Aus »Agrippina«

[92] Die Liebe.


Du güldnes Licht und Auge dieser Welt,

Der Mond, er borgt sein Silber zwar von dir;

Du aber Gold, Saphir des Himmels Zelt,

Die Sterne Oel, die Erde Geist von mir,

Die Schnecke Blut, die See Perl' und Korallen,

Die Kräuter Saft, die Felsen Bergkrystallen.


Lernt nun, was ich für eine Göttinn bin!

Mein Tempel ist Luft, Himmel, Erde Fluth;

Ja, die Natur selbst ist die Priesterinn,

Die Schönheit Zunder, die Begierde Gluth;[93]

Der Anmuth Blitz steckt die geweihten Kerzen

Der Sinnen an; das Opfer sind die Herzen.


Mein Saame wird geflößt den Seelen ein,

Eh' in den Mund der Brüste Milchquell rinnt;

Mein Brand erweicht der Herzen Kieselstein,

Wo Zeit und Tod zu stumpfe Feilen sind.

Wer widerspricht nun, daß man mir mit Rechte

Die Lorbeerzweig' um meine Myrte flechte?


Zeit und Tod.


Die Liebe mißt sich hochvermessen bei

Der Gottheit Kraft, den Zepter aller Welt;

Die Zeit, der Tod bricht Alles morsch entzwei,

Was die Natur, was Lieben in sich hält;

Vom Abgrund an bis über Mondes Grenzen

Sieht man der Zeit, des Tode Sichel glänzen.


Die Liebe.


Braucht, wie ihr wollt, die Arme eurer Kraft,

Laßt euren Zorn an morschen Wipfeln sehn;

Genug, daß ihr Nichts an den Cedern schafft,

Die nur durch mich wohl eingewurzelt stehn.[94]

Deun Nichts nicht, was mein Lorbeerschatten decket,

Wird durch den Blitz, durch Zeit und Tod erschrecket.


Die Zeit.


Die Zeit verzehrt nicht nur Erz und Porphyr;

Der Himmel schrumpft durch sie vor Alter ein.

Fluth, Gluth und Wurm dient zur Vertilgung mir;

Der Sterne Glanz wird durch mich blaß und klein.

Wie sollte denn vor meiner Flügel Stürmen

Die Liebe mächtig sein, sich zu beschirmen?


Der Tod.


Der Erdkreis ist der Schauplatz meiner Macht;

Was Zeit und Mensch gesä't hat, ernt' ich ein;

Mir ist der Lenz oft Herbst, der Mittag Nacht;

Niemanden schützt Gold, Purpur, Inful, Stein.

Wie sollten denn der Liebe Spinneweben

Genugsam Schirm für meine Pfeil' abgeben?


Die Liebe.


Wenn Tod und Zeit und Ehrensucht und Pein

Der Unschuld Mast, der Seele Schiff bekämpft,[95]

Muß ich der Port, das Schild, der Anker sein;

Des Neides Dunst wird durch mein Licht gedämpft;

Den Rauch der Zeit theil'n meiner Fackeln Flammen,

Mein güldner Pfeil des Todes Strick vonsammen.


Die Zeit.


Ohnmächt'ge Gluth und Fackel deiner Hand!

Kein Blick verstreicht, dein lodernd Wachs nimmt ab;

Dein Docht verglimmt, dein Oel rinnt in den Sand;

Dein Werk, die Asch', ist selbst der Flammen Grab;

Ist auch gleich noch dein Zunder unverzehret;

Schau, augenblicks wird Strahl in Staub verkehret!


Die Liebe.


Die Zeit versehrt der Liebe Zunder nicht,

Ob sie die Gluth gleich außen dämpfen kann;[96]

Die Lieb' empfängt zwiefache Flamm' und Licht

Oft, wenn man sie am heftigsten ficht an,

Und wenn die Nacht den Himmel schwarz will malen,

So sieht man ihn mit tausend Ampeln strahlen.


Der Tod.


Ohnmächt'ger Pfeil! ein einz'ger Sterbenshauch

Verkehrt das Gold der Lieb' in weiches Blei;

Ihr Sonnenschein wird in dem Sarge Rauch;

Mein dürrer Arm bricht Pfritsch und Pfeil entzwei,

Und das Geschoß, das meine Faust zerbrochen,

Giebt Brennholz ab für dürre Todtenknochen.


Die Liebe.


Zerbricht der Tod der Sinnen Pfeile gleich,

Wird schon mein Strahl in todten Gliedern kalt,

So ist der Leib doch nicht mein Sitz und Reich,

Die Seelen sind des Liebens Aufenthalt.

Verweset schon der Körper in der Höhle,

So lebt die Lieb' unsterblich in der Seele.


Quelle:
Auserlesene Gedichte von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau, Daniel Caspar von Lohenstein, Christian Wernike, Friedrich Rudolf Frhr. von Canitz, Christian Weise, Johann von Besser, Heinrich Mühlpforth, Benjamin Neukirch, Johann Michael Moscherosch und Nicolaus Peucker, Leipzig 1838, S. 92-97.
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