Freundlichen Gruß zuvor.

Da! Ihr lieben Krabauters1 und Nußknacker, Groß und Klein, da habt Ihr ein Mährleinbuch. Ich denke, Ihr sollt es recht lieblich und lustig finden, aber auch, wie der Titel besagt, lehrhaftig dazu, wenn Ihr sonst wollt;[3] wollt Ihr es aber nicht, so könnt Ihr es auch bleiben lassen, und dann kann ich weder Euch noch mir helfen2.

Die meisten Mährchen hab ich nicht selbst gemacht, sondern der wahre und eigentliche Verfasser davon ist die Welt, ich aber habe ein wenig daran gebastelt und sie nach meiner Weise zugerichtet (umgebildet nennen sie's jetzt), daß sie Euch möchten ergötzen, aber dabei Euch auch lehren. Sollte mir das gelungen sein, so kommt vielleicht noch ein Bändchen nach, und soll dann dieses schon einholen, aber wenn ich todt gestorben sein werde, so wirds damit nichts. Das sag ich Euch hiermit im voraus.

Je nun! ich hoffe schon, daß Euch das Büchlein gefallen wird, wenn die Proben mich nicht trügen, die ich darüber angestellt habe; aber! aber! ob es die grundhochgelahrten und hochgewaltigen Herren genehmigen werden, die Alles beschnüffeln und beschnarchen, und rümpfen dann die krause[4] Nase bedenklich und sinnend dazu, ohne jedoch den rechten Geruch in der Nase zu haben, und sprechen dann: »der Bettel!« – – ja! ob die es genehmigen werden, das weiß ich denn nicht, und brauch's auch nicht zu wissen; – genug, daß ich ohngefähr weiß, daß das Büchlein gerade nicht anders sein durfte, als es nun so eben ist. Einen guten Rath muß ich Euch aber jedennoch geben. Kommt ein solcher Kettenhund, ders nicht lassen kann, die Leute anzubellen, versteckt's Büchlein! Ihr süßen Goldherzen, versteckt's hurtig und geschwind, und laßt Euch nichts merken, es gibt sonst nur einen Schreck. – Daß übrigens der Hund bellen und der Bär brummen muß, das seht Ihr schon ein; sie sind dazu da, und ist einmal ihre Art und Natur also.

Uebrigens, wenn Ihr mich nicht verrathen wollt, will ich es Euch wohl offenbaren, daß selbst viele dieser gestrengen und allweisen Herren nicht nur als Kinder gern Mährchen gehört und gelesen haben, sondern noch jetzt sie gern hören und lesen, ja daß man heuriger Zeit selbst für solche Kinder Mährchenbücher geschrieben hat, die so groß sind, daß sie zu ihrem Schlafrock ein Dutzend Ellen brauchen3. Kurz; alle Welt hat die Mährchen gern. Das macht, die ganze Welt besteht[5] aus Mährchen, und das Leben besteht auch daraus und fänge damit an und hört damit auf. Wie das nun aber zu verstehen sei und worin das wieder liege, müßt Ihr Euch einmal, wenn Ihr erst besser herauf seid, selbst ausdenken; denn wer sich Dergleichen nicht selbst ausdenkt, lernt es selten recht aus dem Grunde verstehn. Das Eine kann ich Euch hier allein nur sagen, daß in dem Menschen eine gewaltige große Welt voll Geister und Wunderdinge liegt. Mehr zu sagen könnte nichts helfen.

Was Ihr als grundkluge Nester und grundliebe Marzipan- und Zuckerherzen beim ersten Blick spitz habt, ohne daß Ihr es erst auszudenken nöthig gehabt hättet, ist das: Daß, was in dem Büchlein steht, Alles miteinander nicht wahr ist, und darin habt Ihr recht, ganz recht; ich aber sage, daß Alles was in dem Büchlein steht, Alles miteinander wahr, ganz und vollkommlich wahr ist, und darin hab Ich recht, auch recht, und Ihr könnt es mir aufs Wort glauben und nachsagen.

Nun seht; da hab ich gesprochen, als wär ich zu Hause, und als kennte ich Euch Alle. – Nun! Ihr werdet mir es doch nicht so sehr verübeln, denk ich, zumal wenn ich Euch recht sehr schön darum bitte, welches denn hiermit geschieht. Uebrigens bilde ich mir ein, Euch wirklich Alle zu kennen. – Doch das[6] ist vielleicht nur Einbildung! – Indessen, das Buch muß es ausweisen.


Noch hab ich ein Paar Punkte auf dem Herzen, wovon Euch der Eine ganz allein angeht, und daher auf der nächsten Blattseite auch allein gedruckt ist. Thut mir die Liebe, und überseht und vergeßt ihn nicht, wie ich ihn zwar übersehen, aber nicht vergessen hatte. – Die andern drei Punkte gehen Euch wenig oder gar nicht an. Sie sind aber folgende.


1) Dieses Büchlein ist nicht für solche Kinder geschrieben, wie das Wickelkind ist, das der rothe Kickelhahn, der auf Zeit und Ordnung hält, im Schnabel zur Schule hinträgt, wie es hier, ziemlich zu Ende des Büchleins, im Doktor Allwissend zu lesen steht. Sollte jedoch ein solches Kind schon ordentlich lesen können, so mag es, zumal wenn es sonst gute Gaben hat, ein Bißchen hineinschauen, aber nicht eigentlich lesen. Sollte es aber nun durchaus und durchum gar zu große Lust und Liebe zum Lesen schon mit zur Welt gebracht haben, und nach den ersten sechs Wochen in seinem Verlangen nicht können beschwichtigt werden, so soll es eins von den vielen gedruckten Büchern lesen, in welchem die Bilder der Kickelhahn[7] nebst seiner Krakelhenne gekrikelkrakelt haben, und in welchem Nichts steht. So etwas läßt sich gar leicht und anmuthig lesen, und kostet kein Kopfbrechen.


2) Geb ich aller Welt auf, zu bedenken, ob man nicht den Stahl erst härten und gut machen muß, ehe man ihn polirt, oder ob das Poliren dem Härten vorausgehen darf? – Ist das ordentlich ausgemacht, so ist alles darin enthalten, was ich über dieses Buch und seine Art und Weise für mich zu sagen habe.


3) Hab ich dieses Büchlein nicht selbst gedruckt und die Probebogen vor dem Abdruck nicht gesehen, sonst hätte Manches wohl anders mögen werden. Indessen hat die Hauptsache eben nichts dabei gelitten, und was anzuzeigen noth ist, folgt.


4) Was ich mit diesem Büchlein eigentlich gewollt habe, weiß ich selbst nicht recht; aber andere Leute werdens schon herausbringen.


5) Das letzte ist, was ich schon oben erwähnt habe, und was die nächste Blattseite besagt.


Gehabt Euch wohl!

1

Nach der heutigen Sprache muß es heißen: »Lieben Gold-, Silber- und Edelsteinkinder; oder: Goldpapiersöhne und Silberpapiertöchter.« So muß ein rechtschaffener Verfasser seine kleinen Lesezwerge, (unter welchen sich jedoch auch tüchtige Bursche finden dürfen) so muß er sie anreden. Ich aber bin nur ein Stümper in solchen hohen Dingen.

2

Eigentlich, was die rechte und echte Lehre betrifft, müßt Ihr sie blos aus solchen Büchern herholen, die vom artigen Märten, vom niedlichen Töffelchen, vom reinlichen Peterchen, von der guten Kathrine, und dann wieder von dem häßlichen Brüllhanns und von der garstigen Schreilise handeln, und bei welchen Ihr, zur Uebung der Aufmerksamkeit, vor langer Weile bald sterben müßt. Andere Lehre ist Euch gar nicht nöthig. Genug, wenn Ihr nur lernt, wie man die Jacke ordentlich und sauber ausbürsten muß. Das reicht zu!

3

Wohl zu verstehen; nicht die Mährchenbücher brauchen so viel Gezeugs zum Schlafrock, sondern die großen Lesebursche.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 1, Leipzig [ca. 1819/20], S. 3-8.
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