Der Fischer, der Geist und der König der schwarzen Inseln.

[305] Ein alter Fischer stand am Strande des Meers, und hatte von Mitternacht an sein Netz ausgeworfen, und nichts, gar nichts gefangen, auch das kleinste Fischlein nicht. Der arme alte Mann mit seinem dünnen Haar zittert vor Nässe und Frost. Ach und zu Hause warteten seine vier hungrigen Kinder und sein Weib, zu welchen er nun mit leeren Händen zurück kehren sollte, welches ihm schon im Voraus das Herz brach.

Er seufzt zu Gott auf, daß er ihm doch einen einzigen Zug möchte gelingen lassen, ach den Hunger, den nagendsten Hunger der Seinen nur zu stillen. »Drei Züge, sagt er, will ich noch thun, so abgemattet ich auch bin; ach wenn doch Einer darunter glücklich wäre.«

So wirft er das Netz ins Meer, und zieht es bald schwer, recht schwer wieder heraus. Wie stärkt ihm die Hoffnung Herz und Arm über den glücklichen Fang, den er gethan haben wird, und er freut sich schon der Freude der Kleinen daheim. Und, o du barmherziger Gott, ist es möglich? – als das Netz heraus ist, ist es voll dickes Schlammes, vermischt mit Sand und Steinen.[306]

Die Thränen stürzen dem alten Manne aus den Augen und weinend wäscht er sein Netz aus, und wirft es zum zweiten Male ins Meer, und zieht es abermal sehr schwer herauf. Er fängt aufs neue zu hoffen an. Und als das Netz heraus ist, ist das Gerippe eines Eselskopfes darin.

Da wird der Fischer wüthend und wild, und will schon verzweifeln, und der böse Geist der Verzweiflung flüstert ihm zu: »Was hilft dein Weinen und Toben. Das Meer ist tief genug, dich von all deiner Mühe und Qual zu erlösen. Stürz dich hinab, so hat Alles ein Ende.«

Aber die Hoffnung weicht nicht so gar leicht und so ganz von dem Menschen, sondern bleibt seine treue Gefährtin, um ihn in so vielen trübseligen Fällen, in Noth und Elend zu stärken. Der Fischer thut seinen letzten Zug, und denkt: »nun vielleicht dießmal!«

Schwer ist das Netz wieder, und schwerer noch als die beiden vorigen Male. Er zieht es mit großer Mühe und Anstrengung herauf, sieht voll Erwartung hinein, und hat keinen einzigen Fisch, aber ein länglichrundes verrostetes Gefäß ist in dem Netze.

»Da muß ein Schatz drin sein, bei meiner Treu, spricht freudig der alte Fischer, wie könnt' es denn sonst so schwer sein?« – Doch wäre auch nichts darin, dennoch ists für mich ein köstlicher Fand; denn wenn es die Frau erst ein wenig gescheuert hat, kann ichs zum Rothgießer hintragen, und wir haben für unsere Kinder Brot auf mehrere Tage.

Er setzt sich hin um ein wenig zu verschnaufen, und besieht sich seinen Fund noch einmal. Da entdeckt er am Rande des Gefäßes ein großes seltsames Siegel, das ihn Wunder nimmt. Er besieht es sich, aber mit großer Vorsicht, daß es nicht beschädigt werde, weil er nicht wissen konnte, was es sei? Er hebt den Deckel von dem Gefäße ab, und setzt ihn in den Sand, und schaut nun in das Gefäß hinein, um zu sehen was darin ist. – Nichts fand er darin, welches[307] ihm denn unbegreiflich schien, weil das Gefäß doch so schwer gewesen war.

Indem er sinnt, wie das möglich sei, und zugehen könne, steigt ein dicker grauer Rauch aus dem hohlen Bauche des Gefäßes, und hebt sich hoch und immer höher bis an die Wolken hinan, und wird größer und immerfort größer. Dann verbreitet sich der Rauch weit umher, über Land und See, und legt sich wie Gebirge darauf. Und nun wird der Tag verfinstert, und es blitzt und donnert in den Rauchbergen, und ein Sturm erhebt sich, der heulend das Meer thurmhoch aufwühlt.

In Todesangst mit kaltem Schweiß übergossen, steht leblos wie ein versteinter Mensch der Fischer da. Und es folgt plötzlich eine Grabesstille.

Der Rauch wälzt und ballt sich in und über einander, wie die großen Nebel in den Gebirgen, und gewinnt eine Gestalt und ein ungeheurer Riesengeist bildet sich aus dem Rauchnebel, unter dessen Fußtritten Feuerflammen heraus fuhren, und die Ufer erbebten. – Der Fischer verging fast vor Angst, und seine Knie schlugen zitternd heftig zusammen.

»Nun bin ich frei! sprach mit Donnerstimme der Geist – aber Dich Fischer muß ich erwürgen!«

Da erwacht bei dem armen Menschen, der vor wenigen Minuten sich noch ins Meer stürzen wollte, die allmächtige Liebe zum Leben, und er flehet den donnernden Geist sein zu schonen, zumal da er noch ein Weib und vier kleine Kinder habe.

»Gern, sagte der Geist, gern wollt ich dein schonen, und wollte sogar dich reich machen, denn du hast mich ja aus dem maledeiten Gefängnisse erlöst, in welchem ich 1500 Jahr bin eingeschlossen gewesen; aber ich darf nicht, wie du gleich hören sollst.«

»Mein Name ist Eblis, und ich gehöre zu denjenigen Geistern, welche die Gewalt Gottes nicht anerkennen wollten, und den[308] Kampf gegen ihn versuchten. Sieben tausend Geister, alle sehr machtig, gehorchten meinen Befehlen. Salomo überwand mich aber durch Hinterlist, und verschloß mich in dieses unglückliche Gefäß, welches er mit seinem unbezwinglichen Siegel verwahrte1. Wisse, daß Geister leicht Welten zertrümmern können, aber gegen die Macht dieses allmächtigen Zaubersiegels vermag kein Geist in der Welt etwas.

Salomo ließ mich in dieses Meer werfen, wo ich alle meine Macht anwendete das Gefäß zu zersprengen, aber das Siegel war viel gewaltiger denn ich. Da verhieß ich in den ersten fünfhundert Jahren dem, der mich befreien würde, alle Gewalt und Ehre der Erde, denn ich konnte sie ihm leicht gewähren. Aber es kam Niemand. In den andern fünfhundert Jahren verhieß ich meinem Retter alles Geld und alle Lust, welche die Erde nur hat, und Niemand kam. Da wurde ich grimmig und wild, und schwur meinen Erlöser zu würgen. Der Schwur hat mich nachmals vielfältig gereut, allein er war nicht zu ändern. Was Geister schwören ist unverletzlich. Ich bedauere dich, armer Mensch, aber ich kann dir nicht helfen.«

Der Fischer hatte sich ein Herz gefaßt, während der Geist Alles so ordentlich erzählte, und dachte: »der läßt wohl ein Wort mit sich sprechen, sonst hätte er dich leicht können gleich anfangs ermorden.«

»Großer Eblis, sprach der Fischer, Ihr seid kein großmüthiger Geist, und ich glaube Ihr wollt mich nur verderben, darum[309] gebt Ihr einen solchen Schwur vor, so wie Ihr auch nur vorgebt, daß Ihr in dem Gefäße gesteckt habt. Wie kann eine solche Gestalt, die bis zum Himmel reicht, und wie ein Gebirge dasteht, in dem Gefäße gewesen sein, das kaum drei Spannen lang ist. Das ist ja nicht möglich, und müßt ich es erst mit meinen eigenen Augen sehen, eh' ich es glaubte. – Dann wollt ich es glauben, daß es mit Eurem Schwur seine Richtigkeit hat.«

Der Geist, der auf die Ehre seines Wortes hielt, sprach eifrig: »Du bist einfältig, wie alle armseligen Menschenkinder, und kannst nicht verstehen, wie weit die Gewalt eines Geistes geht, und wie vielerlei Gestalt und Gebild ein Geist annehmen kann, und wie er groß und klein, Luft und Nebel, Schatten und Körper kann werden. Nun so sieh denn mit deinen eigenen Augen, damit du meinem Worte glaubest.«

Damit verwandelte sich der Geist wieder in Rauch und Nebel, der sich verbreitete, wallte und änderte, und sich in das Gefäß mehr und immer mehr herab senkte und zusammen drängte, bis die ganze Masse des Rauchnebels wieder darin war. Da kam dann eine schwache wie durch Rauch erstickte Stimme aus dem Gefäße, und sagte zum Fischer: »Sieh her und glaube!«

Der Fischer that das dann auch, und schlug zugleich den Deckel mit Salomons Siegel auf das Gefäß, und der Geist saß in demselben wieder so fest und sicher verschlossen, als die vorigen anderthalb Jahrtausende.

»Fischer was thust du?« rief die Stimme noch schwächer in dem Gefäße, als zuvor, denn der Deckel war drauf.

»Ich thue dich eingesperrt haben, wie du zuvor eingesperrt warst, weil du die Menschen willst abwürgen, die dich erretten, und will ich dich nun so weit und tief ins Meer hinein versenken, daß dich vor der Welt Ende gewißlich Niemand soll finden.«[310]

Der Geist wurde grimmig, weil er überlistet war, und wollte nicht gern gute Worte geben, und versuchte noch einmal seine stärksten Kräfte, das Gefäß zu zersprengen, aber es half ihm nichts gegen die Kraft von Salomons Siegel, und er merkte wohl, daß alle seine Anstrengungen nichts würden fruchten. Da wurde ihm denn übel zu Muthe, und die ganze Pein der Langeweile und der unbequemen Lage im Gefäß, fiel mit dem Gewicht der ganzen Hölle auf ihn. Wohl hätte man sollen glauben, daß ein so großer Geist, der sieben tausend andere unter sich hatte, sich mit seinem eigenen Geiste einige Jahrtausende leicht hätte sollen unterhalten, und, wie es großen Geistern zusteht, in jede Lage sich finden können. Unsere großen Geister können sich zwar nicht immer mit ihrem Geiste unterhalten, weil derselbe oft ausgegangen ist, wie ein ausgegangenes Feuer, und darum unterhalten sie sich mit Narrenspossen; aber in jegliche Lage sich finden, so lange sie noch Brot haben, das ist ihnen sehr leicht. Unser großschlachtiger Geist aber konnte weder das Eine noch das Andere, obwohl er ein so gar großer Geist war.

So ging dann dem Eblis der Muth aus, und er gab dem armseligen Fischer himmlisch gute Worte ihm aufzusperren, wofür er ihn so gewiß und auf Geisterehre glücklich machen wolle, als gewiß er der große Eblis sei.

»Will dich dennoch, in Gottes Namen, in die tiefsten Tiefen des Meeres schmeißen, sagte der Fischer, denn wer soll dem Worte eines so treulosen Geistes trauen?«

Da schwur im Gefäße der Geist seine höchsten Geisterschwüre, und verhieß dem Fischer wer weiß wie viel, und der gute alte Fischer ließ ihn wahrhaftig wieder heraus. – Ob ich es würde gethan haben, weiß ich fürwahr nicht.

Aber der Geist, nachdem er aus der Büchse wieder als ein Rauchnebel gekommen war, hielt Wort, wie es nicht immer bei großen Herren und großen Geistern der Fall ist.[311]

Der Geist nahm eine, wiewohl etwas riesige Menschengestalt an, und sprach: »Komm du Altvater; so viel du bedarfst, soll dir schon werden.« Der Alte folgte, obwohl mit kurzem Athem, und großer Anstrengung, den Riesenschritten, an die er nun eben nicht gewöhnt war. Es ging durch Moor und Sumpf und Gesträuch, durch Dick und Dünn, durch Berg und Thal, durch Feld und Wald; und es war nur ein Wunder, wie das der Alte mit seinem hohlen Magen konnte aushalten. Das machte aber die Gespanntheit auf Geld und Glück.

Sie waren eine Weile gegangen, und kamen an einen See, der sich wie ein Spiegel längs eines todten Thales hinstreckte, und auf jeder Seite mit einem Hügel begrenzt war, auf welchem schwarze Tannen standen.

Der Fischer ist befremdet. Er kannte alle die Gegenden meilenweit rings umher, besonders die, wo Wasser mit Fischen war. Aber diesen See hatte er noch niemals gesehen. Nun! er errieth wohl, daß er mit einem Geiste zu thun hatte, und es hier nicht so gewöhnlich natürlich Ding und Wesen war, sondern Geisterei und Zauberei.

Der Geist merkte ihm Alles was er dachte auf dem Gesichte ab obwohl er vorher, als er von dem Fischer wieder eingesperrt wurde, ihm nichts abgemerkt hatte. Aber der Geist sagte nichts, als: »Gieb Acht, und merk dir Weg und Steg genau; hier wirds für dich so viel zu fischen und zu fangen geben, als dir noth ist. Nur, bei deinem Leben, wirf jeden Tag dein Netz nicht öfter als einmal aus.« Das letzte hatte der Geist, der wohl wußte, wohin der betonende Nachdruck gehöre, mit solcher Donnerstimme gesprochen, daß rings umher Alles erbebte, und dem Fischer die Sinne vergingen.

