Drittes Buch
1.

[304] Vielleicht mißfiel es manchem, daß ich mich bei der Jugendgeschichte des Mannes, den ich darzustellen unternommen, so lange verweilt und Vorfälle erzählt habe, die diesem und jenem geringfügig scheinen mögen. Gleichwohl konnte ich nicht anders, wenn ich euch den Mann zeigen wollte, der so schrecklich verkannt wurde; und entsprang nicht aus eben diesen unbedeutend scheinenden Vorfällen seine ganze Denkungsart, die Stimmung seines Herzens auf sein Leben? – Hätte ich keine anderen zu melden, ihr würdet auch diese nicht gelesen haben; aber nun muß ich vorwärts und den glücklichen Szenen seiner Jugend den Rücken wenden. Solange ich ihn nur mit sich selbst beschäftiget schilderte, solange ich die schönen Blüten seines Geistes, die sein idealischer Sinn so lieblich färbte, zu malen versuchte, konnte ich oft vergessen, was auf diesen seligen Traum der Jugend erfolgte. Aber nun, da ich ihn, um der Ursache willen, die ich euch gleich anfangs gesagt, in dem Verhältnisse mit den Menschen aufführen und euch dartun muß, was Dummheit, Bosheit und Neid taten, einen Geist zu erschüttern, der gegen alle Schläge des Schicksals durch ein Gefühl gestählt ist, das zwar nicht vernichtet, aber doch verdüstert werden kann – nun wird mein Geschäft bei jedem vorwärts getanen Schritte trauriger und schmerzlicher. Fassen will ich mich, so viel ich kann, und ohne Bitterkeit und Haß das weitere treu und wahrhaft erzählen.

Ich überfliege, so viel ich kann und darf, um schneller den Begebenheiten näherzukommen, die jetzt auf mich zudrängen.

Nach einigen auf der Universität zugebrachten Jahren begab sich Ernst auf Reisen: zuerst durch Teutschland, dann durch England und Frankreich. Seine Kenntnisse erweiterten sich, aber sein innrer Sinn blieb derselbige; nur dehnte er sich mehr aus, nur ward er kräftiger durch die gemachten Beobachtungen. Sein geheimer Führer hatte ihm einen richtigen Maßstab gegeben,[304] die Erscheinungen der moralischen Welt zu bestimmen; und darum konnten ihm diese Erscheinungen, so auffallend und empörend er sie auch hin und wieder finden mochte, die Natur des Menschen und seine Anlagen, gut und edel zu sein, in kein zweideutiges Licht setzen. Sein Führer hatte ihm klar gezeigt, daß alles Verzerrte, Verstümmelte, Mißgestaltete und Ungeheure, welches in der Gesellschaft ohne Unterbrechen hervorschießt, bis ins Unendliche fortwächst und in allem, was der Mensch tut und denkt, sichtbar ist, nur in dem Augenblick entstehen konnte, in welchem der Mensch, dieses so vorzüglich geliebte, so glücklich ausgestattete Lieblingskind der Natur, seine Mutter verließ. Sie hatte ja ihre heiligen Lehren als die einzigen Quellen des Glücks seinem Herzen anvertrauet und ihm die Grenzen dieses Glücks so fest und bestimmt angezeigt, daß er nicht übersehen konnte, das Elend beginne, so bald er sie übertrete. Ernst wußte durch seine Lehrer, wodurch der Mensch diese Grenzen einriß und übersprang, er wußte, wer ihre Spur so ausgelöscht hatte, daß die aus ihrer glücklichen Heimat Verirrten wohl noch zuzeiten ihr verlornes Glück wie einen Jugendtraum vor ihrem Geiste dunkel schweben sehen, aber es nie wiederfinden können. Man glaube darum nicht, Ernst habe seinen Lehrer so verstanden, wie ihn mancher verstanden hat und noch versteht: als müsse man diese selige Heimat in dem wilden Zustande suchen, der darum dem Menschen nicht allein und vorzüglich eigen und natürlich sein kann, weil er in demselben seine hohe Würde, die seinen Ursprung allein beweiset, nie entwickeln könnte. Nachdem er die übrigen Schriften seines Lehrers gelesen hatte, die alle nur ein Geist durchhaucht und zu einem zusammenhangenden Ganzen verbindet und wovon jeder Teil zu einer Stufe des Tempels der Wahrheit dient, sah er klar ein, daß die oft wild und übertrieben scheinenden Gedanken des begeisterten Künstlers, der dieses erhabene Gebäude aufführte, nur deshalb da stehen, weil sie das entgegenstehende Gerüst des Wahns, der Torheit, Eitelkeit und Eigenmacht in seiner elenden Blöße zeigen sollen. Er wußte, daß Plato, als er die Gebrechen der Staaten seines Zeitalters[305] merkbar machen wollte, dasselbe tat, indem er das Gesetz, die Gerechtigkeit und die moralische Würde des Menschen als die einzigen Führer und Leiter seinen Zeitgenossen mit der ganzen Erhabenheit und Kraft seiner Seele darstellte; er wußte, daß ihn nur die mißverstanden, verhöhnten und haßten, welche ihn entweder nicht faßten oder, als Verbrecher gegen diese Gesetze und Würde, es nicht ertragen konnten, daß dieselben in diesem hohen Lichte der Wahrheit erschienen.


2.

In Paris machte er sehr viele und angenehme Bekanntschaften mit Gelehrten, Bürgern und Staatsleuten; und auch er fand, was so viele beobachtet hatten, daß trotz der Verderbnis der Sitten in keiner Stadt Europas mehr Kenntnisse, Annehmlichkeiten des Umgangs und gesellschaftliche Tugenden zu finden wären als eben in dieser verderbten Stadt. Auch hatte gerade die allzu offne und schreiende Äußerung dieser Verderbnis nach und nach alle diejenigen erweckt, in welchen die Funken des Edlen noch glimmten; ihre Tugend erhob sich an der Seite des Lasters, und schon hörte man einige laute Stimmen unter dem wilden Gebrause.

Franklin war um diese Zeit in Paris, und Ernst hatte das Glück, diesem seltnen Manne zu gefallen und von ihm geachtet zu werden. Als sich dieser nun zu seiner Abreise fertig machte, bat ihn Ernst um die Bestellung eines Briefes an Hadem, von dem er den edlen Greis so oft unterhalten hatte. Franklin versprach ihm, wenn Hadem in dem ungeheuren Bezirke von Amerika lebte, so sollte er diesen Brief gewiß bekommen. So viel hatte Ernst schon von Franklin erfahren, daß das Regiment, wobei Hadem stand, in einem für die Engländer und Teutschen unglücklichen Treffen beinahe gänzlich zugrunde gerichtet worden sei und man die übrigen als Kriegsgefangene in das Innere des Landes geführt hätte.

Ich darf dem Leser diesen Brief nicht vorenthalten.


Ernst an Hadem

[306] Ein Brief von Ihrem Schüler, Ihnen durch den edelsten Mann des Landes, in welchem Sie nun leben, zugesandt, wird Sie gewiß erfreuen. Und damit Sie ja nicht fürchten, daß etwas diese Freude stören möchte, so sage ich Ihnen gleich im Eingange meines Briefes, daß Ihr treuer Schüler noch in dem Lande lebt, in das Sie ihn eingeführt haben. Sie würden ihn trotz der Veränderung, welche die Zeit in seinem Äußern gemacht hat, gewiß wiedererkennen und so finden, wie Sie ihn verließen. Damit Sie sehen, wie und wodurch er sich auf seiner Grundfeste erhalten hat, sende ich Ihnen hiermit zugleich die Beweise des Kampfes1, den Sie bei Ihrer schrecklichen und plötzlichen Entfernung durch Ihre letzte Worte veranlaßt haben. Und dann sage ich Ihnen, daß Sie mich nie verlassen haben, daß Ihr Geist mir immer zur Seite stand, daß ich nur in dem Gedanken lebte, Sie wiederzusehen, nur Sorge trug, von Ihnen wiedererkannt zu werden. Franklin, der erste Mann seines Volkes, hat mir versprochen, Sie in meine Arme zurückzusenden; und dann, Hadem, mag das Schicksal über mich beschließen, was ihm gefällt.

Denken Sie sich meine Lage, meine Traurigkeit, meine Furcht, meine Angst, meinen Kampf, als Sie mich verließen! Und denken Sie, wie ich Ihnen in der Stille des Herzens für den Führer dankte, dem Sie mich anvertraueten! Daran erkannte ich meinen Hadem wieder. So übergibt der schützende Genius den ihm anvertrauten, eben verschiednen Gerechten einem Engel, daß er ihn in unser Vaterland leite, weil ein Neugeborner seines Schutzes bedarf. Er hat mich geleitet, er hat den jungen, ganz verlaßnen Kämpfer ausgerüstet mit Stärke, er hat ihm wieder Mut eingeflößt auf der Bahn, auf welcher er einen Augenblick wankte. Und von dem Augenblick an, da ich den Geist verstand, dem Sie mich anvertrauten, stehe ich wieder in der Mitte meines Paradieses, und ich hoffe, Sie sollen mich darin finden.

Von dem Manne, dem man mich und Ferdinand nach Ihrer Entfernung übergab, sage ich nichts. Er konnte mir nicht mehr[307] schaden; er bestärkte mich nur in dem Glauben, den Sie in mir erzeugt hatten. Nur fürchte ich, daß er auf Ferdinand mehr Wirkung getan hat. Dieser ist jetzt im französischen Dienste, und ich habe ihn in seiner Garnison besucht. Nach den Begriffen dieses Landes besitzt er alles, was ein Mensch besitzen muß, um hier sein Glück zu machen; und ich glaube, er wird das seinige machen. Freude, Vergnügen und Hoffnung umgaukeln ihn, und er ist so liebenswürdig, so angenehmen Umgangs, daß der Zauber seines Betragens und seiner Liebkosungen mir selbst die Furcht verschleierte, die einige seiner Äußerungen in mir erweckten. Ich liebe ihn und werde ihn immer lieben, und da seine ihn ganz beherrschende Einbildungskraft nun einmal nicht zu bändigen ist, so wünsche ich nur, daß er bei Fehlern und Torheiten stehenbleibe, daß diese Fehler unter einem so leichtsinnigen Volke wie das französische nicht in Laster ausarten. Fehler kann er im Unglück bei mir vergessen, Torheiten kann ich vielleicht gut machen; aber Laster?

Ich habe mich vier Jahre auf der Universität *** aufgehalten und da das menschliche Wissen mehr geprüft als mir zum Eigentum gemacht. Ich lernte mich von der Beschränktheit des menschlichen Geistes überzeugen und fand bei meinem Nachsinnen darüber, daß uns zu unserm Glücke so vieles Große und Herrliche deutlich, klar und verständlich ist als wir bedürfen, um unsre Bestimmung zu erfüllen. Ihr Geist und der Geist des Mannes, den Sie mir zum Führer hinterließen, leiteten mich auch hier; ich ging mit ungestörtem Verstande und ruhigem Herzen an allen täuschenden Sirenen vorüber, die uns mit ihrem reizenden Gesange in Labyrinthe locken, aus denen wir uns selten herauswinden, ohne die Heiterkeit des einen und die Zufriedenheit des andern zu verlieren. Wie die goldnen Strahlen der Morgenröte schweben die Fäden meines Daseins, die mich an jenes Land so sanft binden, vor meinem Geiste – ich überlasse mich ihrem Zuge und vermeide alles, was sie düster färben könnte.

Ich war in England, Hadem, in dem Lande, das die Söhne der Teutschen von ihren Fürsten erkauft, um sie über das Meer zur Schlachtbank zu senden. Auch Sie sandte es dahin, aber zum[308] Schutz und Troste der dem Tode geweihten Opfer. Und nur dieser Gedanke, wenn ich Sie bisweilen zu lebhaft zurückwünsche und murrend über meinen Verlust klage, söhnt mich wieder mit dem Schicksal aus, das Sie mir vorenthält. Ich empfinde, was Sie diesen Unglücklichen sein müssen, welche die Goldsucht ihrer Fürsten von dem väterlichen Boden vertrieb, die nun seufzen in der Gefangenschaft, im Innern eines fremden Landes, dessen Erde schon den größten Teil ihrer Brüder in Wildnissen deckt. Ist der Teutsche dazu geboren? seinem Fürsten von der Natur als eine Ware gegeben? Was hofft dieser von den zurückgebliebenen Waisen, wenn die Zeit kommt, da das Vaterland seiner Söhne bedarf? Wird er mit seinem aufgehäuften Golde nun auch fremde Verteidiger erkaufen? oder wird er dem Feinde die Summe entgegentragen, die er für das Blut seiner Kinder erhalten hat, und damit Schonung erkaufen? Ich darf diese Gedanken nicht weiter verfolgen. Kein Volk der Erde verdient mehr Achtung und Schonung von seinen Fürsten als das teutsche; und dieses Volk wird von ihnen verkauft! Weg mit dem elenden Gedanken, der Teutsche habe kein Vaterland! – Er hat ein Vaterland; ich habe ein Vaterland, ich fühle es und fühlte es schon, als ich das erste lebendige Rauschen in meinem Eichenwalde vernahm. Ich fürchte, Hadem, durch diese Gesinnung sind Tugenden in Teutschland verschwunden, deren Verlust wir einst bereuen werden. Die Zeit kann kommen, wo sich dieser Gedanke, der Teutsche habe kein Vaterland, grausam an denen rächen wird, die ihn erzeugten und unterhielten. Der Teutsche hat kein Vaterland – was hat er denn, Hadem? Und was sind seine ihm eignen Sitten und Tugenden? Ist nicht Treue, Aufrichtigkeit und Tapferkeit sein unterscheidendes Merkzeichen? Und den Boden, der diese Tugenden nährt, auf welchem sie gedeihen, sollten wir nicht unser Vaterland nennen? Und wäre dieser traurige Gedanke wirklich wahr – wie, wenn nun der Teutsche fragte, warum er kein Vaterland habe in dem Sinne wie andere Völker und durch wen ihm diese Quelle edler Tugenden genommen sei – was würde man ihm antworten?[309]

In England forschte ich vergebens nach jenen Tugenden, mit deren Geräusche dieses nach allen Teilen der Welt handelnde Volk seine verblendeten Bewundrer so lange täuschte. Längst hat die Goldgierde sie verschlungen. Mich überfiel ein Schauder bei dem Gedanken, daß dieses von politischer Freiheit träumende Volk, welches gleichwohl allen wirklichen Wert nur in Gewinn setzt, die unschuldigsten und ältesten Bewohner der Erde in der scheußlichsten Sklaverei hält und uns ihre unter der Gewalt erzwungenen Erzeugnisse zuführt, um für das uns abgenommene Gold Teutschlands blühende Söhne von unsern Fürsten zu kaufen! Ich sehe sie alle Meere durchfahren, alle Küsten der kultivierten und wilden Völker besuchen, überall handeln, tauschen, Gewalttätigkeiten und Raub ausüben und selbst hier in der Hauptstadt für den Glanz des Goldes den Schatten ihrer noch übrigen Freiheit verkaufen. Hadem, und doch treibt dieses durch seine Reichtümer aufgeblähete Volk seinen mißverstandnen Stolz so weit, daß es alle Völker der Erde verachtet, ob es gleich bei ihnen seine Tugenden für Gold umsetzt. Und wenn die Engländer nun alles Gold der Erde zusammengehäuft haben, werden sie nicht ärmer durch ihren Reichtum sein? Wird das Elend bei dem größten Teile des Volkes nicht in eben dem Maße steigen wie der Reichtum des kleinern? Welches bloß kaufmännische Volk der alten und neuen Welt rief nicht in der Zeit der Not seinen Götzen vergebens um Hülfe an? Oh, es ist ein trugvoller Götze, Hadem; und die Zeit wird einst gewiß die gemißhandelten Völker der Erde an seinen feurigen Anbetern rächen! Und geschieht es nicht schon jetzt, in dem Erdteile, wo Sie leben? Tugend, Mittelmäßigkeit zu Gefährten, Eisen zur Verteidigung – was vermag das Gold gegen diese? Und ist dieses nicht das Los der Teutschen?

Ich durchreiste verschiedne Provinzen von Frankreich, bevor ich mich nach Paris begab. Da nun und in Versailles entdeckte ich freilich sehr geschwind die Quellen des Elends, von dem dieses gutmütige, muntre, geistreiche und freundliche Volk so vielfach leidet. Gewiß besitzen die Franzosen schon von Natur alle geselligen Tugenden in einem höhern Grade als andere Völker;[310] und darum können andere Völker auch nur ihre Torheiten nachahmen. Ich werde überall eine feine Urbanität und gefällige Redlichkeit gewahr, die nur der Haß oder der rohe Sinn verkennt. Der Franzose ist durchaus ein vollendeterer Mensch, und Feinheit im Denken, Sprechen und Handeln macht sein unterscheidendes Merkmal aus. Um so mehr ist es zu beklagen, daß die Urheber seines Elends ihm alles Böse mit einer Leichtigkeit, Zuversicht und Vergessenheit tun, als sei es ein unvermeidliches Gesetz der Notwendigkeit. Ich fliehe oft den Tumult dieser großen Stadt, um mich dem Nachsinnen dessen zu überlassen, was täglich vor meinen Augen vorgeht; und oft flüchte ich mich auf die ruhige, selige Insel, welche die Gebeine des Mannes in sich schließt, dessen Leitung Sie mich anvertrauet haben. Mit welchem Gefühle der Rührung und des Danks ich zum erstenmal sein Grab begrüßte, denken Sie wohl. Diese Insel, Hadem, war der letzte Zufluchtsort des verfolgten Priesters der Natur und der Wahrheit. Auch hat die Natur sie zur Ruhestätte ihres Lieblingssohns reizend ausgeschmückt. Schlanke Pappeln wiegen sich lispelnd um sein Grab, als sprächen Geister aus einer andern Welt von ihren Wipfeln herab. Hier sprach sein Geist stärker als je zu mir; und selbst der heiße Wunsch, daß er noch leben möchte, die stillen Klagen, daß ihn meine Augen nicht sehen, daß ich ihm für meine Errettung keinen Dank sagen konnte, verloren sich bei dem Gedanken: Werde ich ihn nicht finden in dem Lande, wohin er geflohen ist, zu welchem er mir die Bahn so fest, so bestimmt vorgezeichnet hat?

Hadem, nie vergehen die Worte dieses Mannes, und an seinem Grabe fühlt ich, was denen bevorsteht, die dem Edlen ihr Ohr verstopften – diesem Edlen, der ihnen so laut und schrecklich warnend den Abgrund zeigte, an dem sie so tätig und rastlos graben, als könnte er sie nicht früh genug verschlingen.

Hier, an seinem Grabe, schwor ich, seiner Lehre treu zu bleiben und alle widrigen, empörenden Erscheinungen um mich her mit dem Gedanken zu bekämpfen: »Die Natur machte den Menschen gut; in dem Augenblicke, da er sie verließ, hörte er auf, es zu sein.« –[311] Ja, Hadem, hier ist die Tugend nur ein Paradewort, nur ein Ausdruck des Vertrags. Hier weiß man nichts von Übertreibung derselben, als wenn man von ihr spricht, wenn man Handlungen aus Romanen zum Gegenstande des Gespräches macht. Hier übt man Ihre letzten Worte in einem Sinne aus, wie Sie dieselben gewiß nicht ausgesprochen haben; denn aus Vorsicht, die Tugend nicht zu übertreiben, sich und andern durch sie nicht schädlich zu werden, verliert man alle Kraft und allen Mut dazu.

Ich werde in kurzem Frankreich verlassen; denn ich sehne mich nach meinem Vaterlande, wo die goldne Mittelstraße noch betreten wird, wo Üppigkeit und ihre Quelle, der Reichtum, noch nicht alle Tugenden verschlungen haben, wo noch Einfalt, Zutrauen und inniges Verhältnis unter den Bürgern herrschen. Möchte es in diesem Zustande verbleiben! Möchten nie Witz und Spott die einzigen Bedürfnisse der Unterhaltung, die Hauptforderung an unsere Schriftsteller werden! Möchten dem Teutschen noch lange Wahrheit, Empfindung und Einfalt genügen, und ein Gemälde der schönen, ruhigen Natur, die Erzählung einer guten Tat, das rührende Schicksal eines ihrer Brüder sie mehr entzücken als die witzigste, geistreichste Spötterei, die glänzendste Schilderung des üppigen Wohllebens, die berühmteste Darstellung der mit dem schimmerndsten Firnisse übertünchten Laster! Euer Ruhm sei eure Treue, eure Aufrichtigkeit, euer Mut! Erhaltet diese Erbschaft eurer Väter und mißgönnt andern Völkern den Ruhm nicht, den sie sich auf Kosten dieser Tugenden erwerben!

Mit diesen Empfindungen werde ich den vaterländischen Boden wiederbetreten, mich auf den Schauplatz meiner fröhlichen, unschuldigen Jugend einschränken und da Sie erwarten. All mein Bemühen soll darin bestehen, mir diesen Sinn zu erhalten, meines Vaters und Ihre Lebenszeit aufzuheitern und alle die glücklich und zufrieden zu machen, die meiner Sorge anvertrauet sind.

Kehren Sie bald zu uns zurück, Hadem, so bald als Ihre Pflicht es verstattet. Sie fehlen mir und meinem Vater. Mitten in dem blühenden Schoße der Natur wollen wir einen Tempel bauen,[312] dessen Grund ich an Ihrer Seite mit zarter Hand anlegte. Ich bin nun kühner und zutraulicher geworden – und der Grundstein dieses Tempels liegt mitten in dem von Ihnen gebildeten Herzen, welches ich so rein erhalten will, daß Sie es nie abweisen werden. So bin ich, durch unermeßliche Entfernung getrennt, noch Ihr, so sind Sie noch mein; denn das Band, das uns vereinigt, umschlingt und erhält die Welten. Leben Sie wohl, Hadem!

Zwei Dinge vergehen nie in mir: die Gewißheit eines höhern Ursprungs, sichre Rückkehr dahin und die Freundschaft für Sie. An diesen Zeichen werden Sie Ihren Schüler gewiß erkennen, in welcher Lage des Lebens Sie ihn auch finden mögen. Noch einmal, leben Sie wohl!




3.

Nach Franklins Abreise kehrte Ernst zu seinem Vater zurück. Wie er Teutschland und seine Landsleute betrachtete, hat er selbst angedeutet; und ich brauche nicht zu sagen, daß er den vaterländischen Boden mit Gesinnungen betrat, die dem größten Teil unsres von Reisen zurückkehrenden Adels fremd sind. Von außen gebildeter und vollendeter, mit Erfahrung und Kenntnissen bereichert, kehrte er, was seine innere Denkungsart betrifft, unverändert zurück. Sein Äußeres hatte durch seine festere innre Stimmung gewonnen, seine ernste und oft düster nachsinnende Miene war durch gefällige Sanftmut gemildert. Aus seiner Liebe zum Guten, seinem Mute, seinem Zutrauen, seinem einfachen Gefühl floß ein schonendes Betragen gegen andere. Er konnte Torheiten mit ansehen, ohne aufgebracht zu werden. Er bedauerte still; denn da er die Menschen kannte, so kannte er auch die Ursachen ihrer Torheiten, und da er für sich ohne alle Anmaßungen und Ansprüche war, so ließ er sich nie verleiten, durch Bemerkungen und Zurechtweisen die Menschen zu reizen, überzeugt, daß man sie wohl dadurch erbittern, in ihrem Unsinne verstärken, aber selten bessern kann. Nur wenn er aufgefordert wurde, wenn man Wahrheit von ihm verlangte, wenn sie oder die Unschuld in Gefahr waren, nur dann trat er in der[313] ganzen Würde und Stärke seines Gefühls auf, ohne die Folgen für sich zu achten.

Die Freude seines Vaters, einen solchen Sohn nach allen ihm bekannten Gefahren in seiner Unschuld zu umarmen, ihn so zu finden, wie er ihn verlassen hatte, war unbeschreiblich. Es war immer sein Ernst, und in seinem Herzen lebte das Gefühl der Jugend, als sei ihre Blüte unvergänglich. Mußte sie nicht? Hatte er sie nicht in dem ewig blühenden Lande gepflückt, in das er so früh eingedrungen war? Auch sollten nur dort ihm die Früchte reifen, deren Keime er so sorgfältig wartete; denn nur dort blühet der Baum des wahren Lebens.

Als sein Vater nun alle Freude des Wiedersehens genossen und Ernst die Höhle besucht, den Kranz unversehrt gefunden hatte, ohne daß ein Vorwurf die geistige innre Verbindung mit ihm störte – drang sein Vater in ihn, sich dem Fürsten vorstellen zu lassen. Ernst empfand, daß es notwendig wäre; aber er versicherte seinem Vater, er würde sich durch nichts fesseln lassen, in seine Arme zurückkehren und nur ihm und dem stillen Berufe leben, den die Natur ihm so glücklich angewiesen hätte.




4.

Ernst kam in der Residenz an und stieg bei seinem Oheim ab. Sein Eintritt und sein Betragen überraschten den Präsidenten; der Jüngling, den er als einen phantastischen, träumenden Knaben kannte, war nun zu einem jungen Mann aufgewachsen, der bei allem Anstande, aller Freundlichkeit und Sanftmut doch mit jedem Worte und Blick anzeigte, daß er auf einem festen Punkte der Stärke und Entschlossenheit stände. Ich sage zu wenig, wenn ich sage: der erfahrne Mann ward dadurch verwirrt. Ernst drückte ihn; denn wenn er ihm gleich als sein Neffe und als Edelmann gefiel, so mißfiel er ihm doch als Mensch. Indessen war der Freude, des Bewillkommens und Wohlaufnehmens kein Ende, und der Tag seiner Ankunft mußte ein Fest in der Familie werden, wozu man alles einlud, was man seine Freunde nannte. Ernst mußte von seinen Reisen erzählen, und er sagte[314] eins und das andere darüber, das seinen Oheim in Erstaunen setzte. Zuzeiten dachte er, Renot habe trotz seinen Prahlereien doch nur gepfuscht und der alte Schade sei dem jungen Manne geblieben, er tauge nur für das Landleben oder für das Bücherschreiben. Als er aber endlich seinen Entschluß erfuhr, daß er sich dem Fürsten wolle vorstellen lassen, ward er ernsthaft, lobte indessen seinen Entschluß sehr und setzte hinzu:

»Sie werden Ihren Hofmeister Renot als Sekretär bei dem Fürsten finden, Neffe. Er hat mir diese ehrenvolle Stelle zu danken. Ich tat es um Ihrentwillen, und Sie können dafür auf seine Gefälligkeit bei jeder Gelegenheit rechnen. Wenigstens glaubte ich, ich sei verbunden, die Dienste zu belohnen, die er Ihnen erwiesen hat.« –

Ernst errötete; er hatte die Kunst nicht erlernt, einen Schlag an sein Herz abzuleiten, ohne daß er sich dem Geiste mitteilte. Er antwortete kalt:

»Ich sehe es gerne, daß es ihm wohlgeht, und da Sie wirklich glauben, er habe Ihre Vorsorge verdient, so danke ich Ihnen dafür; doch erlasse ich ihm seinen Dank und seine Gefälligkeit, wenn ich Ihre Worte recht verstehe, weil ich nie etwas suchen werde, als wozu ich Recht habe, und dazu ist ja der gerade Weg immer der beste.«

Ernst traf hier, ohne es noch zu ahnden, gerade den rechten Gesichtspunkt, den der Präsident bei der Anstellung Renots im Auge gehabt hatte. Er, der an dem kleinen Hofe gerne die Politik ausübte, wie sie an großen im Gange ist, um seine Geisteskräfte alle zu gebrauchen, hatte Renot dem Fürsten zum Sekretär gegeben, weil er gerade einen so gewandten und ihm zugetanen Menschen an dieser Stelle brauchte. Der Fürst hatte unter vielen Eigenheiten auch die, daß er gewisse Dinge gern allein tat und seine Minister und geheimen Räte nicht alles wissen lassen wollte. Da dieses nun eine Eigenheit an einem Fürsten ist, welche Minister und Räte an kleinen Höfen ebenso wenig vertragen können als die Minister und Räte an großen, so mußten sie natürlich diese ihnen unangenehme Eigenheit für sich so unschädlich als möglich zu machen suchen. Nehmen ließ der Fürst[315] sie sich einmal nicht; das hatten sie erfahren. Renot war nun freilich der Mann zu einem solchen Zwecke. Er legte, sobald er den Fürsten kennengelernt und das Verhältnis nebst allen daraus für ihn entspringenden Vorteilen durchschauet hatte, den Franzosen so weit als möglich ab und stellte nur den biedern, einfachen, treuen Schweizer dar. Der Fürst war mit ihm zufrieden; denn Renot besaß die Kunst, ihm jede Arbeit leicht und nach seinem Sinne zu machen. Und um diese Zufriedenheit bis zum Zutrauen zu erheben, zeigte er ihm bei jeder Gelegenheit das, was Große so gern an Kleinen sehen: eine besondere Anhänglichkeit und Ergebenheit; und er wußte es so zu drehen, daß er dieses noch mehr für den edlen Mann als für den Fürsten zu fühlen schien.

Der Präsident versuchte nun, Ernsten einige Regeln über sein Betragen gegen den Fürsten zu geben, und legte besonders auf diese einen starken Nachdruck: da der Fürst das Kühne und Mutige nicht liebe, so möchte er ja zurückhaltend in seinen Reden sein.

Ernst hörte ihn ruhig an und sagte:

»Ich gehe zu dem Fürsten, ihm die Achtung zu bezeigen, die er von mir, von jedem unter uns, von jedem seines Volks und von jedem Teutschen verdient. Kann ich ihn von diesem meinem Bewegungsgrund überzeugen, so habe ich meine Absicht schon erreicht.«

Der Fürst erlaubte Ernsten schon auf den folgenden Morgen Zutritt. Gerne hätte ihn der Präsident an den Hof begleitet, aber er wußte, daß er darum doch weiter nichts erfahren würde; denn der Fürst hatte auch die Eigenheit, daß er den Zutritt in das Innere seines Kabinetts erlaubte und sich da gern allein und ungestört mit denen unterhielt, die er sehen und kennenlernen wollte.

Dem Fürsten gefiel nun alles das an Ernsten, was dem Präsidenten nicht gefiel; und als er ihm angemeldet ward, erinnerte er sich augenblicklich seines ehemaligen Schreibens. Er las es durch, bevor Ernst zu ihm trat, und nun sah er den jungen Mann gerade in dem Lichte an, in welchem er ihm damals erschien. Der Eintritt, das Betragen, die Gesinnungen Ernstens bestärkten[316] den frühen guten Eindruck. Nachdem sich der Fürst lange mit ihm von seinen Reisen und auswärts gemachten Bekanntschaften unterhalten hatte, fragte er ihn, welchem Geschäfte er sich nun zu widmen gedächte, welchen Teil an der kleinen Staatswirtschaft seines Vaterlandes er wählen würde.

Ernst antwortete: »Meine Neigung geht vorzüglich auf ein beschränktes Leben; ich halte es jetzt für mein Hauptgeschäft, das Leben meines Vaters angenehm zu machen und ihm alle Sorgen abzunehmen. Ich muß mich erst im Kleinen versuchen, Ew. Durchlaucht, bevor ich mich an das Große wage.«

FÜRST: Sie reden von Beschränktheit, Herr von Falkenburg, das heißt von Ruhe. Der tätige Geist in Ihren Augen scheint über Ihre Worte zu zürnen. Was sollen wir Alten denn tun, wenn Rosenlippen von Ruhe reden? Nach Ihrer jetzigen Äußerung habe ich mich also in Ihnen geirrt. – Sie wundern sich? – Freilich geirrt. Denn Sie haben mir nicht Wort gehalten, Ihr Gelübde gegen mich gebrochen, das Sie mir schon in Ihrer Jugend durch diesen Brief ablegten.

Er gab ihm den Brief und bemerkte sein Erstaunen darüber. Nun fuhr er fort:

»Sie sehen, ich habe ein besseres Gedächtnis als Sie. Sie vergaßen den Vertrag, den Sie durch diesen Brief mit mir gemacht haben, ich vergaß ihn nicht. Es ist mir leid, daß Sie es taten; ich habe auf Sie gerechnet. Und doch hätte ich mich in Ihnen nicht irren sollen, Ihre erste Bitte wenigstens habe ich gleich erfüllt.«

ERNST: Verzeihen Sie, gnädiger Herr, mein Erstaunen über das, was ich höre und sehe. Wenn Sie wüßten, wie es mit diesem Briefe zugegangen ist, was er für Folgen für mich gehabt hat, ich würde leicht Ihren ernsten Blick mildern.

FÜRST: Reden Sie. Ich höre gerne von den Jahren, in welchen der Mensch beginnt.

ERNST: Darf ich eine Frage wagen?

FÜRST: Sie wagen bei mir nur dann, wenn Sie mit blühenden Wangen von Ruhe reden.

ERNST: Waren Ew. Durchlaucht nicht ungehalten über diesen Brief?[317]

FÜRST: Gar nicht. Ich trug ja Ihrem Oheim auf, er sollte Ihnen sagen, daß ich diesen Brief als ein an mich von Ihnen abgelegtes Gelübde ansähe, daß ich hoffte, Sie würden als Mann leisten, was Sie hier als Jüngling versprächen. Ich hörte in dem Briefe den jungen Mann, der hier vor mir steht; aber da nicht, als Sie von Ruhe sprachen.

ERNST: So muß mein Oheim Ihre gütige Äußerung dem Jüngling für nachteilig gehalten haben, und vielleicht hatte der erfahrne Mann darin recht. Und nun erlauben Sie mir, gnädiger Herr, daß ich Ihnen nicht erzähle, was für Folgen der Brief für mich gehabt hat.

FÜRST: Ich verstehe Sie, verstehe Sie gerne so und dringe darum nicht weiter in Sie; aber dafür werden Sie auch Ihr Wort halten und das mir getane Gelübde nicht vergessen. Ich bewahre es auf. – Herr von Falkenburg, versagen Sie sich Ihrem Vaterlande darum nicht, weil sein Umfang so klein und beschränkt ist. Das kleinste Land braucht gute Menschen; und vielleicht ist ein kleiner Bezirk denen, welche gut sind und es bleiben wollen, zuträglicher als ein großes Reich. Ich gestehe Ihnen, daß ich darum als teutscher Fürst mit meinem Lose sehr zufrieden bin. Jetzt kann ich meinen Wirkungskreis ganz übersehen; wär er größer, so müßt ich mein Geschäft zerstückeln und es mit so vielen Händen teilen, daß mein Fürstentum zwar größer, mein eigner Wirkungskreis aber eben um so viel kleiner und beschränkter wäre. Jetzt kann ich mir noch etwas zuschreiben, kann alles und jedes noch beobachten und in Ordnung halten; aber wenn Leute Ihrer Art mir fehlen wollen, wenn sie sich mir versagen, wenn sie die Probe mit sich und mit den Menschen aus Mißtrauen oder Gemächlichkeit nicht machen und ihre Tugend und ihr Talent vergraben wollen, so ist es traurig für den, der an der Spitze steht. Und warum suchen Sie die Ruhe? so frühe Ruhe? Herr von Falkenburg, das Amt in dem kleinen Staate schließt die Sorge für den eignen Herd nicht aus wie in dem großen. Es bereichert selten; und um so besser! So nimmt der Diener des Vaterlandes zugleich als Bürger und Hausvater teil am Staate.

Dieses sind meine Gesinnungen. Haben Sie etwas darauf zu antworten,[318] so will ich es gern anhören; haben Sie mir nichts zu antworten und verharren doch bei Ihrem Vorsatz, so haben Sie Gründe, die Sie mir nicht anvertrauen können, und in diesem Falle geb ich Ihnen Ihren Brief zurück.

ERNST: Ich wäre des teutschen Namens nicht würdig, nicht würdig, in einem Lande geboren zu sein, dem ein solcher Fürst vorsteht, wenn Ihre Worte meinem Herzen nicht zu Gesetzen würden. Der Sinn, in welchem Sie meinen Brief aufnahmen, als ich noch ein Knabe war, gnädiger Herr, ist so schön und selten, daß mir die Erinnerung daran zum ewigen Vorwurf würde, wenn ich ihn nicht so treu erfüllte als ich ihn lebendig fühle. So wird der Teutsche selten von seinem Fürsten geworben. Nehmen Sie mich denn ganz wie ich bin und nützen Sie mich, wo es Ihnen gefällt.

FÜRST: Ich nehme Sie an; und glauben Sie mir, an den Fürsten liegt es nicht allein, wenn sie ihren Adel nicht so werben, wie ich Sie geworben habe. Zeige sich nur unser Adel so teutsch und bieder, wie ich Sie finde, wie ich Sie mir denke, und erhalte sich auf den ihm vertrauten Posten so, dann werden teutsche Fürsten auf diesen Titel stolzer sein als auf jeden andern. Und nun begleiten Sie mich auf meinem Spaziergang.

Der Fürst führte ihn durch verschiedne Alleen gerade nach dem Teiche und ließ sich in der Laube nieder, wo Ernst einst seinen Brief niedergelegt hatte. Er lächelte über die schöne Wärme, die das Erinnern jenes Morgens auf Ernstens Wangen zog; da aber Ernst die weitere Erörterung so zart abgelehnt hatte, so vermied er jede Frage darüber. Ernst blieb zur Tafel.


5.

Renot sorgte dafür, daß der Präsident alles auf das genauste erfuhr, was zwischen dem Fürsten und Ernsten öffentlich vorgefallen war. Der Präsident erwartete Ernsten mit vieler Ungeduld; und als dieser endlich kam, fragte er ihn gleichgültig über seine Aufnahme. Ernst sprach von dem Fürsten, wie er es verdiente, und um so auffallender für seinen Oheim, da er es[319] mit Fassung tat. Als er endlich dem Präsidenten erzählte, daß er dem Lande dienen würde, sagte dieser: »So!« und als Ernst hinzusetzte, wie ihn der Fürst geworben, so rief er: »O der vortreffliche Fürst! der vortreffliche Fürst! wie will ich ihm dafür danken!« Diese Worte sagte er mit einem so sonderbaren, so lang gedehnten Tone, daß Ernst ihn darüber ansah. Der Ton schien bloß aus dem Kopfe zu kommen und durch eine Reihe von Nebengedanken verlängert zu werden.

Nun nahm das Gespräch eine andre Wendung. Den Inhalt desselben wird der Leser von Ernsten selbst lieber als von mir hören.

Renot unterbrach sie. Er war eilends gekommen, um Ernsten seine Aufwartung zu machen. Als der Präsident sich einen Augenblick entfernt hatte, sagte Ernst zu Renot:

»Sie haben mir Ihr Wort gehalten, als ich noch ein Knabe war; ich will nun das meinige erfüllen, da ich ein Mann geworden bin.«

Nicht die Sache, sondern die gerade Erinnerung daran verdroß Renot, aber um so freundlicher war er gegen Ernst, um so schmeichelhafter sprach er gegen den Präsidenten und andre von ihm.

Ernst fuhr den folgenden Tag zu seinem Vater zurück, und ich kann dem Leser seine Gesinnungen über seine gegenwärtige Lage nicht besser darstellen, als wenn ich ihm ein Bruchstück eines Briefes von ihm an Hadem vorlege. Er hatte die Gewohnheit, bei jedem ihm wichtigen Vorfalle sich mit diesem zu unterhalten; und eine solche Unterhaltung nannte er einen Geisterrat zwischen sich und diesem.


Ernst an Hadem

Mit welchem Entschluß ich in meine Einsamkeit zurückkehrte, habe ich Ihnen geschrieben, lieber Hadem. Doch alle die schönen Hoffnungen, die sichern Erwartungen muß ich nun aufgeben, und dagegen zu murren wäre ein Verrat an Ihren Lehren, an meinem Herzen. Ich soll ein Amt annehmen, fühle die ganze Stärke der Gründe unsers edlen Fürsten; und doch gehe ich hier[320] nachsinnend in meinen blühenden Tälern herum und sehe mit scheuem Blicke nach der fernen Zukunft hinter den Felsen. Wie ich jetzt hier herumwandere, denke ich mir den von der Habsucht und dem Geiz an die Europäer verkauften Neger, der nun zum letztenmal an dem Gestade seiner Heimat traurig umhergeht und bebend über das Meer nach dem fernen Lande hinblickt, wo er weiß, daß ihn harte, ewige Sklaverei erwartet. Und nicht darum, Hadem, nicht dieses ängstiget mich. Ihr Schüler kann nicht so klein und eigennützig denken, um nur Ketten für sich im Dienste des Vaterlandes zu sehen, weil er des Lohns nicht bedarf. Es ist nicht die Freiheit, mit seiner Zeit nach eignem Gefallen und Gewissen schalten zu können, die ich beklage; ich glaube vielmehr, daß ich sie nicht besser anwenden kann. Brauche ich Ihnen zu sagen, was es ist? Wenn ich an dieses lebhaft denke, so fühl ich einen kalten Schauder durch mein Herz laufen. Und doch – was will ich im Grunde? Kann ich wohl dem süßen Rufe mein Ohr verschließen? Kann ich meine Tugend als mein Eigentum ansehen, solange sie nicht unter den Menschen und dem Wirken mit ihnen die Probe bestanden hat? wenn ich nur mir in stiller Beschränktheit allein durch sie nutze, wo mich keiner stört? Daß die auf diesem glücklichen Flecke hier nichts verlieren, dafür sorgt mein Vater; denn dies ist die schöne Ernte seines herannahenden Alters. – Und sind es nicht Teutsche, auf einem Boden mit mir erzeugt, von eben demselben Boden mit mir genährt, gleich mir für ihr Bestes besorgt, mit denen ich zu tun haben soll? Fordere ich mehr an sie als das, was billig, gerecht, ihnen nützlich ist? Und dieses mögen sie an mich so strenge fordern als sie nur wollen, darüber werde ich nicht mit ihnen ins Gedränge kommen. Also was ist es, das diesen geheimen Schauder verursacht? An Willen, meine Pflicht zu tun, fehlt es mir gewiß nicht; auf Mut, in Verwicklungen auszuhalten, auf Stärke im Kampfe wage ich zu rechnen. Und ich sollte fürchten, den Schauplatz zu betreten, wo sich dieses nun bewähren kann? Sind es nicht die gefährlichsten Versuche zum Bösen, welche die Legende den Heiligen am höchsten anrechnet? – Und doch, Hadem, ich muß es Ihnen sagen – verzeihen Sie, aber ich kann nicht[321] schweigen. Ihre letzten Worte erklangen in der Tiefe meines Herzens, während der Fürst mit mir sprach. Ich fürchte, die Menschen können die Tugend in ihrer Kraft, Würde, Reinheit und Unbestechlichkeit nicht ertragen, und nur halbe, schielende Tugenden leiten ihre Handlungen, so wie sie durch ihre Schwäche beständig nahe an der Grenze des Lasters hinstreifen. Sollte das ganze Erblicken dieser erhabenen Tochter des Himmels für ihren moralischen Sinn das sein, was das glänzende Licht des Himmels unserm physischen Sinne ist? Ist es so, Hadem, was soll aus Ihrem Schüler werden? Wo soll er seinen Standpunkt finden? Wo soll er seinen Fuß hinstellen? wo vorwärts schreiten? wo stille stehen? wo und wonach seitwärts blicken? Wie? ich sollte meinen festen, reinen Blick durch die strahlenbrechenden, dunkeln, verworrnen, sich kreuzenden Verhältnisse der Menschen teilen und färben lassen? Das innere Licht meiner Seele soll von fremden Schattierungen abhangen? Dies ist es, Hadem, dies ist es!

Jetzt erst kann ich Ihnen erzählen, wie es gekommen ist, daß ich meinen Entschluß so schnell geändert habe. Hadem, wenn Sie diesen Fürsten gehört hätten! Ich wollte Ihnen gerne jedes seiner Worte hinschreiben, aber wo blieben seine gutmütigen, menschenfreundlichen, väterlichen, geistreichen Blicke? wo das sanfte Spiel des Wohlwollens um seinen Mund? das Herz und Zutrauen Gewinnende in jeder seiner Äußerungen? der Nachklang seiner Stimme in dem Geiste? sein edler, ruhiger Anstand? – Sie wissen, Hadem, wie sehr ich das Ruhige, Feste im Betragen liebe, Sie wissen, an wem ich es so früh schon kennen und schätzen lernte! –

(Nachdem nun Ernst die obige Unterhaltung zwischen dem Fürsten und sich beschrieben, fährt er fort:)

Ich fühle, daß Sie Ihren Schüler glücklich preisen, dieses von seinem Fürsten, von einem teutschen Fürsten, gehört zu haben. Ich höre, daß Sie sagen: »Mein Ernst wäre meiner und des Führers nicht wert, dem ich ihn überließ, wenn er dieser Aufforderung nur mit dem leisesten Gedanken widerstanden hätte.« Und Sie haben recht, Hadem! Ich bin sein. Er fordere, was ich vermag; denn nie wird er fordern, was ich nicht vermöchte.[322]

Wie klopfte mein Herz, wie erhob sich mein Geist, als er von dem Briefe sprach, so davon sprach! Wie standen Sie an meiner Seite, wie griff meine Hand nach der Ihrigen! Wie strömte es aus meinem Herzen nach meinen Lippen, von Ihnen zu reden! Ich schwieg hier, ich mußte schweigen, aber das damalige Betragen meines Oheims war von so sonderbarer Art, daß ich wenigstens gegen ihn nicht schweigen konnte. Er schien betroffen, nachsinnend über die Veränderung meines Entschlusses, über das Benehmen, die Äußerungen des Fürsten gegen mich; und als ich ihm nun alles geradezu sagte, sprach er etwas von seinen guten Absichten und setzte endlich kalt hinzu, er habe es für klug gehalten, den Stolz des Jünglings nicht durch die Botschaft des Fürsten noch mehr zu reizen, und das aus der gegründeten Furcht, ihn durch das Gelungene des ersten Schritts zu mehreren zu verleiten, deren Erfolg nicht so glücklich ausfallen möchte.

Ich zeigte ihm das Widersprechende seiner damaligen und jetzigen Reden sehr gelinde und sagte:

»Gleichwohl hielten Sie mich zu jener Zeit für ganz unschuldig und schrieben meinem Hadem alles zu, so sehr ich Sie auch von dem Gegenteil versicherte.«

Er schwieg einige Augenblicke, und dann sagte er:

»Ich hatte meine Ursache dazu und habe sie noch jetzt.«

Ich erwiderte:

»Das Ding, welches Sie System nennen, mag vielleicht schuld daran sein; denn es erlaubt gar sonderbare Dinge. Freilich war ich nur ein Knabe, aber vielleicht waren Sie mir umso mehr die Wahrheit schuldig.«

Er antwortete:

»Der Mann sagt dem Knaben nur alsdann Wahrheit, wenn sie ihm wirklich nützt.«

Ich wollte ihn nicht aufbringen, ich wollte aus seinem Munde hören, was ich ahndete, und sagte:

»Ich bin es nun nicht mehr und bitte Sie jetzt als um eine Wohltat: sagen Sie mir, da Sie nichts mehr für mich zu fürchten haben, da Sie vernehmen, daß mir bekannt ist, wie der Fürst den Vorfall[323] ansah – hat Hadem Ihnen eingestanden, daß er mich zu diesem Schritte gereizt, daß er darum gewußt habe?«

Er erwiderte trocken, Sie hätten geschwiegen und Schweigen sei in einem solchen Falle ein Bekenntnis.

»Verzeihen Sie, lieber Oheim«, antwortete ich ihm, »machen Sie Ihre Wohltat ganz vollkommen! Zeigten Sie Hadem Unwillen über diese Tat? sagten Sie ihm, der Fürst habe das Geschehene übel aufgenommen?«

»Dieses tat ich«, erwiderte er verdrießlich, »weil es notwendig war, weil ich Sie fortlieben wollte.«

Und nun fiel die Hülle von meinen Augen. Sie standen verklärt vor mir, und der Schimmer Ihrer Verklärung verbreitete sich über mein ganzes Wesen. Ich dankte meinem Oheim mit Wärme und fühlte Tränen in meinen Augen.

Da erkannt ich meinen Hadem! – Es war ein Opfer, das Sie der Tugend brachten, ein schmerzliches, schönes Opfer. Und der Mann, der es brachte, der mir einen solchen bedeutenden Wink noch mitgab, eben der Mann, der dieses für einen Knaben, für seinen Schüler tat, mit Schmach und Vorwurf belastet ihn floh und alles stillschweigend ertrug, warnte den Knaben in dem letzten Augenblicke vor eben dem, was ihn zu der Tat antrieb – vor Übertreibung der Tugend, sprach von Maß und Regel der Tugend! – Hadem, ich halte mich an Ihre Handlung; in dieser liegt der Sinn, der mich leiten soll. Und ich sollte nach diesem Fingerzeige zweifelnd am Scheidewege stehen?




6.

Der Vater hörte das Betragen des Fürsten gegen seinen Sohn mit stiller Rührung an. »Gehe, mein Sohn«, sagte er, »es sind dein Vaterland und der edelste teutsche Fürst, die dich rufen. Fügte ich ein Wort hinzu, so müßt ich der Wirkung dieses Rufs auf dich nicht trauen. Für diese hier will ich schon sorgen. Riefe der Fürst mich an dem letzten Abend meines Lebens, so würde ich mich noch von meinem Lager aufmachen und ihm die letzten Stunden widmen. Eile zu ihm!«[324]

Als Ernst wieder vor dem Fürsten erschien, erklärte ihm dieser: »Ich habe eine Stelle für Sie gefunden, die Stelle eines Oberkammerrats in der Grafschaft ***; dem jetzigen Oberkammerrat dieser Grafschaft werde ich eine Stelle am Hofe geben, wie dieser, weil er alle Arbeit haßt, schon lange zu wünschen scheint. Sind Sie mit dieser Einrichtung zufrieden?«

Ernst sprach von seinen wenigen Kenntnissen in diesem Fache, und der Fürst antwortete ihm:

»Wille Gutes zu tun ist hier das Haupterfordernis, und was Ihnen an Kenntnissen fehlt, dazu wird Ihnen gern ein Mann behülflich sein, der sich Ihnen gewiß nicht versagt. Ich verweise Sie an den Kammerrat Kalkheim. Der eigensinnige gute Mann scheint nur auf Sie zu warten. Sie gewinnen ihn dem Lande gewiß wieder.«

Ernst ritt noch denselben Tag nach der Gegend, wo der Kammerrat sich aufhielt. Im ersten Dorfe seines Gartens fragte er nach ihm. Man wies ihn nach einem entlegenern, dort fand er den Kammerrat noch in derselben Lage und ebenso gesund, zufrieden und glücklich, wie er ihn das erstemal gesehen hatte. Kalkheims Freude war groß, als er Hadems Schüler in dem erwachsenen, bescheidnen, schönen jungen Mann erkannte. Und als sich der Kammerrat genug gefreuet und nach Hadem erkundigt hatte und immer froher ward, bezeigte ihm endlich Ernst seine Verwunderung, daß er sich aller Tätigkeit entzöge.

