An die Muse,

daß sie den Abend der großen Illumination singen solle

[48] Den 4. April 1763.


Die du das Feld des Krieges überflogest,

Durch Schwefelduft und Kugelregen drangst,

Zum Sieger, und mit ihm durch Ehrenpforten zogest,

Und seines Einzugs Jubel sangst,

O Muse! singe nun auch kühn den stolzen Abend,

Der von des Sturmwinds Flügeln loß,

Den Sternenmantel um sich habend,

Herabsah, auf Berlin, das seinen König groß,

Und seinen Frieden ewig nannte,

Und, von der Kunst beflammt, den Sphären ähnlich brannte,

Ganz ähnlich jenem Pomp der prächtigen Natur.
[48]

Hast du sie nachgezählt, die hundert tausend Flammen,

Durch deren Glanz der Sieger fuhr?

Sanftlächelnd, wie sein Gott, wenn, auf der Weizen-Flur

Von tausend Schnittern froh zusammen

Die Stimmen mischen sich in ein harmonisch Lied,

Und jeder Busen dankbar glüht!

Und jeder Blick emporgehoben,

Den Erndtegeber wünscht zu sehen und zu loben,

Und seiner Güte Bild weit ausgebreitet sieht:


So ausgebreitet, also mächtig fortgerissen,

Drang Freude sich von Brust zu Brust;

Es staunte, trunken von des Patrioten Lust,

Das Auge, wenn den Hercul der beschützten Preussen,

Des Amphitrions Sohn mißgünstig vor sich sah,

Wild, trozend, stand das Bild des Stierbekämpfers da,

Und schwang, mit Riesenarm die knotenreiche Keule;

Du glaubtest, daß der Schlag geschah,

Und bebtest vor dem Zungenpfeile

Des siebenköpfigen, gekrümmten, schlangengleich

Geformten Thieres, das ihm drohte,

Und größer wuchs nach jedem Streich;

O! dich erschreckte selbst die todte[49]

Giftlose Hyder, an dem Fuß

Des Halbgotts, der sich tief verbeugen

Vor Friedrichs Göttergröße muß.


Wenn Malerei und Dichtkunst schweigen;

So redet von dem Vater mehr, als von dem Held,

Sein Landvolk, das ein ödes Feld

Nun wieder tief in Furchen ziehet;

Aus Vorrathshäusern Korn empfängt;

Und Hütten, die der Feind versengt,

Aus ihrer Asche steigen siehet.

Ihm tönet Lob der Mildigkeit

Erhabner, aus der Kinder Munde,

Als Siegsgesänge, nach dem Streit,

Der jedes Lorbeerblatt erkauft mit einer Wunde

Des Königlichen Herzens hat.


O Muse! hörst du nicht das arme Volk der Stadt?

Es jauchzt, und tanzt umher, mit heiterm Angesichte,

Und feiert über seinem Hunger großen Sieg,

Preißt den Geschmack der Friedensfrüchte,

Und tilget jeglichen Gedanken an den Krieg

Mit dem Gedanken seiner Freude,

Den göttlich Sorgenden zu sehn;

Der seine Feinde zwang, die Herzen umzudrehn;[50]

Und Sieg vergaß, und frug, ob schweren Mangel leide

Sein Volk, bey dessen Zärtlichkeit

Sein großes Herz sich mehr erfreut,

Als wenn Berlin, dem Ueberwinder, und dem Frieden

Colossen aufgebaut, und mit der Lampen Pracht,

Auf weißen Marmorpyramiden,

Dreimal den Mond beschämt gemacht.
[51]

Quelle:
Anna Louisa Karsch: Gedichte von Anna Louisa Karschin, geb. Dürbach. Berlin 1792, S. 48-52.
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