Klagen über eine gestorbene Rose

[303] an meinen Freund R.1


Den grübchenlächelnden Jünks besang neulich der

Kleine Birtyll, wegen des anmuthigen Getränkes

Der Cacaobohne mit Zucker gemischt; ich singe

Dir darüber kein Lied, ich schmeichle Dir nicht,

Wegen Deiner Geschicklichkeit, denn unsern Halbgöttern

Und Göttinnen sind jene Täfelchen bekannt, welche

Du für ihren unterscheidenden Gaumen zubereitest,

Ihr freundlicher Lobspruch beim Morgentrinktische

Gehet weit über meinen Gesang;

Aber fragen will ich dich ehrlicher, gefälliger Freund, hast

Du keinen aromatischen Blumengeist unter den

Wundern deiner Kunst? Keinen, der meiner[303]

Gestorbenen Rose ihren Geruch wieder geben kann?

O sie war schön, wie die

Junge Friedrika von Preußen;

Sie war eine Knospe. Milon brachte sie

Mir frisch abgebrochen vom Rosenstocke, welchen

Er selber gepflanzet, gepflegt und durch

Gottesfürchtige Frömmigkeit vor schädliche Taue

Bewahret hat. Ich küßte die Knospe,

Die Milon mir gab, noch unaufgefächelt vom

Lüsternen Zephir, noch festverschlossen, wie

Ein glühendes Herz, welches in sich das Geheimniß

Der Liebe verbirgt. Ich erhielt ihr welkendes

Leben acht Tage lang in einem kleinen Gefäße

Mit Wasser, wie deine labende Tränke,

Deine Cordialgewässer den sterbenden

Kranken aufhalten, so erhielt ich die Rose;

Denn ich gab ihr frisches Wasser, wenn die

Morgenröthe mich weckte, und wenn der Sonnen-

Wagen hinter dem schattichten Hain im

Silbernen Schooß der Najade zu sinken

Schien. – Am neunten Tage legt ich traurig

Meine geliebte Verblichne in eine Grabkiste

Von Silber und Perlmutter. Ach! Ihre Farbe gleichet

Der Farbe des Angesichts eines gestorbenen Mädchens,[304]

Das über und über bis auf die Lippen ährengelb

Wird. Ich öffne die Kiste dreimal des Tages, und

Klage die Rose. Sie starb! ihre süßen Gerüche

Verflogen! aber nur eines von ihren Blättern

Verlor sie, Zephirus wollt' es aufhaschen, ich

Nahms ihm wieder mit einem Kusse des klagenden Mundes,

Ich weinete Thränen des zärtlichsten

Kummers auf die gestorbene Rose; sie verlor

Alles, Fard und Geruch – Verwesung duftet

Aus ihrem Grabe, Tod aus ihren vertrockneten

Blättern. Ach! sie verdienet besser die Klage

Der Musen und die Balsamirung der

Apothekischen Künste, als jene verderbliche

Schönheit, jene Egyptische Königin,

Die am verzweifelnden Busen sich

Eine giftzungige Natter legte, zum

Erstaunen des triumphirenden Cäsars,

Dessen Siegeswagen sie schmücken gesollt.
[305]

Fußnoten

1 Verstorbenen Apotheker und Naturforscher hierselbst


Quelle:
Anna Louisa Karsch: Gedichte von Anna Louisa Karschin, geb. Dürbach. Berlin 1792, S. 303-306.
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