Der Wundervogel.

[398] Es lebten einmal in einem Lande sechs Jünglinge, die waren mit einander aufgewachsen und zusammen in die Schule gegangen, und hatten sich von Grunde des Herzens lieb. Der eine war ein gewaltiger Rechner geworden und hatte schon ausgerechnet, wie lange der liebe Gott leben könne; der andere war ein Schreiner (Tischler) geworden und bauete so wundervolle Schränke, so wundervoll, daß sie von selbst immerdar mit Kleidern aller Art und mit allerlei Eßwaaren sich anfüllten; der dritte war ein Maler, der Menschen und Thiere so natürlich malte, das sie lebendig wurden und ihm oftmals davon liefen, wenn er sie nicht mit tüchtigen Stricken an die Hauspfosten anlegte der vierte war ein Arzt, dem es ganz einerlei war, ob ein Todter schon ein halb Jahr oder noch länger im Grabe lag, er konnte Beides, den Todten wieder lebendig und gesund machen; der fünfte war ein Schmidt, dem es ein Spaß war, himmelhohe Felsen auf seinen Ambos zu legen und mit zwei Schlägen seines Hammers in Staub zu verwandeln, und es machte ihm gar nichts aus, wenn auch die Felsen gar nicht da waren, er zerpulverte sie dennoch; der sechste aber war Nichts, weil er keine Kunst gelernt[399] hatte; aber er brauchte auch keine und war dennoch sehr Viel, denn er war begütert.

Auf einmal gefällt es den Jünglingen in der Heimath nicht mehr, sondern es treibt und es drängt sie so sehr, und sie müssen die Welt sehen. Da reisen sie mit einander fort, und sehen Menschen und Schafe, Bäume und Sträuche, ein paar Berge und Bäche, blauen und bewölkten Himmel, und ob es wohl auch eben nicht viel anders war als zu Hause, standen sie doch da und dort voll Bewundrung still und schauten mit großen Augen und mit weit geöffnetem Munde drein – denn der Mund mußte mitschauen helfen – und sprachen: »Welch eine schöne Natur!« – Sie waren nämlich aus der neuesten Schule.

Endlich stand ihnen das Zusammenreisen gar nicht mehr an weil sie alle mit einander immer nur Ein und dasselbe sahen, Jeder aber gern etwas Eignes und Besondres sehen wollte, so beschlossen sie denn sich an irgend einem Orte zu trennen, wo sie sich leicht könnten wiederfinden.

Als sie nun zu einem Flusse gekommen waren, der sechs Mündungen hatte, beratheten sie sich. Jeder von ihnen wollte an einer der Mündungen stromauf gehen und sich Alles besehen, allein zu einer gewissen Zeit wollten sie sich wieder an der Stelle versammeln, wo sie jetzt waren.

Ehe sie aber von einander gingen, pflanzte Jeder einen Baum, den er seinen Lebensbaum nannte; denn so lange der Baum grüne, sollt es ein Zeichen sein, daß es dem, der ihn gepflanzt hatte, wohlgehe; wäre der Baum aber verwelkt, so wär es ein Zeichen, es gehe ihm übel und vielleicht sei er gar todt, und die Andern sollten ihn dann nach der Gegend hin suchen, nach welcher er zugegangen wäre.

So trennten sie sich.

Der begüterte Jüngling fand bald eine Quelle und einen schönen Lusthain dabei, und in dem Haine ein sehr hübsches Haus.[400] Vor dem Hause saßen ein ehrwürdiger Alter mit einer Alten, die fragten: »Jüngling, wo kommst du her, und wo willst du zu?« – Der Jüngling antwortete: »Ich komme weit her und will mir die Welt ein wenig besehen.«

Die Alten sahen sich den Jüngling recht an und sprachen darauf: »Bleib du bei uns, mein Sohn! Die Welt ist überall die Welt und sie ist es auch hier. Du siehst uns so gut und so fromm aus und wir haben keinen Sohn; aber wir haben eine Tochter, die ist gewiß recht sehr gut und sehr hübsch, die wollen wir dir geben, wenn sie deinen Augen gefällt, und Geld und Gut dazu, so viel du nur magst, denn wir haben Alles, nur keinen Sohn!«

Der Jüngling bedachte sich nicht lange und blieb bei den Alten und als er die Tochter erblickte, ward ihm sein Herz sehr bewegt, und er sagte bei sich: »Wie gut hab ich gethan, daß ich die Heimath verließ! Dieß holde Kind ist tausendmal schöner, als die Schönste unter den Feen, und er bat die Alten um die Tochter, die sie ihm gern gaben, um so mehr, weil auch dem Mädchen der Jüngling gefiel, den es für den schönsten unter allen Jünglingen hielt.«

So blieb denn der Jüngling gar gern und lebte mit den Alten und mit seinem lieben und schönen Weibe ruhig und froh.

Eines Tags hatte die junge Frau beim Baden ihre wunderschönen Ohrengeschmeide am Ufer abgelegt und vergessen, und auch die köstlichen mit Perlen geschmückten Armspangen, und als sie dieselben an der Stelle suchte, wo sie von ihr waren hingelegt worden, waren sie fort.

Es hatten aber nach ihr an derselben Stelle die vornehmen Diener des Fürsten gebadet, der ein so gewaltiger Fürst war, daß er gar nichts nach Unterthanen, Rechten und Gesetz fragte, denn sein Wille war Gesetz und Recht.

Die Diener fanden die herrlichen Geschmeide und brachten sie dem Fürsten, der sie mit Erstaunen betrachtete und nach der ihm angebornen[401] Weisheit sogleich herausbrachte, so prächtige kunstvolle Geschmeide müßten einem Weibe angehören, das noch viel schöner wäre als die Geschmeide, und unter allen Weibern das schönste in der Welt.

Es versteht sich, daß er solch eine Schönheit sogleich zu seiner Gemahlin erkohr, und dagegen seine jetzige Gemahlin, die er immer bisher für ein Wunder von Schönheit gehalten hatte, ganz absetzen wollte.

Die Diener bekamen Befehl, gegen den Ursprung des Flusses hinaufzuziehen und die Frau zu suchen, der die Geschmeide gehörten »Fürchtet meinen Zorn, sprach der gewaltige Fürst, und kommt nie wieder vor meine Augen, wo ihr das Weib nicht mitbringt.«

Sie fanden die Frau bald und wurden von ihrer Schönheit geblendet. »Komm, sagten sie zu ihr, der Fürst will dich haben!« – Das arme Weib sträubte sich zwar und weinte und bat, denn es wollte von dem Jüngling nicht lassen, aber es half nichts. Und der Jüngling klagte und flehte weinend und mit Händeringen: »Laßt mir, o laßt mir mein Weib!« Die Diener aber antworteten: »Dummer Mensch! Was der Fürst will, das will er, und damit kannst du zufrieden sein!« – Er konnt' es ja aber gar nicht.

Als die Frau vor den Fürsten gebracht wurde, ward er entzückt und sprach: »Schafft meine Gemahlin fort; sie ist gegen diese ein Saurüssel.« – (Er war starker Ausdrücke gewohnt, denn er hatte sich darin immer gegen seinen Hof geübt).

»Ich nehm' dich zu meiner Gemahlin,« sprach er zu der Frau. Die treue Seele aber sagte ganz unschuldig, sie möchte ihn nicht haben, denn sie hätte schon einen Mann, von dem könne sie nun und nimmermehr lassen.

Der Fürst wurde grimmig und wild, denn nie hatte noch Jemand gewagt, ihm widerspenstig zu sein, es half ihm aber nichts. Sie weinte nur und sagte: »Ich kann ja nicht!« Da wurde er[402] selbst weich und der zornige, herrische Mann hätte bald mitgeweint, denn ihre Thränen bewegten ihn tief und sehr.

So bat und flehete er denn wehmüthig um ihre Liebe und sagte: »So nimm mich doch nur; du sollst mich gewiß noch lieb haben!« aber es half ihm nichts. So stellte er ihr nun seine Fürstenmacht und Pracht vor und was für eine große Frau sie werden würde, aber – es half ihm nichts. Da wurde er wüthend und rasend und drohete, sie mit Feuer und Schwert zu vertilgen, – aber es half ihm nichts. »Ich kann nicht, ich kann ja nicht!« war ihr einziges klagendes Wort.

Da ließ der Fürst den Jüngling von seinen Dienern umbringen, denn er hoffte, wär' der erst aus dem Wege, so werde Alles viel besser gehn.

Die Diener tödteten den Jüngling, legten ihn in eine Grube und wälzten ein großes Felsstück darauf, aber es ging nicht besser.

Als die verabredete Zeit gekommen war, versammelten sich die Wanderer zu ihren Lebensbäumen, und alle ihre Lebensbäume standen so frisch und so grün, nur der Baum ihres lieben Gefährten war ganz welk und sogar dürre. Sie gingen den Fluß hinauf, ihn zu suchen, aber sie fanden ihn nicht. Da rechnete der Rechner es aus, daß der Jüngling getödtet und an der und der Stelle in eine Grube versenkt sei, über weicher ein großes Felsenstück läge. – Da fanden sie ihn bald.

Aber den Felsen konnten sie nicht wegschaffen. Da nahm der Schmid seinen Hammer, schlug zweimal auf das Felsenstück, und es flog in Staub auf. Der Schmid zog den Todten aus der Grube herauf. – Aber leider, der Todte war todt!

Da kam der Arzt und bereitete ein Wasser und einen Saft. Mit dem Wasser wusch er den Leichnam, und von dem Safte brachte er demselben ein paar Tropfen, und dann noch einmal, und wieder noch einmal ein paar Tropfen zwischen die Lippen, und wieder noch[403] ein paarmal. Und der Todte fing an leise zu athmen, die Glieder fingen an zu zucken, sie regten sich dann, und nach wenigen Stunden war der Jüngling zum vollen Leben wieder erwacht.

Nun erzählte der Jüngling, wie es ihm gegangen, und wie er so grausam um sein holdes liebes Weib gekommen sei durch des Fürsten Gewaltthätigkeit, der ihn hätte tödten lassen und seine Frau bei sich behielte, ob sie schon lieber bei ihm wäre.

Da hielten sie Rath, wie sie dem bösen Fürsten das Weib möchten entführen, aber da sie allesammt keinen Rath fanden, sprach der Schreiner: »Ich will schon Rath schaffen.«

Und der Schreiner machte einen großen Wundervogel einen Garudin (oder Phönix), so einen, wie man auf der Erde nicht trifft. Der war so eingerichtet, daß er zwei Wirbel hatte, und je nachdem man den einen oder den andern Wirbel drehete, je nachdem flog der Vogel höher oder tiefer, gerade aus oder seitwärts.

Aber der Vogel, so künstlich er war, sahe dennoch nach gar nichts aus, und schien ein bloßes Stück Holz, und ob er schon überall hinfliegen konnte, hätte ihn doch Niemand für einen rechten Vogel gehalten, denn ihm fehlten die Federn, woran man ja, nach altem Wort, die Vögel erkennt.

Da half der Maler, und malte den Vogel so künstlich und trefflich an, daß ihn alle Welt für einen lebendigen Vogel hielt.

Der Jüngling erhob sich hierauf mit dem Vogel, in dessen Bauch er sich verbarg, hoch in die Lüfte, umschwebte das platte Dach der fürstlichen Wohnung und ließ sich drauf nieder. Der Fürst und seine Diener sprachen: »Von so einem Vogel haben wir niemals etwas weder gesehen noch gehört. Der ist gewißlich vom Himmel gekommen.«

Der Fürst aber sprach zu der Frau des Jünglings: »Begieb dich aufs Dach, und biete dem Vogel mancherlei Speise, damit er sich aussuche. Von deiner Hand wird er am liebsten es annehmen.«[404]

Ihr sagte ihr Herz schon, wer der Vogel sein könnte, denn sie hatte immer auf den Jüngling gewartet, der ihr so viel und mancherlei von den kunstreichen Reisegefährten erzählt hatte. Jetzt war er da und gab sich ihr zu erkennen.

Da stieg sie mit ihm in den Bauch des Wundervogels hinein, der sich nun in die Luft erhob. Der Fürst sahe das, und sahe es jammernd, und meinte, weil sie zu schön und zu gut für diese Erde gewesen sei, habe sie der Himmel gen Himmel geführt.

Ach! der Jüngling und seine Gattin dachten auch, sie wären nun im Himmel, da sie sich wieder hatten, aber es wurde ganz anders.

Die Schönheit hat schon Vielen die Köpfe verrückt, daß sie die Zeit und das Leben und Geld und Gut darauf gewendet und dran gesetzt haben. So ging es hier auch.

Als der Jüngling zur Erde herabgekommen war, und die Gefährten das himmelschöne Weib sahen, wollte es Jeder für sich allein haben, und sie hörten allesammt nicht auf den flehenden Jüngling, sie möchten ihm doch die Holde nicht wieder rauben, die sie ihm ja eben erst wieder verschafft hätten. Aber sie hörten nicht drauf denn wenn auch ihre Ohren nicht taub waren, so waren es doch ihre Herzen. Mit Einem Worte, sie waren Alle bei dem Anblick der Frau fast halb rasend geworden.

Der Rechner sprach: »Die Frau gehört mir, mir ganz allein! Hätt ich nicht berechnet, wo der Jüngling lag, so hätte ihn keiner von Euch gefunden, und seine Gattin wäre im Palaste des Fürsten geblieben.«

»Hoh! hoh! sprach der Schmidt, mir muß sie gehören, denn dein Rechnen hätt es niemals gemacht. Ihr hättet das Felsstück alle zusammen nicht weggebracht, wo nicht ich es zertrümmert hätte.«

»Nein, mir muß sie gehören, sprach der Arzt. Was half dein Rechnen, du Rechner, und dein Felsenzertrümmern, du Hammerschmidt?[405] Es wurde eine Leiche aus der Grube gezogen, die ich erst lebendig gemacht habe.«

»Possen! sprach der Schreiner, das Weib will Ich haben. Der Jüngling konnte tausend Jahr leben, und wäre niemals zu seinem Weibe gelangt, hätt ich nicht den Wundervogel geschaffen.«

»Dem hab Ich erst Leben durch die Farbe gegeben, sagte der Maler, sonst hätte dem todten Holzstock wohl nie Jemand Speise gebracht. Ich verlange das Weib.«

So sagten und stritten sie gegen einander gar entrüstet und heftig, und hörten nicht des Jünglings und seiner Gattin flehende Bitten, obschon sie so lange Freunde gewesen waren.

Da sie nicht einig konnten werden, fuhren sie mit ihren langen Messern wüthend auf einander los, und blieben Alle kläglich auf dem Platze.

Ich weiß nicht, wer von den Unglücklichen das meiste Recht hätte gehabt, so lange der Jüngling noch lebte, ich denke aber immer, eben der hatte es, nicht nur am meisten, sondern allein. Ihr mögt es jedoch ausmachen.

Aber die arme junge Frau ging hin, und trug Leide! Leide! um ihren lieben Jüngling, und folgte ihm bald nach.

Da hatte der Jüngling sie doch!

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20], S. 398-406.
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