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[86] Ein lustiger Mediziner

War dazumal mein Freund;

Wir saßen bei vollem Glase

Um Mitternacht vereint.


Ich sprach ihm von meiner Liebe,

Indessen er zecht' und sang,

[87] Und meine Worte verhallten

Im wilden Gläserklang.


Doch sprach ich immer und stärker

Mit höherer Liebesglut;

Ich wollte damit dämmen

Mein bange wallendes Blut.


Da wurde er ungeduldig

Und sagte mit barschem Ton:

»Ich kenne deine Geliebte

Und rate dir ab davon!


Ich rate dir ab, sonst bist du

Ein Witwer im nächsten Mai,

Denn dann liegt sie im Sarge,

'ne Leiche frank und frei.


Die Rosen sind eitel Hektik

Auf ihrem schmalen Gesicht;

Ich hörte sie heute husten,

Und das gefällt mir nicht!


Wohl ist sie ein feines Wesen,

Doch eben nur allzufein!

Laß fahren den sterblichen Engel,

Sonst trifft dich Kummer und Pein!«


Die rohen Worte schnitten

Mir tief in die Seele ein,

Und darum weil leicht was Wahres

An ihnen konnte sein.


[88] Jedoch mein armes Liebchen

Gewann einen Zauber mehr; –

Nein, nein, sie kann nicht sterben,

Wir lieben uns allzusehr!


Am Morgen ward ich ruhig,

Als die Sonne ins Zimmer fiel;

Ich sah durchs Fenster fröhlich

Der jagenden Wolken Spiel.


Ich rief: »Er sprach's im Rausche,

Und ich war gestern ein Tor!

Es lebe das rosige Leben

Und meine Liebe zuvor!«


Quelle:
Gottfried Keller: Sämtliche Werke in acht Bänden, Band 1, Berlin 1958–1961, S. 86-88.
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