Der König der schwarzen Inseln.

[320] »Nun da wirds kommen; sprach der Sultan, als er das Schloß sahe; da steckt, ich wette darauf, der Schlüssel zu dem Geheimnisse von dem See und den Fischen, von der Dame und den Mohren, und ich will mir fürwahr das Haupthaar nicht eher lassen scheeren, bevor ich nicht Alles heraus habe. Das schwöre ich bei meinem Bart.«

Die sultanische Hoheit kommt dem Palast immer näher, aber es wird ihr immer unheimlicher zu Muthe, denn es kommt ihr weder Mensch, noch Thier entgegen, und selbst kein Käfer summt in der Luft, kein Heimchen zirpt auf der Erde. Alles ist todt – ganz todt!

Der Sultan kommt zum Schloß. O wie so prächtig ist überall Alles! so, daß an seinem eigenen Hofe das bißchen Glanz und Herrlichkeit nichts, gar nichts dagegen war; aber freilich überall wohnte auch hier der Tod – so grausig war es und stille, und in dem schönen Garten, der das Schloß umgab, war keine Mücke, keine Fliege und kein kleines Fischchen in dem Teiche, der ohne Welle da lag. Selbst keine Lust regte sich, keine Blume bewegte sich, kein Laubblatt und kein Grashalm nickte oder schwankte. – Todt, todt, Alles todt und stumm und still!! Am hellen Tage war es hier,[321] wie an andern Orten in der Nacht, die ja eben durch ihre Stille so öde und schauerlich furchtbar ist.

Indem der Sultan umherwandelt, ob nichts Lebendiges sich finde, hört er doch Töne, stöhnende ächzende Töne von fernher. Da erblickt er, sich umschauend, in der Mitte eines Teichs einen von hohen finstern Tannen umkränzten dunkelschwarzen Dom, aus welchem das Aechzen zu kommen schien. Je näher er kommt, je lauter wird das Klagegestöhn. Und der Sultan kettet einen Kahn am Ufer des Teiches los, und fährt zum Dome hinüber, steigt die Stufen hinan, tritt ein, und geht von Zimmer zu Zimmer, durch deren hohe und dunkle Fensterbogen nur mühsam das Licht sich drängt.

In einem weiten und hohen Saal findet er einen Fürsten, eine blitzende Königskrone auf dem niedergesenktem Haupt, und das todtenfahle abgezehrte Gesicht hat Augen voll Thränen, und der Jammer sitzt darauf kläglich und traurig. Der prachtvolle Scharlachmantel, der schlaff von seinen Schultern herabhängt, macht sein Aussehen gar nicht heiterer. – Ach Pracht und Glanz machen ja niemals ein heiteres Angesicht, wohl aber das Herz und frischer fröhlicher Lebensmuth und ein Stück Brot für gesunden Magen.

Der Unglückliche auf dem Thron, in Thränen und Jammer versenkt, bemerkt den König nicht, der hereingetreten war. Er hatte es ja nur mit sich selbst zu thun.

Da spricht der Sultan: »Verzeihe! dein Klagen dringt mir nicht bis ins Ohr allein, sondern dringt zerreißend bis in mein Herz. – Sprich was dir fehlt? Vertraue mir, ich bin ehrlich und treu (das war unser Sultan fürwahr) und kann ich dich retten, wär es auch mit meinem Leben, so will ich es unternehmen.«

Da erhebt der arme junge Mann auf dem Thron sein Haupt, und sieht den Sultan mit bethränten Augen stumm und staunend an, schweigt erst, und spricht dann: »Ist es ein Gott oder ein Mensch, der sich meines Elendes erbarmt?«[322]

»Ein Mensch, ein sterblicher Mensch bin ich, spricht der Sultan, bin der Sultan Visapur, und wollte dir gern helfen, wenn Hülfe Noth ist, und ich sie gewähren kann.«

»Gewähren kann! – kann?« sagt schmerzlich der junge Fürst. »Ach, Gott allein wird sie nur können gewähren!«

Aber Sultan Visapur sprach mit ihm hin und her, und vermaß sich hoch und theuer, er wolle ihm helfen, und wär es auch mit seinem Leben, ohne daß er wußte, wo es dem Prinzen fehle, bis dieser ihm seine ganze Geschichte erzählte, und weit weit dazu ausholte.

Er sprach zum Sultan:

»Niemand kann mir wohl helfen! Mein Elend ist einzig in seiner Art. Was ich fühle, das möchte noch sein, aber was ich nicht fühle, Gott, das ist zum Erbarmen, und ist unerträglich!«

»Nun, dachte der Sultan, nun merk ichs wohl, woran es dem fehlt. Es rappelt ein klein wenig bei ihm oben unter der Krone. Wenn hier sonst sich nur Menschen fänden, so möcht ich fast denken, sie hätten ihn zum Narren und Papierkönig gemacht!«

Unser allweise Sultan irrte sich dasmal, und fand es am Ende selbst, nachdem er die Geschichte des unglücklichen jungen Monarchen anhörte, welche also lautete:

»Mein menschenfreundlicher Herr Sultan! Seht hier zuerst, ehe ich weiter erzähle, Schultern, Brust und Rücken« – indem nahm er den von Haaren gewebten, aber mit Edelgestein besetzten Scharlachmantel ab, und da brach dem gutherzigen Sultan das Herz, denn Alles, Alles war von Geißelhieben zerfleischt und zerrissen, geschwollen und mit Blutstriemen unterlaufen, bis an die Hüften hinab.

»Gott! o Gott! ruft Visapur, ist das möglich?«

»O, spricht der junge König darauf, das Aergste sieh hier!« – Und damit hebt er nun auch von den bedeckten Lenden den Königsmantel[323] ab, und der Sultan sieht alles Gebein und Fleisch des armen jungen Fürsten in schwarzem Marmor verwandelt, wofür er es eher nicht halten will, als bis er es erst befühlt und betastet hat.

Der Sultan ist außer sich vor Schmerz und Erstaunen, und will die Geschichte des Halbversteinerten recht genau wissen, um ihm, wie er nochmals betheuert, wenn er könne, zu helfen. So erzählt dieser denn:

»Mein Unglück ist mein Weib! – Ich heiße Uzim Oschantei, und bin der König der schwarzen Inseln, und dieser See, um den die vier Hügel stehen, war einst mein Königssitz.«

»Kaum daß ich meinen Thron bestiegen hatte, heirathete ich das schönste Weib der Erde, und war in ihrem Besitz, o wie glücklich, wie überglücklich! Die Welt mit aller ihrer Herrlichkeit schien mir gar nichts gegen dieses Kleinod. – – Ich lebte mit meiner Gemahlin fünf Jahre, die mir wie einzelne Tage dahin gingen, und nimmer, wie ich dachte, konnte es jemals weniger glücklich gehen: Ach wie hab ich mich betrogen!«

»Ich lag einst im leisen Schlummer im Garten auf einem Sopha. Es war ein sehr warmer Tag. Da kommen zwei Dienerinnen der Königin, und denken, ich sei fest eingeschlafen, und wehen mir frische Luft mit Wedeln von Blumen zu. – Ach hätte ich doch einen Todtenschlaf gehabt, so wär ich ja glücklich geblieben!«

»Sieh! sprach eins der Mädchen zu dem andern, wie schön unser junge König da liegt, und wie schön und sanft er schlummert. Ach! er würde so sanft nicht schlummern, der gute Herr, wenn er sein Unglück wüßte.«

»Was für ein Unglück?« fragte das andere Mädchen.

»Wie? das weißest du nicht? versetzte das erste, was Alle am Hofe wissen, daß es unsere Königin mit einem garstigen Mohren hält, mit dem sie des Nachts ihre verdammten Zauberkünste treibt, die wohl noch dem Reiche und dem Könige zum Verderben gereichen[324] werden. Er ist anfangs ihr Lehrer und Meister in der Zauberei gewesen, jetzt aber mag sie ihn darin weit übertreffen, und bedient sich seiner wohl nur noch als eines Gehülfen. Sie scheint ihn aber auch ordentlich lieb zu haben, und gern bei ihm zu sein, und vielleicht hat sie ihn lieber als den König.«

»Wie wäre denn das aber möglich? fragte die andere Dirne, da doch der König beständig bei ihr ist; sie kommen ja niemals einander von der Seite.«

»Wie übel bist du unterrichtet, versetzte die Erste. – Weißest du denn nicht, daß sie dem König, so oft er sich zur Ruhe begiebt, einen Schlaftrunk im goldenen Becher beibringt? Er glaubt es sei frisches Wasser, etwa aus einem Wunderquelle, worauf sichs herrlich schlafe; wenigstens schläft er so fest darauf, daß er bis Anbruch der Morgenröthe sich nicht einmal rühren kann. Sie aber eilt in den Garten zu dem häßlichen Mohren.«

»Wie war mir zu Muthe! fuhr der Sultan fort. Wie mußt ich an mich halten, bei den schrecklichen Worten, die ich hörte. Himmel und Erde lagen auf meiner Brust!«

»Ich hatte die Kraft meiner selbst Herr zu sein, und that denn, als ob ich so nach und nach erwache; aber als ich nun wieder allein war, Gott! Gott! wie war mir!«

»Ich sank in dumpfer, starrer Betäubung an einem Felsenbach hin.« »Es ist unmöglich, rief ich, es ist zu gräßlich! zu höllisch! Mein Weib eine Zauberin? – Und der Mohr ihr lieber denn Ich! – Es ist unmöglich! – Und doch! doch! Der ganze Hof scheint das Geheimniß meines Unglücks und meiner Schande zu wissen.«

»Was half es, hin und her zu sinnen, zu brüten und zu ächzen? Ich mußte mich schon bis zu Abend zu fassen suchen, und mich stellen, als sei ich wie sonst. Wie ich es vermocht habe weiß ich nicht, aber das weiß ich, es waren Stunden der Höllenqual, die ich bis zu Abend verlebte, der mir eine Ewigkeit auszubleiben schien. –[325] Gewißheit, nur Gewißheit suchte ich, und ach! ich bekam sie furchtbar genug.«

»Als mir vor Schlafengehen das treulose Weib nach Gewohnheit den goldenen Becher darbot, trat ich damit an ein Fenster, und schüttete den Trank unbemerkt hinaus; den Becher gab ich zurück, worauf wir uns zu Bette verfügten, wo ich mich bald fest eingeschlafen stellte.«

»Bald stand die Elende auf, – ich sahe Alles bei dem hellen Lichte des Vollmonds – warf ein leichtes Nachtkleid über, bückte sich über mich hin, um sich nochmals zu überzeugen, daß ich fest genug schlafe. ›Schlaf, schlaf, sagte sie dann; und möchtest du nimmermehr wieder erwachen. – Aber diese Zeit soll auch nicht mehr fern sein!‹ damit eilte sie davon.«

»O! daß ich meinen Augen und Ohren hätte mißtrauen können! Ich konnte es aber ja nicht.«

»Ich fuhr in den Kaftan, den Säbel unter dem Arm, und schleiche ihr durch alle Gänge und Hecken des Gartens nach. Ihr Verlangen trieb sie so sehr zu eilen, daß ich, der ich ohne Geräusch so schnell nicht nachfolgen konnte, sie bald aus den Augen verlor.«

»Ich suchte sie in Grotten, Sälen, Gebüschen, Wäldchen und Lauben, und endlich klang mir ihre Stimme aus einem Gebüsche hervor. Ich schleiche leise näher und näher, und o Entsetzen! sie halten sich traulich umschlungen, der Mohr und mein Weib. Sie sprechen von meinem Untergange, und wie der Mohr dann, sei ich nur erst aus dem Wege, den Thron besteigen solle, und wie das Alles verdachtlos zu beginnen, und auszuführen stehe. – Himmel und Hölle! wie hab ich es können hören!«

Die Wuth stählte meinen gelähmten Arm, und mit Einem Hieb war der Mohr vom Schädel bis zum Nabel gespalten. – – – O! hätt' ich doch den Schädel des treulosen Weibes gespalten, so wär ich nicht in diesem entsetzlichen Zustande. Aber ich glaube, die[326] Elende war mir noch werth. – »Flieh, rief ich ihr zu, flieh vor meinem Grimme, damit dieser allein für sich und dich büße!«

»Ach büßen! büßen! – ich allein mußte büßen. – Sie schoß nur Einen Blick auf mich, und ich stand da, wie eine Bildsäule von Stein, unvermögend Arm oder Fuß zu regen. Dann warf sie sich bei dem sterbenden Mohren verzweifelnd nieder; bald brüllte sie vor Schmerz, daß Alles rings umher erbebend wiederhallte, bald sank sie auf ihn hin und umarmte ihn, drückte ihn mit Strömen von Thränen an ihr Herz, verhüllte sein Todtengesicht in ihre schwarzen Haare, und rief ihn, der nicht mehr hörte, mit den zärtlichsten Namen. Dann zerraufte sie sich ihr schönes Haar, zerriß sich Arme und Wangen, und schwur dann so schreckliche Schwüre, sich an dem Mörder eines so kostbaren Lebens bis zur vollen Sättigung zu rächen, daß der Mond davor zu erbleichen schien.«

»Und ich stand und sahe und hörte dem Allen zu, und mußte es sehen und hören, denn ich konnte ja kein Glied rühren und regen. Ich war erstarrt!«

»›Hinweg mit ihm, hinweg aus meinem Gesicht!‹ schrie sie den unsichtbaren Geistern zu, die ihre Diener waren. ›Hütet sein bis zum Tage des großen Gerichts!‹ – Und von unsichtbaren Händen wurde ich aufgehoben und in einen finstern Kerker gebracht, wo ich die Jammernacht durchächzte und mich gern umgebracht hätte, hätte ich nur die Kraft dazu gehabt; aber ich blieb erstarrt!«

»Der Morgen brach an. Da wurde ich aus meinem Kerker gerissen, und sahe sie in tiefste Trauer gehüllt, vom Haupt bis über die Füße. Aus ihren Augen schossen wüthig die Flammenblitze der Rache auf mich, die auf ihren glühenden Wangen loderte, und doch – o Gott sie war so schön! so schön noch immer!«

»Maulaffe du! – Noch schön?« brummte der Sultan Visapur in seinen Bart. Der halbversteinte König aber fuhr zu erzählen fort.[327]

»Ach! rief die Königin, er ist todt, todt auf ewig für mich, der mir das Theuerste auf Erden war; todt! todt! Aber hier, wo ich jammern muß, soll auch nichts mehr leben und sich freuen, sondern ringsumher Alles, Alles elend sein, wie ich selbst. Und du Verhaßter, sprach sie zu mir sich wendend, Du! – tödten will ich dich nicht! Die Strafe wäre zu große Wohlthat für dich. Leben sollst du, leben! und ich will dein Leben noch Jahrhunderte verlängern; aber du sollst nur leben zu deiner Qual. Du sollst den Tod als eine barmherzige Wohlthat von mir erwinseln, aber empfangen sollst du ihn nicht.«

»Dreimal schlug sie mit ihrem Zauberstaube auf den Boden, und die Finsterniß der schwärzesten Nacht verschlingt den leuchtenden heraufgekommenen Tag. Dagegen leuchten die Blitze, die rollenden Donner krachen, und es fahren Flammen aus den Tiefen zischend herauf. Ich verliere die Besinnung, und als diese wiederkehrt, bin ich wie du mich gesehen hast – halb versteint, und was mir gehört hat, ist Alles verwandelt, – Alles öde! Meine herrliche Königsstadt nicht mehr, sondern an ihrer Stelle ein See, und die Bewohner in Fische verwandelt, von viererlei Farben, die Muselmanen silbergrau, die Juden gelb, die Christen blau, die Heiden roth.«

»Ach und nun! nun sitz ich hier und jammre in meinem Schmerze, und in der Pein der Langeweile, vom Morgen bis zum Abend, und vom Abend durch die Nacht bis wieder zu dem Morgen. Wie lang ich nun schon so jammere und weine, weiß ich nicht mehr, aber es ist lange, ach! so sehr lange! Und mit jedem Morgen kommt das rachedürstende Weib, hebt den härnen Scharlachmantel von meinen striemigen, striemigen Schultern, und geißelt, geißelt mich, bis ihr der Athem entgeht, und ihre Rache ergötzet sich an meinem Aechzen und Stöhnen. Kein Erbarmen ist bei ihr, und ich, – kann mich nicht wehren.«[328]

So klagte der arme König, und Thränengüsse unterbrachen seine Klagen. Der gute Sultan Visapur weinte bitterlich mit ihm, denn sein Herz war weich.

Und als sie sich ausgeweint hatten und konnten nun nicht mehr weinen, nimmt Visapur das Wort und spricht, und schwört einen großen gewaltigen Schwur dazu, daß er sein Haupt nicht eher sanft niederlegen und auf keinem Sopha schlafen wolle, bis er nicht Hülfe geschafft habe, und der grimmigen Tigerin das Leben genommen. Er fragte nun, wo er dieselbe treffen könnte?

Der König der schwarzen Inseln antwortete, die Königin habe sich in einem finstern Hain von dunkeln Cypressen einen trübsalvollen Aufenthalt durch ihre Geister bauen lassen, den sie den Palast der Thränen nenne. Hier liege der Mohr in kläglichster Gestalt, der nicht leben und nicht sterben könne. Sie erhalte ihn durch ihre furchtbare Kunst, mehr den Schein des Lebens, als das Leben selbst. Er liege, ringe und kämpfe, geistlos und bewußtlos zwischen Leben und Tod, und die offenen stieren Augen sähen nichts mehr. Sterben werde er nicht, das mache ihre Kunst, und leben könne er nicht, das sei über ihre Kunst. – Sie besuche ihn täglich, und klage und jammre über ihn.

»Nun, ruft der Sultan Visapur, dem Jammer muß ich ein Ende zu machen suchen. Ich gehe. Lebt wohl indessen, wenn Ihr es könnt.«

Er geht und achtet nicht auf den Nachruf des unglücklichen Königs; geht, sucht und findet den Palast der Thränen im dunkeln Cypressenhain, und trifft die Königin bei ihrem Mohren, in ihrem Schmerz, in ihren Thränen versunken. Da ward es ihm leicht, unbemerkt nahe heran zu kommen, und der Königin mit einem einzigen Streich den Kopf abzuhauen. Im Augenblick war sie todt, und der Mohr auch; denn mit ihr ging die Kunst auch aus, den[329] sterbenden Mohren noch lebend zu erhalten. Der Sultan haute dem Mohren den Kopf ebenfalls ab.

Beide Köpfe bringt Visapur nun im freudigen Triumph dem Könige der schwarzen Inseln.

»Da seht! spricht er zu ihm, und hält ihm die Köpfe hoch empor! Seht es ist mir gelungen! Nun wird doch wohl Alles sein, wie es muß. Gottes Gerechtigkeit hat sie beide gefunden!«1

Da fällt der Marmorschach, den er hatte erlösen wollen, und der sich, seinem Bedünken nach, hoch hätte erfreuen müssen, beinahe in Ohnmacht, und seufzt: »Ach Gott, nun ist Alles verloren!«

Visapur, der seine Sache so wohl gemacht zu haben sich bedünken ließ, dachte: »das Paviansgesicht von Schach weiß wahrhaftig nicht was es will. Nun ist es ihm wieder nicht recht! Erst flennt er und heult wie ein Knabe, und nun fängt der Breikerl wieder sein Lamentiren an.«

»Was fehlt denn nun noch?« fragt er den Steinprinz.

»Ach, daß ich nun Stein bleibe, jammert dieser, und der See, See und die Fische bleiben Fische, und Alles wird so todt und stumm bleiben, als es ist. Es konnte Niemand helfen als die Königin, die sich vielleicht wohl noch hätte erweichen lassen, denn ich hatte sie ja so lange auf den Händen getragen; aber nun! – nun ist Alles dahin!«

»So wimmert nur nicht gar zu sehr, erwiedert der Sultan Visapur. Weiß Gott, daß ich es gut meinte, und wenn's nun fehlschlug,[330] so dauert es mich. Aber es muß doch noch Ein Mittel geben, Euch zu helfen!«

»O ja! das gibt's denn wohl, wimmerte der armselige König fort; aber wer kann es herbeischaffen? Der, welcher es gekonnt hätte, ist auch nicht mehr da.«

»Nun so sprecht doch wenigstens, wer oder was für ein Heiliger das war? sagt der Sultan. Ich will ihn suchen, wenn er irgend noch zu haben ist.«

»Hört ein Geheimniß, erwiedert der Inselkönig; – es war ein Eselskopf.«

»Eselskopf selbst! denkt der Sultan, der mit dir noch richtig vorhanden ist;« er sagt es aber nicht, sondern schüttelt nur ungläubig den Kopf. Er sagt es deswegen nicht, weil es unhöflich gewesen wäre, und weil er bedenkt, wie viel oftmals in der Welt von Eselsköpfen abgehängt hat, und bittet um nähere Erläuterung.

»Der Eselskopf, fuhr jener fort, war das Werk eines großen Geistes, und unserm Reich als Schutz und Schirmvoigt geschenkt. Er lag im Königsschatze mit Gold und Edelgestein geschmückt, und lag daselbst seit mehrern Jahrhunderten, woraus Ihr allein schon seine Wichtigkeit ersehen könnt.«

»Ja wohl! sagt der Sultan, der immer noch sehr ungläubig bleibt, weil er ein Philosoph war. Aber fahret doch fort!«

»Uzim Oschantei fuhr fort.« Neben dem Kopf lag ein großes Buch mit dicken Decken von Gold und mit seltsamen Zeichen und Figuren darauf. Es war in einer uralten Sprache geschrieben, wovon keiner mehr ein Wort verstand, und enthielt viele Gemählde auf goldnem Grund in bunten lebendigen Farben. Beides beschrieb das Schicksal des Reichs und den Schädel des Kopfs, und wie wiederum Alles zusammenhinge mit dem Schicksal unsers Königsstammes.[331]

Der Eselskopf war so heilig, daß er je alle sieben Jahre dem ganzen Lande gezeigt wurde, indem man ihn auf einem prächtigen mit Blumen bekränzten Wagen überall umherfuhr. Er hatte die Eigenheit alle Bezauberungen zu zerstören, wo er nur hinkam, und alles Geister- und Feenwerk verschwand vor ihm. (Freilich, dachte Visapur, verschwindet vor Eseln das Geisterwesen). Die Königin, die dem Reiche und mir gefährlich werden wollte, hätte Nichts können ausrichten, so lange dieser Kopf da war, dieses Reichskleinod und Schutzherr des Thrones und des Landes. Sie wußte ihn heimlich zu entwenden, und ließ ihn ins Meer versenken, in dessen Grund nun all' meine Hoffnung begraben ist.«

»Mein Herr Bruder, sprach Visapur, ich bin zu übereilt gewesen, wie ich wohl einsehe. Esel und Eselsköpfe will ich Euch aus meinem Reich wohl verschaffen, und wenn Ihr wollt zu Tausenden, falls es Euch helfen könne. Ob aber unter solchen Köpfen sich Einer nur findet, in welchem ein Kopf ist, weiß ich nicht – am wenigsten ob ein solcher zu erhalten stehe, der Euch zu Hülfe und Dienste sein könne. – Ich will indessen mein Bestes thun, und eine Prämie darauf setzen lassen, damit an allen Küsten meines Reichs nach dem Eselskopf gefischt werde. Indessen laß ich Euch einen Theil meines Hofs da, damit Ihr nicht Langeweile habt, indessen ich in meinem Reiche Befehle zum Nachsuchen stelle. – Laßt uns hoffen, mein Herr Bruder, der Anfang scheint mir doch gut.«

Der Sultan geht zu seinem Hoflager und stellt die Befehle, einen Eselskopf zu fischen, und setzt eine unglaublich hohe Belohnung darauf. Die Leute aber denken, der Sultan sei selbst ein – Kopf, nämlich etwas verrückt geworden. Aber der alte Fischer dachte nicht also, der schon einmal einen Eselskopf zu seinem Verdruß herausgefischt hatte und wohl einsahe, daß hier Wunder über Wunder im Werke waren. Er wurde aufmerksam, besann sich des gefischten[332] Eselkopfs, lief an den Strand des Meeres nach demselben, um wieder Goldstücke zu fischen, fand ihn am alten Orte, bringt den Eselskopf dem Sultan, und siehe da! es ist der gewünschte Kopf, gegen den keine Bezauberung besteht.

Der Kopf hat kaum den Schach berührt, so wird er mit dem Unterleibe wieder, was er war; der See wird zur Stadt; die Fische werden zu Menschen; die ganze Gegend ringsumher wird zu einem großen, sehr großen Reiche, und der Fischer empfängt von beiden Sultanen so viel Gold und Kostbarkeit, daß er nicht wußte wohin damit, und also hieß er ein glücklicher Mann.

Aber der brave Visapur wußte nun in der That nicht, wo er war, und wie er zu seinem Reiche gelangen sollte, weil es Niemand im Lande der schwarzen Inseln kennen wollte. Doch fanden sich am Ende einige Handelsleute, die zuvor Fische gewesen waren und dasselbe kannten, weil sie dorthin Handel getrieben hatten. Sie sagten ihm den Weg dahin. Manche sagen, der Sultan habe zehn Jahre Zeit gebraucht, um wieder nach seiner Residenz zu kommen, Andere aber behaupten, er sei so weit von derselben entfernt gewesen, daß er in hundert oder gar tausend Jahren nicht hätte können hinkommen, und so sei er denn noch heutigen Tages unterwegs. – Ich aber kann das nicht wissen, sonst wollt ich es ehrlich berichten!

1

»Die göttliche Nemesis hat sie beide ereilt,« sollte es eigentlich heißen, wenn es hoch gelahrt und vornehm neu klingen sollte. Aber der Verfasser ist ein wenig einfältig, und weiß nicht, was so ein Thier, die Nemesis nämlich, frißt. Andere mögen ihr Futter wohl kennen, aber daß sie das Thier selbst kennen, davon hat er eben nichts gemerkt.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20], S. 320-333.
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