Fünfter Auftritt

[402] Der Prinz von Homburg tritt auf. – Die Vorigen.


DER PRINZ VON HOMBURG.

O meine Mutter!


Er läßt sich auf Knien vor ihr nieder.


KURFÜRSTIN.

Prinz! Was wollt Ihr hier?

DER PRINZ VON HOMBURG.

O laß mich deine Knie umfassen, Mutter!

KURFÜRSTIN mit unterdrückter Rührung.

Gefangen seid Ihr, Prinz, und kommt hieher!

Was häuft Ihr neue Schuld zu Euren alten?

DER PRINZ VON HOMBURG dringend.

Weißt du, was mir geschehn?

KURFÜRSTIN.

Ich weiß um alles!

Was aber kann ich, Ärmste, für Euch tun?

DER PRINZ VON HOMBURG.

O meine Mutter, also sprächst du nicht,[402]

Wenn dich der Tod umschauerte, wie mich!

Du scheinst mit Himmelskräften, rettenden,

Du mir, das Fräulein, deine Fraun, begabt,

Mir alles ringsumher, dem Troßknecht könnt ich,

Dem schlechtesten, der deiner Pferde pflegt,

Gehängt am Halse flehen: rette mich!

Nur ich allein, auf Gottes weiter Erde,

Bin hülflos, ein Verlaßner, und kann nichts!

KURFÜRSTIN.

Du bist ganz außer dir! Was ist geschehn?

DER PRINZ VON HOMBURG.

Ach! Auf dem Wege, der mich zu dir führte,

Sah ich das Grab, beim Schein der Fackeln, öffnen,

Das morgen mein Gebein empfangen soll.

Sieh, diese Augen, Tante, die dich anschaun,

Will man mit Nacht umschatten, diesen Busen

Mit mörderischen Kugeln mir durchbohren.

Bestellt sind auf dem Markte schon die Fenster,

Die auf das öde Schauspiel niedergehn,

Und der die Zukunft, auf des Lebens Gipfel,

Heut, wie ein Feenreich, noch überschaut,

Liegt in zwei engen Brettern duftend morgen,

Und ein Gestein sagt dir von ihm: er war!


Die Prinzessin, welche bisher, auf die Schulter der Hofdame gelehnt, in der Ferne gestanden hat, läßt sich, bei diesen Worten, erschüttert an einen Tisch nieder und weint.


KURFÜRSTIN.

Mein Sohn! Wenn's so des Himmels Wille ist,

Wirst du mit Mut dich und mit Fassung rüsten!

DER PRINZ VON HOMBURG.

O Gottes Welt, o Mutter, ist so schön!

Laß mich nicht, fleh ich, eh die Stunde schlägt,

Zu jenen schwarzen Schatten niedersteigen!

Mag er doch sonst, wenn ich gefehlt, mich strafen,

Warum die Kugel eben muß es sein?

Mag er mich meiner Ämter doch entsetzen,

Mit Kassation, wenn's das Gesetz so will,[403]

Mich aus dem Heer entfernen: Gott des Himmels!

Seit ich mein Grab sah, will ich nichts, als leben,

Und frage nichts mehr, ob es rühmlich sei!

KURFÜRSTIN.

Steh auf, mein Sohn; steh auf! Was sprichst du da?

Du bist zu sehr erschüttert. Fasse dich!

DER PRINZ VON HOMBURG.

Nicht, Tante, eh'r als bis du mir gelobt,

Mit einem Fußfall, der mein Dasein rette,

Flehnd seinem höchsten Angesicht zu nahn!

Dir übergab zu Homburg, als sie starb,

Die Hedwig mich, und sprach, die Jugendfreundin:

Sei ihm die Mutter, wenn ich nicht mehr bin.

Du beugtest tief gerührt, am Bette knieend,

Auf ihre Hand dich und erwidertest:

Er soll mir sein, als hätt ich ihn erzeugt.

Nun, jetzt erinnr ich dich an solch ein Wort!

Geh hin, als hättst du mich erzeugt, und sprich:

Um Gnade fleh ich, Gnade! Laß ihn frei!

Ach, und komm mir zurück und sprich: du bist's!

KURFÜRSTIN weint.

Mein teurer Sohn! Es ist bereits geschehn!

Doch alles, was ich flehte, war umsonst!

DER PRINZ VON HOMBURG.

Ich gebe jeden Anspruch auf an Glück.

Nataliens, das vergiß nicht, ihm zu melden,

Begehr ich gar nicht mehr, in meinem Busen

Ist alle Zärtlichkeit für sie verlöscht.

Frei ist sie, wie das Reh auf Heiden, wieder;

Mit Hand und Mund, als wär ich nie gewesen,

Verschenken kann sie sich, und wenn's Karl Gustav,

Der Schweden König ist, so lob ich sie.

Ich will auf meine Güter gehn am Rhein,

Da will ich bauen, will ich niederreißen,

Daß mir der Schweiß herabtrieft, säen, ernten,

Als wär's für Weib und Kind, allein genießen,

Und, wenn ich erntete, von neuem säen,[404]

Und in den Kreis herum das Leben jagen,

Bis es am Abend niedersinkt und stirbt.

KURFÜRSTIN.

Wohlan! Kehr jetzt nur heim in dein Gefängnis,

Das ist die erste Fordrung meiner Gunst!

DER PRINZ VON HOMBURG steht auf und wendet sich zur Prinzessin.

Du armes Mädchen, weinst! Die Sonne leuchtet

Heut alle deine Hoffnungen zu Grab!

Entschieden hat dein erst Gefühl für mich,

Und deine Miene sagt mir, treu wie Gold,

Du wirst dich nimmer einem andern weihn.

Ja, was erschwing ich, Ärmster, das dich tröste?

Geh an den Main, rat ich ins Stift der Jungfraun,

Zu deiner Base Thurn, such in den Bergen

Dir einen Knaben, blondgelockt wie ich,

Kauf ihn mit Gold und Silber dir, drückt ihn

An deine Brust und lehr ihn: Mutter! stammeln,

Und wenn er größer ist, so unterweis ihn,

Wie man den Sterbenden die Augen schließt.

Das ist das ganze Glück, das vor dir liegt!

NATALIE mutig und erhebend, indem sie aufsteht und ihre Hand in die seinige legt.

Geh, junger Held, in deines Kerkers Haft,

Und auf dem Rückweg, schau noch einmal ruhig

Das Grab dir an, das dir geöffnet wird!

Es ist nichts finstrer und um nichts breiter,

Als es dir tausendmal die Schlacht gezeigt!

Inzwischen werd ich, in dem Tod dir treu,

Ein rettend Wort für dich dem Oheim wagen:

Vielleicht gelingt es mir, sein Herz zu rühren,

Und dich von allem Kummer zu befrein!


Pause.


DER PRINZ VON HOMBURG faltet, in ihrem Anschaun verloren, die Hände.

Hättst du zwei Flügel, Jungfrau, an den Schultern,

Für einen Engel wahrlich hielt ich dich! –[405]

O Gott, hört ich auch recht? Du für mich sprechen?

– Wo ruhte denn der Köcher dir der Rede,

Bis heute, liebes Kind, daß du willst wagen,

Den Herrn in solcher Sache anzugehn? –

– O Hoffnungslicht, das plötzlich mich erquickt!

NATALIE.

Gott wird die Pfeile mir, die treffen, reichen! –

Doch wenn der Kurfürst des Gesetzes Spruch

Nicht ändern kann, nicht kann: wohlan! so wirst du

Dich tapfer ihm, der Tapfre, unterwerfen:

Und der im Leben tausendmal gesiegt,

Er wird auch noch im Tod zu siegen wissen!

KURFÜRSTIN.

Hinweg! – Die Zeit verstreicht, die günstig ist!

DER PRINZ VON HOMBURG.

Nun, alle Heil'gen mögen dich beschirmen!

Leb wohl! Leb wohl! Und was du auch erringst,

Vergönne mir ein Zeichen vom Erfolg!


Alle ab.


Quelle:
Heinrich von Kleist: Werke und Briefe in vier Bänden. Band 2, Berlin und Weimar 1978, S. 402-406.
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