37.

Schutz-Rede einer Jungfrau über die spielenden Augen

[231] Ihr Schwestern, lacht ihr nicht der alber-klugen Lappen,

Die Damen sperren ein als wie in blinde Kappen

Und halten gar für schön, wann unsre schönste Zier,

Der schönen Augen Liecht, steht selten für der Thür?

Ach denckt doch, denckt doch nach! durch finstres sauer sehen

Ist Liebe nie gestifft, und nie kein Bund geschehen;

Dann Damen steht es zu, daß ihrer Äuglein Schein

Soll wie das Firmament frey zu beschauen seyn

Von iedem, der da wil. Was dienen uns die Strahlen

Der Sonne bey der Nacht? Wer lobt deß Künstlers mahlen,

Dafür ein Umhang schwebt? Soll die, die lebt und lacht,

Noch für der rechten Zeit deß sterbens schwartze Nacht

Ihr ins Gesichte ziehn? Kans dann Natur auch leiden,

Das so man schänden soll und soll zu brauchen meiden,

Was sie zu brauchen gab? Wer munter um sich schaut,

Der gibt von sich an Tag, daß er ihm selbsten traut

Und gut Gewissen hat, das sich für nichts entsetzet

Und nicht zu fliehen denckt, dieweil es nicht verletzet.

Ein Auge, das nicht kan ein fremdes Auge sehn,

Weiß, was geschehen ist, weiß, was soll noch geschehn.

Das nicht zu rühmen ist. Nein! nein! soll dieses gelten,

Die allerbeste Kunst zu tilgen und zu schelten,

Wodurch sich Damen sonst fein spielen ein, mit List

Bezaubern einen Sinn, der sonst noch hatte Frist?

Das muß mit nichten seyn! der Augen klare Blicke

Sind unsre stärckste Krafft, sind unsre Band und Stricke,

Dadurch uns fällt ins Garn ein Wild, das uns gefällt

Und sonst zu unsrer Gunst sich etwa flüchtig stellt.

Ietzt decken wir sie zu; ietzt lassen wir sie schissen,

Nach dem wir diesen schnell und jenen langsam wissen;

Hier brauchen wir den Sporn; dort brauchen wir den Zaum;

Wir halten jenen an und geben diesem Raum.

So jener sich was scheut, wil uns und ihm nicht trauen,

So öffnen wir das Licht durch freundlich gegen-schauen,[232]

Erleuchten seinen Sinn, entzünden ihm ein Heiss,

Dadurch in ihm zerschmelzt der Zagheit kaltes Eiß;

Wer eifrig seiner Brunst halb wütig nach wil hencken,

Muß blitzlich seinen Mut auf Ehrerbittung lencken,

Wann unsrer Augen Glantz mit Wolcken überzeucht,

Und für den göldnen Strahl ein finster Unmut leucht.

Doch lassen wir nicht gar in kalter Nacht ihn zagen;

Wir blicken einsmals auff und lassens wieder tagen,

Zwar so, ob das Gesicht ein kurtzes Schrecken gibt,

Er Anlaß dennoch nimmt, daß er sich mehr verliebt.

Durch Feuer und durch Eiß, durch fürchten und durch hoffen

Hat Liebe Ziel und Zweck zum meisten glücklich troffen,

Hat aber diese Kunst und dieser Buhlers-Fund

Den Augen bloß vertraut und ihrer Art vergunt.

Durch diese Waffens-Macht, durch diese List wir fangen

Und manchen Liebes-Knecht in unser Zelt erlangen;

Durch dieses Meisterstück ist manches Glück erwacht,

Das sonsten etwa noch schlieff in der tieffsten Nacht.

Manch Schiffer hat gezörnt, wann trübe Wolcken-Decken

Ihm haben Cynosur und Helice verstecken

Und also seinen Lauff in Irrthum wollen ziehn,

Daß er nicht kunte fort da, wo er wolte hin.

Ihr tapffren Cavaliers, die ihr in Lieb und Waffen

Zu leben euch begehrt, auch drinnen ein zu schlafen,

Ey, maintenirt die Sach und stürmt eh alle Welt,

Als braven Damen soll das Kunst-Werck seyn gefällt,

Mit Augen, euch zu Trost und Gunst, nicht frey zu funckeln

Und eurer Liebe Fahrt so irrsam zu vertunckeln!

Wir sind ja darum da, auff daß ihr wissen künnt,

Wo, wie, wann euer Schiff den sichren Aufruhr findt.

Wem ist die Fackel gut, die sich nur selbst verbrennet

In einer tieffen Grufft, dadurch niemand erkennet

Weg, Steig, Berg oder Thal? Was nützet ein Gesicht,

Daß sich nicht auff sich selbst, dem auch kein andrer nicht

Verlassen darff und traun? Nicht uns sind wir geboren

Auch nicht zur Einsamkeit; wir sind dahin erkoren,

Gesellschafft einzugehn. Drum schaut nur frisch herum,

Ihr Augen, ob nicht bald an warme Seite kumm[233]

Der, der für uns geweiht, und welchem wir gehören!

Last euch das alte Lied vom schämen nicht bethören.

Ein gar zu blödes Aug, als offtmals ist geschehn,

Hat das, was ihm gesollt, versaumt, verschämt, versehn.

Quelle:
Friedrich von Logau: Sämmtliche Sinngedichte, Tübingen 1872, S. 231-234.
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Die tapfere Wahrheit. Sinngedichte. Insel-Bücherei Nr. 614
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