Erster Brief

Den 1. September 1762.


Man hat bei meiner Wiege weder von Ahnen noch von Reichthümern gesungen. Mein Großvater war in einer ländlichen Hütte mit dem Titel eines ehrlichen Mannes vergnügt. Sein gnädiger Herr und mehr als 15 umliegende Dörfer gaben ihm noch überdem den Lobspruch des besten Bierbrauers in Schlesien. Er unterrichtete seinen Sohn, der hernach mein Vater ward, in eben dieser Wissenschaft, und der Sohn verdoppelte seinen Fleiß in Zubereitung des Malzes, um gleich berühmt wie sein Vater zu werden. Seine Jünglingsjahre waren vorüber, als ihm meine Mutter bekannt ward. Sie war die Enkeltochter eines ehemaligen Amtmanns und von einer großmüthigen Landedelfrau erzogen. Dieser hatte sie aus Dankbarkeit vom zehnten bis zum siebenundzwanzigsten Jahr als Mädchen aufgewartet und zum Ueberfluß die Stelle einer Ausgeberin und eines Kochs bekleidet; 3 Aemter zugleich! Mein Vater erlöste sie von diesen vielen Aemtern, und die Dame gab ihr eine Aussteuer, die meine Großmutter ihr nicht geben konnte, weil sie arm und eine Witwe mit 7 Kindern war. Indessen hatte sie Ursach zu glauben, daß diese Tochter glücklich sein würde, und sie betrog sich nicht. Mein Vater bezog auf einer Meierei das Wirthshaus. Die Herrschaft ließ in Ansehung meiner Mutter ihm einige Vortheile; er verfertigte die Getränke selbst, die der Reisende foderte, bestellte die Küche, um dem hungrigen Wanderer Essen zu schaffen, und meine Mutter beschäftigte sich an seiner Seite. Er unterstützte sie in jedem Geschäft, und sie hat mir oft gesagt, ich hätte mein Leben dem besten und zärtlichsten Vater zu danken.

