102.

Beschreibung der Fuchsschwäntzerey

[630] Auß Joseph Hallens Charactere Vitiorum et Virtutum, zum theil übersetzt.


Ich kenn ein höllisch Volck, die Brüder der Erinnen,

Ein Art, von aussen Gold und lauter Koth von innen;

Von diesen trägt mein Sinn mich was zu singen her;

Wird iemand abgemahlt, geschiht es ohngefehr;

Es ist niemand genennt. Ich nenne sie Poeten

Der Freundschafft und der Treu, die nimmer nie erröthen

Vom Blut der Redligkeit, die in der schnöden Kunst

Der Schmeich- und Heucheley gelehrt sind, die die Gunst,

Die keiner keinem trägt, bey andren dennoch suchen

Durch Dienst und Höfligkeit, der starck wird widersprochen

Von Erbarkeit und Zucht, die mit der Kauffmannschafft

Und schmutzigem Gewerb in Worten sind verhafft,

Die hinten sauer sehn und fornen liebekosen,

Die Dörner in dem Sinn, im Munde führen Rosen,

Bey denen Zung und Hertz zum Ehbruch einig sind,

Daß iedes Wort, das wird, ist wie ein Huren-Kind.[630]

Und hier hat nun der Fuchs, der arge Fuchs, die Ehre,

Daß er mit stummem Mund uns derer Würde lehre,

Von denen Musa singt, so daß sein rother Schwantz

Bleibt ihrer Thaten Kron und eigner Lorberkrantz.

Ich solte zwar die Zeit so nichtig zu vertreiben,

Die Feder solt ich auch vergeblich ab zu schreiben

Noch in bedencken stehn; deß Hofes Krätze-Sucht

Wird billich nicht beschaut, wird billich nur verflucht;

Iedoch was gleich nicht gut, ist dennoch gut zu nennen,

Ist nützlich zu verstehn, ist nöthig recht zu kennen;

Drum fahr ich weiter fort zu bilden einen Mann,

Der Reinkens Hintertheil im Waffen führen kan.

Sein Augen triffen stets; er wil mit nichten sehen,

Was unrecht, schlimm, krumm, falsch, was billich zu verschmähen

Und wider Tugend stöst; die Zunge, die spatzirt

Den Weg durch lauter Lob, lobt, was sich nicht gebührt

Und lästert, was doch taug, und tauscht für fette Lügen

Die dürre Warheit auß. Es muß sich zierlich fügen

Furcht, Eifer, Wunderung bey seinen Reden ein;

Mit Blumen muß sein Wort als wie bekräntzet seyn

Von Ach! O! Ey! und Ja! er kan die Tittel mästen,

Trägt stets den fetsten auff, zeucht stets herfür den besten,

Iedoch nur, wann man da; der Rücken siht es nicht;

Der Stirne steckt er für solch helles Ehren-Licht.

Sein Hertz ist leer von Mut, von Tapffrigkeit die Sinnen;

Drum thut er nichts um Ehr, nur alles um gewinnen;

Die Zung ist ein Soldat: sie dient und bringt hervor,

Was nur um Sclaverey hört gern ein fremdes Ohr;

Obs wahr sey, was er sagt, drauff mag ein andrer fragen;

Er fängt es drauff nicht an; er wil nur dieses sagen,

Was Anmut gibt und Gunst; er hat nur diß studirt,

Wie mit Ergetzligkeit man treugt, berückt, verführt.

Er treibt Philosophey, die auff die Kunst zu lügen

Gibt Regel und Gesetz, die schicken, schmügen, biegen,

Um zu gefallen, lehrt, die allen Fluch und Schwur

Dem Wasser und der Lufft heist geben in die Spur.

Drauß nimmt er alle Witz; die braucht er, eitle Sinnen

Zu treiben auff mit dem, was sie nicht fassen künnen,[631]

Als wie der albre Frosch sich streckt, hebt, bleht und schwellt

Und sich und sein Coax für Ochs und brüllen hält,

Daß sie, die höher so sich halten als sie gelten,

Muß billich alle Welt, er selbst für Jecken schelten.

Er kitzelt seinen Freund, biß daß er ihn ersteckt,

Läst schlafen ihn zu tod, in dem er ihn nicht weckt

Durch Warheit auß dem Wahn, pflegt Zeitung um zu tragen,

Macht theuer, die er trägt, sagt selbst, läst von sich sagen,

Er sey der beste Freund, dem Namen nämlich nach.

Leibeigen wird er dem, bey dem er gut Gemach

Für seinen Leib vermerckt, und der ihn außstaffiret

Mit dem, was Vorthel bringt, mit dem, was Speck gebieret.

Sagt aber nichts der Zeug in seiner lincken Brust?

Zu diesem spricht er: Schweig, schweig! wilstu nicht, du must!

Trit sein Gewissen auff, wil Klag und Urthel führen,

O, das gesteht er nicht, es wil sich nicht gebühren,

Daß einer Kläger, Zeug und gar auch Richter sey.

Ietzt stopfft er ihm das Maul durch süsse Schmeicheley

Und heuchelt ihm so selbst; ietzt reist mit allen Kräfften

Der Furcht für Gott wol gar er endlich auß den Hefften.

Sonst ist ihm alles Thun ein leichtes Thun. Ein Stein

Von Farben, wie er wil, muß ein Geselle seyn

Dem schlauen Polypus; so fein kan er sich schmügen

Nach seinem Fug und Nutz; so fein kan auch sich fügen

Zu Orth, Zeit und Person der bundte Heuchelmann,

Der sonst für sich ist nichts als wie ihn nur zeucht an

Sein grosser Gunst-Patron; der ist nun seine Sonne,

Nach dem sich richt und kehrt der Schaten seiner Wonne,

Und er ist dessen Aff und schwätzig Papagey,

Der, was er thut und sagt, thut, sagt und glaubt, es sey

Das ärgste, köstlich Ding, so daß er seinen Geifer

Für himmlisch Nectar leckt. Zu allem muß seyn Eifer

Zur Folge blicken rauß. Spricht wo sein grosser Mann:

Mir ist gewaltig warm! so trucknet er die Stirne,

Eröffnet sein Gewand, entdecket sein Gehirne,

Ob schon für grimmen Frost deß Daches Nagel springt.

Spricht jener: mir ist kalt! ob gleich die Tropffen zwingt

Die Hitz auß seiner Haut, so wird er dennoch zittern[632]

Und ließ ihm auch im Augst sein Kleid mit Füchsen füttern.

Geschieht es, daß zur Zeit sein halb-Gott außspatzirt,

So ist er wie sein Ziel, drauff er zusammen führt

Sein Augen, Zung und Sinn; es ist ein himmlisch Glücke

So sonsten, wen er labt mit einem Wort und Blicke

Und nickt ihm mit dem Kopff. Er kennt sich selbsten nicht,

Wie lang da sey sein Maß, wie schwer sey sein Gewicht,

Auff daß er, wann er sich für gar zu glücklich schätzte,

Nicht etwa ohngefehr und wust wo abesetzte

Von angenommner Art. Wann er sein eignes Lob

Wie wider Willen zehlt, so macht ers nicht zu grob;

Er braucht Bescheidenheit, gibt aber zu vermercken,

Es stecke mehr im Sack, und er sey nach den Wercken,

Nicht nach den Worten werth. An seines Günners Mund,

Wann dieser etwas spricht, ist er durch festen Bund

Verklammert und verschraubt; als wann mit Honig-Flüssen

Und andrem süssen naß die Lippen sich ergüssen,

So leckt, so schmutzelt er, thut, wie vor Zeiten that,

Der auß dem Dreyfuß her zu Delphis lauscht auff Rath.

Sagt jener aber was, das billich ist zu loben:

Hilff Gott, wie hebt er an zu gauckeln und zu toben!

Zu wenig sind die Händ, es ist kein Glied befreyt,

Das ihn mit wundrem Brauch nicht ehrt und benedeyt.

Manchmal da preist er auch den, der gleich nicht zur Stelle,

Schaut aber, daß alsdann er dieses Urthel fälle,

Wann wer verhanden ist, der solches bald trägt hin;

Zu Zeiten pflegt er dann mit sich seitab zu ziehn,

Dem seines Meisters Ruhm in sichres Ohr er lege

Doch also, daß der Schall noch finde seine Wege

Auch in deß Freundes Ohr, der dort von ferne steht

Und merckt, daß so sein Nam ie mehr ie ferner geht.

Wolan, hierum wolan! man lasse mir passiren

Den, der durch so viel klug sich sicher ein kan führen

Bey dieser Zeiten Sturm ins guten Glückes Port!

(Hier geht es ziemlich an; doch weiß ich nicht, wie dort.)

Allein es ist noch mehr, daß diesen Proteus zieret

Und auff die hohe Banck der Weisen einquartiret:

Es ist ein heilsam Artzt, der solche Salb ertheilt,[633]

Die alle Wunden schmiert (nie aber keine heilt);

Er putzt ein iedes mahl; er schmüncket alle Flecken,

Weiß iedem seinen Fehl und Ungestalt zudecken;

Er ist ein Huren-Wirth und kuppelt iedem bey

Von Schanden, was er wil, von Sünden mancherley.

Ein Mahler ist er auch, der alle Laster schönet

Zu einer Helena, der alles Arg versöhnet

Und gerne selbsten stifft, und nimmt sich ernstlich an,

Der Bosheit auff den Dienst zu warten, wie er kan.

Bekennt er, böses thun sey nicht für Nutz zu rechen,

Gesteht er, grober Fall sey nur ein klein Verbrechen,

So hat sein Ansehn er nicht schlechtlichen gekränckt

Und mehr von seinem Recht, als ihm gebührt, enthenckt.

Ein wohlgeschickter Kopff und dessen sondre Gaben,

Die haben es verdient, daß sie die Freyheit haben

Zu thun, was sie gelüst: die Jugend ist ja werth,

Daß man an ihr den Zaum nicht allzu kurtz begehrt;

Soll böses böse seyn, hats dennoch diese Güte,

Daß es dem Leibe leicht und unschwer dem Gemüte,

Daß es gefällig sey, und daß es lieblich sey

Und von gemeiner Zunfft macht höhre Geister frey.

So meint er und gibt für, daß Redligkeit der Sinnen

Nur tölpisch Einfalt sey und bäurisches Beginnen;

Die Buß ist Aberwitz; die Zucht ist thörlich Ding;

Die Tugend ist ein Wahn bey dem, der niedrig gieng

Und nicht entpor sich sehnt. Recht! Recht! wer wil nun schlissen,

Was unsrer feiner Mann für Tittel soll geniessen?

Er ist ein Kleider-Wurm bey dem, der gerne zehrt,

Ein Hahn im Faß bey dem, dem Haab und Gut beschert;

Die Kuchel ist sein Haus; er ist daheim im Keller;

Er ist deß Hofes Gifft, ein Sclav und Freund beym Teller.

Kurtz: Sein Verdienst verdient, daß man ihn zieh hervor

Und weiter födre fort dem Teuffel zum Factor.

Quelle:
Friedrich von Logau: Sämmtliche Sinngedichte, Tübingen 1872, S. 630-634.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Sinngedichte
Die tapfere Wahrheit. Sinngedichte. Insel-Bücherei Nr. 614
Sinngedichte / Von Logau, Friedrich (German Edition)

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon