80.

Die auffgeweckte Chimæra

[73] Ihr Heliconisch Volck, euch ist zu viel geschehen,

Dieweil man nie geglaubt, drum daß mans nie gesehen,

Was ihr uns habt gesagt, wie Lycus armes Land

Chimæra hat erschreckt, verwüstet und verbrant.

Von vornen war sie Löw, war Zieg am Bauch und Rücken;

Ihr letztes muste sich zu einem Drachen schicken;

Ihr Maul war voller Glut; ihr Leib war voller Gifft,

Biß daß Alcides Keul auff ihr Gehirne trifft;

Trifft aber nur so weit, daß damals sie entschlaffen

Und, ietzund nun erweckt durch unsre Deutsche Waffen,

Tobt mitten unter uns, an Form und Namen alt,

An Kräfften aber neu und ärger an Gewalt.

Es ist der tolle Krieg; der seinselbst eigne Wiege

Hat um und um gestürtzt, daß unten oben liege;

Es ist der törchte Krieg, der sonsten nichts ersiegt,

Denn daß er sagen mag: noch haben wir gekriegt!

Zum ersten war er Löw, verübte kühne Thaten,

Hilt höher auff die Faust, als tückisches verrathen,

Und Deutschland war noch Deutsch; man schlug noch ernstlich drauff,

Sah auff deß Krieges End und nicht auff fernern Lauff.

Da nun der süsse Brauch, zu machen fette Beute

Auß allem, was Gott selbst gehabt und alle Leute,

An stat deß Soldes kam, so wuchs dem Krieg ein Bauch,

Drauß wie von einer Zieg ein schädlich dürrer Rauch

Für Kraut und Bäume fuhr. Die Nahrung ward vertrieben;

Der Ochsen saure Müh ist unvergolten blieben;

Ein andrer nam es weg; es hieß, der Wirth ins Haus

Laß alles, was er hat, und geh auff ewig rauß.[73]

Drauff ward man nun bedacht, den Krieg weit hin zu spielen,

Nicht auff den Feind so wol, als auff den Freund zu zielen,

Der noch in gutem Land in seinem Schaten saß

Und sein genüglich Brot mit süßem Frieden aß.

Zu diesem drang man ein, wann Titan gleich noch stunde,

Wo sonst der heisse Löw bläst Flammen auß dem Munde;

Noch must es Winter seyn; noch nam man da quartier,

Und alles, was man fand, war schuldige Gebür.

Als wie der scharffe Zahn der Ziegen auch die Rinden,

An Blättern nicht vergnügt, von Bäumen pflegt zu schinden:

So war es nicht genug zu fressen unser Gut;

Man gunt uns in dem Leib auch kaum das letzte Blut.

Der Feind blieb, wo er war, und wolt er wo nicht bleiben,

Biß daß man vom Quartier kunt überall vertreiben

Das viergefüste Volck, so mocht er immer hin

In sein, in unser Land nach gutem düncken ziehn.

Weil er ein Cavallier, so stund es zu verführen,

So ihm man liesse zu auch was zu prosperiren;

Er mochte plündern dort, wir plünderten allhier,

Daß gleichwol der Soldat hätt immer etwas für.

Drauß kümmet nun der Drach; das Ende wird zur Schlange.

Der Krieg, der aller Welt bißher macht ängstlich bange,

Wird ärger noch als arg, kreucht gar ins Teuffels Art,

Wird rasend, so ein Mensch noch wo gefunden ward,

Der Gott, der Ehre, Zucht und Recht wüntscht nachzustreben,

Wil gar nicht, daß ein Mensch auff Erden mehr sol leben,

Der nicht Soldate sey und ihm sich ähnlich macht

Und, was nur menschlich ist, verwirfft, verbannt, veracht.

Sein Gifft schont keinen Stand, Amt, Würde, Freundschafft, Ehre;

Was lebt, lebt darum noch, daß er es gantz verstöre,

Biß daß nichts übrig sey, und niemand mehr nichts hat;

Drauff braucht er alle Macht, drauff sucht er allen Rath.

Sein Gifft ist so vergifft, daß er sich selbst vergifftet

Und ihm sein eignes End auß eignem rasen stifftet,

Und wie der Scorpion in sich zu letzte sticht,

Wann Feuer umb ihn her wird etwan angericht,

Und wie es Schlangen geht, daß ihnen ihre Jungen

Zu einer schönen Rach auff so vergiffte Zungen[74]

Zerreissen ihren Bauch, auff daß deß Krieges Frucht

Der Mutter Hencker sey. Was diese nicht vermocht,

Wird Alexicacus Alcides auß der Höhe,

Für dem der gantzen Welt durch Krieg entstandenes Wehe

Erbarmen hat erlangt, mit Ehren richten auß

Und binden diesen Wurm ins heisse, tieffe Haus.

Da, da ists ihm vergunt zu fechten und zu schmeissen,

Den Haus-Wirth abzuthun, das Haus in Grund zu reissen;

Dann raube, plünder er; dann wehr er seinen Mann,

Zu weisen, was sein Löw, was Zieg und Drache kan.

Quelle:
Friedrich von Logau: Sämmtliche Sinngedichte, Tübingen 1872, S. 73-75.
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Die tapfere Wahrheit. Sinngedichte. Insel-Bücherei Nr. 614
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