§ 74
Regeln und Winke für Romanschreiber

[262] Wenn schon das Interesse einer Untersuchung auf einem fortwechselnden Knötchen-Knüpfen und – Lösen beruht – wie daher Lessings Untersuchungen durch das Geheimnis dieses Zaubers festhalten –: so darf sich noch weniger im Roman irgendeine Gegenwart ohne Kerne und Knospen der Zukunft zeigen. Jede Entwicklung muß eine höhere Verwicklung sein. – Zum festern Schürzen des Knotens mögen so viele neue Personen und Maschinengötter, als wollen, herbeilaufen und Hand anlegen; aber die Auflösung kann nur alten einheimischen anvertraut werden. Im ersten oder Allmacht-Kapitel muß eigentlich das Schwert geschliffen werden, das den Knoten im letzten durchschneidet. Hingegen im letzten Bande mit einem regierenden Maschinisten nachzukommen, ohne daß ihn Maschinen in den vorhergehenden angemeldet, ist widrige Willkür. Je früher der Berg dasteht, der einmal die Wetterscheide einer Verwicklung werden soll, desto besser. Am schönsten, d.h. am unwillkürlichsten geschieht die Entwicklung durch einen bekannten Charakterzug eines alten Mitspielers; denn hier besiegt die schönste Geister-Notwendigkeit, worüber der Dichter nichts gebieten kann und soll; so wird z.B. in Fieldings Tom Jones der Knoten durch das Entlarven einer frühen eigennützigen Lüge des heuchelnden Blifils überraschend aufgebunden. Im manierierten Trauerspiel Cadutti löset er sich unerwartet beinahe zu witzig durch eine Notwendigkeit physischer Art, dadurch, daß der unbekannte, längst erwartete Sohn dem Vater, der anfangs dessen Opfer war, und später dessen Opferpriester wurde, im Tode ähnlich zu sehen anfing, nach der Lavaterschen Bemerkung. – Kurz, der Knoten gehe bloß durch Vergangenheit, nicht durch Zukunft auf.

Einige bereiten sich diese Vergangenheit als auflösendes Mittel zwar frühe genug und tragen sie ordentlich schon auf in den[262] ersten Kapiteln, aber ohne rechte Notwendigkeit durch Gegenwart; nichts ist widerlicher als eine solche Verwahr-Kur (Präservations-Kur) ohne Krankheit. Was jetzo auftritt, muß nicht bloß erst künftig nötig sein, sondern auch schon jetzo; alle Wichtigkeit eines jetzigen Auftritts in der Zukunft entschuldigt nicht seine Dürftigkeit in der Gegenwart; denn der Leser darf, zuwider der Religion, bloß für die Gegenwart leben und braucht nicht wie der Mensch, nach der Regel respice finem, ans Ende zu denken, welches ja ohnehin z.B. bei einem Roman von 8 Bänden nach einem langen schweren Leben von 160 Bogen nur eine kurze selige Ewigkeit von ein oder zwei Bogen wäre. Inzwischen mag der uns bekannte Autor dagegen ein paarmal öfter angestoßen haben, als er aus leicht zu erratenden Gründen wird eingestehen wollen.

In Werthers Leiden wird in der letzten Ausgabe dem künftigen Mörder seiner Geliebten schon im Frühling vornen ohne ersichtliche Notwendigkeit sehr viel Platz gemacht, bloß damit er weiter hinten im Herbste mit seinem Messer den Knoten Werthers – verdicke; aber da er ihn nicht lösen half, so war er an sich zu keiner Erscheinung im Frühling verbunden – besonders bei Lesern der ersten Ausgabe –, sondern er konnte in jedem Monate kommen.

Zwei Kapitel müssen füreinander und zuerst gemacht werden, erstlich das letzte und dann das erste. Aber erspart uns nur die Vorvergangenheit! – O so sehr lau und schwach drängt sich das arme Publikum in den letzten Bänden eines Werks – z.B. im 109ten – – auf dem grünen Blatte wie eine Minier-Raupe durch alle Fasern-Windungen voriger Bände rückwärts zurück – den Kopf hält es immer vorwärts und steil – und bis in die Vergangenheit hinein, die über das erste Kapitel hinausliegt. Dies ist aber zu große Qual, nach der Einladung und Sättigung von einem Freund, auf einmal einen umlaufenden Zahl-Teller zu sehen! Was hat man viel davon, wenn uns euer erstes Kapitel zwar in die Mitte hinein-, aber euer letztes wieder jenseits des ersten hinausreißet! Im Allmacht- oder Aseität-Kapitel hätten wir alle mit Vergnügen jede Schöpfung angenommen und jedes Wunder und[263] jede Arbeit vor dem Genuß; aber jetzo, nachdem wir uns lange Wunderbarkeiten bis hieher schon haben gefallen lassen, stehen uns die verspäteten Natürlichkeiten nicht an. – Also antizipiere man von der künftigen Vergangenheit, so viel man kann, ohne sie zu verraten, damit man im letzten Kapitel wenig mehr zu sagen brauche als: »Hab' ichs nicht gesagt, Freunde?« – Wollte man die Frage aufwerfen, warum denn in dem Romane, dieser fortschreitenden Vergangenheit selber, einige Rückschritte in die vorige so verdrießlich werden: so wäre die Antwort: weil die ältere die neuere unterbricht; weil der Mensch, er fange an, wo es sei, doch vor-, nicht rückwärts will, und weil die durchgelebte Stunden-Reihe eine durchgelebte Ursachen-Reihe und folglich ein System ist, das den obersten Grundsatz lieber in den Anfang als in die Mitte stellt.

Halb ists schon im Vorigen angedeutet, daß der Wille (als die poetische Notwendigkeit) nicht früh genug erscheinen kann, hingegen die Körperwelt auch spät und überall; daß aber jener den Schachtürmen und Bauern gleicht, welche im Anfange des Spiels wenig, aber am Ende desto mehr entscheiden; hingegen diese den Springern und Königinnen, welche nur anfangs durchschneiden und überspringen, aber am Ende wenig mehr durchsetzen.

Habt ihr die bestens motivierte Wirkung, so führt sie erst in der Erzählung auf, wenn ihr vorher deren Ursachen dem guten, aber mißtrauischen Leser vertrauet habt, weil er, sooft auf seinem Lesesessel oder Leseesel betrogen und getäuscht – und es sogar in Ästhetiken deutlich lieset, daß man auf sein Täuschen ordentlich auszugehen habe, nicht ohne Grund besorgt, der Dichter habe zur Wirkung sich erst später die Ursache ausgesonnen.

Je geistiger die Verwicklung, desto schwerer die Entwicklung, desto besser die gelungene; also sucht lieber Knoten des Willens als Knoten des Zufalls.

Habt ihr zwei geistige Zwecke oder Verwickelungen: so müßt ihr den einen zum Mittel des andern machen; sonst zerreiben sich beide aneinander.

Es ist sehr gut, eine wahre Entwicklung ein wenig hinter eine scheinbare zu verstecken. Aber man baue dem falschen Erraten[264] vor, welches Schwierigkeiten zwar irrig, jedoch auf Kosten der Erwartung löset.

Nie vergesse der Dichter über die Zukunft, die ihm eigentlich heller vorschimmert, die Foderungen der Gegenwart und also des nur an diese angeschmiedeten Lesers.

Die Episode ist im epischen Roman kaum Episode, z.B. im Don Quixote, da er das Leben episodisch nimmt. Im dramatischen sind Episoden häßliche Hemmketten – gesetzt auch, daß sie sich mit spätern Bändern verknüpften –; sie müssen durchaus nur als die Abteilungen früherer Fäden erscheinen. Das Drama hasset die Episode. Wäre die Episode an sich erlaubt: so müßte man aus einer in die andere, aus der andern in die dritte und so in die Rechnung des Unendlichen fahren dürfen. – Eine Episode mischt sich reizend als Gegenwart in das Hauptwerk, aber nicht als ein verdrüßliches Stück abzuerzählender Vergangenheit.

Wie die geschichtliche Abschweifung, so die kleinere witzige oder philosophierende; beide nimmt der Leser an dem Anfange und in der Mitte lieber an als gegen das Ende hin, wo alle Strahlen sich immer enger zum Brennpunkte eines Interesse drängen. Indes ist dieser Wink nicht sowohl den Autoren nötig – denn die Sache treibt sie selber dazu – als den Lesern, damit sie wissen, warum ein Autor, gleich einem Menschen, gerade gegen das Ende hin am wenigsten ausschweife, und nur anfangs so stark.

Ein einziger aus tiefer Brust emporgehobner Menschen-Laut wirkt mehr als zehn seelenlehrige Schilderungen und Landschaften; ein Zittern der Luft als Sprach-Ton wirkt mehr als ein allgemeines Umhertoben derselben als Sturm. Freilich nur ein unsichtbarer Gott haucht entfliegend in euch das rechte Wort; hin gegen zu mechanischen farbigen Wirkereien sind euch immer gute Krempel-, Kratz- und Spinnmaschinen bei der Hand.

Der Schriftsteller – den Kopf ganz voll Allwissenheit und Zukunft – und ganz voll Langweile an nächstens ankommenden Begebenheiten, die er durch langes Motivieren so gut kennt wie sich – trägt und bürdet gern das eigne Ausfarben der im großen vorgezeichneten Freudenszenen, auf deren Darstellung der Leser sich bändelang gefreuet, diesem selber auf. Ich wüßte nicht, sagt[265] der Schriftsteller, was hier der Leser nicht wüßte und nicht statt meiner sich selber sagen könnte. Aber der Leser, schon als Kind, weiß z.B. bei Robinson Crusoe nach der Begründung der Verhältnisse fast alle kleinen Verhältnisse voraus, womit sich der Schiffbrüchige behilft und beglückt. Er will sie aber doch ausführlich beschrieben lesen; ebenso will der Leser alle die rauschenden Ernten, welche z.B. der von einem Quaternen-Gewinn eingelaßne Gold-Nil einer verdorrten Familie gibt, vom Darsteller vorgezählt hören, so leicht ihm seine lesende Phantasie, durch die dichtende erweitert, das Erraten machen würde. Er will der frohen Farben recht gesichert sein und erwartet bei seiner bisherigen blinden Glaubigkeit an den Dichter die Gewißheit bloß von diesem, nicht von eigner Dichter-Willkür. Etwas anderes ist das Erhabene, wo Schweigen des Unaussprechlichen ist, oder zu großer Schmerz, wo nur der Leser sich die Wunden süßer selber gibt als geben läßt. – Einige Schriftsteller machen noch aus andern Gründen gern die Leser zu Schriftstellern, die fortsetzen. Wenn z.B. der uns bekannte Verfasser nur reines leichtes Geschichtliches zu reichen hatte, worin weder Flammen, noch Blumen, noch Salze umherzugeben waren: so macht' er sich sehr trübselig an das Blatt und wollt' es kaum machen.

Bleibt entweder in dem allgemeinsten Verhältnisse der Personen und Sachen schwimmen; oder wenn ihr die lokalfarbigsten erleset, z.B. Malta, einen Universitätzahnarzt, einen Hofzuckerbäcker, so streicht ihm alle seine gehörigen Farben an und seht euch vorher in dessen Werkstatt oder im orbis pictus um.

Der Held eines Romans ist häufig der redende Ciceros-Kopf des Autors und dessen stärkster Verräter. Zieht ihm wenigstens nicht mit einem Gefolge von Lobpreisern nach, welche ihm aus allen Fenstern und Logen hinterdreinrufen: vivas! – plaudite! – te deum! Wohin man in Richardson nur tritt, stößet man auf einen Menschen oder ein Paar mit breiten Heiligenscheinen und schweren Lorbeerkränzen in den Händen und unter den Armen, um solche Klarissen oder Grandisonen aufzusetzen. Man denkt dann schlechter von dem Paar; ja oft vom Autor selber, der in dem großen Kopfe des gekrönten Helden seinen eignen stecken hat.[266]

Zeichnet keinen Charakter-Zug, um einen Charakter, sondern bloß um eine Begebenheit darzustellen.

Die epische Natur des Romans untersagt euch lange Gespräche, vollends eure schlechten. Denn gewöhnlich bestehen sie in der Doppelkunst, entweder den andern zu unterbrechen, oder dessen Frage in Antwort zu wiederholen, wie Engel häufig tut, oder nur den Witz fortsetzend zu beantworten.

Umringt nicht die Wiege eures Helden mit gesamter Lesewelt. Wie die Gallier nach Cäsar ihre Kinder nur mannbar vor sich ließen – daher vielleicht noch jetzo die französische Sitte sie auf dem Land erziehen läßt –, so wollen wir den Helden sofort mehre Fuß hoch sehen; erst darauf könnt ihr einige Reliquien aus der Kinderstube nachholen, weil nicht die Reliquie den Mann, sondern er sie bedeutend macht. Die Phantasie zieht leichter den Baum zum Pfälzischen ein, als dieses zu jenem empor.

Wenigstens komischen Romanschreibern ist der Rat einzuschärfen, daß sie fast länger am Entwerfen als am Ausführen ihrer Plane arbeiten sollten (wie schon Christen es auch mit ihren sittlichen tun). Ist der Plan geräumig und zusprechend: so fliegt die Arbeit und trägt alles, was von Einfällen und Scherzen aufzuladen ist. Hingegen ist er verkrümmt und verengt: so sitzt der reichste und beweglichste Autor als lahmer Bettler da und hat nichts einzunehmen, nämlich nichts auszugeben; er dürstet in seiner Wüste nach Wasser, obwohl umgeben von Edelsteinen vom ersten, zweiten, dritten Wasser. – Nur sieht ein Autor einem noch im Gehirnäther zu hoch schwebenden Plane oder spanischem Schlosse nie dessen freie Geräumigkeit oder dessen enge Winklichkeit deutlich an. Ein Schriftsteller soll daher, bevor er etwas anfangt – oft einen mühseligen Gruben- oder Brunnen-Bau –, eine Wünschelrute über das Gold und Wasser, das zu finden ist oder nicht, zu halten und zu fragen wissen. Es gibt für ihn nämlich eine eigne, nicht aber leichte Kunst, den noch unbesetzten Plan eines Werks vorspielend, vordenkend, vorprüfend sich auszufüllen, doch nur von fernen und leicht, mehr in dem Gehirne, wenig auf dem Papiere; vermag nun ein Dichter mit scheinbarer Ausführung über seinem Plan zu schweben: so hat er bei einem richtigen Zuversicht[267] und Aussicht gewonnen, und bei einem unrichtigen nichts verloren als die Mühe der ersten Anlage.

Eine andere, nicht bloß dem epischen Aussprößling, dem Roman, aufgegebene Frage ist die, was früher zu schaffen sei, ob die Charaktere oder die Geschichte. Wenigstens den Charakter des Helden schafft zuerst, welcher den romantischen Geist des Werks ausspricht oder verkörpert; je leerer, einseitiger, niedriger die Nebencharaktere hinab, desto mehr verlieren sie sich in das tote, unselbstständige, dem Dichterzepter unterworfene historische Reich. Die Geschichte ist nur der Leib, der Charakter des Helden die Seele darin, welche jenen gebraucht, obwohl von ihm leidend und empfangend. Nebencharaktere können oft als bloße historische Zufälle, also nach dem vorigen Gleichnis als Körperteile den seelenvollen Helden umgeben, wie nach Leibniz die schlafenden Monaden (als Leib) die wachende, den Geist. Der unendlichen Weite der Zufälligkeiten sind Charaktere unentbehrlich, welche ihnen Einheit durch ihren Geister- oder Zauberkreis verleihen, der aber hier nur Körper, nicht Geister ausbannt. Auch der Reiseroman, wie das Tagbuch, bleibt, wenn nicht die Breite des Raumes und die Länge der Zeit betäubend mit Zufällen überschwemmen sollen, der stillen leitenden Einheit eines Charakters untertänig. Der Dichter versteckt seine durchsichtigen Flügel unter die dicken Flügeldecken des Körperreichs, zumal im ruhigen Gehen; wenn er aber die Flügel über der Erde bewegt, so hält er die Decken wenigstens aufgespannt, wenn auch ungeregt. – Sogar das Märchen heftet seine Glanztautropfen und Perlen an das unsichtbare Nachsommergespinste einer freien Bedeutung an. – Sind noch unbedeutendere Winke erlaubt? Ich meine z.B. etwa folgende:

Um sinnliche Genüsse ohne Abbruch sittlicher Teilnahme zu malen, gebe man sie z.B. nicht nur einem ungebildeten Verarmten, sondern auch einem gebildeten Kranken; – so nehmen wir sittlich-froh und gönnend mit Thümmels siechen Helden jeden Leckerbissen; der matte Mann braucht es, sein Magen ist sein Schild, seine Hypochondrie sein Tischgebet. Setzt er sich aber ausgeheilt, oder sein Überrascher vollblühend an den Schwelgertisch:[268] so verwandelt sich der Leser fast in den Pater, der dem essenden Refektorium gute Predigten vorlieset. – Überall stellt sich sinnlicher Genuß sittlich und poetisch durch die Bedingungen der Entbehrung und der Notwendigkeit dar.

Ferner: es ist an sich ein guter Kunstgriff, Sachen, die man noch halb verschleiert zeigen will, durch Voreiligkeit oder Mißverständnis der Bedienten und Kinder halb zu entschleiern; nur aber wird die Allwissenheit des Dichters uns willkürlich zu geben und zu nehmen scheinen, wenn er nicht durch das Werk selber den strengsten Gehorsam gegen das Gesetz beweist, durchaus nichts zu erzählen als nur Gegenwart.

Ferner: da die Phantasie des Lesers in ihrem kurzen Fluge mehr wächset als die des Dichters im langen, weil jene in dessen Werke alle die neuen Bilder, Flammen und Stürme vielleicht in einem halben Tage empfängt und zu einer Wirkung aufhäuft, welche die dichterische erst durch Schöpfungen einzeln überkommt und nacheinander hinreiht, noch abgerechnet des Dichters Ausglühen durch häufiges Anglühen von der nämlichen Sache: so darf schon derselbe bei seinem Leser mehr Entflammung und Kühnheit voraussetzen, als er selber noch behalten, und darf der von ihm so schnell befiederten und beflügelten Phantasie schon Nachflüge seiner Vorflüge zumuten. Es wäre zu wünschen, jeder wüßte, wie der Leser ist – angezündet vom Autor, unternimmt und überfliegt er alles, unter eignen Flügen vergißt und vergibt er die fremden Sprunge. Daher setze doch ein Autor, der einen steinigen Ziel-Weg zu durchschreiben hat, seine voreilenden erwärmten Leser voraus, um welche schon sein Abendrot schwebt und sein Farben-Ziel.

Ferner: ein kleiner Umstand überrascht durch eine große Wirkung desto mehr, je früher er da war; nur werd' er durch zufälliges Wiederholen gegen Vergessen bewahrt.

Desgleichen: verschonet uns mit einer langen Reiheschank von Liebetränken (philtris), mit einer goldnen Erbskette aufgefädelter verliebter Herzen, mit einer Baumschnur umhalseter Wesen – die Liebe sieht ungern sich vervielfacht aufgeführt, bloß weil sie nur in ihrem höchsten Grade ideal ergreift, der aber wenige[269] Wiederholungen erlaubt. Die Freundschaft hingegen verlangt und achtet Genossenschaft; ein Gärtchen mit zwei Liebenden und deren Kindern in den Blumen und ein Schlachtfeld voll verbunden kämpfender Freunde erheben gleich hoch.

Sogar die Kleinigkeit des Namen-Gebens ist kaum eine. Wieland, Goethe, Musäus wußten echt deutsche und rechte zu geben. Der Mensch sehnt sich in der kleinsten Sache doch nach ein wenig Grund; »nur ein Gründchen gebt mir, so tu' ichs gern,« sagt er. Niemand teilte z.B. Homer und den Theophrast in 17 oder 29 Bücher, sondern – das war das Gründchen – in 24 nach Zahl der Buchstaben. Die Juden, um z Buchstaben anfangs ärmer, ließen sich folglich 22 biblische Bücher gefallen. Man sieht es ungern, wenn die Kapitel eines Werks mit ungerader Zahl beschließen; ich nehme aber 3, 5, 7, 9, 11, 25, 99 aus. Ohne besondern Anlaß wird kein Mensch am Dienstage oder Donnerstage eine große Änderung seiner Lebens-Ordnung anheben: »An andern Tagen,« sagt er, »weiß ich doch, warum, sie sind gewissermaßen merkwürdig.« – So sucht der Mensch im Namen nur etwas, etwas Weniges, aber doch etwas. Torre-Cremada oder La tour brulée, desgleichen Feu-ardent hießen (kann er versichern aus Bayle) schon über der Taufschüssel zwei Mönche, welche die halbe religiöse Oppositionspartei froh verbrannten.

Unausstehlich ist dem deutschen Gefühle die britische Namensvetterschaft mit der Sache; – wozu Hermes früher die häßlichsten Proben an den Herren Verkennt und Grundleger und neuerlich an Herrn Kerker und überall geliefert. Aber ganz und gar nichts soll wieder kein Name bedeuten, besonders da nach Leibniz doch alle Eigennamen ursprünglich allgemeine waren, sondern so recht in der Viertels-Mitte soll er stehen, mehr mit Klängen als mit Silben reden und viel sagen, ohne es zu nennen, wie z.B. die Wielandschen Namen: Flok, Flaunz, Parasol, Dindonette etc. So hat z.B. der uns bekannte Autor nicht ohne wahren Verstand unbedeutende Menschen einsilbig: Wutz, Stuß getauft, andere schlimme oder scheinbar wichtige mit der Iterativ-Silbe er: Lederer, Fraischdörfer – einen kahlen, fahlen: Fahland u.s.w. Was die Weiber anbelangt: so erstreckt sich das indische Gesetz, daß[270] der Brahmine stets eines mit einem schönen Namen heiraten soll, bis in die Romane herüber; jede Heldin hat neuerer Zeiten, wenn auch keine andere Schönheit, doch diese, nämlich eine welsche Benennung statt eines welschen Gesichts.

Der letzte, aber vielleicht bedeutendste Wink, den man Romenenschreibern geben kann und schwerlich zu oft, ist dieser: Freunde, habt nur vorzüglich wahres, herrliches Genie, dann werdet ihr euch wundern, wie weit ihrs treibt!-

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 262-271.
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