehangenwerden; wir den Teufel, doch aber als den Komparativus des Henkers, z.B. er ist des Henkers, stärker: er ist des Teufels; ebenso verhenkert und verteufelt. Man könnte vielleicht an seinesgleichen schreiben: den hole der T., aber bei[140] Höhern müßte dies schon durch den Henker gemildert werden. Bei den Franzosen steht der Teufel und Hund höher. Le chien d'esprit que j'ai, schreibt die herrliche Sevigné (unter allen Franzosen die Großmutter Sternens, wie Rabelais dessen Großvater) und liebt gleich allen Französinnen sehr den Gebrauch dieses Tieres. Ähnliche sinnliche Kleinigkeiten sind: überall Zeitwörter der Bewegung zu wählen, in unbildlichem und bildlichem Darstellen – wie Sterne und andere jeder Handlung, auch einer innern, eine kurze körperliche vor oder nachzuschicken – von Geld, Zahl und jeder Größe überall bestimmte Größe anzugeben, wo man sonst nur die unbestimmte erwartet; z.B. »ein Kapitel so lang als mein Ellenbogen« oder »keinen gekrümmten Farthing wert« etc. So gewinnt diese komische Sinnlichkeit durch die zusammendrängende Einsilbigkeit in der englischen Sprache; wenn z.B. Sterne sagt (Tristr. Vol. XI. ch. X.): ein französischer Postillion sei kaum aufgestiegen, so hab' er wieder abzusteigen, weil immer am Wagen etwas fehle, a tag, a rag, a jag, a strap, welche Silben, besonders mit ihren Assonanzen, nicht so leicht im Deutschen zu übersetzen sind als das horazische: ridiculusmus. Die Assonanzen kommen überhaupt im komischen Feuer nicht nur bei Sterne (z.B. ch. XXXI.: all the frusts, crusts, and rusts of antiquity), sondern auch bei Rabelais, Fischart und andern vor, gleichsam als Wandnachbars-Reime.

Dahin gehören ferner für den Komiker die Eigen-Namen und Kunstwörter. Kein Deutscher spürt den Abgang einer Volk- und Hauptstadt trauriger als einer, der lacht; denn er hindert ihn am Individualisieren. Bedlam, Grubstreet u.s.w. laufen so bekannt durch ganz Großbritannien und über das Meer; wir Deutsche hingegen müssen dafür Tollhaus, Sudel-Schreibgasse nur im allgemeinen sagen, weil aus Mangel einer Nationalstadt die Eigennamen in den zerstreueten Städten teils zu wenig bekannt sind, teils weniger interessant. – So tut es einem individualisierenden Humoristen ganz wohl, daß Leipzig ein schwarzes Brett, einen Auerbachischen Hof, seine Leipziger Lerchen und Messen hat90,[141] welche auswärts genug bekannt sind, um mit Glück gebraucht zu werden; dasselbe wäre aber von noch mehren Sachen und Städten zu wünschen.

Ferner gehört zur humoristischen Sinnlichkeit die Paraphrase, oder die Zerfällung des Subjekts und Prädikats, welche oft ins Endlose gehen kann und welche Sternen am leichtesten nachgeäfft wird, der sie wieder am leichtesten Rabelais nachgeahmt. Wenn z.B. Rabelais sagen will, daß Gargantua spielte, so fängt er an (I. 22):

La jouoit

Au flux

à la prime

à la vole

à la pille

à la triumphe

à la Picardie

Au cent – –

Etc. Etc.


Zweihundertundsechzehn Spiele nennt er. Fischart91 bringt gar fünfhundertundsechsundachtzig Kinder- und Gesellschaftspiele, welche ich mit vieler Eile und Langweile zusammengezählt. Diese humoristische Paraphrase – welche in Fischart am weitesten und häufigsten getrieben wird – setzt Sterne in seinen Allegorien fort, deren Fülle sinnlicher Nebenzüge sich an die üppige Ausmalung[142] der homerischen Gleichnisse und der orientalischen Metaphern anschließet. Ein ähnlicher farbiger Rand und Diffusionraum fremder Bei-Züge fasset sogar seine witzigen Metaphern ein; und die Nachahmung dieser Kühnheit ist der Teil, den Hippel sich an ihm besonders ausgelesen und verbessernd vorbehalten (denn jeder ersah sich an Sterne seine eigne Kopier-Seite, z.B. Wieland die Paraphrase des Subjekts und Prädikats, andere seine unübertreffliche Periodologie, manche seine ewigen »sagt' er«, mehre nichts, niemand die Grazie seiner Leichtigkeit). Z.B. gesetzt ein Mann wollte den vorigen Gedanken hippelisch sagen: so müßte er, wenn er die Nachahmer z.B. bloß transzendente Übersetzer nennen wollte, es so ausdrücken: sie sind die origenische Tetra-, Hexa- und Oktapla Sternens. Oder noch deutlicher ist das Beispiel, wenn man z.B. die Tiere einen Karlsruher und Wienerischen Nachdruck der Menschen auf Fließpapier nennte. Es erquickt den Geist ungemein, wenn man ihn zwingt, im Besondern, ja Individuellen (wie hier Wien, Karlsruh und Fließpapier) nichts als das Allgemeine anzuschauen, in der schwarzen Farbe das Licht.

