11. Das kluge Schneiderlein.


11. Das kluge Schneiderlein

[78] In der alten Zeit war einmal eine Prinzeßin, die war recht hochmüthig auf ihre Schönheit und auf das Land, welches sie regierte, nachdem ihre Aeltern gestorben waren. Kamen nun aus andern Ländern große Fürsten und Herrn, die sie freien wollten, so gab sie ihnen solche scharf und tiefsinnige Dinge zu errathen auf die Keiner errathen konnte, wie klug ers auch anfing. Der Eine sollte ihr ansagen, wie viel Eier ihre Henne in diesem Jahre gelegt hätte? der Andere, wie vielmal sie vorgestern geniest hätte? der Dritte, wohin sie ihre Perlen verschloßen hätte? So scharf waren die Fragen.

Wenn nun die Freier solche gewaltig witzige Aufgaben nicht zu lösen vermochten, ließ sie dieselben mit Schimpf und Hohngelächter vom Hofe jagen. Die ärgerten sich dann mächtig und wünschten, daß sie einmal einen Schneider bekommen möchte, der eben so witzig sei, als sie; und das geschahe auch.

»Die ärgern sich, sagte die Prinzeßin, weil mir Keiner von ihnen klug genug ist;« und am ganzen Hofe gaben sie ihr Recht. Sie aber, um die Freier noch mehr zu ärgern, ließ bekannt machen:[78] »Wer ihre Frage auflöse, den wolle sie nehmen, und wenn es auch gleich nur ein Schneider wäre, denn nur ein solcher sei ihrer Hand werth, der ihren Sinn enträthseln könne.«

Da kam denn viel Lumpenpack an ihren Hof, wollte rathen und trafs nicht und wurde mit Prügel fortgejagt.

So kam denn einstmals auch ein Schneider und ließ sich ihr Räthsel vorlegen. Sie sagte: »Ich habe zweierlei Haare auf dem Kopf, von was für Farben sind die?« Der Schneider antwortete frisch: »das eine ist von Gold, das andere von Silber; das sind die zweierlei Farben.« Da wurde die Prinzeßin vor Schrecken bleich, denn der Schneider hatte es getroffen. Woher er es aber wußte, hat er Keinen gesagt.

Die Prinzeßin erholte sich ein Bißchen und sprach dann: »damit hast du mich noch nicht gewonnen, sondern du mußt noch diese Nacht bei meinem großen Bär schlafen, der unten im Stalle liegt. Bist du dann noch morgen lebendig, so fahren wir gleich zur Trauung.«

Deß war der Schneider wohl zufrieden, ließ sich eine Geige geben, einen Schraubenstock und große Nüße. Darauf suchte er sich glatte runde Kiesel, die so groß waren wie die Nüße und ging damit in den Stall. Die Prinzeßin aber dachte, nun sei sie des Schneiders gewiß los, denn wer noch zu dem Bär in den Stall gekommen war, war nicht lebendig geblieben.

Als nun der Schneider in den Stall gebracht wurde, kam der Bär auf ihn zu und wollt ihm mit den Pratzen willkommen heißen und dann damit an sein Herz drücken, daß ihm der Athem wäre ausgegangen. Der Schneider aber sprach: »Halt Bursche! mit dir will ich schon noch fertig werden!«[79]

Alsbald holte der Schneider eine Nuß heraus und knackte die auf und aß den Kern. Da stand der Bär da und verwunderte sich, und wollte auch ein Paar Nüße haben. Flugs griff das Schneiderlein in die Tasche, und gab dem Bär einige. Das waren aber die Kiesel.

Der Bär aber steckte die Kiesel ins Maul und drückte mit den Kinnbacken und drückte, aber die wollten nicht aufknacken. Da wunderte sich der Bär, daß er so ein dummer Klotz sei und sagte zum Schneider: »beiß mir die Nüße doch auf, mir wills nicht glücken.«

»Da sieh, was für ein Kerl du bist, sprach der Schneider, wenn du das nicht einmal kannst.« Und er nahm die Steine, hatte aber schon Nüße in der Hand, und: knack! knack! gingen sie auf.

»Nun, sagte der Bär, das ist verwunderlich. Wenn ichs so ansehe, dächt ich, ich sollts wohl auch können; laß michs noch einmal probiren.«

Darauf gab ihm der Schneider abermals Steine und der Bär biß aus Leibeskräften darauf, daß ihm die Zähne weh thaten, aber es wollte nicht knacken.

»Das macht, weil deine Kinnbacken zu schwach sind;« sagte der Schneider, und der Bär konnts gar nicht begreifen.

Als nun das vorbei war, nahm der Schneider die Geige unter dem Rock hervor, und strich eins auf, das lustig und lieblich war und tanzte und hopste dazu im Stall in der Kreuz und der Queer. Dem Bär gefiel das so gar zu sehr schön, daß er sich aufrichtete und tanzte mit und brummelte lieblich dazu.

Als sie nun beide im Stall eine Weile hin und her getanzt hatten, war der Bär müde, und sagte: »Hör, das Geigen gefällt mir. Ist es denn schwer?«[80]

»Schwer ists gar nicht, sagte der Schneider, wenn man den rechten Verstand dazu hat. Siehst du! hier mit der Linken leg ich die Finger auf und mit der Rechten streich ich auf, dann geht es lustig: Hopsa; juchhel! vivallallera!«

Damit strich der Schneider auf, so wundersam lustig, daß dem Bären das Herz im Leibe hüpfte und knackte.

»Hör! sagte der Bär; das Geigen ist gar zu hübsch. Willst du es mich lehren, so könnt ich mir selbst aufgeigen und dazu tanzen, so oft ich wollte.«

»Lehren will ichs dich wohl, sagte der Schneider; aber laß einmal deine Pratzen besehn, wie es mit den Nägeln steht, ob die nicht zu lang sind?«

Und als der Schneider die Nägel besehen hatte, sagte er, sie wären viel zu lang, er wolle sie ihm abschneiden, dann ging es noch eins so leicht.

Da holte der Schneider den Schraubstock und der Bär mußte seine Pratzen drein legen, die schraubte der Schneider so fest, daß der Bär sich nicht rühren konnte und große Schmerzen erlitt.

Aber der Schneider sagte: »nun warte, bis mir Jemand eine Scheere bringt, dann will ich dir die Nägel verschneiden.«

Damit legte er sich in einen Winkel aufs Stroh, und schlief sanft und fest, der Bär aber brummte erbärmlich.

Die Prinzeßin hörte das Brummen und dachte, jetzt habe der Bär seine rechte Lust und Freude am Schneider, und zerwalke ihn, als ihm der Athem ausginge, und meinte, nun sei sie den erbärmlichen Freiersmann los.

Aber, als man am andern Morgen nachsahe, war derselbige munter und frisch, wie eine Karausche.[81]

Nun konnte die Prinzeßin kein Wort mehr widerreden, und fürchtete sich auch vor dem Schneider, der so schwere Dinge vollbracht hatte, und meinte, er möge wohl mehr können als Brodt eßen. Das aber war wahr und wahrhaftig wahr.

Als sie nun mit dem Schneider zur Trauung fuhr, kam der Bär wüthend dem Wagen nachgelaufen, denn sein Wärter hatte ihn wieder los gemacht. Die Prinzeßin hörte ihn schnauben und sagte in großer Angst: »Nun wird er uns Alle umbringen.« Aber der Schneider war flink; stellte sich auf den Kopf und streckte die Beine zum Fenster heraus, und rief dem Bär zu: »Kennst du den Schraubstock? Wart, du sollst wieder hinein; ich will dir die Nägel verschneiden!«

Der Bär gerieth in Angst und lief eilends zurück, denn er dachte, es sei der Schraubestock.

Und also ward nun das Schneiderleinelchen der Gemahl der weisen und schönen Prinzeßin.

Da war es ein Leben!

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 2, Leipzig [ca. 1819/20], S. 78-82.
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