KAMMERRAT: Der Tätigkeit entzög ich mich? Lieber Herr von Falkenburg, im ganzen Fürstentum ist kein Mensch tätiger und eben darum auch glücklicher als ich. Mein Gott, sehen Sie mich doch nur an! Bin ich nicht so mager wie eine Nachtigall im Frühjahr? Sehen Sie denn das glänzende Fleisch der Trägheit an mir? Trag ich denn die Spuren der Langenweile in meinem Gesichte? oder der dummen Behaglichkeit oder der kalten, gefühllosen Gleichgültigkeit gegen das, was andern widerfährt? Sie glauben gar nicht, was ich alles zu tun habe. Ich bin der Arzt der ganzen Gegend für Menschen und Tiere. Da ich die Äcker der Bauern nicht mehr zu besorgen brauche (denn damit geht es noch immer gut), so sorge ich nun für ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Weiber, ihrer Kinder und ihres Viehes. Erschrecken[325] Sie nur nicht; denn ein so großer Arzt ich auch geworden bin, so brauche ich doch wenig Arzenei. Meine ganze Kunst besteht in gewissen Regeln der Diät; und da ich durch mein voriges Bemühen für die Zufriedenheit der Bauern gesorgt habe und weder der Kummer, die Sorge, noch das Elend meiner Kunst in die Hände arbeiten, so geht alles so herrlich, daß bisher an meiner Kunst noch keiner gestorben ist.

ERNST: Dies alles ist so vortrefflich als vernünftig. Aber sagen Sie mir doch – mein Oheim bot Ihnen ja nach unserm Besuche eine Stelle an; warum schlugen Sie die aus?

KAMMERRAT: Weil ich glücklich war und es mir schien, als ob Ihr Herr Oheim mit mir spaßte. Denn die Stelle, die er mir anbieten ließ, schien mir ein gar sonderbarer Einfall zu sein. Denken Sie nur – die Kammer wollte mich – was glauben Sie wohl! – die Kammer wollte mich in diesem Lande, unter diesem Himmelsstriche zum Vorsteher eines neu anzulegenden Seidenbaus machen. Lieber Herr von Falkenburg, in diesem ganzen Lande werden Sie keinen Strauch vom Maulbeerbaum finden. Doch dies ließe sich in Jahren wohl noch auftreiben; aber ich muß Ihnen sagen, daß ich in der Welt nichts mehr hasse als solche Künsteleien, solche unnatürliche Versetzungen, solche erzwungene Erzeugnisse. Doch auch dies täte noch nichts. Aber wozu ein Seidenbau? Unsre Bauern zugrunde zu richten? Ich weiß, daß dabei nichts herauskommt, ich weiß es so gewiß, daß ich, und wenn die Kammer mir tausend Dukaten Gehalt angeboten hätte, doch nein gesagt haben würde. Aber die Kammer hat es nie ernstlich gemeint, sie scherzte nur mit mir, und ich wunderte mich wirklich noch mehr darüber, daß sie dazu Zeit hat.

ERNST: Wie es scheint, hat die Kammer an Ihnen keinen Bewundrer, und sie machte es Ihnen darnach. Doch tut es mir jetzt leid; denn auch ich bin nun ein Mitglied dieser Kammer.

KAMMERRAT: Was Sie sagen!

ERNST: Und zwar Oberkammerrat, lieber Kalkheim.

KAMMERRAT: Wirklich? Nun, das freuet mich herzlich. Da hat doch der Fürst wieder etwas recht Vernünftiges getan, wie[326] er immer tut, wenn er aus eignem Triebe wählt und handelt. Ich wünsche Ihnen Glück.

ERNST: Aber bedenken Sie doch: ein junger, unerfahrner Mensch wie ich bin!

KAMMERRAT: Aber ein guter Mensch! Meinen Sie, daß ich vergessen hätte, wie Sie so jung um mich her gingen? Und Ihre Worte, und Ihre Blicke! – Ich sagte Ihnen freilich gar nichts, das ist so meine Art, denn dem Guten braucht man gar nicht zu verstehen zu geben, daß er gut ist. – Und sind Sie nicht ein Schüler Hadems? Das ist ein Mann, Herr von Falkenburg! Nicht wahr? Oh, wäre er nur hier! – Glauben Sie mir auf mein Wort, in solchen Geschäften macht ein guter Mensch selten dumme Streiche; denn eben darum, weil er gut ist, bekümmert er sich immer im voraus sorgfältig, was denen nützlich sein kann, für die er zu sorgen hat. Er dringt in alle ihre kleinen Angelegenheiten; und da er es ehrlich mit ihnen meint, so berechnet er den Gewinn nie auf den Augenblick, nie einseitig, er arbeitet für den Nutzen des Fürsten und des Landes, durch den Nutzen der Untertanen, und dann geht es. Sie können gar nicht glauben, Herr Oberkammerrat, wie einem alles gelingt, wenn man nur auf das Gute und Nützliche sieht und keine Nebenrücksichten hat.

ERNST: Sie sprechen ganz im Geiste unsers guten Fürsten. Doch – um auf das zu kommen, was mich heute eigentlich hierher führt und was ich von Ihnen zu erhalten wünsche – der Fürst schickt mich als einen Schüler zu Ihnen. Sie sollen mich durch Ihre Kenntnis in der Oberaufsicht der Grafschaft *** leiten, kurz, Sie sollen der Kammerrat dieser Grafschaft und mein Lehrer sein.

KAMMERRAT: Was? der Grafschaft ***? Und ich? ich soll sie an Ihrer Seite anbauen wie diesen Gau? Und das sagt der Fürst? das will der Fürst? Herr von Falkenburg, ich bin zu Ihren Diensten. Kommen Sie! Lassen Sie uns auf der Erde Gottes Gärtner sein und sie durch die Hände seiner Geschöpfe schmücken, solange wir darauf wandeln. Wir legen dadurch ein Fleckchen in seinem großen Garten an! Es lebe der Fürst! Er ist der erste, beste teutsche Mann seines Landes. Und gelegentlich werden[327] Sie ihm ja wohl sagen, daß Kalkheim der Narr nicht ist, für den die Kammer ihn hält.

ERNST: Das weiß er und soll es noch mehr erfahren. Morgen schicke ich Ihnen meinen Halbwagen, und Sie treten in der Stadt bei Ihrem Schüler ab.

KAMMERRAT: Gehorsamer Diener! Ich muß geschwind meinem Wirte die Neuigkeit sagen. Ach, die werden schreien! Sie glauben mich aufs Leben zu haben, und nun entwisch ich ihnen. Das wird ein Lärmen im Gau sein! Doch zum Glücke grenzen wir ja mit ihnen.




7.

Der Präsident hatte Ernstens Bestimmung schon erfahren, als dieser sie ihm anzeigte; doch stellte er sich, als hörte er etwas Neues von ihm. Auch wußte er, daß sein Neffe bei Kalkheim gewesen war.

PRÄSIDENT: So! Oberkammerrat, Neffe! Das geht geschwind! Ich gratuliere. Und der Oberkammerrat *** abgesetzt?

ERNST: Der Fürst stellt ihn nach seinem Wunsche am Hofe an.

PRÄSIDENT: So! am Hofe! Der Mann war mein Freund – er wird es ja wohl bleiben trotz der Veränderung. Sie glauben nicht, lieber Neffe, wie weh es einem tut, wenn ein Mann, mit dem man lange still und ohne Zänkerei den schweren Amtsweg gegangen ist, aus einem Departement abgeht.

ERNST: Liebster Oheim, das hieße doch auch diesen Amtsweg auf eine allzu ruhige Art wandeln wollen und setzte gar voraus, daß man sich gänzlich über diesen Weg miteinander verstände. Gleichwohl ist der Zweck nicht unser Einverständnis. Ich von meiner Seite freue mich wenigstens, daß ich bei dem Eintritt in die Geschäfte in meinem Oheim ein erfahrnes Oberhaupt vor mir finde.

PRÄSIDENT: Und zugleich Ihren ersten Blutsverwandten. Denken Sie denn, Neffe, daß mich dieses nicht auch freuet, recht sehr um meinetwillen freuet? Auch würde es mich um Ihrentwillen ebenso sehr freuen, aber nicht alle denken wie Ihr Oheim, lieber Neffe. Diese Geschäfte setzen so viele Erfahrung, so viele[328] Kenntnisse voraus! Freilich gibt sich das mit der Zeit, besonders wenn man einige Jahre bloß zuhört; aber werden die Alten nicht sagen: Ihr Neffe ist doch gar zu jung, um gleich da anzufangen, wo andre aufhören?

ERNST: Darin haben die Alten nicht unrecht; doch da es der Fürst nun einmal wollte, und auf eine Art wollte, welcher nicht zu widerstehen war, so halte ich mich an die Lehren des Kammerrats Kalkheim. Bei ihm will ich in die Schule gehen, und er ist eine so gute Quelle, daß er mich nicht Mangel leiden lassen wird.

PRÄSIDENT: So! Sind Sie etwa gestern bei ihm gewesen?

ERNST: Ja, ich habe ihn mir geworben, und der Fürst wies mich selbst an ihn.

PRÄSIDENT: So! Der Kammerrat hätte, der Rangordnung wegen, doch wohl zu Ihnen kommen können.

ERNST: Darauf sehe ich nicht; ich brauche ihn, nicht er mich. Und da mir der Fürst die Grafschaft *** übergab, wem hätte ich mich besser anvertrauen können als ihm?

PRÄSIDENT: So! Ist er wieder eingesetzt, und zwar als Kammerrat? Sonderbar, höchst sonderbar, daß der Präsident dieses alles nur so von der Seite hört! Ein Oberkammerrat abgesetzt, ein Oberkammerrat angestellt, ein abgesetzter Kammerrat von neuem eingesetzt! Das ist wahr, die Kammer wird sich wundern! Nicht darüber, lieber Neffe, daß Sie Oberkammerrat geworden sind, sondern daß es so geschah. Aber mit Ihnen geht alles einen eignen Gang, und ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu.

ERNST: Ich danke Ihnen. Gleichwohl begreife ich nicht, wie sich die Kammer wundern sollte, da doch der Fürst den Oheim in dem Neffen zu ehren glaubt, wenn er den Neffen, sei es auch auf eine eigne Art, in eben dem Departement anstellt, dem der Oheim vorsteht. Natürlich konnte er auch den Gedanken dabei haben, daß der Oheim und der Neffe sich leichter und besser darüber verstehen würden, was seinem Lande, und dadurch ihm, nützlich sei. Hätte er diese Meinung nicht von meinem Oheim, so müßte er ja befürchten, daß er seine Macht in eben dieser Kammer zum Nachteil seines Landes verstärkte.[329]

PRÄSIDENT: Sehr richtig und fein bemerkt! Ja! es ließe sich so erklären; auch will ich es denen, die sich darüber wundern, so auslegen. Und was für einen Plan haben Sie bei der Verwaltung der Geschäfte? Wie werden Sie es angreifen? Alles ist jetzt durch mein Bemühen so schön im Gange – und das Neuern – lieber Neffe, hüten Sie sich ja vor dem Neueren! –

ERNST: Hier kann nie die Rede vom Neueren sein. Warum sollte man das Alte stören, wenn es gut ist! Etwas verbessern, hier oder dort nachhelfen heißt ja nur, der wohltätigen Natur zu Hülfe kommen, ihr durch Fleiß und gehörige Anwendung der Erfahrung von ihren reichen Schätzen mehr abgewinnen. Dies hat der Kammerrat Kalkheim dem ganzen Lande schon lange bewiesen.

PRÄSIDENT: So! der! Ich wünsche es von Herzen und werde dem vortrefflichen Fürsten für alles danken, was er der Familie zu Ehren getan hat, und das, sobald es ihm belieben wird, uns Ihre schriftliche Bestallung zuzusenden. Kommen Sie doch zum Abendessen; Sie werden Gäste im Saale finden. Da können Sie noch heute Bekanntschaften mit Leuten machen, mit denen Sie von nun an Verkehr genug haben werden. Sie müssen übrigens meine Äußerungen ja nicht mißdeuten! Wir im Amte grau gewordenen Leute sind so besorglich, daß wir von den jungen gar leicht mißverstanden werden. Und doch geht es den jungen Leuten gerade so, wenn sie dahin gelangen, wo wir Alten nun stehen.

Ernst fand den Ton und das Betragen seines Oheims sehr sonderbar, aber er war weit entfernt, die rechte Ursache davon zu ahnden. Seiner reinen Absichten allzu sicher, glaubte er, der Stolz seines Oheims sei nur dadurch beleidigt, daß der Fürst alles ohne sein Vorwissen getan habe. Daher glaubte er, diese Empfindlichkeit würde bald vorübergehen. Freilich hatte er einen Teil der Ursachen von dem Betragen seines Oheims erraten, aber er war weit entfernt, die Wirkung derselben zu vermuten. Der Präsident meinte, der Fürst hätte dieses auf keine Weise ohne ihn tun können und dürfen; und da er es doch gewagt, so müßte sein Neffe schuld daran sein und aus geheimen Ursachen auf[330] eine Art gebeten haben, wodurch der Fürst überrascht worden wäre. In dieser Meinung bestärkte ihn Ernst hauptsächlich dadurch, daß er sich äußerte, er würde sich dem Kammerrat anvertrauen und ihn bei der Grafschaft anstellen, die ihm übertragen sei. In diesem Augenblicke fiel dem Präsidenten die ganze Geschichte des Briefes für den Kammerrat, Ernstens Bitte für ihn und die Lobeserhebungen desselben wieder ein. Und so sah er in dem jetzigen Benehmen seines Neffen nichts als den festen Plan, die ganze Führung der Kammer in ein widriges Licht zu setzen und alles nach des Kammerrats närrischen Grillen einzurichten. Gelänge nun dieses, so sah er sein ganzes Ansehen von seinem Neffen verdunkelt, alle seine bisherigen Bemühungen als zwecklos dar gestellt; und erhielt er sich auch auf seiner Stelle als Präsident, so waren dann doch alle Hoffnungen verschwunden, sie seinem Sohne, der jetzt auf Reisen war, als Erbschaft zu hinterlassen. Von diesem Augenblick an sah er in seinem Neffen nicht nur einen gefährlichen Menschen, sondern auch einen schlechten Verwandten und glaubte sich verpflichtet, ihm auf eine Art entgegenarbeiten zu müssen, daß er keins von beiden öffentlich tätig werden möchte, sein eignes Betragen aber so einzurichten, daß er immer mit ihm in einem äußern guten Verhältnisse bliebe. Denn er merkte dem Toren wohl an, daß er den Oheim leicht seiner Schimäre und seinen vermeinten guten Absichten nachsetzen würde. Nun ging er sogleich an das Werk; er sprach zu den versammelten Gästen mit den größten Lobeserhebungen von seinem Neffen, rühmte die besondere Gnade des Fürsten für ihn, bewies sie durch die Art, wie er angestellt worden sei, und wünschte sehr, daß alles recht gut gehen – daß die alten, erfahrnen Leute die Sache nur recht nehmen und verstehen möchten. Dieses sei um so mehr nötig, da sein Neffe ein Mann von festen Grundsätzen wäre, der auf seinem Sinne beharre, der das, was er für gut halte, auf jede Gefahr behaupte und durchzusetzen suche, wobei ihm der vortreffliche Fürst, der gleich ihm das Gute wolle, gewiß mit allen Kräften beistehen werde.

Renot kam. Der Präsident zog ihn auf die Seite und sagte:

»Sie haben nur geprahlt, lieber Renot. Mein Neffe ist noch so[331] krank als er war, vielleicht noch kränker. Wissen Sie, was sein erstes Geschäft war? Nach dem närrischen Kammerrat Kalkheim zu reiten und sich einen Schulmeister in ihm zu holen. Das sagte er mir, seinem Oheim. Was meinen Sie, das der Kammer bevorsteht? Eine Reform! eine Reform! Mein Neffe ist in Frankreich gewesen; und wenn sich seine Schimäre mit der Schimäre der Physiokraten vermählt hat, so wird in unserm Lande etwas Artiges zum Vorschein kommen.«

RENOT: Einer gegen die ganze Kammer? Was Sie mir da sagen, Herr Präsident! Ein junger Mann gegen eine ganze fürstliche Kammer, und der erfahrne kluge Präsident, sein Oheim, an der Spitze dieser Kammer? Wenn ich für einen fürchtete, so wär es für ihn. Doch der junge Mann wird wohl auf den erfahrnen Oheim hören, wird bei dem ersten Fehltritt einsehen, daß es sich in dem Lande der Wirklichkeit nicht so leicht schwebt wie in dem Lande der Schimären. Es sollte mir leid um ihn tun, wenn er diese wirklich bittere Erfahrung machen müßte.

PRÄSIDENT: So bedenken Sie meine Sorge, die Sorge eines Oheims. Er ist der einzige Sohn einer geliebten Schwester. Aber sagen Sie, lieber Renot, kann ich es zugeben als Staatsmann, als Patriot, als Minister, als Bürger, daß ein junger Mensch, und sei er auch mein Neffe, sei er auch mein Sohn, die Ordnung störe, die ich mit so vieler Mühe endlich so weit gebracht habe, daß alles nach Tabellen geht? Sie sehen, ich hange auch an Schimären; aber die Schimären, denen ich nachlaufe, halten Land und Leute zusammen. Es tut mir wahrlich weh, so reden zu müssen, doch ich bin gerecht, und umso gerechter, da ich ein Mitglied meiner Familie tadle, da ich, bei Gott! alles darum geben möchte, ihn dem Staate so nützlich zu machen, als er sein könnte, wenn er sich leiten ließe. Da sehen Sie nun die Früchte von der Erziehung eines Pedanten!

RENOT: Sie werden noch sonderbarere Dinge sehen!

PRÄSIDENT: Das fürcht ich eben. – Sich so gar nicht mit klügern Leuten zu beraten, so seinen eignen Gang gehen zu wollen, als sei die Welt ein Wirtshaus, wo man eintritt, ohne sich um die Gäste zu bekümmern, die um einen her sitzen – das kann nicht[332] gut gehen. Alle Räte wundern sich schon über das Benehmen des Fürsten. – Mir macht es in allem Betracht Ehre; aber um seinetwillen wünscht ich, es wäre anders gegangen. Lieber Renot, er wird sich gewiß bald lächerlich und dann verhaßt machen. Und ich, der ich dieses alles voraussehe, muß es geschehen lassen; denn Sie glauben gar nicht, wie bestimmt er ist.

RENOT: Wenn er bestimmte Leute vor sich findet, wird er schon herunterstimmen.

PRÄSIDENT: Das eben glaube ich nicht. Höher, höher wird es ihn treiben, so hoch –

RENOT: Bis er fällt, meinen Sie doch.

PRÄSIDENT: Und das sollt ich erleben?

RENOT: Um Ihnen den Kummer zu ersparen, muß man ihn durch Mittel zu retten suchen, die seine Erfahrung schneller belehren.

PRÄSIDENT: Er wird sich jedermann zum Feinde machen.

RENOT: Kluge Feinde, Ew. Exzellenz, sind in solchen Fällen beßre Lehrer als nachgiebige Freunde. Das alles wird sich schon geben, das alles wird schon in das gewöhnliche Geleise kommen. Ich wundere mich nur über Ihre Unruhe; denn noch habe ich nicht erlebt, daß ein einzelner ein verbundnes Kollegium unter sich gebracht hätte, wenn allgemeines Interesse das Kollegium gegen den einzelnen verband. Gewöhnlich endigt der einzelne damit, daß er denkt, wie die andern wollen, oder daß er schweigt, weil er einsieht, daß er mit der Unmöglichkeit kämpft. Aber Ihrer zärtlichen Freundschaft für Ihren Neffen kommt in diesem Augenblick alles ganz anders vor; und das ist sehr natürlich.

Die Gäste waren so gut vorbereitet, daß Ernst wohl freundliche Gesichter, aber sehr empörte und unruhige Herzen antraf. So legte er in aller Unschuld des Herzens, mit den reinsten Absichten den Grund zu einer Zwietracht zwischen sich, seinem Oheim und dessen Anhang, aus welcher endlich der tätigste Haß wurde; und da er dieses nicht ahndete, so trieben seine Feinde ihr Spiel gegen ihn so lange im stillen fort, bis er, von seinem eignen Schicksal gedrängt, auf den Punkt getrieben ward, wo man alles offen, furchtlos und ohne Schonung wagen durfte.


8.

[333] Als nun der Kammer die Bestallung übersandt worden war und Ernst nebst dem Kammerrat Kalkheim zum erstenmal der Sitzung beiwohnen sollte, fehlte der letztere. Man schickte nach ihm. Er kam; aber anstatt Platz zu nehmen, stellte er sich vor die Versammlung und erklärte, er fühle sich noch nicht würdig, neben seinen Herren Kollegen zu sitzen.

Man las ihm seine Einsetzung vor, und er sagte:

»Ich danke dem gnädigen Fürsten; auch sehe ich, daß ich vor ihm rein bin. Aber da ich es nicht vor Ihnen und dem Publikum bin, so sähe meine Einsetzung allzu sehr wie bloße Gnade aus. Wegen meines schlechten Beispiels, wegen Eingriffs in die Kasse oder wegen unerlaubter Verwendung der Kassengelder bin ich von der Kammer meines Amtes entsetzt worden, erscheine folglich als ein Mann, dem keine Kasse mehr anvertrauet werden darf. War mein Vergehen damals gegründet, so ist es noch heute gegründet, ist es niemals gegründet gewesen, so muß die Kammer mich reinigen; und dieses kann nicht anders geschehen, als daß man mein Vergehen nochmals untersucht. Zu diesem Behufe überreiche ich dem Herrn Kammerpräsidenten meine untertänige Bitte an Se. Durchlaucht, unsern Landesfürsten.«

Der Präsident sah bald den Kammerrat, bald seinen Neffen, bald die Räte während Kalkheims Rede an. Als dieser endigte, sagte er:

»Da Se. Durchlaucht den damaligen Beschluß der Kammer bestätigt haben, so ist jetzt jede weitere Vorstellung unnötig, sogar beleidigend für den Fürsten und die Kammer, weil sie einen Vorwurf angetanen Unrechts enthalten würde.«

KAMMERRAT: Das tut sie auch, wenn sich die Kammer geirrt hat, was nun zu untersuchen ist. Der Fürst wird mir den Vorwurf des Unrechts gewiß verzeihen; denn nach der Vorstellung der Kammer glaubte er recht zu tun. Doch dieses wird sich ja alles aufklären. In einem Punkt hat die Kammer sich gewiß einmal geirrt; denn sagen Sie mir doch: wie konnte die Kammer für das vorgegriffene Gehalt zweier Monate mein Haus[334] und meinen Garten verkaufen und die Sache meiner übrigen Gläubiger über sich nehmen, die gar nicht einmal erschienen, die gar nichts forderten, die die Kammer selbst aufsuchte? Wie konnte die Kammer vergessen, daß sie schuldig war, mir das für das Beste des Landes angewendete Geld zu ersetzen, wovon ich hier die gerichtlich bestätigten Rechnungen beigelegt habe?

PRÄSIDENT: Sie hatten es ohne allen Befehl getan, lieber Kammerrat; und bedenken Sie doch, wozu dieses führen würde, wenn jeder Beamte nach eignem Dünkel mit den fürstlichen Geldern verfahren wollte! Ich gestehe, daß es sehr drückend für Sie war, daß Sie es noch heute hart finden müssen; aber als ein so erfahrner und uneigennütziger Mann wissen Sie auch, daß die mit den besten Absichten unternommene Tat, wenn sie in Ansehung anderer schlimme Folgen haben kann, bestraft werden muß, sobald sie das Gesetz verletzt.

KAMMERRAT: Ew. Exzellenz haben wohl recht, aber auch ich kann recht haben; und da wir uns über diesen Punkt wohl schwerlich vereinigen können, so werde ich mein Amt nicht eher antreten, als bis ich durch einen neuen Spruch gänzlich gereinigt oder verworfen bin.

PRÄSIDENT: Der Fürst und die Kammer haben Sie dadurch freigesprochen, daß Sie wieder eingesetzt worden sind.

KAMMERRAT: Mich dünkt es nicht so. – Und dann, meine Herren, bedenken Sie doch den armen Wirt in meinem Hause und nehmen Sie nicht übel, daß ich in meiner Bitte da auf Ersatz meines Porträts, des Verschwenders, für ihn dringe. Er hat es, wie er behauptet, auf Befehl müssen machen lassen; und gewiß, es war so kostbar nicht nötig. Ich bitte demnach für ihn.

Er trat ab.

Alle schwiegen und sahen einander an.

»Was sagen Sie dazu, meine Herren?« rief endlich der Präsident ungeduldig. »So geht es immer, wenn man sich für Leute verwendet, die sich in keine bürgerliche Ordnung fügen wollen.« Er sah Ernsten bei diesen Worten an.

Man schwieg, und Ernst nahm das Wort:[335]

»Herr Präsident, mich dünkt vielmehr, daß der Kammerrat sich recht in die bürgerliche Ordnung hineinfügt. Denn nach seinem Gewissen könnte er ganz ruhig unter uns Platz nehmen; aber er achtet die Meinung anderer, wie jeder öffentliche Beamte tun muß. Auch beweist er Ihnen dadurch, wie viel ihm an der Ehre der Kammer gelegen ist. Würde es nicht selbst auf die Kammer einen Schatten werfen, wenn sie ohne weitere Untersuchung ein Mitglied wieder aufnähme, das sie wegen einer zweideutigen Handlung auszustoßen sich genötiget sah? War die Kammer damals gerecht, so muß sie bei ihrem Spruche verbleiben und den, welchen sie einmal ausstoßen mußte, selbst auf Befehl des Fürsten nicht wieder aufnehmen. War der Spruch übereilt, aus Irrtum oder Parteilichkeit gefällt, so hat die Kammer zweierlei zu beobachten: den gemachten Fehler zu verbessern und es so einzuleiten, daß der Mann befriedigt werde und die Ehre der Kammer dabei so wenig als möglich leide.«

Der Präsident ergrimmte in seinem Innern; denn von dem Augenblicke an, da Ernst zu reden anfing und er die Wendung vernahm, die dieser der Sache gab, hielt er sich für überzeugt, nur er habe den Handel mit dem Kammerrat abgeredet, um sich an ihm wegen dieses Mannes zu rächen und die Kammer bei dem Fürsten in einen übeln Ruf zu bringen. Brauch ich zu sagen, daß Ernst kein Wort von dem Vorhaben des Kammerrats wußte?

Der Präsident erhob nun laut seine Stimme:

»Herr Oberkammerrat, liegt Ihnen etwas an der Ehre der Kammer, deren Mitglied Sie sind und deren Sitzung Sie heute zum erstenmal beiwohnen, so können Sie unmöglich bei dieser Meinung verbleiben; denn ich will Ihnen klar beweisen, daß die Grille dieses Mannes, sie sei ihm nun eingeblasen oder er sei von selbst darauf verfallen, so unerträglich als beleidigend ist. Der Fürst verzeiht ihm seinen Fehler, um es gelinde zu nennen, aus Großmut, hält ihn für gestraft genug, und die Kammer selbst zeigt sich geneigt, alles Geschehene zu vergessen; würde sie sonst nicht gegen seine Einsetzung protestiert haben? Nun kommt dieser Mann aus eignem oder fremdem Triebe und will eben diese Kammer zwingen, daß sie sich vor den Augen des[336] Fürsten und des Publikums für ungerecht erkläre, damit nur er als ein ganz unschuldig Beleidigter dastehe!«

ERNST: Eben darum, weil es ihm nicht genügt, daß man ihm seinen Fehler bloß vergesse und verzeihe. Und wenn sich nun wirklich aus den Akten ergäbe, daß er unschuldig wäre? Was wird in diesem Falle die Kammer für größre Ehre halten: einzugestehen, daß sie sich in einem oder dem andern Punkte geirrt habe, oder in ihrem angetanen Unrecht zu verharren? Ich hoffe, die Kammer hält sich nicht für unfehlbar; denn ich sehe hier nur Menschen um mich sitzen, wie ich einer bin.

PRÄSIDENT: Die Kammer hält sich nicht für unfehlbar, wohl aber den Fürsten.

ERNST: Verzeihen Sie mir. So wie ich den Fürsten zu kennen die Ehre habe, wird er Ihnen für diese Meinung wenig Dank wissen, und in Angelegenheiten, wo er bloß nach Ihren Berichten urteilt, am allerwenigsten.

PRÄSIDENT: So hält sich die Ordnung des Staats, das System, wodurch er zusammengehalten wird, für unfehlbar. Herr Oberkammerrat; und in Kollisionsfällen, deren Ihnen noch genug aufstoßen werden, geht es über Vorurteile hinaus, um des Ganzen und seines Besten willen.

ERNST: Diese Worte sind mir nun nicht mehr so neu, daß ich davor erschrecken sollte. Die Kollisionsfälle erwarte ich, und die Lehre, auf die Sie jetzt deuten, habe ich in großen Staaten oft vernommen. Aber wann geschieht dieses? wann ziehen sich die Diener eines Staats hinter ein solches Bollwerk, das sie System in diesem Sinne nennen? Nur dann, wenn es dahin gekommen ist, daß sie das Licht scheuen; wenn sie alles so verwirrt und aufgelöst haben, daß sie sich nur durch schlechte Mittel zu helfen suchen, oder der schlechten so gewohnt sind, daß sie die guten, auch bei dem sichtbarsten Nutzen, verwerfen. Doch die Ursachen davon gehören nicht hierher, weil wir nicht in diesem Falle sind. Wir sind so glücklich, in keinem großen Staate zu leben, noch weniger in einem verderbten großen Staate, und haben gar nicht nötig, dem vermeinten Besten des Ganzen unschuldige Opfer zu schlachten, damit unser Spiel fortdaure[337] und sich nicht enthülle. Und aus diesem Zutrauen auf Sie, Herr Präsident, und auf diese Herren und alle Diener des Fürsten wage ich es, mich diesem Schreckenswort entgegenzustellen.

PRÄSIDENT: Ich bin zu alt zum Wagen. Doch davon ist jetzt nicht die Rede, und die Kammer ist kein Ort zum Streiten über Meinungen; auch kann hier die Meinung des einzelnen nicht bestimmen. Die Frage ist, soll die Bitte dem Fürsten vorgetragen werden? Hat der Mann da ein Recht dazu, es zu fordern?

ERNST: Hat er keins dazu, was wagt die Kammer?

PRÄSIDENT: Ich setze die Frage anders. Verstattet es das Herkommen, der Gebrauch?

ERNST: Die Frage ist durch Herkommen und Gebrauch beantwortet; und selbst das System, auf welches Sie sich stützen, erfordert, daß der wegen einer zweideutigen Tat durch einen Spruch verurteilte Beamte erst gereinigt werde, bevor er die Stelle wiedereinnimmt, aus welcher ihn der Spruch gestoßen hat.

PRÄSIDENT: Ich höre nur Sie.

ERNST: Vermutlich, weil diese Herren auch meiner Meinung sind.

Der Präsident brachte eine andere Sache vor. Nach Endigung der Sitzung bot er seinem Neffen einen Platz in seinem Wagen an und lud ihn zum Mittagessen ein. Er drang nun in ihn, den Kammerrat zu bewegen, von seiner Bitte abzustehen, und unterstützte seine Forderung mit allen den Scheingründen, die ihm hier seine Erfahrung darbot. Ernst antwortete, dies sei eine Gewissenssache des Kammerrats, in die er sich nicht mischen könne. Wolle Kalkheim abstehen, so möge er es tun; er würde ihm hierzu ebenso wenig raten, als er ihm geraten hätte, die Vorstellung der Kammer zu übergeben.

»Neffe«, sagte der Präsident, »Sie handeln nicht als Verwandter; Sie opfern einem Grillenfänger das Ansehn Ihres Oheims auf.«

ERNST: Ihr Vorwurf würde mich rühren und beschämen, wenn ich nicht eben jetzt die größte Achtung für Ihr Ansehen bewiese, freilich nach meiner Denkungsart. Erklärte ich mich weiter, so wäre es Vermessenheit, und ich könnte mir nur dadurch einen gerechtern Vorwurf von Ihnen zuziehen.[338]

PRÄSIDENT: Grillen! – Lassen Sie Kalkheim da, wo er ist. Ich will ihn anderwärts entschädigen, und wir schlagen die unangenehme Sache nieder.

ERNST: Sie vergessen, daß der Fürst mich an ihn wies, daß er ihn wieder eingesetzt hat.

PRÄSIDENT: Dem Fürsten wird die Sache vorzutragen sein. Überlassen Sie das mir und schweigen Sie nur von Kalkheim. Ich weiß, wie man es macht, daß der Fürst ein Ding vergißt.

ERNST: Oheim!

PRÄSIDENT: Nun, Neffe?

ERNST: Ich bin nicht Ihres Systems und werde es nie sein.

PRÄSIDENT: Immer jung in der Welt! – Desto schlimmer für Sie!

ERNST: Lieber das Schlimmere für mich.

PRÄSIDENT: Es wird nicht ausbleiben. – Sie wollen Krieg, junger Mann. Freilich, Sie sind stark, mutig, das Herz schlägt hoch, der Geist ist stolz; wir sind alt, zaghaft, niedergebeugt von der schweren Arbeit – wir bleiben nur bei dem Alten, weil wir bisher gut dabei gefahren sind – Also Krieg! Warum nicht, wenn es sein muß?

ERNST: So weit verkennen Sie mich, Oheim? Ich Krieg mit Ihnen? und so führen Sie mich in die Welt ein? So abschreckend deuten Sie mir auf die kaum betretne Laufbahn?

PRÄSIDENT: Fahren Sie nur so fort, Neffe, und ich sage Ihnen als ein Mann, der die Welt kennt: Sie werden auf dieser Bahn, die Sie so stürmend betreten, nicht weit kommen, sie noch weit vom Ziele verlassen müssen. Ihr Lohn wird Haß und Undank sein. Sie werden sich und die Menschen, für die Sie arbeiten zu wollen vorgeben, auch um das wenige Gute bringen, das die Menschen uns zu tun erlauben.

ERNST: Es ist traurig und niederschlagend, was Sie mir sagen, und doch für mich nicht abschreckend. Geschieht dieses, so werde ich mich damit trösten, daß es nicht meine Schuld ist. Diejenigen mögen die Schuld über sich nehmen, die uns zu solchen Erfahrungen zwingen.

PRÄSIDENT: Oh, sie tragen leicht daran.[339]

ERNST: Dieses weiß ich leider, so jung ich bin, und beneide sie nicht darum.

PRÄSIDENT: Ich sagte Ihnen das, weil ich mehr an Ihr Bestes denke als Sie selbst. Sie wollen Kalkheim nicht bereden?

ERNST: Bereden!

PRÄSIDENT: Das Wort ist teutsch, Neffe – warum nicht? Es sei denn, daß der Tor Ihnen lieber ist als Ihr Oheim, der Bruder Ihrer seligen Mutter. – Sie schweigen? – Gut, ich werde dem Fürsten die Vorstellung übergeben; denn mir liegt ja mehr an meines Neffen Freundschaft, an seiner guten Meinung als ihm, wie es scheint, an der meinigen.

ERNST faßte gerührt seine Hand: Liebster Oheim, hören Sie jetzt auf, Präsident der Kammer zu sein – vergessen Sie, daß wir verschieden denken; sein Sie mein Oheim, ich bitte Sie. Erinnern Sie sich, daß Ihr Neffe unter Ihrer Leitung, Ihrer Aufsicht in das bürgerliche Leben eintritt. Machen Sie ihm seinen Weg nicht allzu düster. Bedenken Sie, welchen Gefahren Sie den von den besten Wünschen ganz erfüllten Unkundigen aussetzen! Was für Eindruck Ihre Worte auf ihn machen müssen!

PRÄSIDENT: Davon sehe ich nichts; es wird sich ja schon alles geben. Jetzt geht es nach Ihrem Willen. Kommen Sie. Nun führt der Oheim den Neffen zurück, und der ungeschmeidige Präsident bleibt in diesem Kabinett. Lassen Sie den Oberkammerrat nur auch hier.

Er sagte dieses so freundlich, daß Ernst ihm die Hand drückte und ihm mit Zuversicht in die Augen sah. Sein Blick war so frei und unbefangen, daß er selbst den Groll des Oheims auf einen Augenblick besänftigte.

An der Tafel ging es so, als wäre nichts vorgefallen. Ernst verfiel in Nachsinnen über das, was er heute gehört und erfahren hatte; die anscheinende Gleichgültigkeit, das freundliche, zuvorkommende Wesen seines Oheims unterhielten dieses Nachsinnen. Die Frage kam ihm immer wieder: »Ist es wirklich die Frucht der Geschäfte, daß der Geist und das Herz des Menschen so eng, sein Blick so einseitig wird?« – Er konnte sich diese Frage nur damit beantworten: »Ach, es kommt daher, daß der Mensch bei[340] den Geschäften nicht sich selbst vergessen kann, daß er nur sich zum Zweck hat, und den Zweck des aufgetragenen Geschäfts nur insoweit befördert, als er sich mit dem seinigen verträgt. Will dieses nicht gehen, so opfert er das Fremde dem Seinigen auf. Und in der Mitte solcher Menschen stehst du nun und hast ihnen den Kampf schon angeboten!«

Er konnte nicht mehr heiter werden, und seine ernste, tiefsinnige Miene mißfiel den Anwesenden nicht weniger als seine Tätigkeit am Morgen. Sie legten ihm diese als Herrschsucht, auf Eitelkeit gegründete Ruhmsucht aus und jene als Verachtung, besonders da sie sich alle Mühe gegeben hatten, auf ihre Art munter und witzig zu sein. Eine solche Vernachlässigung verzeihen trockne, kalte Geschäftsleute denen am allerwenigsten, die im Rufe stehen, als besäßen sie Geist, Welt, Verstand und sogenannte feine Kenntnisse.

Ernst überließ ihnen das Feld und ward nicht vergessen.

Der Präsident unterhielt sich später allein mit Renot. Dieser spottete seiner Ängstlichkeit und sagte:

»Es geht ja alles erwünscht mit Ihrem Neffen. Er wird sich in kurzem einen erstaunlich großen Namen machen, viel Aufmerksamkeit erregen; und Sie wissen ja, was dieses nach sich zieht. Auch wissen Sie, wie ein großer Mann unmerklich wieder so klein wird, daß man am Ende gar nicht begreifen kann, wie und wodurch er groß gewesen ist. Ich habe schon manchen so im Echo verhallen hören wie die letzten Seufzer eines verlaßnen Verliebten. Es ist wirklich schade um den Herrn von Falkenburg! Man muß ihn aber einmal seinen gewählten Gang gehen lassen. Die Hindernisse finden sich von selbst; denn Geister dieser Art erschaffen sie, ohne daß andere Leute sich Mühe dabei geben. So viel ist gewiß, daß unser vortrefflicher Fürst nicht aufhört, von unserm jungen Oberkammerrat zu reden. Er ist stolz auf ihn und versichert laut, ihm sei noch kein teutscher junger Edelmann wie dieser da vorgekommen. Und tritt Ihr Neffe im Kreise des Hofes auf, Herr Präsident, so sollte man nach der Wirkung auf den Fürsten glauben, es träte ein Wesen höherer Art in die Gesellschaft. Und, bei Gott! Herr Präsident, Ihr Neffe hat so[341] etwas nur ihm Eignes in seinen Blicken, seinem Betragen, als erschiene wirklich ein Ding aus der Geisterwelt unter uns gemeinen Menschen. Man vergißt zu lachen über die Bewunderung des Fremden und Ungewöhnlichen.«

PRÄSIDENT: Sie haben ganz recht, daß Sie sich des Lachens enthalten, Herr Renot, und ich würde es nicht ertragen, weder von Ihnen noch von andern. Ich kann mich wohl über meinen Neffen ärgern; aber geachtet will ich ihn wissen. Doch dafür wird er selbst schon sorgen. Was ich tue, was ich wünsche, zielt nur auf sein eignes Bestes.

RENOT: Nun so wünsche ich, daß Sie Ihren Zweck erreichen mögen.

Als der Kammerrat Kalkheim Ernsten erblickte, rief er ihm zu:

»Nun, Herr Oberkammerrat? hab ich es nicht gut gemacht?«

ERNST: Das Rechte ist immer gut getan. Aber wie kommen Sie so schnell dazu?

KAMMERRAT: Das Ding kam mir gerade aus dem Herzen in den Kopf, und da dachte ich, lieber wollte ich zu meinen Freunden auf dem Lande zurückkehren als schweigen. Ich bin ein guter Narr, wie die Kammer sagt; aber wenn mir so etwas und auf diese Art einfällt, so laß ich ihm freien Lauf. Und hören Sie, Ihnen bleibe ich auf jeden Fall, die Kammer mag beschließen was sie will; und wenn es Ihnen gefällt, so gehe ich schon morgen hinaus und setze mich dort fest. Die Leute kennen mich alle, und wenn ich gar sage, daß ich von Ihnen komme, so wird der Freude kein Ende sein, denn der Schulze, bei dem Sie mich als Junker besuchten, hat schon damals einen so großen Lärmen von Ihnen gemacht – Sie sind doch nicht böse?

ERNST: Worüber könnte ich es sein?

KAMMERRAT: Wegen der Kammer da – wegen meiner Vorstellung. Gewiß, ich konnte nicht anders, und es betrifft mich ja nicht allein.

ERNST: Und wen betrifft es denn noch?

KAMMERRAT: Den armen zugrunde gerichteten Wirt in der Schenke zum Verschwender. Sehen Sie, wenn mir die Kammer[342] mein Haus zurückgibt, so muß sie die Summe dafür zurückzahlen, und das Ende seines Elends ist da.

ERNST: Vortrefflich! Ich dachte wohl, daß Sie noch einen besondern Beweggrund hätten. Ach, lieber Kalkheim, auch dieser Grund würde an den harten Ohren jener Herren vorüberrauschen.

KAMMERRAT: Wenn Sie ihn nur hören und die nur tun müssen, was rechtens ist. Und mein prächtiges Porträt, das müssen sie dem Wirte gewiß bezahlen.


9.

An dem Abend eben dieses Tages sollte Ernst durch die reinste und schönste Empfindung seines Herzens der harten Prüfung entgegengezogen werden, die das Schicksal ihm bestimmt hatte. Er konnte nicht ahnden, daß es den schönsten Rosenweg des menschlichen Lebens, auf dem die Natur uns zu ihrem schönsten Zwecke hinführt, dazu wählen würde. Ich kann nicht umhin anzudeuten, was ich vielleicht jetzt noch verbergen sollte. Das noch ferne, düstre Geschick des edeln Mannes, welches sich von nun an aus allem, was er beginnt, entwickelt, schwebt unter einem Trauerflore so nahe vor meinem Geiste, daß ich selbst bei den glücklichen Augenblicken, die ich nun beschreiben sollte, die tiefe melancholische Rührung nicht verbergen kann. Und schwiege ich auch davon – würde sie nicht sichtbar sein? würde ich dem Leser nicht als ein Mann vorkommen, welcher einen der Jugend zum frohen Tanze bestimmten Saal mit schwarzem Boie ausschlüge und unter rauschende Musik stille Trauerchöre mischte? Ich will mich fassen, so viel ich kann.

Ernst war von dem Minister *** zum Konzert eingeladen. Die blühende Jugend der Stadt hatte sich da versammelt, um die Alten durch ihre in der Musik gemachten Fortschritte in den Frühling des Lebens zurückzurufen. Amalie, die Tochter des Ministers, hatte nun den schönsten Grad ihrer Blüte erreicht, und vergebens würde ich es wagen, ihre Schönheit zu beschreiben; denn ihre Schönheit hatte sich mit dem erhabenen Ausdruck[343] des Geistes und der innern Anmut so vermählt, daß die Seele zwar diese Harmonie wahrnehmen und in ein Bild vereinigen kann, aber vergebens sich bemühet, sie durch sinnliche Zeichen und zerstückelte Züge zu schildern. Das, womit die Natur sie so liebkosend überschüttet hatte, erhielt durch die erworbenen Talente, und besonders durch die Musik, einen solchen unwiderstehlichen Reiz, daß ihr Anblick selbst diejenigen begeisterte, die nur für das bloß Sichtbare Sinn zu haben schienen.

Als sie aus dem Kreise ihrer Gespielinnen hervortrat und sich dem Klaviere näherte, erblickte sie Ernst. Er erkannte sie. Ihr Bild ruhete in seiner Seele, ihm unbewußt; nun enthüllte es sich. In diesem Augenblick erwachte die ganze damalige Szene in seinem Geiste; er erinnerte sich alles, der Worte Hadems über die Romane und seines eignen Gefühls, so lebendig, als habe die Zeit bis hierher stille gestanden. Er sah sich um und suchte Hadem, suchte ihn, als forderte er ihn auf, mit ihm zu bewundern, als einen Geist, an den er sich um Hülfe drängte. Amalie ging langsam an ihm vorüber, und sein Herz lispelte dem Geiste Hadems zu: »So würde meine Göttin einhergehen, wenn sie auf Erden in menschlicher Gestalt erschiene.« Und als sie die Saiten berührte und ihre Stimme sich mit den Tönen des Klaviers in muntern, dann sanft klagenden und erhabenen Gefühlen vermischte, malte sich das Bild seiner Jugend und seines ganzen Lebens, Denkens und Fühlens, wie von einer mächtigen, kühnen Zauberhand aus Farben einer hohen Welt geschaffen, vor seiner Seele. Und als sie aufstand und der Vater ihn seiner Tochter, mit Entschuldigungen darüber, daß er es nicht eher getan habe, vorstellte, zog die Liebe ihren Schleier, aus Morgenröte gewebt, leise über das Gemälde, das vor Ernstens Seele schwebte. Soll ich Liebe nennen, was Ernst nun fühlte? Bezeichnet dieses Wort das, was sein ganzes Dasein so plötzlich emporhob, als löste sich alles Sterbliche und Irdische von ihm? Er trat an der Hand des vor ihm stehenden Wesens in das Land des Unsterblichen, und, gleich dem Gebete des Opfernden, das über die irdische Flamme emporsteigt, erhob sich seine erste Empfindung über den Altar, den die Liebe sich jetzt in seinem Herzen erbauete. Gedanken[344] entsprangen, als lispelten ihm Geister zu: »Es ist das Wesen, das dich durch dieses Leben leiten und deinen Pfad mit Rosen bestreuen soll. Ihr Geist scheint aus dem Lande entsprungen zu sein, aus welchem du herabgestiegen bist!«

Auch Amalie hatte das Vergangene nicht vergessen. Sie erkundigte sich nach seinem Jugendfreunde, nach Hadem, wiederholte den Sinn von dessen Strafpredigt über die Romane und setzte lächelnd hinzu: »Sie sehen, ich habe, so jung ich auch war, nicht vergessen, wie Ihr Freund Ihre Worte erklärt hat; und von jenem Augenblick an warf ich die Romane weg. So verdanke ich es Ihnen und Ihrem Freunde, daß ich die Musik noch lieber gewonnen, daß ich in ihr Ersatz für alles andre gefunden habe.«

ERNST: Wie hätte auch Ihnen verborgen bleiben können, daß die Musik unsern Geist auf reineren Schwingen trägt, daß sie unser Herz in einer gleichen stillen Harmonie erhält, daß wir durch sie empfinden, woher wir stammen! Als Sie sangen, stand ich über den Grenzen dieses Lebens, und, von Ihren Tönen geleitet, würd ich kaum seine Last empfinden.

Amaliens Blick sank gerade vor sich hin wie damals, als Ernst jene Worte sprach; die zarteste Empfindung bildete sich in süßem Lächeln um ihren Mund.

»Man hat mir viel, oft artig, geschmeichelt, aber so wie Sie tat es noch keiner. Man sagt nicht umsonst von Ihnen, Sie wären nicht von unsrer Welt.«

ERNST: Sagt man dies von mir, Fräulein? Und was denken Sie davon?

AMALIE mit noch süßerem Lächeln: Ich glaube es beinahe selbst.

ERNST feierlich ernsthaft und mit dem seelenvollsten Ausdruck: Freilich gehöre ich, dem innern Sinne nach, einer Welt zu, in welcher Sie gewiß kein Fremdling sind. Wenigstens haben Sie mich in ihre Mitte eingeführt, und so teilen Sie den Spott mit mir.

Eine rauschende Symphonie unterbrach das Gespräch, und Amalie mischte sich unter ihre Gespielinnen.

Ernst betrat zum erstenmal sein einsames Zimmer in den süßen, seligen Träumen der Liebe, und so ruhig, so heiter in diesen[345] Träumen, als hätte seine Seele endlich das gefunden, wornach sie so sehnend strebte. Als er nun auf sein Hauptkissen sank und Amaliens Gestalt vor ihm schwebte, ihre Stimme in seinem Herzen erklang und er alles Empfundne unter dem harmonischen Lispeln in der stillen Nacht noch reiner, noch höher wiederempfand, entschlief er auf den leichten ätherischen Schwingen, auf welchen die Liebe ihre Geweihten trägt. Er erwachte leicht, mutig, voll Vertrauen, und die ganze Schöpfung schien ihm in einen rosenfarbenen Duft gehüllt. Er ging an seine Geschäfte, betrieb sie mit eben dem Eifer wie sonst und besuchte abends das Haus des Ministers. Je mehr er Amalien kennenlernte, je mehr ihr Geist und ihr Herz sich vor ihm entfalteten, desto ruhiger, glücklicher und vertrauter ward er.

Amalie hörte und sah ihn gern, erwartete ihn mit Verlangen und zeigte es ihm; aber noch wagte er es nicht zu sagen, was ihn so glücklich, so ruhig machte. Ihn dünkte, er würde dieses Glück, diesen stillen, unaussprechlich süßen Genuß in Gefahr setzen, wenn er laut davon spräche. In Amaliens Herzen erzeugte sich ein Gefühl für ihn, das sie von diesem Augenblick an nie verließ, das immer dasselbe blieb; und dieses war eine Art von Hochachtung, von Verehrung, die nahe an jene kalte Bewundrung grenzte, welche wir für Wesen fühlen, die wir uns nicht durch das Herz und die Sinne zueignen können. Seine Gesinnungen, seine Zurückhaltung, sein äußerst zartes und oft feierliches Betragen mußten diese Bewunderung erzeugen und unterhalten, da alle seine Sinnlichkeit unter dem Rosendufte schlummerte, in welchen ihn sein Schutzgeist eingehüllt zu haben schien. Noch lange, vielleicht für immer, würde dieses Verhältnis zwischen Amalien und ihm fortgedauert haben, wenn sein Oheim es nicht erschüttert hätte.




10.

Der Fürst hatte zugunsten des Kammerrats entschieden. Seine Sache mußte von neuem untersucht werden. Sie ward es; und nun fühlten der Präsident und die Räte der Kammer, daß man ihr unmöglich eine andere Farbe geben konnte als sie wirklich[346] hatte, besonders nach der Erklärung des Fürsten: die Kammer muß entweder Kalkheim lossprechen oder das Recht seiner Verurteilung dartun; in jedem Falle aber muß sie ihm die Auslage ersetzen und sein Haus ihm zurückgeben.

Der Präsident diktierte ein Reinigungsdekret, das der Kammer ganz wohlgefiel, welches aber der Kammerrat wegen der Zweideutigkeit verwarf. Es blieb also nichts übrig, als alles nach seinem Sinne zu machen. Kalkheim wohnte hierauf einer Sitzung bei, nach welcher ihn Ernst in der Grafschaft *** förmlich einführte. Dieser fuhr mit ihm nach allen Burgen und Dörfern, und überall wurden sie als Freunde aufgenommen. Ernst sah Menschen um sich, deren Bewillkommen, deren Blicke, deren Zutrauen ihn versicherten, daß sie des Glückes gewiß wären, welches er ihnen darbrächte. Er hielt den Mann an seiner Hand, durch dessen Hülfe er es zu bewirken hoffte; und zufriedner als dieser lebte nicht ein Mann auf dem teutschen Boden. Er sah Arbeit vor sich, und sein wohltätiger Geist erblickte schon das ganze Land in neuem Schmucke.

Der Präsident konnte Ernsten das Geschehene nicht verzeihen, aber noch hielt er an sich; denn das, was der Fürst selbst ihm über seinen Neffen sagte, machte ihn behutsam. Und da er sich trotz dem Geschehenen gleichwohl in seinem Neffen geschmeichelt fühlte und dessen Gunst bei dem Fürsten ihm für sich und seine Familie nützlich sein konnte, so wollte er noch eine Probe mit dem Starrkopfe machen. Ernstens öftere Besuche bei dem Minister waren ihm, wegen Amaliens und der daraus möglichen nähern Verbindung mit diesem, das Allerunausstehlichste. Er beneidete, er haßte den Minister und glaubte sich tief gekränkt und zu allem Hasse gegen ihn berechtigt, weil er eine Stufe unter einem Manne stehen mußte, der kein Eingeborner des Landes, von minder altem Adel und beinahe arm war. Es war ihm unbegreiflich, was der Fürst an einem solchen Manne fände, und seine immer dauernde Gunst bei dem Fürsten blieb ihm ein quälendes, unauflösliches Rätsel. Er wollte weder wissen noch glauben, daß dieser Mann durch seinen Verstand, seine Mäßigung, seine Kenntnisse des teutschen Reichs und durch die Achtung,[347] in welcher er an den großen und kleinen Höfen stand, seinen Fürsten vor allem dem Unangenehmen zu sichern wußte, dem kleine Fürsten dieses Reichs so oft ausgesetzt sind. In gutem, vertraulichem Einverständnisse mit diesem Manne hatte sich der Fürst aus vielen verdrießlichen Lagen glücklich herausgewunden. Der Präsident, dessen Politik und Denken sich nicht weiter erstreckten als auf seine Kammer und das, was das Land einträgt, sah in dem Minister nichts als einen politischen Marktschreier, der die Kunst verstände, den Fürsten mit seinem Gaukelspiele hinzuhalten und zu täuschen, um auf des Landes Kosten prächtig zu leben und dem Staate seine Kinder als eine Last zur Erbschaft zurückzulassen. Aber trotz dieser Meinung fürchtete er den Minister, und der Gedanke, sein Neffe möchte sich mit ihm verbinden, um seine schimärischen Entwürfe der Neuerung, die er ihm zuschrieb, durchzusetzen, brachte ihn aus aller Fassung. Seine Furcht, sein Unwille raubten ihm alle Ruhe; und da er diese Lage nicht länger mehr ertragen konnte, so ergriff er eines Tages plötzlich die Hand seines Neffen und führte ihn in sein Kabinett.

»Neffe«, sagte er schmeichelnd; »so wenig Dank ich mir auch bei Ihnen durch alle meine Bemühungen bisher erwerben konnte, so rechne ich doch jetzt darauf. – Nein, nein! Sie müssen mich erst ausreden lassen. Es ist natürlich, daß ein junger Mann wie Sie, so gebildet, so sonderbarer Art und so reich und so in der Gunst unsers vortrefflichen Fürsten, in allen alten Familien, wo eine Tochter zu verheiraten ist, eine große Gärung verursachen muß. Nach Ihrer Denkungsart müssen Sie doch einmal heiraten; so denkt jeder, so denke auch ich. Vielleicht denkt auch manches arme Haus so und wirft listig sein Netz nach Ihnen aus, um den reichen, schönen, seltnen Mann zu fangen. Ich muß aus Pflicht Sie vor diesen Schlingen warnen, Neffe; und damit Sie ihnen um so leichter entgehen können, bin ich berechtigt, Ihnen die einzige Tochter des ältesten Hauses nächst dem unsrigen anzutragen. Sie ist zugleich die reichste Erbin, wenn der Vater stirbt, und liebt Sie bis zur Schwärmerei.«

ERNST: Erbin? Und wenn der Vater stirbt –[348]

PRÄSIDENT: Sie kennen sie doch?

ERNST: Ich kenne sie nicht.

PRÄSIDENT: Nun, es ist die Tochter des Mannes, dessen Stelle Sie haben.

ERNST: Es tut mir leid, daß ich hierzu schweigen muß.

PRÄSIDENT: Haben Sie etwas gegen die Person?

ERNST: Was sollte ich gegen eine Person haben, die ich nicht kenne?

PRÄSIDENT: So werden Sie dieselbe nicht kennenlernen?

ERNST: In einer solchen Rücksicht gewiß nicht.

PRÄSIDENT: Ich sage Ihnen ja: es ist nicht allein das älteste, es ist zugleich das reichste Haus im Lande und die einzige Erbin eines Vaters, der nicht lange mehr leben kann.

ERNST: Oheim!

PRÄSIDENT: Was nun wieder? Wird sie es nicht werden? Zweifeln Sie daran?

ERNST: Ich hoffe, die Tochter denkt nicht an die Erbschaft.

PRÄSIDENT: Und wenn sie es täte! Auch sie wird Erben hinterlassen, die daran denken werden.

ERNST: Das kann sein; und denkt sie daran, so verdient sie es.

PRÄSIDENT: Was soll ich dem Vater antworten?

ERNST: Daß Sie mir nichts gesagt haben.

PRÄSIDENT: Wie? Ich tue es ja!

ERNST: Und um des Mannes zu schonen, weil es ihn beleidigen könnte, sagen Sie ihm nur, ich hätte Ihnen im voraus vertrauet, meine Wahl sei längst getroffen; und diese müßte es sein oder keine.

PRÄSIDENT: Neffe! Was Sie mir da sagen – sollte es wirklich Ernst damit sein?

ERNST: Sollte ich vergessen können, mit wem ich spreche?

PRÄSIDENT: Und dieses so geheim, Neffe? Ohne mit mir zu Rate zu gehen? in einer so wichtigen Sache auf das Leben?

ERNST: Ich habe einen Vater, lieber Oheim; der muß doch wohl der erste sein.

PRÄSIDENT: Allerdings! Und weiß es mein Schwager schon?[349]

ERNST: Nein.

PRÄSIDENT: Und der Vater der Gewählten?

ERNST: Ebenso wenig.

PRÄSIDENT: Und die Person?

ERNST: Noch weniger.

PRÄSIDENT: Das ist doch sonderbar! so sonderbar wie alles mit Ihnen! Indes, da ist ja noch nichts geschehen.

ERNST: Nichts geschehen? Es ist sehr viel geschehen. – Und nun seh ich, es ist hohe Zeit, daß ich das Schweigen breche. Ich tat es nicht, weil mich dieses Schweigen so glücklich machte; aber damit ich mich nicht mehr in den Fall setze, zu einem Ihrer Anträge nein sagen zu müssen, so will ich es morgen tun.

PRÄSIDENT: Auf einmal so eilig? – Und die Person, die den seltnen, sonderbaren Mann gefangen hat?

ERNST: Oheim!

PRÄSIDENT: Warum so feierlich, Neffe? Wir sprechen ja nicht von Staatssachen, über die wir so selten einig sind, wir sprechen ja nur vom Heiraten.

ERNST: Und doch ist mir diese Sache ebenso feierlich. Jene betreffen mein Gewissen, diese mein Herz, und die Feierlichkeit ist, denke ich, bei jeder an ihrer Stelle.

PRÄSIDENT: Sie werden die Person vor lauter Feierlichkeit doch nennen können?

ERNST: Nicht eher, Oheim, als bis ich weiß, ob ihr mein Antrag nicht mißfällt.

PRÄSIDENT: Er wird ja nicht!

ERNST: So sind Sie der erste, der mir mein Glück weissagt.

PRÄSIDENT: Neffe, dieses hätte Ihnen Ihr Verstand längst weissagen können. Väter, die ihre Kinder nur solange zu ernähren imstande sind, als sie selbst von dem Staate über ihr Verdienst ernährt werden, greifen gerne zu; und Töchter, die, in Pracht und Üppigkeit auferzogen, künftige Armut im Prospekt vor sich sehen, sagen selten nein, wenn ein Mann sich anbietet, durch den man das jetzige Leben fortzusetzen hofft. Sie sehen doch, daß ich Ihrem Herzen auf der Spur bin? Eine Sirene hat Sie mit ihren Zaubertönen gefangen, Neffe – habe ich[350] recht? – Nun, wohin? Hab ich es getroffen? Ich denke doch, daß der Oheim zu dem Besten seines Neffen reden darf? daß der Neffe sich wird gefallen lassen, ihn anzuhören?

ERNST: Wenn ich gehe, so tue ich es nur, um den Neffen nicht vergessen zu lassen, daß er vor seinem Oheim steht; denn dieses könnte leicht durch die Art geschehen, wie der Oheim jetzt zu meinem Besten spricht.

PRÄSIDENT: So vergessen Sie es denn! Sie taten es längst. Entsagen Sie allem Gefühle der Verwandtschaft und tun Sie, was Sie vorhaben. Sie wollen die Tochter des Ministers heiraten, des Mannes, den ich hasse, der mein Feind ist, dessen Feind ich bin; das wollen Sie. Können Sie es leugnen? Können Sie leugnen, daß die Sirene Sie mit ihrer Zauberkehle gefangen hat? Ich sehe alles durch, alle Ihre Absichten und die Absichten gewisser Leute, aber ich sehe auch die Zukunft. – Nehmen Sie die Person, feierlicher Neffe; bei Gott! sie wird Ihrem Herzen Feierlichkeiten von ganz anderer Art bereiten.

ERNST: Kann Ihr Haß Sie so verblenden, Oheim! Und wenn ich Sie nun fragte: worauf gründet sich Ihre fürchterliche Weissagung?

PRÄSIDENT: Ich weiß es nicht; bei Gott! ich weiß es nicht. Wenn es nicht dieses schöne Weib selbst ist, das mich zum Wahrsager macht – wenn es nicht der sonderbare Mann ist, der hier vor mir steht. Neffe, ich habe die Fabellehre nicht ganz vergessen: keiner glaubte der Weissagung Kassandras, bis Troja in Flammen stand.

Der Unwille, die Leidenschaften hatten des Oheims Blicke wild gemacht. Ernst stand, betäubt durch das Unerwartete, vor ihm, und es wurde einen Augenblick finster vor seinen Sinnen, aber plötzlich entstieg der Finsternis das Bild Amaliens – sein Herz verklärte es; er erinnerte sich an den Haß seines Oheims, an dessen gewöhnliche leidenschaftliche Äußerungen und sah sein Betragen als eine Wendung an, die sein Groll und sein Mißvergnügen einer ihm so widrigen Sache gaben.

Er antwortete nun mit Entschlossenheit:

»Oheim, schon in der frühsten Jugend haben Sie meinem Herzen[351] die erste Wunde geschlagen, und ich fühle ihre Folgen noch. Sie raubten mir den edelsten Mann. Ich ertrug es; und als ich entdeckte, wie Sie mir ihn geraubt haben, wie Sie dabei zu Werke gegangen sind, machte ich Ihnen keine Vorwürfe darüber. Ich entschuldigte Sie, indem ich Ihnen gute Absichten dabei zutraute. Als ich unter Ihrem Vorsitze mein Amt antrat, waren Sie der erste, der von mir forderte, mehr als einmal von mir forderte, daß ich mein Gewissen unter den Götzen beugen sollte, den Sie System nennen. Ich tat es nicht und werde es nie tun.

Und nun sind Sie noch nicht zufrieden, diese Versuche an mir gemacht zu haben; Sie wagen einen auf eine Art an mir, die wirklich meine Geduld und Achtung auf die schwerste Probe stellt. Und warum? Warum zerreißen Sie mein Herz? Warum wollen Sie einen Menschen leiten, den Sie von Anfang an verkannten, den Sie immer verkennen werden? in welchem Sie nichts achten, was er in sich allein für achtungswürdig hält? Vergeben Sie mir, wenn ich einen Augenblick aus den Schranken trete, in denen ich mich bisher gehalten habe. Es ist gut, es ist nötig, daß wir einander verstehen. Ich werde nie sein, wie Sie mich haben wollen; und so empfindlich, so schmerzend mir auch der Verlust Ihrer Gewogenheit ist, so kann ich sie doch auf keinem andern Wege suchen als auf dem, welchen ich eingeschlagen habe. Nicht Sie, nicht die Welt, nicht das Schicksal können mich von der Bahn ableiten, auf die mich etwas geführt hat, das stärker ist als die Menschen und das Schicksal. Und nur von der Person, die ich meine und die Sie in Ihrem Unwillen gelästert haben, nur von ihr erwarte ich ein sichres Glück, da jedes andere, wie ich täglich mehr einsehe, von so vielen Gefahren bedrohet ist. Sie haben mir jetzt Mut gemacht; es ist Zeit, daß ich mich dieses Glückes versichre, bevor die Stürme nahen. Denn sagen Sie mir, was kann Ihr Neffe Gutes von andern hoffen, da er von Ihnen so verkannt wird, da Sie seine schönsten Aussichten so verfinstern, seine besten Empfindungen so schonungslos zertreten?«

PRÄSIDENT: Ich wünsche dem Neffen Glück; der Oheim hat seine Pflicht getan. Beim Erwachen wird man sich meiner erinnern. Jetzt fehlt weiter nichts, als daß Sie mit meinen Feinden[352] ein Bündnis gegen mich schließen. Doch ich bin darauf gefaßt und habe den Verteidigungskrieg schon von langen Zeiten her gelernt.

In diesen letzten Worten vernahm Ernst den ganzen Grund von der düstern Weissagung seines Oheims. Er entfloh schnell und eilte zu seinem Vater, den er aber nicht antraf. Er durchwandelte den lachenden Schauplatz seiner Kindheit, und sein Herz besänftigte sich. Er ging nach der Höhle und saß nachsinnend vor dem Kranze seines Bundes. Gehüllt in den Morgentraum seiner Jugend, trat Amalie herein, und der Glanz des Gesichts erfüllte die düstre Höhle; der Kranz schimmerte in dem Lichte einer andern Welt. An ihrer Hand malte sich der Begeisterte die Tage seines Lebens aus, und in allem, was sie umgab, was sie tat und sagte, in ihren Bewegungen, ihren Blicken, ihrem Gesange lag, was sein reines Herz hier träumte. Jeder Zweifel, jeder aufsteigende Gedanke, der dieses erhabne Bild in ein andres Licht zu setzen drohte, schien ihm eine Lästerung der Natur in ihrem schönsten Werke. Und wer sah, wer hörte Amalien, ohne daß sich ihm dieses Gefühl aufdrang!

