1.

[191] Er mochte einmal so ein drei oder vierhundert Jahr in den Tiefen seines Gebirges zugebracht haben, als er wieder auf die Oberwelt herauf kam, und sich auf den höchsten Schneegipfel des Gebirges stellte und umherschauete. Wie fand er Alles verändert! Da standen Dörfer, Häuser, Hütten; da weideten Heerden auf Triften; da waren bebauete Ackerfelder und schöne Obstpflanzungen; da rauchten in den Wäldern die Meiler; da standen Warren auf den Berghöhen; da fuhren Wagen mit Pferden, und starke Ochsen gingen im Pfluge, und das war Alles auf seinem Berggebiete und ohne seine Erlaubniß. Er wußte nicht, wie das Alles zugegangen war und wie es gekommen sei, denn er hatte nie Aehnliches gesehen.

Bald bemerkte er, daß eine kleine Art Wesen tausend Dinge trieb, und daß sie es sein möchte, die die ganze Gegend also verändert hätte. Er hatte sich nicht geirrt. Die Veränderung kam von Menschen her, welche er noch nicht kannte.

»Das sind ganz kluge Dinger,« dachte er; »du willst näher mit ihnen bekannt werden und eine Weile zusehen, wie sie es treiben,[191] und wenn dirs nicht mehr gefällt, dem Wesen auf einmal ein Ende machen.«

Er schlich unter den Menschen herum, denn er hatte Menschengestalt angenommen, und sahe ihr Thun, ihr Arbeiten und Schaffen, ihre Mühe und Fleiß, ihre Liebe und ihren Haß, ihr Hauswesen, ihre Ehen, ihre Kinder, und bekam einige Achtung vor der Kraft des Menschen.

Er sahe die Töchter der Menschen, und wußte nicht, woher sein Wohlgefallen an manchen derselben rührte, denn der rechte große Geist muß gegen Alles gleichgültig bleiben; Gefühl und Empfindung verrücken ihm nur die Einsicht.

Einsmals erblickte er sieben schöne Jungfrauen, aber eine darunter war die schönste, und viel schöner als alle Menschentöchter, die er bis jetzt gesehen hatte, sie war aber die Tochter eines Fürsten, und Rübezahl wurde wunderbar bei ihrem Anblick bewegt.

Die Mädchen sangen liebliche Lieder; sie pflückten sich Blumen und wanden Kränze daraus, und schmückten ihr Haupt damit; sie tanzten auf weichem Rasen um ein helles Waßerbecken, und suchten dann Walderdbeeren, sich damit zu erfrischen. Sein Wohlgefallen an Allem, was er sahe und hörte, wuchs.

Die Jungfrauen gingen lustwandelnd am Abend zurück, aber Rübezahl blieb sinnend auf der Stelle, wo er ungesehen gestanden hatte, und wußte nicht, wie ihm war. Er stand mehrere Tage lang unbeweglich und sahe auf den Ort hin, wo die Jungfrauen gesungen und getanzt hatten und sehnte sich nach der schönsten unter ihnen.

Sie kamen nach einiger Zeit wieder und Rübezahl fühlte sich glücklich, er wußte aber nicht warum? Er verwandelte sich in eine Nachtigall, um in der Nähe beßer zu sehen und zu hören. Da wuchs sein Wohlgefallen immer noch mehr an der Schönsten unter den[192] Schönen, und er beschloß sie zu besitzen und zu eigen zu haben, um sich an ihrem Anblick immerdar zu weiden, und ihre Liebe zu gewinnen, wie er es unter den Menschenkindern gesehen hatte.

Die Fürstentochter tanzte mit ihren Gespielen am Waßerbecken, und mitten im Tanz fand sich ein Jüngling plötzlich mit ein und tanzte unter den Erschrockenen mit, umschlang die Fürstentochter und war mit ihr im Augenblicke verschwunden. In seinen Armen trug er die Ohnmächtige zu seinem Palast, gegen welchen ihres Vaters Burg eine elende Hütte war.

Als sie erwachte, fand sie sich auf einem weichen Ruhebette in Kleidern wieder, deren mit Edelgestein besetzter Gürtel das Fürstenthum ihres Vaters dreimal bezahlt hätte. Der Jüngling lag zu ihren Füßen und flehete um Verzeihung für seinen kühnen Raub, zu welchem ihn eine geheime Macht gedrungen hätte. Er sagte ihr, daß er der Herr des Gebirges sei, zeigte ihr alle Pracht und Herrlichkeit der großen Zimmer und Säle in seinem Schloße, und den großen Garten, welcher das Schloß umgab, mit Bäumen bepflanzt voll goldener Früchte mannichfalt und überschön, und mit würzigen Blumen aller Art in herrlichen Farbenspielen geschmückt; mit Lauben und Lustgebüschen, mit Bächen und Waßerbecken lieblich und lustig geziert, und auf den Bäumen und in den Gebüschen wohnten die kleinen Sänger mit himmlischen Stimmen und herrlichem Federkleid.

Der Berggeist führte die Fürstentochter mit liebkosenden Worten umher, sie aber blieb traurig und schwermüthig, und obwohl er ein mächtiger Geist war und zärtliche Worte hatte, konnte er doch ihre Schwermuth nicht zerstreuen.

»Wenn sie nicht einsam wäre,« dachte der Berggeist, »ging es vielleicht beßer.« Er ging sogleich auf ein Rübenfeld, zog ein Dutzend[193] Rüben aus, legte sie in ein Körbchen und brachte sie zu Emmy, denn so hieß die Prinzeßin. Dazu gab er ihr ein buntgeschältes Stäbchen und lehrte sie den Gebrauch deßelben.

Emmy schlug leise eine Rübe mit dem Stäbchen und rief: »Brinhild!« und Brinhild, die vertrauteste ihrer Gespielinnen unter den Jungfrauen, stand vor ihr, und umarmte sie mit Freudenthränen. Die übrigen Jungfrauen wurden nun auch mit dem Stabe aus Rüben geschaffen, und alle Rüben wurden verwandelt, und zweie darunter wurden zur Lieblingskatze und zum Schoßhündlein gestaltet.

Nun waren sie glücklich und froh und es ging durch Gänge und Lauben des Gartens und durch Zimmer und Säle des Palastes, und Emmys Augen glänzten vor Freuden.

»So wird es gehen!« sprach der Geist, und wußte sich viel mit seinem geistvollen Gedanken, Emmys Einsamkeit zu beleben.

Mehrere Tage hatte die Lust und Herrlichkeit mit den geschaffenen Kreaturen gedauert, als Emmy gewahr ward, daß dieselben so allgemach anfingen etwas altfarbig und altschrumpfig zu werden, und daß es mit der Jugendfröhlichkeit immer mehr abnahm.

Als sie eines Morgens sich aus dem Bette erhob, kamen die Hofdienerinnen keuchend und hustend und ganz zusammengefallen herein, und Hündlein und Kätzlein fielen um, und konnten mit Mühe nur wieder auf, um noch ein Paar Schritte zu taumeln und wieder kraftlos hinzufallen.

Das jammerte und ärgerte die Prinzeßin und sie rief laut den Geist, der dehmüthig ihr sich nahete und im harten Zorn gescholten ward. Sie forderte von ihm ihren Gespielinnen Jugendschönheit und Munterkeit wieder zu geben, und auch Bläffart und Mizert wieder zu beleben.[194]

Das sei über seine Kraft, sagte der Berggeist, denn Kraft und Saft der Natur sei in den Rüben verzehrt. Möge sie sich aus frischen Rüben frische Gesichter mit frischen Leben schaffen, und die alten verwelkten Gestalten mit einem Schlage wieder zu dem machen, was sie wären gewesen und dann wegwerfen laßen.

Das letztere that die Prinzeßin zuerst. Sie kannte die Hofsitte ja, mancherlei Gestalten am Hofe zu sehen, die wenig Wesen hatten, obwohl viel Wesens machten, und gab den Gestalten den Abschied, und zwar in diesem Fall ohne alle Pension, und andere Gestalten mit gleichem Rübenverstand und Rübenherzen traten an deren Stelle.

So half sie sich eine Zeitlang hin. Neue Abschiede, neue Anstellungen, neue Lust und Freude und neue Gleichgültigkeit, und im Neuen immer das Alte.

Eben waren wieder ein Dutzend Rübengesichter in Gnaden aus höchst eigner Bewegung entlaßen, aber es waren keine neuen zu haben, denn es fing an Winter zu werden und der große Geist, der so viel vermochte, konnte doch keine Rüben schaffen, wie er mit Schaam und Bestürzung dehmüthig bekannte, obwohl er sahe, daß das seiner Sache keineswegs förderlich war. – Die Schöne kehrte dem Geist zornmuthig den Rücken und ließ ihn stehen.

In Bauerngestalt zog er in die nächste Stadt, kaufte Rübensaamen, mit welchem er einen Acker Landes besäete, und zu deren Wartung er ein Paar tüchtige Berggeister bestellte, die unter dem Acker ein beständiges Feuer unterhalten mußten. Emmy ging wohl zu dem Ackerfeld hin, blieb aber trübe und düster, und der Geist hatte kaum das Herz ihr recht nahe zu kommen. Er fühlte ihre Empfindlichkeit, hoffte aber das Beste, wenn erst nur wieder Rübengesichter zu haben sein würden. Hätte er gewußt, daß Emmy[195] schon die Verlobte des Fürsten Ratibor sei, so hätte er wohl weniger gehofft. Emmy und Ratibor liebten sich herzlich, und seitdem die Braut verschwunden war, floh der Bräutigam die Menschen und irrte im Sturm und Unwetter in finstern Wäldern umher.

Im wiedergekehrtem Frühlinge waren die getriebenen Rüben zur Reife gekommen, und Emmy bildete sich wieder freundliche bekannte Gestalten daraus. Aber schlau, wie sie, als ein Mädchen, war, machte sie damit auch Versuche zu ihrer Befreiung und glaubte, daß auch ein großer Geist wohl noch überlistet werden könnte.

Sie machte eine ganz kleine Rübe zur Biene, und lehrte sie da und dahin zu fliegen, zu Ratibor dem Fürsten, und ihm ins Ohr zu summen, »deine Emmy lebt noch; der Geist vom Berge hat sie!«

Das Bienchen horchte genau auf, und flog von dem Finger der Lehrerin fort, aber noch vor den Augen derselben wurde es von einer Schwalbe weggeschnappt.

Mehrere andere Versuche verunglückten auch; aber als sie eine plauderhafte Elster sandte, so glückte es. Die Elster sagte den eingelernten Spruch, und beschied den Verlobten auf einen gewißen Tag, auf die und die Stelle, am Fuße des Gebirges.

Emmy, nachdem sie wußte, daß Ratibor unterrichtet sei, wurde gegen den Berggeist immer freundlicher, wie sie vorher nie gewesen war, und da er so sehr bat, ihn mit ihrer Hand und Gunst zu beglücken, willigte sie ein und setzte einen Tag fest, an welchem sie ihn zum Gemahl nehmen wolle, hätte er zuvor erst eine Probe von seiner Beständigkeit abgelegt, die sehr leicht sei.

Das war der überfrohe Berggeist zufrieden und willig. Am festgesetzten Tage, morgens sehr früh, erschien Emmy in ihrem schönsten und reichsten Putz, mit ihren holdesten Gebehrden und sagte zum Geiste, welcher vor Freuden schon zitterte:[196]

»Mein Geliebter! ich muß wißen, ob du gefällig und treu sein wirst. Geh! und zähle auf dem Rübenfelde, wie viel Rüben drauf stehen! Sieh! die Probe ist leicht. Verzählst du dich aber um eine einzige, so seh ich, daß ich dir nichts werth bin, und dann soll keine Macht mich zwingen dich lieb zu haben. – Ich aber weiß, wie viel der Rüben darauf stehen!«

Der Geist fing an zu zählen; aber die Rüben standen so unerdentlich und verworren unter einander, hier in dichtem Haufen beisammen, dort einzeln, daß er eine geraume Zeit nöthig hatte, mit Zählen durchzukommen.

Um recht gewiß zu sein, zählte er noch einmal, aber er brachte eine ganz andere Zahl heraus, und zum drittenmahl war die Zahl wieder anders. Darüber war aber viel Zeit vergangen.

Endlich glaubte er die Zahl richtig herausgebracht zu haben, und eilte freudig zu Emmy, ihr dieselbe anzugeben; aber Emmy war nicht da. Er suchte sie im Garten, in den Lauben und Gehölzen, an den Quellen und in Gebüschen, aber Emmy war nicht da. Er durchsuchte den ganzen Palast mit allen Kämmerlein und Winkeln, aber Emmy war nicht da, und so laut er auch überall rief, antwortete ihm dennoch keine Stimme.

Jetzt schöpfte er Verdacht, er möchte betrogen sein. Da sauste er wüthend auf die Bergzinnen, und von einer derselben sahe er Emmy auf einem Zelter, wie sie eben mit Ratibor und deßen Gefolge über die Grenze seines Gebietes hinüberflog.

Da knirschte er mit den Zähnen, ballte ein Paar Wolken zusammen und schleuderte einige entsetzliche Blitze ihnen nach. Die aber trafen nur eine alte Grenzeiche, welche sie zersplitterten, denn die Verlobten waren schon zwanzig Schritte über sein Gebiet hinaus.[197]

Jetzt schwur er im Grimme die Menschen und all ihr Werk zu vernichten, soweit seine Macht reiche; schwur es, und wollte es sogleich vollbringen; aber er konnt es nicht, denn eine höhere Macht widerstand ihm.

Er kehrte seufzend in seinen Palast und in den Garten zurück, die seine Geisterkraft hervorgezaubert hatten, er seufzte und klagte; er zerstörte dann Alles so schnell, als er es hervorgebracht hatte, und verbarg sich in die untersten Tiefen seines Gebirges.

Aber unter den Leuten wurde es bald ruchtbar, wie der Berggeist betrogen sei worden, indem er Rüben gezählt hatte, und das Volk nannte ihn seit dieser Zeit mit dem Spottnamen Rübezahl. Aber der Geist wurde wüthend, wenn er künftig diesen Namen hörte, der doch schon in aller Munde war, ehe er wieder aus seinen Klagehöhlen auf die Erde heraufkam.

Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 2, Leipzig [ca. 1819/20], S. 191-198.
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