Darstellung der Bewegung, besonders der schnellen, oder der Ruhe neben jener macht als Hülfmittel der humoristischen Sinnlichkeit komischer. Ein ähnliches ist auch die Darstellung einer Menge, welche durch das Vorragen des Sinnlichen und der Körper[143] noch dazu den lächerlichen Schein der Maschinenhaftigkeit erregt. Daher erscheinen wir Autoren in allen Rezensionen von Meusels gelehrten Deutschlande wegen der Menge der Köpfe ordentlich lächerlich, und jeder Rezensent scherzt ein wenig.

89

Sterne wird, je tiefer hinein im Tristram, immer humoristisch-lyrischer. So seine herrliche Reise im 7. Bande; der humoristische Dithyrambus im 8. B. c. II. 12. u.s.w.

90

Daher sollte man von jeder deutschen Stadt so viele benannte Einzelheiten (wie bei den Vieren schon geschehen ist) gäng und gäbe machen, als nur angehen will, bloß um dem Komiker mit der Zeit ein Wörter- und Flurbuch komischer Individuation in die Hand zu spielen. Ein solcher schwäbische Städte-Bund würde die getrennten Städte ordentlich zu Gassen, ja zu Brettern eines komischen Nationaltheaters zusammenrücken lassen – der Komikus hätte leichter malen und der Leser leichter fassen. Die Linden der Tiergarten – die Charite – die Wilhelmshöhe – der Prater- die Brühlische Terrasse sind zum Glücke für jeden komisch-individualisierenden Dichter zu seinem Spielraum urbar; aber wollte z.B. der Verfasser von den wenigen Städten, wo er gehauset, von Hof, Leipzig, Weimar, Meinungen, Koburg, Baireuth, die Eigennamen der besten, da sehr wohl bekannten und benannten Plätze und Verhältnisse zu komischer Individuation gebrauchen: so würde er wenig verstanden werden und folglich schlecht goutiert, nämlich auswärts.

91

An Sprach- und Bilder- und sinnlicher Fülle übertrifft Fischart weit den Rabelais und erreicht ihn an Gelehrsamkeit und aristophanischer Wortschöpfung; er ist mehr dessen Wiedergebärer als Obersetzer; sein goldhaltiger Strom verdiente die Goldwäsche der Sprach- und der Sittenforscher. Hier einzelne Züge aus seinem Bilde eines schönen Mädchens aus seiner Geschichtklitterung (1590) S. 142: »(Sie hatte) rosenblüsame Wänglein, die auch den umwebenden Luft mit ihrem Gegenschein als ein Regenbogen klärer erläuterten, wie die alten Weiber, wan sie aus dem Bad kommen: Schwanenweiß Schlauchkälchen dardurch man wie durch ein Mauranisch Glaß den roten Wein sahe schleichen: ein recht Alabastergürgelein: ein Porphyrenhaut, dardurch alle Adern schienen, wie die weißen und schwarzen Steinlein in eim klaren Brunwässerlein: Apfelrunde und lindharte Marmol-Brüstlein, rechte Paradießäpflin und Alabasterküglein, – auch fein nahe ans Hertz geschmückt und in rechter Höhe emporgeruckt, nicht zu hoch auff Schweitzerisch und Kölnisch, nicht zu nider auf Niderländisch – – sondern auf Frantzösisch etc.« Jenes Reimen der Prosa kommt bei ihm häufig und zuweilen, z.B. c. 26, S. 351, mit schöner Wirkung vor. So ist das 5te Kapitel über Eheleute ein Meisterstück sinnlicher Beschreibung und Beobachtung; aber keusch und frei wie die Bibel und unsere Voreltern.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 139-144.
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