80.
Fragment aus einer Farce, die Höllenrichter genannt, einer Nachahmung der βατραχοι des Aristophanes

[199] Bacchus geht nach der Hölle hinunter, eine Seele wiederzuhohlen.


Doktor Faust (einsam umher spazirend.)


In ewiger Unbehäglichkeit,

In undenkbarer Einsamkeit,

Ach, von nichts mehr angezogen,

Verschnauf' ich hier des Erebus Wogen.

Bittre Fluten, liebtet ihr mich,

Wär' ich in eurem Schooß' ersunken,

Hätte da Vernichtung getrunken;

Aber, ach! ihr haßtet mich!

Fühltet ihr, wie's mich gelabt,

Als ihr brennend mich umgabt,

Wie es kühlte meine Pein,

Mich von etwas umfangen zu wissen!

Von der Schöpfung losgerissen

Noch von etwas geliebt zu seyn!

Aber, ach! betrogen, betrogen![199]

Auch ihr haßt mich, grausame Wogen!

Ist kein Wesen in der Natur,

Das, nicht lieben, nicht erbarmen,

Das mich gränzenlosen Armen

Bey sich dulden wollte nur?


Bacchus

(tritt von hinten herzu und berührt ihn mit Merkurs Stabe.)


Mein Freund!


Doktor Faust

(wendet sich um.)


Ihr Götter!


(Bacchus zu Füßen.)


Welche Stimme!

Kommst du vielleicht mit zehnfachem Grimme,

Grosses Wesen, meiner Pein

Neue endlose Stacheln zu leihn?

Willst du eines Verzweifelten spotten?

Oder kömmst du, wie dein Gesicht,

Liebenswürdigster! mir verspricht,

Mich auf ewig auszurotten? –

Nimm meinen Dank und zögre nicht!


Bacchus.


Keins von beyden. – Dein Herz war groß –

Faust – – – du bist deines Schicksals los,

Und, wenn dir die Gesellschaft gefällt,

Komm mit mir zur Oberwelt!


(Faust sinkt in einer Betäubung hin, die, weil sie der Vernichtung so ähnlich war, eine unaussprechliche Ruhe über sein ganzes Wesen ausbreitet.)


Quelle:
Jakob Michael Reinhold Lenz: Gedichte, Berlin 1891, S. 199-200.
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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

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