Unschuldigerweise verdrängte ich meinen Bruder, als den Erstgeborenen, von der mütterlichen Brust. Er erlebte meine Ankunft am 1. Dezember 1722 nicht, und meine Mutter versagte mir ihren Kuß wegen der finstern Stirn, unter der ich hervorsah, als sie das erste Mal[3] mich anblickte. Ich war niemals der Liebling ihres Herzens, und ich glaube, diese wenige Achtsamkeit auf mich ist Schuld, daß ich meine ersten Jahre durchlebte, ohne mir meines Daseins bewußt zu sein. Sechs Frühlinge ungefähr mochte ich überlebt haben, als der Bruder meiner Großmutter unser Haus besuchte, um sich wegen des Verlustes seiner Gattin zu trösten. Er verlangte seine Schwester auf ein Jahr in seine Wirthschaft, und meine Mutter konnte ihm diese Bitte nicht abschlagen, so nöthig sie auch selbst die Gegenwart einer alten haushälterischen Frau hatte. Die Reise ward beschlossen. Mein Oheim fragte eines Tages nach den Maßregeln meiner Erziehung. »O!« sagte meine Mutter, »das unartige Kind soll lernen, und es ist nichts in sie zu bringen!« Mein Oheim bewies ihr die Unmöglichkeit in dem Geräusch des Wirthshauses. Er nahm mich mit; seine Wohnung war in Polen; er genoß in einem kleinen Hause der Ruhe des Alters und lebte von Dem, was er in jugendlichen Jahren als Amtmann erspart hatte. Die liebreichste Seele sprach in jedem Wort seines Unterrichts, und in weniger als einem Monat las ich ihm mit aller möglichen Fertigkeit die Sprüchwörter Salomonis vor. Ich fing an zu denken, was ich las, und von unbeschreiblicher Begierde angeflammt, lag ich unaufhörlich über dem Buche, aus welchem wir die Grundsätze unserer Religion erlernen. Mein ehrlicher Oheim freute sich heimlich, aber er riß mich oft vom Buche und wandelte mit mir durch ein kleines Gehölz oder durch eine blumige Wiese. Beides war sein Eigenthum, und beides gab ihm Gelegenheit, mit mir von den Schönheiten der Natur zu reden. Ich wiederholte ihm alles Gelesene und verlangte die Erklärung derjenigen Stellen, die über meine Begriffe waren. Er vergnügte sich, mein Ausleger zu sein, und ich belohnte ihm seine fromme Mühe mit tausend kleinen Schmeicheleien. Er hatte selbst keine Kinder, und sein Herz war mir um so mehr offen, je mehr es leer war, als er die Pflichten eines Unterweisers übernahm. Ich lag ihm an, mich schreiben zu lehren; meine Großmutter widersetzte sich und wandte alle ihre Beredtsamkeit an, um diesen Vorsatz zu zernichten. Es mislang ihr; ich suchte aus irgend einem Winkel ein Bret hervor und brachte es meinem gütigen Oheim. Er zeichnete mir Buchstaben darauf, ich malte sie nach, sehr bald ergriff ich die Feder, und als einstmals meine Aeltern uns besuchten, hüpfte ich ihnen mit einem Papier in der Hand entgegen und rief voller Empfindung: »Vater, ich kann schreiben!« Dieser gute Vater küßte mich, und ich sah ihn nicht mehr. Er starb wenige Monate nach diesem Besuche. Meine Mutter blieb nicht lange Witwe. Sie gab ihr Herz einem andern Manne und kam in seiner Gesellschaft, uns zu besuchen. »Herr Vetter«, sagte sie, »ich komme, meine Tochter abzuholen! Ich brauche sie künftig zur Wiege, und ich fürchte, sie wird verrückt im Kopfe werden, wenn sie fortfährt, Tag und Nacht über den Büchern zu liegen. Sie kann lesen und schreiben, dies ist Alles, was ein Mädchen wissen muß!« – »Ja«, sagte mein Oheim, »es ist wahr; aber wollte sie nicht, daß ich sie so viel Latein lehrte, als ich selbst weiß? Sie bezeigt große Lust und weiß schon eine Menge Vocabeln auswendig!