Als der Alte wieder zu sich selbst kam, war der Geist fort, und nur seine Stimme hallte über den See noch nach. – Er sahe die Fische im klaren See in solcher Menge scherzen und spielen, als er[312] noch niemals beisammen gesehen hatte. Auch waren ihm die seltsamen, und unbeschreiblich schönen und großen Arten von Fischen völlig fremd. »O! rief er, das giebt ein Gericht für die Tafel des Sultans. Niemand, als der, darf solche Fische essen.«

Er thut einen Zug, und siehe, vier große Fische zappeln in seinem Netze, von vier verschiedenen Farben; der eine gelb, der andere blau, der dritte roth, der vierte silbergrau, und alle in den Farben über den ganzen Leib so glänzend, wie keine andern Fische in der Welt.

In fröhlicher Hoffnung trottet der alte Mann nach der Sultansstadt zu, und fühlt nicht wie er so müde und matt ist. Er eilt nach Hofe, und will seine Fische dem Sultan selbst bringen, damit ihn das Dienerpack nicht mit kleiner Münze abfertige. Der Staatsrath, in welchem der Sultan, während der Verhandlungen, des Morgens noch ein wenig Nachruhe zu halten pflegte, war kaum zu Ende, so zeigt unser Fischer dem Großherrn die Fische. Dem machen sie eine wundergroße Freude, und er schickt sie durch des Großweßirs Hand, dem Oberküchenmeister, damit dieser selbst so seltenes und köstliches Wasservieh selten und köstlich zubereiten möchte. – Was so prächtig aussähe, müsse noch prächtiger schmecken, meinte der Sultan, und um den Geschmack wars ihm weit mehr zu thun, als um die Farben. Dem Fischer aber ließ er Vierhundert große Goldstücke auszahlen.

Denkt Euch den überglücklichen Alten, wie er in seiner Freude und fast wie trunken nach Hause trabt, und mit dem Sultan selbst kaum würde getauscht haben, aus Furcht, es möchte dieser nicht noch einmal so viel Goldstücke besitzen. Der bittersten Dürftigkeit scheint eine mäßige Summe unendlich viel. – Denkt Euch aber auch die Freude der Kinder und ihrer Mutter, und wie einmal nun ein hoher herrlicher Festtag in die kleine Hütte einkehrt, mit Lust und Jubel, mit Sattwerden, und selbst mit Kuchen und Braten. – Das war[313] ein guter Tag, und der Alte besahe seine Goldstücke wohl zehnmal, und überzählte sie immer wieder aufs neue, und ließ sie gegen die Sonne blinken und glänzen.

Nun hatte der Großweßir die Fische aus Sultans Hand empfangen, mit eigner Hand auch dem Oberküchenmeister zugetragen, und demselben mit Ernst eingeschärft, dieselben aufs Beste zu bereiten, damit Seine Majestät recht möchten vergnügt werden, indem Dieselbe vierhundert Goldstücke dafür hätten bezahlen lassen.

Der Oberküchenmeister war selbst ein sehr feiner Züngler, und wohl ein eben so feiner, als der Sultan, und als ein alter erfahrner Hofmann wußte er recht wohl, daß ein Großherr lecker müsse gegessen und gut verdaut haben, wenn er bei guter Laune bleiben sollte, und die Geschäfte ihren ordentlichen Gang sollten gehen. Was Wunder, da es bei den vornehmen Hofleuten selbst nicht anders war, und wie bei den Krebsen der Kopf im Magen saß, oder doch der Magen im Kopfe, welches ganz einerlei ist. Und weil seine Exzellenz der Oberküchenmeister ihr Fach so wohl verstanden, als schwerlich der Großweßir das Seinige, und an einer Tunke (Sauce) ein Pfefferkorn zuviel so gewiß hätten heraus geschmeckt, daß es dem Obermundkoch beißend genug hätte werden sollen – ja, weil das Alles Se Exzellenz wußten und verstanden, bereiteten Dieselben die Fische selbst, nachdem sie sich vorher in die Küche begeben und eingeschlossen, die Mundköche aber entfernt hatten.

Gebraten waren die Fische schon auf Einer Seite, und der Oberküchenherr steht mit der Gabel da, dieselben in der Pfanne umzuwenden. Da überfährt es ihn plötzlich wie Geisterschauer, und die schwarzen Küchengewölbe werden mit hellem Goldglanz erfüllt, und die alte rußige Mauer berstet auf einmal, und eine Dame tritt aus der Oeffnung hervor, so jung und schön und zart, als es nicht zu beschreiben ist. Die Majestät ihrer Gestalt, die himmlisch schönen Augen, das glänzende weißatlaßene Kleid mit güldenem Gürtel[314] und Edelsteinen darauf, die goldgelben Haare, die Perlenschnur um ihren Busen, die Rubinspangen um den Arm, und was sonst noch hieher gehören könnte – – von dem Allen wollen wir uns einmal die Beschreibung schenken.

Der Oberküchenherr verstand sich nicht blos auf die Küchenkunst, sondern auch auf Diamanten und auf Perlen und auf Schönheit, und erschrack und verblindete fast; aber die Dame achtete feiner gerade eben so viel, als ob er nicht da wäre, oder niemals hätte da sein können. Mit großer Würde und mit Ernst tritt sie zur Pfanne, sieht auf die Fische, und schlägt mit dem Myrtenreis in ihrer Hand die Fische sanft auf den Kopf, und spricht zu den großen Bengels von Fischen gar höflich und zärtlich:

»Fischlein, Fischlein, thut ihr Eure Pflicht?« –

Die Fische, die schon halb gebraten, antworteten nicht.

Die Dame berührt sie sanft noch einmal mit dem Myrtenreis, und spricht:

»Fischlein, Fischlein, thut ihr eure Pflicht?«

Aber die schon halbtodten und halbgebratenen Bestien blieben dumm und stumm. Da sie aber zum dritten Male mit dem Myrtenreis einen tüchtigern Klaps auf die Nase mochten bekommen haben, antworteten sie alle, indem sie die Köpfe in die Höhe hielten, ordentlich wie sich es gehört, wenn man höflich sein will; und was sie antworteten, darin war nicht einmal ein Fischverstand, der von ihnen wohl wäre zu verlangen gewesen, geschweige ein Menschenverstand; aber sie antworteten doch und sprachen:


»Der Pflicht vergessen

wir Fische nie;

haben viel Müh

und wenig zu essen,

baun spät und früh

uns luftige Schlösser,[315]

und hättens gern besser;

wollens erringen,

könnens nicht zwingen,

waten bis an die Knie,

rathen und treffens nie.«


So war der grundgelehrte Singsang der befragten Fische, aus dem selbst der weiseste Derwisch nicht hätte klug werden können. Aber die Dame schien doch aus demselben klug zu werden, und damit wohl zufrieden zu sein. Das machte, sie hatte wohl die Gaben dazu, die freilich nicht Jedermann hat; Vielen von unsern Damen fehlt diese Gabe aber auch nicht, wie man aus den Büchern sieht, welche sie lesen.

Die Fische, nachdem sie zuvor mit aufgereckten Köpfen gesungen hatten, senkten die Köpfe nun, und waren stumm wie Fische. Und die Dame stößt die Pfanne hierauf um, und geht zurück durch die Mauer.

Daß die Dame fort war, so schön sie auch war, ist dem Oberküchenherrn gar nicht unlieb; aber daß die mit der Pfanne umgestoßenen Fische zu Kohlen und Asche waren verwandelt worden, macht ihn untröstlich, denn wie soll er vor dem Sultan bestehen, wenn dieser die Fische begehrt?

Zum Glück stehn Magen und Kopf immer in naher Verwandtschaft, mithin auch der Oberküchenmeister und Großweßir. Der Erstere entdeckt sich dem Letztern, der denn auch aushilft, und Seiner Sultanischen Majestät eröffnet, daß solche Fische nur erst durch die Zubereitung von Tag und Nacht so viel Hochgeschmack könnten erhalten, um dem Gaumen der hochgroßsultanischen Majestät zu gefallen.

Wenns einmal so ist, dachte der Sultan, (denn es zu sagen war unter seiner Hoheit) so mag es drum sein, weil morgen doch auch ein Tag ist. Gern hätte er indessen die Fische schon zwischen den Zähnen gehabt.[316]

Der Großweßir läßt den Fischer kommen, und gibt strengen und straflichen Befehl, den andern Morgen vier ganz gleiche Fische zu bringen.

Dem armen Alten wird es ganz unheimlich. Wie? wenn er den Weg zu dem See nicht wieder fände, von dem ohnedieß keine Seele jemals etwas gewußt hatte? Wie wenn er sich auch zum See fände, doch nicht gerade Fische finge von anbefohlener Größe und Farbe, und der Weßir ließe ihn alsdann abgurgeln? So hätte der Geist seinen Schwur, den zu erwürgen, der ihn befreie, dennoch gehalten, nur auf eine andere Manier – O! Geistern sei niemals zu trauen.

Er ängstet sich mit quälenden Gedanken die ganze Nacht, und als der Morgen graut, nimmt er sein Netz und geht. O Glück! da ist der See, und in dem Netze zappeln auf den ersten Zug vier Fische, eben so groß und glänzend und von eben solchen Farben als die gestrigen, die er mit freudiger Eil zum Großweßir trägt, und dafür von diesem, der ebenfalls hoch erfreut war, wieder vierhundert Goldstücke empfängt.

Glücklicher Weßir! glücklicher Fischer!

Der Großweßir schließt sich selbst mit in die Küche ein, um zu sehen, wie es kommen werde, und es kam Alles wie gestern. In dem Augenblick als die Fische in der Pfanne gewendet werden, spaltet sich die Mauer, die schöne reichgekleidete Dame tritt mit ihrem Myrtenreis aus dem Spalte hervor, schlägt dreimal auf die Fische, und fragt, ob sie ihre Pflicht thäten, und diese heben ihren artigen und tiefsinnigen Spruch wieder an, und beten ihn mit aufgereckten Köpfen genau so her als das erste Mal. Die Dame stößt die Pfanne um, und die Fische verkohlen, und die Dame verschwindet durch die Oeffnung der Mauer, die sich von selbst wieder verschließt.

Daß sich die beiden Herren in der Küche dem Umstoßen der Pfanne nicht widersetzten, ist recht begreiflich, denn wer nimmt es[317] gern mit einer Dame auf, wenn Er höflich, und die Dame noch obenein schön und reich ist. Man möchte wohl denken, sie hätten vor Furcht nicht gewagt, das Umstoßen der Pfanne zu hindern, man denkt aber grundfalsch, denn so hohe Herren fürchten sich niemals, zumal wenn sie in der Gunst des Sultans fest stehen, denn dann können sie thun was ihnen gefällt, ohne daß Henne oder Hahn darum krähen.

Was war aber nun für die beiden Herren zu thun, um den Sultan zu beschwichtigen? Daß der ihnen von dem Vorgange kein Wort glauben würde, wußten sie gewiß, denn der Sultan war ein gewaltig großer Philosoph, und was er nicht begriff, das glaubte er nimmermehr.

Der Fischer wird sogleich beschieden, und soll stracks noch vier solcher Fische schaffen, damit sie vor Tische noch fertig sein könnten. Aber der Fischer erinnert sich noch gar wohl der donnernden Drohung des Geistes, und giebt zu seiner Entschuldigung vor, die Reise zum See sei viel zu weit, und erst in vier und zwanzig Stunden könne er wieder vier solche Fische liefern.

Da standen die Herren! – Sie beratheten sich lang und breit, wie nun zu helfen stehe, aber wie oftmals, kam auch hier aus dem Berathen kein Rath.

Und als der Sultan bei Tische rief: »die Fische herbei!« – denn sie waren seiner Ungeduld schon viel zu lange geblieben – muß der Weßir zitternd erzählen, was in der Küche vorgegangen sei.

»So? sagt der Sultan; morgen will ich das selbst mit ansehen,« und strich ungläubig seinen Knebelbart dazu, und kein Gericht schmeckte ihm nun mehr, weil er die Fische nicht hatte, von welchen er meinte sie müßten in der Schüssel und gebraten doch tausend Mal schöner sein, als lebendig im See. Aber das wissen wir ja schon.[318]

Der Fischer kommt am dritten Morgen und bringt aufs neue vier Fische, geht mit vierhundert Goldstücken heim, und ist nun ein reicher, reicher Mann.

Der Sultan ist mit in der Küche, besieht sich die Fische haarscharf, und will ein Gespräch mit ihnen anfangen, indem er denkt, wenn sie halb gebraten könnten sprechen, müßten sie es bei lebendigem Leibe noch besser können, welches denn aber nicht also war, denn die blieben stumm wie die Fische.

Es geht denn wieder in der Küche wie es zweimal schon gegangen war, nur daß in dem Augenblick, als die Fische gewendet werden, ein riesiger Mohr statt der Dame aus der Mauerspalte kommt, mit einem Stab in der Hand, mit dem er die Fische etwas tüchtig auf die Nase tippt, daher sie denn nicht erst dreimal sich tippen lassen, um in voriger Weisheit und mit dem gewöhnlichen Spruch anzusagen, daß sie ihrer Pflicht nicht vergäßen. Und als die Fische verkohlt sind, ist der Mohr fort.

Der Sultan reibt sich die Stirn und sinnt, denn ein sinniger Herr war er. – So seltsame Dinge, denkt er, müssen begreiflich gemacht werden, und das Wunderbare muß davon ab.

Der Fischer muß kommen. »Es hat etwas Seltsamliches mit deinen Fischen, spricht der Sultan, wo hast du sie her?« Der Fischer zeigt mit dem Finger auf einen Berg, hinter dessen Höhen der See liege, aus welchem die Fische gefischt wären. Der Sultan aber kennt in dieser Gegend, in der er so oft zu jagen pflegte, keinen See, und der Weßir eben so wenig. – Dahinter muß man kommen.

Der Hof bekommt Befehl zum Aufbruch, und in kurzer Zeit ist Alles bereit. Der Fischer zieht als Wegweiser voran, der Sultan mit seinem Hofe hintennach. –

– Es war kein kleiner Auflauf, als der Hof durch die Straßen zog, und alle Welt zerbrach sich den Kopf, was das könne zu bedeuten haben, aber es blieb im Kopfe stecken, und wollte gar nicht[319] heraus kommen! Ja wäre eine tüchtige Armee mit gezogen, da hätten Alle gewußt, das gebe Krieg.

In drei oder vier Stunden waren sie am See, der zwischen den vier Hügeln lag, die Keiner jemals gesehen hatte, und in dem See schwammen und spielten die Fische von den bekannten vier Farben, einzeln und in Zügen.

Der Sultan muß wissen, wie das Wesen zusammen hängt. Es werden Zelte am Ufer des Sees aufgeschlagen, und, was das Nöthigste war, ein Gezelt mit einer Küche vor allen andern.

Alles lag am nächsten Tag noch im tiefsten Schlafe, als der Sultan den Großweßir kommen läßt, und zu ihm spricht: »Ich habe mir vorgenommen hinter alle diese Seltsamkeiten zu kommen, und das allein zu vollbringen. Du bleibst hier, regierst statt meiner, wie immer, und sprichst, ich hätte Kopfweh, oder Magenkrampf, oder wäre verdrießlich, oder wäre in tiefsinnigen Gedanken. Obs schon nicht wahr ist, so müssen es die Leute doch glauben, und da ists eben so gut, als ob es wahr wäre. – Bin ich in sieben Tagen nicht wieder da, so ziehe nach der Stadt zurück, und laß dann den Himmel walten und sorgen.«

Der Sultan geht nun am Ufer des Sees hin, wo Alles todt und einsam und still ist. Die Luft selbst weht hier nicht einmal. So geht der Sultan mehrere Stunden und sieht und entdeckt nichts; aber als die Morgenröthe herauf glänzt, glänzt ihm auch von fernher ein Schloß entgegen, wie wenn es von hellpolirtem Stahl wäre.

Und nun wollen wir mit dem Sultan schon hinter Alles kommen, obwohl wir kein Wort davon werden verstehn! – Er aber versteht es gewiß.

1

Dieses Siegel spielt in der Geister- und Mährchenwelt des Morgenlandes eine große Rolle. Selbst in der Bibel wird Salomos hohe Weisheit gepriesen, obwohl derselbe zuletzt ein gar großer Narr wurde.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20], S. 305-320.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Anders als in seinen früheren, naturalistischen Stücken, widmet sich Schnitzler in seinem einsamen Weg dem sozialpsychologischen Problem menschlicher Kommunikation. Die Schicksale der Familie des Kunstprofessors Wegrat, des alten Malers Julian Fichtner und des sterbenskranken Dichters Stephan von Sala sind in Wien um 1900 tragisch miteinander verwoben und enden schließlich alle in der Einsamkeit.

70 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon