Vierter Brief.

An den Freyherrn von Leidthal in Urfstädt.

[54] Göttingen den 4ten Aprill 1770.


Nur einige Zeilen, mein theuerster Herr! zur Antwort auf Ihr gnädiges Schreiben, das ich so eben erhalte, indem wir im Begriff sind aufs Eichsfeld zu gehen.

Die Nachricht von dem verdrießlichen Processe beunruhigt uns sehr. Der Himmel wolle diesen Sturm von unserm besten Wohlthäter abwenden! –

Der Herr von Hohenau wird selbst einen kleinen Brief hier einlegen –

Ich will keine Mühe sparen des Gefangenen Schicksal in's Klare zu bringen – [55] Birnbaum küßt Ihnen ehrerbiethigst die Hände für seine Versorgung. Er hüpft und springt aus Freude – Ach, bester Herr! wie sehr sind Sie zu beneiden, der Sie so gern alle Menschen glücklich machten! und welch ein Mann muß der seyn, der einen solchen Menschenfreund verfolgen will! –

Ihrem väterlichen Rathe in Ansehung der Freymaurerey will ich gewiß treulich folgen. Mir hat es immer übel gefallen, daß über diesen Gegenstand seit einiger Zeit so viel geredet und geschrieben wird. Ueberhaupt giebt es selten Menschen, die wahrhaftig schweigen können. Ich habe deren sehr wenige gefunden, und mich dünkt, man versäumt, bey der Erziehung der Kinder, das Einprägen und Erproben dieser, in der bürgerlichen Gesellschaft so nöthigen Tugend gänzlich. Ich müßte mich sehr irren, oder die Verschwiegenheit ist seit dreyßig Jahren weit rarer, obgleich die Aufrichtigkeit und [56] Offenherzigkeit nicht allgemeiner geworden sind –

Unsre Pferde stehen vor der Thür – Ich schliesse mit den Empfindungen der hochachtungsvollsten, unveränderlichsten Treue.


Meyer.

Quelle:
Knigge, Adolph Freiherr von: Der Roman meines Lebens, in Briefen herausgegeben. 4 Teile, Teil 2, Riga 1781–1783, S. 54-57.
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