[61] ..... den 4ten Februar 1771.
O, meine gnädige Frau! Was fange ich arme Person an? Das Fräulein ist mir fortgegangen, weiß der Himmel wohin. Ich habe sie wie meinen Augapfel bewahrt – Aber mir einen solchen Streich zu machen! Gewiß und wahrhaftig! Es kann ihr nicht gut gehn, nun sie das an mir gethan hat.
Ist das erlaubt, wegzulaufen, wie ein gemeines Mädgen, und in dem Augenblicke, daß sie nur aus der Thür gieng? Ist das honett? Ich dachte, »sie wird ja schon wiederkommen« und warte, und warte – Aber fort war sie.
[62] Der Kerl hatte schon vorher unten in der Stube gesessen, im Wirthshause, wo ich Ew. Gnaden entgegen kommen, und einige Tage bleiben mußte. Er sah aus wie der lebendige böse Feind, und gab sich für einen Officier aus. O! ich wollte ihn so beschreiben, wenn ihm der Steckbrief gefertigt werden sollte. Er schwebt mir noch vor Augen, der verruchte Mensch!
Er fieng an, mit mir französisch zu parlieren. Die Stube wurde oben gekehrt, deswegen waren wir unten. »Ich verstehe kein Französisch« sagte ich, »ich bin eine ehrliche Deutsche« Ja! darauf parlierte er mit dem Fräulein – Gott verzeyhe es ihm! Da müssen Sie es wohl verabredet haben. Es gieng ihnen beyden vom Maule weg, als wenn sie sich zehn Jahr gekannt hätten.
Ich merkte aber gleich Unrath. »Allo!« sagte ich, »Fräulein! Wir wollen auf unser [63] Zimmer gehn, es ist alles fertig. Pfui! wer wird sich so mit jedem schäbigten Kerl in einen Discours einlassen?«
Wie wir nun so saßen, und bald zu Bette gehen wollten, gieng sie einmal in die Cammer. Ich muß eben ein wenig auf dem Stuhle eingenippt seyn. Denn wie ich mich besinnen konnte, war sie über alle Berge. Der Wirth sagte, sie sey mit dem Kerl in der Cariole fort, und ließe mich noch schön grüßen.
O! ich arme Frau! Was soll ich nun anfangen? Das war als heute vor acht Tagen. Ich gieng gleich den andern Tag zum Amtmann, aber der lachte mir in die Nase, der Spitzbube!
Nun bin ich hierher gekommen – In aller Welt, wer hätte das gedacht? – Allein ich bin unschuldig – Ach! gnädige Frau! zürnen Sie nur nicht auf mich. Lassen[64] Sie den Kerl gefangen nehmen, und aufhängen, wenn sie ihn haben – So einen Entführer! Ich habe vor Schrecken drey Tage krank gelegen, und kaum das Herz gehabt zu schreiben; Aber Sie müssen es doch einmal erfahren. Ich schreibe dieses Wenige mit zitternder Hand, als Meiner gnädigen Frau
unterthänige Magt
Clara Käserink.