Siebenter Auftritt

[159] Der Graf vom Strahl und Ritter Flammberg treten auf.

Nachher Gottschalk. – Die Vorigen.


DER GRAF VOM STRAHL an die Hütte klopfend. Heda! Ihr wackern Köhlersleute!

FLAMMBERG. Das ist eine Nacht, die Wölfe in den Klüften um ein Unterkommen anzusprechen.

DER GRAF VOM STRAHL. Ist's erlaubt, einzutreten?

FREIBURG ihm in den Weg. Erlaubt, ihr Herrn! Wer ihr auch sein mögt dort –

GEORG. Ihr könnt hier nicht einkehren.

DER GRAF VOM STRAHL. Nicht? Warum nicht?

FREIBURG. Weil kein Raum drin ist, weder für euch noch für uns. Meine Frau liegt darin todkrank, den einzigen Winkel der leer ist, mit ihrer Bedienung erfüllend: ihr werdet sie nicht daraus vertreiben wollen.

DER GRAF VOM STRAHL. Nein, bei meinem Eid! Vielmehr wünsche ich, daß sie sich bald darin erholen möge. – Gottschalk!

FLAMMBERG. So müssen wir beim Gastwirt zum blauen Himmel übernachten.

DER GRAF VOM STRAHL. Gottschalk sag ich!

GOTTSCHALK draußen. Hier!

DER GRAF VOM STRAHL. Schaff die Decken her! Wir wollen uns hier ein Lager bereiten, unter den Zweigen.


Gottschalk und der Köhlerjunge treten auf.


GOTTSCHALK indem er ihnen die Decken bringt. Das weiß der Teufel, was das hier für eine Wirtschaft ist. Der Junge sagt, drinnen wäre ein geharnischter Mann, der ein Fräulein bewachte: das läge geknebelt und mit verstopftem Munde da, wie ein Kalb, das man zur Schlachtbank bringen will.

DER GRAF VOM STRAHL. Was sagst du? Ein Fräulein? Geknebelt und mit verstopftem Munde? – Wer hat dir das gesagt?[159]

FLAMMBERG. Jung! Woher weißt du das?

KÖHLERJUNGE erschrocken. St! – Um aller Heiligen willen! Ihr Herren, was macht ihr?

DER GRAF VOM STRAHL. Komm her.

KÖHLERJUNGE. Ich sage: St!

FLAMMBERG. Jung! Wer hat dir das gesagt? So sprich.

KÖHLERJUNGE heimlich, nachdem er sich umgesehen. Hab's geschaut, ihr Herren. Lag auf dem Stroh, als sie sie hineintrugen, und sprachen, sie sei krank. Kehrt ihr die Lampe zu und erschaut, daß sie gesund war, und Wangen hatt als wie unsre Lore. Und wimmert' und druckt' mir die Händ und blinzelte, und sprach so vernehmlich, wie ein kluger Hund: mach mich los, lieb Bübel, mach mich los! daß ich's mit Augen hört und mit den Fingern verstand.

DER GRAF VOM STRAHL. Jung, du flachsköpfiger; so tu's!

FLAMMBERG. Was säumst du? Was machst du?

DER GRAF VOM STRAHL. Bind sie los und schick sie her!

KÖHLERJUNGE schüchtern. St! sag ich. – Ich wollt, daß ihr zu Fischen würdet! – Da erheben sich ihrer drei schon und kommen her, und sehen, was es gibt? Er bläst seine Laterne aus.

DER GRAF VOM STRAHL. Nichts, du wackrer Junge, nichts.

FLAMMBERG. Sie haben nichts davon gehört.

DER GRAF VOM STRAHL. Sie wechseln bloß um des Regens willen ihre Plätze.

KÖHLERJUNGE sieht sich um. Wollt ihr mich schützen?

DER GRAF VOM STRAHL. Ja, so wahr ich ein Ritter bin; das will ich.

FLAMMBERG. Darauf kannst du dich verlassen.

KÖHLERJUNGE. Wohlan! Ich will's dem Vater sagen. – Schaut was ich tue, und ob ich in die Hütte gehe, oder nicht? Er spricht mit den Alten, die hinten am Feuer stehen, und verliert sich nachher in die Hütte.

FLAMMBERG. Sind das solche Kauze? Beelzebubs- Ritter, deren Ordensmantel die Nacht ist? Eheleute, auf der Landstraße mit Stricken und Banden aneinander getraut?[160]

DER GRAF VOM STRAHL. Krank, sagten sie!

FLAMMBERG. Todkrank, und dankten für alle Hülfe!

GOTTSCHALK. Nun wart! Wir wollen sie scheiden.


Pause.


SCHAUERMANN in der Hütte.

He! holla! Die Bestie!

DER GRAF VOM STRAHL.

Auf, Flammberg; erhebe dich!


Sie stehen auf.


FREIBURG. Was gibt's?


Die Partei des Burggrafen erhebt sich.


SCHAUERMANN.

Ich bin angebunden! Ich bin angebunden!


Das Fräulein erscheint.


FREIBURG. Ihr Götter! Was erblick ich?


Quelle:
Heinrich von Kleist: Werke und Briefe in vier Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 1978, S. 159-161.
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