Ernst trat voll Begeisterung, voll Liebe und Zutrauen an das Licht des Tages.

Sein Vater hörte seine Wahl mit Freuden; und als er vernahm, daß Ernst sich noch nicht erklärt hatte, daß er es ohne Einwilligung des Vaters auch nicht wagen wollte, versprach er, den folgenden Tag zu dem Minister zu fahren. Er tat es, und der Minister gestand Ernstens Vater, daß dieses sein einziger Gedanke und Wunsch gewesen wäre, seitdem er seinen Sohn kennte. An der Einwilligung seiner Tochter zweifle er nicht; dafür stehe ihm der Wert des Mannes, der um sie anhielte.

Hierauf sprach er von seiner Lage: daß seine Tochter von ihm nichts zu erwarten hätte und daß ihre Bildung die einzige Aussteuer wäre, die er ihr mitgeben könnte.


11.

[353] Amalie schien über Ernstens plötzlichen Antrag durch ihren Vater verlegen und verwirrt; sie sagte einigemale: »Das ist doch sonderbar! höchst sonderbar!«

MINISTER: Und wodurch, Amalie?

AMALIE: Daß er sich an Sie wendete – so gerade – ohne vorher mein Herz zu fragen, ohne mir auch nur durch ein Wort die Wirkung, die ich auf sein Herz gemacht habe, anzudeuten.

MINISTER: Sieh, so fremd scheint uns die Handlungsart edler Männer! Es wundert dich, daß dieser deinen Vater und dich in deinem Vater ehrt. Amalie, von dir hätte ich diese Bemerkung am wenigsten erwartet.

AMALIE: Vielleicht kommt dieses daher, lieber Vater, daß wir einander in diesem Punkte alle gleichen.

MINISTER: Du bist nun durch deinen Vater unterrichtet, und es hängt ganz von dir ab, seine Erklärung anzunehmen oder ihm jede andere zu ersparen. Liebst du ihn nicht, so ersparst du dem edlen Manne den Beweis von deinen eignen Lippen, er habe sich in dir geirrt und selbst seine seltne Tugend, die Erhabenheit seiner Seele seien in den Augen meiner Tochter nichts.

AMALIE: Oh, er ist viel, sehr viel in Ihrer Tochter Augen, mehr als sie je zu hoffen wagte! Und doch mein Vater – sagen Sie mir, was glauben Sie wohl, das diesem schön gebildeten, so geistreichen, der Vollkommenheit so nahen Manne in den Augen Ihrer Tochter fehlt?

MINISTER: Soll ich es dir sagen? Die Eitelkeit, der Wahn unsrer Jünglinge, Amalie; die Schwatzhaftigkeit, von dem zu reden, was sie zu fühlen glauben und eben darum nicht fühlen. Ihr wollt nur Leidenschaft, wollt, daß die Leidenschaft für euch in euren Anbetern die Vernunft, alle Tätigkeit im Leben und alle Würde des Mannes verschlinge; daß für den, der euch einmal gesagt hat, er liebe euch, nichts auf der Welt mehr Wert habe. Dies ist die Frucht eurer Romane! Aber hast du nichts von dem Erwachen aus diesem unnatürlichen, schwächlichen Zustande, der Krankheit unsrer Zeit, gehört?[354]

AMALIE: Sie wissen, daß ich keine Romane lese.

MINISTER: Weil du vielleicht die deinigen auf dem Klavier, der Laute und der Harfe in Musik setzest.

Amalie errötete. Der Minister fuhr fort:

»Der Mann, von dem ich rede, ist von so hohem Sinne, daß alle deine Reize, alle deine Talente, alles Anlockende, womit die Natur dich so überreichlich beschenkt hat, für ihn keinen Wert hätten, wenn er nicht glaubte, du seist von eben solchem Sinne, auch du könntest ihn um das lieben, warum er dich liebt.«

AMALIE: Und was ist das?

MINISTER: Was seinem Herzen dieser Schleier äußrer Schönheit nur andeutet: Tugend, reiner jungfräulicher Sinn und Mitgefühl für das, was er über alles achtet. Er liebt dich, wie er eben diese Tugend liebt, mit reiner Begeisterung; er hofft, wie sein Vater sagt, du werdest ihm Rosen auf den dornichten Weg des Lebens streuen und ihn dem Ziele entgegenführen, das er so scharf und männlich in das Auge gefaßt hat. Nun erwäge! Für diesen Mann bedarf es keiner Bitten und keiner Überredung; er selbst besteht seinen Wert. Ich kann dir sogar verzeihen, wenn du ihn ausschlägst, weil der Gedanke mir empörend ist, daß er durch dich nicht glücklich werden könnte.

AMALIE: Ist Ihre Tochter so plötzlich und so sehr in Ihrer Meinung gefallen?

MINISTER: Das sage ich noch nicht, werde es auch vielleicht später nicht sagen; aber, Amalie, ich bin kein Fremdling in deinem Herzen und kenne dein Geschlecht. Ich las Verwirrung in deinen Blicken und – soll ich es sagen? – ich erwartete auf deinen Wangen nur die Rosen der jungfräulichen schüchternen Freude, die wir aus Gefälligkeit Scham nennen, weil sie ihr so ähnlich sieht, weil die Liebe sich so gern unter diesem Schleier verbirgt. Aber dein Mund erklärte die Ursache der Verwirrung.

AMALIE: Wie, mein Vater!

MINISTER: War nicht deine Eitelkeit beleidigt, daß er ganz in dem Sinne handelte, in welchem er dich betrachtet? Du wolltest, daß er dich auf dem Wege der Romane suchen sollte; und dies ist nicht der seinige.[355]

AMALIE: Warum deuten Sie es so? Konnte nicht das Erstaunen, das Unvermutete diese Verwirrung erzeugen? Wenn ich nun gar nicht hoffte, daß dieser edle, seltne Mann je in dieser Rücksicht an Ihre Tochter denken könnte! Wenn mir nun meine Bescheidenheit diesen Vorwurf von Ihnen zugezogen hätte! Was konnte, was sollte mich veranlassen, da Liebe zu vermuten, wo ich nur Achtung, feierliche, sonderbare Bewunderung wahrnahm? Und nur dieses fühl ich auch in seiner Gegenwart – eine Verehrung wie für ein Wesen höherer, besserer Art; und ich glaube beinahe, eben dieses heißt in dem Sinne lieben, wie er geliebt sein will. Das Band, das ihn an mich zu fesseln scheint, mein Vater, ist, aus so geistigem Stoffe es auch gewebt sein mag, doch meinen Sinnen sichtbar, so weiblich Sie dieselben sich immer denken mögen. Er ist der edelste Mann, den Ihre Tochter je gesehen hat.

Der Minister umarmte seine Tochter:

»Ich höre meine Amalie wieder, erkenne sie – erkenne die feine Künstlerin, die durch zarte Wendungen so gern überrascht. Darf ich ihm das schöne Geheimnis vertrauen?«

AMALIE: Ich habe es längst getan, aber dieser Mann hat so wenig Eitelkeit, ist so wenig mit sich selbst beschäftiget, daß er diese leise Sprache eines Mädchens, für die unsre Junker so scharfe Ohren haben, weder vernimmt noch versteht. Sie mögen es ihm sagen, wenn Sie nicht glauben, daß es mir besser gelingen würde, es ihm vernehmlich zuzuflistern.

MINISTER: So gescheh es heute.

Es geschah. Ernst fühlte die Hand des Wesens seines Jugendtraums in der seinigen und hoffte nun, an dessen Seite alle Gefahren des Lebens zu besiegen, die ihn auf der einmal betretnen Bahn überfallen möchten.




12.

Um die schönsten Tage seines Lebens zu verherrlichen, erhielt er um eben diese Zeit einen Brief von Hadem, mit einer kleinen Zuschrift von Franklin, welcher ihm meldete, er habe den jungen teutschen Mann auch in Amerika nicht vergessen, seinen Auftrag erfüllt und sende ihm hiermit einen Beweis davon.


Hadem an Ernst

[356] Daß ich Ihnen, lieber Ernst, noch so schreibe, als wäre seit unsrer Trennung keine Zeit verflossen, dazu berechtigt mich Glücklichen der Geist Ihres Briefes, der Glaube, das feste Vertrauen auf diesen Geist. Nach der Durchlesung Ihres Briefes und Ihrer Beilagen fürchte ich nichts mehr für Sie. Der mutig bestandne Kampf des Jünglings läßt mich auf die Siege des Mannes hoffen. Ich wußte, wem ich Sie anvertraute; ich wußte, wen ich ihm anvertraute! Gesegnet sei die Asche des Mannes, dem ich Sie in jener Bedrängnis übergeben konnte! Gesegnet sei der Augenblick, daß er mir, dem so sehr Bekümmerten, damals erschien und mir zulispelte: »Übergib mir den Liebling deines Herzens; ich will ihn dir erhalten, wie du mir ihn übergibst.« Sie haben ihn verstanden, ihn richtig verstanden, Ihr rein gestimmter Geist mußte seine Sprache bei dem ersten Laute verstehen, das erwartete ich. Er schloß Ihnen ganz den Tempel der Natur, der Menschheit und der Wahrheit auf, zwar plötzlicher, als ich es zu tun willens war (denn ich wollte Sie von Stufe zu Stufe ihm zuführen und Ihrem zarten Geiste nur langsam das merkbar machen, was ihn dem Auge der Menschen verbirgt), aber die unerwarteten Ereignisse, die nur ein Jüngling wie Sie veranlassen und so veranlassen konnte, zerrissen meinen Plan. Es ist wahr, sie haben durch einen starken Schlag auf Sie gewirkt; aber eben dadurch, daß sie dieses taten und das noch weit Entfernte so plötzlich und grell Ihrem Geiste aufdrangen, gaben sie Ihnen auch Gelegenheit zu dem schönen, dem mutigen Kampfe. Und, Geliebter, die Deutung, die Sie nun meinen letzten Worten geben, ist so schön, daß ich jetzt mit Ruhe, mit Wohlgefallen auf die Begebenheit sehen kann, die sie veranlaßt hat. Doch das, was Sie von meiner Seite ein Opfer nennen, verdient nur durch das, was ich dabei litt, diese Benennung; denn ich durfte, ich konnte nicht anders handeln. Konnte ich Sie in diesem Alter, mit diesen über Ihr Alter weit erhabenen Gesinnungen dem Schlage aussetzen, womit man Ihr Herz bedrohte? Wär ich dann der Mann gewesen, der sein Glück, den schönsten Wert seines[357] Daseins in Ihnen blühen und reifen sah? Sollte eine rauhe Hand dies alles erschüttern, vielleicht zerstören? Entschied nicht hier die Notwendigkeit, und gebot sie nicht gewaltig? Ja, es war ein erschrecklicher Augenblick für mich; ich sah voraus, daß durch meine Entfernung und die Veranlassung dazu das schöne Ideal Ihres Sinnes Gefahr lief, entweder verdunkelt zu werden oder daß Sie seine Grenzen überschreiten würden. Das erste fürchtete ich weniger, da ich mich allein dem Unwillen Ihres Oheims aussetzte und durch meine Abreise Schonung für Sie erwarten konnte. Um so mehr fürchtete ich das letzte; und aus dieser Furcht entsprangen die Worte, die Ihnen so vielen Kummer verursacht haben. Möchten Sie nie in den Fall kommen, sich ihrer erinnern zu müssen; aber wenn Sie mit dem Geiste, der Sie belebt, unter den Menschen tätig sein wollen, so bewaffnen Sie sich mit Mut, Geduld und Stärke. Erwägen Sie das, was die Menschen ertragen können! Erwägen Sie, daß diese, von Stolz, Eitelkeit und andern niedrigen Leidenschaften angetrieben, unsern Handlungen selten reinere Bewegungsgründe zuschreiben! Vergessen Sie nie, daß der Geist, der Sie beseelt, den groben Sinnen des Haufens nicht faßlich ist, daß die Menschen von Gott und der von ihm ausgehenden Tugend am meisten reden, weil sie beide in ihrer erhabenen Reinheit am allerwenigsten denken und ahnden; und dann, daß den Tugendhaften wie den wahren seltnen Dichter, die einander beide in einem so edlen Sinne gleichen, hier gewöhnlich ein und dasselbe Schicksal erwartet.

Mag jede Ihrer Handlungen ganz und rein aus Ihrem Herzen, wie Ihre Göttin aus Jupiters Haupte, entspringen; aber bedenken Sie vor der Ausführung, daß eine gute, für den Zweck ersprießliche Handlung in dem Verhältnisse mit den Menschen, zu deren Bestem sie geschehen soll, freilich das Schönste, aber auch das Schwerste ist, was der Mensch bewirken kann. Eine zu rasch, zu schonungslos betriebene Tat bringt uns leicht um die vielen Früchte, die uns die Zukunft noch aufspart. Wir leben nicht mehr in den Zeiten großer, kühner Taten, wo ein Tag, eine Stunde über den großen Wert des Lebens entscheiden kann, wo wir in einem Tage den Kranz des Ruhms erwerben. Wir müssen ihn nun[358] unbemerkt, aus stillen, prunk- und geräuschlosen Taten bilden und ihn im Innern unsers Herzens der Tugend weihen, um durch unsern Schmuck das Auge der Menschen nicht zu reizen. Und lieben Sie nicht die stille Tugend? Werden Sie sich über unser Los beklagen? Besonders, Geliebter, hüten Sie sich vor den Folgen des Mißlingens guter Absichten auf Ihr Herz! Dieses ist der gefährlichste Felsen, der unter den Fluten des Lebens verborgen liegt; nicht selten scheitert der Edle an ihm. Aber hat Ihnen Ihr Führer, dem ich Sie übergab, dieses nicht alles schöner und stärker gesagt?

Für Ferdinand fürchtete ich immer; und nun stört er meine Ruhe, mich überfällt eine unbeschreibliche Angst, wenn ich lebhaft an ihn denke. Sein Verstand ist der Sklav seiner Sinne, und sein Herz ist zu leicht für den Sturm der kühnen Leidenschaften, die in seinen Adern toben, das fühl ich; und was wird aus ihm werden?

Jetzt, Geliebter, einiges von mir. Aus öffentlichen Nachrichten werden Sie wissen, daß der kleine Überrest des Regiments, bei dem ich angestellt war, in Gefangenschaft geriet. Ich wurde mit fortgeführt, ohne den Sterbenden den letzten Dienst leisten zu können. Was für Elend, was für Jammer habe ich erlebt und angesehen! Und liegt nicht schon alles in dem Gedanken begriffen: die Teutschen wurden für Geld nach Amerika verkauft? Ihre Verkäufer hätten sie sehen sollen, verschmachtend, den Blick nach ihrem Vaterlande, ihren Eltern, Weibern, Kindern, dann zum Himmel, dann auf die fremde Erde richtend, die sich ihnen zum Grabe öffnete! – Ich ward von den Gefangenen getrennt, eine Kolonie Teutscher an den Grenzen der Wilden bemächtigte sich meiner. Seit Jahren hatten sich diese Leute, weil ihnen ein Prediger fehlte, nicht zum Gottesdienste versammeln können. Sie trugen mir dies feierliche Geschäft auf, und es ward mir leicht, ihr Zutrauen, ihre Liebe in dieser Wildnis zu erlangen. Eilig baueten sie mir ein Haus und richteten es so bequem ein als es ihre Lage erlaubte. Ich lebte dem Berufe, den sie mir gaben, mit völliger Ergebung. Als aber der Friede geschlossen war und ich zu Ihnen zurückkehren wollte, nahm die[359] Liebe die Gestalt eines sehr verzeihlichen Eigennutzes an. Sie wollten mich nicht entlassen; und da sie mein Recht nicht bestreiten konnten, so forderten sie Ersatz für den Aufwand, den sie um meinetwillen gemacht hatten. Sie wußten, daß er von meiner Seite unmöglich war. Als ich ihnen nun ihr Unrecht und ihre Undankbarkeit sanft verwies, erkannten sie alles; aber sie hoben ihre Hände zum Himmel empor und riefen: »Er wird uns das Unrecht verzeihen, das wir an Ihnen tun. Er weiß, warum wir es tun! Er hat Sie zu uns gesandt, und Sie selbst werden zu ihm für uns beten, daß er uns verzeihe, was wir an Ihnen Böses tun.«

So bin ich nun gefesselt durch Pflicht und Gewissen. Ich schrieb an den edlen Franklin, und er nahm es auf sich, der Kolonie einen Prediger aus Teutschland zu verschreiben. Sobald dieser kommt, eile ich in Ihre Arme; und dann sollen Sie den Greis in den Tempel führen, an dem Sie bauen.[360]

1

Die obigen Briefe in dem zweiten Buche.

Quelle:
Friedrich Maximilian Klinger: Werke in zwei Bänden. Band 2, Berlin 1970, S. 304-361.
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