Zweiter Viertelstunde zweites Minutenfünf
Wert der Eilschreiberei

[493] Ich preise keinen Leser glücklicher als einen, der etwa nach hundert oder gar tausend Jahren geboren wird: dieser findet doch etwas zu lesen und Auswahl. Wir Zeit- oder Jahrtausendarme sind bald fertig, und ungeachtet unserer drei Meßernten (denn die Weihnacht- oder Neujahrmesse mit Almanachen verachte man nicht) haben wir, wie die Hindostaner bei ihren drei Reisernten jährlich eine Hungernot, so nichts Rechts zu lesen. Was große Schriftsteller jährlich liefern, will ich in drei Abenden durchhaben. Wir müssen uns daher an die mittlern, ja schlechten halten und klammern und an ihnen saugen, solange etwas da ist. Aber um so willkommener sei uns doch jeder Umstand, der uns diese Schriftsteller und ihre Werke vervielfältigt. Und dies leistet gewiß am sichersten die endlich eingeführte Schreibregel, nicht zu feilen, sondern den ganzen Aufwand von Feilstaub und Zeit zu ersparen. Ein solcher schreibt und steht schon mit einem dritten Band auf der Messe aus, indes ein anderer noch zu Hause an seinem ersten raspelt und feilt. So gebären Weiber, die ihre Geburten nicht erst säugen, dem Staate jährlich etwas mehr. Noch mehr Zeit und Menschenkraft als durch Dampfpressen werden durch solche Dampfdintenfässer geschont von ordentlichen Schreibimprovisatoren. Nur könnten deutsche Stegreifschreiber alles noch viel weiter treiben. Gibbon sandte jeden Bogen nach dem Schreiben eiligst in die Presse, damit sie ihn gegen die Feile deckte. Ja der genialste Romanschreiber der Franzosen, Retif de la Bretonne, schrieb seine Romane nicht einmal vorher, sondern als Buchdrucker setzte er sie sogleich – wodurch von selber alles[493] Ausstreichen wegfiel –; und wie jener, den man den französischen Richardson nannte, machte es auch der britische, ebenfalls ein Buchdrucker. So halte sich denn ein heutiger Schreiber wenigstens für einen transzendenten Setzer, der nicht Satz und Korrektur zugleich besorgt. – Wenn überhaupt deutsche Dichter des neunzehnten Jahrhunderts es, wie die Methodisten in England, für Sünde gegen ihre Eingebungen halten, sich auf das, was sie sagen wollen, vorzubereiten, so hat man doch die Gewißheit, daß man keine Nachtreter hinter Gesetzgebern, sondern vielmehr Monde vor sich hat, welche um ihren Phöbus ganz allein und ohne eine herumführende Erde laufen.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 493-494.
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