Vierter Brief

[17] Dem, der einst von pflugziehenden Rindern zum Völkerbeherrscher gerufen ward, erfüllte nicht Freude das Herz, aber mich machte sie trunken. Ich starrte die Paläste der Königsstadt an und ward selbst in einen Palast geführt. In der Wohnung meines gütigen Versorgers glaubte ich über Wolken hinweggehoben zu sein, gleich Einem, der auf hohem Alpengebirge Donnerwetter und Sturmwind unter seinen Füßen ungefürchtet fortrauschen hört. Vier Wochen brachte ich in einer wundersamen Stille zu; meine Beschäftigung war, die Briefe des Weltweisen von Sansouci zu lesen, und ich war verwegen genug, zween davon in Verse zu setzen, vielleicht ebenso zwangvoll, als diejenigen Dichter, die den hohen Gesang des Homer in Fesseln des Reimes zu werfen sich unterstehen. Ich lebte in einer glücklichen Einsiedelei; aber mein Dasein ward unvermerkt das allgemeine Gespräch. Sie, mein Freund, hörten davon, und ich segne den Gedanken, der meinen Erretter hieß, Sie zu einem Gastmahl einzuladen; Sie bewilligten seine Bitte unter der Bedingung, mich zu sehen. Unsere Aussprache war zu sehr verschieden: Sie verstanden meine Verse nicht, die in schlesischer Mundart gesprochen wurden, und ich hörte in dem schönsten Deutsch noch immer den Schweizer reden; aber das hinderte Sie nicht, mein Freund zu werden, und ich wußte mich Ihnen durch Hülfe der Feder verständlicher zu machen. Ich nannte Sie meinen ersten Freund, und ihr damaliger Gesellschafter, der gute Mechanikus Hohlfeld, nannte mich seine natürliche Schwester, denn uns ward von einerlei Hand das verschiedene Genie gegeben, durch welches wir glücklich genug sind, Tausenden bekannt zu werden. Er verschaffte mir den Umgang unsers deutschen Horaz, des gedankensingenden Ramler. Der Frühling kam, und nun sahen Sie mich alle Tage bei Monbijour unter den Weiden lustwandeln; ich ging oft zu Ihnen, mein ernstdenkender Freund, und oft zu dem Dichter der hohen Ode. Einstmals fand ich ihn über den Briefen des Kriegesliedersängers. »Hören Sie, meine Freundin«, rief er, »hören Sie! Gleim befiehlt mir, seine Schwester in Apoll zu grüßen!« Dieser besondere Gruß war viel zu schmeichelnd für mich; ich eilte, dem Appollonischen Bruder zu schreiben. Sie wissen seine Antwort; ich empfing aus Ihrer Hand das erste Merkmal eines Menschenfreundes, der sich Vergnügen dadurch schafft, Anderer Eigenschaften bekanntzumachen; ich würde sagen Ander Verdienst, wenn ich irgend auf Verdienst stolz sein könnte, aber ich habe kein anderes als ein ungekünsteltes Herz für meine Freunde. Die Natur war bisher mein erstes Buch gewesen, jetzt sorgten Sie, Gleim und Bachmann für eine Bibliothek; mehr als 30 Bücher wurden mein Reichthum, und mehr als Eine Muse brachte mir Gleim. Er kam nach Berlin und vereinigte sich[17] mit Ihnen, mich immer mehr anzufeuern. Ich darf nichts sagen von dem Erfolg dieses Unternehmens; das Publicum erwartet den dritten Theil davon in der Liedersammlung. Nimmer würde mein Genie eine solche Menge Früchte hervorgebracht haben, wenn nicht so geistvolle Freunde mich aufgemuntert hätten. Schon lange ward es durch Briefe eines Mannes aufgemuntert, der mehr schöner Geist als Buchhändler, mehr Freund als Verleger war. Aber ich weiß nicht, welche Gewalt meine stärksten Vorsätze niederriß; nicht seine Versprechungen, nicht die Art mit welcher er sie that, und nicht meine Dürftigkeit konnten mich zu Ausarbeitung derjenigen Stücke bringen, die er selbst mir vorschlug. Ich versprach ihm aber eine Sammlung, und ich werde früh oder spät meine Zusage erfüllen. Diese Erstlinge meines stärker gewordenen Geistes waren für denjenigen Weg bestimmt, von welchem sie jetzt die Welt in Empfang nehmen wird. Mein Genie gibt das Feuer der Freundschaft zum Vater an; ich weiß nicht, ob diese Kinder vollkommen genug sind; die Kunst hat keinen Antheil daran, die Belesenheit nur hat hie und da einen Zug gethan. Ich nutzte die vielstündigen Tage des Sommers in den 8 Büchern der Lebensbeschreibungen griechischer und römischer Helden; Plutarch war mein einziger Begleiter bis zu der Bildsäule der Venus im Thiergarten; da saß ich unter dem Schatten einer jungen Buche und las, bis der Abend die Spazirgänger nach der Stadt trieb, und alsdann nahmen mich die Bachmann'schen und Stahl'schen Häuser zum freundschaftlichen Tisch auf; dieses beneidenswürdige Leben führte ich bis zur Mitte des Septembers. Mein Briefwechsel mit Gleim war überaus lebhaft und häufig; 40 Tage lang hatte ihn Berlin gesehen, und ebenso viel Gesänge entführte er als einen angenehmen Raub nach Halberstadt. Ich konnte dem Zuge nicht widerstehen, der mich nach Magdeburg und Halberstadt fortriß; ich überwand jedes Hinderniß; zum Besuch, sagte ich mir selbst vor, daß ich reisen wollte. Von Freund Bachmann war ein Zimmer für mich besorgt; ich kam, und mein erstes Geschäft war ein Gesang an die Stadt Magdeburg; ich wußte nicht, daß der Umlauf eines Jahres hier durchlebt werden sollte. Die Gemahlin des Commandanten lud mich zu ihrem Tisch, und kein Gedanke sagte mir, daß[18] die Frau v. Reichmann zu meiner künftigen Versorgerin bestimmt sei. Dieser gütigen Dame schien ich zu gefallen; sie fragte, wie lange ich hier zu bleiben gedächte. Die Dichter sind kühn: ich sagte, daß es mein Vergnügen sein würde, wenn ich den Winter hier zubringen könnte, daß aber meine jetzige Wohnung schon besetzt sei. Sie bot mir eins von ihren Zimmern an; welche schöne Bestürzung für mich! Ich ergriff dieses Wort, flog nach Halberstadt und lebte daselbst 30 Tage, freuden- und liederreich für mich. Drei Mal kränzte mich die Freundschaft, und, von ihrer Hand gewunden, ist der Lorber grüner, als wenn ein Fürst ihn zu winden befiehlt. Damals entwarf man den ersten Plan zu Herausgabe meiner Gesänge, der Hr. v. Spiegel und Gleim hielten darüber eine Unterredung, die ich nur im Vorbeigehen behorchte. Ich ging zurück nach Magdeburg und fand für mich das Haus des Commandanten sowie das Herz der Frau v. Reichmann offen. Freund Bachmann wand mir den vierten Lorber und gab meiner Muse eine goldene Feder in die Hand, um der andächtigen Prinzessin Amalie eine Passionscantate auszuarbeiten. Ich weiß nicht, ob mir dieses heilige Lied gelungen ist; ich war noch zu ungeübt in den Tönen des hohen Harfenspiels. Mich verließ der Odengeist, um einer frommen Traurigkeit Platz zu machen; die Ehre, für den Geschmack der Schwester des Königs gesungen zu haben, ist ein glänzender Theil meines Glücks. Der Hofprediger Sack übergab mir den Plan dazu, Amalie selbst entwarf ihn, und ich befahl meiner Muse, nicht oft auszuweichen von dem vorgezeichneten Pfade der Prinzessin. »Sie belebt durch ihre musikalische Kunst meine Arien« dieser Gedanke allein wäre groß genug, mich wegen eines Zeitraums von 15 durchquälten Jahren trösten zu können. Mein Glück steigt bis zum hohen Gipfel herauf: ich genieße einer uneingeschränkten Freiheit, meine Mahlzeiten sind am Tische des Commandanten, ich kenne die Sorgen des Lebens nicht mehr. Mein Sohn wird von dem großmüthigen Kottwitz erzogen, und um meine Tochter bekümmern sich meine berlinischen Freunde; mich hört die Königin, die Prinzen und Prinzessinnen, und meine Freunde bleiben mir getreu. Ich bedarf nicht der Hülfe des Arztes, und es hängt von mir ab, welchen Gesang, welches Buch, oder welchen Spazirgang ich wählen will. Glücklicher bin ich als der lydische König, der das Orakel zu Delphos befragen ließ, ihm ganze goldene Lasten zum Geschenk gab und, als er gefangen wurde, seine Fußketten schickte. O, ich erinnere mich oft an ihn und an den Ausspruch des weisen Atheniensers, der die Sterblichen auf das Ende der Dinge sehen hieß. Die Vorsehung[19] läßt den Herbst meines Lebens fruchtreich sein; sie macht ihn zum Frühling; sie gönnt uns Glückseligkeit und Freude, wenn wir, gleich gutartigen Kindern, Gebrauch machen von ihren Gaben ohne übermüthig zu werden. Aber die Glücklichen haben weit mächtigere Feinde zu bekämpfen als Krösus, da ihn die Perser belagerten: mit Stolz und Eigenliebe, zween hinterlistige Tyrannen. O, mein Weisheit redender Freund, heißen Sie mich immer auf meiner Hut sein; immer müsse mein Herz rückblicken auf die Tage meiner Noth, und jede Erinnerung müsse ein Lobgesang sein für den Gott, der das ungestumme Meer mit Ufern und das menschliche Elend mit Grenzen umschloß. Er verschaffte mir die Zuneigung der edelsten unter seinen besten Geschöpfen; mein Leben wird nicht aufhören glücklich zu sein, wenn es ihm gefällt, mir dieses größte Geschenk zu erhalten, und wenn ich meine letzte Rolle beschließe mit dem Gefühle, daß ich bin Ihre Freundin


A.L. Karschin.
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Quelle:
Zeitgenossen. Ein biographisches Magazin für die Geschichte unserer Zeit. Reihe 3, Band 3, Nr. 18, Leipzig 1831, S. 17-21.
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