Das Mährlein von der Serviette, dem Tornister, dem Kanonenhütlein, und dem Horn.

[282] Es waren drei Brüder, die waren gebürtig aus dem Schwarzwalde, wo es, wie in Gebirgsgegenden gar oft, nicht viel zu zehren und zu ernähren gab. Die Aeltern waren sehr arm, und waren am Ende auch gar gestorben, und die Söhne hatten Nichts.

Da zogen sie fort, zumal da sie zu Hause doch Haus und Hof nicht brauchten zu verlassen, weil sie Beides nicht hatten, und gingen nach Spanien, wo damals des Geldes und Goldes sehr viel sein sollte, so viel, daß die Leute nicht wußten, was sie damit sollten anfangen.

Dort, meinten sie, müsse es sehr leicht sein, ein paar Hutköpfe voll Gold mit von zu bringen, und nachmals davon sich recht gütlich zu thun auf Lebenszeit; und also zogen sie hin.

Sie kamen nach Hispanien, obwohl sie nicht wußten wo es lag, und Weg und Steg gar nicht kannten; und kamen an einen Berg, der bestand aus lauter Silber, von welchem der älteste Bruder so viel nahm, als er fort zu bringen im Stande war, denn er dachte, besser könnt es nicht kommen. Und er ging damit heim.[283]

Die andern Beiden dachten, es könnte schon noch besser kommen, und der Silberberg bliebe ihnen ja immer gewiß. Darum zogen sie weiter.

Und sie kamen an einen Berg, der war von purem lautern Gold. Der zweite wußte nun nicht, was er besseres thun konnte, als Gold zu nehmen, so viel nur immer fort zu bringen war, und ging damit nach Hause.

Dem Dritten aber war das nicht genug. Das Gold bleibt dir ja immer, dachte er; vielleicht findest du wohl gar noch einen Berg mit herrlichem Edelgestein. Da hat man in einer Tasche voll mehr, als an Golde auf einem vierspännigen Wagen.

Er war in einen Wald gekommen, der gar kein Ende wollte nehmen, und war drei Tage umher geirrt, hatte aber keinen Menschen getroffen. Hungrig und durstig war er gar sehr, und wäre so gern aus dem Walde gewesen, um wieder zu Menschen zu kommen; denn der Mensch will zum Menschen immerdar, und warum das so ist, möget Ihr selbst Euch ausdenken.

Er stieg auf einen hohen, hohen Baum, um zu sehen, wo der Wald wohl zu Ende ginge, der ging aber nirgends zu Ende, und was er sahe waren Bäume, und Spitzen und Gipfel von Bäumen, aber nichts weiter.

»Ach könnt ich nur einmal noch mich so von Herzen satt essen und trinken; aber hier ist kein Haus und kein Mensch.«

So sprach er zu sich selbst, und stieg vom Baume herab.

O wie war er da so glücklich, als er unter den Bäumen einen gedeckten Tisch fand, besetzt mit vielerlei köstlichen Gerichten, und herrliche blinkende Weine standen auch mit darauf.

Er fragte nicht viel, wem der Tisch mit allen den Dingen gehöre, weil er sehr hungrig und durstig war, sondern aß und trank sich recht satt. Er ließ den Tisch stehen, nahm aber das Tischtüchlein mit sich, denn er hatte, ich weiß aber nicht wie? weg gekriegt,[284] daß wenn ihm Hunger und Durst ankam, er das Tüchlein nur auszubreiten und zu wünschen brauche, so stand flugs Alles darauf. – Es läßt sich aber leicht heraus bringen, wie er darauf kam. Ihr aber sollt es ergründen.

Nachdem er noch zwei Tage im Walde gegangen war, woraus er sich des Tüchleins wegen, das ihn versorgte, nicht eben viel machte, kam er zu einem Köhler, der brannte Kohlen, und röstete sich Kartoffeln; und der Köhler bat ihn gutherzig zu Gaste.

»Ich will nicht dein Gast sein, sagte er da, sondern du sollst der meinige sein!«

Der Köhler sprach: »du bist sehr spaßhaft; denn du hast ja keine Lebensmittel bei dir.«

»Die werden sich schon finden,« antwortete er ihm, breitete sein Tischtüchlein aus, und es stand sogleich Alles darauf, was nur zu wünschen war, und der Köhler aß tapfer mit, denn sein Lebtag hatte er etwas so Gutes nicht gegessen.

»Tausend und Hundert, sagte der Köhler, aber erst nachdem er recht satt war, so ein Tüchlein möcht ich schon haben, denn das könnte mir hier im Walde recht gut thun, wo immer gar nichts zu haben ist. Ich habe auch so ein wundersam Wünscheding, nämlich einen alten Tornister; wenn ich mit der Hand auf den schlage, kommt jedesmal ein Gefreiter mit sechs Mann Soldaten, mit Ober- und Untergewehr heraus, und thun was ich will. Was hilft mir das aber im Walde?«

»Wenn du Lust hast können wir tauschen,« sagte der Schwarzwalder, und der Tausch wurde mit großen Freuden vom Köhler aufgenommen.

Der Schwarzwalder war kaum dreißig Schritte fort gegangen, so klopft er auf den Tornister, und der Gefreite mit seinen sechs Mann stand da, und fragte: »Was verlangt denn mein Herr?«[285]

»Geht hin, hieß es, zum Köhler dort, und holt das Tischtüchlein, was ich bei ihm gelassen habe.«

Das Tüchlein wurde alsbald ihm wieder zurück gebracht.

Nun kam er zu Abend zu einem andern Kohlenbrenner, der hatte auch nichts Bessers als Kartoffeln, und wollte ihm gern davon abgeben. Aber das Tüchlein mußte sich wieder decken, und der Köhler mit ihm essen, wozu sich dieser auch gar nicht erst nöthigen ließ, weil es ein gar dreister Mann war.

»Das ist ein wundersam herrliches Ding, Euer Tüchlein da, sagt der Köhler, und möcht ich wohl gern so eins haben, wüßt ich nur, wie ichs könnte erlangen. – Wohl hab ich auch Etwas, was wohl so viel werth ist als das Tüchlein, nämlich ein Hütlein, recht alt; aber setzt man es auf, und dreht es um, so gehn ganze Batterien Kanonen, und schießen Alles darnieder; aber was mach ich im Walde damit. Ich kann doch die Bäume nicht niederschießen, denn die fragen darnach nichts – aber so ein Tüchelchen? – Ei ja!«

»Hier nimms Tüchelchen, und gieb mir das Hütchen,« sagte der Andere, und der Tausch war fertig. – »Das ist doch ein ganzer Narr,« dachte der Köhler; hatte es aber kaum gedacht, so kam der Gefreite mit seinen sechs Mann, und nahmen das Tüchlein ihm ab.

Mit einem dritten Köhler ging es nicht anders. Er hatte auch nur Kartoffeln, aber auch ein klein Korn, das er gegen das Tüchlein austauschte. Blies man aber auf dem Hörnchen, so fielen alle Festungen, Städte und Dörfer um, selbst wenn sie gar nicht einmal da waren. – So schlimm war das Hörnchen. Der dritte Köhler behielt das Tüchlein nicht länger, als die beiden andern.

Unser Mann hatte nun köstliche Sachen beisammen, und wollte damit wieder nach Hause und die Brüder besuchen, die bei ihrem Silber und Golde gar vornehme Leute waren geworden, und in[286] köstlichen Kleidern gingen, und sich seiner so sehr schämten, daß sie ihn gar nicht als Bruder wollten erkennen, weil er so abgerissen war.

Er aber nahm das Ding übel, denn er war krausköpfig, klopft auf seinen Tornister, und läßt den unbrüderlichen Brüdern die schönen Kleider voll schlagen, so daß es der Rücken mit fühlte. Freilich kamen die Bauern den Brüdern zu Hülfe, weil diese so gar grausam reiche Leute geworden waren. Wären sie noch arm gewesen, wäre kein Mensch ihnen zu Hülfe gekommen.

Was halfs, daß die Bauern kamen? Er klopft 20 oder 30 Mal auf seinen Tornister, so steht eine Kompagnie Soldaten da, und haut die Bauern so durch, daß sie mit großem Geschrei davon laufen.

Von dem Ungebührniß hört denn der König, der gar ein sträflicher und scharfer Herr war. Was halfs aber, daß er ein Regiment Soldaten schickte, die wurden ja alle in die Flucht geschlagen; denn es war leicht so oft auf den Ranzen zu klopfen, daß eine kleine Armee heraus kam. Es half auch nichts, daß die halbe Armee des Königs gegen den verwegenen Burschen ausrückte, denn dieser ließ aus seinem Ranzen eine ganze Armee heraus rücken, und des Königs Soldaten liefen alle davon, zumal da sie viel tüchtiger und besser zu Fuß exerzirt waren, als zu Armen und Fäusten.

Und als der König Alles gegen den tollen Menschen aufbietet, so läßt derselbe nicht nur Leute genug aufmarschiren, sondern dreht auch das Kanonenhütlein, daß Alle, und sogar der Majestät selbst, und der Prinzessin, die sich vor Soldaten sonst gar nicht fürchtete, am wenigsten wenn sie recht tapfer und schön waren, sondern nur vor Spinnen und Fröschen, das Herz im Leibe erbebte.

Der König mußte Friede, und den tollen Menschen zum Reichsvormund, und selbst zum Gemahl der Prinzessin machen, die aber den gemeinen Kerl gar nicht gemocht hatte; und wünschte ihn los[287] zu werden. Sie schwatzte ihm, mit süßen Schmeicheleien das Geheimniß vom Tornister ab, und gewann den Tornister selbst, und nun ließ sie marschiren gegen ihn; aber mit dem Kanonenhütlein machte er bald wieder Friede, und die Prinzessin blieb sein. Die weiß ihn aber auch um das Hütlein zu berücken, und denkt, nun hab sie ihn gewiß. – Er aber hatte das Hörnlein noch; da bläst er ganz unsinnig darauf, als der Feind auf ihn anrückte. Und die Soldaten fielen über den Haufen, die Festung auch, das Königsschloß auch, die Stadt mit, und Alle wurden dabei erschlagen, selbst der König mit der Prinzessin.

Nun wurde er selbst König, und blieb es, so lange er lebte.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20], S. 282-288.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Pascal, Blaise

Gedanken über die Religion

Gedanken über die Religion

Als Blaise Pascal stirbt hinterlässt er rund 1000 ungeordnete Zettel, die er in den letzten Jahren vor seinem frühen Tode als Skizze für ein großes Werk zur Verteidigung des christlichen Glaubens angelegt hatte. In akribischer Feinarbeit wurde aus den nachgelassenen Fragmenten 1670 die sogenannte Port-Royal-Ausgabe, die 1710 erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840.

246 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon