97.

Vom Hofe-Leben

[624] Wer ihm selbst kan frey befehlen,

Wer ihm selbst gehorchen kan,

Mag sich unter diese zehlen,

Die der Himmel lachet an.[624]

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Der, der andren denckt zu leben,

Dem bleibt von ihm selbst nicht viel,

Muß ihm selbsten Urlaub geben,

Darff nicht wollen, was er wil:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Grossen Herren sich verbinden,

Heist für seine Müh und Treu

Ungunst erndten, Unruh finden

Und verdienen nichts als Reu:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Hohen Ohren recht zu singen,

Muß der Thon gar linde gehn;

Kein Gesang wil lieblich klingen,

Wo der Warheit Noten stehn:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Hohen Augen wil behagen

Nichts, was nicht von Farben ist;

Der wird weg viel Flecken tragen,

Der das reine Weiß erkiest:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Reiche Worte, breite Tittel

Sind deß Hofes süsser Brey

Und die Wiege, die man schüttel,

Biß das Kind entschlafen sey:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Wer sich nicht wil stillen lassen,

Der ist mehr kein liebes Kind;

Der muß mehr, wer Gunst wil fassen,

Kindisch seyn als Kinder sind:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.[625]

Ob er viel hat außgerichtet,

Hat er doch nur diß verricht:

Daß, ie mehr man ihm verpflichtet,

Sich ie mehr von ihm entbricht:

Wer sein selbst kan füglich sein,

Geh kein andre Pflichten ein.

Wer bey Hof am minsten wäget,

Steigt am meisten in die por;

Dem wird Gnade beygeleget,

Der sonst leichte wie ein Rohr:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Hier steht stets der Glückstopff offen,

Drauß man meistens leer Papier,

Wie es nur wird angetroffen,

Langt herauß und legt herfür:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Wer durch Ehr um Ehre wirbet,

Suchet, was er hier nicht findt;

Der verleuret, der vertirbet,

Der sich an die Tugend bindt:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Endlich, wann man viel gewunnen,

Wird man grau, und wird man kranck,

Und die Zeit ist hingerunnen

Ohne Namen, ohne Danck:

Wer sein selbst kan füglich seyn,

Geh kein andre Pflichten ein.

Quelle:
Friedrich von Logau: Sämmtliche Sinngedichte, Tübingen 1872, S. 624-626.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Sinngedichte
Die tapfere Wahrheit. Sinngedichte. Insel-Bücherei Nr. 614
Sinngedichte / Von Logau, Friedrich (German Edition)

Buchempfehlung

Stifter, Adalbert

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen / Der Kuß von Sentze

Der Waldbrunnen »Ich habe zu zwei verschiedenen Malen ein Menschenbild gesehen, von dem ich jedes Mal glaubte, es sei das schönste, was es auf Erden gibt«, beginnt der Erzähler. Das erste Male war es seine Frau, beim zweiten Mal ein hübsches 17-jähriges Romamädchen auf einer Reise. Dann kommt aber alles ganz anders. Der Kuß von Sentze Rupert empfindet die ihm von seinem Vater als Frau vorgeschlagene Hiltiburg als kalt und hochmütig und verweigert die Eheschließung. Am Vorabend seines darauffolgenden Abschieds in den Krieg küsst ihn in der Dunkelheit eine Unbekannte, die er nicht vergessen kann. Wer ist die Schöne? Wird er sie wiedersehen?

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon