§ 84
Campens Sprachreinigkeit

[307] Da ich selber oft dagegen gesündigt und also ebensogut hierüber beichte als predige: so kann ich beides desto getroster tun. Gegen Campens Lichten und Ansäen unserer Sprache spricht folgendes.

An und für sich ist uns der Geburtort jeder Sprache, dieses zweiten Seelenorgans, gleichgültig, sobald wir sie verstehen. Am[307] Ende haben doch alle diese Ströme eine morgenländische Quelle hinter sich – so wie vielleicht ein Meer vor sich, da die höhere Kultur ja nach Jahr-Billionen alle Sprachen in eine schmelzen könnte –; und warum soll uns an einheimischen Klängen mehr liegen als an höherer Bildung durch ausländische? Wir gaben die alten deutschen auf o und a schon weg und ließen so viele e's herein; warum wollen wir uns nicht die Wiederkehr ähnlicher gefallen lassen? – Soll Volk-Bildung sich an der Verständlichkeit einer rein-deutschen Sprache erheben, wie Campe will: so wird dieses Glück durch unverständliche Übersetzungen verstandener Ausländer – z.B. Apostel, Prinz, Apotheke, Appetit, Kalender, Balbier – gerade verschoben; ferner durch Übersetzungen unverstandener noch wenig erreicht – denn das Wort ist ja nicht anfangs (obwohl später) der Vater, sondern der Pate des Begriffs –; und endlich ist es bei Wissenschaften ganz entbehrlich, welche nicht ihre Sprache, sondern ihr Stoff dem tiefern Volke versperret, z.B. höhere Meß-Kunst, Philosophie etc.

Die neu-deutschen Wörter haben zwei große Fehler, erstlich daß sich selten Zeit-, Bei- und Zu-Wörter aus ihnen oder umgekehrt machen lassen – z.B. den Enden als Polen fehlt polar und polarisieren; dem Bewegmittel als Motiv fehlt motivieren; dem Reib-Feuer als Elektrizität fehlt elektrisch und elektrisieren; Bürjas Wasserstandlehre als Hydrostatik fehlt hydrostatisch –; der zweite Fehler ist, daß das neue Wort nur den Gattung-Sinn, selten den abgeschnittenen individuellen lebendigen des alten zuträgt und daß es folglich dem Witze, dem Feuer und der Kürze den halben Wort-Schatz ausplündert. Z.B. etwas »Altertümliches« für »Antike« ist das Geschlecht statt der Unterart, ja statt des heiligen Individuums; und womit soll uns diese kostbare Anschauung erstattet werden? Schwach statt piano und vollends für pianissimo erinnert nicht mehr an Musik allein, sondern an alles. Konnt' ich vorher sagen: »Unglaube ist der Gallizismus der Zeit,« so kann ich es nicht mehr, wenn man Gallizismus durch »französische Spracheigenheit« verdeutscht; und so geht es mit allen scharfen, farbigen Kunstwörtern, welche der Witz zu seiner Mosaik einsetzt. Nur einige neue möchten vielleicht dem Witze noch[308] lieber sein als die alten; z.B. Pferch statt Park. »Wir beide«- könnte der Witz erzählen – »erhoben uns in der Sternennacht; Täler an Tälern; Blüten um Blüten hingen; endlich um den seligen Zauber zu vollenden, empfängt uns mitten in der schimmernden Wildnis der Natur ein köstlicher – Pferch.«

Ein ausländisches Wort einer Wissenschaft ist nur mit dieser selber in ein einheimisches zu übertragen; hat einmal z.B. ein Philosoph irgendeine neue durchgerechnete Gedankenkette mit einem ausländischen Namen, z.B. Indifferenz, Klinamen der Atome etc. etc., bezeichnet, so muß dieser dem Gebrauche verbleiben, wenn man nicht einen dafür gesetzten inländischen wieder mit der ganzen Rechnung begleiten will. – Unverständlich auf Kosten der Bildung ist anfangs jedes Kunstwort, sei es auch inländisch, und unter einem Baumschlage wird sich ein Forstmeister etwas viel Schlimmeres denken als ein Maler, denn jener fällt, dieser stellt. – Sogar einen Gebildeten beladen Übersetzungen grammatischer Wörter mit neuer Gedächtnis-Last, und er und der Ungebildete werden z.B. durch Zeitwort anstatt Verbum um nichts klüger, da eigentlich Adverbia wie gestern, heute, jährlich etc. wahre Zeitwörter sind. Daher sollte man die lateinischen Kunstwörter des Donatus beibehalten, weil sie noch bei den meisten europäischen gebildeten Völkern fortbleiben, ferner weil eine Sprachlehre eine neue Sprache (und wär' es die eigne) und zwar Schritt nach Schritt und Rückschritt so langsam lehrt, daß sich das grammatische Kunstwort schon ins Gehirn einpreßt, und endlich weil die deutschen Sprachlehrer, Adelung, Heynatz, Campe, Klopstock, Wolke, Radlof etc., gleichsam eine Contra-Septuaginta bilden, wovon jeder das fremde Kunstwort anders übersetzt. – Wenn wir unsere Sprache aus allen Sprachen brauen: so bedenke man, daß es darum ist, weil wir eben aus allen lernen und wir ein Allerweltvolk sind, ein kosmopolitisches. Nur für Sachen, welche wir schon wußten und also schon benannten, ist jede zweite Taufe und vollends eine ausländische verwerflich und um desto sündlicher, wenn gar der Refugié einen Wort-Inländer zum Flüchtling macht. Die Römer, auch ein Allerweltvolk – aber ein positives –, auch voll Kosmopolitismus, aber negativen –, nahmen von allen Völkern[309] leicht Sachen, Künste, Waffen, Götter etc. an, doch aber selten Wörter ohne große Umbildung, ausgenommen nur eben, als sie, wie wir, sich Wissenschaften (Gesetze nur früher) holten, nämlich von den Griechen. Überhaupt wird unsere Gastfreundlichkeit für ausländische Wörter sehr entschuldigt und erklärt durch die ebenso große, welche wir auch für älteste und neueste deutsche zeigen. Mithin wird die Ausländerei, die unsern Kronmantel mit einigen Flitterpünktchen stickt, doch die inländische Webe aus ältestem und neuestem Reichtum nicht erdrücken und bedecken.

Sogar das Volk verliert im ganzen durch den ausländischen Kunstlaut nicht immer. Denn das Auslandwort bezeichnet entweder einen sinnlichen Gegenstand – z.B. Toilette –, so übersetzt der hölzerne Putztisch, mit seinen Putzmacherinnen und Putzjungfern, sich jedem Auge von selber; und ohne diese übersetzende Anschaulichkeit gäbe ein inländisches Neu-Wort (wie z.B. Nachttisch statt Morgentisch etc.) sogar irrige Nebenbestimmungen mit; oder das fremde Wort bezeichnet eine innere wissenschaftliche Anschauung; dann erhält der abgeschnittene Klang dasselbe abgesondert und vorgehoben für den bestimmten Sinn empor, der sich allmählich an denselben anlegt. Denn allmählich bildet der Laut in den verschiedenen grammatischen Lagen, durch welche er geht, sich seine Bedeutung zu, wie man an Weltfrauen sieht, welche so viele griechische Wörter verstehen, ohne je einen Gast oder Liebhaber um die Erklärung befragt zu haben; und lernen nicht ebenso die Kinder überhaupt die Sprache? – Sie lernen durch Analogie der Wörter, also aber doch die Wörter früher als die Analogie, welche erst eine bilden. Wenn dem Kinde endlich philosophische bildlose Wörter wie doch, aber, freilich sich zum Sinn aufklären, warum nicht noch leichter dem erwachsenen Volke ausländische, deren Sinn irgendein Gegenstand oder eine bekannte Reihe ausspricht?182 Oder wie lernt denn der Londner Pöbel ein neues lateinisches Wort verstehen,[310] welches durch nichts Inländisches als eine Schwanzsilbe anglisiert wird, desgleichen der Pariser Pöbel? Treffen denn alle neue Ausländer einen britischen oder französischen Verwandten an, der sie verdolmetscht, z.B. die griechischen während der Revolution? Was die inländischen Schlepp-Silben anbetrifft, an welche Campe das französische und britische Vorrecht, lateinische Wörter einzubürgern, anknüpft, so ist ihm ja unsere Sitte bekannt, gleichfalls solche Schleppen an- oder auch abzustecken. Wollen indes einmal die Sprachreiniger uns helfen: so wäre wohl zu wünschen, sie täten es ganz und fragten nach nichts, und kostete es uns auch, wie zuweilen in siberischer Kälte, Kopf (caput), Augen (oculos), Nasen und Ohren (nasos et aures) und Lippen (labia); lauter geschenkte Glieder von Römern. Ebenso haben die Reiniger auszureuten Lilien, Rosen, Kirschen (cerasus), Kohl (caulis) und überhaupt alles Unkraut von Früchten, welches uns die Römer schon betitelt zuschickten; damit wir bloß die ursprünglichen scharfen Hausgewächse Deutschlands mit ihren gewachsenen Namen behalten, Rettige und Holzäpfel. – Die Religion hat vielleicht am traurigsten unsere Sprache mit ausländischen Namen verfälscht, zu welchen ihr eigener gehört, den wir jetzo gerade am ersten missen können; und es würde in der Tat für Reiniger, wenn nicht ein nachher bemerkter höchst glücklicher Umstand einträte, eine unglaubliche Arbeit werden, uns zu reinigen von Bibeln (biblia) – Tempeln – Kommunikanten – Kirchen und Kirchenpfeilern (gar aus zwei Sprachen, κυριακης-pilae) – Pastoren, Pfaffen, Priestern, Pfarrern (aus paroecia), Predigern (praedicator) – Engeln – Aposteln – Festen (festum), feiern (feriari) – Ostern und Pfingsten (wovon erst den dritten Feiertag einige Staaten weggetan) – Altären – Kelchen (calix) – Pilgrimmen (peregrinus) – Orgeln (organum) – Türmen – opfern (offerre) – segnen (signare). Ich sagte, diese Tempelreinigung der Sprache würde unglaublich mühselig ausfallen, wenn nicht die Zeit zum Glücke den Spracheiferern durch das Absterben der Sachen so vorgearbeitet hätte, daß sie nur gelassen abzuwarten brauchen, bis den Sachen gar die Worte nachfahren. Jede Zunge ist dann rein und Reinsprecherin. Daher verlohnt es sich kaum,[311] daß man solche mit den Sachen von selber absegelnde Aus-Wörter erst mühsam in In-Wörter zurück verdeutschte, wie doch Reß,183 gleich andern, getan, welcher Feiertage in Ruhe- oder Halttage verdeutschte, als ob diese öfter vorkommen könnten als in den ohnehin lateinischen Edikten, die sie abschaffen. Warum läßt man denn das so undeutsche Wort Wollen (von velle oder voluntas), das wir von den so viel-wollenden und viel-wagenden Römern abgeborgt, bestehen? Warum duldet man das uns fremde Wort Anmut, welches nach Adelung die Franken in Gallien unter dem Titel Amoenitas abholten? – So wird auch das abscheuliche Sprach-Legieren der Münzen, nämlich z.B. Friedrichs d'or, Georgs d'or, Adolphs d'or (und doch wieder Max d'or anstatt Maxens d'or), nachlassen, sobald das Gold weg ist und dafür das goldne Zeitalter der Sprache eintritt. Auch sieht man nicht, warum Reß (l. c. S. 41) Festtage, obwohl von festum herkommend, erst in Freuden- oder Gedächtnistage übersetzt, da er selber von Festtag Fasttag ableitet, und wir mit der letzten schon eingebürgerten Übersetzung oder Ableitung vollkommen ausreichen.

Übrigens zurück! Es habe sogar der Wortreiniger alle diese ausländischen Lotterien und ausländischen Universitäten und Häfen der Sprache verboten und versperrt: so kann man ihm dennoch eine Kommission und Komitee ansinnen, welche untersucht, was wir vollends von der griechischen Sprache – und dann von der persischen noch haben und fortsprechen, und welche in der geschichtlichen Ungewißheit, ob wir früher dergleichen verborgt oder abgeborgt, alles ausstößt und nur Wörter behält, deren[312] Ursprung und Ahnentafel nicht nachzuweisen ist. Und warum wird denn nicht überhaupt die ganze deutsche Sprache, da sie doch (wie jede) nur eine verrenkte hebräische ist (z.B. keusch, castus haben wir nach M. Kadisch bloß vom hebräischen und Sack, was noch weniger zu dulden, gar aus allen Sprachen auf einmal, nicht bloß aus der hebräischen), nicht echt deutsch gemacht und sozusagen aus sich übersetzt in sich?

Wenn Campe die Reich-Acht der Sprachausländer durch die Unart der letzten begründet, daß sie als deutsche Sprachgegenfüßler die Ableitsilbe betonen und die Wurzelsilbe enttonen, z.B. Spion, Papier, vexieren etc. etc.: so hängt vielleicht dieser Nachton, welchen Campe zum verwerfenden Korrekturzeichen der Ausländerei macht, durch seine Fremde dem Komischen gerade das Schein-Gewicht an, womit es sich hebt. Übrigens könnte man Campen fragen, wenn also das Ton-Schibboleth fremde Wörter so sehr absondert und ausmustert: was denn von solchen Fremdlingen wohl für Verwechslung mit Inländern zu besorgen sei? Wieland steckte in die betonten Ableitsilben iren, da wir keine haben, das e – gleichsam unser ewiges ee oder ehe, was Bund bedeutet – hinein und schrieb vexieren, korrigieren, und Verfasser dies schrieb es ihm längst nach. Wir beide wollten, gleich Politikern, durch einen unausgesprochenen Selbstlauter (e) den Infinitivus etwas deutscher machen.

Wer vollends Scherz versteht und folglich liebt, dem nähme Campe alles mit dem Ausland – und in den Programmen über das Lächerliche ists weitläuftig dargetan, wie wenig deutscher Spaß floriere ohne passiven Handel mit Franzosen. Engel las dem Berliner Gelehrten-Verein die brauchbare Bemerkung vor, daß die Endsilbe isch häufig an fremden Wörtern stehe (balsamisch, optisch) und dann an verachtenden (kindisch, weibisch).

Dieses Bedürfnis des Komischen führt mich auf das, was für Campens Zurückberufung unserer Hausgötter zu sagen ist. Er hat auf einmal eine Schar ausländischer Geburten oder Blendlinge durch seine deutsche Wiedergeburt für die höhere Dichtkunst »geechtigt« (legitimiert). In ihrem hohen Reiche hat keine Noblesse Zutritt, aber wohl »Adelschaft.« – kein Infusions-, aber[313] ein »Vergrößerungs-« oder besser (nach Anton) »Aufgußtierchen« – keine Karikaturen, aber jedes »Zerrbild« – durch kein Portal, aber durch ein »Prachttor« – zu keinem Menuett, sondern zu einem »Führtanz« u.s.w. Eben dieser Glanz-Adel, womit der vaterländische Neuling den fremden Gast überstrahlt, machte der gemeinen Parodie den Spaß über Campe so leicht; und einem platten Kopfe, der ein Hohn-Gespräch bei Göschen darüber drucken ließ, wurde dadurch sogar das leichteste erspart, Wörter.184

Indes gerade das Schandglöcklein des Spottes hat uns vielleicht durch seine Begleitung manches neue Campische Wort tiefer eingeläutet und es durch Lachen dem Ernste näher zugeführt. So könnten besonders Zeitungen als fliegende Blätter, wie es schon einige mit Heerschau, Eilbote etc. getan, diese neuen Samenkörner wie Muskattauben weit und breit auf ihrem Fluge aussäen; besonders da sie selbst so zwei- und vielzüngig und selten deutsch schreiben.

Weniger für das Jätemesser als für das Impfmesser, oder weniger für das Schlagholz als das Stammholz hat man unserm Sprach-Erziehrate zu danken. Wenn er wenige Wörter, wie z.B. Kreisschreiber statt Zirkel, nicht sonderlich glücklich, sondern selber für den index expurgandorum erschuf, worin die Fehlgeburten stehen: so verlieren sie sich leicht unter das kräftige Heer echt-deutscher Söhne, das er entweder erzeugte oder aus deutscher Vor- und Nebenzeit unbefleckt empfing. In dieser Schöpfung kann sich kein Autor mit ihm messen; denn es ist zwar leicht und zu leicht, wie zuweilen Klopstock, Kosegarten und Lavater, durch Vor- und Nach-Silben neue Wörter aus alten zu machen, z.B. entstürzen, Entströmung etc.; aber es ist schwervollends[314] bei eiskaltem grammatischem Blute, ohne Drang und Nachhülfe des Zusammenhangs –, nicht sowohl Gedanken zu übersetzen als kalte Wörter in Wörter. Man versuch' es nur, ob Nachschöpfungen zu solchen Wörtern leicht gelingen wie zu folgenden: Spangenhake statt Agraffe – Zierling statt Elegant Schneesturz statt Lauwine – Abtrab statt Detachement – folgerecht statt konsequent – Lehrbote statt Apostel – Schautanz statt Ballett – Süßbriefchen statt Billetdoux – Lustgebüsch statt Boscage – Zerrbild statt Karikatur185 etc.

Seine meisten Nachdeutschungen sind so gut, daß man sie ohne Beisatz versteht; z.B. außer den meisten vorigen solche wie Armhut, Fehlgeburt, Bannware, Schaupuppe.

Ja wir brauchen nicht einmal immer neue Wörter zu machen, sondern nur alte zu borgen und können unsere Gedanken in verwandtes inländisches Tuch kleiden, nämlich in holländisches. Bei den Holländern – die größten Puristen (Reinsprecher) Europens, welche nach Holberg186 gegen alle fremde Religion so duldsam als gegen fremde Wörter unduldsam sind – könnten wir nach dem Vorgange Hermes' und Campens und Affsprungs187 manche schon fertig stehende Verdeutschungen unseres Undeutsch abholen.

Nie war überhaupt ein Austreiber wie Campe gegen den deutschstummen Teufel nötiger als in unseren Tagen; denn selber der noch feurigere Kreuzprediger gegen die Sprachmengerei, Kolbe, und der größte jetzige Sprachforscher, Wolke, erleben noch jeden Tag neue Verschlimmerungen, wogegen das Wort Blumisterei und Winterls Basicität nur Blume und Grund sind. Denn nicht nur die Hochschüler und Nachschreiber der kantischen und schellingschen Schule gießen (sprach-verarmt, aber eben darum) alle Sprachen ineinander – weil sie nicht merken, daß oft zu großen[315] Sprach-Umwälzungen und – Freiheiten weit mehr gehöre als bloße Unfähigkeit sich auszusprechen –, sondern vorzüglich die Ärzte, die Naturforscher und Scheidekünstler treiben das fremde Einschwärzen am weitesten. Sollte unter ihnen, in Rücksicht ihrer griechisch-, lateinisch- und französisch-benannten geistigen Kinder, der Aberglaube eingerissen sein, welchen die Landleute in Rücksicht der leiblichen hegen, daß eines hundert Jahre lebe, zu welchem man die Gevattern oder Namenherleiher aus drei verschiedenen Kirchspielen bittet: so wundere ich mich in der Tat.

Besonders aus Griechenland werden von den deutschen Ärzten und Philosophen, wie von den Franzosen, die meisten Sprach-Miettruppen angeworben und einberufen; jeder will wenigstens eine halbe Minute lang griechisch schreiben und sagt: graeca sunt, leguntur; denn er wirft das non weg. Ja für jede neue Ansicht wird nicht etwan ein neues deutsches Wort gewählt, oder ein altes griechisches, sondern eine neue griechische Zusammensetzung wird geleimt.

Einen ebenso großen Vorwurf des Ehebrechens mit fremden Kebs-Sprachen verdienen die Lehrer auf hohen und höchsten Schulen, welche unter ihren Zuhörern ungern deutsch Atem holen und nicht besser als in Halblatein Ganzlatein zu lehren glauben. Wie müssen diese Zungensünden sich nicht in den weichen und festhaltenden Jugendseelen fortpflanzen und die jungen Leute, obwohl geborne Puristen – denn welche Sprache redet man wohl früher als die eigne? –, zu Makulisten188 machen! Unwiderlegbar besteht allerdings der Einwurf der Leere gegen Umdeutschungen von ausländischen Kunstausdrücken, mit welchen irgendein Erfinder seine vorgelegte Ausbeute bezeichnet hatte, und die man durch ein mehr deutsches Wort schwerlich ohne Abschreiben des neuen Systems zu ersetzen versuchen würde. Aber desto stärker ergeht an die Finder und Erfinder neuer Sachen und Sätze die Foderung, daß sie selber ihre Neuigkeiten mit einem bestimmten, sogar erst neugemachten deutschen Worte anzeichnen und[316] unterscheiden sollten; nur so wird die Welt mit Sache und Wort zugleich bereichert. Anfangs lehrt die Sache ein Wort so leicht; später ein Wort die Sache so schwer; und in jedem Falle ist ein neu-inländisches Wort um vieles verständlicher als ein neu-ausländisches, wenn Swifts Regel richtig ist, daß ein Mensch, der eine Sache nur halb versteht, sehr einem andern vorzuziehen sei, welcher von ihr ganz und gar nichts versteht. So mancher Schöpfer eines Lehrgebäudes und der ausländischen Wörter dazu hätte uns wahrhaft bereichern können, wenn er inländische dazu geschaffen hätte, denn es wären zuletzt doch wenigstens die neuen Wörter geblieben.

Will man dennoch das Ausland ins Inland einlassen: so wähle man ein solches, das, wie Latium und Griechenland, uns keine undeutlichen Aussprech-Laute zumutet, wie etwan Frankreich mit seinen Nasenlauten tut, oder das Hebräervolk mit seinen Gaumenlauten. Ein erstlich ausländisches Wort, zweitens mit halbdeutscher Bieg-Anneigung und drittens mit einem der ganzen Sprache fremden Aussprechlaute ist eine dreifache Mißgeburt, ein dreiköpfiger Cerberus, der uns in die Hölle hinein-, nicht aus ihr herausbellt.

So groß, ja unbändig und ordentlich sprachsündenlüstern das Sprachen-Babel in wissenschaftlichen Werken jetzo tobt: so halte der Freund der Reinigkeit sich doch mit dem Troste aufrecht, daß aus den sogenannten Werken des Geschmacks und überhaupt in den Werken für das Allgemein-Menschliche seit funfzig Jahren weit mehr Wortfremdlinge verschwunden sind, als man bei dem Einziehen von Sprachfremdlingen erwarten konnte. Sogar der kerndeutsche Klopstock schrieb noch Skribent anstatt Schriftsteller; und wahrscheinlich wird der Verfasser dies in einer letzten Auflage der Vorschule nicht einmal das Wort Autor, das er Wohl klangs-halber in dieser zuweilen gewählt, mehrgebrauchen dürfen.

Sobald Campe oder andere nicht scharf-abgeschnittene Wörter wie z.B. Pole in unbestimmte, in Enden übersetzen, sondern selber in bestimmte, z.B. Bandagist in Brucharzt: so gewinnt mit der Zeit das neu eingesetzte Wort alle absondernde Bestimmtheit des abgesetzten, und was der Anspielwitz an »Bandage« oder Band verliert, kommt ihm wieder an »Bruch« und »Arzt« zugute.[317]

Man verstärke sich also – dies scheint das Beste – freudig (und danke Gott und Campen) mit den zugeschickten Haustruppen der Sprache, ohne darum gute fremde abzudanken. Der Wohlklang, das Silbenmaß, die geistige Farbengebung, der Witz, die Kürze, der Klangwechsel u.s.w. brauchen und begehren beide Welten zur Wahl. Z.B. Larventanz statt Maskerade gibt dem Witze die Larven im Gegensatz der Gesichter, der Schönheit etc. und den Tanz in Rücksicht der Bewegungen u.s.w., z.B. der Larven-Vortänzer und – Toten-Tanz, Tod als Larven-Tanz-Meister u.s.w. Übrigens darf der Verfasser dies den Paragraphen mit dem Bewußtsein und der Versichrung beschließen, daß er wenigstens aus dieser zweiten Auflage so viel fremde Wort-Eingewanderte (als Ausgewanderte) fortgeschickt, als nur die Reinheit der Sprache bei noch viel höhern Ansprüchen derselben – denn bloße jungfräuliche Reinheit gebiert und ernährt doch kein Kind – begehren konnte. Den Beweis läßt er die Vergleichung der ersten und der zweiten Auflage führen.

182

Der Rezensent von Fichtens Reden an die deutsche Nation (in den Heidelberger Jahrbüchern) stimmt ganz mit dem Obigen ein und führt es bloß noch länger aus.

183

Beiträge zur weitern Ausbildung der deutschen Sprache von einer Gesellschaft von Sprachfreunden 1796. 2. B. 5. St. S. 41 – dieses leider schon von zwei Bänden geschloßne oder unterbrochne Werk wäre gerade jetzo als ein Leuchtturm fortgebauet zu wünschen, damit er der Babel-Turmbaute der Sprache jetzo in der Zeit der Wörter- und Völker-Wanderungen einige Grenzen setzte. – Allerdings läßt Campe selber die meisten obigen, schon rief in die Zeit eingewurzelten Fremd-Wörter unversehrt; nur sündigt er dann gegen den aufgestellten Grundsatz der Reinigung, daß die Sprache bloß aus sich allein treiben solle; oder er nimmt Rose (rosa) auf und verwirft doch den Reim Prose (prosa) gegen eine langweilige Deutsch-Umschreibung. Campens Nachreiniger hingegen suchen in dem eben angezeigten und von ihm herausgegebenen Werke wirklich die meisten oben angeführten Wörter durch neu-deutsche fortzujagen.

184

Auch der Verfasser des Obigen wirft sich hier etwas vor, nicht das, was er gegen Campe sagte, s. Fixlein Seite 209, 2. Auflage (denn er wiederholt es hier), sondern die Verspätung dessen, was er jetzo für ihn dazuzusetzen hatte. Ein wenig brachte Campe freilich sämtliche poetische Schreiber dadurch auf, daß er das beste Gedicht nicht so hoch anschlagen wollen als das Verdienst, »einen Stein Flachs gesponnen oder die Braunschweiger Mumme erfunden zu haben«. Aber wer eben erwägt, daß er gerade zwei Erfindungen wie Lumpen und Bier, ohne welche kein Gedicht erscheinen kann, so sehr auszeichnet, sollte sehen, daß der, dem es so sehr um das Mittel zu tun ist, natürlich den Zweck ehre und suche, nämlich Dichtkunst.

185

Sonderbar, daß er gerade dem letzten Kinde, Zerrbild, kein Glück versprach, das überall an jeder Göttertafel der Dichtkunst jetzo tafelfähig ist.

186

Dessen moral. Abhandlungen 2. B. III. 85.

187

Z.B. Affsprung (in den Beiträgen zur weitern Ausbildung 2. B. 5.St.): Belvedere heißt holländisch Schoonzigt (Schönsicht) – Chirurg Heelmeester – Charpie Plukzel (Pflücksel) – Idee Denkbeeld – Immaterialität Unstoffelykheid – Makulatur Vlakpapier – Miszellaneen Mengelstoffe – neutral onzydig (unseitig) – Repräsentant Vertegenwoordiger (Vergegenwärtiger).

188

So nannten die Franziskaner die Dominikaner, weil diese die unbefleckte Empfängnis der Maria leugneten.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 307-318.
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