« »Das kann sein«, sagte meine Mutter, »aber sie wird nicht studiren, und ich danke Ihnen für den guten Willen«. Alle Vorstellungen waren umsonst. Mein Oheim segnete mich, und ich reiste mit seiner Thräne auf meiner Wange fort. Meine Mutter gab ihrem zweiten Manne einen Sohn, und ich bekam das Amt einer Kindwärterin. Zehn Jahr war ich alt, mein Stiefbruder ward meine einzige[4] Beschäftigung. Traurig saß ich an seiner Wiege, weil mir Bücher fehlten, denn an meinem Geburtsort auf der Meierei fand ich keine. Endlich machte sie stürmische Gemüthsart meines Pflegevaters, daß wir den Ort verlassen mußten. Wir zogen nach Kirschtiegel, einem Städtchen im glogauischen Füstenthume, nicht fern von meinem Geburtsort. Meine Aeltern pachteten ein Vorwerk, und ich ward eine Hirtin. Früh, ehe noch die Sonne den Thau trank, nahm meine alte wirthschaftliche Großmutter dreien Kühen die Milch, und dann trieb ich sie vor mir her, stolz auf die Zufriedenheit, die ich fühlte, wenn über meinem Haupte die Lerche ihren langtönigen Gesang fortsetzte. Ich genoß alle die Annehmlichkeiten des Sommers, und oft dachte ich mir kleine Geschichten aus, die den biblischen Historien ähnlich waren. Ich bauete Thürme von Sand, mauerte sie mit Steinen und stürmte sie mit hölzernem Geschoß darnieder. Ich führte in meiner rechten Hand einen Stab, und indem ich mit mir selbst redete, war ich das Haupt einer Armee! Alle Diesteln waren meine Feinde, und mit kriegerischem Muth hieb ich allen die Köpfe ab. Die Thaten Davids und der Mackabäer waren meine Muster, und es ergötzte mich, wie sie zu siegen. Nach vielen wichtigen Schlachten saß ich an einem Herbst tage am Rande eines kleinen Flusses und ward jenseits des Wassers einen Knaben gewahr, welchen einige Hirtenkinder umgeben hatten. Er war ihr Vorleser, und ich flog hin, um die Zahl seiner Zuhörer zu vermehren. Welch ein Glück für mich! Ich nahm in den folgenden Tagen einen Umweg, trieb meine Kinder durch den Fluß, wo er am seichtesten war und fand meine so lange entbehrte Wollust, die Bücher, wieder. Da waren Robinsons, irrende Ritter, Gespräche im Reiche der Todten; o da waren neue Welten für mich! Der Herbst verging mir zu bald; ich weinte, doch wir setzten unsere Versammelung fort. Ich schlüpfte, so oft meine Mutter mich verschickte, in das Haus des Hirtenknaben. Er war ein Aesop von Gestalt, aber seine Bücher waren desto schöner. Unsere Zusammenkünfte blieben nicht lange verborgen. Mein Stiefvater donnerte wegen meiner Lesesucht auf mich los! Ich versteckte meine Bücher unter verschwiegene Schatten eines Hollunderstrauchs und suchte von Zeit zu Zeit mich in den Garten zu schleichen, um meiner Seele Nahrung zu geben. Diese verstohlenen Vergnügungen dauerten beinahe ein Jahr. Meine Mutter übergab mich einem Bürgermädchen, um bei derselben mit der Nadel meine Uebungen zu machen. Ich war gelehrig, denn in einem Sommer begriff ich verschiedene Wissenschaften der Näherin. Aber meine Lehrerin ward mir ungetreu; es fand sich ein bemittelter Witwer aus Polen bei ihr ein, der sie heirathete. Ich war unwillig über mein Schicksal! Meine einzige Zuflucht war das geliebte Buch, und schon hatte ich wieder vergessen, daß ich ein Mädchen war, als eines Tages ein prächtiger Jagdschlitten vor unserm Hause hielt. Ich erkannte meine Lehrmeisterin, trotz des karmoisintaftenen Pelzes, den sie trug. Sie sprang vom Schlitten herab, kam mit der Munterkeit einer Amazone, umarmte meine Mutter und verlangte mich zu ihrer Gesselschafterin. Ich lasse ihre Beredtsamkeit unwiederholt; genug sie überredete, und ich mußte noch denselben Abend mich reisefertig machen. Ich, die gleich einer jungen Spanierin den Kopf voller Abenteuer hatte, willigte in Alles.

Ich küßte meine Mutter und war stolz, auf einem so schönen Schlitten zu fahren; 2 Stunden vor Abends befanden wir uns an Ort und Stelle. In den ersten Wochen befand ich mich bis zum Ueberfluß[5] versorgt; aber hernach litt ich Mangel an Allem. Es ward eine Theuerung im Lande durch Ueberschwemmung der Aecker; man besorgte zu verarmen, und man theilte mir mein Brot in kleine Bissen ab. Meine Frau, durch übele Begegnung ihres Mannes aufgebracht, übte an mir ihre Rache aus. Ich sollte ihre Magd vorstellen, und ein Alter von 12 Jahren gab mir nicht Kräfte genug. Wasser schöpfen und mit einem Schiebkarren Getraide zur Mühle hinauffahren war meine tägliche Arbeit. Es gefiel meinem gütigen Schöpfer, mich früh in der Schule der Geduld zu üben, um künftig härtern Versuchen ohne Murren mich zu unterwerfen. Meine Mutter war nicht bekümmert um mich; sie hatte den Ort ihres Aufenthalts verändert. Mein alter ehrlicher Oheim war nicht mehr; seine Schwester, meine Großmutter, erbte, und meine Aeltern nahmen diese ganze Erbschaft käuflich an. Ein unglücklicher Schwesternmann meiner Mutter kam von ungefähr zu uns und gab mir diese Nachricht. Ich ergriff eine so gute Gelegenheit und entschloß mich zur Reise, um in dem Hause meiner Mutter gesättigt zu werden. Meine bisherige Frau weinte Thränen der Verstellung bei meinem Abschied; sie argwöhnte den Zorn meines Stiefvaters, und sie hatte Ursach ihn zu fürchten. Ich ließ meine übrigen Habseligkeiten bei ihr und ging mit großen Schritten hinter meinem Führer her. So gingen ehemals israelitische Mädchen und trugen auf ihren Schultern das unvollendete Brot; ich aber trug in meinem erwartenden Herzen die Hoffnung besserer Zukunft und vergaß alle meine Drangsale! Wir legten die erste Tagereise zurück; ein aufsteigendes Gewitter brachte die Nacht herauf, ehe noch die Sonne zu andern Erdbewohnern sich wandte; wir herbergten unter dem Dach einer Tenne, und der kommende Morgen fand mich zum Wandern munter genug. Es war um die Hälfte des Mittags, als wir uns in einem kleinen Walde befanden; mein Begleiter ging einige Schritte voran und brachte meine Muhme an der Hand, eine magere unansehnliche Frau, die von Kummer halb todt und vom Rauch ihrer Hütte den wahrsagenden Aegyptierinnen ähnlich war. Sie bewillkommte ihn mit Anstand und brachte in einer hölzernen Schale warme Ziegenmilch zum Frühstück; wir saßen am Eingang ihrer Hütte. Mein Vetter lebte hier wie ein anderer Robinson, von allen Menschen abgesondert; sein Haus war halb in der Erde und über derselben mit Brettern und Rasenstücken bedeckt; sein ganzer Reichtum bestand in 2 Ziegen und in einem Paar Acker Landes, welches er mühsam umarbeitete und den einen Theil mit Gerste, den andern Theil mit allerlei Küchengewächsen besäete. Ehedem war er ein Stutzer gewesen, seiner Handthierung nach ein Papiermacher und in seiner Einbildung ein Prinz; Stolz und Undankbarkeit hatten ihn arm, aber nicht geschmeidig, nicht demüthig gemacht. Meine gute Muhme mußte die Strafe seiner Unbesonnenheiten mit empfinden, und sie schien ihre Seufzer zu unterdrücken, um ihrem Manne nicht misfällig zu werden. Er mischte beständig in seine Gespräche Karl XII. Ich weiß nicht, ob er ein geborener Schwede war, genug er überredete sich, dieser unnachahmliche Krieger lebe noch in irgend einem Welttheil und werde zu rechter Zeit wiederkommen, alle seine Feinde zu demüthigen. Wir gingen vollends nach dem Orte, wo meine Aeltern wohnten, es war keine volle Viertelmeile. Mein Stiefvater begegnete mir im Hofe, und sie müssen mir erlauben, daß ich sein Bewillkommungscompliment wiederhole: »Wo Donner, kommst Du her, Mädchen?« schrie er aus und machte eine wildlächelnde Miene[6] dazu. Ich sagte ihm in der Kürze meine Geschichte, und er führte mich an der Hand zu meiner Mutter. So viele Worte meiner Geschichte, so viel Vorwürfe waren es, wegen der allzu leichten Uebergebung an die Schlittenfahrerin. Sie beklagte mich mit bewunderndem Kopfschütteln und brachte die Mittagsmahlzeit. Ich aß mit der Begier des verlorenen Sohns und dankte dem Himmel, daß ich nun wieder unabgetheiltes Brot bekam. Wenige Wochen nach diesem Tage gab meine Mutter ihrem Mann das dritte Kind, und ich hatte wieder meinen Posten bei der Wiege! Mein Trieb zum Bücherlesen schien hier völlig unterdrückt zu werden; es fehlte mir an Gelegenheit, und alle Klagen waren unnütz. Mein Stiefvater glaubte meine Bekehrung und überhäufte mich deshalb mit Lobsprüchen. Er ging so weit, daß er anfing, mich meiner Mutter vorzuziehen; denn die demüthige schmeichelnde Art, mit der ich ihm begegnete, besänftigte seinen Trotz. Es fielen täglich Zänkereien vor, und ich befand mich oft in Todesangst. Ach Gott! ich wußte nicht, daß in der Zukunft noch ganz andere Ungewitter auf mich warteten. Zitternd erflehte ich oft von meiner Mutter ihr Stillschweigen, um nur nicht den Jammer zu haben, daß dieser Mann zum ersten Mal Hand an sie gelegt hätte. Er war jähzornig, und ich fürchtete nichts Geringeres als Mord; doch bei aller seiner Bosheit hörte er die Vernunft, die ihm abrieth, seine beste Freundin zu mishandeln! Die Ursache der meisten Zänkereien war die eiserne und nahrungslose Zeit. Der Gram und die sumpfige Gegend gaben meinem Stiefvater ein bösartiges Fieber, er empfand ein unausstehliches Brennen, foderte Tag und Nacht frische Quellen und schwoll auf von allzu vielem Wassertrinken. Unter den bittersten Klagen, daß er sein Grab in einem so unberühmten Sande finden müsse, starb er. Indeß befand meine Mutter sich nicht in den besten Umständen; eine Frau mit 5 Kindern, ohne Versorger und nicht fähig, ihr Brot zu verdienen, ist beklagenswerth! Sie war überdies unaufhörlich krank. Funfzehn Sommer war ich alt und man hatte mich in Allem, was doch ein Frauenzimmer wissen muß, nicht unterrichtet. Die Wiege gab mir mein Tagewerk, ich war ein vernachlässigtes Mädchen; ein Unglück, von dem man die Spuren durch alle Tage seines Lebens gewahr wird. Meine Mutter trug sich mit einem ebenso verdrüßlichen Gemüthe als krankem Körper; das Fieber verließ sie keinen Tag; von 3 Kindern sollte ich die Erziehung übernehmen und bedurfte deren selbst. Der Ort, in welchem wir wohnten, war schlecht und ernährte keine Menschen, deren Umgang mir ersetzen konnte, was meiner Erziehung fehlte; unbesorgt wegen meines künftigen Schicksals wuchs ich gleich einer wilden unbeschnittenen Weinrebe herauf. Niemals konnte man mich zu den Schönheiten zählen, und dennoch fand sich unter den Jünglingen meines Vaterlandes einer, der mich suchte. Meine Mutter kam eines Tages mit ungewöhnlicher Munterkeit mir entgegen und sagte von einem jungen Menschen, der eben gekommen wäre, und in welchem sie mir meinen Bräutigam vorstellen würde. »Er ist schön, wohlgewachsen, angenehm«, rief sie mir zu, »und meine Freunde haben mir schon vor einiger Zeit gesagt, daß er Absichten hätte, mein Schwiegersohn zu werden, und ich fühle keinen Widerwillen«. Ich erstaunte über diese unerwartete Nachricht, und sie befahl mir, den Fremden wohl zu empfangen; ich gehorsamte und fand in der That so viel Einschmeichelndes an ihm, daß ich anfing, ihren Ausrufungen Recht zu geben. Ich werde Sie mit keiner langen Beschreibung aufhalten; ich wurde gewonnen, und bei der zweiten Reise,[7] die er meinetwegen unternahm, behorchte ich meine Mutter und ihn. Er warb um mich; die Mutter machte Schwierigkeiten wegen meiner Jugend; er bestritt ihre Gründe. Der Mutter Herz war gewonnen, sie wollte mich versorgt wissen. Er machte mir mit guter Art ein Geschenk von 2 Ringen, ich nahm sie mit einer treuherzigen Miene; wir wurden verlobt und in einem Monat war ich die Seinige. Ich ward Frau und wußte mir noch kein anderes Ansehen als das eines Kindermädchens zu geben. Mein Mann erkundigte sich vor unserer Verheirathung nicht nach meinem väterlichen Erbtheil; er unterließ dies aus einer ausgenommenen Großmuth, aber ich empfand in der Folge, daß mein Vermögen für ihn zu klein gewesen. Unsere Gemüther harmonirten schlecht; mein reiches schmelzendes Herz, meine Zärtlichkeit und seine Begierde nach Reichthümern waren viel zu sehr verschieden, als daß eine Glückseligkeit in unserer Vereinigung möglich war. Meine einzige Erquickung fand ich in Büchern, mit welchen der Hirtenknabe mich noch immer versorgte; denn ich lebte wieder in derjenigen Stadt, auf deren Wiesen Rinder vor mir hergingen. Nun hingegen waren meine Tage arbeitsam; ich zerzauste entweder mit einem Holzblatt voll krumgebogener Stacheln Wolle und bereitete sie der Spinnerin zu, oder ich drehte mit meiner Hand unaufhörlich ein kleines Rad, Garn aufzuwinden für den schnelllaufenden Weberspul. Hundert geistliche Lieder waren in meinem Gedächtniß; meine Geschäfte hinderten mich nicht, die schönsten davon zu singen. Vorzüglich waren Loblieder meine Wahl; ich fühlte Zufriedenheit, wenn ich sie sang und that mir selbst die Frage: sollte es wol möglich sein, ein Lied zu machen? Ich kannte noch keinen Poeten außer einigen zerstreuten Blättern von Johann Frank, der durch verschiedene Kirchengesänge sein Gedächtniß verewigt hat. Seine Lieder waren meine Lieblinge, und die Ueberbleibsel seiner weltlichen Gedichte schwebten mir noch vor; ich fand sie in meinen Mädchenjahren auf dem Söller des Hauses meines Oheims bestäubt und voneinandergerissen. Es waren Hochzeitgedichte, mit viel Mythologie gemischt; ich verstand ihren Inhalt nicht, aber sie kamen mir schön vor. Ich besinne mich auf den Anfang des einen Gedichts, das die Aufschrift führte: »Cupido, ein Korbmacher«, denn der Bräutigam hieß Korb; der Dichter sang also:


Frau Venus lud einmal auf ihren Kahn von Schnecken,

Den sie mit Teppichen von Purpur ließ bedecken,

Ein Haufen Nymphenvolk mit ihr zu fahren ein etc.


Ich vergaß das Uebrige, und ich wundere mich, daß die Werke dieses Sängers so ganz verloren gingen. Ich fand unter Anderm auch die Auferstehung und Himmelfahrt des Messias, 2 prächtige Gedichte. Tausend Mal hieß ich den ehrlichen Frank einen göttlichen Mann und war nun bei der Zunahme meiner Kenntnis unwillig auf mich, daß ich jene Reime nicht Verwahrung genommen hatte. Aber ich beschloß nun, selbst Versuche zu machen; ich wählte die Melodie irgend eines geistlichen Liedes, saß bei dem murrenden Rade und wiederholte den jetzgedichteten Vers so lange, bis er in meinem Gedächtniß haften blieb:


Mein Herz verschloß das Lied, bis nach den Werkeltagen

Der stille Sabbath kam, dann erst entwarf mein Kiel

Die heimliche Geburt, die mir allein gefiel!


Immer lag ein Buch unter dem Kopfkissen meines Kindes; ich[8] holte es hervor, so oft ich die Pflichten einer mütterlichen Amme erfüllte oder die Stelle der Wärterin vertrat. Ich las die »Asiatische Banise«, die arabische Geschichte: »Tausend und eine Nacht«, und einen syrischen Roman: »Aramena«. Es waren hin und wieder Verse mit eingestreut, aber ihr Zwang misfiel mir; ich faßte den stolzen Entschluß, etwas Besseres als der Romanendichter zu denken und fand einen Band voll schwärmerischer Lieder; es waren leichte fließende Reime, welche mir dazu dienten, mich kühn zu machen. Dieser Poet, sagt man, habe in der Hitze eines Fiebers den Enthusiasmus bekommen; er war sonst für die Kanzel bestimmt, als ihn aber diese Begeisterung des Reimens überfiel, waren seine Predigten und seine Gespräche nichts als Verse. Ich weiß nicht durch welchen Zufall er seines Amts entsetzt ward; er kam in mein Vaterland, ein freiherrliches Haus nahm ihn auf, und in demselben schrieb er die Gedichte, in denen ich studirte; mehr aber ward mein Geist belebt durch geschriebene Gedichte eines mir gegenüber wohnenden jungen Gelehrten. Ich wünschte mehr Bücher und weniger besetzte Stunden; ich hörte von den Thaten Friedrichs und brannte, sie zu singen. Der Name des Königs allein, wenn er genannt ward; schien mich anzuflammen; aber meinen Gedanken fehlte der Schwung, und mein Genie lag unter dem Steinhaufen der Mühseligkeiten meiner Tage. Dennoch konnte nichts diesen himmlischen Funken in mir ganz ersticken. Der damalige Gefährte meines Lebens würde mich aufgemuntert haben, wenn dem Sterblichen vergönnt wäre, in die Zukunft zu sehen; ein Blick in sie würde ihm mehr Billigkeit und Nachsicht wegen meines Lesetriebs eingeflößt haben, und er hätte mich vielleicht geliebt, weil diese Aussicht seinen Lieblingsleidenschaften geschmeichelt und mir in seinen Augen einigen Werth beigelegt hätte. Es ist schwer, sich unangenehmer Begebenheiten zu erinnern; ich verschweige sie alle. Dem Charakter meines Mannes fehlte es nicht an sehr guten Seiten: er war ein guter Wirth, ein Feind aller Völlerei und hatte die Gabe, sich bei Jedermann beliebt zu ma chen; aber ihm fehlte das Vermögen, sich selbst zu beherrschen, es war ihm nicht möglich, mit meinem Herzen bekannt zu werden. Unsere Gesellschaft war nicht die sanft übereinstimmende Vertraulichkeit zweier für einander geschaffener Menschen.

Endlich gefiel es der entscheidenden Hand eines höhern Wesens, uns von einander zu trennen.

Von nun an, glauben Sie, hörten meine Drangsale auf? O nein! das Schicksal verändert nur zuweilen unsern Schauplatz! Wir arme kurzsichtige Menschen irren, gleich einem Wanderer, der bei nächtlichem Dunkel in einem Walde ein leichtes Gaukeln sieht und, von einem täuschenden Dunste in morastige Gegend verführt, hinabsinkt und lange vergeblich um Hülfe rufen muß. Bereiten Sie Ihr Herz zum Mitleid, aber sehen Sie zugleich sich von mir aufgefodert zur Bewunderung jener leitenden Hand, der es gefallen hat, mich durch hohle steinichte Wege bis zu der Ehre Ihrer Freundschaft hinaufzuführen.[9]

Quelle:
Zeitgenossen. Ein biographisches Magazin für die Geschichte unserer Zeit. Reihe 3, Band 3, Nr. 18, Leipzig 1831, S. 3-10.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Grabbe, Christian Dietrich

Hannibal

Hannibal

Grabbe zeigt Hannibal nicht als großen Helden, der im sinnhaften Verlauf der Geschichte eine höhere Bestimmung erfüllt, sondern als einfachen Menschen, der Gegenstand der Geschehnisse ist und ihnen schließlich zum Opfer fällt. »Der Dichter ist vorzugsweise verpflichtet, den wahren Geist der Geschichte zu enträtseln. Solange er diesen nicht verletzt, kommt es bei ihm auf eine wörtliche historische Treue nicht an.« C.D.G.

68 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantische Geschichten III. Sieben Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Nach den erfolgreichen beiden ersten Bänden hat Michael Holzinger sieben weitere Meistererzählungen der Romantik zu einen dritten Band zusammengefasst.

456 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon