Das Neunte Buch.

[1474] Germanicus hatte nunmehr die höchst-bekümmerte Gesellschafft der gefangenen Teutschen unter der verdrüßlichen Aufsicht des Sextus Papinius biß auf ein nicht weit von Rom entlesenes Käyserliches Lust-Hauß gebracht; allwo er mit ihnen sich so lange verborgen aufzuhalten entschlossen war / biß Tiberius /dem er durch den Veranius hiervon gebührende Nachricht geben lassen / deßwegen gemäßenern Befehl ertheilet hätte: wiewol gantz Rom diesen seinen Auffenthalt wuste / als welches biß in die zwantzigste Meile hinaus ihm entgegen gekommen war / und / so sehr es die Beschleunigung seiner höchst-beliebten Ankunfft wünschete / so sehr dieselbe gehindert hatte / indem es alle Wege aus Neugierigkeit dermaßen starck vertrate und besetzte / daß Germanicus sich fast mehr durchschlagen / als durchziehen muste. Er wuste inzwischen kaum selbst / ob er sich vollends nach Rom sehnen solte / oder nicht; weil dasselbe ihm zwar ein Siegsgepränge / seinen besten Freunden aber die äusserste Schmach zubereitete. So sehr er demnach sich freuete / den Ort wieder zu begrüssen / da die Römische Wölffin ihm / als einem andern Romulus / dir erste Mutter-Milch gegeben hatte: so sehr zitterte er über dero unbarmhertzigen Klauen / worein er die Unschuld selbst zu liefern genöthigt wurde. Thußnelde hingegen litte mit unvergleichlicher Gedult / was keine menschliche Klugheit ändern konte / lebete aber gleichwol der Hoffnung / Gott würde auf dem Schauplatz unvermuthlich erscheinen und in diesem höchstverwirrten Trauerspiel einen vergnügtern Beschluß machen. Es diente auch ihr ruhmwürdig Exempel ihren viel kleinmüthigern Unglücksgenossen für einen Leitfaden / der sie zu recht führete / wenn sie in den Irrgarten ihrer schwehrmüthigen Gedancken allzu tieff gerathen wolten. Wären sonst alle Wollüste der Welt fähig gewesen ihr Gemüth zu vergnügen / so würde der sie zu bedienen vom Käyser verordnete Titus Cäsonius Priscus dazu bald Rath geschaffet haben / massen er unter dem Nahmen eines Wollustmeisters alle das in steter Bereitschafft halten muste /was die lüstern Begierden derer Menschen zu ihrer Ersättigung jemahls erfunden haben. Aber alle diese Lust war unsern Teutschen eine Last / die marmornen Zimmer ein gräßlich Gefängniß / die wohlbesetzten Tafeln eine betrübte Todten-Mahlzeit / die unvergleichliche Music ein Zeter- und Mord-Geschrey / die weichen Betten endlich eine neue Art von einer Folterbanck. Denn die Freyheit giebt aller Vergnügung das Leben und alle gegenwärtige Freude erstirbt über der Furcht eines zukünfftigen Ubels.

Sentius Saturninus war befehlicht / die Wirthschafft an statt des Käysers zu verwalten / und ließ ihnen zwar die Freyheit / aus einem Zimmer in das andere nach Belieben zu gehen / doch nicht einen Fuß außer das Hauß zu setzen. Weil nun Thußnelde ihn /als ihrer boßhafften Stiefmutter Vater ansehen muste /kunte sie sich nicht enthalten / zu befürchten / daß vielleicht dieser Stamm von einer schädlichen Art wäre / alldieweil er eine so gifftige Frucht getragen hätte / und sie dahero einen ihrer ärgsten Feinde unter der Larve eines aufrichtigen Freundes umb sich leiden müste. Jedoch fassete sie sich alsbald / und befunde unbillig / jemand durch Argwohn ohne Beweiß zu beschuldigen / oder umb einer ungerathenen Tochter einen tugendhafften Vater zu verdammen.

Kaum zwey Stunden waren verflossen / als[1475] des Germanicus abgeordneter Veranius aus Rom wieder zurück kam in Begleitung des Sejanus des vornehmsten Käyserlichẽ Staats-Bedientens. Dieser / nachdem er im Nahmen seines Herrn den Germanicus mit aller ersinnlichen Höffligkeit bewillkommet / und ihn in diesem Garten-Hauß biß auf den zu seinem Triumph bestimmten sechsten Tag vor Anfang des Junius mit seiner gantzen Reise-Gesellschafft unbekanter weise zu verziehen gebeten / auch dessen Gemahlin die gebührende Aufwartung geleistet hatte / ließ er sich bey dem deutschen Frauenzimmer anmelden / und so bald er vorgelassen worden / bezeugete er mit vielen Worten / daß der Beherrscher der Welt Tiberius aus unterschiedenen Staats-Ursachen zwar genöthiget worden seinen besten Freundinnen eine so beschwerliche Reise anzumuthen; er hoffete aber mit der Zeit Gelegenheit zu finden / den hierbey mit unterlauffenden kleinen Verdruß durch desto grössere und angenehmere Dienste zu ersetzen / maßen er die unvergleichliche Fürstin der Cherusker sonderlich versichern lasse / daß sie in Rom mehr zu sprechen Macht haben solte / als wenn selbiges sie vor seine Käyserin erkennete. Thußnelde stattete hierauf ihre Dancksagung ab vor eine so unverhoffte großmüthige Versicherung und sagte / daß ob sie wohl wüste / daß der grosse Tiberius denen Verlassenen wohl zu thun und die Bedrängten zu schützen nicht ehe / als sterblich zu seyn / auffhören würde; so hätte doch das gemeine Geschrey /daß sie zu einem schimpfflichen Schauspiel der Stadt Rom verurtheilet wären / sie fast besorgt machen wollen / ob hätte Tiberius aufgehöret / Tiberius / das ist /die Großmuth selbst / zu seyn. Nunmehr aber verstände sie voller unsäglicher Freude / daß der Römische Adler sich viel zu edel halte ohnmächtige Tauben feindselig anzutasten / und ein so hoch verständiger Vater seinem an Tugend und Glück ähnlichen Sohne / dem Germanicus / es schimpflich zu seyn erachte / geraubete Weibes-Bilder / an statt überwundener Feinde / in Siegs-Gepränge aufzuführen. Sejanus wuste zwar wohl / daß Thußnelde aus seinem Erbieten mehr Trost schöpffete / als sie Ursach hatte; jedennoch wolte er nicht durch verdrießliches Widersprechen seine Person auf ewig deroselben verhaßt machen / sondern überreichte vielmehr dem sämtlichen Frauenzimmer des Käysers Geschencke /Thußnelden insonderheit aber ein güldenes Kästlein mit einem vollkommenen Diamantenen Schmuck. Bald hierauf eylete er wieder zum Käyser; ließ aber bey dem Abschied solche Blicke schiessen / die zur Gnüge verrathen kunten / daß er seine Freyheit der gefangenen Thußnelde aufgeopffert hätte / und nicht weniger in Liebes- als Reichs-Geschäfften des Käysers Gefährte seyn wolte.

Er gab damit der vorwitzigen Zirolane die Freyheit / das auf der Taffel stehende Kästlein zu eröffnen. So höchlich sie nun über dem Glantz der unschätzbaren Diamanten erstaunete: so wunderwürdig kamen ihr der Deckel und Seiten des Behältnüsses vor / als welche allerseits mit Onychtaffeln überlegt waren / in die ein berühmter Künstler allerley Spiele von kleinen Liebes-Göttern eingeschnitten hatte. Der Bodem aber setzte sie vollends aus ihr selber / indem sich darauff die verlassene Ariadne mit thränenden Augen nach ihrem entflohenen Gemahl / dem Theseus / umbsahe /von dem Bacchus aber mit Verheissung seiner Liebe und ihrer Vergötterung getröstet wurde. Denn des Tiberius Ebenbild war so deutlich / in des Wein-Gotts und Thußneldens Gestalt / in der Ariadne Gesichte entworffen / daß kein Ey dem andern ähnlicher seyn konte. Sie zeigte solches der bestürtzten Cheruskischen Hertzogin / die alsbald die Hände in einander schlug und ausrieff: O Jammer! nun bin ich verlohren! Bißher fürchtete ich mich / meine Ehre zum Schein in dem Siegs-Gepränge zu verlieren;[1476] nunmehr / da ich meiner Einbildung nach / durch des Tiberius zweydeutigen Zusage / aus dem Sturm in Hafen versetzet worden / gerathe ich in Gefahr an derselben in der That einen unvermeidlichen Schiffbruch zu leiden. Unverschämter Wüterich! ich wil zugeben / daß deine Völlerey dir mit eben dem Recht das Ebenbild des Bacchus / als etwa den Nahmen Caldius Biberius Mero erworben. Aber meynst du / daß ich deßwegen mich in dich / als einen Gott vergaffen werde? Solte ich dich meinen nicht weniger getreuen / als tapffern Theseus vorziehen? Nein! sicherlich! viel ehe wil ich deinen oder meinen Lebens-Faden / als das heilige Band meiner Ehe / zerreissen. Ach! vergebliche Hoffnung / die auf betrügliche Menschen sich gründen soll!

Thußnelda hätte sonderzweiffel ihren Klagen noch weiter nachgehangen / wenn nicht Agrippina ins Zimmer getreten wäre mit der Nachricht / daß Tiberius willens gewesen / Thußnelden zu besuchen / wäre aber im herabreiten vom Berge Palatinus mit dem Pferde gestürtzet / und hätte nicht nur den einen Schenckel in etwas verletzet / sondern auch vielleicht eine Ader im Leibe gespränget; weil das Blut ihm häuffig zu Mund und Nasen herausser schiesse. Weßwegen Sullustius ihren Gemahl durch einen Freygelassenen dessen hätte berichten und ermahnen lassen /dem Käyser ungesäumet / doch ohne alles Gefolge / in seiner Unpäßligkeit auffzuwarten. Thußnelden kam diese gute Zeitung so unvermuthlich / daß sie ihre Freude über dieser göttlichen Hülffe nicht allerdings in ihren Geberden verbergen kunte / ungeachtet sie um Wohlstands willen gegen die Schwieger-Tochter des Käysers sich dessen nicht mercken lassen dürffte. Allein diese bezeugete selbst mit vielen Worten / daß sie ihrem Vater-Lande die Befreyung von dem Joch dieses Wüterichs nicht mißgönnete / weil er zwar auff Befehl des Augustus ihren Gemahl zum Sohn angenommen / gleichwohl iederzeit sein und aller tugendhafften Leute geschworner Feind gewesen.

Sie lebten also allerseits zwischen Furcht und Hoffnung / biß Germanicus zwey Abende hernach sich wieder einstellete und ihnen kund thate / es hätte keine Gefahr mit dem Kayser: das Blut wäre gestillt /der Schenckel nur ein wenig gestreifft: doch müste er auff Rath der Aertzte biß auff den einmahl bestimmten Triumph-Tag sich inne- und aller Bewegung enthalten. Hiermit war abermahls die Freude der armen Thußnelda in der ersten Blüte ersticket. Indem kam ein Hauptmann aus dem deutschen Heer an / und berichtete den vor Thußneldens Zi er hinauserbetenen Feld-Herrn / daß selbiges nur noch vier Meilen von Rom sich befände und Befehl erwartete / wenn es sich nebenst denen Gefangenen auff dem Marßfelde einfinden sollte. Nachdem er nun den siebenden Tag vor Anfang des Junius hierzu angesetzet / begab er sich zur Ruhe / derer er aber wegen vielfältiger Sorgen so wenig / als iemand in diesem Garten-Hause geniessen konte.

Zwey Tage hierauff zog Germanicus mit etlichen vertrauten Freunden seinen Legionen entgegen / die nunmehr die Reise nach Rom biß auff eine viertel Meile hinter sich geleget hatten. Er wurde mit grossen Frolocken empfangen / massen das sieghaffte Heer /seit daß es sein Haupt nicht gegenwärtig gesehen /viel trauriger sich bezeiget hatte / als wenn es auffs Haupt von denen Deutschen wäre geschlagen worden. Er hingegen beschenckte und lobte sie nach ihrem selbsteignen Wunsch / führete sie in guter Ordnung auffs Marß-Feld / und ließ den Käyser und Römischen Rath durch sechs an sie abgeordnete Hauptleute um Vergünstigung des Einzugs in die Stadt zum Triumph ersuchen. Nach Erhaltung derselben trat die Nacht ein / welche der Feld-Herr in einem köstlich- ausgezierten Schlaff-Gemach des Isis-Tempels;[1477] das Heer aber unter freyen Himmel zubrachte. Folgenden Morgen ward Germanicus vom sämtlichen Rath mit dem bey solchen Begebenheiten gebräuchlichen Gepränge eingehohlet / und durch das Triumph-Thor in die Stadt auffs Capitolium gebracht. Damit wir aber nur dessen gedencken / worinnen dieser Auffzug von andern seines gleichen unterschieden war / so wurden unter andern die Bildnisse des Rheins / der Emse / der Weser und unterschiedener daran gelegenen Haupt-Städte / schaugetragen / als woselbst Germanicus durch sein Feuer und Schwerd diese höchste Ehrbezeigung der Stadt Rom verdienet haben solte. Ja so gar Tanfanens Heiligthum war in Silber gegossen zu sehen / dessen ungewissenhaffte Zerstörung die Römischen Mordbrenner für ihren ruhmwürdigsten Sieg hielten / weil sie darinnen nicht Menschen / sondern Göttern obgelegen wären / und wolten also dem grossen Pompejus es gleich thun / welcher seinen dritten Triumph mit gefangenen und auff Wagen angeschmiedeten barbarischen Göttern das gröste Ansehen gemacht hatte. Diesen Bildnüssen folgeten die Sicambrischen Fürsten Beroris und Dietrich mit güldenen /der Priester Libys mit silbernen / und unterschiedene Cheruskische / Cattische / Bruckterische / Sicambrische / Marsische / Chaucische Grafen / Ritter und gemeine Knechte mit eisernen Ketten beleget / die als Schlacht-Opffer auffs beste gezieret / sich die gewisse Rechnung zu machen hatten / daß ihr unschuldig vergossenes Blut zu Ende dieses ihres letzten Ganges dem Purpur-Rock des Uberwinders eine höhere Farbe und grössern Glantz würde geben müssen.

Nechst denen sahe man zwey Wagen mit sieben Fürstlich gekleideten Weibs-Personen besetzet / unter denen die vornehmste ein klein Kind auff dem Schooß hielte; Alle aber durch ihre güldenen Fessel anzeigen musten / daß sie dem armen Beroris und Dietrich das Geleite in die unterirrdische Welt geben sollten. Weil ihre Angesichter mit Schleyern behangen waren / entstund unter dem unzehlbahren Volck ein unordentlich Gemürmel / wer diese wären / denen die Gnade wiederführe / daß sie zu Wagen und ohne schimpffliche Entblössung des Haupts / wider alle Gebräuche derer Alten / zu ihrem Tode gebracht würden; da denn die Antwort mitten unter denen Fragen in gleichmäßiger Unordnung gehöret ward / es wären solches des Cheruskischen Feld-Herrn Gemahlin Thußnelde / ferner dessen Schwester Ismene / über dieses des Cattischen Hertzogs Tochter / und eine von dero Basen / Rhamis genannt / ingleichen eine gewisse Marsingische Fürstin / nebenst zwey vornehmen teutschen Gräfinnen. Diese gnädigere Art des Siegs-Gepränges hätten sie der Freundschafft der Agrippina zu dancken / die denen Teutschen so gewogen wäre / daß sie ihrem Gemahl sonder Zweiffel überredet haben würde / den vom Rath zu Rom angetragenen Triumph auszuschlagen / daferne sie nicht das Exempel des Cnäus Fulvius Flaccus vor Augen gehabt / welchem ins Elend zu gehen aufferleget worden / weil er den vom Römischen Rath angebotenen Triumph kaltsinnig ausgeschlagen hatte.

Niemand war unter allen denen / so ehemahls die unvergleichliche Thußnelda zu Rom gesehen hatte /der nicht ihr Unglück hertzlich betauret / und diesen frohen Tag mit milden Mitleidens-Thränen entheiliget hätte.

Der eintzige Segesthes / der unwürdig die Ehre hatte / Thußneldens Vater zu seyn / und nebst seiner Gemahlin diesem Siegs-Gepränge als ein Bunds-Genosse derer Römer zusahe / freuete sich hierüber so hefftig / daß die um ihn stehenden Römer über seinen unnatürlichen Haß / den er nicht nur über sein Vater-Land /[1478] sondern auch über sein Fleisch und Blut selbst in dessen äussersten Beschimpffung so grausamlich ausließ / sich höchlich ärgerten.

Germanicus stund auff einem güldenen und mit elffenbeinern Bildern niedrig-erhobener Arbeit gezierten Triumph-Wagen / an welchem unter andern die Brust-Bilder der Cheruskisch und Cattischen Hertzoge zu sehen waren. Denn also muste man über Teutscher Helden Bilder triumphiren / weil man derer Helden selbst nicht mächtig werden konte. Man wollte anfänglich / nach des Marcus Antonius Exempel / vier Löwen für den Wagen spannen / den Cattischen Löwen dadurch zu bedeuten; weil aber die Cherusker vornehmer waren / schien es prächtiger zu seyn / vier weisse Pferde / dergleichen eines im Cheruskischen Wappen zu sehen ist / zum Zeichen des über itzt genanntes Volck erhaltenen Siegs zu gebrauchen. Dem Germanicus folgte zunächst seine Gemahlin auff einem weiten silbernen Wagen / hatte auff beyden Seiten ihre ältesten zwey Söhne Nero und Drusus; auff dem Schooß den kleinen Cajus / und unten vor denen Füssen ihre zwey Töchter Agrippina und Drusilla; schiene aber mehr traurig als frölich diesem grossen Ehrenfest beyzuwohnen. Welches von dem Volck insgemein / als ein heimliches Mitleiden über ihre zum Tode verdammte Freundinnen ausgedeutet ward / warhafftig aber daher entstund / daß sie diese Beehrung ihres allerliebsten Gemahls wie seine Leichbestattung ansähe. Denn weil ihm der Todt im Morgen-Lande vorlängst war gewahrsaget worden /und er gleichwohl dahin auff Käyserlichen Befehl nach geendigten Triumph ziehen sollte / als ahnete ihr / das undanckbahre Rom würde nach dieser letzten Ehre ihn zwar nicht eigenhändig tödten / jedoch dasjenige zu thun nöthigen / womit die hi lische Schickung seinen unausbleiblichen Untergang verknüpffet hätte.

So bald Germanicus am Berge Capitolinus ankam /hielt er eine herrliche Danck-Rede an die gantze Gesellschafft / und lude sie zu einer Mahlzeit und allerhand Ritter-Spielen auff diesen und folgende vier Tage ein. Nachdem auch / wie gewöhnlich / ihm Nachricht gegeben worden / daß die sämtlichen teutfchen Gefangenen im Tullianischen Gefängniß hingerichtet worden / befahl er den weissen Ochsen zu Ehren des Capitolinischen Jupiters / der Juno und aller Rom-gewogenen Götter und Göttinnen zu schlachten und zu opffern; Nach dessen Verrichtung die Gäste zur Triumph-Gasterey geführet und mit so ungemeiner Verschwendung bewirthet worden / daß man gestehen muste / der langwierige teutsche Krieg hätte weniger Unkosten / als dieser eintzige Triumph-Tag erfordert.

Der Käyser war zwar hierzu gleichfalls eingeladen /aber so wenig / als die Bürgermeister Cajus Cäcilius Rufus und Lucius Pomponius Flaccus / erschienen /damit niemand dem Triumphirenden an seinem höchsten Ehrenfeste die Oberstelle streitig machen könte.

Sie speiseten hingegen alle drey auff dem Palatinischen Berge / da denn der vor ein paar Wochen zu Rom angekommene Thracische Reichs-Erbe Rhemetalces die Gnade hatte / auff Tiberius Erforderung die vierdte / gleich wie Sejanus die fünffte / und der Welt weise Seleucus die sechste Stelle an der Käyserlichen Taffel zu bekleiden. Nachdem nun Tiberius unterschiedene gelehrte Fragen seiner Gewohnheit nach unter dem Essen auffgeworffen und dieselben entschieden / dabey aber viel Widersprechens von dem Seleucus erduldet hatte / welches dem einigen Rhemetalces frembde vorkam / denen andern Gästen aber eine bekante Sache war; verlangte er endlich / der Thracische Fürst sollte ihm und denen beyden Bürgermeistern anjetzo / die Zeit desto angenehmer hinzubringen / einige Nachricht kürtzlich[1479] geben / in was Zustande er sein Vaterland hinterlassen. Dieser antwortete hierauf: Selbiger ist leider mehr als zu schlecht. Denn obgleich Thracien mit hoher Bewilligung des nunmehr zum Gott gewordenen Augustus /unter meinen Vater Rhascuporis und dessen Bruders-Sohn den König Cotys vertheilet worden / hat es doch scheinen wollen / als ob es so wenig zwey Könige /als die Welt zwey Sonnen / ertragen könte; der unvergleichliche Augustus hatte kaum das Haupt gelegt /als beyde Könige in Grentzstreit geriethen / und tausend kleine Verdrüßligkeiten einander erwiesen / also gar / daß sie endlich beyderseits zu denen Waffen grieffen. Cotys bezeugete zwar vielfältig / wie ungern er hieran gienge / weil das Kriegs-Feuer nicht so leicht sich leschen / als anzünden liesse; doch könte er meinem Vater es nimmermehr gut heissen / daß er durch die Schmeicheley der Ada / (meiner Stiefmutter) die ihren leiblichen Kindern ein Erbe gern erwerben wolte / sich bewegen liesse / ihm seinen Scepter anzutasten / da er doch seinen eigenen des Cotys Gütigkeit allein zu dancken hätte. Er müste demnach der undanckbaren Schlange den Kopff zertreten / weil sie ihn zu stechen sich erkühnete / an statt dessen / daß er sie ehemahls in seinen Busem erwärmet und beym Leben erhalten hätte. Wolte Rhascuporis wie der Krebs umb sich fressen / so hätte ihm der Himmel Feuer und Messer in die Hand gegeben / sein Vaterland von solchem Ubel aus dem Grunde zu heilen. Mein Vater Rhascuporis hingegen wendete wider diese Vorwürffe seines Feindes vor / daß er dem Cotys keines seiner Länder zu schmählern willens wäre / gleichwohl diejenigen Städte / Berge oder Flüsse seinem Reich wieder einverleiben müste / die von uralten Zeiten Stücken derjenigen grössern Landschafften gewesen / die Cotys selbst vor Rhascuporis Eigenthum erkennete; und vermöchte die letztere Grentzscheidung die Sache nicht zu heben / weil ihm dieselbe damals mit Gewalt abgenöthiget worden / da doch viel mehr diejenigen Grentzmahle beobachtet werden solten / die der Himmel selbst durch Berg und Flüsse einer jeden Landschafft gesetzet hätte. Weil nun beyde mein Vater und Cotys recht zu haben vermeyneten / als wäre sonder Zweiffel der Untergang Thraciens unvermeidlich gewesen / daferne nicht eure Käyserliche Majestät durch dero hohe Vermittelung es bald darauf dahin gebracht hätte / daß Cotys seine gantze Kriegs-Macht abgedancket / nachdem der Unter-Landfleger in Mösien / Latinius Pandus / ihm im Nahmen des gerechten Tiberius die Versicherung gegeben hatte / ihn bey seinen Rechten mit aller Macht auf den Nothfall zu schützen. Inmittelst hat mein Vater ein mündlich Gespräch als ein zulänglich Mittel vorgeschlagen / wodurch der edle Friede wieder ergäntzet werden könte. Cotys hat hierauf den Ort / Zeit und Innhalt dieses neuen Bündnüsses / nach meines Vaters Vorschlage / angenommen und zu Stifftung desto bessern Vernehmens dem grossen Friedensmahl in seines bißherigen Feindes Hauptstadt beyzuwohnen sich nicht gewegert; ist aber zu Ende der Gasterey auf Befehl meines Vaters in Ketten und Bande gelegt worden / ungeachtet er umb der Schutz-Götter ihrer beyden Häuser willen / das Recht der Gastfreyheit nicht an ihm zu brechen / gebeten hat. Dieses alles hatte sich in meiner Abwesenheit zugetragen / da ich mich anfangs in Deutschland / als ein Gefangener / und bald darauf als ein neuer deutscher Fürst / aufgehalten habe / hernachmahls aber mein Vaterland zu suchen schlüssig wurde; weil ich ohnedem wegen eines mir in Schwalbach begegneten Unglücks meines Lebens gantz überdrüßig war / und dahero nicht groß geachtet hätte / wenn mein Stiefbruder Taxiles durch meinen Tod eine Crone bekommen /meine Mutter aber dadurch die Ursach verlohren hätte / aus des Cotys todter Leiche eine Stuffe zu machen /auf[1480] welcher ihr Sohn einen Thron besteigen möchte. Ich konte aber / leider! weder meinen Todt noch des Cotys Freyheit / sondern den Befehl allein von meinem Vater erhalten / ein Schreiben an Eure Käyserliche Majestät und den Rath zu Rom zu überbringen /in welchem er weitläufftig ausgeführet hat / wie er Gifft mit Wider-Gifft vertreiben / des Cotys List mit Gegen-List zuvor kommen / und durch dessen Bande das Band des Friedens in gantz Thracien feste knüpffen müssen. Dieses haben Eure Majestät vorigen Tages ausser dem Capitolium nicht annehmen wollen / weßwegen ich mit dero hohen Bewilligung morgen aufwarten und denen versammleten Vätern der Stadt Rom / die ein kluger Cyneas wohl ehe vor eben so viel Könige angesehen hat / diese Streitigkeit beyder Thracischen Könige zu beurtheilen demüthigst übergeben will / voller Hoffnung / daß selbige nicht nur meines Vaters Brief einiger schrifftlichen Antwort würdigen / sondern auch einen neuen Stadthalter in Mösien abschicken werden / der in dieser Sache ein unpartheyischer Schiedsmann sey / welches mein Vater von dem Latinius Pandus / einem Hertzens-Freunde des Königs Cotys / niemahls verhoffen können.

Tiberius erbote sich / nach dem Beschluß dieser Rede / beyden Theilen mit aller Macht zu ihren Rechten zu verhelffen; fragte inzwischen (unter andern über dieser Thracischen Geschicht entstandenen Gesprächen /) ob nicht Rhemetalces / nach des Cotys Exempel / auf Fortpflantzung seines Königlichen Geschlechts bedacht wäre / massen er dadurch seinen Mißgönstigen den Muth nehmen würde / an ihn sich zu wagen / alldieweil es leichter ist / einen dürren Ast / als einen fruchtbaren starcken Stamm-Baum zu zerbrechen / und gefährlicher / den zu ermorden / so jemanden hinterläßt / den die Natur selbst zur Rache des dem Vater zugefügten Unrechts anfrischet.

Rhemetalces versetzte: Ich habe einmahl die Thorheit begangen / von einem Weibsbilde treue und beständige Liebe zu hoffen: Allein es ist mir gegangen /wie denen Motten / die ihre Flügel an den schönen Flammen verbrennen. Ich bin nunmehr gleiches Sinnes mit dem / der einmahl Schiffbruch gelitten / und demnach dem ungetreuen Meer sich wieder zu vertrauen Bedencken nimmt. Tiberius verlangte den Nahmen dieser Unbeständigen zu wissen; und bekame zur Antwort: Ich bekenne / daß ich das Gedächtniß dieser Wanckelmüthigen wider meinen Willen so heilig halte / daß ich unmöglich über mein Hertz bringen kan / ihren Nahmen und zugleich ihre Schande zu entdecken; zumahl da ihr Todt alle Feindschafft in mir vollends getödtet hat: Weßwegen ich auch heute bey ihrem lebendigen Leich-Gepränge so wahrhafftige Thränen vergossen / als wenn sie ihre Treue mit in die Grube genommen hätte. Jedennoch dünckt mich unverantwortlich / denen irrdischen Göttern etwas zu verhöhlen. Drum muß ich sagen / daß die Marsingische Zirolane dieselbe sey / die meinem Gemüthe die erste Liebes-Milch eingeflösset / nachmahls aber diese mit solcher Wermuth durchbittert hat / daß ich von Stund an einen ewigen Eckel davor bekommen habe / und nicht mehr ein einfältig Kind / sondern völlig entwöhnet bin. Tiberius hatte durch Brieffe aus Teutschland gnugsam erfahren / wer unter diesen beyden das meiste Recht gehabt; Rhemetalces oder die mit ihrem Bruder unschuldigverdachte Zirolane? Er ließ sich aber dessen / aus einem sonderbahren Absehen / nicht mercken / sondern antwortete: Ich begehre Zirolanen nicht zu entschuldigen / weil ich allzuviel Beweißthümer habe / daß / so leicht unter Aepffeln Wurmstichige anzutreffen sind / so leicht finden sich unter denen grösten Schönheiten eine und andere / die sich ihrer Ehre / als einer grossen Last / je eher je lieber zu entschütten begierig sind.[1481] Ich kan selbst nicht läugnen / daß ich ein solches Ungeheuer zum Ehegatten aus gerechten Zorn des Himmels eine gute Zeitlang gehabt. Denn ungeachtet ich durch vieles Bitten meine Mutter bewogen / den auff dem bekanten Göttermahl in der Ziegen-Insul getroffenen Heyrathschluß für einen blossen Schertz zu halten; So war doch die Höhle der Egeria der unglückliche Ort / darinnen das einmahl zurissene Band meiner Heyrath mit dieser Nennens-Unwürdigen wieder ergäntzet / und hingegen das höchst-vergnügliche / welches mich an meine getreue Vipsania verband / wieder getrennet muste werden; da ich dann auff einmahl alle die Unlust erfuhre / die Orpheus erlitten / als er seine allerliebste Euridice zum andernmahl eingebüsset hat. Nichts destoweniger will ich von der schönen Zirolane noch etwas bessers / als von der Julia / hoffen; und überlasse demnach ihre Verthädigung dero nach dem Todtherumirrenden Geiste / der im Fall seiner Unschuld / von den Thracischen Reichs-Erben wegen eines so verkleinerlichen Verdachts schwere Rechenschafft fordern dürffte. Sollte sie nun allenfalls unschuldig seyn / würde ich mich höchlich betrüben /daß ich dero Erwürgung nicht mit aller Macht verhindert habe / nachdem ich gantz unverhofft anjetzt vernehme / daß sie einem von meinen besten Freundẽ so nahe angegangen sey. Doch wir wollen die Todten von der Taffel lassen. Und gleichwie ich kurtz zuvor mit meinem Exempel bestätigte / daß nicht alle Eyfersucht ungegründet und unbillig sey: also kan ich leichte gegentheils erweisen / daß mancher Männer seltzames Gehirn einer Art Spiegel gleich kömmt /welche ein Gesicht krumm und recht wercklich-zerzerret vorstellen / das sonst nach den Regeln der natürlichen Schönheit auffs vollkommenste eingerichtet und gebildet ist. Die Eifersucht ist wie die gelbe Sucht / die alles vor gelbe ansiehet / und wenns gleich der reineste Schnee wäre. Ich habe dieses gestriges Tages nach Art unsers Virgilius in einem Schäffer-Gespräche entworffen / welches ich dieser werthen Gesellschafft zeigen will / daferne ich die Versicherung habe / daß man nicht alle Vollkommenheiten gelehrter Verse von dem begehren will / der sein Tage mehr den Degen oder Scepter / als die Feder hat führen dürffen. Die Bürgermeister liessen sich nichts gutes schwahnen / und geriethen in Furcht / sie würden allerhand abscheuliche Vorstellungen unnatürlicher Wollüste mit ansehen müssen / dergleichen Tiberius sonst / bey allen Schauspielen in seinem Taffel-Gemach / einzuführen pflegte. Allein die Ehrerbietung / die er gegen sie truge / und die Furcht in Thracien einen übeln Nahmen zu bekommen / machte / daß er ein zwar lustiges / doch nicht unerbahres Gedicht etlichen von seinen Freygelassenen auswendig zu lernen gegeben hatte / so bald er auff den Sinn gekommen war / den Thracischen Fürsten / und um seinet willen die Bürgermeister / einladen zu lassen. Als nun Pomponius Flaccus im Nahmen der sämtlichen Gäste /mehr aus Furcht als aus Hertzens-Grund / eine ungemeine Begierde bezeuget hatte / das Kunst-stück zu sehen / das (wie er sagte /) den Theocritus und Virgilius sonderzweiffel beschämen würde / gab der Käyser mit einem kleinem Pfeiffgen das Zeichen / worauff die Tapezerey / so ein groß Theil von der einen Wand des Zimmers bedecket hatte / unvermuthlich verschwand / und an dessen statt ein nicht gar grosser /aber sehr wohl gemahlter Schau-Platz erschien / der in der Nähe einen Wald / in der Ferne aber einen Berg mit unterschiedenen Hirten und Heerden vorstellete. Aus diesem traten zwey Schäfer-Knaben unter dem muntern Schall zwölff Feld-Schallmeyen in das Tafel-Gemach und überreichten iedweden von denen Zuschauern einen geschriebenen Zettel dieses Innhalts:


Schäfer-Spiel von der Eifersucht.

[1482] Mopsus ein Schäfer in Thessalien / hat das Glück /der schönen Alcippe Gewogenheit zu erlangen; geräth aber aus blinder Liebe in eine noch blindere Eifersucht / damit er diese Unschuldige so wol als sich selbst / aufs äusserste qvälet. Allein / indem er sein Elend dem klugen Menalcas klaget und dieser seinen Argwohn gantz unbillich und ungereimt erkennet /wird er von ihm eines bessern unterrichtet / so daß er von Stund an seiner thörichten Gemüths-Regung den Abschied giebt.

Es waren diese beyde kaum wieder zurück gekehret / als die Schallmeyen den vorigen lustigen Thon in einen so betrübten veränderten / daß man hätte meynen mögen / es würden etliche verdammte Seelen aus der Höllen auftreten. Allein es kam an deren statt ein fast noch mehr verzweiffelter Schäfer / der mit seinem verstöreten Angesicht bewiese / daß die Eyfersucht /die er litte / eine Art von der Höllen-Pein wäre. Er gieng in seinen schwermüthigen Gedancken so lange herum / biß unterschiedene Säitenspiele an statt der Schallmeyen mit einem halbgebrochenen Thon sich hören liessen / worein er dieses Lied nicht ohne Thränen absunge:


Ihr Bäume / die ihr alle Jahr

Verwandelt Farbe / Laub und Früchte:

Ihr Blumen / die ihr gantz und gar

Des andern Tages geht zu nichte:

Ihr Bäche / die ihr stets verändert Strom und Lauff

Und gleichsam eure Ruh in solchem Wechsel findet;

Ach! merckt nur / bitt' ich / eigen drauff /

Ob euch Alcippe nicht im Wechseln überwindet.


Ihr Felsen / die ihr immerfort /

Biß an das Ende dieser Erden /

Bleibt gegentheils an einem Ort /

Und niemahls wolt beweglich werden!

Ihr Pyramiden prahlt mit eurem Alterthum /

Dadurch ihr euch erkühnt der Zeit selbst Trotz zu bieten!

Doch mag wohl euer stoltzer Ruhm

Mit meiner Lieb' und Treu sich zu vergleichen hüten!


Weh mir! du must / O treues Blut /

Den Unbestand beständig lieben

An einer / die in Wanckelmuth

Und steten Wechsel sich will üben.

Alcippe neigt ihr Hertz zum Meliböus hin:

Kan ich mit Phyllis denn nicht auch vertraulich leben?

Palämon lenckt Aecippens Sinn;

Wolan! so will ich auch der Nisa mich ergeben.


O ja! ich kan dir falsches Kind /

Die Wechsel-Kunst gar bald ablernen.

Doch / O gerechter Himmel! find't

Mein Hertz auch Krafft sich zu entfernen?

Ach nein! ob du gleich wirst im Lieben flüchtig seyn /

Steht dennoch meine Treu gantz stelff und unbewogen:

Ich weiß / du stellst dich wieder ein /

Wenn alle Schäfer erst an deinem Joch gezogen.


Wie aber? trägst du keinen Scheu /

Daß dir bald schwartz / bald weiß beliebet /

Und daß der beste dieser sey /

Der sich bey dir zuletzt angiebet?

Was hilfft dichs / ob du schon unzählich Sclaven hast /

Doch bey der erbarn Welt nur liederlich must heissen?

Daß doch dein Hertz kein Beyspiel faßt /

Nach Turtel-Tauben Art der Treu sich zu befleissen!


Dieser Gesang war ungefehr halb aus / als der alte Menalcas darzu kam / und mit grosser Gedult das Ende desselben abwartete / worauff er sich also redend vernehmen ließ / nachdem die Schallmeyen durch einen kurtzen Nachklang die Zuhörer desto williger gemacht hatten / das folgende anzuhören:


Freund / euer Jammer hat mich allerdings bewegt /

Nur möcht ich auch hiervon den Ursprung gerne kennen:

Hat euch Alcippe was vielleicht in Weg gelegt?

Wolt ihr mir nicht den Qvell von euren Thränen nennen?

Gläubt / daß ich schweigen will; wißt / daß ich trösten kan:

Gönnt euch Alcippe nicht so viel von ihren Blicken /

Als sie wohl anderm Volck / ohn ihr Verdienst / gethan?

Pflegt sie / was ihr ihr schenckt / mit Spott zurück zu schicken?


Mopsus runtzelte hierauf die Stirne und antwortete:[1483]


Die Sonne hat nunmehr den Lauff durch alle Welt

Zum vierdtenmahl vollbracht; seit dem das Band der Liebe

Mich an Alcippens Hertz so fest verknüpffet hält /

Und ich mich / ungeliebt zu lieben / stetig übe.

So offt hat auch die Heerd' ihr Kleid hinweg gelegt /

Seit dem die Liebe mich legt zu Alcippens Füssen /

Die mich mit Manckelmuth / gleich einer Ruthe / schlägt

Vnd ich die Ruthe noch muß gantz gedultig küssen.

Gleich damahls war's / als ich den ersten Hirtenstab

Da sie zwölff Jahre kaum in ihrem Alter zehlte

Ihr unter diesem Wahn und süssen Hoffnung gab /

Ich würde nun die Glut / die sie in sich verhöhlte /

Vnendlich brennen sehn. Wahr ists / daß solche Brunst

Auch auf das eusserste die ersten sechzehn Mohnden

Beharrlich kommen sey: da Lieb und Gegengunst

Den schönen Wettstreit leicht in stiller Lust gewohnten.

So offt ich Trost gesucht bey ihrem holden Blick /

Sah ich auch ihren Geist auf gleiche Sehnsucht zielen.

Mein Hertz und ihr Gemüth umbfieng ein Liebes-Strick /

Damit ich kont ihr Weh und sie mein Wohlseyn fühlen;

Wir theilten beyderseits Vergnügung und Verdruß.

Die Farbe die sie trug / die sah man mich auch tragen;

Ja unser Vieh gieng selbst beysammen Fuß vor Fuß /

Weil sie biß in die Nacht auf einer Heyde lagen.

Es schien / als wären sie so sehr als wir verliebt /

Vnd fühlten gleichen Trieb sich immer anzuschauen.

Man merckte gantz genau / wie ihnen so betrübt

Als uns das scheiden fiel / daß iedes fast mit grauen

Zu seiner Ruhe gieng. Des morgends aber drauff

Wenn sie auf einer Trifft zusammen wieder kahmen /

Da sah man seine Lust / wie sie in vollen Lauff /

Flugs / stracks / nach ihrer Art / sich in die Arme nahmen.

Ein ieder Hauffe schien dahin bedacht zu seyn /

So gar vor allen Schein der Grobheit sich zu hüten /

Vnd stellte sich bey zeit mit seinem Grüssen ein /

Eh' / als der and're noch / den guten Tag zu bieten.

Indeß schlich ich mich meist mit meiner Schäferin

In ein Gehöltz hinein: Die Lämmer gingen weiden

Gantz sicher vor den Wolff nach ihren eig'nen Sinn

Dem kühlen Schatten nach / die Hitze zu vermeiden.

Was uns von Liedern nur daselbst zu Sinne kam /

Indem wir laß und faul im weichen Grase lagen /

Erschallte weit und breit: was Echo nur vernahm /

Ward gleich bald hier / bald dort / den Nymphen zugetragen /

Die darümb wohnhafft seynd / biß sie Alcippens Thon

Vnd meinen Flöten-Klang recht ins Gedächtniß faßten.

Damahls nun war mir diß der höchste Liebes-Lohn /

Daß an der liebsten Brust ich durfft' alleine rasten.

Da war kein Schnaphahn nicht / der mir in Eisen lag:

Die Süßigkeit der Lust war durch und durch vollkommen /

Die ich auch biß dahin genosse Tag vor Tag /

So daß kein Zehren mir die Augen eingenommen.

Ach! aber / Götter! ach! wie hat sich diß mein Glück /

Eh' ich michs selbst versehn / in tausend Angst verkehret!

Alcippe hat nunmehr gar gerne zwantzig Stück

Von unserm Schäfer-Volck / die sie mit Lieb ernehret.

Mnasylus / Corydon verdienen meinen Haß;

Damötas / Tityrus / Allexos; (Laßt doch sehen!)

Auch Daphnis / Bavius / Palämon / Lycidas

Vnd Damon müssen all in dieser Rolle stehen.

Noch zehne weiß ich mehr / die jenen gäntzlich gleich;

Doch will ich keinen nicht zu meiner Schande nennen.


Die Schallmeyen und Säitenspiele hielten hierauf eine kleine Weile einen annehmlichen Wettstreit / und bildeten hierdurch vor / wie Melnalcas mit dem Mopsus in einen unblutigen Krieg gerathen wird / maßen er diesen mit folgenden Worten empfing / die ihm weher thaten / als wenn man Stahl und Eisen wider ihn gebrauchet hätte.


O Mopsus! alle Schuld liegt / dünckt mich / bloß an euch:

Ohn' euer Bildniß werd' ihr keinen Buhler kennen.

Die Waffen / die euch selbst die schähle Eyfersucht

Bißher geschmiedet hat / bestürmen eure Sinnen.

Dnnn alle Schäfer hier / die ihr aus Groll verflucht /

Treibt nur die Freundschafft an / dasselbe zu beginnen /

Was ihr vor Lieb' auslegt. Alcippe liebt niemand

Als euer Hertz / das sie in ihre Brust versencket /

Da glimmt und brennt dennoch der erste Liebes-Brand;

Vnd wo ihr ja Verdacht auf einen Schäfer lencket /

Den mit der schönen ihr zum öfftern reden seht /

So sollt und müsset ihr / mein Freund / doch dieses wissen /

Daß ihre Treu allzeit auf festen Grunde sieht /

Der nie von Wanckelmuth im mindsten wird zerrissen.

Ja daß ihrs eben wißt / so muß bey solchem Tand

Der schlimmen Eyfersucht Alcippens Gunst erkalten:

Wenn ihr das / was man stets vor Höffligkeit erkant /

Aus blossem Eigen-Sinn stracks wolt vor Liebe halten.

Sie hat sich einen zwar erwehlt zu ihren Schatz:

Wie aber? Wolt ihr denn ihr vollends untersagen

Mit Freunden Freund zu seyn? verwehrt ihr allen Platz

Der Liebe / die sich kan mit Freundschafft wohl vertragen?


Der unwillige Mopsus fiel ihm demnach in die Rede:


Es darffs der Worte nicht / dadurch ihr euch bemüht

Die Freundschafft / die ich selbst hoch achte / zu beschönen.

Ja wenns bey Freundschafft blieb! wer alles weiß und sieht /

Wodurch Alcippe mich gewohnt ist zu verhöhnen;

Wie ihr Gemüthe sich bald da / bald dorthin neigt /

Wie sie zwar freylich liebt und gleichwohl doch darneben

So viel Gewogenheit fast allen Schäfern zeigt /

Der wird der Liebe nicht den Freundschaffts-Nahmen geben.


Nachdem nun Menalcas eingewandt hatte:[1484]


Wohlan! so leget denn ein klar Beweißthum dar /

Das diese Schöne kan der Vntreu überführen;


Fuhr der ander also fort:


Seht / als ich nächst mit ihr bey unsrer Heerde war /

So durffte Tityrus / der Schäfer / sich so zieren /

Daß er ihr seinen Hut auf solche Art zuwarff /

Die gar gemeine mir von einem Frembden schiene.

Merckt: wie Alcippe sich darbey verhalten darff?

Sie wurff ihn wieder zu / fürwahr mit einer Mine /

Die ich / wenn sie mit mir am allerschönsten thut /

Von ihr bin kaum gewohnt. O ihr gerechten Götter!

[Gedacht ich bey mir selbst mit gantz erschlagnen Muth /)

Bist du Alcippe denn? O Vnglücks-volles Wetter!

Alcippe? die in mir der Liebe Feuer hält?

Alcippe? dich ich sonst / als diß mein Auge hielte?

Der aber Blick und Winck / und Lächeln wohlgefällt /

Von einem / der mit ihr so untern Hütgen spielte.


Hierüber stimmten die Säitenspiele ein recht traurig Stück an / gleich als ob sie ein Mitleiden mit dem Mopsus hätten.


Menalcas aber fuhr den armen Tropffen mit diesen Worten an:


Recht so! ich sag es selbst: es trifft vortrefflich ein!

Pfuy! Laßt ihr euch so leicht die Eifersucht bethören?

Pfuy! schämt euch Alberling! habt ihr sonst keinen Schein /

Geschweige / guten Grund / die Vnschuld zu beschweren?


Mopsus wolte hierauf die Sache unwidersprechlich beweisen: weßwegen er also versetzte:


O ja: Kurtz drauf / als ich mich gleich bey ihr befand /

Schenckt Damon ihr ein Lamm: sie nahms auch ohn Bedencken

Vnd hertzt' es hundertmahl: sie strich' es mit der Hand:

Sie durff't ihm gar an Hals ein Blumen-Sträußgen hencken

Von Nelcken und Jasmin. Seht an! das falsche Kind

Besonne sich nicht drauff / daß ich auch eines hätte /

Das noch viel schöner wär / von Wolle so gelind /

So lieblich und dabey so schnackisch / und so nette /

Als jenes nimmermehr. Es fiel zu einer Zeit

Mit diesem Hämmel hier: und zwar so hatt' ichs eben

(Sie weiß es selber wohl /) aus treuer Redligkeit

Deßwegen ausgesetzt / ihr zum Geschenck zu geben.

Kaum war der Streich vorbey / so fand ich ohngefehr

In einem Büchen-Baum (Menalcas! ach! bedencket!)

Den Zug: ich merckte gleich / was solches Rätzel wär:

Alcipp' und Daphnis stund beysammen eingeschräncket.

O weh! der Schreiber war auch mehr als wohl bekant.

Alcippe hatt' es selbst mit eigner Hand geschnitten.

O falsche! die du gibst dem Daphnis Hertz und Hand!

Ihr habt den Mittel-Punct der Wollust selbst beschritten!

Auch must ich mit der Zeit mit meinen Augen sehn /

Als Phillis Hochzeit war / wie sie herum gerantzet /

Wie sie (da Mopsus must als wie ein Narre stehn /)

Mit allen Schäffern hat biß in die Nacht getantzet.

Nehmts selber bey euch ab / wie mir zu muth gewest?

Ob einem Gall und Gifft nicht drüber kochen sollte?

Mich / warlich / hat das Ding so sehr auffs Hertz geprest /

Daß ich sie offt bey mir den ärgsten Wildfang scho te;

Zumahl da ich must sehn / wie ihr bey diesem Tantz'

Ein frecher Schäffers-Kerl / der sich Palämon nennte /

Ein zierlich Sträußgen gab / und wie sie gar den Krantz

Dem Bluthund Corydon ihr abzunehmen gönnte.

O Pein! die ich damahls in meiner Seel ertrug!

Weil sie noch über dieß dergleichen Dienst-bezeigen

Gantz wohl vergnügt auffnahm / so daß ich Beyfall gnug

Bey allen Schäffern fand. Denn theils durch höhnisch schweigen /

Theils auch durch laut Gespräch / fiel mir ein jeder bey /

Alcippen graute nun vor Mopsus seinen Flammen;

Daher dieß aller Welt ein klar Beweißthum sey.

Noch mehr / Menalcas! ach! als einsmahls ich ein Lied

Ja meine Flöte sang; saß sie bey ihrem Vetter /

Dem schon der blasse Tod aus beyden Augen sieht /

Und stimmte selbst mit ein / wie dieser alte Spötter

Ein stück gantz andern Thons zu Trotze hören ließ.

Sie war auch so verstockt / weil ihr verkehrt Gemüthe /

Sie List / Betrug und Schwur zum Schein gebrauchen hieß;

Daß sie / ob ihre Gunst gleich allbereit verblüh'te /

Sich dennoch hoch vermaß: Sie wär und bliebe mein /

Ich dröschte mich umsonst mit den und den Gedancken:

Ich trieb ihr blödes Hertz mit höchstem Vnrecht ein /

Da sie doch nie gedacht in ihrer Treu zu wancken.

Hierbey so weinte sie nicht ohne grosse Kunst /

Nur bloß mir armen Schöpß den Affen recht zu schleyern /

Biß daß ihr Freundlichthun / und vorgewandte Gunst /

Mich zwunge meinem Zorn und Eifersucht zu steuern /

Die mir höchst-straffbahr schien. Ich gantz aus mir gesetzt

Sprach heimlich zu mir selbst: Ihr ist zu viel geschehen

Sie ist und bleibt dir treu. Sie ist durch dich verletzt:

Sie liebt dich / wie sie soll: du musts ja selbst gestehen!

Ach! aber ich erfuhr gleich drauff / wie ich von ihr

Dennoch betrogen wär; daß leider bey Alcippen

Nur List und Boßheit sey / die Treu und Huld zu mir

Wär nicht im Hertzensgrund / nur auff den falschen Lippen.

Denn jenes sey doch stets mit frembder Glut entzündt /

Nun wären dieses zwar / wie ichs auch offt erwogen /

Noch schwache Zeugnisse / die viel zu wenig sind /

Als daß sie völlig mich zum Argwohn hingezogen.

Alleine gebt nur acht: denn euer kluger Sinn

Wird aus dem folgenden die Sache leicht entscheiden /

Und daß ich wohl befugt zu stärcksten Eifer bin.

Wo nicht; so will ich denn mein Vnglück gerne leiden.[1485]

Als wir des andern Tags am Vfer eines Teichs

Gantz mutter-stein-allein herum spatzieren giengen /

So schwur Alcippe mir / nach Inhalt des Vergleichs /

Mich niemahls zum Berdacht und Kummer mehr zu bringen:

Mein Lieben wollte sie von aller Furcht befreyn /

Daß ich an ihrer Treu nie dürffte Zweiffel tragen:

Ich sollte gantz allein bey ihr der Liebste seyn /

Vnd nun und nimmermehr ihr flüchtig Hertz anklagen.

Kaum ware dieß geschehn / als mir gantz unverhofft

Ihr ungetreuer Sinn mehr als zu klar erschiene /

Vnd daß ein falscher Eyd ihr gar zu viel und offt /

Als wärs ein Meisterstück / mich zu berücken diene.

Palämons grosser Hund / dem nie kein Wolff entspringt /

Kam auff uns zugerannt mit auffgesperrtem Rachen:

Das Feuer / so ihm stets aus beyden Augen dringt /

Ließ sich gantz lodernd sehn. Da war nicht Zeit zu lachen:

Alcipp' erschütterte / als wie ein Aespen-Laub /

Ja wuste sich vielmehr so furchtsam zu gebärden /

Als wär sie allbereit des tollen Hundes Raub.

Bald sah ich sie so bleich wie eine Leiche werden.

Bald kirrte sie vor Angst: Sie schrieh umb Hülff und Rath /

Daß man sie rings umbher im Dorffe hat vernommen:

Ach aber ach! wie schoß mir Armen doch das Blat /

Als ich ihr eben gleich zu Hülffe wolte kommen!

An statt / daß sie der Hund auff einen Zug und Riß

Hätt unter sich gebracht / zerzerrt / zerfleischt / zerrissen /

So schmiegt' er sich an sie ohn allen Krell und Biß /

Vnd wolte Hand und Fuß ihr / so zu reden / küssen.

Sie / die sich stellen kunt / als hätte sie sich kaum

Von Schrecken recht erhohlt / gab / daß ichs sehen muste /

Den Liebes-Regungen so schändlich Platz und Raum /

Daß sie nicht Schmeicheley genug zu finden wuste

Vor ihres Buhlers Hund / das grosse Schmoer-Vieh;

Den Hund / den sie bald da / bald dort mit Lust besahe /

Indeß er weidlich boll' / und lustig rumb um sie

Mit vollen Springen lieff / so daß sie sich bey nahe

Hätt in das Affenspiel des närr'schen Thiers vergafft;

Die falsche Mähre / die! Ob mirs zu Haupt gestiegen /

Ob die Verachtung mich zum Eyfer hingerafft /

Wird / hoff ich / vor sich selbst / euch schon vor Augen liegen.

Ha! sagt ich bey mir selbst: Ein neues Bubenstück!

Man sehe / bitt ich / an / wie sie sich zitternd stellet?

Vnd mit der blauen Dunst in einem Augenblick

Ihr untreu Hertz verhüllt! wie sehr ihr auch gefället

Der unversehne Fall / ob schon ihr Angst-Geschrey

Den Tod im Munde führt. Der Hund / der sie so liebet /

Verräth ja seinen Herrn / daß / wenn ich nicht dabey /

Er ihr sein gantzes All in Arm und Hände giebet.

Könnt ich / Menalcas / nun (so unter uns geredt /)

Wohl zu verdencken seyn / wenn ich ein Mißvertrauen

In dieses Lumpen-Mensch dadurch gesetzet hätt'?

Ich meine ja / sie läst mich gar zu deutlich schauen /

Daß sie ein heimlich Band an den Palämon bindt.

Daß sie sich gantz gewiß offt gnug zusammen schleichen

Bud dieser Läpsch alsdenn / was er nur sucht / gleich findt /

Weil sich Alcippe läst so leicht von ihm erweichen.

Ein unvernünfftig Vieh that mir die Augen auff /

Wie sie wol manchmahl mag mit diesem Gold-Sohn leben.

So must auch über diß ihr Schrecken / Flucht und Lauff

Der Lieb' ein Mäntelgen / nur bloß zum Schein / umbgeben.

Ja darauff spielte sies / damit ich alsofort

Den treuen Zeugen solt von ihr und mir verjagen /

Der ihr sonst öffentlich / auch ohne Weis' und Wort /

Die schnöde Wanckelmuth möcht ins Gesichte sagen.


Ware nun der gute ehrliche Mann das erste mahl übel angelauffen / so kam er ietzund vollends aus der Trauffe in den Schlag-Regen; massen ihm Menalcas also ableuchtete:


Hört auff! Ich mag nicht mehr! Ihr habt genug erzehlt:

Man könnt ein Possen-Spiel aus eurem Leben machen /

Weil ihr euch ohne Noth mit eiteln Eifer qvält;

Doch kränckt mich das im Ernst / worüber and're lachen.

Ein Schatten irret euch: Nichts ist bey euch ein Grund /

Darauff ihr das Gebäudes nicht'gern Argwohns setzet.

Ein Wort / Geberd' und Blick macht euch stracks tödtlich wund /

So niemand schädlich ist / und jederman ergötzet.

Wird etwan ungefehr Alcipp ein bißgen blaß /

Zieht lächlend ihren Mund ein wenig nur zusammen /

Nickt mit dem Kopff einmahl / so muß gleich euer Haß

Sie stracks / als überführt / doch ungehört / verdammen.

Ein Eyfrer kan niemahls im Lieben glücklich seyn:

Er mag auch / wie er will / der Lüste Nectar schmecken /

So mischt ihm seine Furcht doch stets den Wermuth ein /

Daß selbst im Liebes-Kern wird etwas bitters stecken.

Kömmt ihm ein Mensch in Weg; Huy! (denckt er /) ob auch der

Mein Neben-Buhler ist? So gar ist nichts zu finden /

Das ihm nicht hinderlich in seinem Vorsatz wär!

Vnd säh' er noch so scharff / so giebt er keinem Blinden

Doch was an Blindheit nach. Das arme Marter-Holtz

Wird selbst sein Hencker-Knecht / und qvählt doch als Tyranne

Die Schöne / die er liebt / mit unbefugten Stoltz /

Nur daß er jederman aus ihrem Dienst verbanne /

Den er verdächtig hält. Er möchte (könt' es seyn)

An ihr der Haare Zahl zu scharffer Rechnung bringen;

Er schlöß sie lieber gar ins Grab lebendig ein /

Nur daß kein frembdes Wort / noch Winck möcht' zu ihr dringen.

Stellt sie sich gleich bemüht ihn aus der Irrthums-Nacht

Durch tausendfachen Brauch gefließner Gunst zu reissen;

So lang er ihr Gemüth und Treu hält in Verdacht /

Wird auch ihr Honigseim bey ihm nur Wermuth heissen.

Ihr bestes Freundlich-thun ist ihm ein lauter Gifft:

Er traut so wenig ihr / als sich und seinen Freunden.

Nachdem er statt des Lichts nur Finsterniß antrifft /

Vnd stete Furchtsamkeit sein Hertz pflegt anzufeinden.

Selbst die Verdrießlichkeit sieht ihm zum Aug' heraus /

Wenn er am mindesten kan der Schwermuth Vrsach nennen /[1486]

So daß der schlimme Tropff in seines Hertzens Hauß

Die wahre Seelen-Ruh wird niemahls finden können.

Was meint ihr / Mopsus / nun? Ist dieses nicht ein Bild

Der ärgsten Höllen-Pein / die eure Geister qvählet?

Das Alter macht mich klug / das mir zum Zeugniß gilt /

Weil mancher Schäffer mich vor andern hat erwehlet /

Daß er sein Mißvertraun mir ließ vertraulich sehn:

Da denn die Wirckung mich gar leicht kunt überführen /

Ihr rasen sey nur bloß aus Zauberey geschehn /

Weil ich sonst keinen Qvell des Vbels konte spühren.

Ich bin nun gute Zeit bey diesem Hirten-Stand

Daß ich auch / wie ihr seht / gantz grau darüber worden;

Doch hab' ich hier und dar / noch immer eine Hand

Der Scheelsucht strenge Krafft erkannt an unserm Orden.

Vor dessen wie ich selbst noch wohl empfindlich war /

So ließ ich mich vielleicht die Mißgunst auch verleiten:

Drauff als ich älter ward / so muste mir so gar

Mein Witz und mein Verstand ein Gegen-Gifft bereiten

Vor aller Eyfersucht. Ich sah / daß ihre Macht

In unsrer Schwachheit nur die Herrschafft führen kunte /

Vnd daß der Liebsten Sinn offt kaum an diß gedacht /

Worüber der Verdacht zu richten sie begunte.

Ihr wißt nun / liebster Freund / wie es mit euch bewand /

Was eure Kranckheit sey. So seht / je eh / je besser /

Wie euch zu helffen steh'. Euch ist nunmehr bekant /

Wie daß ein Eyferer durch alle Thor und Schlösser

Nach eigner Vnlust strebt. Thut ihr das Widerspiel

Zu Fördrung eurer Ruh. Bild't euch von allen Sachen /

Wodurch Alcippe sonst in Argwohn bey euch fiel /

Nichts als Vergnügung ein. Last euch nicht irre machen

Von dem / was jemahls wohl ein leicht Gemüth bewieß:

Nehmts auff / als Höfflichkeit / und angenehme Minen:

Glaubt nicht / was euch von ihr der Eyfer glauben hieß;

Traut mehr der Redligkeit / die sonst an ihr erschienen.

Daß sie die Eure sey / das hofft in sichrer Ruh:

Last keinen falschen Tand euch Augenscheinlich blenden:

Was irrt euch denn ein Blick? stopfft selbst die Ohren zu /

Wenn euch ihr Lächeln will auff arge Meynung wenden.

Es heist nur freundlich thun / davon das Hertz nichts weiß:

Macht keinen falschen Schluß aus jeden Lappereyen;

Prägt dieß in euren Sinn / und zwar mit allem Fleiß /

Daß keine Falschheit wird die treue Brust entweyhen.

Vnd wenn ja allenfalls ein Schäffer läuffig wär /

Dürfft ihr den Gecken doch nicht als Geliebt betrachten;

Forscht ja nach ihren Thun / (ich bitt euch /) nicht zu sehr /

Sie wird und muß euch sonst vor einen Wütrich achten /

Der auff ihr Leben stets ein grimmig Absehn richt.

Lasts gut seyn / ob sie gleich ein wenig munter lebet;

Beschützt sie gegen dem / der sie mit Schimpff ansticht.

Vermeynt / als wenn ihr stets in höchster Wollust schwebet /

Man red' auch / was man will. Wann ihr euch so erweißt /

Solt ihr nach Wunsch vergnügt aus der Erfahrung sagen /

Der sey des Glückes Kind / der allzeit sich befleißt /

Sich niemahls ohne Noth mit Eifersucht zu plagen.


Mopsus hörte dieser guten Vermahnung anfänglich mit sehr unwilligem Gesichte zu / welches sich aber zusehend ausklärete / also daß er zum Beschluß des Spiels mit Hülffe der untereinander vermischten Saiten-Spiele und Schalmeyen sich solcher Gestalt singend hören ließ:


Gewiß kein Mahler kan das Bild der Eifersucht

Abscheulicher / als ihr anjetzt gethan / entwerffen.

Wohlan! die Höllen-Brut sey ewiglich verflucht!

Mein Haß soll wider sie sich alle Tage schärffen.

Was mich bißher geqvält / ist Thorheit insgesammt;

Die soll nun der Vernunfft die Wohnung wieder geben:

Die Glut / die von dem Gott der keuschen Liebe stammt /

Soll ungestört in mir / so lang ich lebe / leben.


Inzwischen nun Trompeten und Paucken anzeigten / daß das Spiel geendet wäre / brachten sechs Hirten-Knaben eben so viel silberne Schalen voll herrlicher Erfrischungen denen Zuschauern / zur Dancksagung vor dero geneigtes Gehör; worauff sie sich unverzüglich in den Schau-Platz wieder verfügten / welcher gleich drauff durch die niederfallende Tapezerey verdecket ward / und also dem Taffel-Gemach seine vorige Gestalt und Grösse wieder geben muste.

Tiberius verlangte hierauf seiner Gäste Urtheil /welches allenthalben in lauter Danck und Lob bestunde; da einer die seltzame Erfindung / ein anderer die niedrige / aber in dergleichen Gedichten nothwendige Redens-Art / noch ein anderer die heilsame Sitten-Lehre / nicht gnug heraus zu streichen wuste. Der eintzige Seleucus schwieg stille und sahe unaufhörlich die Decke des Zimmers an / an welcher alle Götter-Verwandelungen aufs künstlichste angemahlt waren. Der Käyser konte sich nicht enthalten / ihn umb die Ursach seines tieffsinnigen Stillschweigens zu befragen; bekahme aber zur Antwort / Er hätte ein nachdencklich Sinnbild in dem Gemählde ungefähr gefunden / in welchem Pelias von seinen drey Töchtern Alcestis / Amphinome und Evadne / auf Rath der betrügerischen Medea / zerstücket würde / damit diese Zauberin seine Stücken[1487] wieder zusammen setzen und also diesen gantz verlebten und getödteten König wieder lebendig machen und verjüngen möchte. Denn so wenig dieses Kunst-stück bey dem Pelias damahls angegangen; so leicht gienge es (verblümter Weise zu reden) heute zu Tage an / indem mancher einen guten alten Poeten zerstückte / in eine andere Forme brächte / hernachmals aber solche verjüngte Mißgeburth vor sein eigen Gemächte auszugeben kein Bedencken nähme.


Diese Stachel-Rede gieng dem Tiberius durch Marck und Blut; alldieweil ein gewisser Gallischer Poet / Nahmens Pelias / der eigentliche Uhrheber des Schäffer-Gespräches war / welches der Käyser von dem Bellovakischen Fürsten Julius Florus geschenckt bekommen / aus dem Gallischen übersetzet / den Anfang und Ende / wie auch alle darinnen gemeldete Schäffer-Nahmen geändert / und es also für sein eigen Werck bey denen Bürgermeistern und dem Rhemetalces ausgegeben hatte / nachdem er wohl versichert war / daß dieselben / als der Gallischen Sprache Unerfahrne / solches sinnreiche Gedicht in seiner Sprache niemahl würden gelesen haben. Dieses hatte der neugierige Seleucus von einem Freygelassenen des Käysers ausgekundschaffet / welcher die halb angefangene Ubersetzung auf des noch schlaffenden Tiberius Schreib-Tische etliche Tage zuwor früh morgends gesehen / und (unwissend / daß dieser ein Geheimniß daraus machte /) solches dem Seleucus entdecket hatte / als derselbe ihn / was der Käyser ietzt vor Bücher lese / vertraulich befraget / zu dem Ende / damit er aus eben denselben Büchern sich geschickt machen könte / auf die Fragen zu antworten / die Tiberius täglich bey der Taffel aufzuwerffen pflegte.

Ob nun wohl der zweydeutige Stich den Käyser hefftig schmertzte / so daß er bey nahe solches mit einem Stich seines Dolches an dem unzeitig-weisen Weltweisen gerochen hätte / behielte er doch die Rachgier unter einem muntern Gesichte / (gleich wie der Aetna sein inwendiges Feuer unter dem eusserlichẽ Schnee /) biß auf beqvemere Gelegenheit verborgen. So bald aber die Tafel aufgehoben war / zohe er diesen Freveler an ein Fenster und sagte ihm ins Ohr: Geh / du unverschämter Hund! gleich diese Stunde aus Rom und innerhalb zwey Tagen aus Italien; und gedencke ja gegen keinen Menschen in der Welt / was dessen Ursache sey; wo nicht / so schwere ich ein Trauerspiel zu spielen / in welchem du die Person des zerfleischten Pelias viel natürlicher vorstellen sollst /als Ovidius sie beschrieben hat.

Seleucus ward durch dieses unvermuthete Urtheil wie vom Donner gerühret / wäre auch gleich einem Stein unbeweglich stehen geblieben / wenn ihn nicht die Furcht des Todes zu gehen erinnert hätte / ehe ihm das Stehen verboten würde.

Er gieng demnach stillschweigend fort und beseuffzete unterwegens die Undanckbarkeit der Welt / die der Warheit ein ewiges Stillschweigen auferlegte / und nur Hunde / die ihr die Schwären leckten / nicht aber Aertzte / die ihr solche aufstächen / umb sich leiden wolte. Er ruffte wohl tausendmahl aus: O Zeiten! O Sitten! O Jupiter! zu was hast du uns aufgesparet! Unterdessen ließ er sich keines weges gereuen / daß er gegen einen Käyser nicht grössere Höffligkeit gebraucht; sondern priese sich vielmehr selig / daß er dem Philoxenus es gleich gethan / der sich lieber zu dem blutsauern Steinschneiden verdammen ließ / ehe daß er dem Könige Dionysius in Sicilien den Gefallen thun / und dessen übelgemachte Reimen mit geduldigen Ohren anhören wolte. Er beja erte auch von Hertzẽ das unglückliche Rom / dessen künfftige Barbarey / worein es durch diese seine Verbannung gerathen würde / er im Geist schon zu sehen vermeynte. Hingegen zweiffelte er nicht /[1488] die so genannten barbarischen Parther oder Deutschen würden ihn wie einen Gott mit Freuden annehmen / wenn er sich mit seiner Grichischen Grammatica zu ihnen begeben wolte /nachdem die Parthischen Könige den Nahmen Liebhaber der Griechen auf ihre Müntzen prägten /diese aber unter des Hertzogs Melo Gebiete unterschiedenen Griechischen Weltweisen reichlichen Unterhalt verordnet hätten.

Inzwischen hatte der Käyser die Bürgermeister und den Rhemetalces wolvergnügt von sich gelassen; welche im hinabgehen vom Palatinischen Berge / unter andern Gesprächen von neuen Zeitungen / auch auf Deutschland zu reden kamen: da denn Cajus Cäcilius Rufus erwähnte / er erwartete mit unsäglichem Verlangen / zu vernehmen / ob der junge Gothonische Fürst Gottwald glücklicher seyn würde / als sein Vater / nachdem er mit Hülffe seines grossen Freundes / des Cheruskischen Feldherrns / dem Marbod sein väterliches Hertzogthum wieder abzunehmen willens wäre; oder ob vielleicht das Unglück / gleich einem Aussatz / dem Gothonischen Hause von Geschlecht zu Geschlecht angeerbet wäre; denn obgleich Herrmann dem Marbod die Semnoner und Longobarden nur neulichst abspenstig gemacht; so müste doch die Zeit lehren / ob dieses auch bey denen Marckmännern oder Gothonen sich eben so leichtlich thun liesse / indem es bißher geschienen hätte / als ob Marbod der Zucht-Ruthe des Glückes bereits entwachsen wäre. Rhemetalces wunderte sich nicht wenig über dieser Nachricht / weil er sich nicht besinnen konte /von Gottwalds Nahmen / oder Freundschafft mit dem Cheruskischen Feldherrn / so lange er in Deutschland gewesen wäre / das geringste gehöret zu haben. Er zeigte auch solches dem Cäcilius an / der aber lächelnd antwortete: dieses hätte ich von einem ehemahligen Liebhaber der so genannten Marsingischen Fürstin Zirolane nimmermehr vermuthen können; sintemahl der junge Gottwald dero leiblicher Bruder ist. Jedoch wird mein Fürst vielleicht von dem Cheruskischen Hofe schon Abschied genommen haben / als unsere Agrippina in dem Schwalbacher Sauer-Brunnen bewirthet worden. Denn sonsten würde selbigen nicht unbekant seyn / was mir damahls einer von der Agrippina Bedienten weitläufftig geschrieben hat /wie nemlich ein Edelknabe des Alemannischen Hertzogs Ariovists für den Sohn des Obersten Barden /dieser aber vor den alten Gothonischen Hertzog Gottwald / ietztgedachten jüngern Gottwalds und der Fürstin Zirolane oder vielmehr Clotildis Vater / erkant worden. O Himmel! (rieffe Rhemetalces /) was höre ich? Ist derselbige Knabe / den Hertzog Ariovist bey denen Barden einweihen ließ / Zirolanens Bruder gewesen? Ist Zirolane eine Gothonische Fürstin? Ist Clotildis ihr rechter Geburts-Nahme? und hat nicht eine böse Lust / sondern das erregte nahe Geblüt /gleich einem Magnet / sie zu diesem nackenden Jüngling gezogen?

Er bate dannenhero den Bürgermeister inständigst ihn durch umbständlichere Erzehlung der gantzen Geschicht zu verpflichten; weil er zwar dero Anfang mit angesehn / das Ende aber nicht hätte abwarten wollen. Dieser thate solches gantz willig / indessen Rhemetalces bey jedem Wort bald roth / bald bleich wurde /bald vor Gram über dem der unschuldigen Zirolane zugefügten Unrecht vergehen wolte / bald über der Zeitung von dero unverletzten Keuschheit gantz neugebohren / bald aber durch das schmertzliche Andencken ihres Todes biß auf den Tod gekräncket wurde.

Er kunte kaum vollends aushören / was jener sagte / sondern nachdem er unzählige Seufzer vorher geschicket / brach er in diese Worte aus: O welche unvermuthete Dinge sind dieses / derer ich mich weniger / als des Himmels-Einfalls / versehen habe! O verfluchte Eyfersucht![1489] du Ursprung alles meines Unglücks! Ach! wie deutlich hat das heutige Schäfferspiel mich mir selbst zum Gelächter vorgestellt / so daß ich in die Gedancken beynahe gerathe / Tiberius habe bloß zu meinem Spott den Mopsus auffgeführet / umb unter dessen Person meine Fehler mir vorzurücken. Die Bürgermeister wusten nicht / ob sie bey diesem Zustande dem Thracischen Fürsten ihr Mitleiden bezeugen oder Glück wünschen solten. Denn das erste schien seine Schwermuth über Zirolanens Todt / das letztere aber sein Vergnügẽ / so er über der Nachricht von ihrer Unschuld empfand / zu erfordern. Allein weil sie bald darnach auf einen Scheideweg stiessen /nahmen sie allerseits einen verwirrten Abschied von einander / mit dem Verlaß / folgenden Tages einander auf dem Capitolium wieder anzutreffen.

Es ermangelte auch Rhemetalces nicht / sich zu rechter Zeit daselbst einzufinden / und seines Vaters Rhascuporis Schreiben dem Rath zu Rom zu übergeben / dem der Käyser dasmahl selbst beywohnete. Er ward vertröstet auf den ersten Tag des Monats Junius / an welchem er seine Abschieds-Verhör haben solte. So bald er abgetreten war / wurde er von einem Käyserlichen Bedienten Tiberius ersuchet / nach geendigtem Rath-Sitz bey einer kleinen Reis: auf eines seiner Lust-Häuser Gesellschafft zu leisten.

Unterdessen hielte Tiberius eine kurtze / aber nachdrückliche Rede an den Rath / dieses Inhalts: Sie wüsten / was für grosse Veränderungen in denen Morgen-Ländern einige Zeit her vorgegangen wären / da Artabanus das Parthische Scepter mit Gewalt an sich gerissen hätte und daß zu befürchten stünde / daß er Armeniẽ / (welches die Könige von Rom zu empfangen bißher gewohnet gewesen /) seinem Reich einzuverleiben trachten möchte; Allermassen die Herrschsucht mit Ländern so wenig / als die Wassersucht mit Geträncke ersättigt werden könte. So müste auch Cappadocien von Rom einen König bekommen /sonst würde es dieses nicht mehr als seine Königin ehren wollen. Syrien / Judäa und andere umbliegende Länder / verlangten eine Erleichterung ihrer Schatzungen; und darauf müsse man vor allen Dingen mit bedacht seyn / alldieweil ein guter Hirte seinẽ Schaffen zwar Wolle abnehmen / nicht aber die Haut abziehen dürffe. Nun würde es nicht genug seyn / Volck oder Geld hinaus zu schicken / umb mit jenem denen Römischen Feinden zu widerstehen / mit diesem aber denen getreuen Unterthanen des Römischen Reichs aufzuhelffen; Sondern es müste auch ein ansehnlich Haupt erwehlet werden / so alles selbst in Augenschein nehme / und nach Gutbefinden den Zustand selbiges Königreichs einrichtete; Er wollte zwar sich selbst zu dieser Mühewaltung vorschlagen / und /gleich einem Liecht / andern zu Dienst sich verzehren. Allein er bedaure / daß er die Jahre nicht mehr habe /in welchen er ehemahls / auf seines Vaters Augustus Befehl / dem Tigranes die Armenische Crone auffgesetzt hätte; sein herannahendes Alter / darinnen er ehestens vielleicht eine Reise aus der Welt würde thun müssen / verböte ihm langwierige Reisen in die Welt hinein zu thun. Es müße demnach einer von seinen Söhnen hierzu bestimmet werden. Weil aber Drusus noch allzujung wäre / dürffte er / (Tiberius) noch nicht dessen Dienste in diesem Stück dem Römischen Rath und Volck anbieten / aus Furcht / er möchte noch zu schwache Schultern haben / eine so übermäßige Bürde zu tragen. Germanicus aber wäre der rechte Hercules / der ihm / als einem alten abgematteten Atlas / die Last der Morgenländischen Reichs-Geschäffte abnehmen und tragen könte / nachdem man seines gleichen an Tugend / Erfahrenheit und Glück nirgends finden würde. Er wäre auch versichert / selbiger würde mit der bißher in Deutschland ausgestandenen grossen Arbeit[1490] sich nicht entschuldigen und Ruhe verlangen; Vielmehr würde er sich bescheiden /daß man nicht sich / sondern dem Vaterland zum besten gebohren wäre; und diesem nicht ehe zu dienen /als zu leben / aufhören dürffte. Hingegen würde es /seines Erachtens / nicht übel gethan seyn / wenn Drusus in Illyricum geschickt würde / umb Nord und West unter Römischen Gehorsam zu erhalten / und daselbst im Friede an denen einheimischen Streitigkeiten der zancksüchtigen Barbarn zu erlernen / was er mit der Zeit auf den Fall eines Krieges / zum Nutzen des gemeinen Wesens / vorzunehmen hätte. Er gäbe solches alles denen versammleten Vätern zu bedencken / und erwartete entweder die Gutheissung /oder die Verbesserung seines Vorschlags.

Ob nun wol die meisten von dem Rathe dem Germanicus entweder einige Ruhe / oder doch die Aufsicht über die Deutschen Legionen lieber gönneten /so hatte doch keiner das Hertz / etwas anders zu sagen / als was der Käyser ihnen vorsagte / so daß Tiberius bey sich selbst lachen muste / wenn dreyhundert Stimmen nichts mehr / als ein blosser Wiederschall seiner einigen Stimme / waren. Solchergestalt ward beschlossen / daß Germanicus mit ungemäßener Gewalt in die Morgenländer / Drusus aber in Illyricum ziehen solte; welches niemand lieber als dem Aelius Sejanus war / als welcher den Käyser zu diesem heimtückischen Vornehmen am meisten verleitet hatte und verhoffte / es könten vielleicht alle beyde nächsten Erben des Käysers in der Frembde dem Tode / und folgbar ihm das Römische Reich zu theil werden / maßen er schon damahls mit derjenigen grossen Hoffnung schwanger gieng / derer Geburt nach der Zeit ihm das Leben kostete / weil eine so grosse Frucht eben so wenig in eines kleinstädtischen Menschens niedriges Gemüth / als der grosse Hercules in den Leib der kleinen Alcmena / sich schickete.

Nach Vollendung dieser Zusammenkunfft funde Tiberius den Rhemetalces an denen Stuffen des Capitolinischen Berges auf ihn warten. Er nahm ihn derhalben in seine weite von acht Syrischen Sclaven getragene Sänffte; allwo denn der Thracische Fürst unverzüglich Gelegenheit nahm / dasjenige feyerlichst zu widerruffen / was er den Tag zuvor an des Käysers Tafel von seiner Zirolane Keuschheit ungebührliches geredet hatte. Unter solchem Gespräche kamen sie nicht lange hernach vor dem Lusthause auf dem Marsfelde an / in welchem Germanicus mit seinen Deutschen Gefangenen seine erste Einkehr gehabt hatte. Tiberius befahl seinem gantzen Gefolge in die Stadt wieder zu kehren und ihn erst gegen Abend aus dieser Einsamkeit wieder abzuholen; er aber gieng bloß in Begleitung des Rhemetalces und Sejanus durch die gewöhnliche Thor-Wacht die Stiegen hinan / in den Vorsaal / allwo dem betrübten Liebhaber der Todten Zirolane am hellen Tage ein so unvermuthlich Gesicht begegnete / daß er nicht wuste / ob er träumete / oder bethöret würde. Denn es dünckte ihm / als ob er die warhaffte Gestalt nicht nur der Zirolane / sondern auch der ihm wohlbekandten Gräfin von Nassau sähe / derer jene einen kleinen flachen Korb voll grüner mit Gold durchwirckten Bänder / diese aber etwas von Kleidung über den Saal zu tragen schiene. Er fühlete zwar hierüber einig Schauern; Liebe / und Verzweiffelung aber nöthigten ihn auf diesen so angenehmen Schatten zuzueilen / und zu ruffen: Ach! edelster Geist der unvergleichlichen Clotildis! Kömmst du /deinen getreuesten Knecht mit deinem Anblick zu erqvicken / oder vielmehr gebührende Rache an ihm wegen seiner vormahligen höchstunbillichen Beleidigung zu suchen? Inzwischen hatte er die ausweichende Zirolane so weit nach der Wand getrieben / daß er endlich den Korb zu fassen bekam / den sie mit steiff-ausgestrecktem Arm vor sich[1491] hielt / umb damit zu verhindern / daß Rhemetalces sie selbst nicht berühren könte. In dem Augenblick aber sprangen die beyden vermeynten Geister in das nächste Zimmer / und liessen dem armen Fürsten nichts als den Korb in Händen / und Verzweifflung im Gemüthe. Er brachte gantz beschämt dad Geschencke seiner verschwundenen Zirolane dem Käyser entgegen / der hierüber lachend anfieng: Ey! das ist was unerhörtes / daß abgeschiedene Seelen ihren Liebhabern Körbe austheilen /welche in Deutschland eine sehr unglückliche Bedeutung haben! das heist wohl recht: Gleiches mit gleichen / Verschmähung mit Verschmähung gerochen! Jedoch das grüne Band ist gegentheils ein Zeichen guter Hoffnung und ein Vorbild des Liebes-Bandes /so die getrenneten Hertzen der schönen Clotildis / und meines werthesien Fürstens wieder zusammen verknüpffen wird. Rhemetalces begegnete: Tiberius hätte zwar Macht mit seinem verpflichtesten Diener nach hohen Belieben zu reden; doch bäte er demüthigst /mit einer solchen Sache nicht zu schertzen / die ihm einen so tödtlichen Kummer verursachte. Der Käyser umbarmte ihn hierauf / mit der Versicherung / daß Zirolane nebenst dem sämtlichen gefangenen deutschen Frauenzimmer warhafftig annoch lebete / und daß er sein Haupt nicht ehe sanfft legen wolte / biß er die Erfüllung seiner ietzigen Wahrsagung zuwege gebracht hätte. Indessen nun Rhemetalces diese gemachte Hoffnung mit ersinnlichstem Danck annahm / hatte sich Aelius Sentius Saturninus aus seinem Zi er eingefunden / und den Käyser unterthänigst bewillkommet. Er muste aber ohne Verweilung der Cheruskischen Hertzogin und dero Gesellschafft anmelden / Tiberius wäre deroselben die Hand zu küssen angekommen und erwartete hierüber dero gütige Erlaubniß. Thußnelda gieng alsbald dem Käyser auf den Saal entgegen / und begleitete denselben nebenst bey sich habenden in ihr Gemach / allwo er die Fürstinnen Ismene / Catta und Rhamis / wie auch die Gräfin von der Lippe mit dem kleinen Herrmann antraff. Nach abgelegten allgemeinen Höffligkeiten entschuldigte er sich / daß er sie aus Deutschland hieher bemühet hätte. Er wäre vorlängst höchst begierig gewesen /ihnen allerseits angenehme Dienste zu erzeigen und die dero Landen durch seine Waffen angefügten Verdrüßligkeiten dadurch einiger massen gut zu machen. Jedennoch hätte er von dem Hertzen seines Reichs /so wenig als eine Seele aus ihrer Brust / sich entfernen dürffen / dafern er nicht die gemeine Wohlfahrt über seiner eigenen Vergnügung in gewisse Gefahr setzen wollen. Nachdem aber das gütige Glück so werthgeschätzte Freundinnen in die Gräntzen seines Gebietes geliefert / hätte er eine so wunderschöne Gelegenheit / dero höchstvergnüglichen Gesellschafft unweit Rom zu geniessen / nicht aus Händen lassen dürffen. Sie solten inzwischen allerseits an diesem Orte eben so viel zu befehlen haben / als zu Teutschburg oder zu Mattium / und würden ihn nimmermehr höher verpflichten / als wenn sie kühnlich anzeigeten / womit ihnen die gefälligste Aufwartung könte geleistet werden; massen sie bey ihm nicht gefangene /sondern viel willko enere Gäste wären / als etwa Ceres beym Triptolemus gewesen.

Thußnelde antwortete: Es wäre eine eben so unbegreiffliche Sache / daß man jemand durch Ketten und Bande zu einer Gasterey lüde / als daß man Leute durch Schläge und Schmach zum rechten Gottesdienst und Erlangung einer himmlischen Seeligkeit nöthigen wolte. Man pflegte ja dem keine Gutthat aufzudringen / der dieselbe nicht verlangte / man hielte ihn denn für gantz einfältig oder wahnsinnig / auf welchen Fall man dessen bestes / er möchte wollen oder nicht / befördern müste / weil er selbst nicht erkennen könte /was ihm gut[1492] sey. Nun wüste sie nicht / für was man sie hielte / weil man sie wider ihren Willen zu einer so weiten Spatzierfahrt und Römischen Gastgebot zu nöthigen bemühet gewesen / auch sie anietzt mit so vieler Höffligkeit überladete / daß kein Wunder wäre / wenn sie darunter ersticken müste. Zum wenigsten glaubte sie festiglich / ihre höchst-bekümmerte Seele würde den Kercker ihres Leibes bald verlassen / wenn ihr Leib dieses Römischen Kerckers nicht je ehe / je lieber / befreyet würde. Das hoffe ich nimmermehr /(wandte Tiberius ein) pflegen doch Blumen am besten zu gedeyen / wenn sie von ihrem Geburts-Ort in andere Erde fortgesetzet werden. So verlange ich ja auch nicht / der unvergleichlichen Thußnelde die Hoffnung aller Wiederkehr in ihr so liebes Vaterland abzuschneiden: vielmehr will ich meiner hochwerthesten Fürstin eine sichere Gelegenheit an die Hand geben /morgendes Tages an dero Gemahl zu schreiben und selbigen auf ihre eheste Wiederkunfft zu vertrösten. Die aufrichtige Thußnelda maaße das falsche Gemüth des ertzheuchlerischen Tiberius nach dem Maaßstab ihres ungefälschten Hertzens / und ließ sich diese neue Windstille verleiten / den gefährlichsten Strudel für den sichersten Hafen zu halten. Dahero sie /nächst gebührender Dancksagung an den Tiberius /desto freymüthiger den Rhemetalces empfieng / dabey aber fragte / woher dieser Korb / (den er ins Gemach mitgebracht und auf einen Tisch bey der Thür niedergesetzt hatte /) das Glück hätte / daß derjenige sich dessen so sorgfältig annehme / von dem doch dessen viel edlere Besitzerin so schmählich verachtet worden? und ob er vielleicht dem gegenwärtigen Frauenzimmer ein so nachdencklich Geschenck zugedacht hätte / damit keine unter ihnen sich vergebliche Hoffnung von dessen Person machte / oder auf dasselbe Eiß mit denen Gedancken sich wagete / welches die gute Zirolane so unverantwortlich fallen lassen? Rhemetalces bekante seinen ehemahligen Fehler; bate aber mit seiner ietzigen Busse zu frieden zu seyn und seine tugend-vollkommene Clotildis dahin zu vermögen / daß sie dero gütigen Gehöres ihn würdigte / und sich nicht härter gegen ihn anstellete / als der Himmel selbst / bey welchem eine hertzliche Reue die beste Müntze ist / die grössesten Schulden zu bezahlen. Ja er erbote sich zum Uberfluß / daß / daferne auch Bußthränen zu wenig wären / seine so schwartze Ubelthat abzuwaschen / er auch sein Blut hierzu zu gebrauchen bereit seyn wolte. Ismene ließ sich hierdurch erbitten Zirolanen in ihrem Zimmer zu suchen / allwo sie gleich durch die Gräfin von Nassau sich ankleiden liesse / und ihr nebst Uberbringung ihrer Bänder / die allem Ansehen nach ernstliche Reue ihres so liebgewesenen und so schmertzlich vermisseten Rhemetalces zu vermelden. Weil aber Freude und Schrecken /Hoffnung und Mißtrauen / Zorn und Liebe in selbiger stritten / währete es eine gute Zeit / ehe sie sich entschliessen konte / dem Rhemetalces ihre Gegenwart wieder zu gönnen.

Unterdessen hatte Tiberius bey Thußnelden sich entschuldiget / daß er auf zwey Wagen sieben gemeine Weibspersonen in Fürstlicher Kleidung mit verschleyertem Gesichte / und gefässelten Händen in des Germanicus Triumph auffführen lassen / welches das Römische Volck für gegenwärtiges Durchlauchtiges Frauen-Zimmer gehalten hätte. Ich / (sagte er) will solches lieber selbst bekennen / ehe daß diese hochwertheste Gesellschafft solche unvermuthete Zeitung von jemand anders erfahre / der vielleicht dessen hochwichtige Ursachen nicht wissen möchte / oder nicht sagen wolte. Ihnen selbst ist bekant / daß der Römische Pöbel ein vielköpffigt Thier sey / welches /weñ es rasend wird / durch keine Keule oder glüendes Eisen eines Hercules kan gebändiget werden. Man muß viel gelindere Mittel gebrauchen / wenn man selbiges zur Vernunfft bringen will. Sonderlich aber sind Triumphe / Schauspiele /[1493] Kämpffe wilder Thiere und andere prächtige Auffzüge / rechte Wiegen-Lieder /die dieses wunderliche Kind einwiegen müssen. Nun muß ich gestehen / daß das sehr zweiffelhaffte Glück der Römischen Waffen in Deutschland / sonderlich aber des Qvintilius Varus Niederlage / Rom dermassen unruhig gemacht habe / als wenn ein neuer Hannibal vor dem Thor stünde. Und stelle ichs dannenhero dahin / ob nicht manche unserer Nachkommen / nicht zwar meine Geschickligkeit / jedoch mein Glück für ungemein achten werden / wodurch ich Mittel erfunden / der besorglichen Meuterey des Pöbels vorzubeugen. Ob wohl aber das Geschrey von des Germanicus Siegen das Murren des Volcks in etwas übertäubt; so würde doch solches noch lange nicht den hochnothwendigen Glauben gefunden haben / wenn man nicht im Triumph einige Wahrzeichen davon aufgeführet hätte. Ich muste solcher Gestalt mit dem ungewöhnlichen Glantz so vieler gefangenen Hochfürstlichen Personen / so vieler kostbahrgewaffneten Legionen /so vieler güld- und silbernen Schaubilder / gleich als mit einem hellbrennenden Liecht / dieser unnützen Menge Frösche unter die Augen leuchten / wolte ich anders ihr verdrießliches qväcken in ein Stillschweigen verwandeln. Dieses aber kunte ich nimmermehr zugeben / daß dero hohe Personen zu diesem Aufzuge genöthiget würden; gleichwohl hat die äusserste Noth / welche kein Gesetz hat / mich verleitet / zum wenigsten durch dero Schatten dem Siegesgepränge ein Ansehen zu machen.

Thußnelda hatte mit grosser Gedult zugehöret /antwortete aber endlich: Ich will nicht leugnen / daß der grosse Tiberius einen klugen Herrscher vorstellen könne; ob aber derselbe zugleich mit allzugrossem Recht den Nahmen meines getreuesten Freundes sich zueigne / davon gebühret mir nicht zu reden. Denn obwohl ein Fürst die Wohlfahrt seines Landes mehr als das Vergnügen seiner Freunde beobachten muß /so kan ich gleichwohl mich nicht überreden / daß eben an der Einbildung des Volcks / als ob wir gefangenen Weibsbilder in Triumph geführet / oder im Tullianischen Gefängniß hingerichtet worden wären / des Römischen Reiches Wohlfarth hange. Solte wohl eine solche Spinnewebe ein Grund des allgemeinen Heyls seyn? oder solte wohl das kluge Rom vermeynen / ein grosses gewonnen zu haben / wenn Teutschland etliche Weiber einbüssete? Herrmann / Arpus / Melo /Jubil / Ganasch / Malorich / würden hierzu dienlicher gewesen seyn.

Tiberius wandte hierwieder ein: Ich verlange meiner geehrtesten Hertzogin nicht zu widersprechen. Gleichwohl ist die Einbildung manchmahl die beste Artzeney / die nicht nur eintzele Leiber / sondern auch ein gantzes gemeines Wesen von denen gefährlichsten Seuchen heilen kan; ob sie gleich noch so thöricht und ungegründet wäre: gleichwie wohl ehe einer das Fieber verlohren hat / wenn er ein leeres in Leinwad vernehetes Papier an Halß gehänget / bloß weil er sich hatte überreden lassen / daß solches voll allerley zauberischer Buchstaben geschrieben wäre. Allein es sey ferne / daß ich vorbesagte Einbildung meiner Unterthanen für so übelgründet halten solte! Sie wissen allzuwohl / was die tapffere Thusnelda / und die unverzagte Ißmene in der Schlacht wider unsern unglücklichen Qvintilius Varus vor wunderwürdige Helden-Thalen ausgeübt / nicht weniger / wie das andere gegenwärtige Frauen-Zimmer in so vielen Ritterspielen die berühmtesten Amazoninnen mit ihrer Geschickligkeit übertroffen habe. Dannenhero hält es Rom für einerley / ob solchen unüberwindlichen Heldinnen die Gewalt zu schaden benommen werde /oder ob es so viel deutsche Hertzoge gebunden oder getödtet vor sich liegen sähe. In Betrachtung dessen hoffe ich / daß dieser[1494] Triumph meinen hochwerthesten Freundinnen zu mehrerer Ehre / als Schmach / gedeyen soll / nach dem alle Welt dadurch wird überführet werden / daß sie von Rom für gantz ungemeine Heldinnen erkant worden / alldieweil es so grosses Gepränge über dero Gefangenschafft und Tode getrieben / gleich als ob es bey dero Freyheit und Leben seines Lebens und Freyheit nicht hätte versichert seyn können. Jedennoch / wenn / wider alles Verhoffen /alle diese Entschuldigungen nicht gültig solten erkant werden / will ich hiemit so wohl / als der Thracische Reichs-Erbe / dero gerechten Urtheil mich unterwerffen / nichts destoweniger eine billige Milderung der verdienten Straffe von dero Gütigkeit erwarten.

Dieses sagte er / weil er gleich Zirolanen mit Ismenen und der Gräffin von Nassau in Thußneldens Zimmer eintreten sahe. Rhemetalces / der hierauf schmertzlich gewartet hatte / kunte kaum dem Tiberius die Ehre lassen / dieselbe am ersten zu empfahen: doch so bald dieses geschehen / wolte er deroselben den Rock küssen / mit diesen Worten: Ich fange nunmehr an zu leben / da ich meine unvergleichliche Clotildis lebendig sehe. Allein Zirolane antwortete: Mich wundert höchlich / daß Clotildis so hohe Gunst bey dem Erb-Fürsten der Thracier findet / da Zirolane seiner Freundschafft nicht würdig ist. Rhemetalces machte hierauf seine Entschuldigung so gut und so ausführlich / als er konte; mit angehengter Bitte / umb der ehemahls geleisteten / vielfältigen treuen Dienste willen einen einigen Irrthum hochgeneigt zu übersehen. Hingegen erinnerte ihn Zirolane / man könte mit einem Schwa auf einen Zug so viel von einer Schrifft wegleschen / als man mit tausend Zügen zuvor aufgeschrieben hätte; und eine einige ehrenrührige Beleidigung leschte billig alle vorige Dienste aus / die sonst in das Tage-Buch des Gedächtnisses mit dem grösten Fleiß wären eingetragen worden. Rhemetalces fragte / was sie denn vor eine Gnugthuung verlangte / ob sie entweder künfftige angenehme Aufwartungen / oder seinen Todt hierzu zulänglich erkennete? Er bekame aber nur diese Gegenantwort: Das letztere halte ich vor unbillich / weil Thracien durch Verlust seines künfftigen Königes / das nicht verbüssen darff / worinnen dieser unrecht gehandelt. Das erste aber ist für mich zu gefährlich; weil ich nicht gerne das Feuer umb mich leiden mag / welches mein Gemüth im Anfang geblendet und meinen Nahmen zuletzt geschwärtzet hat. Aber doch (warf Tiberius lächelnd ein) Sie ins künftige desto angenehmer wärmen kan? Ach! (setzte Rhemetalces hinzu:) wer wolte so thöricht seyn und meynen / daß meine ungegründete eifersüchtige Einbildung den ruhmwürdigsten Nahmen der Tugend-vollkommensten Fürstin geschwärtzet habe? Warlich: dieses ist so wenig möglich / als daß die dicksten und unreinesten Nebel die Sonne schwärtzen werden / indem dieselbe durch ihren viel stärckern Glantz sie im Augenblick zertreiben kan. Ich fürchte zwar dieses nicht; (sagte Zirolane) denn warumb müste die Unschuld unschuldig zu seyn aufhören / ob sie gleich der Argwohn fälschlich beschuldigt? Solte ein rein Gesichte deßwegen unrein seyn / weil ein unreiner Spiegel dasselbe fleckicht abbildet? Oder solte wohl eine tugendhaffte Seele deßwegen lasterhafft werden / alldieweil ein anderer sie in dem Spiegel seiner Einbildung sich mit Lastern befleckt vorstellet? Nein! dieses hoffe ich nimmermehr! Ein unverletztes Gewissen ist die beste Rüstung /womit man seine Unschuld schützen und seinen Feind zu schanden machen kan. Doch thut man wohl / daß man desselben Gesellschafft meydet / der gleich einer Spinne aus denen gesundesten Kräutern Gifft zu saugen pflegt. Denn man kan niemahls allzu sorgfältig seyn / seinen guten Nahmen ungekränckt zu bewahren. Ach! gütigste Fürstin! (antwortete Rhemetalces) habe ich denn nicht bald[1495] genug gebüsset? Oder sollen solche Worte / zur Straffe / daß ich an der Keuschheit selbst mit ungereimten Gedancken mich vergriffen /grössere Grausamkeit an mir ausüben / als der Geyer /der dem verdammten Tityus das Hertz unaufhörlich abnagen muß / weil er der keuschen Diana Gewalt anzulegẽ sich erkühnet hat? Ach! schonet doch / unvergleichliche Clotildis! Schonet bitte ich / undbetrachtet / daß ein einiger Fehler in einer so gar unvermutheten Sache nicht so hoch zu ahnten sey. Bedencket / daß wenn ja iemand in der Welt durch meinen bösen Verdacht / als eine Pestilentz / mit gleichmäßigen angesteckt worden wäre / selbiger nicht füglicher zur Erkäntniß seines Irrthums / als durch unsere Liebe und Vermählung könne gebracht werden / weil iederman vermuthen muß / daß ich zu solcher mich nicht würde entschlossen haben / wenn ich nicht unwiedersprechlichen Beweißthum von dero unverletzten Keuschheit überko en hätte.

Thußnelda kunte hierbey nicht unterlassen / des Rhemetalces Vorsprecherin bey Zirolanen zu seyn. Doch würde dieses wenig gefruchtet haben / wenn nicht die sich allsachte wiederfindende Liebe vor dem Richterstuhl ihres Hertzens dem so schmertzlich-reuenden Beklagten das Wort geredet hätte. Sie gab demnach der Cheruskischen Hertzogin / nach vielen andern Ausflüchten / diese Antwort: Ich kan mich ohne meines Bruders Einwilligung zu nichts verstehen / in Ansehung / daß selbiger auch mein Herr und Landes-Fürst ist. Alleine Thußnelda versetzte: Vor dessen Einwilligung will ich gut seyn; massen ich gewiß weiß / daß derselbe meinem Gemahl keine Bitte abschlagen werde. Dieser aber wird nichts höhers wüntschen / als zu erfahren / daß meine allerliebste Freundin die Thracische Crone trage.

Die gantze Durchlauchtige Gesellschafft hätte sonder Zweiffel dieses Gespräch weiter fortgesetzt / daferne nicht der Wollustmeister Titus Cäsonius Priscus dem Tiberius unterthänigst berichtet hätte / daß die Tafel im nächsten Zimmer mit Speisen besetzt wäre. Sie verfügten sich demnach alle dahin / biß auf den unvergnügten Sejanus / welcher aus thörichtem Hochmuth sich einbildete / als ob Thußnelda den Käyser allzu gütig / ihn aber allzu verächtlich ansehe; dannenhero bate er umb Verlaub sich in die Stadt zu begeben / weil ihm gähling eingefallen wäre / daß unterschiedene Reichs-Geschäffte noch vor Abends verrichtet werden müsten. Er gedachte aber folgenden morgen allein Thußnelden zu besuchen / in der Hoffnung / daß er alsdenn mehr Ansehen haben würde /wenn ihm als einem kleinem Stern keine Sonne an der Seite stünde und durch grössern Glantz seinen Schein verdunckelte.

Er wurde unterdessen wenig bey unserer Gesellschafft vermisset; welche auf des Tiberius Bitte / sich umb die Tafel herum lagerte / welche dreymahl nach einander mit Speisen und Schau-Gerichten besetzet ward / derer jene den Leib / diese hergegen das Gemüth höchlich vergnügten. Es bestunden aber die letzteren allemahl in einem grossen und vier kleinern elffenbeinern Bildern / so alle einige Verwandniß mit einander hatten und eine verdeckte Liebes-Ermahnung vor Thußnelden in sich enthielten.

Das grosse zwischen denen vier Jahres-Zeiten stehende Bild / als das Merckzeichen der ersten Tracht /war eine gewaffnete Weibs-Person / die auf einem siebenspitzigen Gebürge saß und an der lincken Seiten einen Schild angelehnet hatte / darauf eine Wölfin mit zwey saugenden Kindern niedrig-erhoben erschiene. Unter ihr funden sich diese Reimen:


Mein Nahme schreckt die Welt / weil ich mich ohne Ruh

Zu jeder Jahres-Zeit in Streit- und Siegen übe:

Doch sehet / wenn ihr wolt / mich an von hinten zu;

Was gilts / ihr findet nichts so denn an mir / als LIEBE.


Thußnelda errieth gar bald die Bedeutung / welche sie auch auf befragen des Tiberius entdeckte[1496] / nemlich wie das hier abgebildete Rom in der Liebe ja so wol als im Kriege sich vor eine Meisterin achtete; gestalt denn auch in seinem umbgekehrten Nahmen ROMA nichts als AMOR, oder die Liebe steckete. Tiberius setzte hinzu: Die schönste Thußnelde hat recht gerathen; und wundert mich solches desto mehr / weil Rom ihr zwar bißher seine Streitbarkeit / nicht aber seine Liebe / zu erkennen gegeben hat. Thußnelde antwortete: Ich habe schon so viel vergönneter Liebe von der Gütigkeit des Käysers genossen / daß mehr und stärckere mir eben so wenig als viel und starcker Wein einem krancken Magen / oder die offtmahlige Betrachtung des Sonnenlichts einem schwachen Auge zuträglich seyn würde. Ich erfreue mich hingegen /daß das liebreiche Rom mit seinem kräfftigen Einfluß das ehemahls Felsen-harte Hertz meiner allerliebsten Clotildis in so weiches Wachs zu verwandeln scheint / daß des Thracischen Fürstens Bildniß darein wieder zu drücken unschwer fallen dürffte. Clotildis versetzte: Meine geehrteste Fürstin hält den Triumph / ehe sie den Sieg über mein Gemüth / als des Rhemetalces Vorsprecherin / erlangt hat. Allein er muß sich das nicht verdriessen lassen / was aus Versetzung der Buchstaben in ROMA und AMOR heraus kömmt /nemlich MORA, ein Verzug. Schon überaus und nach Wuntsch gut vor mich! (sagte Rhemetalces) der kluge MARO, dessen Nahme eben so wohl in jenem verborgen ist / giebt mir den Trost / den der durchs Unglück ausgehärtete Aeneas seiner Gesellschafft ehemahls gegeben hat:


Ihr müßt getrost ausstehn / was ihr bißher erfahren /

Und euch aufs künfftige zu bessern Glücke sparen.


Ja! Warhafftig (fügte Ismene hinzu) das ist sehr wohl gegeben! denn es ist am besten / daß man bey der Hoffnung Trost in Widerwärtigkeiten suche / weil es doch noch niemahls gedonnert und geregnet hat / daß es nicht solte wieder aufgehöret haben / und / (wie dieses Schauessen mich erinnert /) noch niemahls ein verdrießlicher Winter gewesen ist / dem nicht ein lieblicher Frühling / ein warmer Sommer / ein fruchtbarer Herbst gefolget wäre. Mir ists überaus lieb /(versetzte der Käyser /) daß meine wehrteste Fürstin ihr bißheriges Stillschweigen ändert / weil ich beynahe nicht wuste / ob ich solches einem kleinen Hochmuth / oder einem grossen Kummer zuschreiben solte; es wäre denn / daß sie sich vor eine Ergebene des Zeno wolte halten lassen. Ismene ward hierüber feuerroth und meynete / Tiberius stichelte auf ihre und ihres Zeno Liebes-Händel / die er selbst zu Mäyntz mit angesehen hatte; worüber dieser lächelnd anhub: Die angenehme Ismene darff nicht erröthen. Ich meyne nicht den Pontischen Zeno / dem ich umb ihrentwillen die Armenische Crone zugedacht habe; sondern den ehrlichen alten Großvater aller Stoicker /den Cyttischen Zeno / als dessen Denckspruch bekant ist: Wir haben deßwegen zwey Ohren und eine Zunge / daß wir viel hören und wenig reden sollen / und es ist besser mit denen Füssen / als mit der Zungen / einen Fehltrit thun.

Unterdessen nun jedermann über der beschämten Ismene unzeitigen Liebes-Bekäntniß schertzte / wurde die erste Tracht ab- und eine andere aufgetragen /wobey das Schau-Gerichte aus denen vier Elementen bestund / unter welchen in der Mitten eine nackte /aber mit Myrthen gekräntzte Göttin auf einer grossen Muschel saß / und in der rechten Hand eine dem Ansehen nach brennende Fackel / mit der lincken aber ein paar Tauben in ihrem Schooß hielte. Daß solches die Venus seyn solte / zeigte diese Unterschrifft an:


Die Erde krönet mich / die Lufft giebt mir zu spielen /

Das Wasser reicht den Sitz / das Feuer diesen Brand.[1497]

Sagt nun / beherrsch' ich nicht Lufft / Feuer / Wasser / Land?

Muß nicht / was lebt / mein Joch auf seinem Halse fühlen?


Rhemetalces sahe hierauf seine Clotildis an und sprach: Nun muß meine Fürstin entweder eine Göttin lästerlicher Weise einer Unwarheit beschuldigen /oder bekennen / daß sie liebe. Es hat mit einer beinern Göttin nicht viel zu bedeuten / (antwortete sie /) und wird keine grosse Sünde seyn / wenn ich gleich dieses nackete Bild für die nackete Warheit nicht halten will. Doch daferne ich von dem Thracischen Fürsten eine warhaffte Besserung hoffen dürffte / wolte ich ihm dieses Rätzel aufzurathen geben:


Was langsam kömmt / kömmt auch!

Diß ist mein steter Brauch:

Wird gleich bey mir die Blüte

Ein wenig lang gesucht;

Ist doch zuletzt die Frucht

Von desto größrer Güte.


Ich dancke demüthigst (sagte Rhemetalces /) für diese unverhoffte gütige Erklärung meiner schönsten Clotildis. Mein Fürst irret sich / (wandte diese ein /) maßen meine Reime nicht meine Erklärung / sondern ein Rätzel von einem Maulbeerbaum in sich enthalten. O! ist meine Fürstin in Rätzeln so erfahren / (waren des Käysers Worte /) so muß ich mit ihrer Bewilligung auch eines deroselben auffzulösen vorlegen. Er nahm hiermit etwas aus seinem Kleide / thate solches in die zugemachte Hand und sagte diese Reimen her:


Ein Ebnbild der Ewigkeit /

So wohl ohn Anfang / als ohn Ende /

Vnd doch nur seines Fingers weit /

Verbergen jetzund meine Hände.

Ein kleines Ding von grossen Gaben!

Sagt / was es sey / so solt ihrs haben.


Clotildis bedachte sich ein wenig / endlich brach sie in diese Worte aus: Es ist ein Ring / der / weil er rund ist / so hat er / als wie die Ewigkeit / keinen Anfang und kein Ende / ist aber nur eines Fingers weit und also der Ewigkeit sehr ungleich. Allein was heissen grosse Gaben bey einem Ring? Rhemetalces setzte hinzu: Ich halte / die grossen Gaben eines Ringes sind eine gute Heyrath / die der Ring der Person zu geben pfleget / welcher er gegeben wird. Ja gewiß! (rieffe Tiberius aus /) alle beyde haben recht! Alldieweil aber nur ein Ring in meiner Hand gewesen / so wird er geschwind noch einen hecken müssen / damit jedwedem der wolgewonnene Preiß eingelieffert werden könne. Er öffnete hiermit die Hand / in welcher er / unter diesen reden / dem schon darinnen liegenden güldenen mit Diamanten rund-herumb besetzten Ringe einen andern von gleicher Art / mit grosser Geschwindigkeit und unvermerckt / beygesüget hatte. Er überreichte den grössern der Clotildis / den kleinern dem Thracischen Fürsten. Weil aber beyde sich beschwerten /daß ihnen die Ringe nicht gerecht wären / musten sie auf inständiges Anhalten der Gesellschafft / solche unter einander verwechseln; worauff jederman der Clotildis zu dero neuen Verlobung glückwünschte /ob sie wohl nicht allerdings gestehen wolte / daß sie ihrem Ringe den Rhemetalces / als seine gröste und beste Gabe / zu dancken willens wäre. Gleichwohl thate sie dieses mit solchen Geberden / die den hierob gantz neu-gebohrnen Fürsten alles von deroselben hoffen hiessen. Man schertzte nunmehr über der Fruchtbarkeit des ersten Ringes / der in so kurtzer Zeit seines gleichen gezeuget hätte. Es ist solches noch wunderbahrer / (sagte Rhamis /) als daß eine Fürstin in Gallien ungeschliffene Diamanten gehabt /die andere ihres gleichen / ausser dem Mutter-Schooß der Erden / gebohren haben; oder daß der Cimbrische König in seiner Kunst-Kammer ein Ey zeigen kan / in welchem ein anders steckt. Mir kömmt beydes sehr fabelhafft vor / (erwehnte Ismene /) und möchte ich wohl meinen Unglauben durch würckliche Besichtigung wiederlegen. Thußnelda antwortete: daß es mit dem Cimbrischen Ey kein Betrug sey / hat meines Gemahls Fran Mutter / diebey dem König Frotho sich eine gute Zeit auffgehalten / mich unwiedersprechlich versichert. Und was will meine Fürstin hierzu[1498] sagen? hat man doch wohl bey Thieren und Menschen schwangere Leibs-Früchte gefunden? wie denn nicht nur ein Mutter-Pferd in Hispanien eine trächtige Maul-Eselin geworffen; sondern auch in einem Dorff im Hermundurischen am Saalstrom vor etlichen Jahren eines Müllers Eheweib eine Tochter zur Welt gebracht / die am achten Tage ihres Alters eine andere gebohren / auf eben die Art / als bey erwachsenen gebährenden zu geschehen pfleget; jedeñoch aber sind so wohl die kleine Sechswöchnerin / als dero noch kleinere Tochter / folgenden Tages verstorben / nachdem viel Adeliche und andere Personen dieses ungemeine Spiel der Natur mit ihren Augen beschauet und ohne allen Betrug befunden hatten. Ists möglich? (versetzte der Käyser;) so dürffte ich doch fast demjenigen Glauben zustellen / was vor ein oder zwey Jahren von Rhegium in Calabrien geschrieben wurde /daß nehmlich ein Weib nach ordentlicher neun-nonats-Zeit eines wohlgestalten Töchterleins genesen wäre / welches indem es von der Heb-Amme gebadet wird / ein gar kleines doch lebendiges Knäblein zur Welt gebohren / auch so gar einer Kindbetterin von gewöhnlichem Alter gleich gewesen / daß so offt es der alten Mutter an die Brust geleget worden / es zugleich ihren kleinen Sohn mit ihren von Milch auffgeschwollenen Brüstlein säugen können; Und welches das seltzamste ist / so wurde dabey gemeldet: Es wären schon siebenzehen Tage nach der Geburt verflossen gewesen / als dieser Brieff geschrieben worden / und gleichwohl hätten Großmutter / Mutter und Enckel bey solchem Zustand sich annoch frisch und gesund befunden. Thusnelde fügte hinzu: Meine Schwiegerfrau-Mutter hat über dergleichen wunder-geburten mit dem Cimbrischen Weltweisen Didymus Thorbalinus eine weitläufftige Unterredung gehalten /der keine bessere Antwort als diese zu finden gewust /es hätte die Natur in solchem Fall Zwillinge zu zeugen vorgehabt / davon aber eines / als es noch sehr zart gewesen / in des andern Unter-Leib sich verirret und daselbst mit einem Häutlein wäre überwachsen worden.

Indem dieses geredet wurde / ließ Cäsonius Priscus die Speisen zum dritten mahl verändern und das Schau-Essen mit denen vier Altern des Menschen auf die Tafel setzen; da denn in der Mitten ein kahlköpffigter Greiß wohl zu sehen war / welcher als der Lehrmeister aller vier Alter / auff einem niedrigen Stuhl saß / mit dieser liederlichen Unterschrifft:


Wenn ich was Liebes hab' / ist mirs allein nichts nütze.

Drumb will ich / daß zugleich mein Freund / mein ander Ich

Mein ander Ich mein Weib / so wohl als ich besitze.

Der weise Cato sagts! Ein jeder bessre sich.


Ey! das ist eine treffliche Sitten-Lehre! (rieff Tiberius aus /) die man so schlechthin nicht verdammen darff /weil der tugendhaffte Marcus Cato sie vorbringt und mit seinem löblichen Exempel bestätiget. Denn ich gläube nicht / daß jemanden unter uns unbekant sey /daß dieser Cato seine Frau / die Martia / dem Hortensius seinem Hertzens-Freunde bey seinem Leben zu heyrathen vergönnet habe / nach der Sitten Regel: Unter Freunden muß alles gemein seyn. Rhemetalces antwortete: Es ist mir solches gnugsam bekant. Ob man nun aber wohl diesen Cato ins gemein vor den weisesten und tugendhafftesten Römer / ja vor klüger als dreyhundert Socrates ausgeben will / stelle ich doch solches dahin; indem dergleichen Unachtsamkeit seiner eigenen Ehre zum wenigsten ein Zeichen eines vollkommenen Sonderlings und Grillenfängers ist. Weßwegen ich nicht wüste / worinnen er dem Socrates vorzuziehen oder gleich zu schätzen wäre / außer daß alle beyde / in Betrachtung ihrer Weiber / grosse Thorheiten begangen / und jener zwar die Martia verschencket / dieser aber nicht nur die Donnerworte / sondern auch manchen Regen von seiner Xantippe gedultig ausgehalten hat. In dieser Meynung / daß (wie[1499] mancher Aberwitziger in seiner Raserey) also auch Cato in seiner Weißheit Ruhe-Stunden und Stillstand öffters gehabt / werde ich nicht wenig dadurch gestärcket / daß er vielmahl in blossen Füssen und zurissener Kleidung ohne Noth auf die Gassen gegangen und also alles für wohlanständig gehalten / was nicht lasterhafft ist. Gewiß solche eigensinnige Stoicker gehören ehe unter Vieh / als vernünfftige Menschen / die von dem Himmel seine Gaben und die Beqvemligkeit dieser Welt ohne lasterhafften Mißbrauch anzunehmen sich nicht wegern sollen. Zudem so hat auch der gute Cato seine Verunfft so offt im Wein gebadet / daß es kein Wunder gewesen /wenn sie endlich ertruncken. Ich geschweige / daß sein Selbstmord eine Verzweiffelung anzeiget / welche bey einem rechten Weisen nicht statt hat / nachdem derselbe jederzeit mit Gottes Verhängniß zu frieden seyn / auch seinem Herrn im Himmel den Dienst nicht aufkündigen soll / ehe er selbst ihn seiner Dienste auff Erden erlassen will. Vielleicht ist auch des Cajus Julius Cäsars Muthmassung nicht ungegründet / daß der blosse Geitz Kupler in dieser Heyrath gewesen und Cato nur zu dem Ende dem Hortensius seine Frau gegeben / damit dieselbe / gleich einem Schwamm / desselben Reichthum einsaugen und nach seinem Tode in ihres vorigen Mannes / des Cato /Schooß wiederumb ausdrücken könte. Thußnelda führte solches ferner aus mit diesen Worten: Mein weniges Urtheil wird nicht viel gnädiger herauskommen. Doch halte ich eben so wohl die Martia für einen Schandfleck unsers Geschlechts. Sie hätte ja einem thörichten Befehl einen klügern Ungehorsam leisten sollen. Massen sie eben so wenig von jemanden in der Welt konte genöthiget werden / ihre Ehre / als ihr Leben / dem Eigensinn des Mannes und der Boßheit des Ehebrechers aufzuopffern. Wird doch mehrentheils in meinem Vaterlande die Frau schlechter Ehre werth geschätzet / die nach dem Tode ihres Mannes einem andern sich vermählen läst / weil sie hierdurch erweisen soll / daß sie nicht den Mann / sondern nur ihre Wollust in der ersten Ehe geliebet habe. Was solte man nun vollends bey uns zu einer Ehefrau zweyer lebendigen Männer sagen? Gewiß! weil der Mann das Haupt der Frauen ist / würde man sie mit grösserm Abscheu ansehen / als eine Mißgeburt / die zwey Häupter und nur einen Leib hat.

Der geile Tiberius hätte lieber gesehen / daß die Cheruskische Hertzogin das Exempel des Cato nicht so hefftig verdammet hätte; doch / wie er ein Meister im stellen und verstellen seiner Worte und Geberden war / also lobete er dieses Urtheil zwar mit dem Munde / dachte aber unterdessen in seinem Hertzen auf allerley Mittel / wodurch er die keuscheste Thusnelda auf der Martia Sinn / und sich die Freyheit zu wege bringen könte / des Hortensius Person bey ihr in Abwesenheit ihres Gemahls aufs eheste zu spielen.

Bald hierauff ward die Taffel aufgehoben / nachdem Tiberius Thusnelden erinnert hatte das Schreiben an ihren Gemahl diesen Abend zu verfertigen / weil er willens wäre / morgen nach Mittage den Beroris /Dietrich und Libys wieder in ihr Vaterland zu schicken. Thusnelda bate sich / auf eydliches Anbieten einer freyen Bitte / die Freyheit aus / ihr kleines Kind in Gesellschafft der Gräffin von der Lippe dessen Vater / dem Feld-Herrn Herrmann durch den getreuen Libys zu übersenden / damit er / bey solchen Vorboten / ihre eigene Ankunfft desto gewisser erwarten möchte. Dieses brauchte Thusnelda nur zum Vorwand: Denn ihr eigentlicher Zweck war / alles auf die Seite zu schaffen / was im Fall der Noth / sie an einer schleunigen Flucht verhindern möchte. Der Käyser besonne sich ein wenig. Endlich dachte er / daß ihm das kleine Kind bey seiner[1500] verhofften Lust ehe hinderlich / als beförderlich seyn könte. Dannenhero willigte er gar gern ein; ob er wohl zum Schein thate / als wenn es umb seines Eydes willen geschäh / der aber bey ihm nur gültig war / wenn es ihm nützlich deuchtete; sonst hielt ihn ein Haar fester gebunden /als tausend Eydschwüre. Hierauf nahm er mit dem Rhemetalces Abschied / und die Rückreise nach Rom für sich.

Daselbst hatte inzwischen der unruhige Sejanus seine Zeit bey der leichtfertigen Sentia zugebracht. Denn weil seine Liebe gegen Thusnelden aus bloßer geilen Lust herrührete / war es ihm ein leichtes / selbige auch mit seinen alten Buhlschafften zu theilen /und den Durst aus gemeinem Wasser zu stillen / weil ihm Thusneldens Nectar verwegert wurde. So sehr nun Sentia ihren Leib entblössete: so sehr entblössete Sejanus die bißher so verschwiegen-gehaltene Geheimnüsse seines Gemüthes; Denn als das freche Weib nachfragete / in was vor Gesellschafft sich der Käyser befände / derer er sich zu Gefallen einmahl aus Rom gewaget hätte; gab dieser mit etwas unbeständiger Geberde eine solche Antwort / die ihr nicht gantz aufrichtig zu seyn schien. Daher sie alle ersinnlichen Liebreitzungen anwendete / ihn zu bewegen /ihr etwas mehr hiervon zu sagen. Wodurch er endlich gewonnen und also zu reden veranlasset wurde: Sie wundere sich nicht / allerliebste Sentia / warumb ich so lange verschwiegen habe / daß Thusnelda annoch lebe / und vom Käyser geliebet werde. Tiberius will solches durchaus geheim gehalten haben / und sein Wille ist ein festes Siegel / so meinen Mund biß ietzt so fest verschlossen hat. Allein ein eintziger Strahl von ihrer feurigen Liebe ist tüchtig dieses Wachs zu zerschmeltzen und das Siegel auffzulösen. Sie weiß /daß / als neulichst der Käyser den Fall thate / Germanicus ihn unbekanter Weise besuchte; Damahls war seine erste Bitte / das gefangene Fürstliche und Gräffliche Frauen-Zimmer des Triumphs zu erlassen / und ohne ihr Wissen / gemeine Weibspersonen mit verhülltem Gesicht an ihrer statt aufzuführen / auch zu vergönnen / daß er denen vornehmsten gefangenen Fürsten und Graffen das Leben schencken dürffte / so bald man sie im Triumph auf- und ins Tullianische Gefängniß zu ihrem Tode würde hingeführet haben. Der schlaue Tiberius willigte nach einer kleinen Scheinwegerung in dieses Begehren des Germanicus; theils weil er Thusnelden liebte; theils / weil er / allen Deutschen zur Beunruhigung und dem Sicambrischen Hertzog zum Verdruß / dessen beyde ehrsüchtige Brüder / als Mitbuhler seiner Hertzoglichen Würde /beym Leben erhalten wolte; theils / weil er verhoffte /es würde diese unzeitige Barmhertzigkeit des Germanicus ihn bey dem gemeinen Volck verhast machen /als welches nicht nur sein Gespötte darüber treiben würde / so bald es erführe / daß dieser Aufzug der vermummten Weibsbilder mehr ein Gauckelspiel als ein warhafftiges Siegs-Gepränge gewesen / sondern auch wohl aus einem blinden Eyfer den Triumphirer für einen Götter-Verächter ausruffen dürffte / weil er die zum Tode nach denen Gesetzen verdammte Feg-Opffer denen Göttern freventlich entwendet und die gantze triumphirende Gesellschafft mit der lügenhaften Zeitung von dero Hinrichtung im Gefängniß geäffet hätte. Sentia wolte über Thusneldens gantz unverhofften Leben bey nahe von Sinnen kommen; jedennoch / weil sie die Liebe des Sejanus zu jener wuste /bemühete sie sich ihre Gedancken / so viel möglich /zu verbergen / ja sie erbote sich / zum Schein / aus einer Mitbuhlerin ihrer Stieff-Tochter dero Kuplerin bey dem Sejanus zu werden / daferne nur der Käyser ihr die Besuchung des sämmtlichen deutschen Frauen-Zimmers vergönnen wollte.

Sie blieben in diesem verdamten Zeitvertreib[1501] beysammen / biß Hertzog Segesthes nach Hause kam /und ihnen erzehlete / mit was Schauspielen der triumphirende Germanicus diesen Tag über das Römische Volck unterhalten hätte / wie theils tausend Paar Fechter / theils mehr als drey oder vier tausend Löwen / Bäre / Panther / Auerochsen / Tiger / wilde Pferde /Wölffe / Luchse und Schweine untereinander kämpffen müssen. Weil aber Segesthes an seiner Gemahlin eine ungemeine Röthe / am Sejanus ein sonderliches Schrecken in acht nahm / entsponne sich bey ihm der erste Verdacht / der nach der Zeit sich täglich mehrte und also aus einem dünnen Faden zu einem festen Stricke wurde / welcher endlich der verruchten Ehebrecherin den Hals brach.

Sejanus begab sich letzlich gegen Abend auf den Palatinischen Berg / allwo er dem zurückkommenden Käyser begegnete und den Befehl empfieng / morgends frühe die gefangenen deutschen Fürsten und Grafen zu Thußnelden zu bringen und so denn mit sichern Frey-Briefen nach Deutschland zu schicken. Er kam diesem Befehl fleißig nach / mehr aus Begierde /Thußnelden zu sehen / als aus Gehorsam gegen seinen Herrn. So bald er nun vor sie war gelassen worden /vermeldete er nach abgelegter Begrüssung / daß der Käyser alle diese Gefangenen Thußneldẽ schenckete und deroselben die völlige Gewalt überliesse / ihnen das Leben und Freyheit entweder zu geben oder abzusprechen. Die Hertzogin nahm solches Geschenck mit grosser Höffligkeit an / und versicherte den Sejanus /daß es sie dem Käyser höher verbände / als wenn sie so viel Perlen und Diamanten empfangen hätte / die diesen Gefangen-gewesenen an der Schwere die Wage halten könten. Sie begrüssete hierauf diese ihre Landes-Leute / und übergab den kleinen Herrmann und die Gräfin von der Lippe der Vorsorge des klugen Libys und dem Schutz der andern tapffern Helden /die sich deñ alle erboten / auch ihr Leben zu dessen Dienst willigst anzuwenden / weil sie ohne dem den schimpfflichen Fleck ihrer Gefangenschafft nicht besser als mit der unverzagten Versprützung ihres Blutes vor das edle Blut des grossen Herrmanns ausleschen könten. Sejanus theilete ihnen zu nöthigen Reise-Unkosten eine ansehnliche Menge Römischer güldener Müntzen im Nahmen seines Herrn aus. Thußnelde aber nahm eine davon aus dem auf der Tafel stehen den offenen Behältnisse in die Hand / das Gepräge zu besehen / und fand auf dero einen Seite des Tiberius Bildniß mit der Uberschrifft: Tiberius Augustus /des Gottes Augustus Sohn: Auf der andern sahe sie die geflügelte halbnackende Siegs-Götttin auf einer Weltkugel sitzen und in iedweder Hand einen Palmzweig halten / mit der Unterschrifft: Im siebenzehenden Jahr der allgemeinen Zunfftmeisterschafft. Sie wandte sich deßwegen zum Sejanus und sagte: Ich sehe aus dieser Jahrzahl / daß gegenwärtiges Goldstück zum Andencken unserer Gefangenschafft gepräget sey. Nun will ich zwar nicht streitig machen / ob der deutsche Sieg ein güldenes Denckmahl verdienet habe. Doch bin ich dessen gewiß / daß die Gütigkeit des Käysers / die er anietzo meinen Landes-Leuten erzeiget / eines ja so kostbaren Ehren-Gedächtnisses würdig / und nunmehr erst recht erfüllet sey / was ich allhier auf einer andern zu Anfang seines Käyserthums geprägten güldenen Müntze versprochen finde / da auf einer Seite sein Bildniß / auf der andern ein Schild mit einem Weibes-Kopff nebenst der Uberschrifft: der Gütigkeit / zu sehen ist; sonder Zweiffel hiemit anzuzeigen / daß die Gütigkeit die eintzige Göttin sey / zu dero Dienst er sich gantz und gar gewiedmet habe. Wolte der Himmel (antwortete Sejanus / nachdem er sie an ein Fenster geführet hatte /) daß die sonst Tugend vollkommene Thußnelde auch diese Tugend zu ihrer[1502] Göttin annehmen und eben so grosse Gütigkeit gegen dero Gefangene gebrauchen wolte /als sie an meinem Herrn rühmet. Thußnelda bate / den Gefangenen nur zu nennen / so wolte sie dessen Freyheit bey ihrem Gemahl aufs fleißigste befördern. Sie bekam aber die unvermuthete Antwort: Die Bande /die Thußneldens unvergleichliche Schönheit anleget /kan niemand / als sie selbst / erträglich machen. Doch sind sie so angenehme / daß man tausendmahl lieber /seine Freyheit zu verlieren / als jener befreyet zu werden / wüntschen muß. Die keusche Thußnelda verdrosse diese Thumkühnheit dermassen / daß sie sich nicht enthalten konte / mit mercklicher Hefftigkeit zu sagen / sie hoffte nicht / daß das kluge Rom jemand in sich hegen würde / der einer so schändlichen Thorheit fähig wäre / daß er von ihr etwas unanständiges begehren wolte: da sie doch verhoffentlich ihr gantzes Leben also geführet hätte / daß iederman schlüssen könte / es wäre ihr dieses nicht so lieb / als ihre Ehre; und nähme sie diese sorgfältiger in acht / als ihre Augen: Allermassen / wie das Auge durch ein eintzig Stäublein / wärs auch noch so klein / kan verletzt werden; also dünckte ihr auch kein eintziger unkeuscher Gedancken zu wenig / daß er nicht ihrer Ehre einen unwiederbringlichen Schaden zufügen könte. Solte aber wider alles Verhoffen einiger Römer einer solchen verdammlichen Kühnheit sich unterfangen /würde sie nicht einen Augenblick verziehen / den Schutz des gerechten Käysers anzuruffen / weil sie versichert wäre / daß der Römische Adler so wohl Flügel hätte / die Unschuldigen zu beschirmen / als auch Blitze / denen Frevlern ihren verdienten Lohn zu geben. Sejanus erschrack über dieser Dräuung und besorgte sich des ärgsten von demjenigen / den er nicht zwar als einen gerechten Richter / iedennoch als einen mächtigern Mitbuhler fürchtete; nahm aber gleich alsobald ein freyer Wesen an / und sagte: Hieran ist gantz nicht zu zweiffeln; Und wolte ich dannenhero mit einem solchen Missethäter Schuld und Straffe ungerne theilen / ungeachtet ich die Ehre / des Käysers Vertrautester / uñ das Glück / ihm niemahls mißfällig zu seyn / eine geraume Zeit her besitze. Thußnelda merckte wohl / daß diese Aufschneiderey ihr einige Furcht einjagen solte / als ob sie bey dem Tiberius keinen Schutz wider seines Lieblings Frevel finden würde; allein sie begegnete ihm mit dieser klüglichen Antwort: Umb so vielmehr achte ich mich sicher / nachdem auch so gar der grosse Sejanus / der doch des Käysers Hertz in Händen hat / sich eine solche Unthat zu begehen fürchtet; und ist diese seine Bescheidenheit / da er sich der Gunst des Käysers /als wie eines kostbaren / aber zerbrechlichen Crystallinen Glases erinnert / dasjenige / so ich am allermeisten an ihm hochachte. Denn gleichwie die Götter der Erden gar geschwinde etwas grosses schaffen können / also pflegen sie auch gar bald nichts aus etwas zu machen / und denjenigen / der da vergisset / was er vor seiner Erhöhung gewesen / seines Ursprungs durch einen plötzlichen Fall nachdrücklich zu erinnern. Ein solcher Mensch ist alsdenn einer Sonnen-Blumen nicht ungleich / weil er durch die Gnaden-Strahlen seines Fürstens zu einem so grossen Wachsthum gelanget / daß er alle andere an Höhe und Ansehen übertrifft / gleichwohl aber / wenn er lange genug sich nach dem Lauff seiner Sonne herum gedrehet hat / durch ihre Hitze verbrandt und zu einem häßlichen Strauche wird. Wohl demnach dem / der entweder ausser dem Hoffe sich selbst zur Vergnügung lebet /oder wenn er so wenig ausser dem Hoffe als ausser dieser Welt leben kan / sich allezeit einbildet / daß er eben so wohl an jenem / als in dieser / nicht ewig leben werde!

Zorn und Liebe / Hoffnung und Verzweiffelung zermarterten den Sejan bey Anhörung dieser ernsthafften Verwarnung / gleich als ob er an statt dieser vier Gemüths-Bewegungen von vier Pferden zurissen würde. Weil aber[1503] der Zorn die Liebe / und Verzweiffelung die Hoffnung endlich überwältigte / schwur er bey sich selbst / Thußnelden / und umb ihrentwillen /das gesamte Frauenzimmer dermassen bey dem Tiberius zu verleumden / daß derselbe an seiner statt die Rache ausführen solte. Nachdem er demnach zum Schein höfflichen Abschied genommen und seine Mitgebrachten dem Saturninus bestermassen anbefohlen hatte / begabe er sich ohne Verzug wieder nach Rom.

Unterdessen letzten sich die nach Deutschland Reisefertigen und empfieng Libys in geheim einen Brieff von Thußnelden an Hertzog Herrmannen / welcher ein gut Theil länger war / als der / den sie zum Schein geschrieben und dem Käyser durchzusehn überschicket hatte. Catta aber vertraute dem Beroris einen an ihren Vater Arpus und einen andern an ihren Bräutigam Jubiln.

Diß währte biß gegen Mittag / da der trunckene Tiberius mit dem Crispus Sallustius / nach gehaltenem Frühstück / in dem Garten-Hauß ankame / und das Frauenzimmer besuchte. Hätte man nun des vorigen Tages ihn in seiner Verstellung vor höfflich und bescheiden halten können / so hatte er nunmehr mit der Nüchterkeit auch die Larve seiner Geilheit gäntzlich abgezogen. Und nachdem er nicht wenig schandbare Schertz-Reden vorgebracht / so das sämtliche Frauenzimmer mit der grösten Ungedult anhören muste /Thußnelde auch deßwegen ihn anfieng zu erinnern /ihrer mit dergleichen unanständigen Dingen zu verschonen / nahm er / an statt sich zu entschuldigen /die Freyheit / ihren Busen freventlich zu betasten; welches aber die bey ihr stehende Catta beyzeiten inne wurde und / sein leichtfertig Vorhaben zu unterbrechen / ihn mit aller Krafft wider die Brust stieß / daß er rücklings auf die Erde zu grossen Schrecken der Gesellschafft niederstürtzete; worüber Catta noch lächelnd ausrieffe: O! auf was schwachen Füssen steht das Römische Reich! Indem aber hatte der Trunckenbold durch Beyhülffe des Sallustius / Dietrichs und Saturninus sich wieder in die Höhe aufgerafft / und fiel mit einer solchen Wuth über Catten her / daß er sie ohne Zweiffel würde erwürget haben / wenn nicht der kluge Sallustius dem Käyser in die Armen gefallen und die Cattische Fürstin seinen Mord-Klauen eyligst entwischet wäre. Er fluchte / schnaubete / dräuete und schriehe unterdessen dergestalt / daß man gnugsam urtheilen konte / Zornige und Trunckenbolde wären mit eben dem Recht / als Wahnsinnige / an Ketten zu legen. Sallustius aber / der seiner sehr mächtig war / beredete ihn nach Rom wieder zu kehren; welches er endlich that / nachdem er dem Saturninus befohlen hatte / die Ubelthäterin auf morgen mit dem Beil hinzurichten / oder im Fall / daß solches nicht geschehe / seinen Kopff zu verlieren.

Sie waren kaum in Rom wieder ankommen / als Tiberius auf den nechsten Stuhl fiel und einschlieff. Zwey Stunden darauf erwachte er und hatte zwar den Rausch / nicht aber den Groll wider die unschuldige Catta ausgeschlaffen; Gleichwohl wagete es Sallustius und stellte ihm aufs glimpflichste vor / daß Catta nimmermehr eine solche Unbescheidenheit würde gebraucht haben / daferne nicht der Käyser durch den übermäßigen Trunck aus denen Schrancken seiner gewöhnlichen Höffligkeit sich hätte herausleiten lassen. So würde auch Thußnelda den Schimpff und Straffe /so ihrer Freundin / darumb weil sie ihr beygestanden wäre / begegnete / so hoch empfinden / als weñ sie selbst damit beleget würde.

Diese letztere Erinnerung war der beste Tamm / der den wütenden Strom seiner überlauffenden Galle aufhalten / und ihn zu vernünftigern Gedancken bringen konte / also daß er alsobald an den Saturnin schrieb /die Catta der Hafft zu erlassen und in seinem Nahmen der Verzeihung zu versichern. Allein indem[1504] trat Sejan ins Zimmer / dem der Käyser den Zettel wieß und solchen ungesäumt bestellen zu lassen anbefahl. Dieser wuste nun nicht / wie er dem Glück genug dancken sollte / daß dasselbe auf so unverhoffte Art ihm hülffreiche Hand böte / einen Anfang zu seiner Rache zu machen. Er fing demnach an: Was gedencken sie denn / Allergnädigster Käyser / daß sie ihr so gerechtes Urtheil wiederruffen und sich selbst dadurch in Verdacht bey der Welt bringen wollen / als wenn ihnen einiges Wort hätte entfahren können / daß einer Verbesserung bedürffte? Eines Fürsten Wille soll sich so wenig ändern / als der Lauff der Sonnen / der einmahl wie das andere bleibet / ob sie gleich hierdurch grosse Finsternissen am Mond und auf Erden verursachen muß. Man lasse es seyn / daß das Urtheil wider die Catta ungerecht sey / so muß doch der Käyser seinen vermeinten Fehler ehe durch ihr vergossenes Blut bedecken / als durch Wiederruffung seines Wortes entdecken. Jedoch wie sollte es nicht der Gerechtigkeit höchstgemäß seyn / daß eine solche Frevlerin den Schimpff und Schmertz mit dem Leben bezahle / den sie dem Beherrscher der Welt verursachet hat? solte ihr solches so vor genossen ausgehen / würde sie ins künfftige ja so leicht das Messer / als dieses mahl die Hand wider dero allerheiligste Person zücken. Man darff auch keinen Zorn von Thußnelden befahren /nachdem Geschencke und Gaben Götter und Menschen versöhnen / ja es wird vielleicht Thußnelda aus Furcht des Todes desto geschmeidiger werden / wenn sie sehen wird / wie gefährlich es sey / demjenigen was zu versagen / in dessen Hand ihr Leben und Tod stehet / und dessen Hertz so bald von Rache / als von Liebe entbrennen kan. Der Käyser rieß hierauf seinen Zettel entzwey: und obgleich Sallustius diese erste Hitze des Käysers durch unterschiedenes vernünfftiges Einwenden wieder dämpffen wolte / gosse er doch lauter Oehl ins Feuer / und Wasser in ungeleschten Kalck. Tiberius ließ alsbald die Sänffte bringen / und sich neben dem Sejan und Sallustius in das Garten-Hauß wieder tragen / umb daselbst an der Enthauptung der armen Catta seine Augen zu weiden. Auf dem Vor-Saal begegnete ihm Aelius Sentius Saturninus und brachte im Nahmen Thußneldens an /der Käyser möchte entweder sie selbst an statt der Cattischen Fürstin zu seinem Rach-Opffer nehmen /weil sie der Ursprung / Catta aber nur das Werckzeug der Beleidigung des Käysers wäre; oder / daferne sie die Gnade nicht haben könte / möchte man die Hinrichtung heimlich und durch einen vornehmen Kriegs-Bedienten / keines weges aber durch einen gemeinen Soldaten oder Leibeignen verrichten lassen / auch (wo möglich) der Catta etliche Stunden zur Todes-Bereitung vergönnen. Jedennoch würde dieser Mord einer unschuldigen Fürstin der Geschichte seines Käyserthums einen grossen Schandfleck anhängen / auch der gerechte Himmel das gebrochene Gast-Recht nicht unbestraffet lassen. Dannenhero sie ein- vor allemahl den Käyser gewarnet haben wollte / und verhoffte / es würden die letztern Gedancken die ersten bey ihm verbessern und erweisen / daß der grosse Tiberius viel zu gerecht sey / als daß er ein aus Ubereilung gesprochenes Wort höher als alle göttliche und weltliche Gesetze zu achten begehre. Aber alles solches Bitten war vergebens und dem Saturnin unmüglicher / diesen tollen rasenden Hund / als dem Herkules / den dreyköpffigten Cerberus / zu bändigen. Der Tyrann schwur und verfluchte sich / es solte und müste der Catta der unnütze Schedel im Hoffe des Hauses unverzüglich für die Füsse geleget werden: Weil aber Saturninus sich unterwunden hätte / ein Vorsprecher einer so verruchten Ubelthäterin zu werden / und also in Verthädigung der Feindin des Käysers sich ebenfalls vor dessen Feind erkläret hätte / sollte er zur Straffe[1505] das Amt des Nachrichters bey ihr auf sich nehmen; widrigenfalls / als ein Beleidiger der Käyserlichen Majestät / ein ander Urtheil erwarten. Der tugendhaffte Saturninus erzitterte zwar in etwas über diesen unverhofften Befehl; muste aber doch / weil er sich eines ärgern besorgte / mit zwey Worten seinen Gehorsam versprechen.

Tiberius wolte hierauf Thußnelden besuchen. Allein sie hatte sich mit dem gesammten Frauen-Zimmer in ihr Taffel-Gemach begeben und dasselbe fest verriegelt / und wolte nichts mehr mit einer solchen Hyäna zu schaffen haben / die / außer der Stimme /nichts menschliches an sich spühren ließ. Es fehlete wenig / daß der Wüterich nicht das Zimmer mit Gewalt gestürmet hätte. Doch / weil er dergleichen harte Schmach von seinem Gewissen täglich einfressen muste / achtete er sie auch dießmal nicht allzuhoch /und verdäuete sie viel leichter / als der Strauß das Eisen. Zumahl da so wohl seine Liebe / als auch der vernünfftige Sallustius ihm Einrede thaten.

Unterdessen besonne sich dieser letztere auf das uhralte Römische Herkommen / daß keine Jungfrau zum Tode verurtheilet werden durfte. Dannenhero er auch den Tiberius erinnerte / daß Catten ihr Jungfräulicher Stand zu einem Frey-Brieff vor dem peinlichen Halß-Gerichte billig dienen müste. Der Käyser stutzte hierüber; Allein der boßhaftige Sejanus ware mit der Antwort bald fertig. Wohl! (sagte er /) Catta kan nicht als eine Jungfrau sterben / wollen wir anders nicht die alte Gewohnheit brechen; welches aber / (wenn es auskäme /) den gantzen Pöbel uns auf den Halß hetzen würde. Jedoch was brauchte viel Wesens? Der /so die Hinrichtung auf sich genommen / mag sie schänden; so lassen wir sie alsdenn nicht als eine Jungfrau / wohl aber als eine Geschändete köpffen.

Indessen nun der Käyser über dieser verdammten Erfindung sich öffentlich wohl zulachte / thate solches Sejanus bey sich selbst / weil er wuste / daß dieses die Catta mehr als der Todt betrüben / auch diese aufgezwungene geile Lust dem tugendhafften Saturninus die gröste Unlust seyn würde. Er dachte aber nicht /daß eben dieser sein Rath zwölff Jahr hernach / (nachdem er selbst einen schimpf- und schmertzlichen Todt erleiden müßen /) seine eigene Tochter ihrer Ehre berauben / und daß sich Tiberius ein Gewissen machen würde / dieselbe erwürgen zu lassen / ehe er sie durch den Hencker schänden / und also der Hinrichtung im Gefängniß hätte fähig machen lassen. Inzwischen wolte gleichwohl Tiberius in etwas Thußnelden fugen; Dannenhero / weil sie umb einige Zeit zur Todesbereitung vor die Cattische Fürstin hatte Ansuchung thun lassen / entschloß er sich / dero Enthauptung biß auf morgen aufzuschieben; zumahl als er bedachte / daß der Todt ihr die geringste Straffe / dieses aber eine unerträgliche Höllen-Pein seyn würde /wenn sie sich mit dem Andencken ihrer erlittenen Schande die gantze Nacht hindurch qvälen müste. So bald nun der Schadenfroh Sejanus dieses mit gut befunden / ward dem Saturninus durch einen Freygelassenen des Tiberius angedeutet / daß er die gefangene Catta / ihr Urtheil anzuhören / vor den Käyser bringen solte. Diese kam mit unerschrockenem Hertzen; denn weil sie wuste / daß sie der Natur ohne dem einen Tod schuldig wäre / so hatte sie sich jeder Zeit zur Bezahlung fertig gemacht. Sie gedachte zwar öffters an ihren Verlobten / den Hertzog Jubil / und thate es ihr nicht so wehe / daß der Todt ihren Leib und Seele /als / daß er sie und ihren Allerliebsten trennen sollte. Jedoch verhoffte sie / ihr unsterblicher tugendhaffter Geist würde bey Verlust der Erden den Himmel erlangen / und an statt einer flüchtigen Menschen-Liebe einer unendlich-vollkommenern Göttlichen theilhafftig werden. Ach! aber /[1506] wie erschracke sie / als das Urtheil ihr so wohl Ehre / als Leben absprach! Der heitere Himmel ihres Angesichtes ward mit düstern Wolcken ümbzogen / die bald in einen Thränen-Regen ausbrechen / bald die Strahlen ihrer Augẽ in eitel Blitz und Donnerkeile wider ein so gottloses Anmuthen verwandeln wolten. Allein weder Thränen /noch Worte wolten in so hefftiger Bestürtzung fliessen. Gleichwohl fassete sie den festen Vorsatz sich gegen den Saturninus mit Zähnen und Nägeln / so lange es möglich / dermassen zu verthädigen / daß es leichter seyn solte / dem donnerenden Gott die Blitze /als ihr ihre Ehre / mit Gewalt zu nehmen. Aber er hatte selber schlechte Begierde dazu; bate demnach mit einem Fußfall den Käyser / seiner zu verschonen /nachdem er schon das Alter erreichet hätte / welches Cupido aus seinem Lager auszumustern pflegte. Der spöttische Tiberius antwortete: Mein liebster Saturninus! die Gesetze sind über den Käyser / drümb kan ich auch dieselben euch zu gefallen nicht brechen. Ha! ungerechter Wüterich! (rieff Catta aus;) müssen nun die heiligen Gesetze ein Schand-Deckel deiner Boßheit seyn? Und das / was mir zum Vortheil verordnet ist / zu meinem ärgsten Verderben gereichen? Verdammter Ertzheuchler! du lebendiges Todten-Grab /das auswendig die prächtige Uberschrifft eines gerechten Käysers / in sich aber lauter Stanck und Unflat der greulichsten Laster / lauter Würme eines bösen Gewissens hat! Hiemit schwiege sie mit dem Munde; da unterdessen dennoch diese heimlichen ängstlichen Seuffzer in ihrem Hertzen aufstiegen: Ach! gerechter Himmel! Warumb hast du mich deñ nicht lieber unter die grimmigsten Parder und Löwen /als in die Hände dieses noch wildern Thiers / gerathen lassen / weil jene zwar mein Leben / aber nicht meine Ehre / würden angetastet haben? Jedoch was du verhängest / ist gerecht; Und was nicht zu ändern ist /das geschehe! Nicht eine Gewaltthat / sondern unser Wille macht die Seele dessen schuldig / was dem Leibe widerfährt: Kan ich dir nun nicht meinen Leib unberührt aufopffern / so soll doch meine Seele dir zu einem unbefleckten Geschencke gewiedmet seyn und eine unwillige Niederlage darff meiner Keuschheit den Sieges-Krantz nimmermehr streitig machen.

Tiberius ward endlich des Wartens überdrüßig und schwur / daß er den Saturninus entmannen und die Catta dem Muthwillen der geringsten Stallbuben übergeben wolte / woferne sie beyde einen Augenblick verziehen würden / seinem vorigen Befehl nachzuleben. Diese aber liessen es hierzu nicht kommen /sondern weil es nicht anders seyn konte / sich alle beyde allein in das nächste Schlaffgemach versperren. Und war diß wohl das erste Exempel in der Welt / da ihrer zwey solten sündigen und doch keines den Willen haben zu sündigen.

Unter solcher Unruhe erinnerte sich der Käyser derer freygesprochenen Deutschen / die eben den Nachmittag mit dem kleinen Herrmann nach Deutschland hatten reisen sollen. Von diesen befürchtete er sich nicht ohne Ursach / daß sie daselbst die Schand-That nicht verschweigen würden / womit er alle deutsche Fürsten in der Catta Person verletzet / und durch Brechung des Gastrechts sie befugt gemachet hatte /den neulichst-geschlossenen und dem Römischen Reiche höchstnothwendigen Frieden zu brechen. Sejanus riethe / man solte sie alle zusammen mit Gifft hinrichten. Allein Sallustius wolte diese Gewaltthat keines weges billigen; nachdem der Käyser sein Wort halten müste und doch diesen Deutschen durch einen viel gelindern Weg / nemlich durch einen Eyd / das Maul stopffen könte / daß sie nichts in ihrem Vaterland sagen dürfften / als was dem Käyser unschädlich wäre; massen die Deutschen zu Meyneiden noch zu einfältig wären / und sich viel zu sehr vor Gott fürchteten / als daß sie etwas / auch mit[1507] ihren Schaden / zu halten sich wegern solten / welches sie unter der Anruffung des göttlichen Nahmens versprochen hätten. Und wenn sie ja endlich nicht schweigen wolten / so könte hieraus kein grösser Unheil entstehen / als etwa auch daraus kommen möchte / wenn man das deutsche Frauenzimmer wider gegebene Treu und Glauben gefangen behielte und also ihren Landes-Leuten Anlaß gäbe einen an ihnen vollbrachten Meuchelmord zu muthmassen; oder wenn man sie loß liesse und damit Gelegenheit verstattete / dasjenige zu klagen /was ihnen ungütiges von dem Käyser widerfahren wäre.

Es wurden hiermit die gefangen-gewesene Fürsten und Grafen nebenst der Gräfin von der Lippe herzu gehohlet / und ihnen die Wahl gegeben / entweder zu schweren / daß sie in ihrem Vaterlande leugnen wolten etwas zu wissen / wie es dem gefangenen Frauenzimmer ergienge / ohne was Herrmann / Arpus und Jubil aus denen ihnen von Thußnelden und Catten mitgegebenen Briefen selbst ersehen würden; oder aber ihre Freyheit zu verlieren und zuzusehen / wie dem kleinen Herrmann der Kopff umbgedrehet werden solte.

Diese musten in einen sauern Apffel beissen / aus zwey Ubeln das kleinere erwehlen / und lieber schweren / die Warheit zu verschweigen / als durch Widerspenstigkeit des jungen Hertzogs Hinrichtung befördern: worauf sie denn mit gnugsamen Pferd und Wagen versehen und ohne ferneres Wortsprechen Italien zu verlassen genöthiget wurden.

Dieses war kaum verrichtet / als Saturninus die vor Scham gantz Feuer-rothe Catta zum Schlaff-Gemach wieder herausbrachte / da denn der leichtfertige Sejan das Bette alsobald zu besehen hinein lieffe und aus dem darauf gefundenen blutigen Wahrzeichen den Käyser versicherte / daß jener gethan / was Urtheil und Recht mit sich gebracht hätte. Tiberius aber umbarmte den traurigen Saturninus und sagte: Wenn ich nicht gewiß wüste / daß ihr einen Triumph verdienet hättet / solte ich fast dencken / als wenn euer Sturm bey der Cattenburg übel abgelauffen wäre; Massen euer niedergeschlagenes Gesichte sich vor einen Uberwundenen besser / als für einen Uberwinder schicket. Jedoch die Gelegenheit des Ortes und der Zeit will das wohlverdiente Siegs-Gepränge nicht zulassen; Nichts desto weniger soll die Triumph Gasterey unverzüglich ihren Fortgang haben.

Saturninus führte hierauf die Fürstin in ihr Zimmer / oder Gefängniß / da ihm unterwegens der über den Weinkeller verordnete Aristides begegnete / so ehemahls ein Griechischer Leibeigener gewesen / nunmehr aber ein Käyserlicher Freygelassener war. Mit diesem nahme er eine und andere Abrede und verfügte sich nachmahls zum Käyser / der mit denen bey sich habenden so unmenschlich zu sauffen anfieng / als wenn sie befürchtet hätten / sie müsten auf morgen mit der Catta sterben und also bey dieser Henckermahlzeit ihrer hitzigen Leber den letzten Dienst noch erzeigen. Sie geriethen hierüber in einen so harten Schlaff auf denen Purpur-Betten an der Taffel / daß man diese zu ihren Todtenbahren ja so leichte hätte machen können / so leichte es jener Königin war /ihren trunckenen Gemahl lebendig zu begraben.

Sallustius erwachete am ersten / kunte aber so wohl wegen Kopff-Schmertzen / als auch wegen der inzwischen angebrochenen Nacht in dem dunckelen Gemach keinen Stich sehen / hörte gleichwohl ein unsäglich Schnarchen so wohl an der Taffel / als auch in allen Winckeln des Zimmers / so daß es schiene /wenn dem Morpheus seine alte schwartze Höhle zur Wohnung nicht gut genug mehr wäre / könte er nirgends besser / als hieselbst ein anständiges Heiligthum antreffen. Er ermunterte mit grosser Mühe den[1508] Sejan / welcher aber meynte / jener solte kein Getöse anfangen / sondern die Nacht mit dieser Schlaffstäte zufrieden seyn.

Gegen morgen träumete den Käyser / als ob er einem Schauspiel zusähe / in welchem Mercur mit seiner Schlangen-Ruthen den hundertäugigen Argus einschläffte und ihm seine anvertraute und in eine Kuh verwandelte Jo entführte: Es bedünckte ihn aber / als ob die Sänger ihre Personen sehr übel vorstellten / da hingegen die andern Zuschauer ein lautes Freuden-Geschrey und Hände-Klopffen darüber anfiengen; welches ihn dermassen hefftig verdroß / daß er aufspringen und die nächsten unter denen Umbstehenden mit nachdrücklichen Schlägen überführen wolte / daß sie übel geurtheilet hätten. Uber dieser Bewegung stieß er sich wider den an seiner Brust liegenden Sejan / daß beyde aus dem Schlaff auffuhren und nicht wusten / ob die Pest im Hause wäre / weil sie über die zwantzig Leichen im Zimmer umb sich liegen sahen / derer doch die meisten durch das Schnarchen ihr noch währendes Leben anzeigten / zwey oder drey aber wahrhafftig sich zu tode gesoffen hatten. Hiernächst wurden die schlaffenden Gäste / wie auch Titus Cäsonius Priscus und alle die andern / die bey der Taffel gedienet hatten / aufgeweckt / auch die Leichen hinweg geschaffet. Tiberius aber befahl / die Catta zu hohlen; weil Trauben-Blut zwar gestern seinen Durst gestillet hatte / heute aber Menschen-Blut darzu erfordert wurde.

Saturninus wolte solches thun / fand aber vor dem Zimmer den Rhemetalces / welcher dem Käyser in seinem Pallast bey dem Aufstehn und Ankleiden hatte aufwarten wollen und nach erhaltener Nachricht / daß selbiger ausser Rom wäre / sich in dieses Garten-Hauß verfüget hatte. Der Wohlstand erforderte / den Fürsten alsbald und vor allen Dingen beym Tiberius anzumelden und / auf dessen Erlaubniß / ins Gemach zu begleiten. So bald dieses geschehen / gieng er mit etlichen Bedienten in der Catta Zimmer / in welchem er aber nichts / als eine Einöde antraff. Dannenhero er dem Käyser diese Nachricht brachte: Ich weiß nicht /ob unsere Catta verschwunden ist / oder sich dermassen gehärmet hat / daß sie / wie die Nymphe Eccho /in unsichtbare Lufft verwandelt worden. Dieses befrembdete die gantze Gesellschafft überaus sehr; daher iederman begierig wurde / den leeren Ort selbst in Augenschein zu nehmen. Allein wie sehr man die Catta suchte: so wenig fande man sie. Und wolte weder die Wacht des Zimmers / noch des Hauses /etwas von ihr wissen; wiewohl auch diese nicht sagen konte / wer etliche an beyderseits Orten in ihrem Blute liegende Leichen so übel zugerichtet hätte. Man vermeynte zwar / Catta würde sich in Thußneldens Zimmer geflüchtet haben; wie starck man aber gleich daselbst anklopffte und rieffe / so war doch nicht die geringste Antwort zu erlangen / also daß der ergrimmte Tiberius die fest verschlossene Thüre endlich mit Gewalt in Stücken hauen ließ. Doch auch hier war niemand zu sehen / noch zu hören. Tiberius befahl zwar etlichen Dienern / so wohl Thußneldens / als Cattens Zimmer von oben biß unten aus zu durchsuchen / ob man vielleicht einiges Merckmahl von dem finden könte / was zu dieser Flucht behülfflich gewesen. Allein sie brachten nichts / als das in der Cattischen Fürstin Gemach auf dem Tisch gestandene und Thußnelden ehemahls geschenckete Diamanten-Kästlein / in dessen Boden aber das Thußnelden-ähnliche Gesichte der Ariadne in hundert kleine Stücken zerstossen war. Es lagen aber vier Briefe darinnen / derer der erste also lautete:


An den unmenschlichen Wüterich Tiberius.


Der gerechte Himmel ist endlich mit der Probe meiner Gedult vergnügt /[1509] und weiset mir anietzt den We /gdeinem ungerechten Richterstuhl zu entgehen. Freue dich ja nicht über meiner vermeinten Schande. Denn ich versichere dich / daß Saturninus meiner Keuschheit so wenig Abbruch gethan / als Ixion deiner Juno soll gethan haben. Lebe wohl / daferne es die wohlverdiente göttliche Rache und dein unruhiges Gewissen zugeben können.

Catta.


So sehr sich nun Tiberius hierüber ereiferte: so sehr betrübte sich Rhemetalces über den abermahligen Verlust seiner geliebten Clotildis; und sahe sein vorgestriges Glück wie einen süssen / aber betrüglichen Traum an / in welchem man öffters isset und trincket /aber wenn man erwacht / eben so hungerig und durstig ist / als etwa zuvor. Jedoch es funde sich vor ihn ein sonderbarer Trost in dem andern also abgefaßten Schreiben:


An den ruhmwürdigsten Erben des Thracischen Reiches / Rhemetalces.


Die Freundschafft nöthigt mich / diesen Ort zu verlassen / ungeachtet die Liebe ihn vorgestern mir sehr angenehm gemacht hat. Ich hoffe inzwischen / der gütige Himmel werde meiner neuen Wallfahrt ehestens ein vergnügtes / unserer Gemüths-Vereinigung aber nimmermehr ein Ende geben.

Clotildis.


Der Käyser wuste nicht / ob er dieses Schreiben vor ein mit dem Rhemetalces angelegtes Spiel halten solte / weil ihm dessen Gegenwart bey so früher Tages-Zeit in diesem Garten-Hause sehr verdächtig vorkam. Gleichwohl weil er einen Brief von Thußnelden an sich liegen sahe / richtete er alle seine Gedancken voller Furcht und Hoffnung darauf / und lase / wie folget:


An den grossen Tiberius / Römischen Käyser.


Ich solte wohl vor die einige Zeit her erwiesene Höffligkeit mein stetswährendes Andencken versprechen / wenn nicht das schlimme Ende den guten Anfang aufhübe und der bißherigen Heucheley die Larve abnähme. Jedoch es mag der Anfang das Ende / wie der Schlangen-Kopff seinẽ Schwantz / verschlingen: Und will ich demnach / zur Danckbarkeit vor genossene Wolthaten / unsers so unbilligen Verfolgers jederzeit zu vergessen verbunden leben.

Thußnelda.


Unter diesem Schreiben ward noch eines gefunden /dieses Inhalts:


An die unvergleichliche Agrippina / des großmüthigen Feldherrns Germanicus Cäsars Gemahlin.


Das bißherige Sieges-Gepränge hat uns die Ehre dero hochgeschätzten Gegenwart entzogen. Und unsere eilfertige Abreise will uns noch weniger[1510] verstatten /den vertraulichen Abschieds-Kuß bey unserer hohen Wohlthäterin zu geben oder zu empfangen. Unterdessen werden wir dennoch dero werthes Andencken in unserm getreuen Gemüth heilig und unversehrlich aufbewahren / und ob gleich nicht mit dem Leibe /doch mit hertzlichen Wüntschen / Sie in Armenien zum Kriege und Siege begleiten.

Thußnelda /

vor sich und ihre Gesellschafft.


Tiberius gab hiermit dem Sejan Befehl / eiligst von Rom aus unterschiedene Soldaten denen Sicambrischen Fürsten Beroris und Dietrich nachzuschicken und zu sehen / ob das flüchtige Frauen-Zimmer ihnen gefolget wäre; Auf welchen Fall sie die deutschen Fürsten und Grafen geschwind aus dem Wege räumen und die Fürstinnen wieder nach Rom bringen / sonsten aber / wenn jene noch alleine-reisend angetroffen würden / ihnen keine Unhöffligkeit erweisen solten. Er sollte auch eine andere Schaar nach dem Lust-Hauß senden / umb daselbst die bißherige Wacht in Ketten und Bande zu schliessen und den fünfften unter ihnen / nach geworffenem Loße / nieder zu hauen.

Unterdessen dachte der Käyser nach / ob Germanicus / Rhemetalces / Segesthes / Saturninus / oder wer sonst in der Welt / Thußnelden zu ihrer Flucht hülffliche Hand geboten / und schwur bey sich / seine Feindschafft wider ihn nicht anders / als durch den Tod zu endigen. Sonderlich wurde Saturninus auf Cattens Brieff befraget / ob nehmlich sie mit Wahrheit sich ihrer unversehrten Jungfrauschafft rühmen könte? Dieser aber gab zur Antwort: Ich meyne ja /Sejanus habe im Bette einige Merckmahl dessen / das vorgegangen ist / gefunden. Wer will mich aber versichern / ob ich nicht / nach der Catta Bericht / durch eine zauberische Verblendung ein Ixion worden / welcher an statt der Juno eine Wolcke unter der Göttin Gestalt umbfangen und seine blinde Begierden daran ausgelassen hat? Haben denn so viel Menschen ohne Kräuter eingeschläfft werden / oder die Flüchtigen durch eine so starcke Wacht ungesehn durchkommen können / wenn sie sich nicht gleich dem Gyges vermittelst eines Zauber-Rings unsichtbar gemacht? Tiberius muste zu frieden seyn / und mit dem Rhemetalces / Sallustius / Saturninus und andern von seinen Bedienten nach Rom wiederkehren / ohne daß er wuste / wen er unter ihnen vor Freund oder Feind halten solte; Und weil er also niemand finden konte / den er dem Hencker übergeben möchte / so wurde er indessen sein eigener Hencker; massen doch ein lasterhafft Gewissen eine ärgere Marter ist / als des Phalaris glüender Ochs.

Dieser unbeständige und stürmische Aprill währte in seinem Gemüthe noch / als der liebliche May dem gleich selbigen Tag eintretenden warmen Junius wieche: und in seinen Gedancken war ein hefftigerer Sturm / als wohl jener bey der Insel Corsica mochte gewesen seyn / wodurch des Lucius Scipio Schiffsflotte beynahe untergangen wäre / zu dessen Andencken / und Abwendung dergleichen bevorstehenden Ubels / der Göttin des Ungewitters in ihrem Tempel vor dem Capenischen Thor auf dem Appischen Wege / eben an diesem ersten des Monats Junius / das jährliche Fest-Opffer gebracht wurde. Es war aber auch selbigen Morgen der sämmtliche Rath der Stadt Rom zusammen beruffen / wobey sich denn unter andern Tiberius / Germanicus / Drusus / Sejanus und Saturninus einfunden.

Das erste Reichs-Geschäffte / so abgehandelt ward / betraff die Burgermeisterwahl auf[1511] künfftiges Jahr /da denn der Käyser selbst zum dritten / Germanicus aber zum andernmahl zu solcher Würde ernennet wurden. Dem Pomponius Flaccus ward das Stadthalter-Amt in Mösien zu verwalten aufgetragen / so bald er sein noch tragendes Bürgermeisterliches Amt würde abgeleget haben. Germanicus erklärte sich innerhalb zwey Wochen seinen Armenischen Feldzug anzutreten. Er muste aber zu seinem grossen Verdruß hören /daß Cnäus Piso Landpfteger in Syrien werden solte /da ihm denn der Sinn zutrug / daß dessen boßhafftiges Gemüthe ihm tausendfachen Verdruß in denen Morgen-Ländern anthun würde.

Rhemetalces ward hiernächst bey dem Rath angemeldet / und vorgelassen; da er denn tausenderley Versicherungen einer aufrichtigen Gewogenheit vor sich und die seinigen / nebenst einem Schreiben an seinen Vater / erhielt / dieses Inhalts: Der Käyser /wie auch der Römische Rath und Volck / verlangten nichts höhers / als den Wohlstand ihrer Nachbarn; nehmen demnach gerne auf sich / die Streitigkeit derer beyden Thracischen Könige zu entscheiden. Nachdem aber ein Richter zwey Ohren hätte / ümb eines dem Kläger / das andere dem Beklagten zu Dienst zu gebrauchen; als könnten und wolten auch sie nicht ehe den vom König Rhascuporis gefangenen König Cotys verdammen / bevor sie seine Verantwortung angehöret hätten. Getraute sich nun jener recht zu haben /möchte er diesen dem Latinius Pandus / Unter-Land pfleger in Mösien / übergeben / der ihn sicher nach Rom bringen würde. Rhascuporis selbst aber solte sich gleichfals dahin begeben und gewiß glauben /daß sie nach Anhörung beyder Theile ihren möglichsten Beystand weder einer gerechten Sache versagen /noch einer bösen leisten würden.

Rhemetalces / dem der Inhalt des versiegelten Schreibens mündlich kund gethan wurde / danckte für diese gewierige Antwort / nahme damit seinen Abschied / und eilete zwey Stunden hierauf aus Rom /damit er nicht durch längeres Verweilen seinem Vater Anlaß geben möchte / noch mehrere Grausamkeit an dem unschuldigen Cotys auszuüben.

Gegentheils kamen selbigen Tag die Ritter Kulenburg und Tannenberg als Abgesandte von dem König der Marckmäñer Marbod vor Rom an / und liessen ihre Anwesenheit dem Sejanus durch einen von ihren Edelleuten zu wissen machen; worauf denn dieser alsbald anordnete / daß sie auf dem Marsfelde biß zu ihrer Verhör in einem Käyserlichen Lusthauß ihre Wohnung und reichliche Verpflegung haben solten. Die Ursach ihrer Ankunfft war diese: Es hatte das Glück dem Marbod / dem es ehmahls angetraut zu seyn schiene / einige Zeit her einen Scheide-Brieff gleichsam geschickt; und gleichwie dessen Macht und Gewalt von Jahren zu Jahren gewachsen war; also nahm es nunmehr von Tagen zu Tagen ab / und zwar so plötzlich / daß man alle seine fast unzehlbaren Unterthanen für einen grossen Schneeberg hätte halten mögen / der aus einem kleinen Balle durch das stete hin- und herweltzen zu einer ungeheuren Grösse kommen war / den vergangenen Frühling aber zu zerthauen und zu zerfliessen angefangen hätte. Denn nachdem die Semnoner und Langobarden sein Joch von sich geworffen / und den gütigen Feld-Herrn derer Deutschen / Hertzog Hermannen / zu ihrem Ober-Herrn erwehlet hatten / gewann es das Ansehen / als ob dem Königlichen Marbodischen Stuhl ein Bein abgebrochen wäre / und dahero selbiger auf denen übrigen nicht lange mehr bestehn / sondern gar bald den Schwang zu seinen Untergange bekommen würde.

Der tapffere Inguiomer hatte indessen Marbods Tochter geheyrathet; und hierdurch ward zwar seine Liebe / nicht aber seine Ehrsucht vergnügt. Darumb reitzte er seinen Schwäher-Vater[1512] an / nicht nur seine noch getreuen Länder zu verwahren / sondern auch die abgefallenen unter seinen Gehorsam wieder zu bringen; weil doch die Klugheit eines Fürstens nicht weniger aus der stetswährenden Erhaltung seiner Gräntzsteine / als aus dero ehemahligen Setzung zu ersehen / und es weit beschwerlicher wäre / den Verlust eines grossen Königreichs bey seinem Leben zu erfahren / als etwa in einer geringen Bauerhütten so wohl den ersten Athem zu hohlen / als den letzten auszublasen. Dieses Zureden des hitzigen Inguioners thauete das gefrohrne Blut in des Marbods Adern auf / daß er mit einem mächtigen Heer von Marckmännern / Hermundurern / Sedusiern / Bruckterern /Lygiern / Gothonen und dergleichen Völckern / in die Gräntze der Langobarden einfiel / des festen Fürsatzes / entweder alles / was er jemahls gehabt / wieder zu gewinnen / oder alles zu verlieren. Er eilete nach aller Möglichkeit / über den Havelstrom aufs geschwindeste zu gehn / damit der Feind keinen andern Zeitungsbringer von seiner Ankunfft haben möchte /als sein Feuer und Schwerdt. Allein der kluge Herrmañ hatte dieses längst vermuthet. Dannenhero war diesseits das Ufer mit sechs tausend Langobarden stets besetzt geblieben / welche etliche Tage den Marbod über den Fluß zu kommen abhielten / endlich aber weichen / und sich auf den mit acht tausend Semnonern / fünff tausend Cheruskern und drey tausend Langobarden ihnen zu Hülffe eilenden Feld-Herrn zurück ziehen musten; worauff denn Marbod sein Lager schlug / und zur Schlacht Anstalt machte / welche aber nicht so bald geschehen konte / daß nicht unterdessen so wohl der junge Gottwald mit tausend Cheruskern / als auch Iubil mit drey tausend Hermundurern sich mit dem Feld-Herrn vereinigt hätten / also daß dieser sechs und zwantzig tausend wohlversuchte Soldaten gegen des Marbods seine viertzig tausend ins Feld stellen konte.

Er ermunterte sie zur Tapfferkeit mit dieser Rede: Auf! Auf! ihr unüberwindlichen Deutschen! folget /wohin euch das Glück ruft; und befestigt durch die Uberwindung dieses inheimischen Feindes eure ehemahligen Siege wider die auswärtigen Feinde des deutschen Reiches. Wie lange ists / daß ihr denen mächtigen Römern eure Freyheit und ihre selbsteigenen Waffen aus denen Händen wundet? wie lange ists / daß so viel Legionen durch den Blitz eurer Schwerter entweder erschlagen / oder dermassen geblendet wurden / daß sie sich in die Sümpffe und Moräste verkrochen und ihre Sicherheit in ihrem gewissen Verderben suchen musten? Solte denn Marbod mehr Kraft / mehr Hertz / mehr Glück / als die Römer haben? Marbod / (sage ich /) der sich besser mit der Flucht als der Schlacht behelffen kan / und niemahls /als durch List und Verrätherey / obgesieget hat? Daß er auch vor denen Römern sicher ist / hat er nicht seinen Waffen / sondern seiner Kleinmuth und denen finstern Schlupflöchern des Hercynischen Waldes zu dancken. Denn ehe jene sich wagen wolten / ihn darinnen aufzusuchen / willigten sie lieber / auf sein inständiges bitten / in das vorgeschlagene Bündnüß und spareten desto williger ihr Blut / weil sie den verzagten Marbod ohne Blutvergiessen aus einem freyen Könige / zu ihrem Leibeigenen machen konten. Wohlan denn / ihr tapffern Brüder! greifft diesen Verräther des Vaterlandes mit solchem Muth und Glück an / als ehmahls den Qvintilius Varus; und seyd versichert / daß Marbod noch mehr als jener verdienet /unser Feind zu seyn / seine Uberwindung auch uns mehr Ehre / Beute und Sicherheit / als die Niederlage jener drey Legionen / bringen wird.

Mit dem letzten Wort gab er das Zeichen zur Schlacht / da denn das gantze Heer mit Zusammenschlagung derer Schilde und einem grausamen Geschrey ihre Willigkeit zu fechten[1513] bezeugete. Marbod hatte gleichermassen den Seinen mit diesen Worten ein Hertz eingeredet: Recht so! Meine lieben Getreuen! Euer unverzagter Muth ist des höchsten Lobes würdig / mit welchem ihr mir eurem sorgfältigen Landes-Vater Beystand leistet / seine ungerathene Kinder wieder zum Gehorsam zu bringen und von dem Joch des betrüglichen Cheruskers zu erlösen. Die Mühe wird nicht gar groß seyn / weil wir fast zwey oder drey Mann einem entgegen setzen können / und jeder unter euch ihrer zehnen unter jenen an Hertz und Erfahrenheit überlegen ist. Wahr ists: Herrmann hat ehmahls drey Römische Legionen aus dem Felde geschlagen / und er bildet sich ohne Zweiffel mehr hierauf ein / als weñ er den Himmel gestürmt und erobert hätte. Aber o des elenden Sieges! Hätte er nicht durch vielfältigen Meyneid dẽ Quintilius Varus eingeschläffet / so würde der ohnmächtige Zaunkönig denen Krallen derer Römischen Adler ihre Beute schwerlich entrissen haben. Einen schlaffenden Löwen kan auch wohl ein Kind / einen schlaffenden Crocodil eine Mauß / und einen schlaffenden Varus der kindische und furchtsame Herrmann umbbringen. Und ach! wie viel Blut hat dieser unzeitige Sieg das arme Deutschland gekostet! Wäre dieser nicht erlangt worden /Tanfanens Heiligthum stünde noch / Mattium wäre nicht verbrant / die Länder derer Sicambern / Chaucen / Marsen / Bruckterer / Friesen / ja der Catten und Cherusker selbst / wären nicht biß auf den Grund verwüstet und verheeret worden. Aber so gehts / wenn man einem jungen närrischen Phaeton den Sonnen-Wagen und einem naseweisen Herrman Deutschland zu regieren anvertrauet. Seine eigene Gemahlin und Sohn müssen seinen Frevel in der Römischen Gefängniß noch diese Stunde büßen / uñ ich fürchte / gantz Deutschland dürffte endlich erfahren / daß der / den sie bißher wie eine Sonne verehret / ein schädlicher Schwantzstern gewesen sey. Hingegen seht hier den unvergleichlichen Ingviomer / dessen weiser Rath und tapffere Faust dem tummkühnen Herrmann alle seine Siege zu wege / aber lauter Undanck zum Lohne davon gebracht hat. Unter einem solchen Mann dürffet ihr euch nicht schämen zu fechten / ob euch gleich sonst der Sieg wider den Herrmann verächtlich düncken möchte / der ehe ein Ehemann worden / ehe er recht zum Manne geworden / und seine Kräffte der Venus allbereit aufgeopffert hat / da er kaum die Erstlinge davon dem Krieges-Gotte dargebracht hatte. Mich selbst will ich nicht rühmen. Der todte Briton /Gottwald / Dietmar / Critasir / mögen aus dem Staube vor mich das Wort reden. Doch bedünckt mich / dieses sey eine von meinen glückseligsten Begebenheiten / da Tiberius mit zwölff gantzen Legionen meine Gräntze zwar angefochten / aber so wenig ausgerichtet hat / daß er einen für uns sehr vortheilhafften Frieden eingehen müßen. Und dem Himmel und eurer Tapfferkeit sey Danck / daß es in unseren Händen stehet / ob wir wollen einen neuen Krieg denen Römern anbieten / oder Ruhe und Friede ohne Blut und Brand von ihnen annehmen. Allein was brauchts viel Worte? Folget mir / eurem ietzigen / und dem großmüthigen Bructerischen Hertzog / eurem zukünfftigen Könige /zur Schlacht / oder besser zu sagen / zum Siege!

Das Ende dieser Rede kunte man vor dem Schall der Paucken / Krumbhörner und messingen Töpffe nicht hören / welcher denn durch ein wüstes Feldgeschrey verdoppelt ward. Das Haupt-Heer führte Marbod selbst / den rechten Flügel Ingviomer / den lincken der Graff von Steinfurth.

Bey denen Cheruskern hatte das mittelste Heer den Feld-Herrn Herrmañ / der rechte Flügel den Hertzog Jubil / der lincke aber den alten wohlversuchten Helden / den Grafen von[1514] Nassau / zum Haupt und Anführer. Die Schlacht war so hitzig und so blutig / daß die vielfältigen Sümpffe und Lachen / die hier und dar auf der Wahlstatt waren / fast mehr Blut als Wasser in sich hielten. Ingviomer machte anfänglich dem Nassau überaus viel zu thun. Weil aber seine Völcker mehrentheils Hermundurer und Gothonen waren / verliessen sie ihn nach und nach / also daß es dem Nassau ein leichtes war / durch diese Lücken in des Feindes Flügel einzubrechen / und nachdem derselbe sich über die zehenmahl wieder in Ordnung gesetzet hatte / ihn gäntzlich aus dem Felde zu schlagen. Es wäre auch solches vielleicht noch nicht geschehen / wenn nicht Ingviomer selbst durch den Schweinitz am rechten Arm verwundet / bald hierauf mit dem unter ihm von Ritter Tschirnhausen erstochenen Pferde gestürtzet wäre; worauf denn mehr als viertzig von seinen Grafen und Edelleuten das Leben einbüsseten / indem sie verwehrten / daß Schweinitz und Tschirnhausen ihren Sieg an dem auf der Erde liegenden Fürsten nicht vollenden konten. Ingviomer kam hiermit wieder zu Pferde; weil aber seine Völcker / über dem falschen Geschrey von dem Verlust ihres Hauptes / die Flucht ergriffen hatten / muste auch er / er mochte wollen oder nicht / jenen nachfolgen.

Hingegen hatte der Graf von Steinfurth grosse Ehre wider den Jubil eingelegt; denn weil der Oberste derer unter dem Hermundurischen Hertzog fechtenden Langobarden / Fürstenberg / welcher den ersten Angriff thun solte / ein heimlich Verständniß mit jenem hatte / wiche er ohne alle Noth nach geringen Widerstande zurücke / und brachte damit Furcht und Schrecken in den gantzen Flügel. Der unverzagte Gardeleben entsetzte ihn zwar mit grosser Hertzhafftigkeit; Allein das Glück hatte einmahl den Hang zu denen Marckmännern bekommen / und dannenhero ob sich gleich Jubil den gantzen Tag mit unsäglicher Mühe wehrete und über sechs Wunden aufzuweisen / vier Pferde aber unter dem Leibe verlohren hatte / muste er doch endlich das Feld räumen.

Unterdessen war Britomartes der Bastarnische Fürst / dem König Marbod einige von seinen Völckern untergeben und die Ehre des ersten Angriffes vergönnet hatte / mit dem Gothonischen Fürsten Gottwald und seinen Cheruskern ins Handgemänge gerathen; und nachdem dieser durch den Grafen von Steinau mit einigen Semnonern / jener durch den Sarmatischen Fürsten Boleßla mit Sedusiern und Harudern verstärckt worden war / gieng der Streit so hefftig an /daß man über die Tapfferkeit aller vier Helden sich nicht genug verwundern konte; ungeachtet die Verwirrung der Schlacht keinem eintzigen Menschen verstattete / alle Thaten eines iedweden in acht zu neh men. Hermann hatte bißher mit Rathen und Befehlen das Amt eines Feldherrn verwaltet; nunmehr aber dachte er selbst mit dem Degen in der Faust in Marbods Heer einzubrechen / umb vielleicht denselben hiermit in Zweykampff zu bringen / und durch seine Niederlage dem Kriege ein Ende zu machen. Allein /weil dessen rechter Flügel gäntzlich geschlagen war /der lincke aber / der den Jubil bißher so herumb getrieben hatte / durch den Cheruskischen Entsatz wieder zurück zu weichen genöthiget ward / als ließ dieser König / über alles Vermuthen des Feindes / zum Abzuge blasen / und zoge sich auf die unferne von der Wahlstatt liegende Hügel / jedoch fechtend und mit so guter Art / daß die Cherusker / aus Furcht eines Hinterhalts / zu folgen sich nicht getraueten.

Diese kleinmüthige Flucht verdroß den Britomartes und Boleßla so sehr / daß sie deßwegen / doch mit aller Höffligkeit / den Marbod zur Rede setzeten / so bald sie im Lager zusammen kamen. Aber er antwortete ihnen gar nicht nach ihrem Sinne / der auf die hertzhaffte Fortsetzung der Schlacht gerichtet war; sondern gab unter[1515] andern vor / er hätte solches thun müssen / weil er sonst die übrigen seines rechten Flügels nicht wieder an sich ziehen / noch auch den lincken Flügel verhindern können / sich allzu weit von dem mitteln Heer zu entfernen / und daß endlich nicht sie / sondern er / als Herr und Haupt aller dieser Völcker / am besten wissen müste / ob er seine getreuen Schafe / umb etliche räudige unter seine Heerde wieder zu bringen / auf die Schlachtbanck liefern sollen /oder nicht. Weil er nun dieses mit einer sehr verächtlichen Art verbrachte / auch sich immer mürrischer vernehmen ließ / ie höfflicher die vernünfftigen Gegeneinwürffe der beyden Fürsten waren; begehrten sie beyderseits ihre Erlassung / welche Marbod ihnen auch stehendes Fusses gab / und sie mit ihren eigenen Sarmatisch- und Bastarnischen Edelleuten nebenst einer kaltsinnigen Dancksagung für ihren bißherigen Beystand / ihres Weges ziehen ließ: Alldieweil er vermeynte / man würde eine handvoll Volckes unter so viel tausenden nicht vermissen. Aber er bedachte nicht / daß es mehr schadete eine so genante handvoll Helden / als noch so viel tausend gemeine Knechte verlieren. Ihr Abzug machte ein grausames Gemürmel und eine fast tödtliche Furcht in dem gantzen Lager /dessen Würckung erst folgenden morgen zu sehen war / indem alle Gothonen und Sedusier / ja etliche vornehme Marckmänner zu Herrmannen und Gottwalden / alle Hermundurer aber zum Jubil / durch Hülffe der dunckeln Nacht / übergegangen waren. Hatte nun Marbods Lager zuvor das Ansehen einer volckreichen Stadt gehabt / so ward es ietzo zu einer Wüste / in welcher er sich länger zu bleiben fürchtete / dannenhero über Hals und Kopff in sein Marckmännisches Gebiet die Flucht nahme / und damit dem grossen Herrmann den völligen Besitz der Semnonischen und Langobardischen Lande einräumte und überliesse.

Zu Maroboduum traff er den gefährlichverwundeten auf dem Bette liegenden Ingviomer in der Gesellschafft seiner höchst-bekümmerten Gemahlin an. Welche / als sie den unvergnügten Abschied derer Sarmatisch- und Bastarnischen Erb-Fürsten vernahm /höchlich erschrack / und weil Ingviomer wegen seines Wund-Fiebers nicht reden konte oder durffte / selbst Gelegenheit nahm / ihren Vater / den Marbod / also ungefehr anzureden: Ich weiß nicht / gnädigster Herr und Vater / warumb mich die Wegreise des Britomartes und Boleßla so sehr betrübet; Ungeachtet der Schmertz über die hefftige Kranckheit meines allerliebsten Gemahls mein Gemüthe dermassen angefüllet hat / daß es fast unmöglich scheinen solte / daß ein anderer Kummer noch einigen Raum darinnen finden könte. Allein / wahrhafftig! der Verlust zweyer so theuern Helden und zweyer so treuer Freunde unsers Hauses ist noch wohl einer ungemeinen Empfindligkeit werth. Deñ ein Freund ist ein lebendiger Schatz /der lange gesucht / aber selten gefunden wird / und sehr sorgfältig bewahret werden muß. Niemand in der Welt ist so reich / so hoch / so mächtig / der nicht Freunde bedürffte. Sonderlich aber sind solche Freunde nicht leichtlich vor den Kopff zu stossen / die uns mit ihrer Gunst nützen / mit ihrer Ungunst schaden können. Nun aber ist die kluge Erfahrenheit / der kühne Muth / die tapffere Faust des Boleßla und Britomartes es nicht allein / was wir hoch zu achten hatten / sondern ihre volckreichen Länder hätten zugleich auf allen Nothfall uns so wol streitbare Hülffs-Völcker / als auch einen sichern Auffenthalt und Freystatt geben können. Dahingegen nunmehr der vorige köstliche Wein in desto schärffern Eßig / ihre ehemahlige dienstfertige Gunst in desto unversöhnlichern Haß sich verwandeln möchte. Alldieweil auch keine Funcke Feuer so klein ist / die nicht einen gantzen Palast anzünden könte / wenn man sie nicht wohl verwahret; oder kein Mensch so ohnmächtig / daß[1516] er nicht seinem Beleidiger einigen Schaden wieder anthun könte: was soll ich denn von zwey so grossen Fürsten sagen / oder fürchten? Zu geschweigen / daß alle benachbarten Höfe sich vor unserer Freundschafft hüten dürfften / wenn sie aus diesem Exempel die Folge machen wolten / daß wir angebotene Dienste zu unserm Nutzen von iederman willig annehmen / einen wolverdienten Freund aber durch gebührende Bescheidenheit und danckbare Erkentlichkeit zu erhalten unbemühet wären.

Marbod antwortete: Ich weiß wol Freunde zu erhalten; allein sie müssen meine Freunde bleiben / nicht meine Herren werden. Denn was hilfft michs / ob diese beyden Frembdlinge verhindern / daß ich nicht unter Herrmañs Joch gerathe / wenn sie selbst meinen Willen beherschen wollen? O! nein! Ich bin viel zu alt / als daß ich diesen unbärtigen Jünglingen / meine Lehr- und Zuchtmeister zu seyn / verstatten solte. Gnädigster Herr und Vater! (wandte Adelgund ein) Eure Majestät vergeben / daß ich bitte / diese tapffern Fürsten wegen ihrer unbärtigen Jugend nicht zu verachten / nachdem man die Helden nicht nach denen Bärten ausmässen / sondern nach ihren Thaten schätzen muß. Ich kan aber keines weges begreiffen / warumb eure Majestät die ohne Zweiffel wohlgemeinte Erinnerung dieser so höfflichen und vernünfftigen Fürsten so gar übel ausdeuten. Gesetzt auch / sie hätten ein wenig zu frey und scharff geredet / pflegt man denn eine Biene deßwegen wegzujagen / weil sie einen Stachel führt / und nicht vielmehr an sich zu locken / weil sie mit ihrem Honig uns nützen kan? Wer von einem Freunde seine aufrichtige Meinung ohne alle Heucheley hören kan / und doch die Freyheit behält das zu thun / was ihn seine eigene Vernunfft lehren wird / der ist der glückseeligste auf Erden. Denn iedweder Sterblicher braucht ja so wohl jemand / die Fehler seines Gemüths / als einen Spiegel / die Flecken seines Angesichtes / zu erkennen. Man laß auch seyn / daß der Freund uns dieses mahl zur Ungebühr einrede: vielleicht trifft ers ein ander mahl besser. Und damit er nicht alsdenn schweige / muß man ihm auch ietzo gedultig Gehöre geben. Ist doch eine freundliche Erinnerung nur ein Rath / nicht ein Befehl: kein König aber ist so groß / daß er sich einen Rath anzunehmen schämen dürffte. Und ich kenne die Art dieser unvergleichlichen Fürsten allzu wohl / als daß ich vermuthen solte / daß sie ihre Einrede vor ein unverbrüchlich Gesetz / keines weges aber vor ein unvorgreifflich Gutachten / ausgegeben hätten. Wir haben ja Heuchler gnug an unserm Hofe / die eben so leicht Worte finden unsern grösten Fehler / als wie jene Griechen / die Fliegen / Fieber und Glatzen / zu lobon. Allein was sind wirs gebessert / wenn wir uns gleich die süsse Einbildung beybringen lassen / wir könten so wenig / als Götter / irren? Wir verlieben uns hiermit in unsere alte Mängel / an statt daß wir selbige abschaffen solten. Diese unglückliche Eigen-Liebe heckt hernachmahls unzählige Mißgeburten /sonderlich Spott bey der klugen Welt / bey uns aber eine allzuspäte Reue.

Liebste Adelgund! (versetzte der König /) ihr seyd allzu kleinmüthig! Das hoffe ich nimmermehr zu erleben / daß ich ausser meinem Reiche zu einigen Menschen Zuflucht nehmen müste. Am allerwenigsten aber soll es in Sarmatien oder Bastarnien geschehen. Der Römische Bothschaffter / Vellejus Paterculus /hat mich tausendmahl versichert / daß die gantze Macht des unüberwindlichen Roms mir / als dessen treuesten Bundesgenossen / im Fall der Noth zu Dienst stehe. Dannenhero will ich ehest Römische Legionen gnug in meinem Lande haben / wenn ich nur den Käyser darumb gebührend begrüssen will. Ach! gnädigster Herr und Vater! (erwiederte Adelgund /) Wolte der Himmel / daß wir so gar sicher zu seyn Ursach hätten / als eure Majestät sich einbilden. Unser[1517] Reich ist ein grosser Leib von vielen Gliedern. Der kalte Brand hat etliche von diesen schon gefressen: Wer weiß / ob er nicht weiter umb sich greiffen möchte? Wir wären warlich nicht die ersten in der Welt /die den Unbestand des Glücks erfahren hätten. Wer würde es dem Briton gesagt haben / daß er den Kopff auf dem Block unter dem Beil verlieren solte? Wie will man doch unter dem wandelbaren Mond was unwandelbares finden? Die schönste Morgenröthe bringt mehrentheils einen trüben Tag; und ein glücklicher Anfang im Regiment ni t öffters ein unglückliches Ende. Wohl dem / der zu beyden geschickt ist / und weder wegen eines ungewissen zukünfftigen Unglücks sich vor der Zeit härmet / noch auch dasselbe aus allzugrosser Vermessenheit vor eine unmögliche Sache hält! Solte aber nun einiger menschlicher Zufall auch über uns verhänget seyn / ich fürchte / es möchte alsdenn mit unsern Freunden wie mit denen Arabischen Ziphern gehe; da man etwan nur eine eins oder zwey weg thun mag / so sind alle die nachfolgenden /obgleich unzähligen / Nullen nichts nütze. Es wäre uns demnach gar gut / wenn wir nicht nur den Britomartes und Boleßla / sondern auch noch mehr ihres gleichen zu Freunden hätten / damit wir auf den unverhofften Nothfall desto ehe die Wahl hätten / und /wo einer nichts von uns wissen wolte / bey dem andern Hülffe fänden. Daß aber eure Majestät so grosse Hoffnung auf die Römer setzen / muß ich mir so gefallen lassen. Gleichwohl haben sich Tiberius und Paterculus schon mehr als zu viel verrathen / daß ihnen gute Worte nicht sauer anko en / und das Heucheln und Betrügen ihr ordentlich Handwerck sey. Ich habe neulichst ein eintzig stück von einer Römischen Historien gesehen / so Paterculus zu schreiben willens ist. Warhafftig fast mehr Schmeicheleyen gegen den Käyser und den Sejan / als Worte waren drinnen enthalten! So er nun sich nicht für einen Schimpff hält /durch Papier / Feder und Tinte seine Unwarheiten der Welt bekant und sich verbindlich zu machen / selbige jederzeit zu verthädigen; wie solte er uns nicht geschmierte Worte ohne Bedencken geben / nachdem dieselben verschwunden / so bald er sie gesprochen hat / und wir demnach sie ihm nimmermehr wieder vor Augen legen können / wenn ers nicht mehr vor nöthig hielte / zu gestehn / daß er dergleichen geredt hätte. Sagte doch unlängst ein kluger Mann / Abgesandten wären solche Leute / die an andere Höffe hingeschickt würden / umb daselbst eine Zeitlang zum Nutzen ihrer Herren zu liegen; da denn die Aussprache des letzten Wortes so zweiffelhaftig klunge / daß man nicht wuste / ob er liegen oder lügen sagen wolte. Ich halte / diese Beschreibung dürffte an unserm Vellejus am gewissesten eintreffen. Jedoch der Himmel verhüte / daß wir weder bey ihm / noch bey seinem Herrn / Schutz und Hülffe zu suchen genöthiget werden!

Marbod bedachte sich hierauf ein wenig; endlich sprach er: wir müssen uns in die Zeit schicken; auch /weil wir noch mächtig sind die Römer zu Hülffe ruffen / und in ein festes Kriegs-Verbündnüß wider unsere Feinde verwickeln. Denn bey unserm jetzigen Zustande lassen sie es wohl bleiben / daß sie sich unserer Freundschafft gäntzlich entschlagen solten / welches ehe geschehen möchte / wenn wir gantz und gar von Land und Leuten verstossen wären. Und demnach werden wir desto weniger das zu befürchten haben /was euch / geliebtste Tochter / so furchtsam machet. Hiermit gieng er aus dem Zimmer / und lase unter seinen Rittern den Kulenburg und Tannenberg zu Abgesandten nach Rom aus. Selbige musten selbdreißig des Tages hernach aufbrechen und kahmen endlich den Nachmittag vor Rom an / an welchem Rhemetalces nach Thracien abgereiset war.[1518]

Weil sie nun umb Beschleunigung der Verhör Ansuchung thun liessen / wurden sie folgenden Tages auf das Capitolium durch den Sallustius gehohlet / da sie denn dem Käyser und Römischen Rath des Marbods Schreiben übergaben / in welchen er ümb eine Vereinigung der Römischen Waffen mit denen Seinigen wider die Cherusker anhielt. Sie wurden darauf mit aller Höfflichkeit wieder aufs Marsfeld gebracht. Zwey Tage hernach erhielten sie die Abschieds-Verhör / welche aber ihnen zu schlechten Trost gereichte. Denn sie empfingen diese so münd- als schrifftliche Antwort: König Marbod fordere unbillig einigen Beystand von denen Römischen Waffen wider die Cherusker / nicht allein / weil die Römer nur neuligst einen beständigen Frieden mit diesen geschlossen /sondern auch weil er denen Römern seinen wircklichen Beystand versaget hätte / da sie annoch mit denen Cheruskern in einen so schweren Krieg verwickelt gewesen wären / und ihn durch ihren Gesandten /den Servilius / ersuchen lassen / ihre Freunde und Feinde auch für die Seinigen zu halten. Jedennoch aber wolten sie seinen Feinden wider ihn nicht behülfflich seyn; Vielmehr sollte des Käysers Sohn Drusus in Illyricum ehester Tage abreisen / und nicht zwar mit denen Waffen / doch mit nachdrücklichen Zureden / den Frieden in gantz Deutschland zu vorigem Stand wieder bringen.

Die armen Marckmännischen Gesandten musten mit einer so schlechten Verrichtung ihres Weges wieder fort ziehen / und hatten keinen andern Nutz / als daß sie draus lernen kunken / daß wer auf Menschen sein Vertrauen setzet / der baue ein Schloß auf einen Hauffen Schnee / oder auf einen gefrohrnen Strohm. Denn / so lange man keine Hülffe bedarff / ist iederman darzu willig und erbötig; So bald aber die Noth an Mann gehet / so sind die vorigen Freunde schwerlich zu erhalten / und gebrauchen sich ihres höhern und bessern Zustandes mehr zu unsern Schaden / als Nutzen; gleich wie etwan Qvecksilber / wenn es ein wenig Hitze ausstehen soll / davon und in die Höhe fleucht / in der Höhe aber zum schädlichsten Gift wird.

Diese öffentlichen Feinde des deutschen Feld-Herrn Herrmanns waren kaum aus Rom hinweg / als Schreiben von einem seiner heimtückischen Feinde ankamen / welche der Käyser bey der ersten Raths-Versamlung durch den Bürgermeister Cäcilius nachfolgender massen ablesen ließ:


An den Unüberwindlichen Claudius Tiberius Nero /Römischen Käyser / Beherrschern der Welt.


Nachdem Eurer Käyserlichen Majestät an denen Cheruskischen / Cattischen und Marckmännischen Höfen einige geringe / doch treue und vielleicht nicht unnützliche Dienste zu leisten / ich ehemahls das Glück gehabt; als wird verhoffentlich mein Nahme nicht so unglücklich seyn / daß er dero allergnädigsten Andencken gäntzlich entfallen wäre. Ich gehe jetzund in der Irre in meinem Vater-Land; und lebe zwar in Deutschland / doch so / daß ich diesem gantz abgestorben / und hingegen mein Leben allein nach Eurer Käyserlichen Majestät allergnädigsten Belieben anzuwenden oder aufzuopffern erbötig bin. Daß ich ehemahls dem Cheruskischen Hertzog das Leben mit Gefahr meines Lebens gerettet / damit hab ich keine Gunst bey denen Deutschen / und lauter Haß bey denen Römern verdienet. Solchen Fehler an beyden Orten zu verbessern / bin ich des Vorsatzes / diesem Undanckbahren das ehemahls-gerettete Leben zu nehmen / und damit Rom von einem gefährlichen Feinde / Deutschland von einem ehrsüchtigen Tyrannen / die[1519] Welt von einem unruhigen Friedensstöhrer zu befreyen. Mit dem Degen in der Faust will sich die Sache nicht thun lassen; massen Herrmann niemahls ohne starcke Leib-Wacht ist: Gifft aber scheinet das kürtzste und sicherste Mittel zu seyn. Jedoch / weil dergleichen in unsern Landen nicht zubereitet wird /werden Eure Käyserliche Majestät so viel / als zu einer so wichtigen und heilsamen Unterfahung nöthig ist / zu übermachen allergnädigst geruhen / übrigens aber dero unterthänigsten Diener ihrem mächtigen Schutze und Beförderung aufs beste empfohlen seyn lassen.

Adgandester.


Nicht wenig unter den Raths-Herren dachten dem Blutdürstigen Tiberius zu heucheln / und fingen an /diesen Vorschlag des Cattischen Fürstens Adgandesters mit vielen Worten gut zu heissen. Allein sie änderten gar bald die Sprache / als der Käyser ihre Stimmen mit dieser Rede unterbrach: Es braucht nicht groß Nachsinnens / ihr edlen Väter unsers Reichs /was wir antworten sollen? Rom darf nicht mit List oder Meuchelmord seine Feinde überwinden; Es hat Macht und Muth genug / mit den Waffen in der Hand und im freyen Felde es zu thun. Die Deutschen sollen nimmermehr uns nachsagen können / daß ihr so gerühmter Grubenbrand / ehemahliger Hertzog derer Sicambrer / uns an Tugend übertroffen / in dem er seinen Feind / den Gallischen Feld-Herrn Turranius für dem Meuchel-Mörder gewarnet / der ihm angebothen hatte / jenen nieder zu machen. Der sterbende Hannibal beschwerete sich zwar / daß die Römer die Sitten ihrer löblichen Vor-Eltern verlernet hätten / welche ihren offenbahren Feind / den König in Epiro / Pyrrhus / vor seinen Leib-Artzt gewarnet / als ihn dieser /denen Römern zu Dienst / mit Gift hinrichten wolte. Aber das sey ferne! Diese Redligkeit ist auch uns angeerbt. Adgandester mag seine Dienste zum Gifftmischen anbieten / wo er will und kan! Bey uns soll er damit schlechten Danck verdienen!

Es ward demnach eine Antwort von gleichem Inhalt verfertiget / Adgandesters Schreiben deroselben beygelegt / und nebenst einem Umbschlag an den Hertzog der Catten Arpus abgeschickt / nebenst freundlicher Bitte / Inschluß an seinen Vetter zu befördern / weil man zu Rom deßen Auffenthalt nicht wüste. Wobey denn Tiberius hoffte / Arpus würde diesen an seinen ärgsten Feind haltenden und demnach sehr verdächtigen Brief eröffnen / dadurch eine grosse Einbildung von der Redligkeit derer Römer überkommen und desto ehe zu rechter Zeit betrogen werden können. Adgandesters Boten aber hatte Sejanus / auf Gutbefinden des scheinheiligen Käysers / in seinen Palast verborgener Weise aufgeno en / gab ihm auch ein starckes / doch langsam-tödtend- und rasendmachendes Gifft / nebenst mündlicher Versicherung / daß der Käyser zwar nicht den Nahmen haben wolte / als ob er durch Gift sich von seinen Feindẽ befreyen müste / jedennoch würde es ihm kein geringer Dienst seyn / wenn Adgandester seinen guten Vorsatz zu Wercke richtete und aller selbst-verlangten Belohnung davor gewärtig wäre. Der Bote / (welches eben der leichtfertige Druyde Luitbrand unter falschen Haar / Bart und Kleidung war /) bate zwar um einigen schrifftlichen Schein / den er wegen seiner Verrichtung dem Fürsten Adgandester auflegen könte. Allein Sejanus dachte / eine mündliche Antwort ließ sich besser / als eine schrifftliche / läugnen / wenn es allenfalls mit dem Bubenstück nicht wohl von statten gienge. Drumb antwortete er / das empfangene Gifft wäre Scheins genug / er möchte nur je ehe / je lieber fortreisen. Solchergestalt schämet sich die ruchlose Welt lasterhafft zu heissen / nicht aber lasterhafft zu seyn / und achtet nicht / ob gleich das Gewissen sie täglich ihrer Missethaten aufs schärfste[1520] erinnert /wenn nur niemand ihr solche unter das Gesichte sagen darff.

Mitler Zeit waren die dem Beroris und Dietrich nachgeschickten Soldaten wieder ankommen / brachten aber an statt der flüchtigen Thußnelda die Nachricht / daß man sie nirgends hätte finden können. Diese Ungewißheit verdroß den Tiberius und Sejanus nicht so sehr / als die gottlose Sentia / welche daher endlich bewogen ward / bey einer Zauberin nachzufragen / was es doch für eine Beschaffenheit mit Thußneldens Flucht gehabt? Diese hielte sich gantz verborgen in einem schlechten Hause bey dem Berge Cölius auf / und hatte nur vor weniger Zeit sich verstohlener Weise daselbst wieder eingeschlichen /nachdem sie vor dem Jahre wegen des Libo Verrätherey aus Italien nebenst unzählich andern ihres gleichẽ war verwiesen worden. Weil nun sie ihrer ehemahligen grossen Wolthäterin / der Sentia / ihren Aufenthält zu wissen gethan / verfügte sich diese in Mannes-Kleidern zu ihr / und bekam / nach vielen Gauckeleyen der alten Hexe / diese Schrifft in einem Spiegel zu sehn:


Der dir das Leben gab / befreyte die vom Tod /

So dir verhaßter ist / als alle Todes-Noth.

Doch wird er deiner Nach' ein fettes Opffer geben:

Du machst den Urtheils-Spruch; Tiber ni t ihm das Leben.


Der Lügen-Geist redete hierinnen die Warheit. Denn als der Sentia Vater Aelius Sentius Saturninus /auf Befehl des Käysers / die zum Todt verdammte Catta ihrer Ehre berauben solte / führete er sie zwar mit Gewalt in das Zimmer / welches zu dieser Schandthat bestimmt war; So bald er aber sich bey ihr alleine sahe / sprach er: Sie sehen / gnädigste Fürstin / in was für einen Zustand wir gerathen / und wie uns nichts mehr frey stehe / als die Wahl / entweder warhafftig / oder zum Schein zu sündigen. Unter diesen zwey Ubeln müssen wir das Letzte erwehlen. Denn wenn auch dieses uns zuwieder wäre / würde der tolle Käyser uns alle beyde auf andere Art etwas ärgers zu leiden sonder Zweiffel nöthigen. Dieses hatte er kaum gesagt / als er zu denen weissen seidenen Betten trat /dieselbe unter einander warf / hernachmals sich oben in den hierzu aufgestreifften lincken Arm mit dem Dolch stach / ein theil Bluts ins Bette lauffen ließ /die Wunde mit einem zarten Schweiß-Tuch verband /und zuletzt also anfieng: Sie wollen / gnädigste Fürstin / dieses mein Verfahren nicht in Ungnaden vermercken / nachdem es die äusserste Noth erfordert /und selbiges zwar den Käyser / jedoch nicht nur zu unsern / sondern auch zu seinem besten / betriegen soll / massen er hierdurch gehindert wird / grössere Greuelthaten an uns beyden außzuüben. Weil uns aber der Tyrann selbst zu dieser einsamen Unterredung behülfflich gewesen / wollen wir uns deroselben auch recht nutzbarlich gebrauchen.

Sie berathschlagten sich hierauff / wie so wohl sie /als auch das sämtliche Frauenzimmer / in Freyheit könte gesetzet werden. Als sie nun deßwegen einig waren / vollzogen sie ihre Abrede folgender massen: Es hatte ehemahls Saturninus dem gefangenen und leibeigenen Griechen Aristides / wegen seines sonderbaren Verstandes in Haußhaltungs-Sachen / bey dem Käyser den Hut eines Freygelassenen und das Amt eines Kellermeisters über etliche von seinen Lusthäusern zuwege gebracht. Wegen dieser Verbindligkeit gedachte er jenen mit grossen Geschencken und noch grössern Versprechen zu gewinnen / daß er / wenn er der Wacht und andern Haußgenossen zur Abendmahlzeit / wie bißweilen geschahe / Wein austheilen würde / einen sehr wohlschmeckenden mit Allraunwurtzel oder Mahsafft zu einem starcken Schlafftrunck machen möchte. Diß gieng glücklich an. Aristides versprach dem Saturninus / in Thußneldens Dienst zu treten / weil es ihm ohnedem in die Länge beschwerlich fiele / einem Tyrannen zu dienen / bey dem er keinen[1521] Augenblick seines Lebens sicher wäre. Weil nun über dieses der tobende Käyser eine Triumph-Mahlzeit / dem Saturninus zu Spott / hielte /gab es desto weniger Verdacht / daß alles / was im Hauß war / so viel Wein zu sauffen bekam / als es begehrte. Jederman kostete den guten Wein / und kunte dessen nicht satt werden / biß endlich einer nach dem andern wider sein Vermuthen in einen tieffen / ja mancher aus dem natürlichen in den ewigen Schlaff fiel; massen die einschläffenden Artzeneyen zu Gifft werden / wenn man darvon mehr zu sich ni t / als die Natur ertragen kan. Saturninus selbst / allen Verdacht zu meyden / tranck so viel / als er zu einem mäßigen Schlaff nöthig hatte / stellete sich aber am allerersten schlafftruncken. Inzwischen hatte Aristides / durch die vom Saturninus empfangene Haupt-Schlüssel /Thußneldens Gemach aufgeschlossen / wobey er zugleich sie bate / kein groß Geräusche zu machen /weil er sie in ihre Freyheit zu versetzen willens wäre. Er bracht ihr zum Wahrzeichen des Saturninus Schreib-Taffel / in welche Catta mit eigener Hand dieses geschrieben hatte:


Glaubt diesem Freygelassenen / der uns aus freyen Fürstinnen zu seinen Freygelassenen machen will.

Catta.


Er führte hiemit Thußnelden / Ismenen / Rhamis /Clotilden / und die Gräfin von Nassau in ein nahe dabey gelegenes Gemach / in welchem männliche und weibliche Kleidungen und Waffen / nach Art unterschiedener Völcker in der Welt / in grosser Menge lagen / und wenn es dem Käyser beliebte / zu Täntzen und Schauspielen gebrauchet wurden. Sie verwechselten hier ihre weibliche Teutsche mit männlicher Römischer Kleidung / gürteten gute Schwerdter an die Seite / und giengen hiernächst vor Cattens ihr Zimmer / bey welchem zwey Soldaten noch wachten / die andern zwey aber hart und feste schlieffen. Wegen ihrer mäñlichen Kleidung sahe sie die Wacht anfänglich vor ihres gleichen an; so bald sie aber näher kamen /und auf dieser ihr Zuruffen nicht antworten wolten /wurden beyderseits die Schwerdter geblösset / uñ der eine Kriegsknecht von Thußnelden / der andere von Ismenen niedergehauen. Ihr Geschrey war gleichwohl in der stillen Nacht die Stiegen hinunter in das Hauß gedrungen / dannenhero fünff noch darunten wachende mit Ungestüm hinangelauffen kamen / aber von unsern Heldinnen so tapffer empfangen wurden / daß sie ihre Wachsamkeit mit einem immerwährenden Schlaffe büssen musten. Hierauf ward das Gemach von Aristides geöffnet / und Catta von Ismenen und der Gräfin von Nassau eiligst in männliche Tracht umgekleidet; auch die obgedachten vier Brieffe an den Tiberius / Agrippina / und Rhemetalces von Thußnelden / Clotildis und Catta geschrieben / und die völlige Flucht vorgenommen; woran sie zwar noch zwey sich ermunternde Wächter hindern wolten /aber zur Straffe in die andere Welt verwiesen wurden. Aristides legte die Hauptschlüssel an einen gewissen Ort / den Saturninus wuste / und diente dem flüchtigen Frauenzimmer zum Wegweiser.

Dieses alles konte die vertrackte Sentia aus denen in dem Zauber-Spiegel gesehenen Reimen guten theils abnehmen / weßwegen sie einẽ unversöhnlichen Haß auf ihren leiblichen Vater warff und noch selbigen Tages Gelegenheit nahm / den Käyser zu besuchen /ihm die Reimen zu erzehlen und zu rathen / daß er den Saturnin auf die Folter solte werffen lassen. Tiberius / ob ihm wohl sonst kein Laster zu groß war / erstaunete nicht wenig / als er sahe / daß dieses Weib ihm an Boßheit überlegen seyn wolte. Jedoch freuete er sich / daß er nun wuste / wen er wegen Thußneldens Flucht zu besprechen / oder zu straffen befugt wäre. Daher er auch weder der Sentia ihre Zau ber-Händel verwiese / noch[1522] auch die Hexe zu gebührender Straffe ziehen ließ. Nichts destoweniger sahe er wohl / daß er eine so hochverdiente Raths-Person und ansehnlichen Kriegs-Helden auf das dunckele Zeugniß einer Zauberin zur Marter oder Tode nicht verdammen könte / wolte er anders nicht den gantzen Rath / Soldaten und Pöbel ohne Noth sich zu Feinden machen. Drumb begehrte er / die Fürstin möchte nachdencken / ob man nicht den Saturninus des Lasters der verletzten Majestät wahrscheinlich / ob gleich fälschlich / beschuldigen und unter solchem Vorwand dem Gericht des Raths übergeben könte / da er denn wegen seines ziemlichen Alters die scharffe Frage ohne Bekäntniß dessen / was man verlangte /schwerlich aushalten würde.

Sie muste sich hiermit zu frieden geben und bald drauf Abschied nehmen. Indem sie nun von dem Käyser aus seinem Gemach hinaus begleitet ward / stiesse sie ungefehr mit dem Fuß wider ein zusammenegrolltes Pergament / welches sie durch einen von ihren Dienern aufheben ließ. Sie hatte aber kaum die erste Zeile oder Uberschrifft dieses sehr klein und sauber geschriebenen Blates gelesen / als sie zum Käyser heimlich sprach: Dieser Zettel enthält in sich die vornehmsten Thaten Eurer Käyserlichen Majestät. Es wäre demnach unbillich / wenn er mit Füssen solte zertreten werden. Wollen Eure Majestät vergönnen /daß in dero Zimmer wieder zu folgen / ich die Gnade habe / wäre ich bereit dero höchstverdienten Lobspruch daselbst abzulesen / weil vielleicht Eure Käyserliche Majestät / aus angebohrner übermäßiger Bescheidenheit / selbst nicht wissen oder im Gedächtniß halten / weßwegen der gantze Parnassus auf dero Altar Weyhrauch aufzustreuen verpflichtet ist.

Tiberius muste in diese Bitte aus Höffligkeit alsbald einwilligen. Nachdem er nun die Fürstin neben sich in seinem Gemach an einen kleinen elffenbeinen Tisch gesetzet hatte / fienge sie an zu lesen. Allein die andere Zeile des ersten Gesetzes kam ihr gleich verdächtig vor / daß sie nach einem auf dem Tische liegenden Messer grieff und die Schmähschrifft in Stücken zerschneiden wolte. Der Käyser aber risse ihr das Pergament unverletzt aus der Hand; worauf sie ihm zu Füssen fiel und seine Knie unter diesen Worten umbfassete: Ach! allergnädigster Käyser! Ich bin des Todes schuldig / nachdem ich eine verfluchte Lästerschrifft / als einen Lobspruch / vor dero Augen bringen dürffen. Aber Tiberius hub sie mit aller Freundligkeit auf und sagte: Sie machen sich deßwegen keine Sorge / geehrteste Fürstin! Mir ist gnugsam bewust / daß sie unschuldig seyn. Unterdessen achte ich dergleichen Schmähungen so wenig als der Mond das Anbellen der Hunde / oder die Sonne die Flüche derer Atlanten bey Cyrene / die sie wegen ihrer durch über mäßige Hitze verbranten Aecker täglich wider jene ausschütten. Ich thue / was ich will / und lasse meine Feinde reden / was sie wollen. Drumb so muß ich selber dieses Gedicht ablesen und sehen / ob was kluges darinnen stecke:


Vornehmste Thaten des ruhmwürdigsten Käysers TIBERIUS.


I.


Tiberius heyrathet eines Käysers Tochter.


Es wird vielleicht Tiber noch einst auf dieser Erden

Ein neuer Jupiter / doch ohne Blitze / werden;

Es trifft sein Bildniß ja mit Hammons überein /

Weil Julia sein Haupt mit grössern Hörnern zieret /

Als Zevs in Libyen an beyden Schläffen führet:

So mag Rom Africa / Tiber der Hammon seyn.


Der Käyser setzte / nach Verlesung / nichts mehr /als dieses / hinzu: O Thorheit! was kan ein Mann davor / wenn seine Frau ihrer Ehre überdrüßig ist? Er lase aber ferner fort / wie folget:[1523]


II.


Tiberius nimt den Sejan zum Gefährten seiner Reichs-Geschäffte an.


Was neues und nichts guts! Rom! schau doch und erzitter'!

Es wird dein Käyser nun aufs Alter gar zum Zwitter.

Er ist ein Herr der Welt / doch eines Knechtes Knecht.

Wohl! schmeiß den Knecht nur todt; so kriegt der Herr sein Recht.


Ey (brach Tiberius ein /) das ist trefflich spitzsündig ausgesonnen! Man will meiner als eines Käysers und so genanten Herrns der Welt verschonen / jedennoch einen Meuchelmord an mir als einem vermeynten Knechte des Sejanus ohne allen Scheu begehen. Wohl! ich muß es erwarten! Allein kennete ich diesen Tichter / so solten seine Poetischen Lorbern ihn vor den Blitz des Hencker-Schwerdtes wenig schützen. Doch die herrlichen Erfindungen müssen noch weiter durchgelesen werden.


III.


Tiberius wolte aus kindlicher Liebe hertzlich gerne je ehe je lieber seine Frau Mutter vergöttern.


Wer will vor Livien Verwandlungs-Bücher schreiben /

Und ihres Sohnes Ruhm denselben einverleiben?

Das Leben gab sie ihm; Er wüntscht sie zu begraben.

Verkehrt der Adler nun sich nicht in einen Raben?


Warhafftig! (sagte der Käyser /) bey dir / du armer Bavius! wird der Römische Adler zu keinem Raben werden / umb dir die Augen am Creutz auszuhacken! Es thut dirs schon ein geringerer! Allein wolte der Himmel / daß ich dich kennen möchte! ich wolte sicherlich durch dein eigen Exempel den Ort in deines Ovidius Verwandlungs-Büchern trefflich erläutern /wo der ehrliche Orpheus von denen Bacchen gesteinigt und zerfleischet wird. Zwar ich möchte wohl meiner Frau Mutter Urtheil wissen / ob sie mich auch vor einen undanckbaren Raben halte? Doch lasts gut seyn! Zeit hat Ehre! Last sehn! sie geht gleich mit der Jahrzahl. Vielleicht sieht sie es noch dreyßig Jahr mit an / so hat sie ihre hundert voll und kan sich an denen hundert-jährigen Lustspielen besser als an ihrer Vergötterung ergetzen. Gleichwohl weil ich höre / daß Liviens künfftige Vergötterung dem Römischen Volck ein solcher Dorn im Auge ist / so will ich hiermit hoch und theuer geschworen haben / solche nimmermehr zuzugeben und also diesen liederlichen Tichter zu überführen / daß seine Getichte blosse Gedichte gewesen! Doch stille! die Hefen sind noch zum besten.


IV.


Der ernsthaffte Tiberius schickt seinen Sohn Germanicus in den Armenischen Krieg und hält derer Römer Schätze mit guter Sparsamkeit zu rath.


Saturn herrscht nun in Rom! Tiber zeigt in Geberden

Saturnus Aehnligkeit!

Wie aber! will die Zeit

Nicht unter dem Saturn / wie vormahls / gülden werden?

Sein Gelddurst ni t uns Gold; sein Blutdurst giebt uns Eisen /

Er frisset Kinder auf und Rom mag Eicheln speisen.


So! so! (beschlosse der Käyser /) nun sehe ich erst /woran es dem guten Menschen mangelt. Er beklagt sich / daß er weder Geld / noch was gutes zu essen oder zu trincken habe. Allein er mag sich trösten / daß die Armuth mehrentheils ein Zeichen eines guten Poeten sey / weil der Parnassus keine Gold- und Silber-Bergwercke hat. Ein guter Wein ist sonsten zwar der Poeten Reitpferd; kan er aber solchen nicht bezahlen /so mache er sich mit dem Pferdeharn lustig / ich will sagen / mit der Hippocrene / die von seinem Pegasus entsprungen ist. Jedoch ich muß nicht zu viel schertzen; sonst verliere ich die Ehre / Saturnus zu heissen.

Sentia hatte bißher in tieffen Gedancken gesessen /weil sie aus ihrem Kopff / gleich einer Spinnen / ein Netze weben muste / das ihren[1524] Vater zu fahen fest genug wäre. Endlich rieff sie gantz freudig aus: Allergnädigster Käyser / nichts ist so schlimm / das nicht zu etwas gut wäre. Kein Gifft ist so schädlich / aus welchem man nicht eine heylsame Artzeney machen könte. Eben diese gifftige Schmähe-Schrifft soll ein dienlich Mittel seyn / Eure Käyserliche Majestät an dero boßhafftesten Feinde glücklich zu rächen. Mein Gemahl zwinget mich / übermorgen nach Teutschland zu reisen. Wolten nun Eure Käyserliche Majestät uns beyden die Gnade erweisen / und uns nebenst meinem gewesenen Vater zum Frühstück einladen / wolte ich diesem unter dem letzten Abschieds-Kuß diß Pergament in seinen Rathsherrn-Rock unvermerckt stecken / da es denn entweder von sich selbst heraus auf die Erde fallen wird / oder / wenn sich Saturninus nicht starck genug bewegen solte / könten Eure Majestät /unter dem Schein einer sonderbaren Vertraulichkeit /ihn nöthigen / sich des Bades zugleich mit Ihnen in ihrer Palatinischen Grufft zu gebrauchen; da denn bey Ablegung der Kleider / das Schand-Gedichte in Gegenwart aller Badebedienten sich bald gnug würde zeigen müssen. Er muß hierauf entweder als Urheber oder als Mitwisser dieser verrätherischen Schrifft /sonderlich wegen des andern Gesetzes / des Lasters der verletzten Majestät beschuldigt / auf die Folter gebracht / vor den Rath gestellet und ohne Verzug / ehe einige Vorbitte vom Kriegs-Heer oder Pöbel eingelegt werde / von dem Tarpejischen Felsen hinab gestürtzet werden. Ich wünschte zwar selbst das Spiel mit an zu sehen; Allein mein Gemahl dringet / ich weiß nicht /warumb / allzu sehr auf unsere Abreise / und wenn ich nicht rechten Abschied nehme / so kan ich den schmähsüchtigen Bösewicht nicht lange genug in meine Arme schlüssen / welches doch zu unserm grossen Anschlage allerdings nöthig ist.

Tiberius konte sich nicht genug über die unergründliche Boßheit dieses arglistigen Weibes vesrwundern; ließ sich aber doch die gantze Sache gefallen / und sagte: Wohlan! Es sey also! Wir wollen uns die nöthige Anstalt bestermassen anbefohlen seyn lassen. Saturnus / weil er keine Kinder zu fressen hat /wird nun seine Rach-Begierde auffs eheste an dem Saturninus sättigen.

Sentia nahm hiermit ihren Abschied zum andern mahl; Indem sie aber in Begleitung des Käysers in den Vorsaal trat / kam ihr Gemahl ihr unvermuthet entgegen / dieweil er dem Käyser seine auf übermorgen bestimmte Wegreise ansagen wolte. Sie giengen demnach alle drey zurücke ins Zimmer / allwo Segesthes auf geschehene Einladung versprache / nebenst seiner Gemahlin / jedoch wo es dem Käyser nicht zuwider wäre / in Reise-Kleidern / bey dem Frühstück aufzuwarten. Worauf Segesthes und Sentia nach einigen Gesprächen sich von dar in ihren Palast begaben.

Der abgeredete Tag brach endlich an. Die zum Frühstück erbetenen Gäste funden sich ein / nemlich Sejanus und die Rathsherren Cnäus Lentulus / Aelius Sentius Saturninus / Gallus Asinius / Cotta Messalinus und Papius Mutilus / welche allerseits dem Käyser / der Sentia und dem Segesthes Gesellschafft leisteten. Dieser gute Hertzog war nunmehr so wohl über den Tiberius / als über den Sejanus / eyfersüchtig und wüntschete nichts mehr / als daß die Tafel aufgehoben würde. So bald dieses nun geschehen war / nahm beydes Sentia und Segesthes den letzten Abschied. Da es denn jener gar nicht schwer war / ihren Vater unter vielen Küssen / Thränen und Wüntschen zu umbfahen / und das gantz klein zusammen gefaltzete Pergament bey dem Halse zwischen seinen Rathsherrn-Rock hinein zu stecken. Hiernächst wurde sie nebenst ihrem Gemahl vom Käyser und seiner Gesellschafft / mit vielfältigen Zuruffen einer glücklichen Reise / biß in den Hoff des Palastes / wo der Postwagen[1525] wartete / hinunter begleitet; Tiberius aber nöthigte alle diese Rathsherren wieder mit hinan zu gehen und noch ein und andern Trunck auf das Vergnügen und Wohlergehen derer Reisenden / als treuer Freunde des Römischẽ Reichs / mit ihm zu thun. Indem nun Saturninus hinauf stieg / fiel das Pergament durch solche Bewegung zwischen dem Ober- und Unterkleide hervor / auff die Stuffen der steinernen Stiege. Der hierauf laurende Käyser hatte zu dem Ende immer zurück gesehen und mit dem ihm folgenden Sejanus geredet. Als er nun das zusammen gewickelte fallen und liegen sahe / sagte er alsbald: Saturninus! ihr verlieret etwas. Ich? fragte Saturninus. Ja /(sagte Papius Mutilus / der hinter ihm hergegangen war / aus Höffligkeit aber das verlohrne aufhub und ihm überreichte;) hier ist es! Ich kan mich nicht besinnen / (erwiederte jener /) was es seyn müsse; doch ich muß nachsehen. Er lase hierauf die erste Zeile und sagte: Es ist ein Lobspruch Eurer Käyserlichen Majestät. Jedoch wüste ich warlich nicht / wo ich solchen herbekommen hätte? Der Käyser riß ihm die Schrifft mit einer freundlichen Geberde aus der Hand / lase das andere Gesetz öffentlich daraus her und fieng endlich an: Verräther! ist das mein Lobspruch? Trabanten! schlagt den Hund alsbald nieder / ehe er zu beissen anfahe / weil er genug gebellet hat. Hiermit waren wohl vier oder fünff Schwerdter bloß und über den Saturninus her / hätten ihm auch sonder Zweiffel den Rest gegeben / wenn nicht der Käyser geruffen hätte: Haltet ein! der Verräther ist ein Rathsherr gewesen; Er mag sich vor dem Rath verthädigen / wenn er das Laster der verletzten Majestät von sich weltzen kan. Ob nun wohl Saturninus leugnete / daß er ehe / als diesen Augenblick / von der Schmäheschrifft etwas gewust hätte; so halff doch kein leugnen / weil Gallus Asinius / Cotta Messalinus / Papius Mutilus / auch einige Trabanten / einmüthig bezeugten / daß das Pergament aus seinen Kleidern heraus gefallen wäre. Wohlan! (sprach letzlich der unschuldig-beklagte /) ich will sterben / weil es des Käysers Wille ist / doch nicht umb einer Ubelthat / sondern umb der Thußnelden erzeigten und ihm / ich weiß nicht durch wen / bekant-gewordenen Wolthat willen / die der Käyser mir zur Ubelthat ausleget. Jedennoch freue ich mich / daß ich weder die Catta mit geiler Lust / noch mich mit ihrem Blute besudelt habe. Tiberius sagte: Ich weiß nicht / was der vor Todes-Angst rasende von der längst im Triumph (meines wissens) getödteten Thußnelda und Catta sagt? Trabanten! führt ihn alsbald in ein wohlverwahrtes Zimmer!

Inzwischen ward der gantze Rath eiligst zusa en beruffen / und eine Stunde hernach der so genañte Ubelthäter vor denselbẽ geführet. Weil er aber weder vor den Verfasser / noch mitwisser dieses Läster-Gedichts sich bekennen wolte / ward er denen Soldaten zur scharffen Frage übergeben. Ungeachtet er nun auf seine Raths-Herren-Würde sich berieff / ward ihm doch vorgehalten / daß er selbige und alle daranhangende Freyheiten durch das Laster der verletzten Majestät verlohren hätte. Dannenhero sagte er: Wohl! ich begehre nicht die schimpfliche Marter auszustehen! ich will schuldig seyn / weil es der Käyser spricht / ob es gleich mein Gewissen verneinet. Du gerechter Himmel! weissest allein meine Unschuld; du wirst den Urheber meines Todes mit deiner Straff-Hand schon zu finden wissen / ob ich gleich denselben nicht eigentlich weiß. Ich unterwerffe mich deiner Schickung in aller Demuth / und gehe mit freudigem Hertzen aus der Unruhe zur Ruhe / aus dem Kercker des Leibes zur Freyheit vor aller Tyranney.

Nach dieser seiner Bekäntnüß ward das Urtheil gefället / daß er von dem Tarpejischen Felsen / der neben dem Capitolium gegen Abend[1526] nach der Tiber zu lieget und ein stück des Capitolinischen Berges ist / herabgestürtzet / seine Güter in die Käyserliche Schatz-Kammer eingezogen und seine Anverwandten in gefängliche Hafft gebracht werden solten. Das erste geschahe alsbald. Saturninus ward von dem Felsen lebendig hinabgeworffen / brach das Genick und lincken Arm / und verlohr also sein Leben / durch List derselben / die ihm das Ihrige zu dancken hatte. Der Käyser aber milderte das Urtheil / sprach die Verwandten des Getödteten samt und sonders von aller Schuld und Straffe frey / befahl auch dessen Erbschafft an seine Tochter / die Chassuarische Fürstin Sentia / getreulich zu übermachen; welche vermeinte Gütigkeit des Käysers mit einem grossen Lob-Spruch in die öffentlichen Stadt-Bücher eingetragen wurde. Denn also pflegen die lasterhafftesten Menschen manchmahl das beste Gerüchte von ihren leichtfertigsten Thaten auf dieser Welt zu haben. Doch gleichwie auf veralterten runtzlichten Gesichtern keine Schmincke mehr hafften will: also wäscht die Zeit denen Lastern ihren Anstrich öffters ab. Die Tinte warhaffter Historienschreiber muß einen Tyrannen nach Verdienst schwärtzen / ob er gleich bey seinen Lebzeiten sich weiß gebrennet und durch falsche Zeugnisse seiner Müntzen und Gedächtniß-steine die Nachwelt zu betriegen bemühet gewesen ist.

Die Sicambrischen Fürsten Beroris und Dietrich brachten etliche Wochen hernach den kleinen Herrmann nach Budorgis / die Haupt-Stadt der Semnoner /allwo damahls der Cherußkische Hoff sich befand. Und weil sie unterwegens neun Barden aufgesprochen hatten / die neue Freude des Landes ihrer Gewohnheit nach zu besingen / musten diese sich alleine anmelden lassen / als der Feld-Herr Mittags-Taffel hielt / daß sie nemlich ihm mit einem verhoffentlich-angenehmen Geschencke aufzuwarten verlangeten. Der Feld-Herr wollte anfänglich kein Gehör verstatten / weil er gleich Brieffe aus Rom bekommen hatte / daß Germanicus / wider gegebene Treu und Glauben / die Hertzogin Thußnelda und ihre Gesellschaft verschienenen sechs und zwantzigsten May bey seinem Einzug öffentlich aufgeführet und (nach Gewohnheit des Römischen Triumphs /) im Tullianischen Gefängniß erwürgen lassen. Darüber war ihm wegen seiner Gemahlin / dem Jubil wegen seiner Catta / dem Gottwald wegen seiner Schwester Clotildis / alles essen und trincken vergangen. Jedoch weil die Barden nochmahls unterthänigst anhielten / mit dem Beysatz / daß an ihren Anbringen sehr viel gelegen wäre / bekamen sie endlich die Freyheit zu erscheinen. Der vornehmste mit Lorbern gekräntzte Barde / der wegen seiner überausgrossen Erfahrenheit in denen deutschen Geschichten weitberühmte Edle Seckendorff trug das auf ein kostbahres Bette gelegte Kind vor des Hertzogs Taffel / da deñ jederman mit Verwunderung es ansahe / und mit Schmertzen erwartete / was dieser Aufzug bedeutete / indessen die andern acht Barden das Lied absungen / welches ihr jetzt genantes Haupt nachfolgender massen aufgesetzet hatte:


I.

Ihr Barden! freuet euch! stimmt an die frohen Lieder /

Von welchen jegliches das beste Zeit-Buch ist!

Des Himmels hohe Gunst giebt sein Geschenck uns wieder /

Das wir noch nie gehabt und dennoch eingebüßt.

Ihr seht ja schon

An Herrmanns annoch kleinem Sohn'

Den zarten Mittelpunct von Seel- und Leibes-Gaben /

Die ihren vollen Kräyß im grossen Herrmann haben.


II.

Die Hoffnung lässet uns des Himmels Rathschluß lesen:

Dieß Kind soll einst mit Ruhm des Landes Vater seyn.

Und seiner Augen Gluth / sein unerschrocknes Wesen

Stimmt schon mit dem Entwurff der Hoffnung überein.

Ein Riesenbild

Nach dem verjüngten Maßstab füllt

Mit solchen schönen Glantz der Deutschen Aug und Sinnen /

Daß auch ein Menschen-Feind es möchte liebgewinnen.[1527]


III.

Rom wolt' in seine Zucht den jungen Löwen nehmen;

Er solte mit der Lufft den Sclaven-Geist einziehn:

Doch zweiffelt' es gar bald / denjenigen zu zähmen /

An dem des Vaters Geist im Ebenbild erschien.

Es ließ geschehen /

Daß er sein Land durfft wiedersehn;

Dacht' aber / ihn hierdurch sich höchlich zu verbinden /

Umb mit der Zeit bey ihm auch Gnad und Huld zu finden.


IV.

Thußnelda fehlt uns noch / die Mutter unsers Landes /

Die mit dem Feld-Herrn macht das allergleichste Paar /

Ein Wunder der Natur / die Zier des Fürsten-Standes /

Die stets der Feinde Furcht / der Freunde Freystatt war.

Jedoch das Glück

Giebt uns den Trost in diesem Stück /

Wir werden bald die Sonn' in unsrer Gräntz' empfangen /

Dieweil der Morgenstern schon bey uns aufgegangen.


Der Feld-Herr war über der gantz unverhofften guten Zeitung so erstaunet / daß er in Zweiffel stund /ob er dieses Kind vor das Seinige annehmen solte /oder nicht. Indem aber traten der alte Libys / Beroris /Dietrich / die Gräffin von der Lippe und ihre übrige Gesellschafft ins Taffel-Gemach und veruhrsachten hiermit so viel Schrecken / als Freude / weil man nicht wuste / ob man sie vor lebendige Menschen /oder vor Gespenster ansehen solte. Libys aber sagte: Unüberwindlichster Feld-Herr. Dero hertzgeliebteste Gemahlin hat auf Vergünstigung des Kaysers gegenwärtiges Pfand dero ehelichen Liebe / welches sie in ihrer Gefangenschafft gebohren / zum glücklichen Vorboten ihrer künfftigen Nachfolge voraus geschickt / wie Sie / gnädigster Herr / aus diesem Handschreiben mit mehrern zu vernehmen geruhen wollen. Hiermit überreichte er Thußneldens Brieff / welcher also lautete:


An den unüberwindlichen Feld-Herrn derer Teutschen / Herrmannen / Hertzogen derer Cherusker /Semnoner und Langobarden.


Allertheuerster Gemahl.


Ich lebe jetzt auf einem Lust-Hauß vor Rom; Ach! aber ich weiß nicht / ob ich lebe / weil ich von dem getrennet bin / der mehr / als meine eigene Seele /mich belebet / und ob ich dieß ein Lust-Hauß nennen soll / worinnen ich zu meiner grossen Unlust gefangen bin. Nichtsdestoweniger muß ich mir den weisen Rathschluß des gerechten Himmels gefallen lassen /und eine glückliche Aenderung meines trübseligen Zustandes von dessen gütigen Schickung mit der Zeit erwarten. Unterdessen erweiset mir Tiberius alle Höffligkeit / ohne die einige / die ich allein verlange /nemlich mich auf freyen Fuß zu stellen. Hoch damit er mir in etwas fugen möchte / hat er mir vergönnet /meinem allerliebsten Gemahl gegenwärtigen unsern Sohn / als ein sicheres Pfand der auch mir versprochenen Freylassung / zu übersenden. Nun wolte ich zwar meine Mutter-Milch dem bißherigen so werthen Andencken des unvergleichlichen Herrmanns noch länger gerne gönnen; Gleichwohl weil ich keinen Bürgen von des Tiberius beständigen ehrliebenden Gewogenheit habe / allenfalls auch verhoffe / unserm Sohne könne es nirgends besser / als bey seinem Vater / nirgends schlimmer / als im Römischen Gefängniß / oder auf einer ungewissen Flucht ergehen / als muß ich ihm den mit Thränen vermischten Abschieds-Kuß geben / damit er zumahl demjenigen seine Erziehung zu dancken habe / dem er nechst Gott sein Leben schuldig ist. Er ist dem grossen Herrmann an Nahmen und Gestalt allbereit gleich; Gebe der Himmel / daß er ihm an Tugend und ruhmwürdigen Thaten nicht unähnlich werde! Hiermit lebe vergnügt und nach eigenem Wunsch / zum Besten der jetzigen / und Exempel der künfftigen Welt; und gedencke bey dem Anblick deiner beyden Kinder dero unglücklichen Mutter /welche aber dennoch das Glück[1528] hat / zu heissen deine biß ins Grab treuergebenste


Gegeben auf dem Marßfelde vor

Rom / den 27. May im Jahr

nach Erbauung der Stadt

Rom 770.

Thußnelda.


Beroris / welcher höchlich besorgte / daß die Cattische Fürstin Ehr und Leben eingebüsset hätte / unterließ dennoch nicht / dero Gruß und Brieff Hertzog Jubiln indessen zu überbringen / wiewohl mit einer etwas traurigen Geberde / also daß jener nicht wuste /ob er vielleicht einen heimlichen Mitbuhler an ihm hätte / massen das Schreiben nichts trauriges / sondern lauter gute Zeitungen und Liebes-Versicherungen von seiner Verlobten in sich enthielte. Es kam aber ein paar Tage hernach der Ritter von Buren mit einem Schreiben von der Chassuarischen Fürstin Sentia an Jubiln an / so den acht und zwantzigsten May in Rom geschrieben war und ihm vertrauliche Nachricht gab / daß die unglückliche Catta auf Befehl des Käysers durch ihren Vater Saturninus selbigen Tag den Jungfrau-Krantz verlohren hätte und auf folgenden Tag den Kopff darzu verlieren solte.

Der Hertzog war zwar der unausforschlichen Boßheit der Sentia mehr als zu wohl versichert / die keine Lügen würde geschonet haben / wenn sie hiermit alle deutschen Fürsten zu kräncken / oder uneins zu machen / gewust hätte. Jedoch weil es wider die Natur ist / daß eine Tochter ihren leiblichen Vater ohn allen Grund so schrecklich verläumbden solte / erschracke er im Anfang dermassen / daß er fast in einer viertel Stunde sich nicht besinnen oder entschlüssen konte /den abgeschickten Ritter eigentlicher deßwegen zu befragen. Allein dieser wuste ohne dem nicht anders /als daß Catta samt Thußnelden im Siegs-Gepränge wäre erwürget worden: Daher als ihn der Hertzog vor sich fodern ließ / kunte er aus seiner Antwort nichts klüger werden. So war auch Beroris / ehe ihn Jubil wieder zu sprechen bekam / nach Mattium zum Hertzog Arpus verreiset / um ihm seiner Tochter Schreiben zu überliefern; Dietrich aber war schon auf dem Wege nach Novesia begriffen / woselbst er seinem Bruder / dem regierenden Sicambrischen Hertzog Melo / die Nachricht von seiner Befreyung geben wolte.

Libys hingegen konte dem Jubil nicht entweichen /sondern muste den Tag hernach sich von ihm befragen lassen: Ob der Sentia Schreiben wahr / oder unwahr wäre? Dem guten Alten aber stiegen / an statt der Worte seines durch den Eyd versiegelten Mundes / die milden Thränen in die Augen. O Himmel! (rieff Jubil aus:) wie soll ich das verstehen? Ach! diese Wasserfarben mahlen mir die verfluchte Greuelthat des Saturninus deutlicher vor Augen / als keine Zunge sie aussprechen / keine Feder sie beschreiben kan! Libys antwortete: Ich weiß warhafftig nicht eigentlich / ob das wahr sey / was Sentia berichtet; massen ich durch einen Eyd genöthiget worden / nichts zu sagen /was ich von dieser Sache dencke. Jedoch fürchte ich /daß – –. Und damit verstu te er. Jubil aber wolte hierüber fast rasend werden und den ihm in seiner Verlobten erwiesenen Schimpff mit Ermordung des Tiberius und Saturninus unverzüglich rächen. Allein der kluge Selmnitz / sein allervertrautester Ritter /führte ihn auf die Seite und sprach: Sie wollen / gnädiger Herr / dero theuern Gesundheit durch unzeitigen Eyfer nicht Abbruch thun. Der Catta Zufall mag ein Mitleiden / nicht aber eine Verzweiffelung / bey Sie erwecken. Wir verlieren zwar der mächtigen Catten Beystand / als welche sich unsert wegen keine Mühe und Unkosten machen werden / nachdem ihres Hertzogs Tochter dessen nicht mit geniessen kan. Allein weil alle Hermundurer[1529] das Joch des Marbods von sich zu werffen begierig sind / so bald nur dero angebohrner Herr sich in ihren Gräntzen zeigen wird / wir uns auch derer Cheruskischen Hülffs-Völcker unfehlbarlich zu getrösten haben / bedürffen Sie keiner Staats-Heyrath und können nunmehr eine Person in dero Hoch-Fürstliches Ehebette erheben / die Ihren Neigungen noch gleichförmiger ist / als die verlohrne Catta. Die Ascanische Fürstin Leitholde hat ihr fünffjähriges Gelübde in dem Heiligthum der Hertha abgeleget und kan ihr nunmehr niemand wehren /wenn sie will / sich der Freya / an statt der Hertha /durch eine anständige Heyrath zu wiedmen. Wie? wenn die Liebe eben deßwegen die Catta in solches Unglück hätte fallen lassen / damit sie der holdseligen unvergleichlichen Leitholde ihr erstes Recht an den zukünfftigen König derer Hermundurer nicht streitig machen möchte? Ich weiß wohl / daß ihr Vater / der Graf von Ascanien / vor acht oder neun Jahren erst /wegen seiner ungemeinen Helden-Thaten / den Fürsten-Stand erlanget habe. Jedennoch / was dem Mond an eigenem Schein und Licht fehlt / wird durch den Glantz der Sonnen leicht ersetzet werden.

Jubil gerieth über diesen Worten in grosses Nachdencken und fiel ihm unschwer / dem alten unter der Asche noch glimmenden Feuer wieder Lufft zu geben. Er schrieb dannenhero an die Gräfin von Bentheim /seine und Leitholdens grosse Freundin / klagte sein erlittenes Unglück und bate bey Gelegenheit Leitholden vorzubereiten / seine ietzigen Gedancken mit der ehemaligen Gütigkeit anzuhören. Dießkauen aber schickte er an Hertzog Arpus mit einem Schreiben /darinnen er die ihm in seiner allerliebsten Catta angethane Beschimpffung / auch die daraus folgende Verhinderung seiner ehelichen Verbindung mit dem Hochfürstlichen Cattischen Hause / höchst-wehmüthigst klagete / und umb einigen Trost in diesen seinen unbeschreiblichen Leiden Ansuchung thate. Er legte aber so wohl Cattens als auch der Sentia Brieffe in seinem Umbschlag / ob er wohl im Geist zuvorsahe / daß dem guten Hertzog die Aufopfferung der Jungfräulichen Keuschheit seiner Tochter mehr zu Sinne steigen würde / als die Opfferung der Iphigenia in ihrem Jungfer-Stande / dero Vater den Agamemnon geschmertzet hat / welchen der berühmte Mahler Timanthes umb deßwillen nicht mit blossen / sondern verhüllten Gesicht mahlen wolte / weil er wuste / daß keine Farbe geschickt wäre / das verzweiffelte Gesicht eines biß in den Todt über seiner Tochter betrübten Vaters nach dem Leben zu entwerffen.

Unterdessen sandte Hertzog Herrmann den Grafen Stirum und Ritter Malzan mit einem Gefolge von funffzig Personen an den Käyser / ihn wegen der an Catten verübten Unthat zu besprechen / sie nebenst allen mitgefangenen Fürstinnen abzufordern / und auf den Fall / daß einer unter ihnen an ihrer Ehre und Leben Gewalt angelegt worden / den Krieg anzukündigen / gegentheils / wenn sie samt und sonders an Ehr und Leben ungekräncket diesen Abgesandten in ihre Hände geliefert würden / den vor dem Jahre zwischen den Römern und Cheruskern geschlossenen Frieden zu erneuern.

Zu Mattium / an des Cattischen Hertzogs Hoffe /so nach dem letztern Brande grossen theils wieder erbauet war / gienge inzwischen Freud und Leid seltsam untereinander / so daß man in dem bald stillen / bald ungestümmen Meer fast grössere Beständigkeit / als daselbst / hätte finden mögen. Denn anfänglich kam die junge Fürstin Adelmunde mit einem Wohlgestalten Sohne nieder / der seines mütterlichen Großvaters / des Chaucischen Fürstens Ganasch / Nahmen bekam / gleich wie man ihn auch als dessen künfftigen Erben betrachtete / dahingegen sein erstgebohrner Bruder /der kleine Arpus / den Nahmen seines väterlichen Groß-Vaters und die[1530] Hoffnung seiner Erbschafft hatte. Wie denn Hertzog Ganasch vor weniger Zeit /auf Zureden seiner klugen Gemahlin / seinen Willen in des Catumers Heyrath gegeben hatte / weil die Himmlische Versehung selbst durch die Fruchtbahrkeit der unfruchtbahr-vermeynten Adelmunde ihr Wohlgefallen darüber bezeuget hatte / und er selbst erwoge / daß keine irrdische Gewalt geschehene Dinge ungeschehen zu machen vermöchte / die menschliche Vernunfft aber alsdenn ihr Meisterstück erwiese / wenn sie bey unänderlichen / ob gleich unangenehmen Dingen ihr Vergnügen finden / und auch aus bittern Kräutern ein süsses Honig' herausziehen könte.

Doch der Mond leidet nicht ehe Mangel am Liecht / als wenn er voll von Liecht ist; und des Menschen Hertz leidet mehrentheils eine traurige Verdüsterung /wenn es am meisten voller Freude ist. Die Lust-Feuer über der Geburt des jungen Fürstlichen Erbens branten noch / als die Zeitung von dem Römischen Triumph über die Catta und Rhamis sie ausleschte / und hingegen ein hefftiges Zorn- und Rach-Feuer in des gantzen Hofes Gemüthern entzündete. Doch dämpffte sich solches gar bald / als Fürst Beroris mit der Catta Schreiben an dero Vater / den Hertzog Arpus / ankam / dieweil diese die bißherige Höffligkeit des Tiberius darinnen rühmete und nichts beklagte / als daß sie /wider ihren Willen so viel Ehr und Lust zu Rom zu geniessen / verdammt wäre / auch noch nicht eigentlich wüste / wenn ihr die Hand ihrer geliebten Eltern und den Mund ihres verlobten Bräutigams wieder zu küssen vergönnet werden möchte. Allein die kaum wieder angefangene Gemüths-Beruhigung des Cattischen Hoffes ward plötzlich durch den Ritter Dießkau verstöret / welcher seines Herrn / Hertzog Iubils /Brieffe an Arpus überbrachte. Dieser wolte fast verzweiffeln / als er die ihm in seiner Tochter angelegte Schande aus der Sentia Schreiben ersahe; und weil Beroris mit seiner zweiffelhafftigen Antwort auf geschehene Befragung und Vorschützung seines Eydes die Sache zu bekräfftigen schiene / auch glaubwürdig war / daß eine Tochter ein so schrecklich Laster ihrem leiblichen Vater ohne Noth und Grund nicht schuld geben würde / als bildete er sich dieses Unglück seines allerliebsten Kindes so gewiß / so eigentlich / so gräßlich / so erbärmlich vor / als wenn er es mit sei nen eignen Augen annoch gegenwärtig sehen müste. Er kunte auch dem Jubil die Aufkündigung der Heyrath nicht übel deutẽ / nachdem er es selbst nicht würde gut geheissen haben / wenn jener eines so niedrigen Gemüthes gewesen wäre / daß er aus blossen Staats-Ursachen mit einer geschändeten seinen Fürstlichen Stand zu schänden verlanget hätte / da doch der Cheruskische Hertzog Flavius vor weniger Zeit seine Verlobung mit der schönen / reichen und mächtigen Africanischen Fürstin Dido für nichtig gehalten hatte /nachdem sie durch List eines geilen Priesters in einen solchen Zustand war gebracht worden / daß sie ihrem vorigen Bräutigam nicht mehr eine unverletzte Keuschheit zum Heyrath-Gut mitbringen können. Erdmuth aber fiel anfänglich aus einer Ohnmacht in die andere; nachmahls / als das erste Schrecken vorbey war / legten ihr dennoch ihre mütterliche Liebe /Erbarmung und Rachgier so viel Marter an / daß es scheinen wolte / sie wäre anietzt durch den Verlust ihrer Tochter in die Höllen-Qvaal / wie neulichst durch die Geburt ihres Enckels in die himmlische Vergnügung / versetzet worden. Sie zehrete sich in zwey Tagen dermassen ab / daß sie einem Todten-Gerippe fast ähnlicher / als einem lebendigen Menschen / sahe / und wenn sie ungefehr einem Römischen stählernen Spiegel gegen über zu stehen kam / sich selbst in sich suchen muste und doch nicht finden konte.

Der mitleidige Himmel aber wolte diesem tödtlichen Kummer der tugendhaften Cattischen[1531] Herrschafft nicht länger zusehen / sondern schickte es /daß der Marsen-Fürst Malovend in adelicher Kleidung / unter dem Nahmen des ehemahls von den Römern gefangenen Ritter Ahlefelds / mit Schreiben von Agrippinen an die Herzogin Erdmuth ankam / in welchen jene dieser den wahren Verlauff von der Ehr- und Todtes-Gefahr / auch glücklichen Flucht ihrer Tochter berichtete und solchen nicht nur durch des unglücklichen Saturninus letzte Bekäntniß / sondern auch durch die beygelegte Abschrifften der beyden an den Tiberius von Thußnelden und Catten abgelassenen Brieffe / so wohl auch durch das eigenhändige Schreiben der gedachten Cheruskischen Fürstin an sie / unwidersprechlich bestätigte / schlüßlich aber beklagte / daß sie von des flüchtigen Frauenzimmers ietzigen Auffenthalt nichts wüste / wobey sie dennoch hoffte / selbiges würde vielleicht sein Vaterland mit seiner unvermutheten Ankunfft schon erfreuet haben. Die Hertzogin lieff eyligst mit dieser frölichen Botschafft in ihres Gemahls geheimes Zimmer / der hierauf den vermeynten Ahlefeld auch dahin erfordern ließ und unter tausend Dancksagungen ihm eydlich versprach / alles zu thun / womit demselben einiger Gefallen geschehen könte / daferne es nur in seinem Vermögen bestünde.

Unterdessen gieng Erdmnth aus dem Zimmer / und gab hiermit dem verkleideten Fürsten die Freyheit /also zu reden: Der so theure Eyd des redlichsten unter allen deutschen Fürsten macht / daß ich das hoffe /wessen ich durch mein bißheriges übeles Verhalten mich unwürdig gemacht. Ich bin Malovend / der ich mich durch die grossen Verheissungen derer Römer /gleich als durch betrügliche Irrwische / von der Tugendbahn in den stinckenden Abgrund der Untreu und Verrätherey verführen lassen / und dahero den schimpfflich- und schmertzlichsten Tod vor dem gerechten Gericht derer sämtlichen Reichs-Fürsten verdienet habe / welche auch sonder Zweiffel mir solchen zuerkennen werden / daferne nicht die kräfftige Vorbitte des großmächtigen Hertzogs derer Catten mir Ehr und Leben / samt Land und Leuten erhalten wird; warumb ich denn demüthigste Ansuchung will gethan haben.

Arpus antwortete: da sieht mein Fürst den Nutzen /beydes von der Römischen Freundschafft / und von der Untreu gegen das Vaterland. Mit Schaden wird man klug / und am Ende merckt man / daß der schöne Ehren-Titel eines Römischen Bundsgenossen dem Schnee ähnlich sey / der anfänglich mit seiner Farbe die Augen blendet / ehe man aber es sich versieht / zu Wasser und Unflath wird. Nun wolte ich zwar bey nächster allgemeiner Reichs-Versammlung / welche erst auf den längsten Tag des künfftigen Jahres im Teutschburgischen Hayn gehalten werden soll / mit einem guten Worte ihm hertzlich gerne dienen. Aber wen werde ich zum Bürgen stellen können / daß der /so schon zweymahl die hinfallende Sucht bekommen /von derselben nicht wieder werde befallen werden /oder daß der / so zweymahl zu denen Römern abgefallen / vor dergleichen Laster ins künfftige sich beständig hüten werde?

Malovend gab hierauf dem Arpus eydliche Verheissung einer unbrüchlichen Teutschen Treu und Redligkeit / und empfing gegentheils von diesem die Zusage / sich seiner im Fall der Noth besten Fleisses anzunehmen. Er erzehlte nachmahls / wie er / aus grosser Verzweiffelung über seiner unglücklichen Verliebung / zu denen Römern übergegangen und daselbst gleich einem kleinen Kinde mit dem Puppenwerck eines Purpur-Rocks / elfenbeinern Stabs und dergleichen Eitelkeiten / geschweiget worden wäre / indessen er sein Land und Leute mit dem Rücken hätte ansehen müssen. Er wäre den Tag nach gehaltenem grossen Triumph des Germanicus in Rom ankommen und hätte den vermeynten Todt des Hoch-Fürstlichen deutsen[1532] Frauenzimmers mit unsäglicher Betrübniß angehöret / bald darauf aber / als er geheimes Gehör bey der tugendhafften Agrippina erlanget / die erwünschte Nachricht von dem Leben der unvergleichlichen Catta / und etliche Tage hernach ohne des Germanicus wissen die überbrachte Brieffe erhalten. Er wünschte zwar nun nichts mehr / als die glückliche Ankunfft der Durchlauchtigen Cattischen Fürstin und dero Ehe-Verbindung mit dem tapffern Hermundurischen Hertzog / welcher sie mehr verdiente / als er / niemahls aber höher lieben würde / als er sie zu seiner grossen Unruhe geliebet hätte. Arpus versetzte: Die Heyrath meiner Tochter mit dem Hermundurischen Jubil steht noch im weiten Felde und hat dieses sein Schreiben mir die Augen geöffnet / wie schlechte Wurtzeln dessen Liebe gegen meine Catta in seinem Hertzen müsse gefasset haben / weil eine eintzige falsche Zeitung von einer beschriebenen Landlügnerin selbige in einem Augenblick mit Strumpff und Stiel ausrotten können.

Malovend lase das überreichte Schreiben des Jubils mit unglaublicher Bestürtzung durch / und fieng endlich an: Ich habe so viel Gütigkeit von dem großmüthigen Cattischen Hertzoge empfangen / die mein Verdienst weit übersteigen / daß ich dahero zu der grossen Kühnheit veranlasset werde / dasjenige unschätzbare Kleinodt zu verlangen / das der undanckbare Jubil so wenig / als der Hahn eine gefundene Perle / oder eine Kuhe das beste Gewürtze / nach Würden schätzen kan. Das Cattische Hauß führet von undencklichen Zeiten einen gelben / gleichwie das meinige einen rothen Löwen in seinem Wapen. O Himmel! könte ich so glücklich seyn / die Vereinigung des gelben Löwen mit dem rothen zu erleben /so würde ich mich vor ein Schooß-Kind des Glückes achten / dem Sylla den Titel des Glückseligen ohne Wegerung abtreten müste! Ich bekäme ja ietzund fast einige Hoffnung dazu / nachdem der Hermundurische Luchs selbst erkennet / daß Löwen und Luchse kein gleiches Paar abgeben. Allein meine Unwürdigkeit giebt dem rothen Löwen noch eine stärckere Schamröthe und erinnert ihn / dessen nicht zu begehren /wessen kein Sterblicher würdig ist.

Hertzog Arpus geriethe über dieser verdeckten und doch offenhertzigen Liebes-Erklärung des Malovends in ein stillschweigend Nachdencken / endlich aber sprach er: Der Hi el verleyhe / daß meine Tochter dero Vaterland bald wieder betreten möge! das übrige wird die Zeit geben. Er führte hierauf den so genanten Ahlefeld mit sich zur Tafel uñ erwiese ihm alle die Ehre / die seinem angeno enen adelichẽ Stande gemäß war. Dießkau ward folgenden morgen zur Abschieds-Verhör gelassen / da denn Arpus ihm der Agrippina / Catta und Thußnelda Briefe vorlegte und darauf ihn also beurlaubete: Ihr könnet nun / edler Ritter / eurem Herrn berichten / wie unnöthig sein Mitleiden gewesen / das er über meiner Tochter vermeyntes Unglück bezeuget hat. Mit der höfflichen Aufkündigung der Heyrath bin ich sehr wohl vergnügt. Will er selbiger eine Aufkündigung unserer Freundschafft beyfügen / steht es in seinem Belieben.

Der Hermundurische Ritter wolte zwar den Hertzog bitten / seines Herrn Schreiben vor ungeschrieben zu halten / weil er selbst nunmehr des einmahl erlangten Glücks der Verbindung mit dem Hochfürstlichen Cattischen Hause sich nicht begeben würde / so bald er vernähme / daß die befürchtete Hinderniß nur eine blaue Dunst der betrieglichen Chassuarischen Fürstin gewesen. Aber Arpus fertigte ihn mit dieser ernstlichen Antwort ab: Ritter / euer Hertzog hat euch eine Heyraths-Aufkündigung / nicht eine Heyraths-Werbung aufgetragen. Darumb redet nicht mehr / als euch zukömmt. Doch hoffe ich / euer Herr werde durch seine ietzige Unbedachtsamkeit gewitziget werden /und ins[1533] künfftige behutsamer reden und schreiben /dafern er anders nicht alle die zu seinen Feinden machen will / durch derer Beyhülffe er sein Fürstenthum wieder zu erlangen gedenckt. Denn wer seine Zunge und Feder nicht regieren kan / der wird noch weniger Land und Leute zu regieren wissen. Dießkau wolte seinen Herrn in unnöthige Feindschafft durch scharffes Widerreden ungerne verwickeln; konte aber gleichwohl / umb Wohlstands willen / nicht vorbey /also zu antworten: Die Zeit wird lehren / ob nicht der Himmel meines Herrn Tugend und Verstand einer Königlichen Crone / geschweige eines Fürstlichen Hutes / werth erkenne; auf welchen Fall ihm der gantzen Welt Mißgunst oder ungegründetes Urtheil wenig schaden wird. Der Hertzog lachte in seinem Hertzen der vergeblichẽ Hoffnung und sagte aus Spott: Ich gönne dem tapffern Jubil eine Crone lieber als mir selbst / noch mehr aber Land und Leute; Bekömmt er beydes / so will ich anders reden. Inzwischen fahrt wohl und versichert euern Herrn meiner beständigen Freundschafft.

Indem nun der höchst unvergnügte Dießkau aus Mattium wegzoge / wuste der schlaue Malovend bey Hertzog Arpus sich dermassen und so lange einzuschmeicheln / biß er endlich von ihm diese Zusage erhielte / daß er dessen Tochter zur Gemahlin erlangen solte / so bald dieselbe in Deutschland wieder ankäme. Hingegen muste er eine Schrifft aufsetzen / die Arpus der künfftigen Reichs-Versamlung übergeben wolte / darinnen jener seine Fehler erkante / Besserung versprach und umb Wiederaufnehmung unter die deutschen Reichsstände Ansuchung thate. Uber dieß machte er sich verbindlich seine verlobte Catta in Italien / Griechenland / sonderlich aber in Armenien zu suchen / welches letztere ihm deßwegen in Sinn kam /weil er sich erinnerte / daß Thußnelda von der hocherleuchteten Aßblaste einsmahls eine verschlossene Schreibtaffel empfangen hatte / mit dem ausdrücklich angehengten Befehl / selbige nirgend anders als zu Artaxata in Armenien / zu eröffnen; woraus er denn schlosse / daß Catta / ihre Reißgefährtin / vermuthlich eben daselbst würde anzutreffen seyn. Arpus willigte alsobald in seine Wegreise / weil ihm zumahl seine Anwesenheit bey denen eifrigsten Liebhabern der Deutschen Freyheit in der ersten Hitze vielleicht allzuschädlich hätte seyn mögen. Er bekam hiernechst von dem Hertzog und Hertzogin einen guten Vorrath von güldener Müntze / nebenst vier Dienern und sechs überaus starcken und wohlgewandten Pferden /zog folgenden Tags nach Rom / auch so fort durch Griechenland und Syrien in Armenien.

So freudig er nun seine Reise antrat: so bestürtzt beschlosse Dießkau die seinige / als er seinen Hertzog zu Budorgis in der grösten Traurigkeit antraff. Er erzehlte ihm zwar die gute Zeitung von Cattens unverletzten Keuschheit: weil aber ihm zugleich alle Hoffnung zu ihr abgesprochen war / kunte solches seinen Schmertz so wenig lindern / so wenig die Galle einen Wermuth-Wein versüssen kan. Uber dieses so kränckte ihn nicht allein das / was Dießkau wuste; Sondern die Qvelle seines Leidens floß sonderlich aus der Feder der Gräffin von Bentheim / als welche auf des Hertzogs Brieff geantwortet hatte: Sie wunderte sich /warumb Leitholde nunmehr erst seiner Liebe würdig geachtet würde / nachdem sie vor fünff Jahren nicht so glücklich hätte seyn können. Allein man pflegte insgemein das am höhesten zu schätzen / was man verlohren hätte / und ein jedwedes Liecht hätte in der Ferne einen grössern Glantz / als es in der Nähe gehabt. Nun wolte sie zwar nichts höher wünschen / als Hertzog Jubiln mit einer so tugendhafften und ausbündig-schönen Fürstin vermählet zu sehen. Nichts destoweniger hätte die Gelegenheit nur auf der Stirne einen Schopff; werden nicht ergreiffen wolte / wenn er könte / der könte ihn auch[1534] nicht fassen / wenn er wolte. Leitholde hätte jederzeit das löbliche Exempel des tugendvollkommenen Jubils für eine sichere Regel ihres thuns und lassens gehalten / und dahero /gleichwie er sein ihr ehemahls gewidmetes Hertz einer andern Abgöttin eingeweihet / also hätte sie das ihrige / so ihm sonst zum Heiligthum bestimmt gewesen /dem Bilde eines solchen Fürstens eingeräumt / welchen eine hohe Ankunfft / Anwartung einer weitläufftigen Herrschafft / uneigennützige Liebe / Tugend /Tapfferkeit / Schönheit höchst-liebens-würdig machten.

Nachdem nun Jubil beydes aus diesem Schreiben uñ aus Dießkaus mündlicher Nachricht versichert ward / daß er bey Catten und Leitholden nichts mehr zu hoffen hätte / verfiel er hierüber in eine tiefsinnige und fast verzweiffelte Betrübniß / und fladerte in einem Augenblick durch gantz Deutschland mit sei nen Gedancken / umb Leitholdens glücklichen Liebhaber zu errathen. So vergeblich aber dieses war / ungeachtet er bald auf den Bastarnischen Britomartes /bald auf den Sarmatischen Boleßla / bald auf den Sicambrischen Franck / bald auf den Gothonischen Gottwald / bald auf den Chassuarischen Siegmund oder Dulgibinischen Sesitach seine Muthmassung richtete: So fest beschlosse er sich deswegen ins künfftige nicht mehr zu kräncken / vielweniger aber alle Hoffnung / durch Catten sein Glück zu machen /ersterben zu lassen; Nachdem er zwar ietzo bey ihrem Vater in Ungnaden stünde / doch bey der Tochter jederzeit eine ungefälschte Treue und unveränderte Liebe gespüret hätte. Wobey er denn hoffte / daß gleich wie ein ausgeblasenes und verrauchendes Liecht / wenn es nahe an ein noch brennendes gehalten wird / jenes von diesem die vorige Flamme gar leichtlich wieder empfähet; also würde auch die noch gegen ihn brennende Liebe der Catta des Arpus seine ungesäumt von neuen entzünden / so bald nur iene bey diesem wiederankommen würde. Er brach daher /nach einen langen Stillschweigen / in diese Worte heraus: O gerechte Straffe meiner Leichtsinnigkeit! So gehet es / wenn man an zweyen Orthen liebet und darüber des Aesepus Hunde gleich wird / der / indem er nach andern Fleisch schnappet / das verlieret / was er schon im Munde hatte! Verzeihe mir / unvergleichliche Catta / diese höchst-straffbahre Untreu / damit ich deine unveränderte Treu undanckbarlichst vergolten habe! Ich verschwere hiermit alle Liebe ausser der deinigen und will künfftig / gleich dem Hermelin / lieber sterben / als mit dem an dir begangenen Laster mich jemahls wieder beflecken. Es kam ihm hiernächst die auf dem Tisch liegende Schreib-Taffel in die Hände / worein er folgende Reimen nach kurtzen Nachsinnen einzeichnete:


An die flüchtige Cattische Fürstin.


Du irr'st itzt durch die Welt: Ach! stelle dieses ein!

Du kanst dich ja der Ruh' in meiner Brust befleissen.

Wirstu gleich dort nicht mehr der achte Irrstern heissen;

Solstu doch stets bey mir die rechte Venus seyn.


Nachdem er sich aber aus Dießkauens Erzehlung erinnerte / daß Arpus / ob gleich vielleicht zum Spott / versprochen hatte / andere Antwort zu geben / wenn Jubil mit gekröntem Haupt dieselbe fordern würde /fielen ihm / an statt der Liebes-Gedancken / diese in Sinn / welche er jenen beyfügte:


Laß / Liebe! deinen Trieb ein wenig bey mir ruhn!

Dein Pfeil und Fackel giebt mein Erbreich mir nicht wieder;

Das muß mein Schwerd und Feuer thun.

Ein muthig Feld-Geschrey dämpfft deine Wiegen-Lieder /

Wodurch so mancher kühner Held

Zum Kinde wieder wird / ja sich noch feiger stellt.

Wird sich der Lorber nur umb meine Schläffe winden /

Soll sich dein Myrthen-Krantz mit leichter Mühe finden.


Er nahm auch Selmnitzen wieder zu Gnaden an /und versicherte ihn / daß weil sein Rath zwar übel ausgeschlagen / doch wohlgemeint gewesen / er keinen Zorn deßwegen auf[1535] ihn geworffen habe; zumahl da er an ihm weder einen Wahrsager / noch Sternseher / unterhielte und also nicht übel nehmen dürffte /daß er Cattens vergangene Zufälle nicht im Crystall /noch der Gräffin von Bentheim Antwort aus dem Gestirn ersehen / und seinen Rath darnach eingerichtet hätte.

Indem er dieses redete / erhub sich ein grosses Freuden-Geschrey vor dem Hauß / weil Hertzog Gottwald von der Jagt glücklich wieder heim kam / nachdem man ihn sechs gantzer Tage vermisset und befürchtet hatte / daß er vielleicht von Bären zerrissen worden. Jederman empfing ihn mit unzähligen Glückwünschen und wolte wissen / wo er so lange gewesen / und ob vielleicht eine Diana einen so schönen Endymion zu ihrer Lust einschläffen lassen? Er gab aber nur diesen Bericht: Er hätte sich im Walde verirret /wäre gleichwohl nach etlichen Tagen halb-verhungert in des mitgebrachten gutthätigen Kohlenbrenners Wohnung eingekehret / von dem er so wohl verpfleget und erqvicket worden / daß er ihm seine Danckbarkeit in der That zu erweisen schuldig wäre.

Unterdessen dachte niemand / daß dieser am Leibe mit Kohlenstaub geschwärtzte Mann eine mit so vielen Lastern und schwartzen Künsten besudelte Seele in sich hegte. Allein es war Adgandester / der seinen Nahmen in der Welt so verhaßt gemacht hatte / daß er sich dessen nicht mehr gebrauchen durffte / wann nicht die Leute davor ärger / als vor einem Gespenst /erschrecken solten. Er war aus Marbods Reich aufs schimpfflichste verwiesen worden / hatte aber auf dessen Grentzen Bauer-Kleider gekaufft und angelegt /und in denenselben sich in den Wald acht Meilen von Budorgis geflüchtet / allwo er einen Kohlenbrenner angetroffen und bey ihm seine Lebens-Art zu erlernen / sich aufgedungen hatte / umb in solcher Einsamkeit sicher zu leben / denn und wenn zu Budorgis ein und anders auszukundschafften und von langer Hand her diejenige Anschläge ins gevierte zu bringen / wordurch er sich an Herrmann / Marbod und Arpus aufs grausamste rächen und seinen Nahmen mit eben dem Recht / als der Mordbrenner Herostratus / unsterblich machen wolte. Er nannte sich insgemein Hildebrand /trug eine schwartze Haar-Haube und falschen Bart /damit er sich ehemahls auf allen Nothfall versehen hatte / als er nach seiner staats-klugen Stern-Kunst /aus der Zusammenkunfft des Saturnus und Mars /oder des alten Marbods und tapffern Vannius / am Marckmännischen Himmel / ein grosses Unglück vor sich besorgen müssen. So hatte er auch nach der Zeit den landflüchtigen Druiden Luitbrand wieder an sich gezogen / mit dessen zuthun er bald darauff den alten Kohlenbrenner und dessen einige Tochter umbrachte und verbrandte / sich aber zum Erben ihrer elenden Hütte und mittelmäßigen Verlassenschafft einsetzte. Er legte sich hiernächst aufs Strassenrauben und meinte alle diese Laster liessen sich zugleich mit dem Kohlenstaub abwaschen / so bald er nur seinen vorigen Fürsten-Stand wieder anträte.

Luitbrand war kaum mit dem vom Sejanus empfangenen Gifft wieder bey ihm angelanget / als der Gothonische Fürst Gottwald sich auf der Jagt verirrte und endlich bey dieser tieff im Walde stehenden Kohlen-Hütte anlangete. Er wurde gleich von Luitbranden erkennet / wiewohl dieser sichs nicht mercken ließ; auch / auf sein Bitten und Geschencke / von Hildebranden mit Aepffeln geräuchertem Fleisch / Brodt und einem frischen Trunck Wasser bewirthet und mit einer guten Schlaffstäte versorget. Es war nun an dem / daß er in seiner Mittagsruhe unter denen Mordklauen dieser zwey vernünfftigen Bären sein Leben verlieren solte / weil es keine Unvernünfftigen hatten thun können. Doch Adgandester bedachte sich noch ein wenig / ob es nützlicher wäre / ihn umb seiner wenigen Kleider / Ringe und Gelder[1536] willen zu ermorden /oder ihm vielmehr das Leben zu gönnen und zu einem Werckzeuge der Rache wider Marboden und Herrmännen zu machen. Nachdem der Schluß nun auf das letztere gefallen war / gebrauchte er sich aller möglichsten Aufwartung bey dem nach etlichen Stunden erwachenden Gottwald. Er lenckte unter andern Gesprächen seine Rede auf den gefährlichen Zustand Fürstlicher Personen / die sich selbst und ihren Vergnügen absterben / und nur andern / ja / (welches das schli ste wäre /) Undanckbaren zu Dienste / leben müsten: Daher der kluge Cheruskische Fürst Julius /über das in seinem Wapen stehende weisse Pferd schreibẽ lassen: Ich nutze mich ab / andern zu Nutz. Jedoch hätte er (Hildebrand) keine undanckbahrere Unterthanen auf seiner langwierigen Wanderschafft durch die Welt gesehen / als die Gothonen /die ihrem so gütigen Hertzog / dem so fromm- als klug- und tapffern Gottwald / nicht besser beygestanden / daß er seine Lande dem Ertz-Räuber Marbod hinterlassen / und sein Leben kümmerlich im Elende beschliessen müssen. Der junge Gottwald gab sich hierauf vor des von Hildebranden so gerühmten Gottwalds einigen Sohn zu erkennen / worüber der heuchlerische Adgandester eine überaus-grosse Freude bezeugte / weil er (wie er sagte) nicht vermeinet hätte /seines gewesenen Landes-Fürstens einigen Erben in der Welt anzutreffen / ja unter seinem Dache zu beherbergen. Er hielte aber nunmehr vor eine unverantwortliche Sünde / selbigem zu verhöhlen / daß er ein Gothonischer Edelmañ von Geburt / Nahmens Grünbach / wäre; hätte unweit der unvergleichlichen Hertzogin Hedwig gefochten / als selbige / in der Belägerung der Haupt-Stadt Godanium / ihr Leben mit mehr als männlichem Muth eingebüsset. Nach der Zeit / da Marbod fast alle Ehrenstellen unter denen Gothonen / Esthiern und Lemoviern mit seinen Marckmännern besetzet und also dem Land-Adel die Hoffnung aller Beförderung abgeschnitten / hätte er sein Glück anfänglich durch Reisen / hernach durch die Waffen / bald unter den Römern / bald unter denen Cheruskern / Sicambrern oder Catten / (doch allezeit unter frembden Nahmen) über funfzehen Jahr gesuchet / endlich aber / durch Anleitung gegenwärtigen gottseeligen Druiden Gotthards / seine Ruhe in der grösten Einsamkeit gefunden. Hier lebte er sich selbst zum Vergnügen und ob gleich sein Leib nicht aller vorigen Beqvemligkeiten genösse / könte er doch seine Seele desto beqvemer von der Erde abziehen und zu himmlischen Betrachtungen gewöhnen. Denn der wäre recht selig / der die stets mühsamen Menschen in den volckreichen Städten / als wie Ameisen in ihren Hauffen / herumb rennen / sorgen / zancken /und sich untereinander zu tode arbeiten liesse / sich aber selbst gleich einem einsamen Paradieß-Vogel von der Erde ab und nach dem Himmel zu mit seinen Gedancken schwinge. Er hätte ehemahls von denen Gärtnern in Italien gehöret / daß ein Granat-Apffelbaum im Schatten am allerersten reiff würde / und er erführe nunmehr / daß sein Gemüthe viel reiffer und vernünfftiger im Schatten seiner schlechten Hütte würde / als es gewesen da er an das öffentliche Tageliecht / und unter Leute mehr gekommen wäre / als ietzo geschehe.

Gottwald behauptete hingegen weitläufftig / daß Grünbach unrechtmäßiger Weise seinen Verstand und Kriegs-Erfahrenheit bey lebendigem Leibe begrübe /da doch der Mensch seinem Vaterlande mehr als sich selbst schuldig wäre; daher solte er in seine Dienste treten und aller Gnade und selbst-verlangten Beförderung gewärtig seyn. Adgandester / Grünbach / Hildebrand / (oder wie man sonst diesen Proteus heissen will /) liesse sich nicht wenig zu einer Sache bitten /die er selbst höchlich verlangte; endlich auf Zureden des Gotthards oder Luitbrands und aus Gehorsam gegen seinen[1537] Landes-Herrn / versprach er zu thun /was dieser befehlen würde. Sie thaten hierauf die Abendmahlzeit / wobey alles viel reinlicher und kostbarer / als bey dem Mittags-Essen zugienge und so wohl Wein / als Wilpret zugegen war.

Folgenden Tages kamen sie auf den Cheruskischen Hoff zu reden / da denn Grünbach den Feldherrn höchlich rühmte / dabey aber beklagte / daß er / wie ehemahls dem Adgandester / also ietzo dem Grafen Nassau allzu viel nachsehe. Mich deuchtet (fuhr er fort) man könte kein wahrhafftiger Sinnbild erdencken / als wenn man ein weisses Pferd mahlen liesse / dergleichen in Herrmanns Wapen zu sehen ist / auf welchem ein Ritter säße / der im Schilde den Nassauischen güldenen Löwen führete; da denn die Beyschrifft: Es weiß seine Stärcke nicht / anzeigen müsse / daß der grosse Herrmann seiner eignen Grösse zu vergessen pflege und ein Unterthaner seines Unterthanen werde. Von diesem seinem Lehrmeister lernet nun Herrmann / sich zu stellen / als wolte er iedermann helffen / und doch niemand würckliche Hülffe zu leisten / als mit einem grossen Eigennutzen. Als die Semnoner und Langobarden des Marbods überdrüßig waren / und Herrmannen zum Herrn verlangten / war es ihm ein leichtes sie aus Marbods Joch unter das seine zu bringen. Hingegen da er seinem alten Freunde / dem Jubil / die Hermundurer / und meinem gnädigen Fürsten die Gothonen unterwerffen soll / weiß er weder Rath / noch Hülffe zu schaffen.

Mit diesen und dergleichen Reden brachte der Ertzbetrieger nach und nach dem guten Fürsten einen so starcken Argwohn gegen den redlichen Feldherrn bey / daß er beym Abendessen dem leichtfertigen Einrathen des vermummten Grünbachs ferner Gehör gab / da er unter andern sich also vernehmen ließ: Mein gnädigster Fürst könte sich bemühen die von ihm gefangenen vornehmen Marckmänner durch alle ersinnliche Höffligkeit zu bewegen / daß sie ihn zu ihrem Könige verlangten. Hätte dieses seine Richtigkeit / so dürffte man nur diese Marckmänner dem Feldherrn einige Hoffnung zu Marbods Crone machen lassen / mit Bitte / ihrem tapffern Uberwinder / dem Gothonischen Fürsten / ein fliegendes Heer zu vertrauen / umb einen unversehenen Anfall auf Boviasmum damit zu thun; auf welchen Fall sie durch einen Ausstand in der Stadt ihm hülffreiche Hand bieten wolten; Mitlerweile könte Jubil im Hermundurischen mit einem andern Cheruskischen Heer sich zeigen / bey welcher Gelegenheit denn die Gothonen / die Wiedererlangung ihrer Freyheit zu beobachten / gleichfals unvergessen seyn müsten. Auf diese Art würden alle Marbodischen Länder in des Feldherrn Gewalt gerathen / wovon er so viel / als ihm beliebte / vor sich behalten / mit denen übrigen aber / sonderlich dem Hermundurischen und Gothonischen / die beyde Fürsten Jubil und Gottwald abfinden / und zu seinen ewigen Schuldnern machen könte. Dieses (sagte Adgandester ferner /) wird unserm Herrmann eine gefundene / und dieser Krieg eine so leichte Sache seyn / daß man sich wundern wird / wie durch den Eigennutz alle bißher unmögliche Dinge so geschwind möglich worden. Sind nun die Marckmänner durch Hülffe der Cherusker einmahl wieder frey / so sollen sie dieser unnöthigen und beschwerlichen Gäste sich auch bald wieder entledigen / weil sie doch lieber einen eigenen König werden haben wollen / der die Gothonischen Landschafften ihrem Reich einverleibe / als daß sie die Bothmäßigkeit über andere Länder verlieren / und nur vor ein dem Cheruskischen Hertzog unterwürffiges Stück Landes gerechnet werden solten. Indessen /weil mein gnädigster Fürst mit den Marckmännern zu thun hätte / hoffte ich dero Erblande durch allerley List und Einrathen meiner Bluts-Freunde / ohne Schwerdtschlag / unter dero Gehorsam zu bringen.[1538]

Der brennende Eyfer vor die Wohlfahrt seines Fürsten / der zum Schein an Adgandestern zu sehen war /erweichte das Hertz des in denen Welt-Betrügereyen noch nicht zur Gnüge erfahrnen Gottwalds / daß es alles das in sich / als in lindes Wachs / drücken liesse / was jener nur wolte. Es kame auch so weit / daß Gottwald und Grünbach vor dem Druiden Gotthard die bündigsten Eyde ablegten / alle Verschwiegenheit und Treu einander zu leisten und einer des andern Anschläge mit Rath und That zu befördern. Und zwar so scheuete sich Adgandester keines weges / falsch zu schweren. Denn sein Gewissen war fürlängst dermassen ausgedehnet / daß ein so schrecklicher und ungeheurer Meyneid gar guten Raum daselbst funde. Diß hingegen war sein ernstlicher Vorsatz / sich selbst zum Fürsten derer Gothonen / Esthier und Lemovier zu machen / und wenn der rechtmäßige Erbe dieser Länder mit dem mächtigen Cheruskischen Feldherrn in einen schweren Krieg sich verwickelte / im trüben Wasser nach aller Lust zu fischen. Hermannen aber begehrte er nicht ehe mit dem von Rom empfangenen Gifft hinzurichten / ehe und bevor er sich seiner zur Unterdrückung des Marbods gnugsam gebrauchet hätte.

Der nächstkommende Tag war kaum angebrochen /als Grünbach Gottwalden das letzte Frühstück vorsetzte / und ihn hierauf nach Budorgis begleitete / unterwegens aber so viel unrechtfertige Staatsgriffe beybrachte / daß ein gantz anderer Mensch aus ihm / und durch sein Exempel bestätigt wurde / eine lasterhaffte Gesellschafft sey anfälliger / als Aufsatz und Pestilentz.

Es wolte sich aber der vermeynte Grünbach unter Hildebrands Nahmen in der ihm gar zu bekanten Stadt nicht lange aufhalten lassen / aus Furcht / an der Sprache vielleicht ungefehr erkant zu werden; sondern / nachdem er eine eintzige Mahlzeit unter dem Hoff-Gesinde genossen und von dem Fürsten viel grosse und reiche Geschencke aus der neulichsten Marckmännischen Beute bekommen hatte / wanderte er wieder in seine Kohlen-Hütte / und erhielt beym Abschied die heimliche Zusage von dem unruhigen Gottwald / daß er ehest unter dem Schein der Jagt bey ihm einsprechen und Nachricht geben wolte / wie weit er es mit seinen Marckmännern gebracht hätte.

Unter diesen waren die vornehmsten der gefangene Graf Wartenberg / und der in der Schlacht übergegangene Ritter Zevusch; zwey recht tugendhaffte und tapffere Helden / die aber beyderseits Ursach hatten /Marboven biß auf den Todt zu hassen. Denn / damit dieser seinem Liebling / dem Tanneberg / eine Gnade thun könte / hatte er den Wartenberg von dem Königlichen Erbschencken-Amt entsetzet / welches doch seine Ahnen von Geschlecht zu Geschlecht über etliche hundert Jahr gehabt hatten. Zevusch aber hatte einen Rechts-Streit wegen einer gewissen Erbschafft mit eben diesem Tanneberg verlohren und meynte /Marbod hätte das Urtheil nicht nach denen Gesetzen /sondern nach des Beklagten Eingebung / abgefasset. Nachdem nun Gottwald bey Hertzog Herrmann sich die Freyheit ausgebeten hatte / einige von seinen Gefangenen loß zu lassen / umb sie dadurch sich dermassen zu verbinden / daß sie ihm mehr beförder- als hinderlich wären / wenn er / durch die längst-versprochene Beyhülffe des Feldherrns / seine Gothonischen Erb-Länder wieder einzunehmen versuchen würde; ließ er Wartenbergen und Zevusch zu sich kommen /sprach sie frey / beschenckte sie herrlich uñ bat sie /etliche Tage auf der Jagt ihm Gesellschafft zu leisten. Diese beyde wurden von so ungemeiner Freundlichkeit gantz bezaubert und hörten daher desto williger zu / als er folgenden Tag unterwegens die Marckmänner wegen der Tyrannischen Regierung des Marbods beklagte / auch nachgehends sie zur[1539] Rache und Erlösung ihrer Landes-Leute anfrischte / und endlich seine Person ihnen zu beständiger Gunst aufs höfflichste empfohle. Er machte sie hierdurch so treuhertzig / daß sie anfangs wüntschten an Marboden einen so gütigen Herrn zu haben / als sie von Gottwalden verhoffen wolten / wenn das Glück sie seiner Beherrschung würdig geachtet hätte; ja sie versprachen ihm zuletzt hoch und theuer / alle ihre Verwandten und gute Freunde zu Maroboduum wider den Wüterich in ein enges und fest beschwornes Bündniß zu bringen /ihn vom Thron zu stürtzen / und / wo möglich / dessen Crone auf ihres höchstverdienten Wolthäters / des Gothonischen Hertzogs Haupt zu setzen. Jedoch bedungen sie sich / daß zu einem so wichtigen Werck grosse Verschwiegenheit und sechs oder sieben Monat Zeit ungefehr gehöreten. Gottwald ließ sich alles gefallen / stärckte sie in ihrem Vorsatz / beschenkte sie nochmahls und thate ihnen die Verheissung / alles Glück / das er durch sie erlangen würde /mit ihnen gemein zu haben. Worauf sie denn von ihm erlassen wurden / und unter dem Schein einer selbst ergriffenen Flucht zu Boviasmum oder Maroboduum ankamen.

So groß nun Gottwalds Freude und Hoffnung bey einem so guten Anfang war: so groß war die Traurigkeit des Feldherrns / als seine Abgesandten an den Tiberius / Graf Stirum und Ritter Malzan / ohne Thußnelden wieder kamen und berichteten / es habe Tiberius sie hoch versichert / daß das gefangen gewesene deutsche Frauenzimmer würcklich auf der Flucht / wo nicht schon in Deutschland / sich befünde / wannenhero sie den mit denen Römern gemachten Frieden aufzukündigen sich keines weges hätten unterfangen wollen. Ob man nun aber wohl Thußneldens Wiederkunft täglich erwartete / so verstrich doch diß Jahr /ehe daß die geringste Nachricht von ihr einlieff. Dieses machte / daß der großmüthige Herrmann endlich fühlen muste / er wäre ein Mensch / und könte so wenig seine hertzgeliebte Gemahlin / als das Hertz aus seiner Brust / ohne tödtliche Schmertzen verlieren. Er zweiffelte nunmehr nicht / daß sie in ihrer Flucht zu Wasser oder Land umbgekommen / und ihr Grab vermuthlich / entweder in dem Magen derer Fische oder wilden Thiere gefunden hätte. Er schrieb aber deßwegen an die heilige Asblaste seine Frau Mutter / welche / nachdem sie dem Flavius den Stich mit dem Messer in die Brust / und mit ihrer Straff-Predigt ins Hertz / gegeben hatte / in das Heiligthum der Cimbrischen Alironien zurück gekehret war. Die ser klagte er seine hertzkränckende Besorgung und bat / aus weissagendem Geist zu entdecken / ob Thußnelda noch lebe und ihn iemahls in diesem Leben wieder sehen werde. Er bekam aber erst etliche Monat hernach diesen dunckeln Ausspruch / an statt einer klärern Antwort.


Unüberwindlicher Feldherr!

Gott geliebtester Sohn!

Wenn das deutsche Reich

an Blut und Thränen

arm seyn wird /

wovon es

jenes deinem Leben zur Beschützung /

diese deinem Tode zu Ehren

vergiessen soll;

Wird es Thußnelden

mit Freuden -Thränen begrüssen[1540]

und mit Mitleydens-Thränen

von ihr begrüsset werden.

Alsdenn wirst du

unter der Erden zwar eine sichere Wohnung /

in Thußneldens Seele aber

das edelste Mausoleum haben.

Doch traue dem Himmel /

daß die Erde

euch beyde nach Wuntsch vereinigt werde wieder

sehn.

Diejenige soll dich

wohlvergnügt in ihre Arme schliessen /

die du ohne Ursach beweinet hast

und die dich ohne Ursach beweinen wird.

Dein Begräbniß-Tag

giebt dir und deiner Allerliebsten

ein neues Leben.

Darumb

sey zu frieden /

weil die Linien in dem Buch deines Verhängnisses

zwar wunderbahr unter einander lauffen /

gleichwohl allerseits

dein bestes zum Mittelpunct haben.


Herrmann sagte bey Verlesung dieses: Nun so lebe denn wohl / unvergleichliche Thußnelda! Sterbe ich /ehe ich das Glück habe dich wieder zu sehen / so lebe ich doch in dir auch nach meinem Tode / und erfreue mich hertzlich / daß Aßblaste uns beyden einerley Grabstätte verspricht! Graff Nassau / dem Herrmann Aßblastens Brief vorgelesen hatte / versetzte: Wir wollen diesen Ausspruch keines weges so übel deuten. Der Himmel wird Deutschland nicht so ungnädig seyn / daß er selbigem dessen so theuren Beschützer und gütigen Beherrscher mehr gezeiget / als geschenckt haben solte / massen mein gnädiger Feld- Herr kaum fünff und dreißig Jahr vorjetzt erlebet hat /welches erst die Helffte von dem ordentlichen Alter des Menschen ist. Wer weiß / wie die Weissagung auszulegen / und ob sie nicht einer Castanien-Nuß gleich sey / an welcher man auswendig lauter Stacheln / inwendig eine angenehme Frucht findet. Vielleicht steckt ein viel besserer Verstand in Aßblastens Worten / die im ersten Anblick nichts als Hertzens-Stiche zu geben tüchtig scheinen?

Was brauchts viel vergeblichen Trostes? (antwortete der Feld-Herr:) Fürchte ich mich denn vor dem Tode? O nein! Lasts seyn / daß der gemeine Menschenhauffe ihn vor das schrecklichste aller schrecklichen Dinge halte: Ich dencke bey dem Bilde eines Todtengerippes an das / was der berühmte Zeuxis sagte / als ein von ihm hauptsächlich-gutgemahltes Bild dem Pöbel nicht gefallen wolte: Wenn ihr mit meinen Augen sähet / würdet ihr dieses Gemählde mit der grösten Lust von der Welt betrachten. Mein bester Theil kan von denen Unvollkommenheiten dieses Lebens nicht ehe frey werden / biß der Tod das Band entzwey geschnitten / welches die Seele an dieselben ja so fest / als an ihren Leib bindet. Man härmet sich nicht halb so sehr / wenn man die lebendigen[1541] Inwohner und den besten Hausrath aus einem baufälligen Hause unverletzt herausbringen kan / ob gleich Stein /Leim und Holtz zerfallen / zerbrechen / und zu Staube werden: und wenn nur die Einwohnerin unsers Leibes / die Seele / mit ihren Gemüths-Gaben sich in den Ort derer Seligen flüchten kan / darff man nicht klagen /daß die gebrechliche Leibes-Hütte in Asch und Staub zerfället. Zudem / weil der Himmel weder denen Gottlosen alles böse / noch denen Frommen alles gute / so sie in ihrem Leibe gethan / in diesem Leben zur Gnüge vergilt; so halte ich gäntzlich davor / daß /gleich wie ein in der Erde ersterbendes Korn zu seiner Zeit wieder aus der Erden hervor grünet / also alle Leiber zu einer gewissen Zeit wieder werden lebendig werden / damit der / so ein Werckzeug einer boßhafften Seele gewesen / strenge Straffe / der / so einer Tugendhafften zu Dienst gestanden / gnädige Belohnung von der Göttlichen Gerechtigkeit empfahen könne. Wundert euch demnach nicht / daß die kluge Aßblaste meinem Tode und Begräbnisse so grosse Lobsprüche giebt / und so herrliche Würckungen zuschreibt. Unterdessen muß ich gestehen / daß das beschwerlichste bey der Todes-Finsterniß sey / daß man dero Zeit nicht so eigentlich wissen oder ausrechnen kan / als eine Sonnen- oder Monden-Finsternüß. Vor dem Donnerschlag sieht man den Blitz / vor einem Feuer den Rauch / vor einem Schiffbruch düstere und stürmische Lufft. Der Tod aber kömmt öffters / ehe er sich durch einige Kranckheit / als seinen Vorboten /die Herberge bestellen lassen. Jedennoch wer sich alle Tage durch ein tugendhafftes Leben zum Sterben bereit machet / den kan es nie zu ungelegener Zeit betreffen. Inzwischen weil ich lebe / soll dieses meine gröste Sorge seyn / meinen Kindern und Ländern also vorzustehen / daß jene glücklich über diese nach meinem Hintritt zu regieren geschickt / und diese jenen gebührend zu gehorsamen willig seyn mögen.

Diese löbliche Todes-Gedancken währeten bey dem Feld-Herrn den gantzen ohnedem traurigen Winter hindurch. Als aber der Frühling anbrach / wurden selbige durch eine seltzame Zeitung aus dem Chassuarischen Hertzogthum in etwas unterbrochen. Selbige betraff die gottlose Sentia / mit welcher der gerechte Himmel einmahl abrechnen muste / nach dem sie einen sehr grossen Lohn / mit so vielfältiger Verrätherey / Ehebruch und Vatermord / verdienet hatte. Bojocal / ihr ehemahliger Buhler / hatte fast alle Monat entweder bey dem Segesthes eingesprochen / oder selbigen sammt seiner Gemahlin nach Techelia an seinen Hoff erbeten. Das ehebrecherische Paar konte seine Leichtfertigkeit so sinnreich bemänteln / daß der gute Segesthes mit sehenden Augen blind war / wiewohl ihn dennoch die Geschichte mit dem Sejan begierig gemacht hatte / täglich zu suchen / was er nicht zu finden begehrte. Der Mertzmonat war inzwischen halb vorbey / als Bojocal heimlich vor Sentiens Schloß in unbekanter Kleidung nur selbdritte ankam /und Sentien durch dero vertrauteste Dienerin seines Verlangens verständigen und fragen ließ / wo und wenn er heimlich sie zu sprechen die Ehre haben solte. Die Ehebrecherin konte ihrem Liebling nichts versagen. Dannenhero setzte sie / statt einer Antwort /dieses Getichte auf:


An die gesprächige Nymphe


Eccho.


Du holde Nymphe / merckst am besten / was ich will.

Dein halbgebrochner Thon aus deiner Grufft im Garten

Beschämt die Nachtigal: Mein Mund wird dir aufwarten /

Wenn du Gehöre giebst. Nur dencke nicht: Schweig still!

Komm / liebliches Eccho / und nimm

Von mir an / was ich

Von Liedern zu opffern vor dich

Aus Freundschafft bestimm'.

Du schweigst / biß alles schweigt; biß ungefehr umb acht

Die Vnruh' wird zur Ruh / der muntre Tag zur Nacht.

Narcissus fehlt dir zwar. Sag' aber doch: kanstu

Ohn ihn nicht glücklich seyn? Begieb dich nur in Ruh!

Statt seiner lieb ich dich. So wirstu ja im lieben

Auch umb die Wette stets mit Sentien dich üben.[1542]


Wahlspruch:


Bedencke das Ende.


Sie schrieb noch an dem letzten Wort / als ihr Gemahl ins Gemach trat und fragte: Was sie guts machte? Wolte sie nun keinen Verdacht erwecken / muste sie ihm das Papier zu lesen überreichen / wobey sie aber bate / die Poetische Schwachheit ihr nicht zu verargen / daß sie über ihr artiges Garten-Eccho ein Getichte verfertigt und dasselbe angeredet / als wenn es eine Person wäre / weil dieses auf des Ovidius Verwandlungs-Bücher sich gründete / allwo die Nymphe Eccho sich dermassen abhärmete / daß sie endlich zu einer dünnen Lufft würde / nachdem der schöne / aber stoltze Narcissus ihre hertzliche Liebe verschmähet hätte. Was aber ihren erwehlten Spruch / Bedencke das Ende / anbelangte / setzte sie solchen zu allen dergleichen weltlichen Eitelkeiten / damit sie sich hierinnen nicht vertieffen möchte / gleich wie etwa die Aegyptier bey ihren lustigsten Gastmahlen das Bild eines Todten-gerippes auf die Tafel gesetzet hätten.

Segesthes konte dieses nicht tadeln / vielweniger Verdacht hieraus schöpffen / ohne daß er meynte / die Verse klängen etwas hart und gezwungen / welches aber einem Frauenzimmer nicht dürffte übel gesprochen werden. So bald er aber hinweg war / sandte sie es dem Bojocal / der / nach ihrer ehemahls-genommenen Abrede / das Ende nicht des Lebens / sondern derer Verse / bedachte und die zwey letzten Sylben in jedem männlichen / die drey letzten aber in jedem weiblichen Reime zusammensetzte / da denn diese verlangte Nachricht heraus kam:


Ich willBestimm

Im GartenVmb acht

AufwartenZur Nacht

Schweig stillKanstu

Vnd nimmIn Ruh

Was ichIm lieben

Vor dicDich üben.


Er hatte verlängst einen eigenen Schlüssel zu diesem unkeuschen Sammel-Platz von Sentien empfangen; dannenhero verfügte er sich umb acht zur Nacht dahin / und wurde von der Ehebrecherin nach seinem Wunsch bewillkommet. Indessen hatte Sentiens kuplerische Dienerin an statt ihrer Frauen in Segesthes Ehebette sich legen müssen und ware wider ihre Gewohnheit fest eingeschlaffen / als Segesthes / dem seine Gemahlin über der Abendmahlzeit zu starcken Trincken Anlaß gegeben / umb Mitternacht aufstehen muste / umb den Magen von seinem Uberfluß zu erleichtern. Weil er aber ein Schweißtuch auf dem Nacht-Tisch suchen wolte / muste er die unter einen Sessel gesetzte Lampe in die Hand nehmen / welche denn einen so hellen Schein aufs Bette warf / daß er dabey den Wechselbalg / ich meine / die mit der Frauen verwechselte Magd / ersahe. Da brauchte es nun wenig Kunst die Warheit zu errathen; deswegen er ein auf dem Tisch liegendes grosses Messer ergriff / die schnarchende Dienerin aufweckte und ihr den Tod dräuete / wenn sie nicht alsbald bekennete / wo Sentia wäre? Diese konte sich so bald nicht auf eine Lügen besinnen / sondern gestund aus Furcht des Todes /daß die Hertzogin mit dem Angrivarischen Fürsten die Nach im Schloß-Garten zubrächte und gegen morgen sie wieder abzulösen willens gewesen wäre. Der eifrige Segesthes stieß hierauf das Messer der betrügerischen Griechischen Sclavin durch die Brust / und warf das mit dem Tode ringende Aaß auf die Erde. Unterdessen hatte dieses Getöse zwey in der nächsten Kammer liegende Edel-Knaben ermuntert / durch welche Segesthes sich eiligst ankleiden / und in den Garten begleiten ließ. Er traff allda das Schandpaar im Bette nacket und schaffend beysammen an / da er denn dem Ehebrecher / ehe er sich fast recht ermuntern kunte / beyde Ohren mit dem aus der Kammer mitgebrachten Messer wegschnitte /[1543] hätte ihn auch sonder Zweiffel ertödtet / wenn nicht die erwachende Sentia ihm in die Arme gefallen wäre / so daß jener Gelegenheit bekam / auffzuspringen / den einen im Wege stehenden Kammer-Diener mit aller Macht über den Hauffen zu stossen und durchzugehen / indessen der andere dem Segesthes die flüchtige Sentia halten halff. Der ehrvergessene Bojocal wurde zwar von dem einem Diener verfolget; allein dieser verfehlte seiner bey der Nacht in denen hochaufgewachsenen Spatziergängen / dergestalt / daß er / obgleich im blossen Hembde und mit hartblutenden Ohren / bey seinen Leuten an- und / nachdem er sich in etwas verbinden und bekleiden lassen / aus Segesthes Gebiete sicher entkame.

Sentia muste inzwischen mutternacket an die Garten-Thüre mit den Haaren angebunden / die kühle Nacht hinbringen / da ihr denn nicht anders deuchtete / als wenn ihres ermordeten Vaters Geist sie aufs grausamste mit Schlangen-geisseln peitschete / so daß die gantze Haut an ihr zerrissen / und ihr meistes Blut vergossen würde. Doch / da der Tag anbrach / war weder geronnen Blut / noch Striemen an ihr zu sehn /und muste sie ihr böses Gewissen für diesen nächtlichen Plagegeist halten. Segesthes gieng nun bey sich zu rathe / ob er die Ubelthäterin heimlich / oder / nach denen damahligen Rechten und Gebräuchen aller Deutschen / öffentlich abstraffen wolte. Nachdem er aber dieß letztere zu Rettung seiner Ehre am dienlichsten befunden hatte / ließ er der Ehebrecherin alle Haar vom Haupt glatt abscheren und trieb sie also gantz nackend mit einem Prügel aus seinem Palast /würde sich auch nicht geschämet haben / sie auf etliche tausend Schritt solchergestalt vor sich wegzutreiben / wenn sie nicht selbst mit dem Kopff wider eine im Wege stehende Eiche gelauffen wäre / und die Hirnschale zerschmettert hätte. Man ließ sie demnach / jederman zum Abscheu und denen Hunden und Raben zur Speise / an diesem Ort verrecken und drey gantzer Tage also liegen / endlich aber bey denen Beinen auf den Schinde anger hinausschleppen. Solchergestalt bekam diese Lasterhaffte ihren Lohn und die Welt ein Exempel / daß der Himmel denen Verächtern seiner Güte eine Schuld lange borge / aber zu rechter Zeit richtig bezahle. Solche schreckliche Fälle betreffen wenige und erinnern viel Sünder / wie ein Comet nur etlichen schadet / doch allen zum Schrecken vor die Augen gesetzet wird. Dieweil man aber der Sentia keinen marmornen Grabstein setzen wollte / machte ein Unbekandter einen von Pergament / und schlug ihn an eine unfern von der Schindgrube stehende Weide bey Nacht an:


Stehe stille /

wer du bist /

und besiehe auf einen kurtzen Blick

diesen greulichen Anblick /

der

wo nicht Mitleiden / doch Schrecken /

bey dir erwecken soll.

Wilst du meinen Nahmen wissen?

wohl! gieb acht!

Ich kan mich Medusa nennen;

weil ich

im Leben die schönste im Lande gewesen /[1544]

im Tode meine erstaunende Zuschauer versteinere

und an statt meiner abgeschnittenen Haare

Schlangen und Würmer

aus meinem Leibe herfür wachsen lasse.

Doch was nützt mir ein falscher Nahme?

Ich will mit dem Leben zu lügen aufhören

und einer noch nie versuchten Sache mich unterfangen

nemlich /

wahr zu reden.

Ich heisse:

SENTIA.

Dieser mein Nahme ist in der Welt so bekant /

daß alle Tugendhafften mich mit mehrerer Furcht /

als die Abergläubischen den Wolff /

zu nennen pflegen.

Und dieses nicht unbillig:

massen nicht allein

die Römische Wölffin meine Mutter ist /

sondern ich auch stets

durch Blutdurst und Geilheit

den Titel einer Wölffin zu behaupten gesuchet habe.

Ich wolte mich gerne

vor des Aelius Sentius Saturninus Tochter ausgeben:

Allein wer wirds gläuben /

nachdem mein an ihm begangener Mord

zu beweisen scheinet /

daß ich

einem Ehebrecher ehe / als ihm /

das Leben zu dancken gehabt /

und meine Geilheit demnach

eine Gattung von Aussatz gewesen sey /

so von Eltern auf Kinder vererbet wird?

Alldieweil auch Rom keine mit Napell vergifftete Indianerin

vor den tapffern Segesthes / zu finden wuste /

wie etwan dergleichen dem grossen Alexander

geschencket ward;

muste mein mit allem ersinnlichen Laster-Gifft

durchwürcktes Gemüth

den Chassuarischen Alexander

dermassen anstecken /

daß er

dem Griechischen zur Nachfolge /[1545]

mehr als ein deutsches Persepolis

einer Hure zu Gefallen

in Brand gerathen ließ.

In schwartzen Künsten

hat die einige Wartpurg es höher gebracht / als ich:

daher auch verdienet /

daß sie an einem hohen Galgen /

ich nur in einer tieffen Schind-Grube /

den Auffenthalt habe.

Ich habe vorlängst alle Scham verlohren /

drumb darf ich keiner Kleider /

sie zu bedecken.

Ich nehrte mit meinem Fleisch

die unflätigen Lüste des Bojocals /

der seinem Vaterlande

zu Vergeltung mütterlicher Treu /

nach Art der undanckbaren Raben /

die Augen aushacken wollen.

Was ists denn Wunder /

daß ich ietzt einer andern Art von Raben zur Speise diene?

Nun gehe hin

und würdige mich /

die ich einen ewigen Nahmen durch Laster zu erlangen

getrachtet habe /

deiner ewigen Vergessenheit.


Auf Bojocals Ohren wurden auch nicht wenig Stachel-Schrifften von unterschiedenen Händen verfertigt. Bald wolte einer den Segesthes vor einen guten Artzt rühmen / daß er den hitzigen Brand des Bojocals durch einen glücklichen Schnitt so nachdrücklich steuren können / da gemeine Wundärtzte mit ihren Sägen und Messern kaum den kalten Brand heilen könten. Bald wunderte sich einer / warumb die Ohren hätten büssen müssen / was ein anderer Theil des Leibes verbühret; und schlosse endlich: solches wäre geschehen / entweder / weil zwey Adern von denen Ohren nach dem Untertheil des Leibes sich ziehen /oder weil Segesthes vielleicht des unbändigen Bojocals Beschwerung eben so heilen wollen / als wie manche Aertzte das Hüfften-Weh / da man den Daumen des Krancken brennet und durch die Marter des unschuldigen Theils den schuldigen wieder zurecht bringet. Noch ein anderer meinte / jederman würde dem Bojocal nunmehr bey dem ersten Blick ansehen /daß der Ehren-Titul eines Römischen Bunds-Genossen ihm zukäme; weil in denen Gesetzen enthalten wäre / daß Uberläuffern und Verräthern des Vaterlands die Ohren solten abgeschnitten werden.

Nichts aber fiel mehr ist die Augen / als das wohlgemahlte vier Ellen hohe Bild eines Butavischen am Chassuarischen Hoffe lebenden Künstlers. Man sahe darauf einen Altar / auf welchem Mnemosyne / die Göttin des Gedächtnüsses / in einem mit lauter Ohren bemahlten Kleide stund und mit der rechten Hand an[1546] ihr recht Ohr griffe / mit der lincken aber einen flachen Teller hielt / worauf zwey blutige Ohren lagen. Die Meynung des Gemähldes ward durch folgende Schrifft erkläret / welche in die vorderste Seite des Altars eingegraben zu seyn schiene: Weil der Göttin des Gedächtnüsses die Ohren heilig sind / übergiebt ihr Bojocal / der aller deutschen Redligkeit bißher vergessen hat / seine straffbahren Ohren zum Versöhnopffer und sichern Pfande / bey derer Verlust an seine ehemahls-verübte Boßheit und künfftig-obliegende Schuldigkeit lebenslang zu gedencken.

Allein Bojocal bewegte sich im geringsten nicht über solcher übeln Nachrede / sondern meinte dieselbe ehe durch stillschweigen / als widersprechen zu dämpfen. Er setzte im Hause eine Haar-Haube / und auf der Gasse / Reise / Fürst- und Ritterlichen Zusammenkünfften einen Helm auf / und bemühete sich ja so sehr / seine verkürtzten / als Midas seine allzulangen Ohren / zu verdecken. Ein unvermutheter Zufall aber entdeckte dieselben vor denen Augen des gantzen deutschen Reichs.

Denn als Herrmann / Arpus mit seinem Sohne Catumern / Melo mit seinen zwey Brüdern und so viel Söhnen / Ganasch / Ariovist / Malorich / Jubil / Gottwald / und etliche andere treuverbundene deutsche Fürsten / wie auch derer Cimbrischen / Suionischen /Bastarnischen und Sarmatischen Könige Gesandten /nebenst einem Abgeordneten des Batavischen Volcks / am längsten Tag des Jahrs im Teutschburgischen Hayn zusammen kamen / ihren Bund wieder zu erneuern / funden sich auch Segesthes / Segimer / Sesitach und Bojocal ein / bereueten / daß sie von denen Römern verführet worden / und baten mit grosser Demuth / derer vergangenen Dinge zu vergessen / ihnen ihren ehemahligen Ort in der Fürsten-Versammlung wieder einzuräumen und ins künfftige aller Treu und Redligkeit von ihnen versichert zu seyn. Dergleichen suchte auch Arpus vor seinen abwesenden Malovend. Es gab hierüber viel streitens / ehe in solch Begehren allenthalben eingewilliget wurde. Weil aber Melo /Ganasch und Malorich / so ehemahls Römische Bundsgenossen gewesen waren / das Laster nicht allzu hoch anthen oder aller Vergebung unwürdig halten durfften / welches ihnen ihr Gewissen selbst vorrückte / und dannenhero / nebenst dem Arpus / eine eiferige Vorbitte vor diese Verbrecher einlegten /ward endlich einmüthigst geschlossen / daß die obgenanten Segesthes / Segimer / Malovend / Bojocal und Sesitach / alle ihre vorigen Rechte wiederbekommen und an dem allgemeinen Bündnüß derer deutschen Fürsten Theil haben solten. Als man nun dachte / sie würden insgesamt ihre Dancksagung hierüber ablegen / bedungen sich Segesthes / Segimer und Sesitach / daß sie sich viel zu edel hielten / mit dem Ehebrecher Bojocal in ein Bündniß sich einzulassen; baten dabey / in Bedencken zu ziehen / ob nicht die Verletzung eines Fürstlichen Ehebettes einen so unverschämten Missethäter aller Fürst- und Ritterlichen Gesellschafft unwürdig machte? Bojocal verwarff hierauf solche Anklage / als eine offenbahre / unerweißliche und ungegründete Schmachrede. Segesthes versetzte: Bojocal führe den Beweiß wider sich unter seinem Helm / nemlich seine verstümmelten Ohren; die möchte er nur entdecken / so würde es unnöthig seyn / die jetzt angebrachte Klage weitläufftiger zu behaupten. Bojocal antwortete: Es ist die Gewohnheit von unsern hochlöblichsten Vorfahren auf uns gebracht und so viel undenckliche Jahr erhalten worden / daß wir bey allgemeinen Versamlungen in voller Rüstung erscheinẽ; so wenig nun einem unter gegenwärtiger[1547] Durchlauchtigen Gesellschafft zugemuthet werden darff / seine Waffen abzulegen; so wenig kan ich dem Chassuarischen Hertzog die Gewalt einräumen / mir die Abnehmung meines Ritterlichen Helms nach eignem Wohlgefallen anzubefehlen. Doch dieses wundert mich sehr / daß wenn es wahr ist / daß ich meine zu kurtzen Ohren klüglich verberge / Segesthes nicht von mir lernen will / seinen ausgewachsenen Kopff zu verdecken; Und daß er mit Gewalt zu behaupten gedencket / er habe an seinem Haupt etwas zu viel und ich etwas zu wenig. Nimmermehr will ich hoffen / daß er noch ein König werden will / weil etwa dem Marcus Genucius Cipus zu Rom / als er unvermuthlich Hörner bekam / der gleichen Hoheit gewahrsaget worden. Welch eine Thorheit aber ists /daß / da er als ein Mann dem vermeinten Ehebrecher zusammt den Ohren das Leben zu nehmen sich nicht getrauet hat / er nun wie ein feiges Weib dieser Hochfürstlichen Gesellschafft Gehöre mit dem albern Gedichte von meinen gejüdscheten Ohren beschweret. Allein was braucht viel Worte? Ich fordere hiermit /aus Ehrerbietung gegen seine hohe Anverwandten /diesen leichtfertigen und lügenhafften Ehren-Dieb zu einem ritterlichen Kampff aus / in welchem er mir den Helm abziehen mag / wenn er so viel Hertz und Kräffte hat. Er will ja ein Actäon Noth seyn: weil aber seine Hunde..och nicht für voll ansehn / und als einen rechten Hirsch zerfleischen wollen / so will ich ihm aus alter Bekantschafft solchen letzten Dienst erweisen.

Segesthes durffte sich diese Ausforderung nicht zuwider seyn lassen / sondern muste selbst die Hochfürstliche Gesellschafft ersuchen / unpartheyische Kampffrichter abzugeben. Herrmann deutete ihnen beyderseits an / sich in etwas zu entfernen; inzwischen er die Stimmen herumb gehen ließ; und / als sie beyde wieder vorgefordert waren / ihnen diesen Bescheid gab: Daferne Hertzog Segesthes deutlich genug erwiesen hätte / daß Hertzog Bojocal das vorgeworffene Laster des Ehebruchs warhafftig begangen /würde man ihm nicht zumuthen können / daß er ihn seines Speers und Schwerdtes würdigte. Nachdem aber der Beweiß noch nicht zur Gnüge geführet wäre /als solte der Kampff nicht allein ihnen frey stehen /sondern auch unumbgänglich auferlegt seyn / doch mit diesem Bedinge / daß wo Hertzog Segesthes Hertzog Bojocals Haupt nicht entblössen und den Mangel der Ohren augenscheinlich erweisen könte / er als ein unverschämter Verläumbder aus der Fürstlichen Gesellschafft und Bündniß solte gestossen werden; welche Straffe aber auch Hertzog Bojocaln betreffen würde / daferne Hertzog Segesthes darthun könte /daß er seine Ohren / und folgbar seine Ehre / verlohren hätte. Beyde streitende Theile nahmen die Bedingung an. Hierauf wurde die Reñebahn vor dem Teutschburgischen Schloß zum Kampffe bereit gemacht / und vier Tage hernach nahmen die Fürstlichen Personen bey früher Morgenzeit ihre Schaubühnen daselbst ein. Der Adel / Soldaten und gewaffnete Weiber besetzten von aussen zu die Schrancken.

Segesthes hatte in seinem Schild ein paar abgeschnittene blutende Ohren mahlen lassen / nebenst dieser Beyschrifft:


Sie können nicht reden / doch zeugen.


Der Ansibarische Hertzog aber führte im Schilde den Fluß Achelous / unter der Gestalt eines Ochsens /dem Hercules im Ringen ein Horn abbrach / mit dem Beywort: Diß gehöret nicht vor dich. Hiemit anzuzeigen / daß er den Segesthes durch den Kampff überführen wolte / daß er sich Hörner anmaßete / da ihm doch die unschuldige Sentia keine Ursach hierzu gegeben hätte. So bald nun die Trompeten zum drittenmahl sich hören liessen / ranten Segesthes und Bojocal mit ihren Speeren[1548] wider einander: da denn dieser das seinige auf Segesthens Brust brach / jener hingegen Bojocals Helm so gewaltig traff / daß ihm derselbe und zugleich das Hertz entfiel / weil er das Haupt mit seiner Haar-Haube nicht wider Segesthes Schwerdt verwahren kunte. Er wolte sich demnach bücken / den auf der Erde liegenden Helm mit der zubrochnen Speerstange aufzuheben. Alleine sein Widersacher wolte die schöne Gelegenheit nicht aus der acht lassen / und schlug ihn mit dem Degen flächlings auf das Hintertheil des Haupts / daß er betäubet wurde / aus dem Gewichte kam und zur Erden stürtzte: da war es nun dem Segesthes ein leichtes / dem Bojocal das falsche Haar abzureissen / und fehlte wenig / daß er ihm nicht auch den Schedel für die Füsse gelegt hätte. Allein er hielte sich für allzu edel /einem öffentlich-überzeugten Ehebrecher das Leben zu nehmen. Darumb vergönnte er denen Ansibariern /ihren Herrn hinweg zu führen / und meynte / eine bessere Rache zu haben / wenn er ihn lange in Schimpff leben / als geschwinde sterben ließ. Denn gleichwie ehemahls den Smerdes seine abgeschnittene Ohren umb das Persische Königreich brachten: Also war der auf der Erde halb-todt liegende Bojocal durch ein allgemeines Geschrey aller Zuschauer verdammet worden / daß er als ein überwiesener Ehebrecher auf ewig aus der löblichen deutschen Ritterschafft und Fürsten Bündniß solte ausgeschlossen seyn und bleiben. Der langmüthige Himmel gab also diesem ruchlosen Menschen eine längere Lebens- und Buß-Zeit; massen er erst viertzig Jahr hernach mit allem seinem Volck von dem Dubius Avitus auf Befehl des Käysers Nero aus dem Lande verjagt wurde und im Elend jämmerlich umbkommen muste; solchergestalt aber einem Mastochsen nicht ungleich war / dem das Leben gefristet wird / damit er zu anderer Zeit geschlachtet werden könne / und zwar wohl gar durch desselben Hand /dessen Hause er Zeit Lebens am allermeisten genützet und gedienet hat.

Es war aber bey diesem Kampff auf Leib und Leben nichts wunderbarers / als daß der Uberwundene das Leben davon brachte / der Uberwinder hingegen selbiges einbüssete; alldieweil Segesthes von Bojocaln mit dem Speer über der rechten Brust verwundet worden / und bißher vor grossen Eyfer die Wunde nicht gesühlet hatte / endlich aber wegen häuffig vergossenen Blutes krafftloß und ohnmächtig zu werden begunte. Worauf man ihn nach Teutschburg bringen wolte; Allein ehe man dahin kommen konte / verschied er plötzlich / eine viertel Stunde ungefehr nach erhaltenen Obsieg. Und also muste der offtmahlige Vaterlands-Berräther Segesthes durch den nichts-bessern Bojocal das Leben / wie dieser durch jenen seine Ehre / verlieren. Jedoch war dieses dem Segesthes noch rühmlich / daß er / als ein wider einen Feind des Vaterlands tapffer- und siegreich-streitender Held / tödtlich verwundet ward / und dadurch bewiese / wie er nicht gantz ohne sein Verdienst die Ehre hätte / ein deutscher Fürst und Thußneldens Vater zu heissen. Er ward mit Fürstlicher Pracht in sein Land abgeführet und daselbst verbrant; bekam aber seinen Bruder Segimer / an statt seines bey denen Römern sich noch aufhaltenden Sohns / des Siegmunds / auf einhelliges Urtheil der deutschen Fürsten-Versa lung / zum Erben aller seiner Länder.

Dieses unverhoffte Glück des Segimers stach die Sicambrischen Fürsten Beroris und Dietrich trefflich in die Augen / und verleitete sie / ihre alten Ansprüche an das Sicambrische Hertzogthum / welches ihr erstgebohrner Bruder Melo allein beherrschete / wieder hervor zu suchen. Zumahl / da Drusus in allen seinen Briefen aus Illyricum sie vielfältig dazu anfrischte. Massen dessen Hauptzweck war / den Saamen der Zwytracht unter die deutschen Fürsten auszustreuen /und die Fabel von denen[1549] Brüdern in Böotia / die zu Cadmus Zeiten aus einerley Erde aufgewachsen seyn /und sich selbst unter einander aufgerieben haben sollen / auf Deutschen Grund und Boden zu einer wahren Geschichte zu machen. Melo schützte zwar das väterliche Testament vor; aber es würde ein Papier / das von Würmen und Mäusen kan zerfressen werden / ein schlechter Schild des Hertzogs wider Spieß und Degen gewesen seyn / wenn die beyden Brüder alles hätten thun wollen / was ihnen der Ehrgeitz einriethe. Allein zu allem Glück kam der kluge Eubage Winsheim ungefehr / den Beroris zu besuchen / und nahm Gelegenheit / von dessen Anspruch an das Sicambrische Hertzogthum zu reden / da er denn unter andern sich also vernehmen ließ: Ich leugne nicht / daß viel hundert tausend Menschen unter seiner Bothmäßigkeit zu sehen / eine sehr angenehme Sache seyn müsse / wenn dieselben entweder durch freye Wahl oder durch Erbrecht / oder durch einen dem Beherrscher abgenöthigten Krieg / selbigem unterthan worden sind. Jedennoch wenn der Himmel einem tugendliebenden Fürsten / auf keine von diesen drey Arten /viel Land und Leute unterworffen hat / kan und soll er / meines wenigen Erachtens / sich nicht mit vergeblichen Ehrgeitz qvälen und lieber über wenig wohl / als über viel nicht so wohl / zu regieren verlangen / weil jenes ihm im Gewissen Ruhe / unter denen Unterthanen Liebe / bey denen Nachbarn Verwunderung / allenthalben Ruhm und Ehre bringet / dieses aber /gleich dem Blitz / zwar in die Augen überaus sehr fället / doch vergänglich und jederman mehr schäd- als nützlich ist. Es ist einem Künstler rühmlich / wenn er mit gebührendem Fleiß einen so grossen Colossus verfertigt / daß Schiffe zwischen dessen Füssen ungehindert durchgehen können; Allein auch der wird vor einen ungemeinen Kopff gerühmet / der in verjüngter Arbeit was sonderliches thut / und wohl gar auf eine Kirschkern mehr als hundert unterschiedene Gesichter bringen kan. Eine Seele ist grösser zu achten / die einen kleinen Cörper geschicklich regieret / als eine andere / die einem grössern Leibe so übel vorsteht /daß er und sie Kranckheit / Reue und Schande davon haben. Was ist aber wohl ein Fürst anders / als die Seele eines gemeinen Wesens / das / gleich einem Cörper / aus sehr vielen und unterschiedlichen Gliedmassen bestehet? Mir gefällt überaus wohl / was der Spartanische Fürst Agis zur Antwort gab / als ihm einer vorrückte / der mächtige Macedonische König Philippus schnitte denen Spartanern die Macht und alle Gelegenheit ab / ihre Botmäßigkeit über andere Griechische Städte zu erweitern: Unser Land (sagte er) ist groß genug vor uns / dariñen zu leben und zu wohnen; und unser Hertz ist iederzeit geschickt / beydes unsere Herrschafft zu vergrössern / wenn es das Recht und Glück zulassen / und auch nach Gelegenheit mit einem mittelmäßigen Zustand wohl vergnügt zu seyn. Es will und soll ja ein Fürst den Nahmen haben / daß er zu keinem andern Ende groß zu seyn begehre / als daß die / so er zu seinen Unterthanen verlangt / sich unter ihm ruhig und vergnügt befinden mögen. Ist dieses nicht / so ist er nicht ein Fürst / sondern ein Wüterich / nicht ein Ebenbild des allgütigen Gottes / sondern eines höllischen Plagegeistes. Nun muß mein gnädigster Fürst am besten wissen / ob die Sicambrer unter dero Regierung eines vollkommenern Wohlstands theilhafftig seyn können / als unter der Bothmäßigkeit dero ietzigen Beherrschers? Gesetzt demnach / es wäre dieses zu hoffen / (wiewohl manchmahl tausend nie vermuthete Unglücks-Fälle die gute Hoffnung eines Fürsten krebsgängig machen können /) so wird doch die gewaltsame Befreyung derer Unterthanen von dem vermeynten Joch ihres ietzigen nicht unerträglichen Herrns / sie dermassen schwach / arm und dünne machen / daß sie in denen künfftigen güldenen Zeiten / wenn selbige gleich unzählig Jahre beständig[1550] anhalten solten / nicht so leichtlich sich wieder erhohlen werden. Denn der Ehrgeitz kan in einem Tag mehr verbrennen und veröden / als eine ämsige Landes-Vorsorge in funffzig Jahren bauen oder erwerben. Solte gegentheils dero weltbekante höchstrühmliche Bescheidenheit sich unserm bißher regierenden Hertzog an Gerechtigkeit / Verstand / Erfahrenheit und Glück vorzuziehen nicht gemeynet seyn / würde folgen / daß dero vorhabende Vergrösserung nur aus einem Eigennutz / nicht aber aus blossen Eyfer für die Wohlfahrt des Vaterlandes /ihren Ursprung habe; welches mir gleichwohl ungläublich scheinet. Es ist ja einem Lande nichts schädlicher / als eine Zerstückung in allzu viel Fürstenthümer / deren keines das andere vor sein Oberhaupt erkennen will / und ist dahero so wenig zu rathen / als daß man eines verstorbenen Hertzogs Hermelinen-Mantel in so viel Stück zerschneide / so viel Leibes-Erben vorhanden seynd. Mich dünckt auch /die Nachwelt wird mit mehrern Ruhm des tugendvollkommenen Beroris erwähnen / wenn er aus Ehrerbietung gegen das väterliche Testament / und aus Liebe zu der Ruh und Friede seines Vaterlandes / mit dem blossen Ehren-Titel eines Sicambrischen Fürstens /und dem ihm ausgemachten / zwar kleinen / doch auskommentlichen Unterhalt vergnügt seyn wird / als wenn er viel tausend Leichen seiner besten Freunde und Diener zu Grund- und Füllsteinen machen wolte /umb darauf seiner Herrschsucht einen Tempel zu bauen. Und wo ja alles dieses nichts verfangen will /könte vielleicht Hertzog Melo meinem gnädigsten Fürsten eine völlige Gnüge schaffen / wenn er ihn zum geistlichen Oberhaupt aller Eubagen in seinen Ländern machte. Diese Insul heckt nicht so viel Sorgen-Würmer / als der Hertzogliche Purpur; wärmet aber und zieret ja so gut / als dieser.

Beroris dachte dem Einrathen des Winsheims nach / und befand es sehr wohl gethan / daferne nur selbiger die Einwilligung des Hertzogs Melo zuwege bringen könte. Allein dieser war bald zu frieden / seinen Bruder mit einer so guten Art abzufinden und ihm dadurch die Lust zu benehmen / ehest vielleicht zu heyrathen und das Land mit allzu viel Fürstlichen Erben zu beschweren. Mit Dietrichen aber / der ohndem seinen weit-sanfftmüthigern und stillern Bruder Beroris vornehmlich in Harnisch gebracht hatte / schiene die Sache mehr Schwerigkeiten zu haben. Doch da man des ärgsten sich besorgte / und Dietrich zwar die Unterthanen aufzuwiegeln gedachte / als welche immer eine aufgehende Sonne lieber / denn eine untergehende anbeten / Melo aber ihn heimlich aufzufangen und auf ein Bergschloß zu sicherer Verwahrung bringen lassen wolte / kamen zwey Abgeordneten von dem Batavischen Volck an / erzehlteten / daß dasselbe bißher / nach ritterlichem Tode Hertzogs Cariovalda /ohne ein Haupt gelebet / nach und nach aber befunden hätte / daß seine bißherigen adelich- und bürgerlichen Vorsteher durch ihre Zwietracht nicht geringen Schaden verursacht / weßwegen es letzlich einmüthig sich erkläret / den wegen seines tapffern Muths weltberühmten Dietrich / gebornen Sicambrischen Fürsten /zu seinem allgemeinen Oberstatthalter zu erwehlen /zumahln da der auf dem neulichsten Reichstage in dem Teutschburgischen Hayn gewesene Abgeordnete desselben Fürstliche Gemüths- und Leibes-Gaben nicht genug hätte zu rühmen gewust. Melo machte nunmehr eine gantz andere Geberde gegen seinen Bruder / so bald er von ihm vernahm / daß er solch Glück nicht auszuschlagen / sondern das gewisse für das ungewisse zu nehmen / willens wäre. Es wurde demnach dem neuen Batavischen Fürsten und denen Abgeordneten des Volcks alle gebührende Ehre mit sonderbarem Eyfer erzeiget / beyderseits trefflich beschencket / etliche Tage hernach[1551] in einer überaus-prächtigen Abschieds-Verhör beurlaubet / und also mit dem Ende alles gut gemacht.

Das gantze Sicambrische Hertzogthum hielt hierüber tägliche Gastereyen und an statt / daß es befůrchtet hatte / sein Blut in einem bürgerlichen Kriege zu vergiessen / muste nunmehr Wein und Bier dessen entgelten; da unterdeß gantz Maroboduum in Blut und Thränen ersauffen wolte. Denn nachdem Graf Wartenberg und Ritter Zevusch von Fürst Gottwalden in ihre Freyheit gesetzet und als flüchtige daselbst wieder angekommen waren / machten sie den Marbod bey allen ihren Verwandten dermassen verhaßt / daß ihrer über funffzig sich in ein enges Bündniß einliessen und zusa en verschwuren / dem Tyrannen das Liecht auszuleschen / wenn der längste Tag im Jahr anbrechen würde. Hincko / Marbods Trabanten-Hauptmann / wolte das von ihm selbst empfangene Schwerdt / so er bißher vor ihn ritterlich geführet hatte / wider ihn gebrauchen / und damit den Zweiffels-Knoten / den Herrmann ein wenig gelöset hatte /zerschneiden / ob nemlich Marbod / (wie man ehemahls gemeynt hätte /) keinem widerwärtigen Glück könte unterworffen seyn? Der Druide Luitbrand wohnete allen diesen Berathschlagungen bey / nachdem er auf Adgandesters Begehren / unter dem Nahmen Gotthard und dem Vorwand allerhand Länder zu besehen und Sprachen zu erlernen / in ritterlicher Kleidung sich dahin begeben und deñ und wenn bißanher mit Adgandestern / durch einen von Gottwalds Bedienten / Brieffe gewechselt hatte. Die Sonne trat endlich in den Krebs; doch auch zugleich der Aufstand / der auf solche Zeit abgeredet war / und die Pfeile / die auf Marboden gerichtet waren / prallten wider alles Verhoffen auf die Verschwornen zurücke: iederman zum Beyspiel / daß wer die Hand an Fürsten leget / sich mehrentheils schändlicher Weise verbrenne / und daß ein Land / so eine innerliche Unruh und Aufstand anfähet / keinen grössern Vortheil habe / als wenn es sich selbst durch ein Erdbeben erschüttert und verwüstet. Denn als Marbod neun Wochen ungefehr zuvor in Begleitung Tannebergs und wenig Diener auf die Jagt reiten wolte / lief ihn unterwegens ein Bettelweib an und überreichte ihm fußfällig ein Bittschreiben /mit vielen Seuffzen und Flehen / es selbst je ehe je lieber zu erbrechen. Und damit verlohr es sich so geschwind in den Wald / daß man hätte meynen mögen /es wäre verschwunden. Dieß bewoge den Marbod nach dem Inhalt dieses verdächtigen Briefes selbst zu sehn / den er denn also abgefasset befunde:


Großmächtigster Marbod.


Der instehende längste Tag ist dein letzter / wofern du dich nicht deines Lebens durch den Tod deiner Feinde versicherst. Wartenberg / Hincko / Jaroßia /Branick / Adalbert / Zevusch / Crocus / Bohußla und Zyto sind die vornehmsten unter dem Bündnüß / und haben keine Scheu / ihren unvergleichlichen Verstand und Heldenmuth zu einen so unverantwortlichen Vorhaben zu mißbrauchen. Die grüne Farbe ist selbigen Tag dein Untergang / wo du sie nicht mit Blut roth färbest. Ich sage nicht mehr. Nöthige obbenante durch die scharffe Frage / ausführlichere Antwort zu geben. Lebe wohl und schweige von meiner Warnung / damit die Welt von deiner Rache sagen könne.

Der Unbekandte.


Marbod wiese nach langen Nachsinnen seinem Liebling Tanneberg das Schreiben; der versprach ihm ein paar hundert Mann getreuer Leute in möglichster Stille aufzubringen / das Schloß beniemten Tages damit zu besetzen / und die Verrätherey in erstem Grase zu ersticken; Inzwischen aber weder Inguiomern noch sonst jemanden in der Welt etwas davon zu sagen. Umb welches letztere er denn auch[1552] den König ersuchte. Die neun Wochen lieffen also hin / ehe man fast sich dessen versahe; und die Verschwornen vermutheten am wenigsten / was ihnen bevor stund / weil Marbod sich indeß weder freundlicher / nach ernsthaffter gegen sie bezeugete. Er stunde sehr früh am Morgen des obbenennten und zu seiner Ermordung bestimmten Tages auf / und ließ nach dem Hincko fragen / der denn schon damahls mit Jaroßla und Crocus im Schloß-Platz herumb spatzierte / und so wohl als jene die Haare mit einem grünen Band zur Losung zusammengebunden hatte. Er gieng auf Erfordern mit beyden in des Königs geheimes Zimmer ohne andere Begleitung; sahe aber daselbst niemand /als den König / der auf seinen Stuhl in seinem gewöhnlichen himmelblauem Schlaff-Peltz / mit dem Rücken nach der Thüre zu / sasse / das in eine grosse Schlaffmütze versteckte Haupt zwischen die auf den Tisch ausgestreckten Arme gelegt hatte / und dem Ansehn nach / in dieser frühen und kühlen Morgenzeit aus Müdigkeit wieder eingeschlaffen war. Dannenhero sagte Crocus heimlich zu denen andern: Der Himmel segnet unser Vorhaben! Der Tyrann schläfft und wir wollen ihm vollends dazu behülfflich seyn. Jaroßla mag an der Thüre stehn. Hincko und ich wollen den Streich verrichten. So bald es geschehen /müssen wir die Stadt zu ihrer Freyheit beruffen. Hierauf giengen sie gantz leise hin / und Hincko stach dem auf dem Schreibetisch liegenden das Schwerd durch den Rücken / Crocus gab ihm einen Hieb über den Kopff. In dem Augenblick aber waren wohl zwölff wohlbewaffnete Soldaten über sie und halb so viel über den Jaroßla her / daß sie nicht wusten / ob selbige vom Himmel gefallen wären. Ungeachtet nun alle drey sich trefflich wehrten / wurden ihnen doch die Arme gehalten / die Schwerdter genommen / und Ketten und Bande angelegt / auch jeder in ein absonderlich Gefängniß geführt. In der Thüre des geheimen Zimmers begegnete ihnen König Marbod / der doch nach selbst eigner Meynung dieser Verräther am andern Ende des Gemachs von ihnen war erwürget worden. Allein sie hatten ihren Grimm nur an einer grossen / ausgestopffeten und mit Marbods Kleidern angezogenen Puppe ausgelassen / die Tanneberg verfertigen und in diese Stellung bringen lassen / damit wenn die Verschwornen sich daran vergriffen / man sie der Verrätherey desto ehe überzeugen könte. Diese achtzehn Soldaten aber hatten längsthin an der Wand hinter einer Tapezerey gestanden / umb durch einige Ritzen das Vornehmen des Hincko zu beobachten /und nach Befinden zu bestraffen. Alle drey wurden absonderlich aufs schrecklichste gemartert / ob sie gleich ihre edle Ankunfft vorschützten; doch bekante keiner nichts / als daß sie drey allein ohne jemands Mitwissen dem gedrückten Lande zu seiner Freyheit wieder behülfflich zu seyn / den Vorsatz gehabt hätten. Nachdem aber dem Crocus vorgehalten ward /daß Jaroßla auf Wartenbergen / Adelberten / Zevusch / Branick / Bohußla und Zyto bekant / rief er aus: O! weh! nun ists geschehn! und gestunde eben dieses. Dem Hincko / deßgleichen dem Jaroßla ward des Crocus Uhrgicht vorgelesen / und durch solche List die Bekäntniß ebener massen abgenöthigt. Hierauf wurden ietzt benennte aus ihren Häusern gefänglich abgeholet / indessen die andern dem König noch unbekandte in tausend Aengsten waren / und nunmehr sahen / daß es unmüglich seyn würde / den Anschlag auszuführen / weil Marbod in so guter Verfassung stünde. Viel wolten demnach ausreissen; allein die Thore waren zu. Und keiner / als Wartenberg / hatte das Glück / bey einem gewissen Freunde in Weiber-Kleidung drey Tage zu verharren / und hernach sein Leben durch die Flucht zu Gottwalden in Sicherheit zu setzen. Die andern wurden alle nach und nach von denen gemarterten[1553] Mitverschwornen verrathen /gleichfalls aufgesucht und in gefängliche Hafft gebracht. Insonderheit traff die Reihe den falschen Gotthard oder Luitbrand. Dieser dachte demnach auf eine sonderbahre Rache / weil er dem Tode nicht entfliehen konte. Daher gab er nicht nur alle Verschwornen an / auf welche er vor der Marter gefragt wurde / sondern setzte auch fälschlich hinzu / daß noch drey hohe Häupter / denen Marbod ein wenig zu lang lebete /von ihrem Anschlage gewust hätten; doch wolle er sie nicht nennen / damit Marbod sich selbst Schlangen ernehren möchte / die ihn mit der Zeit umbbringen /und den Todt so vieler tapffern Helden rächen könten. Man fieng hierauf an mit brennendem Schwefel und Pech ihn zu betreuffen / da er denn stracks im Anfang bekante / selbiges wären Adelgund / Inguiomer und dieser beyden bester Hertzens-Freund / König Vannius. Marbod erstaunete und erzürnete sich über dieser greulichen Aussage / daß er des Todes hätte seyn mögen. Doch wuste er nicht / ob sie wahr wäre / oder nicht. Sie schien unglaublich zu seyn / weil diese drey die grösten Wohlthaten von ihm / nemlich Adelgund das Leben / Inguiomer die Tochter und Erbrecht /Vannius das Schwäbische Königreich / empfangen hatten. Doch schien auch gegentheils bedencklich /daß alle drey in dem Hercynischen Walde schon vierzehn Tage jagten und vielleicht den Ausschlag ihres Anschlags von weiten absehen wolten. Zum wenigsten war dem Wüterich alles verdächtig / daß er öffters vor seinem eigenen Schatten / als vor einem Gespenst oder Meuchelmörder / erschracke. Hierzu kame / daß Luitbrand die vollständige Marter über seiner Bekäntniß aushielt und darauf blieb / daß er deßwegen von allen dreyen Besoldung genossen hätte. Er wurde aber hierdurch dermassen entkräfftet / daß man ihn auf einen Stuhl setzen und mit einer an den Knöpffen der Lehne festgemachten und umb seine Brust geschlungenen Binde halten muste. Tanneberg befahl / den halbtodten Ubelthäter zu erqvicken /damit man ihn denen so freventlich-beschuldigten hohen Personen unter die Augen stellen könte. Aber indem hatte der vertrackte Bösewicht auf dem Folterstuhl die Binde von der Brust an den Halß hinangestreifft / und legte sich mit der Kehle dermassen hart an dieselbe / daß er die gottlose Seel ausbließ / ehe ihn iemand daran verhindern kunte. Er zahlte also sich selbst den wohlverdienten Lohn aus und verfiel durch seine heimtückische Bekäntnis / vermittelst derer er den Marbod und dessen besten Freunde zusammen hetzen wolte / in eine ärgere Marter / als ihm vielleicht kaum wiederfahren mögen / wenn er die Wahrheit ausgesaget hätte / und etwa zum Beil oder Strange wäre verurtheilt worden. Allein so boßhafftig ist die Rache / daß sie wohl ehe ihr eigen Hauß ansteckt / umb ein dabey gelegenes in Brand zu bringen / und selbst von einer vergiffteten Speise frist / umb ihren Feind zu verleiten / auch selbige zu kosten.

Hiernächst wurden über funffzig Gräfflich- und Adeliche Personen öffentlich enthäuptet und ihre Köpffe auf Bäume gesteckt. Wohl zwey oder dreymahl so viel Diener wurden an Bäume aufgehenckt. Noch mehr aber mit Ruthen gezüchtiget / andere des Landes verwiesen; und muste hier mancher Unschuldiger mit dem Schuldigen leiden / dieweil dieser auf jene bekante / als er auf selbigen bey der unerträglichen Marter befraget wurde. Gewiß ists / daß kein einig vornehmes Hauß unter denen Märckmännischen Gräflich-Adelich und bürgerlichen Geschlechtern zu finden war / das nicht entweder einen lieben Blutsfreund oder einen zuverläßigen Beförderer verlohren hätte. Marbod aber ließ sich sein Aderlassen wohl bezahlen / indem er aller Getödteten / so wohl auch der Landsverwiesenen / und derer in die Acht erklärten Güter in seine Cammer einzog.[1554] Weßwegen auch einer den Charon unter der Gestalt des alten Marbods abmahlete / wie er ein Schifflein voller abgeschiedener Seelen über die Höllen-Wasser in die unter-irrdische Welt übersetzte; Weil er aber nicht / wie jener Poetische Schiffmann mit einem Heller / den man denen verblichenen Cörpern zum Schifslohn in den Mund legte / zu frieden war / wurden ihm zum Spott diese Verse unter das Bild geschrieben und an dem öffentlichen Marckt bey Nachtzeit angeschlagen.


Du nimmst mit recht das Amt des alten Charons an

Und bringst in Plutons Reich in einem Tag mehr Leichen /

Als er im gantzen Jahr gethan.

Er muß dir ja im Fleiß / doch auch im Geitze weichen.

Ein blosser Heller war sein Lohn;

Du trågst vor deine Můh die Erbschafft gantz davon.


An statt dieser Stachelschrifft befahl Marbod eine weisse Marmorne Spitzseule auf dem Marckt aufzurichten / die auf vier rothstreifichten Marmelnen Knöpffen / diese aber auf einem hohen und mit schwartzen Serpentinsteinernen Taffeln belegten viereckten Fusse stunden. In die vörderste Seite der Flammen-Seule waren diese Worte mit sehr grossen Buchstaben eingegraben: Danckbahres Andencken des wachsamen Schutz-Geistes. In die rechte Neben-Seite: Allgemeine Freude über die Göttliche Erhaltung. In die hinterste Seite: Sichere Hoffnung künfftiger Glückseeligkeit. In die vierte oder lincke Neben-Seite: Ewige Warnung treuloser Verräther. Er ließ auch sich und seine auf die Jagt reitende Gesellschafft nebenst dem Bettelweibe / mit ihrem Brieffe in der Hand / in Lebens-Grösse auf Leinwad mahlen; da denn über dem Bilde auf dem schmalen Rande die Schrifft längsthin zu lesen war:


Marbod wird durch seinen Schutzgeist vor einer obhandenen Verråtherey gewarnet.


Der breite Rand unter dem Bilde war in fünff Felder abgetheilet; von denen das Mittelste diese Jahr zahl in sich enthielte:

Den neunten April im zwey und funfftzigsten Jahr des Marbodischen Reichs und siebenhundert ein und siebenzigsten nach Erbauung der Stadt Rom. Im andern Felde war ein offener Brieff gemahlt mit der Uberschrifft: So viel Zeilen / so viel Strahlen. Die Meynung war etwas klärer aus dem ins erste Eck-Feld geschriebenen Geticht zu nehmen:


Der Schutzgeist und die Sonn' hat den Gebrauch gemein /

Er hůllt sich in dieß Kleid / sie sich in Wolcken ein.

Doch pflegt sie manchmahl so noch Strahlen auszustreu'n /

Gleichwie auch seine Hand uns offt bringt Liecht und Schein.


Im vierdten Felde war ein hauffen grünes und brennendes Holtz / mit dem Beywort: Viel Getöse /wenig Schaden. Dieses ward im fünfften oder andern Eck-Felde mit folgenden Reimen erläutert:


Wen selbst der Himmel schützt / der kan der H \lle lachen.

Der Schutzgeist muß vor uns / auch wenn wir schlaffen / wachen.

Was will ein Erdwurm denn sich wider uns aufmachen?

Sein Zorn schreckt uns nicht mehr / als nasser Brånder Krachen.


Mittlerweile kamen König Vannius / Hertzog Inguiomer / und dessen Gemahlin Adelgund mit ihren Bedienten von der Jagt zu Maroboduum wieder an. Sie zogen alle in grüner Kleidung nach Jäger-Art auf /unwissend / daß diese unschuldige Farbe in des Marbodischen Schutzgeistes Brieff / als ein Zeichen der wider den König zusammenverschwornen / angegeben war. Marbod gerieth über diesem Anblick in einen hertzfressenden Argwohn / und hielt Luitbrands letztes Bekäntniß für allzu[1555] gewiß; zumahl da jene von der Erhitzung im Reiten gantz feuer-roth im Gesichte waren / welches er auf eine Schamröthe wegen entdeckten Anschlags ausdeutete. Er kunte auch nicht unterlassen / als sie ihm wegen überstandener Gefahr Glück wünschen wolten / mit einer verdrießlichen Geberde Gotthards in der Marter erhaltene Aussage zu erzehlen. Gläuben denn eure Majestät (antwortete Vannius) einem solchen Ertzbösewicht mehr / als dero Sohn / Tochter / und alten Freunde? Nein! (sagte Marbod) gleichwohl hat er mit seinem Tode sein Bekäntniß versiegelt. Hilff Himmel! (rieff Adelgund aus /) ists möglich / daß ein solch schelmisches Todes-Siegel mehr gelten soll / als unser blosses Wort? Können denn Eure Majestät sich einbilden /daß wir unter der Jagt von Bären und Wölffen gelernet haben / unmenschlich zu leben / ja / welches mehr als viehisch ist / unserm Vater und höchsten Wolthäter nach dem Leben zu trachten? Ich hoffe es nicht; (versetzte Marbod /) ob gleich keine Unthat der Herschsucht zu groß / und ihr höchstes Gesetz der Eigennutz ist. Der großmüthige Inguiomer kunte ein so unbilliges Verfahren nicht mit Gedult verschmertzen /sondern brach in diese Wort aus: Ey verfluchter Argwohn! Soll ich solche Ehren-Verkleinerung ohne Widerrede einfressen? das sey ferne! Mein Bructerisches Hertzogthum kan mich so wohl ernehren / als das Marckmännische Königreich. Hiermit fassete er seine Gemahlin bey der Hand und wolte sie mit sich weg führen. Aber der sanfftmüthige Vannius hielte ihn auf / mit diesen Worten: Ey nicht zu eilig! mein Fürst! Man muß einem Vater ein Wort zu gut halten. Marbod aber fiel ihm in die Rede: Es fleucht kein Storch weg / der nicht dächte wieder zu kommen. Das Marckmännische Cronen-Gold hat eine Magnetische Krafft / die auch biß ins Bructerische Hertzogthum langet. Und wenn ich ja weder Freund noch Feind umb mich hätte / würde mir mein unsichtbahrer Schutzgeist schon Gesellschafft leisten. Vannius ward darüber gleichfals ungedultig und sagte: Worzu dienen so viel verdrießliche Rätzel? Man sage es uns in die Augen /ob man uns drey für Feind oder Freund / für Verräther oder für unschuldig halte? Marbod gab mit einer kaltsinnigen Art zur Antwort: Bin ich denn ein Hertzens-Kündiger? Verhöret euer Gewissen gegen des Todten Anklage: Ich muß euch wohl entschuldigt halten. Alle drey wurden hierdurch unsäglich entrüstet und eylten zur Thür hinaus nach ihren Pferden zu / da denn Adelgund allein im weggehen sagte: Der Himmel bewahre eure Majestät / und bringe Sie zur Erkäntniß ihres Irrthums. Und damit setzten sie sich mit ihren Leuten auf und Vannius zwar gieng in sein Königreich / Inguiomer aber und Adelgund in ihr Hertzogthum.

Tanneberg kam gleich damahls zum Schloß hinein und kunte sich nicht gnug wundern / daß die Wegreisenden ihn weder sonderlich grüsseten / noch zusprachen. Er begab sich demnach zum Könige / und nachdem er die Ursach erkundiget hatte / sagte er: Eure Majestät wollen gnädigst vergeben; ich fürchte / die kaltsinnige Erlassung dieser drey hohen Personen hätte nicht so schleunig geschehen sollen. Was? (sagte der erzürnete Marbod /) habe ich nicht Ursach gnug / Argwohn wider diese Leute zu fassen / die mit ihrer grünen Kleidung / Schamröthe und selbsterwehlten Flucht so deutlich sich verrathen und Gotthards Aussage bekräfftigen? Jener erwiese hierauf weitläufftig / daß aller dieser Beweiß wider dergleichen Personen zu schwach wäre / und setzte letzlich hinzu: Zu wünschen wäre es / daß Eure Majestät nicht nur halb / sondern gantz jenem zu unser Väter Zeiten lebenden Allobrogischen Hertzog gleich wären / welcher eines theils zwar überaus argwöhnisch / anders theils aber so gar sehr verschwiegen war / daß man ehe die Tieffe des Meers / als seine Gedancken /[1556] hätte er gründen mögen; daher man von ihm ins gemein zu sagen pflegte / sein Hertz wäre mit mehr und höhern Gebürgen rings herumb besetzet und verwahret / als etwa sein Land; und keines Menschen Verstand so groß / daß er selbige übersehen könte. Die Vorsichtigkeit ist ein nöthig Ding vor einen Fürsten /weil selbiger so vielerley Leute umb sich leiden muß /die mehrentheils nicht seyn / was sie seyn wollen /und denen nichts mehr als das Kleid mangelt / daß man sie nicht vor vollkommene Comödianten halten könte; so gar sehr wissen sie sich zu verstellen. Wer nun allzu leichtlich solchen falschen Freunden traut /wird leichtlich betrogen. Doch muß man nicht aus allzu grossem Nachdencken die besten Freunde zu lauter gräßlichen Larven machen; womit wir uns ohne Noth qvälen / und furchtsamer als kleine Kinder werden. Man wirfft deßwegen nicht alsbald alle güldene Müntzen oder Edelgesteine weg / weil öffters falsche unter guten sich findẽ / sondern man prüfet dieselben mehr / als einmahl; und warumb nicht vielmehr rechtschaffene Freunde / die nicht mit Gold oder Edelgesteinen zu bezahlen sind? Es erschrickt ein Weib von Hertzen / weñ sie eine garstige Mißgeburt gebieret /und sucht dieselbe vor aller Welt je ehe je lieber sorgfältig zu verbergen; biß dieselbe vollends verrecket. Was ist aber wohl ein ungegründeter Argwohn bessers / als eine Mißgeburt / die unsere Vorsichtigkeit /auch wider ihren Willen / manchmahl aushecket / allein umb so viel mehr vor iederman verborgen werden muß / biß sie mit der Zeit in unserm Gemüth wieder erstirbt.

Marbod kunte dieser Predigt nicht länger zuhören /unterbrach sie demnach mit folgenden Worten: Es kan seyn und kan nicht seyn / daß ich in meinem Verdacht irre. Soll aber ein solcher Hochmuth mich nicht kräncken / als dieses Volck mir durch ihre so plötzliche Abreise erzeiget hat / da doch Vannius ohne mich kein König / Adelgund kein Mensch / Ingviomer kein Reichs-Erbe gewesen wäre? Doch lasts seyn! ich kan ihrer / sie aber meiner nicht entbehren. Der Zorn wird ihnen schon vergehn; und wo nicht / ist mir ein getreuer Diener so lieb zum Erben / als ein ungerathener Schwieger-Sohn!

Tanneberg hörte dieses nicht ohne Entsetzen an; wolte aber sich selbst nicht im Wege stehn / wenn ihm vielleicht Marbod seine Crone zugedacht hätte. Daher der Eigennutz ihm in Augenblick eine andere Sprache lehrete / daß er / an statt jene drey zu entschuldigen / forthin nach und nach sie desto schwärtzer bey dem Könige zu machen / bemühet war.

Sechs Wochen hernach ward des Marbods sieben und siebenzigster Geburts-Tag gefeyert / da denn iederman sich wunderte / daß er noch so eine muntere Art und gesunde Leibes-Beschaffenheit hatte / daß man ihn kaum für funffzigjährig ansehen konte. Und weil er der neulichsten recht-augenscheinlichen Lebens-Gefahr so glücklich entrissen worden / wolte man bey nahe fürchten / daß er nimmermehr sterben würde / sondern der Welt bey ihrem Untergang die Grabschrifft zu verfertigen bestellet wäre. Da durffte es nun an Schauspielen / Jagten /Gastereyen und Opffern nicht mangeln / die er seinem Schutz-Geist zu Ehren in grosser Menge / mit ersinnlichster Pracht /anordnete.

Er würde aber vielleicht solche Mühe gespart haben / wenn er gewust hätte / wie er seinen ärgsten Todtfeind unter dem Blendwerck des Schutz-Geistes verehrete. Denn selbiger war niemand anders / als Adgandester / der allen Höllen-Geistern mehr gutes gönnete / als Marboden / ungeachtet er diesem das Vorhaben des Hincko entdecket hatte. Er war den gantzen Winter hindurch beschäfftigt gewesen seine tückischen Anschläge völlig auszubrüten / biß daß endlich Luitbrand mitten im Mertz-Monat ihm zu wissen machte / daß das Bündniß wider Marboden den eilfften Junius / als den längsten Tag des Jahres / ausbrechen solte.[1557] Wäre nun Adgandestern mit Marbods Todte allein gedient gewesen / so hätte er nur die Sachen dürffen gehn lassen / wie sie giengen. Allein weil er ein weiteres Absehn hatte / wolte er lieber etliche von denen ietzt verschwornen dem Marbod zu Schlacht-Opffern überliefern / der ohne dem hiedurch allenthalben sich dermassen verhaßt machen würde /daß sich bald ein und andere von denen hinterbliebenen Freunden derer hingerichteten aufs neue wider ihn verschweren würden. Er bekümmerte sich unterdessen wenig drumb / obgleich sein lieber getreuer / der Luitbrand / darüber vielleicht mit drauff gienge; Vielmehr wünschte er dieses / damit niemand in der Welt umb seinen warhafften Nahmen und Zustand wissen möchte. Solchergestalt bezahlte ein Verräther den andern / da doch sonst keine Krähe der andern die Augen auszuhacken pflegt.

Seinen Anschlag nun auszuführen / erschlug er ein ihm auf der Strasse nach dem Walde zu begegnendes Bettelweib / verwechselte seine Köhler-Kleider mit ihren alten Lumpen / wusche sich den Staub ab / verhüllte das Angesicht mit Schweißtüchern / gieng ins Marckmännische Gebiete und suchte so lange Gelegenheit / dem Marbod vermittelst eines Schreibens seine Gefahr zu entdecken / biß ihm solches endlich am neunten April obbesagter massen glückte. Hierauf machte er sich durch den Wald eyligst fort ins Gothonische / zoge daselbst in einem Gesträuche ein dünnes seidenes Manns-Kleid an / setzte eine liechtbraune Haar-Haube und dergleichen Bart auf / welches er alles nebenst einer guten Anzahl derer von Gottwalden empfangenen Gelder in dem Bündel unter dem Bettlers-Mantel auf dem Rücken mit sich herumb geschleppet und dadurch zugleich diesem die Gestalt eines Puckels gegeben hatte. In dem nächsten Dorff kauffte er von einem Edelmann Pferd und ritterliche Waffen / und kam endlich zu Anfang des Junius unter dem Nahmen Kenelm nach Godanium. Er setzte sich daselbst in der Herberge / und wie er allerley Hände nachzumahlen vorlängst ausgelernet hatte / also schrieb er im Nahmen Marbods einen Brieff an den Graf Witgenstein / der des Gothonischen / Esthischen und Lemovischen Hertzogthums Stadthalter war / dieses Inhalts: Er hätte Uberbringern dieses / Kenelmen /(dessen Vorfahren unter König Caßibellin in Britannien ehemahls Fürstliches Geschlechts gewesen /) als seinem getreuesten Bedienten / völlig Glauben zuzustellen; solte demnach / wie ihm dieser mündlich weitläufftiger sagen würde / auf den zwantzigsten Julius / woran er diese Welt zuerst betreten hätte / die vornehmsten und ihm wegen eines mit Gottwalden gepflogenen heimlichen Verständnüsses sehr verdächtigen Gothonen / wie auch die Gothonisch-gesinneten / zu Godanium aber wohnhafften Marckmänner / zu gast laden und mit Gifft oder Schwerdt hinrichten. Vornemlich solte er hiebey nicht vergessen derer Grafen von Heldrungen / Radzivil / und Dietrichstein /deßgleichen derer Ritter Erlichshausen / Kniprode /Hirtzberg / Ostrawitz / Liebenstein / Ulsen / Dhona /Rautenberg / Gabelentz / Dumpeshagen / Frymersen und Hohenbach. Er wolte seines Ortes auf den eilften Junius ungefehr noch ein ärger Blutbad im Marckmännischen anrichten / als etwa seine Feinde / wie er glaubwürdig wüste / ihm zubereiteten.

Hierauf sprach der so genante Ritter Kenelm oder Adgandester bey dem Grafen von Heldrungen ein / so mit einem Fräulein von Radzivil sich vermählet hatte / und deßwegen im Gothonischen sich aufhielt. Dem entdeckte er nach etlichen Gesprächen im höchsten Vertrauen / zu was für einem unmenschlichen Absehen er von Marboden hieher verschicket wäre. Ungeachtet er nun seinem durch die Britannischen bürgerlichen Kriege verderbten Hause nicht anders / als durch Marbods Beförderung /[1558] zu seinem ehemahligen Ansehen wieder helffen könte / wolte er doch lieber des Todes / als ein Werckzeug solcher Mordthaten seyn. Dem Grafen kam diese unverhoffte Nachricht gantz unglaublich vor / auch Marbods Hand schien ihm in etwas verändert und dannenhero verdächtig. Allein Kenelm antwortete: Ich kans dem Grafen von Heldrungen nicht verargen / daß er an der Warheit dieses Schreibens zweiffelt. Denn ich selbst kan mich noch nicht recht überreden / daß dieses sich also verhalte /was doch mehr als zu gewiß ist. Jedennoch wenn das Blutbad zu Maroboduum auf den eilfften dieses Monats oder ein paar Tage später erfolget / wird das unschuldig-vergossene Blut derer Marckmänner denen Gothonen ihr Todes-Urtheil klärer vorlegen / als diese Tinte thut. Vielleicht kömmt umb selbe Zeit auch Witgensteins Einladung zu Marbods Geburts-Feste mit dazu / als welche / wie ich davor halte / ihm von Hoff aus von neuest wird anbefohlen werden / so bald Marbod in die Gedancken gerathen solte / daß ich auf der Reise verunglückt wäre / weil aus des Statthalters Briefen an ihm leicht erhellen wird / daß ich gegenwärtiges Schreiben ihm nicht eingeliefert habe. So wird man alsdeñ desto weniger zweiffeln dürffen /daß die edlen Gothonen die zu solchem Fest bestimmten Schlacht-Opffer sind. Graf Heldrungen fande dieses sehr vernunfftmäßig geredet / versprache dannenhero dem vermeynten Britannier (nachdem er noch ein und anders mit ihm geredet hatte /) einen verborgenen und sichern Auffenthalt in seinem Hause / zeigte auch bald darauf dem Radzivil / Erlichshausen / Ulsen und Dhona den Brieff und fragte / was zu thun? Sie vereinigten sich nach vielen Wortwechseln endlich dahin /zwar allen in dem Schreiben benennten Grafen und Rittern Theil davon im Vertrauen zu geben / doch nicht ehe sich in sonderbare Gegenverfassung zu stellen / biß eines derer zwey von Kenelm gegebenen Zeichen einträffe. Unter solchen Beredungen lieffen zwey oder drey Wochen hin / als das Geschrey die Zeitung nach Godanium brachte / wie Marbod unter denen gräflich- und adelichen Marckmännischen Häusern ärger / als eine Pestilentz / aufgeräumet hätte. Und gleichwie allen Marbodischen Ländern anbefohlen wurde / wegen der glücklichen Entdeckung der höchstgefährlichen Verrätherey allerley Freuden-Bezeugung sehen zu lassen: Also kam auch ein Befehl an den Grafen von Witgenstein / daß er seine Vergnügung hierüber / wo nicht ehe / doch gewiß auf des Königs Geburts-Tag / mit Ritterspielen und Gastereyen bezeugen solte. Worauf auch dieser die gantze Gothonische / Esthische und Lemovische Ritterschafft hierzu gewöhnlicher massen durch unterschiedene Herolde nach Godanium ungesäumet einladen ließ.

Mitlerzeit wiese ieder von denen obgenanten zwölff Grafen und Rittern eine Abschrifft von dem vermeynten Marbodischen Brieff seinen guten Freunden und Anverwandten / und brachte sie dadurch in Harnisch /ehe die Zeit herbey kam / da sie auf dem Kampffplatz im Harnisch erscheinen solten. Sie verschwuren sich demnach unter einander / daß Marbods Geburts-Tag der Sterbe-Tag seiner Herrschafft seyn / und das von ihm angeordnete Ritterspiel in einem ernstlichen Auffstand hinaus lauffen solte. Kenelm hatte indessen durch seine Geschickligkeit im Jagen / sonderlich bey Erlegung einiger Bäre und Schweine mit dem Degen in der Faust sich in sonderbare Hochachtung bey dem Adel gesetzt und fehlte wenig / daß man ihm nicht unter der Hand die Fürstliche Würde angetragen hätte / wenn nicht etliche wohlgesinnete Gottwalden hierzu vorgeschlagen hätten. Adgandester suchte daher seine Zuflucht bey der Unwarheit / welche seine Vorsprecherin gemeiniglich seyn muste / wenn die Warheit sich hierzu nicht wolte gebrauchen lassen. Er nahm einen[1559] weissen Bogen Papier und besudelte selbigen mit so schwartzen Lästerungen / daß die Tinte selbst darüber zu erbleichen schiene. Denn der Brieff war dieser:


Wehrtester Grünbach.


Es ist nunmehr Zeit / unsern grossen Anschlag auszuführen. Die Geister meiner Eltern fordern die Köpffe ihrer Mörder und Verräther zum Rachopffer / und der mir zustehende Purpur muß einmahl durch der Marckmänner und Gothonen Blut seinen Glantz wieder bekommen / nachdem er so viel Jahr her durch meiner Eltern Asche bestäubet und unscheinbar worden. Ich verlasse mich hierinnen auf deinen Verstand /der auch unmögliche Dinge möglich zu machen / und also was mehr als menschliches zu verrichten tüchtig ist; werde unterdessen meinen annoch gefangenen Gothonen nach deinem Rath alle Höffligkeit erweisen: alldieweil doch der / so Vogel fangen will / die rothen Beeren keines weges sparen darf und gute Worte sich leichter müntzen lassen / als gut Geld. Lebe wohl /und schaffe durch den Todt meiner Feinde / daß ich auch wohl leben möge.


Gegeben zu Teutschburg /

den 18. Hornung im sechsten

Jahr meiner

Regierung.

Gottwald.


Folgende Nacht hatte der junge Radzivil seiner Braut / einem Fräulein von Dietrichstein / zu Ehren ein kostbares Gastmahl und sinnreichen Tantz angestellet; in welchem diese unter dem Nahmen des Glücks / nicht nackend / sondern in überaus herrlicher Kleidung / gleich einer Juno / mit einem silbernen Körbgen in der lincken Hand / anfänglich allein /nachmahls zugleich mit vier Weibes-Personen / so durch ihre unterschiedene Kleider-Tracht anzeigten /daß sie den fürstlichen / adelichen / bürgerlichen und bauer-Stand bedeuten solten /) tantzte; von welchen sie letzlich auf ein erhobenes Gestelle gebracht wurde / umb sich daselbst auf einem mit grün und silbernen Stück behangenen Stuhl / ihr Körbgen aber auf den neben ihr stehenden niedrigen marmornen Tisch / (der an statt eines Altars gebraucht wurde) zu setzen. Hiernächst hielten sechzehen Ritter und so viel Frauenzimmer einen Tantz umb sie / da sie ihr bald den Rock küsseten / bald mit sehr tieffer Neigung sie verehreten / bald allerley kleine Geschencke auf den Altar legten und also ihre Huld auf vielfältige Art zu erwerben trachteten. Unter allen diesen war ihr wohl keiner angenehmer / als Radzivil / der ihr einen vortrefflichen Diamant-Ring in den Schooß warff. Adgandester fande hierbey Gelegenheit sein lügenhafftiges Schreiben in das Körbgen unvermerckt zu legen /als welches ohnedem mit lauter Briefen angefüllet war. Nach dem nun diese Lust eine Weile gewähret hatte / erhub sich das Glück von dem Stuhl / und gab einem jeglichen von der Gesellschafft / so vor ihr auf die öberste Stuffe des Gestelles knien muste / einen von ihren Briefen / unter welchen Radzivil den besten bekam / weil in selbigem der von der Braut unterschriebene Heyrathschluß zu finden war. Von denen andern traffen etliche in denen ihrigen nichts / als höhnische Spottreden / andere ein blosses Lob / andere gewisse Kleinote / andere Lob und Geschencke zugleich / an: Wodurch denn vorgebildet ward / wie wunderbahr das Glück seine Gaben auszutheilen pflegte. Jedweder muste / bey Straffe / seines Brieffes Inhalt der Gesellschafft zu wissen thun. Insonderheit hatte die Frau von Hirtzberg Gottwalds Brieff von dem Fräulein von Dietrichstein empfangen / und hub nach dessen heimlicher Verlesung an: Nunmehr erst halte ich mein Fräulein vor das Glück / weil sie diesen verrätherischen Brieff aufgefangen / der unserm Vaterland das ärgste Unglück andräuet. Ihr Gemahl stund ihr zur Seiten / durchsahe eiligst den Inhalt und ersuchte Radziviln /[1560] alle Diener und Dienerinnen aus dem Saal abtreten zu lassen; worauf er das Schreiben öffentlich ablase. Jederman erstaunete über dem tyrannischen Vorhaben des jungen Fürsten / und kunte sich nicht gnug wundern / wo diese Schrifft in der Braut Hände gerathen wäre. Nachdem man aber vergebliche Nachfrage deßwegen bey allen Anwesenden gethan hatte / sagte endlich Dietrichstein: der Brieff komme her / wo er wolle / so ist es doch nicht unnöthig / dessen Inhalt ferner nachzudencken. Heldrungen hatte immittelst das Papier noch einmahl durchgelesen und merckte hierauf dieses dabey an: Seht doch die thörichte Hoffart unsers jungen Wüterichs! Er hat seinen Brief gegeben im sechsten Jahr seiner Regierung / ohne Zweiffel / weil sein unvergleichlicher Vater vor fünff Jahren als oberster Barde im Schwalbach sein Leben beschlossen / und ihm das Erbrecht hinterlassen. Allein er möchte nur sich seiner Regierung nicht allzusehr rühmen / weil er weniger Ritter und Bauren unter sich hat / als der König im Schachspiel. Er könte sein gantzes Land in einen Korb fassen / wenn er einen beqvemern Ort in der Welt zu seiner Bewohnung verlangete. Doch würde mancher Reisender vielleicht ihn unterwegens fragen: Wohin er mit dem leeren Korb gedächte? Man lachte nicht wenig über des schon-bejahrten Grafens lustige Einfälle: Doch wurde aus solchen Schertz rechter Ernst und Gottwald / so wohl als Marbod / einhellig verfluchet.

Der kluge Ritter Ulsen begehrte allein / man möchte sich nicht übereilen; weil vielleicht dieser Brief unter des unschuldigen Gottwalds Nahmen von einem Betrüger gemacht wäre / der entweder Marboden /oder wohl sich selbst / mit Gottwalds Schaden nützen wollte. Zumahl da keiner unter ihnen mit dem jungen Fürsten Brieffe gewechselt hätte / und also nicht urtheilen könte / ob dieß seine Hand sey / oder nicht. Kenelm antwortete: Man könte dem Zweiffel am besten abhelffen / wenn man bey Gottwalden durch ein paar Ritter / (sonder sich mercken zu lassen / daß man diesen Brieff aufgefangen hätte /) Nachfrage thun liesse: ob einer unter seinen vertrautesten Dienern Grünbach hiesse; alldieweil einer dieses Nahmens bey etlichen vornehmen Gothonischen Edelleuten sich angemeldet hätte / und den Vortheil seines Fürstens wider Marboden zu befördern geflissen wäre.

Dieses ward von allen beliebet / auch Dumpeshagen und Frymersen zu geheimen Gesandten an Gottwalden ernennet. Allein etliche vornehme Gothonische Ritter / und unter denen Graff Gutzkow / ingleichen der Sidinische Graf Bogißla ersparten ihnen diese Mühe / indem sie nechstkommenden Morgens bey dem alten Graf Radzivil einsprachen und berichteten / daß sie bißher Gottwalds Gefangene gewesen /aber so wohl von ihm gehalten / auch letzlich auf freyen Fuß gestellet worden wären / daß sie ihm zu unsterblichen Danck hiervor verbunden seyn müssen. Sie hatten auch ein eigenhändiges Schreiben von Gottwalden an den Grafen / darinnen er ihm seinen lieben getreuen Grünbach aufs beste empfohl und bate / dessen Anschläge nach Mögligkeit zu befördern. Radzivil erzürnete sich über solchem Zumuthen überaus hefftig / zeigte denen angekommenen Rittern den vorigen Brieff / und brachte diese so weit / daß sie nebenst ihm das heimtückische und blutdürstige Gemüth des Gottwalds aufs greulichste verwünschetẽ / auch sich Nachmittags darauf nebenst der gestrigen Gesellschafft verschwuren / nimmermehr zuzugeben /daß diese junge Schlangenbrut die Gewalt über sie bekäme / weil zu vermuthen wäre / daß sie mit denen Jahren an gifftiger Boßheit mehr zu- als abnehmen würde. Man fieng hiernächst an zu rathschlagen / wer zu der Hertzoglichen Würde solte erhaben werden. Da denn die Stimmen bald auf den Britannischen[1561] Fürsten Kenelm / bald auf den alten Grafen von Radzivil /bald auf den von Dietrichstein / bald auf den tapffern Ritter Dhona fielen. Endlich gab Graf Heldrungen den Rath / man solte den wehlen / der sich am besten im künftigen Ritterspiele halten würde / und so bald Marbods Statthalter / der alte Graff von Witgenstein /selbigem den Sieges-Krantz überreichen würde / ihn zugleich mit einem allgemeinen Geschrey zum Hertzog ausruffen / Marbods Bild-Seulen niederreissen und dessen Getreue aus dem Lande verjagen.

Dieß erfolgte auch also. Denn als Marbods Geburts-Tag anbrach / versammleten sich nach Godanium mehr denn sechs hundert Ritter / derer jeder unterschiedene Verwandten und Diener bey sich hatte. Auf dem Kampff-Platz gegen Norden zu stund des Stadthalters Schaubühne; gegen Süden aber ein marmornes Bild des Marbods / so noch einmahl so hoch als er selbst war / und hinter dem ein gleichfals marmorner Schutzgeist / der mit der Gesichts-Bildung dem Marbod sehr ähnlich / doch ohne Bart / auch mit fleischigtern Wangen und glätterer Stirn gebildet war / und am Leibe einen langen Rock / auf dem Häupte einen mit Lorbern gekrönten Helm / in der rechten Hand ein blosses Schwerd / in der lincken einen Schild trug. Gegen Osten war das eine grosse Thor der Stechbahn / durch welches des Stadthalters Sohn /der junge Graff von Witgenstein / mit einem Gefolge von funffzig / mehrentheils Marckmännischen / Rittern / am ersten einzog. Er führte im Schild das Marckmännische Reich unter dem Bilde eines gewaffneten Weibes / so neben sich einen Schild geleget hatte /auf welchem ein schwartzer Adler zu sehen war / an ihrem lincken entblösseten Arm aber sprang ihr aus einer geschlagenen Ader nicht wenig Blut heraus; mit der Beyschrifft: Nur das unnütze. Eine andere Ritter-Gesellschafft hatte zu ihrem Haupt den Grafen von Heldrungen erkieset / dieser aber zu seinem Merckzeichen einen blauen Schild / in welchem ein güldener und mit einem roth- und weiß-gewürffelten breiten Bande umbschlungener Löwe gegen einen schwartzen Adler kämpffte. Da denn jener aus dem Heldrungischen Stamm-Wapen / dieser aus dem Königlichen Marckmännischen genommen war. Hierbey war zu lesen: Es steht beym Glück. Radzivil zohe hiernächst mit seinen guten Freunden überaus prächtig auf; hatte zum Sinnbild nichts anders / als seinen gewöhnlichen in vier Felder eingetheilten Schild / davon so wohl das erste / als vierdte blutroth gemahlet und mit diesen güldenen Buchstaben: denen Ungetreuen / beschrieben war. Das andere und dritte Feld aber war silbern und führte diese blaue Obschrifte denen Getreuen: Hierdurch sonder Zweiffel anzuzeigen /daß er / wenn er die Regierung über die Gothonen /seiner Hoffnung nach / erlangen solte / er denen Getreuen Silber zur Belohnung geben / derer Ungetreuen Blut aber zur gerechter Straffe vergiessen wolte. Der Ritter Dhona hatte sich zum Anführer eines andern Hauffens erwehlen lassen / und denen kreutzweiß-ge legeten silbernen Hirsch-Geweyhen in seinem blauen Schilde diesen Reim beygefügt:


Ich stosse nieder /

Was mir zuwider.


Durch das Westen-Thor zog der vermeinte Britannische Fürst Kenelm mit einer sehr starcken Gesellschafft ein und führte im Schilde ein güldenes Thier /welches der Pöbel vor einen gemeinen Löwen ansahe / die Wapenverständigen aber einen zum Leoparden gewordenen Löwen zu nennen pflegen. Denn weil es mit den Vorderfüssen in die Höhe sprunge / war es einem Löwen ähnlich; weil es aber das Mittel von dem Gesichte nicht vor sich weg / sondern seitwerts kehrete / war es ein Leopard.[1562] Er hatte darüber schreiben lassen: Glückselige Verwandlung: umb sich selbst in seinem Gemüth zu kützeln / daß sein angebohrner Cattischer Löwe in einen Britannischen Leoparden so listig und glücklich verwandelt worden. Diesem folgte Graf Dietrichstein / und hatte die zwey Wintzermesser aus seinem Wapen und etliche zerschnittene Stricke sich zum Sinnbilde ausersehen / nebenst der Beyschrifft: Zur Freyheit behülfflich. Vor dem nächstkommenden Hauffen ließ sich der Graf Gutzkow sehen / der im Wapen vier Rosen führte mit der Uberschrifft: Der Mistkäfer Todt. Zu allerletzt kam Bogißla ein Sidinischer Graf mit seiner Gesell schafft. Er hatte sich kentlich gemacht / durch den in seinen blauen Schild gemahlten rothen Greiff / der mit seinen vergüldeten Klauen allerley Vögel / sonderlich aber den Marckmännischen schwartzen Adler / auszufordern schien; wobey zu lesen war: Ich fürcht' auch keinen Adler nicht.

Nachdem nun Trompeten und Paucken das Zeichen gegeben hatten / brachen bald gantze Hauffen / bald einzelne Ritter / ihre Lantzen gegen einander / welches denn von frühmorgends sechs Uhr biß gegen Mittag währete. Unter diesen hielte sich der Marckmännische Graff Waldstein überaus wohl / und weil er mehr als zwantzig Ritter zur Erden gefället hatte /meinte er den besten Preiß in Händen zu haben. Sobald er aber mit Kenelmen anband / muste er vom Pferd herunter / ob er gleich schweren wolte / daß er dessen Speerstoß nicht gefühlt hätte. Dieß gab zwar einig auffsehen. Doch weil Adgandester unterschiedene Lantzen zuvor glücklich gebrochen hatte / fiel endlich der Verdacht der Zauberey weg. Radzivil und Witgenstein hielten drey Rennen gegen einander aus /dahingegen dieser bald hernach auf den Frymersen so gewaltig traff / daß dessen Sattelgurt entzwey sprang und er im Sande zu liegen kam. Radzivil aber warff den Nachod im dritten Satze zu Boden / daß er den Halß stürtzte und von jederman wegen seiner Tugenden höchlich beklaget ward. Ulsen und Dumpeshagen forderten hiernächst den Sternberg und Pötting aus /und weil ihre Pferde stärcker / als jener ihre waren /hatten sie das Glück / diese in ernstlichern Kriegen so geübte Helden zusammt denen Rossen über einen Hauffen zu rennen. Bogißla nahm den tapffern Graf Lobkowitz vor sich / der denn / indem er sich auf dem Kampf-Platz im Sande krümmte / inne wurde / daß nicht nur Geschicklichkeit / sondern auch Glück / zu dergleichen Lust-Spielen gehörte. Wer wolte aber aller Ritter Wohl- oder Ubelverhalten nach der Länge beschreiben können? Es wird demnach gnug seyn zu wissen / daß der Statthalter / nach geendeten Treffen /Fürst Kenelmen den ersten / Radziviln den andern /Bogißla den dritten / seinem Sohn (dem jungen Witgenstein) den vierdten / Ritter Ulsen den fünfften /und Dumpeshagen den sechsten Preiß nach dero Verdienst und der Kampffrichter Urtheil eigenhändig eingelieffert habe. Hiermit erhub sich ein erschrecklich Freuden-Geschrey unter denen Verschwornen: Lange lebe Hertzog Kenelm! der Bluthund Marbod vergehe! Unter solchen Getümmel brachen etliche hundert reisige Knechte / (nach der vormahls mit ihren Herren genommenen Abrede /) die Schrancken entzwey / fielen mit unmenschlicher Wuth das Bild des Marbods an / und schlugen dasselbe mit denen auf der Erde liegenden zerbrochenen Lantzen in stücken /sonder daß der gute marmorne Schutzgeist sich im geringsten gewehret / oder dem Adgandester einen Schaden zugefügt hätte / ungeachtet ihm von diesen nur neulichst ein freventlicher Eingriff in sein Amt bey dem König war gethan worden.

Der alte Graff Witgenstein dachte zwar mit Zuruffen diesem Auflauff zu steuern; und sein Sohn und dessen Getreue blösseten die[1563] Schwerdter; allein sie waren übermengt / weil hiermit auch alle wider Marboden verschworne Ritter vom Leder zogen. Gleichwol brachten endlich die Grafen Heldrungen / Dietrichstein und Radzivil einen Stillstand zu wege / lasen das vermeinte Schreiben des Marbods an den Statthalter öffentlich ab / und legten ihm vor zu wehlen /entweder den Bluthund und Gifftmischer Marbod nicht mehr vor seinen Herrn zu erkennen / oder alsbald das Hertzogthum mit denen seinigen zu räumen /oder endlich eines noch ärgern gewärtig zu seyn. Ob nun wohl Witgenstein behaupten wolte / daß das Schreiben falsch wäre; halff doch alles nichts. Er muste innerhalb vier Stunden sich fort machen / alle Rüstung biß auf das Unter-Gewehr / auch alle Güter und Gelder im Stich lassen / ohne was er und seine Leute / die gleichwohl über hundert Mann austrugen /auf ihren Pferden mit fortschleppen konten / und wurde mit sechshundert wohlbewehrter Mann biß an die Marckmännischen Gräntzen gebracht. Kenelm hingegen setzte den Hertzoglichen Hut / der zu Godanium verwahret wurde / mit grosser Pracht auf / theilte die Ehren-Aempter unter seine Freunde aus / mäßigte die Anlagen des Landes und beflisse sich ein übel-erworbenes Regiment durch eine kluge Vorsichtigkeit und äußerliche Schein-Tugend zu befestigen.

So bald nun Witgenstein bey Marboden ankam /ward alsbald Befehl so wohl an die Lygier / als auch Marckmänner / Hermundurer und Marsinger ertheilet / die Gothonen wieder zu bändigen. Allein es gienge alles schläfferig zu / biß gegen das Ende des Weinmonats / also daß man wegen des einfallenden harten Winters die Sache biß ins Früh-Jahr versparen muste. Als man aber sich auf die nächsten Nachtbarn derer abtrünnigen Gothonen / die zwischen der Warte und Weichsel wohnhafften Lygier / am meisten verließ /fielen sie ebenfalls unvermuthet ab / und unterwarffen sich dem Sarmatischen König Jagello. Ihr Exempel bewoge die zwischen der Warte und Oder gelegenen Burier / eben selbiges zu thun. Da hingegen die Marsinger Herrmannen erbaten / sie mit seinem Semnonischen Hertzogthum zu vereinigen und seiner Beherrschung würdig zu achten.

Inzwischen wurden so wohl Jubil / als Gottwald /nicht weniger durch des Drusus vielfältige Anreitzungen / als ihre eigene Regung / bewogen / bey dem Cheruskischen Feldherrn anzuhalten / ihnen zu Erlangung ihrer Erbländer behülfflich zu seyn. An dessen statt sie beyderseits sich verpflichteten / die Marckmännische Crone ihm zuwege zu bringen. Herrmann übergab demnach einem ieglichen ein fliegendes Heer von sechs tausend Mann / nicht so wohl aus Hoffnung eines eigenen Nutzens / als vielmehr aus Willigkeit seinen Freunden nach Vermögen zu dienen. Jubil machte bald nach Anfang des neuen Jahrs den Anfang zum Kriege / oder / welches einerley war / zum Siege; massen er sich kaum über der gefrornen Elbe in seinem Hermundurischen Erbreiche hatte sehen lassen /als Jung und Alt wider die Marckmänner aufstund /und sie über Hals und Kopff zum Land hinaus jagte. Er nahm hierauf die Huldigung an / theilte denen von Hertzog Herrmannen ihm geschenckten Hülffs-Völckern unterschiedene öde Dörffer zu ihrer Wohnung aus / besetzte die durch die entflohenen oder erschlagenen Marckmäñer verledigten Ehrenstellen mit tüchtigen Leuten / richtete die Herrengefälle erträglich ein und bezeugte sich gegen männiglich so gütig und wohlthätig / daß ein jeder seine hierob geschöpffte unsägliche Vergnügung nicht gnug an Tag zu legẽ wuste.

Unter allen öffentlichen Freudens-Bezeugungen aber war diese / obwohl fast die letzte / iedoch auch die sinnreichste / welche die Barden in Gegenwart Hertzog Jubils und einer unbeschreiblich-grossen Menge Volckes anstelleten.[1564] Selbige bestund in einem kostbaren mit allerhand Täntzen vermischten Singespiel. Wobey denn des Schauplatzes hinterster Theil ein hohes Gebirge / der vordere aber allerley Klippen und wilde Bäume vorstellete. In der Mitten des Berges sasse eine Nymphe in himmel-blauer Kleidung /so neben sich einen Schild geleget hatte / auf welchem ihr Nahme Hermunduris und das Wapen des Hermundurischen Hertzogthums / der Luchs / zu sehen war. Auf beyden Seiten / am Fusse des Berges / hatten sich zwey alte / nackende und mit Schilff am Haupt und Unterleib umbwundene Männer auf sehr grosse Wasser-Krüge geleget / in welche durch verborgene Röhren natürlich Wasser geleitet ward / so mit einem angenehmen Geprassel ohn unterlaß auf den Schauplatz fiel / und aus selbigen seitwärs / zwischen denen Klippen hin / wieder hinaus lauffen muste. Auf dem einem Gefäße war der Nahme der Elbe / auf dem andern der Saale zu lesen.


Nachdem nun die Säitenspiele die Gemüther derer Zuhörer durch einen betrübten Thon vorbereitet hatten / fieng die recht wohl gebildete / doch etwas blasse und magere Hermunduris an / die beyden Ströme also anzusingen:


Ach! last ein ewig Qvell aus euren Krügen schiessen

Denn mein verst \rtes Haupt kan sich nicht mehr ergiessen /

Seit dem daß Marbods grimme Wuth

Mich gantz umb Gut und Muth

Und Blut und Thrånen-Fluth

Auf einmahl hat gebracht /

Und mein so fruchtbar Reich zu lauter důrren Sande /

Mein vormahls gut Gerůcht' zu stetem Spott und Schande /

Mich selbst zum Schatten deß / so ich sonst war / gemacht.

Ihr weint noch nicht genug; wollt ihr die Thrånen hemmen /

Da ihr mich lieber sollt auf einmahl ůberschwemmen?

Ich bilde mir ohndem nicht ein /

Daß ich kan jemahls rein

Von Britons Blute seyn /

Biß eure strenge Fluth

Mich ins Verderben reist und Britons Geist versöhnet.

Denn wenn man sich so lang zu Lastern angew \hnet /

Was Wunder / wenn zuletzt die Rach' ihr Ampt auch thut?


Indem eröffnete sich das Erdreich / und aus selbigem stiege des enthauptetẽ Hertzog Britons Geist herauf / mit sechs andern Geistern vergesellschafftet. Er gieng in einem langen Rock von Silberstück / seine Gesellschafft aber in weisse Leinwad gekleidet. Dieses erweckte kein kleines Schrecken unter denen Zuschauern. Doch war dieses das gräßlichste / daß Briton seinen verblaßten und blutenden Kopff unter dem Arm trug / gleichwohl selbigen / unter dem gedämpfften Thon der bey Leich-Begängnüssen gebräuchlichen Pfeiffen auf den Hals setzte / und nachmahls also zu singen anhub / ob sich gleich seine starren Lippen nicht im geringsten rühreten:


Getrost! du Gott-geliebtes Land!

Der trůbe Himmel klårt sich wieder:

Des allgemeinen Richters Hand

Legt nun sein Rachschwerdt gůtig nieder.

Denn / weil du endlich dich voll Reu

In wahrer Demuth lernest bücken /

So bricht dein Vater auch die scharffe Ruth' in Stücken

Macht dich von Marbods Joche frey

Und låsset dich die Lehr' in dessen Beyspiel lesen:

Daß deine Straffe zwar von dir verdient gewesen /

Doch daß die Ubermaaß' in Marbods Tyranney

H \chst-straffbahr / ungerecht und GOtt zuwider sey.


Die sechs Geister stimmeten hierauf dieses Lied an / wobey die Pfeiffen nach Endigung eines iedweden Gesetzes einen kurtzen Nachklang machen musten:


Wer vor GOttes Richterstuhl sich in wahrer Busse beuget /

Dem wird er viel eh' geneiget /

Als wenn er mit frechen Worten seine Frevelthat verficht:

Wie der Wind nur starre Cedern / nicht ein schwanckes Reiß zerbricht.

Wenn die Reue das Gesicht in des Kummers Nacht verstecket

Und mit Scham und Thrånen decket /

So daß eine Morgenr \the gleichsam selbiges bemahlt

Und die aufgelauffnen Schulden mit dem Thrånen- Thau bezahlt;

Pflegt des grossen GOttes Liecht / daß vor mehr / als tausend Sonnen

Hat der Klarheit Preiß gewonnen /

Einer düstern Brust zu scheinen und Versicherung zu thun:

GOtt woll' in betrůbten Hertzen / als im kůhlen Schatten / ruhn.[1565]


Hermunduris hatte inzwischen unbeweglich / wie ein Stein / gesessen. Endlich ließ ihr doch ihre Bestürtzung zu / diese Worte aufzubringen:


Wie? leb' ich? Seh' ich recht? Betreugt sich mein Geh \re?


Briton antwortete:


Befürchte dich nur nicht / daß iemand dich beth \re.


Hermunduris versetzte:


Ach Briton! schreibt dein Blut mein letztes Urtheil auf

Wie meine Tinte dir das Todes-Vrtheil schriebe?


Briton aber gab ihr diesen Trost:


Versich're dich von mir unausgeleschter Liebe.

Mein vormahls-kurtzer Lebens-Lauff

Verlängerte sich durch mein Sterben;

Mein Blut muß meinen letzten Tag

Als ein groß jährlich Fest in dem Calender färben.

Der unverdiente Richtstock mag

Zum Denckmahl meiner Vnschuld dienen /

Ein Gråntzstein meiner Sterbligkeit /

Nicht meines Lebens / seyn. Doch soll auch jederzeit

Mein abgehau'ner Sta in seinem Spr \ßling grůnen.

Der frohe Tag ist nun erschienen /

Da mein Jubil / mein tapffrer Sohn /

Auf dem ihm angeerbten Thron

Sich wird zu deinem Trost und mir zur Ruhe zeigen

Vnd recht nach Ph \nix-Art aus meiner Asche steigen.


Hiermit verschwunden die Geister und zugleich die bißherige Schwermuth der Hermunduris. Gestalt denn auch diese mit folgenden Worten solches bezeugte:


O! unverhofftes Glück! Erleb' ich Marbods Fall?

So laßt / ihr Str \hme / denn die Freuden-Thrånen fliessen.

Laßt eurer starcken Wellen Schwall

Mit gleichsam jauchzenden Geråusche sich ergiessen.

Ihr kleinen Flůsse / tantzt mit euren leichten Fůssen

Nach dieser gr \ssern Str \me Schall:

Laßt uns im Vorschmack schon der Freyheit Lust geniessen.


Die Mulda / Pleisse / Elster und noch neun andere kleine Flüsse / so durch nackende und mit Schilff umbwundene Knaben bedeutet wurden / erwiesen unverzüglich ihren Gehorsam / sprungen hinter dem Berge hervor und hielten unter dem Wasser-Geräusche der beyden alten Flüsse und dem Thon einer verborgenen Wasser-Orgel / einen artigen Tantz.

Selbiger ward gleich geendigt / als eine in Purpur gekleidete Nymphe auftrat / die auf dem Kopff eine güldene Crone / am lincken Arm einen Schild mit dem Nahmen Marcomannis und einem gemahlten schwartzen Adler / im Gesichte eine braune Zorn-röthe / im Munde diese Worte führte:


Wie? darffst du ohne meinen Willen /

Leibeigne! Freuden-Täntz' anfahn?

Stracks / sag' ich / weicht von dieser Bahn!

Kan ich denn nicht den Vnfug stillen?


Die kleinen Flüsse zerstreueten sich in alle Ecken des Schauplatzes auf diesen Befehl der Marcomannis / welche von drey Weibs-Personen begleitet erschienen war. Die erste von selbigen bedeutete den Blutdurst; hatte einen schwartzen Rock an / der aber / so wohl als ihr Gesicht und Hände / mit Blutflecken besudelt war / in der Hand einen blossen Dolch und auf dem Haupt eine Wolffs-Haut / so ihr zugleich den gantzen Rücken bedeckte. Die andere war die Herschsucht / und mit einem roth- und goldgewürckten Rock bekleidet. Sie führte auf dem Helm einẽ Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Die dritte hieß der Geitz und hatte einen aus groben grün- und gelben Tuchflecken zusa en gesetzten Bettlersmantel umbgehängt. Unter dem lincken Arm trug sie einen ziemlich grossen vollgestopfften ledernen Sack und mit dem Gesichte sahe sie aus einem aufgesperrten Schweinskopff heraus / vielleicht anzuzeigen / daß beydes ein Schwein und ein Geitziger im Leben niemand / vielen aber im Tode / nützen können. Diese drey Laster ließen sich nach einander also vernehmen:


Blutdurst.

Was helffen leere Wort? der kleine Rest vom Blut /

Den dieses halbe Aaß in seinen Adern fůhret /

Ist von verruchten Vbermuth

Vorlångst schon durch und durch berůhret.

Drumb muß man ihm mit Fleiß sein offt zur Ader lassen.

Vnheilbar Vbel heilt sich fůglich solcher massen.[1566]


Herschsucht.

Halt ein! halt ein! nicht allzu scharff!

Denn uns're K \nigin bedarff

Auch Vnterthanen in dem Lande;

Sonst wird das Feld zu leerem Sande.

Man muß das Leben denen g \nnen /

Die lebendig uns nůtzen k \nnen.


Geitz.

Fůllt denn die handvoll Blut mein leeres Vorraths-Hauß?

Ein Schweißbad kan dem Vbel steuern.

Man preß' ihr nur ihr Geld / Korn / Obst / Saltz / Honig aus;

Sie wird gewiß so denn kein Freuden-Fest mehr feyern.

Der Vberfluß ist eine Last /

Die sie mit gr \ßrer Můhe fast /

Als unser knechtisch Joch / das wir ihr aufgelegen /

Auf den verwöhnten Schultern tråget.


Die auf ihrem Berge sitzende Hermunduris behielt unter solchen Dräuungen ein freymüthig Gesichte; sagte dannenhero / so bald jene beschlossen hatten:


Ich muß drey rechte Furien

Zu meiner Qvaal gerůstet sehn.

Doch bin ich noch nicht überwunden:

Der Himmel legt den H \llen-Hunden

Schon solche feste Ketten an /

Daß / wo er's nicht verhångt / nicht einer beissen kan.


Marcomannis ergrimmete hierüber und sprach:


Bellstu noch / todter Hund? Ohnmächt'ge! darffst du dräu'n?


Hermunduris antwortete getrost:


Der Himmel schůtzet mich: wie kan ich furchtsam seyn?


Dieß verdroß den Blutdurst dermassen / daß er seine Königin mit Ermordung der Hermunduris rächen wolte. Alldieweil aber dem Geitz und der Herschsucht mit lebendigen Unterthanen mehr gedienet war / hielten sie ihn bey dem Arm zurück und liessen sich in folgenden Wortstreit mit ihm ein:


Blutdurst.

Wie nun? soll ich den Spott nicht rächen?


Herschsucht.

Vnd hierdurch meine Herrschafft schwächen?


Geitz.

Gemach! ich leid' es selbst auch nicht.


Blutdurst.

Der Donner und mein Dolch / die lassen sich nichts hindern.


Herschsucht.

Die Herschsucht muß ihr Reich vergr \ssern / nicht vermindern.

Kein Stein / kein Baum / kein Thier gehorchet auf mein Wort.


Geitz.

Nur Menschen bringen mir Gold / Korn / Wein aus der Erden.


Herschsucht.

Sind alle Menschen denn aus meiner Gråntze fort /

So muß ich selbst mein Herr und selbst mein Sclave werden.


Darüber stimmeten die Krumbhörner einen kriegerischen Tantz an: Die drey Laster aber bewegten sich vortrefflich wohl nach solchem Thon / so daß der Blutdurst manchmahl biß zur Hermunduris hin tantzte / von seinen beyden Gesellinnen aber allezeit wieder zurück gezogen ward. Sie wurden in dieser Bemühung gestöret durch einen Schutz-Geist / der ein weisses Kleid nebenst einem güldenen Helm und Gürtel / in der rechten Hand ein blitzend Schwerd / in der lincken einen hell-polierten ehrnen Schild trug. Dieser ließ sich sacht und sacht aus denen Wolcken herab und schwebte uber der Hermunduris Haupt. Marcomannis und die drey Laster geriethen hierdurch in eine stille und erstaunende Aufmercksamkeit zumahl / da er also zu singen anfieng:


Seht / Ungeheuer / hier den hellgeschliff'nen Schild /

Der reinen Unschuld Ebenbild.

Dieß Spiegel-Ertzt erwürgt die Basilißken-Brut:

Medusens Schlangen-Haupt ist lange nicht so gut.


Nachdem aber die drey Unholdinnen sich endlich im Tantz vereiniget hatten / und auf die Hermunduris zu lieffen / kehrte der Schutzgeist seinen Schild ihnen entgegen / durch dessen Anblick sie in unbewegliche Bilder verwandelt wurden.

Ob nun wohl Marcomannis hierüber höchlich erschrack / war sie doch willens / der Hermunduris den garaus zu machen / so bald der Schutz-Geist sich in die Wolcken wieder erhoben hatte. Allein die Göttin des Geschreyes[1567] unterbrach dieses böses Vorhaben; indem sie sich / in der Lufft schwebend / in einem blauen und mit fleischfarbigen Zungen bestreuetem Kleide sehen / auch anfänglich mit der Trompete /nachmahls also singend hören ließ:


Jubil k \mmt! Auff! Hermunduris!

Jubil k \mmt; freue dich! Jubil k \mmt gantz gewiß!


Marcomannis brach deßwegen in diese bestürtzte Worte aus:


Wie? růhret mich der Blitz? trifft mich ein Donnerkeil?


Das Geschrey antwortete:

Der tapffere Jubil / mag wegen seiner Eyl

Des schnellen Donners Nahmen fůhren.

Fleuch! Marcomannis / fleuch! such in der Flucht dein Heyl /

Soll anders nicht der Blitz von seinem Schwerdt dich růhren.

Du aber / du / Hermunduris /

Magst triumphirend jubiliren;

Jubils sein Nahm' erfordert dieß.

Jubil kömmt! freue dich! Jubil k \mmt gantz gewiß!


Marcomannis hätte vielleicht etwas eingewandt /wenn nicht die Furcht / unter der Gestalt einer blassen Weibs-Person / unvermuthet herzu geschlichen und ihr um den Halß gefallen wäre. Sie hatte einen langen erdfarbigen Rock an; Auf dem Helm führte sie einen Haasen und auf dem Rücken zwey Flügel. Hierdurch entstund zwischen beyden dieses Gespräch:


Furcht.

Geh' / Marcomannis / geh'! der Weg ist ietzt noch offen.


Marcomannis.

Wer bistu / grasses Vngethům?


Furcht.

Ach komm'! Jubil kömmt sonst: Hier ist nichts mehr zu hoffen.


Marcomannis.

Was hålstu mich? Laß gehn! sey nicht so ungestům!


Furcht.

Ich bin die Furcht. Ach komm! Ich bin dein bester Freund.

Fleuch! (bitt ich) fleuch! ach! fleuch! sonst bistu selbst dein Feind.


Marcomannis.

Geh weg / du Pest der tapffern Hertzen!


Furcht.

Wer sich nicht rathen låst / der muß sein Glůck verschertzen.


In dem sahe sie ihren Schatten vor Jubiln an und sagte:


O weh! was seh' ich hier? ist dieses nicht Jubil?


Marcomannis antwortete:

Erschrickstu / dåm'sches Thier / vor deinem eignen Schatten?

Geh fort! wie lange soll ich mich mit dir abmatten?


Weil dieses geredet ward / kamen die vier Winde /mit Wolcken-Kleidern angezogen / aus allen vier Ecken des Schauplatzes in die Mitten geflogen und fiengen einen kurtzen Wettstreit mit einander in der Lufft an. Die Furcht ward durch dieß Getümmel bewogen / der Marcomannis in die Armen abermahls zu fallen und auszuruffen:


Ach weh'! Ach h \rstu nicht das lautgerůhrte Spiel

Der Drommeln / H \rner und Trompeten?

Ich zitt're gantz! mich důnckt / ein Fieber will mich tödten.


Marcomannis versetzte voller Ungedult:

Mein schwartzer Adler fůhrt kein furchtsam Tauben-Hertz

Vnd diese L \wen-Brust beherbergt keinen Hasen.

Was machstu / Nårrin / mir vor Nasen?

Soll denn der Winde froher Schertz

Ein gråßlich Feldgeschrey nun heissen?


Die Furcht fiel auf die Knie und ruffte denen Winden in der Lufft zu:


Ihr Winde! helfft uns denn! Ihr můst uns aus der Noth

Mit euren starcken Armen reissen.

Wo nicht; so bin ich selbst und Marcomannis todt.


Worauf denn dieselben alle vier hernieder kamen /da inzwischen das Geschrey sich in der Lufft wieder einstellete und sunge:


Jubil låst sich nicht weit von diesem Orte sehen.

Fleuch! Marcomannis / fleuch! sonst ists umb dich geschehen.


Es stiesse hiernechst eine geraume Zeit in die Trompete. Mitlerweile tantzten die Winde mit der Marcomannis und bemüheten sich / sie / wider ihren Willen / nebenst der hierzu willigen Furcht / davon zu führen. Welches auch endlich angieng; massen ihrer zwey die Marcomannis / zwey aber die Furcht anfasseten / und[1568] durch die Lufft über der Hermunduris Gebirge / aus denen Augen aller Zuschauer hinweg brachten.

Hiermit verlohre sich das Geschrey in die Wolcken. Doch kam hingegen eine in grün und gülden Stück gekleidete Person auf einem erhabenen Triumphwagen unter dem Schall der Trompeten / Krumbhörner und Paucken zwischen denen wilden Bäumen heraus in den Schauplatz gefahren. Selbige solte den Hertzog Jubil bedeuten / welcher also / durch ein neues Wunderwerck / zugleich unter denen Schauspielern und denen Zuschauern sich befand. Vorher giengen eine grosse Menge Soldaten mit blossen Schwerdtern in der Hand. Diesen folgeten zwölff Barden in drey Gliedern / mit Lorbern bekräntzet. Nechst denen kam die Liebe des Vater-Landes in einem rothen mit güldenen Flammen bestreueten Kleide / und hatte auff dem Helm ein Bild des Aegyptischen Vogels Ibis / welcher sein Vaterland so lieb hat / daß er ausser demselben nicht leben kan. An dem darauff kommenden von vier falben Pferden gezogenen Triumph-Wagen war das vordere Theil mit einem in Helffenbein künstlich-geschnittenen Luchs gezieret / der einen schwartzen Serpentin-steinernen Adler unter sich hatte und zerfleischte / welches denn gnugsam anzeigte / daß der Hertzog derer Hermundurer / und Uberwinder derer Marckmänner in solchem Siegsgepränge einzöge. Auf der rechten Seiten des Wagens giengen die Klugheit und Gütigkeit; derer jene durch den Spiegel und Schlange in der Hand / diese durch den keine Galle habenden Delphin auf dem Helm / sich käntlich machte. Auf der lincken Seite funden sich die Tapfferkeit und Gerechtigkeit / derer jene an ihrer Löwen-Haut und Räule / diese an ihrer Wage und Schwert leichtlich zu erkennen war. Den Aufzug beschlossen wieder mehr als hundert Soldaten. Unter allen diesen Personen waren die Barden die ersten /die nach dem Schall der Trompeten folgendes Lied absungen:


Hermunduris! Triumph! gewonnen!

Jubil vergleichet sich dem gůld'nen Glantz der Sonnen:

Auff seinen ersten Blick

Verfinstern sich die blutigen Cometen.

Der schwartze Adler fleucht nach Eulen-Art zurůck.

Der Himmel rettet dich nunmehr aus allen N \then.

Nåchst warstu einem Knecht der Laster unterthan!

Anietzo nimmt Jubil dich zur Gemahlin an.


Eine Brenne-Spiegel brennt von ferne;

Man fůhlt von weiten auch die Krafft der h \chsten Sterne:

Jubil kan beydes seyn.

Die Tyranney empfand den Nachdruck seiner Blicken;

Sie bildete sie sich von stern' als Flammen ein

Vnd wich' aus banger Furcht des Brandes schnell zurůcke:

Doch dråut Jubil als Mars nur Feinden Tod und Pein /

Hat sonst die Gůtigkeit mit Jupitern gemein.


Der Feld-Herr aller deutschen Helden /

(Von dem die Nachwelt erst die Thaten wird vermelden /

Die man jetzt insgemein

Kaum halb pflegt anzusehn und nach Verdienst zu schåtzen /

Die aber / wenn er wird dereinst unsterblich seyn /

Die Zeit ins Demant-Buch der Ewigkeit wird etzen;)

Der stehet dem Jubil als seinem Freunde bey /

Vnd seine kluge Wahl zeugt / daß ers wůrdig sey.


So komme denn dem Held entgegen /

Der durch die Tapfferkeit den festen Grund muß legen

Zum allgemeinen Heyl.

Die Klugheit baut hierauff des steten Glůckes Tempel

Er giebt den Schuldigen und Frommen ihren Theil;

Sein Ernst und Gůte dient zu aller Welt Exempel.

Die Liebe fůhret ihn. Empfang' ihn h \chstvergnůgt!

O! wohl dir / weil sie Ihn und dich zusammen fůgt.


Hermunduris wolte auf diese Erinnerung dem Jubil entgegen gehen / weil er vom Wagen abstiege. Allein die Erde borste vor ihr entzwey und verhinderte sie also / ihr Vorhaben zu bewerckstelligen. Sie wurde hierdurch veranlasset außzuruffen:


Ach Himmel! hilff! was ist denn dieß?

Vnglůckliche Hermunduris!

Der tieffe H \llenschlund eröffnet seinen Rachen.

Ihr Weisen! sagt mir doch den Zweck von diesen Sachen.

Warumb schlingt mich der Abgrund ein?

Vielleicht / weil ich Jubils kan niemahls wůrdig seyn /

So soll ich niemahls auch mich seiner theilhafft machen.[1569]


Die von ihr angeredeten Wahrsager unter denen Barden antworteten:


Die Ehrsucht / Blutdurst / Geitz muß man vor allen Dingen

Dem Fůrsten aus den Augen bringen.

Glåubt / daß der Liebe nichts so sehr zuwieder sey.

Wo ihre Bildnůsse ihm noch im Sinne schweben /

Da kan er nimmermehr in wahrer Liebes-Treu

Mit seinem treuen Lande leben.


Die Soldaten nahmen dannenhero die drey steinern Laster-Bilder und wurffen sie in den Abgrund / der sich denn unverzüglich wieder zuthate. Die Liebe des Vater-Landes aber führte Jubiln und Hermunduris zusammen / schlug ihnen die Hände in einander und begleitete sie endlich auf den Berg / woselbst sie sich beyderseits neben einander niederliessen. Unterdessen sunge die Vaterlands-Liebe folgendes in die Seitenspiele:


Vereinigt zusammen

Die heiligen Flammen /

Die euch

Zugleich

Vergnůglich entzůnden

Vnd ewig zu hertzlicher Liebe verbinden.


Zwey Schutz-Geister kamen hiernechst aus den Wolcken hernieder / wovon der eine dem Jubil einen grünen Lorberkrantz aufsetzte / der andere aber der Hermunduris eine güldene Crone in den Schooß legte; Indem sie nun sacht und sacht sich in die Höhe erhuben / ließen sie dieses Lied erschallen:


Jubil / nimm hin den Krantz zum Denckmahl deiner Siege:

Doch schenck' ihn der Hermunduris /

Vnd sag' ihr / daß ihr Heil und Wolfarth gantz gewiß

Auf deinen tapffern Sieg h \chst wohlgegrůndet liege;

Du habest nichts davon / als nur den blossen Ruhm /

Der Nutzen bleib' ihr Eigenthum.


Es ist / Hermunduris / der Vmbkreyß deines Landes.

Fůr einen Fůrsten-Hut zu groß;

Drumb wirfft der Himmel dir dieß Gold in deinen Schooß.

Jubil ist wůrdiger des K \niglichen Standes /

Als eh'mahls Marbod war. So gieb nun diese Cron

Des grossen Britons gr \ssern Sohn.


Dieses geschach auch also; massen Jubil seinen Lorber-Krantz auf der Hermunduris Haupt / Hermunduris aber ihre Königliche Crone auf Jubils Haupt setzte: Worüber die Barden ihre Freude durch diesen Gesang an Tag legten:


Der Himmel setzt Jubiln zu unserm K \nig ein:

Wer wolte nicht mit Lust ihm unterthånig seyn?

Wohlan denn so bezeugt / ihr muthigen Soldaten /

Wie hoch ihr seyd

Erfreut /

Daß diese K \nigs-Wahl so trefflich wohl gerathen:

Des hohen Himmels Gůte gebe /

Daß immerdar ohn alles Ziel

Der unvergleichliche Jubil

Sich selbst zu höchster Lust und uns zu Nutzen lebe.


Und also ward das gantze Schauspiel durchs einen Waffen-Tantz von vier und sechzig Soldaten / zu grossen Vergnügen derer Zuschauer / beschlossen.

Erdmannsdorff / der den Jubil vorgestellet / that hiermit die Larve ab / welche dem Gesicht des neuen Königs vollkommen gleichete. Umb deßwillen hatte man ihm auch nichts zu reden gegeben / weil man billig befürchtete / seine Aussprache würde nur unvernehmlich / auch nicht Jubils seiner ähnlich gewesen seyn. Er gieng aber nebst der Hermunduris (oder vielmehr dem jungen Bünau) und seiner gantzen Gesellschafft / dem warhafften Jubil entgegen und überreichte ihm fußfällig die Cron / die er / so bald das Spiel geendet war / vom Haupt genommen hatte. Weil nun die Barden / wie auch die vornehmsten Grafen und Ritter des Hertzogs / sich heimlich unter einander beredet hatten / auf dieses Zeichen ihren Herrn zum König auszuruffen / geschahe es anjetzo mit einem so grossen Freuden-Geschrey / daß die gantze umbliegende Gegend davon erthönete. Jubil aber nahm solche neue Würde / umb so viel lieber an / weil er nicht allein aus dem alten Königlichen Bojischen Geschlecht herstammete / und nicht geringer seyn wolte /als Marbod / der letztere[1570] Beherrscher seines Hermundurischen Hertzogthums / sondern auch weil er dem Arpus zu weisen verlangte / daß er Muth und Verstand gnug gehabt / eine Crone und vermittelst derselben / seine Tochter zu erlangen. Massen jener (wiewohl mehr aus Spott / als aus Ernst) versprochen hatte / dem Jubil selbige nicht zu versagen / wenn er mit gekröntem Häupt sie verlangen würde. Er ergetzte hingegen den gantzen Hoff mit einer dreytägigen Gasterey / wie auch Schweinhatz und Ringrennen / und beschenckte die Barden mit einigen zwischen der Pleisse / Elster und Pahre gelegenen lustigen Gehöltzen und daran stossenden Feldern. Diese Freude aber verkehrte sich unvermuthlich in eine hefftige Verbitterung wider Gottwalden / der seinem höchsten Wohlthäter / dem Feldherrn Herrmann / die schändlichste Untreu erwiesen hatte. Denn der alte Marbod war /durch das neulichste strenge Verfahren gegen die wider ihn zusammen verschwornen Marckmännischen Grafen und Ritter / vollends umb alle Gunst bey denen meisten seiner Unterthanen gekommen / welche jener abgehauene Köpffe auf denen Baum-Aesten nicht erblicken kunten / sonder sich einzubilden / als wenn sie von ihnen umb Rache angeschriehen würden. Hierdurch fiel es dem landflüchtigen Graf Wartenberg unschwer / ein neu Bündniß wider Marboden / vermittelst seiner zu Maroboduum hinterlassenen Blutsfreunde / zu entspinnen. Wobey denn die Grafen Bercka und Trautmansdorff sich zu Häuptern derer Bundsgenossen machen liessen / die das Marckmännische Reich durch das Blut des Scorpions zu heilen gedachten / der selbigen so viel tödtliche Stiche vergangenen Sommer gegeben hatte. Hingegen ward Hertzog Herrmañ von ihnen durch etliche Abgeordnete unterthänigst ersuchet / mit dem Anfang des instehenden Jahrs ein Ende ihrer bißherigen Dienstbarkeit zu machen und an statt einer Belohnung vor solche Mühe mit der Marckmännischen Cron und Scepter vergnügt zu seyn. Fürst Gottwald muste demnach umb selbige Zeit mit sechs tausend Cherußkern von dem Feld-Herrn nach Maroboduum gehen. Er nahm solches auch willigst auff sich / war aber des Vorsatzes / die Sache also zu spielen / daß Marcomannis nicht dem vermeinten Bräutigam / sondern dem Brautwerber / ich will sagen / das Marckmännische Reich nicht dem Feld-Herrn / sondern ihm selbst / zu Theil würde. Der Jenner war schon über halb vorbey /als die zu Frost und Hitze abgehärteten Cherußker in der Mitternacht gantz nahe bey Maroboduum ankamen / und ihre Ankunft dem Ritter Falckenau / so die Wacht in dem einen Haupt-Thor nach der Elbe zu befehlichte / wie auch dem Grafen Bercka / als Obersten der Besatzung auf der neben der Hauptstatt gelegenen Festung / durch drey angezündete Bäume zu wissen thaten. Hierauf zogen sich zwey tausend nach der Festung und vier tausend nach der Stadt zu / da denn so wohl Bercka / als Falckenau / jedweder seines Ortes /sie persönlich bewillkomte und ohne groß Geräusch einziehen ließ. Sie fielen hiernächst in alle Gassen der Stadt / allwo die in dem Bündnüß mit begriffene Edelleute die gantze Nacht hindurch in ihren Häusern gewacht und sich fertig gehalten hatten / mit denen ankommenden Cherußkern die Waffen zu vereinigen. Dieses konte so stille nicht zugehen / daß nicht alsbald Lermen in der Königlichen Burg und in denen andern Stadt-Thoren dadurch entstanden wäre. Die Verschwornen fiengen dannenher auch an / wüste durch einander zu ruffen: Freyheit! Freyheit! Es lebe Herrmann und Gottwald! Marbod vergehe! Tanneberg hatte deßwegen den Marbod aufgewecket und ihm die vielfältigen kleinen Hauffen Cherußker und Marckmänner gezeiget / die aus allen Gassen auf den grossen Platz vor dem Schloß zugelauffen[1571] kamen / und gleichsam wie Wolcken in ein Ungewitter sich zusammen zogen / so mit einem schrecklichen Sturm in die Burg einzuschlagen dräuete. Hierüber wurde er gantz kleinmüthig und rieff: Der zornige Himmel hat nunmehr den Stab über mich gebrochen! Ein iedweder rette sich / so gut er kan! Die Besatzung machte zwar ein groß Geschrey und erbote sich dem Könige biß in den Todt getreu zu bleiben / auch ihr Leben vor das seinige willigst aufzuopffern. Doch wie dem allen /raffete er seine besten Kleinode in höchster Eyl zusammen / vermehrte aber die Perlen mit nicht wenig Thränen / alldieweil es nunmehr so weit geko en war / daß der / so ehemals alle Marckmäñischen / Hermundurischen / Gothonischen / Esthischen / Lygischen / Semnonischen / Langobardischen / Burischen und Marsingischen Schätze unter seiner Bothmäßigkeit gehabt / dem Bias seinen Denckspruch: Ich trage alles das meinige mit mir / abborgen muste. Er wolte nicht des äussersten erwarten / weil er des Lebens nun so gewohnet war / daß er sich / solches noch einmahl tapffer an den Feind zu wagen / nicht konte bereden lassen. Derowegen setzte er sich mit Tannebergen und vier Dienern zu Pferde / gieng durch das Hintergebäude der Burg über die gefrorne Mulda und reisete so lange mit grosser Gefahr seines Lebens / biß er vor einer Römischen Gräntzfestung an den Ort / wo die Donau bey dem Norichischen Lande vorbey fließet / höchstbekümmert ankam. Er wuste / daß er weder zu Jagello dem Sarmatischen / noch zu Schwatopluck dem Bastarnischen / vielweniger zu Vannius dem Schwäbischen König / ja auch nicht zu seinem Schwieger-Sohn Ingviomern Zuflucht nehmen dürffte und betauerte nunmehr zu spät / daß er seiner Tochter nicht gegläubet / die viel gewisser / als eine Aurinia / seinen ietzigen Zustand verkündiget hatte. Niemand war nun übrig / als Tiberius / von welchem er noch einige Erbarmnüß verhoffen kunte. Doch schrieb er umb Hülffe an ihn / nicht als ein fußfälliger Flüchtling / sondern als einer / der noch wohl zurück dencken durfte / was er ehemahls gewesen / wie sehr alle benachbarte Könige und Fürsten / ja die Römer selbst / sich umb seine Freundschafft beworben / und wie viel diese letztern ihm schuldig wären / indem er durch die ihnen erzeigte unbrüchliche Treu und Liebe die gantze Nord- und West-Welt sich zu Feinden gemacht.


Allein Rom hatte gar ein schwaches Gedächtniß /wenn es wolte / und achtete sich keinem zu dancken verbunden / der den Undanck zu rächen nicht mehr vermochte. Tiberius hielte vielmehr gegen den gantzen Rath eine ausführliche Rede / wie höchlich er dem Glück verpflichtet wäre / nachdem der grosse Marbod / der seines gleichen unter allen barbarischen Königen an Macht und Klugheit vordessen nicht gehabt / durch seine Sorgfalt in aller Deutschen Haß und endlich ins Verderben gestürtzet worden. Nunmehr solte man denen Römern glück wüntschen / daß sie eines Feindes loß geworden / dessen Nahme ihnen vor etlichen Jahren mehr Furcht eingejaget hätte / als Philippus der Stadt Athen / oder Pyrrhus und Antiochus dem alten Rom.


Alles demnach / was Tiberius dem Marbod zu Trost wieder schrieb / bestund hierinnen: Er möchte in Italien sicher kommen / und / wenn er wolte / sein Leben zu Raveña beschliessen / woselbst er königlichen Unterhalt aus Freygebigkeit des Käysers geniessen solte. Gefiel ihm aber dieses nicht / stünde ihm allezeit frey / eben so sicher und ungehindert wieder weg zu ziehen / als er gekommen wäre. Dieses muste der nunmehr gantz geschmeidig-gewordene Marbod aus höchster Noth annehmen und in die achtzehn Jahr lang zu Ravenna leben / damit jederman an ihm ein Exempel zu sehen bekäme / daß keine Gewalt so groß sey / die nicht eine höhere zu fürchten habe / und daß derjenige / der aller Welt Gesetze vorzuschreiben[1572] vermocht / dem Gesetz des göttlichen Verhängnüsses unterworffen bleibe.

Unterdessen hatte Gottwald durch die Cherusker das Königliche wohlbevestigte Schloß mit aller Gewalt stürmen lassen; wiewohl vergebens / weil Graf Lichtenstein sich vortrefflich darinnen über eine gute Stunde wehrte / damit keiner von denen Feinden der Flucht seines Königes inne würde / ehe er sich durch einen guten Vorsprung außer Gefahr gesetzet hätte. Nach solcher Zeit folgte die gantze Schloß-Besatzung dem Marbod über die Mulda nach; und fanden dahero die Cherusker keinen Widerstand / als sie zum andern mahl anlieffen. Hiermit aber ward allenthalben kund /daß der Tyrann weg wäre und durch seine kleinmüthige Flucht sich selbst der Marckmännischen Cron unwürdig erkannt hätte. Dannenhero begaben sich die Cherusker aufs Beute machen; wobey sonderlich die Römischen Kauffleute / die sich zu Maroboduum gesetzet und Bürgerrecht erhalten hatten / allen bißherigen Gewinn auf einmahl einbüsseten / als die Soldaten mit ihnen auf eine gar ungewohnte Art zusammen zu rechnen anhuben. Der Römische Bothschaffter Vellejus Paterculus wäre in der ersten Wuth beynahe niedergehauen worden / dafern nicht Gottwald diesem Ubel durch eine starcke Wacht / die er ihm vor seine Wohnung legte / in Zeiten vorgebauet hätte. Er ließ endlich auch den weissen Pferde-Kopff / als das vornehmste Cheruskische Kriegs-Zeichen auf den Schloßplatz pflantzen / und durch den Trompeten-Schall Befehl ergehen / daß iedweder Soldat bey Lebens-Straffe sich zu seiner daneben aufgerichteten Fahne einfinden solte / wodurch denn die besorgliche allgemeine Plünderung der Stadt glücklich verhütet ward. Und weil Marbod / als er vergangenen Sommer erfahren / wie wenig gutes er seinen Unterthanen zuzutrauen hätte / iederman / (ausgeno en Grafen / Ritter und Soldaten) alle Waffen abnehmen und in ein groß Zeughauß zusa en tragen lassen; theilte Gottwald dieselben unter die vorigen Besitzer wieder aus und machte damit mehr als zehn oder zwölff tausend bewehret und sich überaus sehr verpflichtet / nachdem ihre Waffen ihnen ja so lieb / als ihr eigen Leben /waren. Er verschrieb überdieß den gantzen Adel und alle zum Krieg geschickte auf den zehnden Mertz nach Boviasmum / welches man kurtz zuvor Maroboduum hieß. Zwölff vornehme Marckmänner machte er / im Nahmen Hertzog Herrmanns / zu Reichs-Räthen / verminderte die Zölle / Kopffsteuer und andere Gaben / und suchte durch eine sonderbahre Freundlichkeit die Gemüther des Volcks zu gewinnen. Indessen nahm Wartenberg die mächtigsten Edelleute /sonderlich die neuen Räthe / auf die Seite und beklagte / daß sie aus Marbods Tyranney unter Herrmanns Joch geriethen und also nur den Herrn / nicht den Zustand / änderten. Denn bißher wäre das Land derer Marckmänner ein grosses freyes Königreich gewesen / das fast von gantz West und Nord vor seine Königin wäre erkant worden; ietzo würde es eine blosse Landschafft oder Stück des Cheruskischen Hertzogthums. Dieses wüchse gegentheils so unglaublich geschwind / daß es schiene / das Verhängniß habe mit Hermannen eben das / was mit Marboden / vor / und wolle einerley Trauerspiel mit veränderten Personen wiederhohlen; weil doch alle Herrschafften / wenn sie allzu schnell und allzu sehr zunehmen / so wenig als wassersüchtige Leiber / lange bestehen könten / und die Reichsäpffel / welche das Glück zu ihrer Lust als Bälle gebrauchte / desto jählinger fallen und zerfallen müssen / je höher sie zuvor gestiegen wären. Dannenhero stünde zu wüntschen / daß das Marckmännische Reich einen eigenen Herrn hätte / der dasselbe in seinen ietzigen Gräntzen erhielte / und daß ein Fürst ohne Land hierzu lieber erwehlet würde / als ein König oder Hertzog / der schon durch ein übermäßiges Glück in eine so unersättliche[1573] Herschsucht gerathen / daß er ein paar Welt-Kugeln leichter / als Cleopatra ihre grosse Perlen / zu verschlingen sich getrauete. Man hätte ja an der Cheruskischen Soldaten rauberischen Verfahren wider die Römischen Kauffleute gesehen / wie ihr Herr seine Leute gewöhnete und wie er die seinem Hertzogthum einverleibten Landschafften durch solche Egeln aussaugen ließe /damit dieselben / gleich einem Cörper / der sich gantz verblutet hat / das Vermögen verlöhren / sich wider ihn aufzurichten oder zu wehren / wenn er etwa ihnen mehr zumuthen wolte / als ihre angebohrne Freyheit erleiden könte. Der eintzige Fürst Gottwald wäre noch derer Marckmänner Schutz-Geist dißmahl gewesen und hätte sie viel glücklicher durch sein hohes Ansehen / als Zetes und Calais mit ihren Pfeilen den Phineus wider die Harpyien / beschützet. Dieser junge Fürst hätte einen so reiffen Verstand / eine so tapffere Faust und ein so leichtvergnügliches Gemüth / daß seines gleichen wenig zu finden wäre; allermassen die besagten drey Dinge in einer einigen Person sich schwerer und seltener / als schwartze Schwäne und weisse Raben in der Welt / antreffen liessen.

Diesen Begehren ward durch Gold und Silber der rechte Nachdruck gegeben / massen keine Rede bessere Wirckung hat / als wo der Schall der Worte und der Klang des Geldes wohl zusa en sti en. Der Marbodische Schatz / so auf der Festung lage / kam dem Gottwald hierbey trefflich zu statten. Deñ er beschenckte alle Grossen so reichlich / daß sie nun endlich die güldene Zeit erlebet zu haben vermeynten. Bald darnach thaten ihm die Bestochenen heimlich zu wissen / daß man seine hohe Person am allerliebsten zum König hätte / wenn man nur so vieler Cherusker mit guter Art loß werden könte. Gottwald wegerte sich zum Schein nicht wenig / das jenige / was er (seinem Vorgeben nach) Hertzog Hermannen so gern als sich selbst gönnete / anzunehmen. Jedoch willigte er endlich ein / als er befürchten muste / man möchte seine Wegerung vor lauter Ernst aufnehmen. Er sandte aber nächstfolgenden Tages die Helffte derer Cherusker nach Budorgis / wo sie zuvor in der Besatzung gelegen hatten; unter dem Vorwand / daß man das neuerworbene Land mit allzu vielen Soldaten im Anfang nicht belegen / sondern ihm / wie einen neuen Most / Lufft lassen müste. Denn sonst geriethe es in eine höchst-verderbliche Unruhe und schadete beydes sich und seinem Eigenthums-Herrn. Zwar Ritter Maltzan erinnerte ihn mehr als einmahl / daß man nicht allzu sicher seyn dürffte / weil vielleicht noch viel im Lande vorhanden wären / die Marboden wieder zufallen könten / wenn man ihnen nicht eine ansehnliche Cheruskische Kriegsmacht stets vor die Augen stellete / damit sie entweder willig oder unwillig treu verbleiben müsten. Gottwald aber ward ungeduldig und gab zur Antwort: Hertzog Herrmann hat mir / als Feldherrn dieses fliegenden Heers / ungebundene Macht ertheilet / zu thun und zu lassen / was ich will. Mein Wille ist demnach / daß ihr die dreytausend Mann unverzüglich nach Budorgis führet / oder ich werde euch und allen Widerspenstigen / im Nahmen unsers allgemeinen Feldherrns / den Abschied geben /und den Gürtel nieder zu legen anbefehlen. Malzan muste hierauf gehorsamen und mit denen dreytausend Mann das Marckmännische Gebiet räumen. Nach seinem Abzug ließ Gottwald einen silbernen Kasten mittelmäßiger Größe mit allerley artigen güldenen / silbernen und elffenbeinern Kunststücken anfüllen / so theils aus Marbods Schatz genommen / theils von denen Römischen Kauffleuten erbeutet waren; und verschloß ihn aufs beste / nachdem er diesen Brieff an Hertzog Hermannen mit hinein gelegt hatte:


Großmächtigster Feldherr.


Die Marckmännischen Stände haben mir[1574] wider meinen Willen Cron und Scepter aufgedrungen; ungeachtet ich verhofft hatte / selbige meinem höchsten Wohlthäter zu übergeben. Allein der Himmel hat es anders gefüget und ich weiß gewiß / daß der gottsfürchtige Hermañ weder den Himmel zu stürmen /noch dessen Verhängniß zu ändern / willens sey. Er ist schon so groß / daß er den Verlust eines noch nie gehabten Landes wenig / weit höher aber dieses achten wird / daß der neue Marckmännische König sich vor des grossen Hermanns ewig-verbundensten Diener erkennt.

Gottwald.


Hiernächst erwehlte er zweytausend Cherusker unter dem jungen Graf Hanau / vertraute ihnen den Kasten nebenst dem versiegelten Schlüssel / und befahl beydes Hertzog Hermannen nach Teutschburg unverzüglich zu überbringen; indem hierinnen so wohl Marbods beste Verlassenschafft / als auch eine nothwendige Nachricht von dem Marckmäñischen Reich enthalten würde. Weil sie nun aus diesen Worten schlossen / daß so wohl des vertriebenen Königs hinterlassene Cron und Scepter / als auch derer Marckmännischen Stände Einladungs-Schreiben zur Regierung in diesem Behältnüß zu finden wäre / eylten sie destomehr zu dem Feldherrn / von welchem sie kein geringes Gnaden-Geschenck davor zu erlangen verhofften. Die übrigen tausend Mann behielt Gottwald zu seiner Leibwacht biß auf den zehnden Märtz / an welchem die gantze Ritterschafft und die Abgeordneten aller Städte und Dörffer in einem verschlossenen Häyn des Hercynischen Waldes zusammen kamen /da er sich denn durch Graf Wartenbergen und den von ihm reichlich beschenckten Obersten Druiden Milota auf obbesagte Art iederman dermassen einloben ließ /daß / weil die Vornehmsten schon gewonnen waren /sich jähling ein unordentliches Geschrey erhub: Hertzog Gottwald / unser neuer König / lebe! Wartenberg eylete hierauf aus dem Hayn / und fügte Gottwalden / (der / weil er ein Frembder war / so wenig als die Cherusker / der Versammlung beygewohnet hatte /) in einer wohlausgedachten Rede das unterthänigste Verlangen derer gesamten Reichsstände zu wissen; setzte ihn auch auf einen grossen Schild und ließ ihn durch acht vornehme Edelleute empor heben und in die Versammlung tragen; allwo ihm der Oberste Druyde Cron und Scepter überlieferte und zur neuerlangten Königlichen Hoheit Glück wüntschete. Dieses gienge so stille nicht zu / daß die Cherusker nicht hiervon Wind bekommen hätten. Daher stelleten sie sich in Ordnung und wolten auf den Hayn zuziehen. Allein Gottwald kam ihnen beyzeiten mit sechs tausend Mann entgegen / umbzingelte sie / hieß sie die Waffen niederlegen / und dräuete / den redlichen Ritter Berlepsch mit eigener Hand nieder zu hauen / als er sich erkühnete zu fragen: Ob dieses der gegebenen Treu und Glauben gemäß wäre? Sie musten hierauf allerseits schweren / das Marckmännische Gebiet /ohne König Gottwalds Willen / nimmermehr wieder zu betreten / und wurden also von drey tausend Marckmännern biß an die Hermundurischen Gräntzen begleitet und daselbst frey gelassen. Solchergestalt ward Gottwald König. Wie schlecht aber die überstimmt- und übereylten Unterthanen damit zu frieden wären /zeigte sich gar bald / indem sich die meisten / ohne vorher gegangene ordentliche Erlassung / nach ihren Häusern wieder begaben. Doch achtete er dieses nicht allzu hoch / weil er alle Gräntz-Vestungen / die Marbod auf Römische Art / gegen das Semnonische und Langobardische zu / angelegt hatte / so wohl auch die Hauptstadt Boviasmum / in seiner Gewalt sahe.

So bald nun die gedachten Cherußker einen Fuß auf den Hermundurischen Grund und Boden gesetzet hatten / wehleten sie sechs aus ihrem[1575] Mittel zu Abgeordneten an den König Jubil / und eröffneten ihm das Unrecht / so Hertzog Herrmann von dem treulosen Gottwald erlitten. Jubil beschiede dannenhero alle zu denen Waffen geschickte Mann- und Weibs-Personen nach Calegia auf den zwölfften April / hielte ihnen in einer langen Rede vor / wie die Danckbarkeit erfordere / Hertzog Herrmañs Beschimpffung an Gottwalden zu rächen / nachdem jener allein durch seine Völcker denen Hermundurern zu ihrer Freyheit wiedergeholffen hätte. Er funde jederman zur Rache willig und bereit; gieng daher mit einem Heer von dreißig tausend Männern und zehen tausend Weibern ins Marckmännische / ehe Gottwald solches dencken können /als welcher mehr bißher gefürchtet hatte / das Wiehern und Schnauben der Cheruskischen Pferde zu hören / als zu sehen / daß die Hermundurischen Lüchse seine Hercynischen Gebürge übersteigen solten; Gestalt denn auch auf der Grentze zwischen dem Marckmännischen und Hermundurischen Lande kein Ort sonderlich befestigt war / weil beydes vor kurtzer Zeit gleichsam nur ein Land und Marbod so wohl dieses als jenes fast zu einer Zeit im Anfang seiner Regierung unter sich bekommen hatte. Nichts hielte demnach den Jubil auf / vor Boviasmum zu rücken /da denn unterwegens mehr als acht oder zehentausend Marckmänner ihm zufielen. Gottwald hatte gegentheils die seinigen zusammengezogen und ließ es auf eine Schlacht ankommen / die aber so unglücklich auf seiner Seite ablieffe / daß er nach einem sechsstündigen Gefecht sich in die Stadt flüchten muste. Unterdessen schickte Graf Bercka dem König Jubil die Schlüssel zu der an die Stadt angebaueten Festung und bezeugete / wie froh er wäre / daß Hertzog Herrmann / dem allein zu Liebe er sich in das Bündniß wider Marboden mit eingelassen hätte / durch Beyhülffe des tapffern Hermundurischen Königs / zu seinem Recht wieder gelangen solte. Jubil danckte vor solche gute Zuneigung des redlichen Grafens gegen den Feld-Herrn / besetzte sein Lager mit zwölff tausend Mann / das gröste Theil des Heers aber führete er durch einen ziemlichen Umbschweiff nach der Festung und kam von hinten zu in dieselbe bey schon einbrechender Abenddemmerung. Gegen morgen ließ er aus seinem Lager durch Selmnitzen Lermen machen und das Haupt-Thor stürmen. Als nun die meiste Macht derer Marckmänner sich dahin zog / fiel Jubil mit einem grausamen Geschrey aus dem Schloß in die Stadt und brachte damit den Feind in solche Unordnung / daß Gottwald selbst nach dem grossen Thor an der Mulda die Flucht nahm; Inmittelst verließ ihn fast jederman / alldieweil zumahl Graf Wartenberg todt /Falckenau höchstgefährlich verwundet / Trautmannsdorff aber zu dem Feinde übergegangen war. Jubil verfolgte hierauf seinen Sieg / und nöthigte Gottwalden sich mit seinen geringen Hauffen über die Mulda / ja endlich biß in das denen Römern unterthänige Noricum zu flüchten und also eben den Weg selbst zu betreten / den er sich durch Marboden vor etlichen Monaten hatte bähnen lassen. Marbods Exempel machte ihm auch die Hoffnung / einen sichern Auffenthalt von dem Käyser zu erlangen / welcher denn /auf sein unterthänigstes und einem deutschen Fürsten höchstunanständiges suchen / Befehl gab / ihm für seine Person einen Ort zur Wohnung in den Narbonensischen Gallien zu Forum Julium anzuweisen. Alle seine Bedienten und Anhänger aber / so wohl auch die / welche dem Marbod aus Deutschland nachgefolget waren / ließ er über die Donau zwischen die Flüsse Marus und Cusus dem Römischen Bundsgenossen und Schwäbischen König Vannius zum Geschenck überliefern; allermassen er besorgte / daß weil sie etliche tausend an der Zahl austrugen / möchten sie vielleicht / wenn sie in die Römische Landschafften[1576] solten vertheilet werden / mit ihrem unruhigen kriegerischen Gemüth auch jene anstecken / die doch bißher der Ruhe und des Friedens so wohl gewohnt waren / daß sie sich mit ihrer Knechtschafft besser vergnügten / als Rom mit seiner Herrschafft über den grösten Theil der Welt; und daher mit denen Massageten sich nicht übel vergleichen liessen / unter welchen ein Edelmann oder Bauer / wenn jener vom Fürsten / dieser von seinem Edelmann geprügelt wird / noch zu dancken pfleget / daß der Herr sich die Mühe genommen / ihn wohlmeynend zu züchtigen und gehorsamer zu machen.

Zu Forum Julium hätte nun Gottwald die beste Gelegenheit gehabt / seinen Fehler lange genug zu bereuen; allein er starb vor grossen Hertzeleid / ehe es jemand vermuthet hatte / und ward ohne alle Pracht verbrant und begraben. Ja damit es auch dem Todten an einer Straffe nicht mangeln möchte / ungeachtet seine Unbedachtsamkeit im Leben mehr als zu viel erlitten hatte / klebete ein Unbekanter diesen Zettel / statt einer Grabschrifft / an sein Begräbniß:


In diesen finstern Ort

hat

GOTTWALD /

gebohrner Hertzog derer Gothonen / Esthier und Lemovier

sich verstecket;

Weil er Scheu trägt /

sich forthin vor der Welt sehn zu lassen /

nachdem er einmahl auf ihrem Schauplatz

die Person

eines Marckmännischen Königs

übel gespielet hat.


Währender Zeit hatte sich Hertzog Herrmann mit vier tausend Langobarden ins Marckmännische Gebieth eingefunden und durch das Geschrey von seiner Ankunfft die drey Grentzvestungen bewegen / sich an König Jubiln zu ergeben. Dannenhero dieser mit dem gantzen Kriege fertig war / als der Feld-Herr ankam. Es ist nicht zu beschreiben / mit was ungemeiner Freude jederman ihn empfangen / weil Jubil in dessen Nahmen eine allgemeine Verzeihung allen bißherigen Anhängern des Gottwalds versprochen hatte. Der tapffere Slawata / und der kluge Trautmansdorff waren die Abgeordneten derer sämtlichen Reichsstände / überlieferten dem neuen König Cron und Scepter und führten in einer herrlichen Rede aus / wie wunderbahr der Himmel vor das Marckmännische Land gesorget / indem er es so wohl von Marbods unerträglicher Tyranney / als auch von Gottwalds unbefugter Gewalt glücklich befreyet und durch diesen doppelten Krieg alle unruhigen Köpffe entweder sterben oder sich hinweg flüchten lassen / damit der grosse Herrmann ein mit lauter getreuen Unterthanen besetztes Königreich finden und ja so vergnügt selbiges beherrschen möchte / so begierig dieses sich seiner Bothmäßigkeit unterwürffe. Herrmann antwortete / er würde jederzeit gerne mit der Besitz- und Erhaltung derjenigen Lande zu frieden gewesen seyn / denen er biß daher vorgestanden / und die entweder durch das Erbrecht oder ordentliche[1577] Wahl unter seine Auffsicht gerathen wären. Alldieweil aber die Marckmänner selbst ihm ehemahls von freyen Stücken ihr Königreich angeboten und ihn also zu dessen Einnehmung gnugsam berechtiget hätten / als würde es ihm die gantze Welt zu einer kindischen Einfalt oder Kleinmuth außgeleget haben / daferne er ohne alle Bewegung zugesehen / wie ihm der undanckbahre Gottwald das Seine freventlich aus denen Händen risse. In Betrachtung dessen wäre er mit einem mächtigen Heer im Anzuge gewesen / umb dem unverschämten Räuber das Kleinod wieder abzunehmen / warumb er noch nicht mit dem rechtmäßigen Besitzer gestritten hätte. Unterwegens aber wäre ihm das Geschrey entgegen gekommen /daß König Jubil ihm die Mühe der Rache ersparen wollen / welches denn ihm umb so viel lieber gewesen / weil er ohnedem darzu wenig Lust gehabt / wenn nicht seine Ehre und die Ruhe Deutschlands ein solches unumbgänglich erfordert hätten. Daher sey er schlüßig worden / alle seine Cherusker und Semmoner wieder nach Hause zu erlassen / und von denen Langobarden nur etliche tausend zu seiner Begleitung zu behalten. Er fände nunmehr die Gemüther der edlen Marckmänner gegen ihm so gesinnet / wie er es wünschete. Sie hingegen solten auch allezeit einen treuen und liebreichen Vater des Landes / nach ihrem selbsteigenen Wunsch / Zeit seines Lebens / an ihm finden.

Slawata und Trautmannsdorff danckten unterthänigst vor dieses gnädige Erbieten / versprachen nochmahls mit denen verbündlichsten Worten alles das /was ein gerechter Fürst von seinem Lande hoffen kan / küsseten dem König die Hand und fingen hierauf das gewöhnliche Freuden-Geschrey an / welches alles Volck eine gute Zeitlang wiederhohlete. Unterdessen statteten die Könige Herrmann und Jubil gegen einander mit ersinnlicher Höffligkeit den gebührenden Danck ab / daß jener dem Jubil das Hermundurische Königreich durch seine Hülffs-Völcker / dieser aber jenem das Marckmännische durch einen kostbahren und persönlichen Feldzug unterwürffig gemacht hatte. Es versicherte einer den andern immerwährender nachtbahrlichen Freundschafft / welche auch durch ein prächtiges / zu Boviasmum angestelltes Gastmahl bekräfftigt wurde / daferne sie anders noch mehr bekräfftigt werden konte / nachdem sie sich schon auf die Tugend der beyden Helden gründete und durch einen so grossen würcklichen Dienst an beyden Seiten bewähret war. Die nächsten drey Tage wurden mit der Huldigung / Ersetzung der Ehren-Aempter / und Bestätigung der Landgesetze hingebracht. Ritterspiele und Jagten blieben biß auf folgende Woche ausgesetzet. Mittlerweile ließ König Herrmañ alle hinterlassene Brieffe des entwichenen Gottwalds ungelesen verbrennen / damit keinem / der sich nunmehr seiner Pflicht gemäß bezeigte / einige Schande oder Schade aus dem mit dem Feinde ehemahls gepflogenen Verständniß erwachsen möchte.

Umb diese Zeit wurde ihm unter andern Geschencken / auch eine rechtwohlgemahlte Leinewad überreicht / die von der Hand eines Römischen Mahlers /so zu Boviasmum nebenst andern seines gleichen sich seßhafft niedergelassen hatte / mit sonderbahrem Fleiß verfertiget war. Man sahe darauf den Bellerophon / des Corinthischen Königs Glaucus Sohn /wider des Jupiters Willen auf dem geflügelten Pegasus durch die Lufft gen Hi el reiten. Worüber er aber rasend wurde und vom Pferde herabsuncke. In der Ferne des Gemähldes lage bey einem Berge ein Ungeheuer / so mit dem Kopff und Brust einem Löwen /mit dem Bauch einer Ziege / mit dem Schwantz einem Drachen ähnlich war / von denen Poeten Chimära genennet wird / und von dem Bellerophon zu seinem ewigen Nachruhm soll getödtet worden[1578] seyn; durch welchen Sieg aber er in einen thörigten Stoltz / und durch diesen in einen schrecklichen und tödtlichen Fall gerathen. Der Künstler hatte sein Absehen durch diese Unterschrifft erkläret:


Seht / wie Bellerophon / der sich sonst Gottwald nennet

Vnd der das Vngeheur / den Marbod / hat erlegt /

Dem Himmel selbst zu trotz in sein Verderben rennet /

Indem sein Ubermuth ihn in den Himmel trågt.

Erhebt ein stoltzer Sinn sich ůber alle Sterne /

Ist Raserey und Fall gewiß von ihm nicht ferne.


Die letzte unter allen Ergetzligkeiten / die König Herrmannen zu Ehren angestellet wurden / war ein Fischer-Rennen auf der Mulda / dem die Königliche Personen und dero vornehmste Bedienten aus der Vestung / so an die Stadt Boviasmum anstößt / eine unzählige Menge Volck aber auf dem Ufer und kleinern Insuln des Flusses zusahe. Jedweder Fischer hatte ein aus vierfacher Leinwad gemachtes und allenthalben durchnehetes Kleid an statt des Harnisches / wie auch einen höltzernen Schild und stumpffe Lantze und stund im Vordertheil des Kahnes / in dessen Hintertheil ein Fischerknecht saß und ruderte. Wenn nun die Kähne einander erreichten / stieß ein jeder Kämpffer die Lantze mit solcher Gewalt wider seinen Gegener /daß darüber einer von ihnen / wo nicht alle beyde /rücklings in den Kahn / oder seitwerts ins Wasser stürtzten. Anfänglich gab es lauter Zwey-Kämpffe /hernach ruderten zehn gegen zehn und endlich hundert gegen hundert. Es fielen aber nicht allein die Fechtenden / sondern auch bißweilen die Zuschauer ins Wasser / und kunten eine Probe ablegen / wie weit sie es in ihrer Schwimm-Kunst gebracht hätten. Denn der neugierige Pöbel / der in viel Reyhen hintereinander stund / drunge immer mehr und mehr nach dem Ufer zu / so bald die vorn am Rande stehenden lachten /schriehen oder sagten / wie ietzt dieser und jener Fischer sich wohl hielte / ein anderer aber gegentheils den kürtzern zöge. Daher muste mancher von denen /so sich nicht in acht nahmen / hier und dar wider seinen Willen einen Sprung ins Wasser thun. Dieses Unglück betraf auch einen frembden ansehnlichen Ritter; worüber seine Diener ein groß Geschrey erhuben /und ihrer zwey ihm alsbald nachsprungen / die andern vier rieffen denen Fischern zu / diesen vornehmen Herrn zu retten und versprachen davor eine Belohnung von zwey oder drey hundert Cronen. Hierüber ward ein grausames Aufsehen so wohl auf der Vestung / als allenthalben / weil keiner unter denen Fechtenden den Verdienst aus handen lassen wolte. Allein alle Mühe war vergebens; Man fienge wohl die zwey des Schwimmens nicht allzu wohl erfahrne Diener auf und legte sie in Kähne. Der Herr aber war lange nicht zu finden. Endlich merckte ein Fischer /daß sich etwas an den Boden seines Kahnes fest anhielte; daher rieff er etliche zu Hülffe / und risse mit dero Zuthun den halb-todten Ritter hervor und in den Kahn / kehrete ihn auch mit dem Kopff unterwärts /damit er das Wasser wieder von sich geben möchte. Graf Bercka hatte inzwischen eine Sänffte aus der Vestung geschickt / diesen unglücklichen Frembden / der noch nichts von seinen Sinnen wuste / abzuhohlen /damit der Fischer-Streit seinen Fortgang und Ende ohne fernere Verhinderung gewinnen möchte. Als man aber dem Todtkrancken die nasse Haarhaube vom Kopffe nähme / auch das Gesichte mit einem warmen Tuch trocknete / fiel der angeklebte schwartze Bart ab und wurde der bißher unbekante von dem jungen Graf Pötting vor Adgandestern angesehn. Man strich ihn dahero desto fleißiger mit Balsam und köstlichem Schlagwasser an / und bracht ihn letzlich wieder zu sich selbst. Worauf er aber aus seinem Unterkleide eine silberne Büchse und aus dieser eine Kugel in Grösse einer Erbse hervor suchte und solche / ehe es iemand hindern kunte / in den Mund thät und verschlang.[1579]

Inmittelst hatte Pötting seine Muthmassung denen Grafen von Nassau und Trautmannsdorff zu wissen gemacht / welche sich denn ohne verweilen in diesem Zimmer ein- und zwischen dem bettlägerigen Edelmann und Adgandestern eine grosse Aehnligkeit / ja völlige Gleichheit / funden. Auf befragen / wer er wäre / gab er sich für einen Gothonischen Edelmañ aus / und bate / daß man ihn durch seine Diener in die Herberge bringen lassen wolte. Ob er nun wohl die Sprache in etwas veränderte / so erkante ihn doch der kluge Nassau gnugsam vor den / der er war / ließ demnach das Gemach wohl verwahren / und gab beyden Königen Nachricht von diesem Handel. Hierauf ward das Fischertreffen beschlossen / und die Preise ausgetheilet. Den Krancken aber befahl Herrmañ zu entkleiden und nachzusuchen / ob er nicht Gifft bey sich trüge / nachdem Hertzog Arpus des Tiberius Brieff an Adgandestern / als einen geschwornen Feind aller deutschen Fürsten / erbrochen und Herrmannen zugeschickt hatte / weßwegen man befürchtete / daß ein solcher Ertzbösewicht vielleicht anderweit sich umb Gifft beworben / oder doch mit einigem meuchelmörderischen Gewehr versehn hätte / umb dieses mahl das Schelmstück zur Welt zu bringen / mit welchem er so lange Zeit schwanger gegangen war. Man irrete auch in solchem Verdacht keines weges / indem der gefangene allerdings Adgandester oder der so genañte Kenelm war. Dieser hatte Graf Radziviln / Dietrichsteinen und Heldrungen die Oberaufsicht über seine drey Hertzogthümer auf eine Monats-Frist in höchster Geheim anvertrauet / unter dem Vorwand /daß er in unbekanter Gestalt einen gewissen Hof und die allda befindlichen Fürstlichen Fräulein sehen /auch so denn sich entschliessen wolte / ob er eine von solchen zur Gemahlin verlangen solte / oder nicht. Er begab sich hiernächst in Begleitung sechs Diener ins Marckmännische Königreich / umb daselbst die von dem Sejanus in einem silbernen Behältnüß überschickten Gifft-Kugeln wider König Herrmannen zu gebrauchen / als welchem er das Leben nur darumb so lange gefristet / weil er seiner zur Rache wider Marboden nöthig zu haben vermeynet hatte. Er kam den Abend vor dem Fischer-Gefechte zu Boviasmum an; verfügte sich gleichwohl des folgenden Tages an das Ufer / umb die Lust mit anzusehen / weil er nicht gedachte / daß jemand in seinem langen Reise-Mantel /falschen Haar und Bart / auch gelb-angestrichenem Gesichte Adgandestern suchen solte. Alldieweil aber die Mulda seine Farbe abgewaschen / den Bart ein wenig loßgeweichet und Anlaß gegeben hatte / ihn samt der Haarhaube dem Betrieger abzunehmen /ward er von iederman vor Adgandestern erkant / ungeachtet er uñ seine herbey geholten Diener nach vielfältigen Fragen nichts Mehr gestunden / als / daß er Kenelm / der Gothonische Hertzog / wäre. Man ließ unterdessen die zähen und klebrichten Kugeln in Gegenwart derer Gothonen aus dem gefundenen silbernen Büchslein heraus nehmen und an etlichen Hunden probiren. Allein / weil keine sonderliche Aenderung an diesen etliche Stunden lang zu mercken war / kunte man Adgandestern noch nicht als einen Gifftmischer überführen; zumahlen da seine Leute beständig dabey blieben / daß er umb einer Heyrath / und sonst umb keiner andern Ursach willen / diese Reise angetreten hätte.

Kenelm bate inzwischen / man möchte ihm / als einem Fürsten / wo nicht an seiner völligen Freyheit /zum wenigsten doch an der nothwendigen Mittags-Ruhe nicht hinderlich seyn. Man kunte ihm dieses letztere nicht versagen. Hierauf fieng er an über zwey Stunden lang zu schlu ern / nachmahls im Schlaff zu schreyen und endlich gar vom Bette aufzuspringen und zu rasen. In solchem Wüten bekante er freywillig / daß er Adgandester wäre / und redete viel Dinge /die niemand als Adgandester[1580] wissen kunte. Es wurde auch von Stund zu Stund ärger mit ihm / weil die Gifft-Kugel / die er aus Verzweiffelung zu sich genommen hatte / immer mehr und mehr ihre Würckung spüren ließ. Gegen Abend that er erschrecklich kläglich / wunde sich im Bette wie eine Made / brüllete wie ein Ochse und stellete sich so ungeberdig / als wenn er alle Höllen-Pein auf einmahl litte. Man gab ihm demnach etliche Personen zu / die auf ihn acht haben solten / nachdem man ihn als einen Fürsten in Ketten zu schliessen Bedencken trüge. Als aber einsmahls nur zwey umb ihn stunden / warf er sie unvermuthet zu Boden und sprung aus dem Bette zu dem offenen Fenster hinaus / ehe man solches verwehren kunte / fiel mit dem Bauch in einen spitzigen Felsen nahe am Ufer / ermannete sich gleichwohl / riß seine Eingeweide aus dem Leibe / stürtzte sich hiernächst in die Mulda und ersoff. Bald drauf fieng der Gifft an / die Hunde eben so jämmerlich zu peinigen; daher denn die Gothonen gestehen musten / daß ihres Hertzogs Todt aus eben dieser Ursache entstanden wäre.

Herrmann ließ nachgehends Adgandesters Cörper auffischen und dessen Dienern andeuten / daß er aus sonderbahrer Güte sie durch Zwangs-Mittel zur Bekäntnüß nicht nöthigen / sondern ihrem blossen Wort gläuben wolte / daß sie weder von ihres Herrns gottlosem Vorsatz / noch warhafften Nahmen etwas gewust hätten. Sie solten demnach frey seyn / und den zerfleischten todten Leichnam in ihr Vaterland führen damit Graf Heldrungen / Dietrichstein und andere /die mit Adgandestern / als gewesenen vornehmsten Staatsbedienten des Marbods / Kundschafft gepflogen / ihn ohne falsches Haar und Bart besehen und erkennen möchten / wie unglücklich ihre Fürsten-Wahl gerathen / und wie unbillich es sey / Hertzog Ingviomern von dem Besitz des Gothonischen / Esthischen und Lemovischen Hertzogthums auszuschliessen / da doch seiner Gemahlin Groß-Vater dessen rechtmäßiger Beherscher gewesen.

Die Diener legten hierauf das Aaß in einen grossen Kasten voll Honig / verbranten die Eingeweide und führeten beydes mit sich weg. Damit aber Sentia und Gottwald nicht mehr Ehre / als ihr Freund Adgandester / nach ihrem Tode hätten / schickte ein unbekanter der reisenden Gesellschafft ein wohl versiegeltes Pergament / mit Bitte / es an den Grafen von Heldrungen zu überbringen / welcher es nachmahls eröffnete und dieses Inhalts befand:


Adgandesters Grabschrifft.

Hier ruht

der unruhige Adgandester /

wofern der ruhen kan /

der /

weil er lebte /

des Ixions Rad im Gehirn truge

und daher nach dem Tode

billig von ihm wieder getragen wird.

Er war

dem veränderlichen Vertumnus

gantz ähnlich /

ausgenommen in der Unsterbligkeit.[1581]

Doch weil

die Marckmännische Pomona

ihm nicht zu willen war /

suchte er

in vermummter Gestalt

die Gothonische Ceres zu betriegen.

Niemahls war er / was man dachte;

allezeit / was er wolte;

selten / was er solte;

Dem Phaeton

ward er im Leben und Sterben ähnlich:

Jener stürtzte aus der Lufft in den Eridanus /

nachdem er die Welt verbrant hatte.

Dieser

hatte die gantze Nord- und West-Welt

veranlasset /

in einer unaufhörlichen Kriegs-Glut

so viel Jahr nach einander

zu brennen.

Nunmehr findet er seinen Eridanus

in der Mulda.

Diß allein stehet dahin /

ob

die Gothonischen Nymphen

mit ihren kostbaren agtsteinern Thränen

sein Grabmahl beehren wollen /

gleichwie

dem Aethiopischen Phaeton

von der Phaetusa / Lampetie und Phöbe

geschehen.

Gewiß ists /

daß er keine / als nur Freuden-Thränen / verdienet /

weil seine Anschläge dem gantzen Vaterland

so viel Leidens-Thränen

ehemahls ausgepresset haben.

Drey Elemente

waren zu seinem Untergang beförderlich:

Er fiel aus der Lufft /

zerschmetterte sich auf der Erde

und verreckte im Wasser.

Das vierdte Element / das Feuer /

hätte gern etwas hierzu beygetragen /[1582]

wenn es nicht dessen

danckbarlich hätte schonen müssen /

welcher ihm so viel deutsche Städte und Länder

zur Speise übergeben hatte.

Jedoch

was gehen die vier Elemente Adgandestern an /

der ein einiges Element hatte /

in welchem er lebte / und durch welches er starb /

nemlich /

heimtückische Betrügerey.


Heldrungen / Dietrichstein / Gutzkow / Dhona /Ulsen und andere / die Adgandestern ehemahls gekant hatten / waren zugegen / als Kenelms Sarg geöffnet und die Leiche abgewaschen wurde. Sie befunden aber gar bald / daß es der beschriehene Adgandester wäre / wiewohl die Gifft-Flecken und die bleiche Todten-Farbe ihn nicht wenig unkäntlich machten / auch der Gestanck des verfaulenden Cörpers nicht gestatten wolte / ihn lange anzusehn. Sie schämeten sich nicht wenig ihres Versehens in der Fürsten-Wahl und dachten sich an dem Betrüger zu rächen / indem sie ihn unverbrant und unbegraben in die Weichsel warffen /welche ihn weiter in die Oost-See führen mochte. Nachgehends beredeten sie alle Gothonische / Esthische und Lemovische Stände / daß sie Hertzog Ingviomern die Herrschafft über sich durch etliche Abgeordnete antragen ließen / weil weder er / noch seine Gemahlin dessen entgelten dürfften / womit Marbod sich verhaßt gemacht hätte / der letztere Marbodische Brieff auch nunmehr vor Adgandesters Mißgeburt von iederman gehalten würde. Ingviomer nahm das angebotene Hertzogthum zu Danck an / verordnete in seiner Abwesenheit den Ritter Dhona zum Gothonischen / Graf Radziviln zum Esthischen und Graf Gutzkow zum Lemovischen Stadthalter.

Er erzeigte unterdessen König Herrmannen vor seine Empfehlung bey denen Gothonischen Ständen gar schlechten Danck. Denn weil das Marckmännische Königreich / welches er von seinem Schwieger-Vater Marbod zu erben vermeynt / durch Herrmannen eingenommen war / versuchte er / seines Schadens an dessen Cherußkischen Erblanden sich zu erhohlen. Er hatte nicht wenig Freunde unter der Ritterschafft daselbst / die seiner Gnade vor mehr als zwölff biß zwantzig Jahren genossen hatten / als er an statt des damahls minderjährigen oder ausser Landes sich aufhaltenden Herrmañs die Regierung geführet. Da nun Gottwald im vergangenen Jenner mit einem fliegenden Heer ausgesand ward / Marbodens Cron vor Herrmannen zu erwerben / schrieb Inguiomer an etliche von seinen Vertrauten mit verdeckten Worten: Er wundere und betrübe sich höchlich / daß das uhralte freye Hertzogthum der edlen Cherusker / welches offtmahls Königen Gesetze fürgeschrieben / dem gantzen deutschen Reiche so viel allgemeine Feldherren gegeben / und weder Gut noch Blut zu Befestigung seiner Freyheit gesparet / anitzo so willig und gerne eine Landschafft des Marckmännischen Königreichs würde. Denn entweder müste auch selbiges seinen Hertzoglichen Hut in eine Cron verwandeln / und also gestehn / daß es sich beynahe vor Herrmanns Leibeigene erkenne / oder aber der Marckmännischen den Vorzug lassen. Jedweder Königliche Thron hätte ja die Art eines hohen Berges[1583] an sich: Wer einen von beyden bestiege / dem kämen alle die Oerter klein und unansehnlich vor / aus welchen er gekommen wäre /ungeachtet dieselben warhafftig noch so groß und ansehnlich sich befänden.

Er schickte auch den Ritter Oswald / als eine reisende Person / ins Cattische Gebiete / der denn Gelegenheit suchte und fand / gantz geheime Verhör bey Hertzog Arpus zu erlangen / als er eben zu Neidenstein mit einer engen Hoffstatt sich aufhielt. Diesen nun befrembdete es nicht wenig / als Oswald sich vor Hertzog Inguiomers Bedienten ausgab und die Begrüssung aufs höfflichste im Nahmen seines Herrn ablegte; Er fragte den Ritter voller Verwunderung und nicht ohne Argwohn eines listigen Betruges: ob er von König Marbods Schwieger-Sohne dergleichen Versicherung einer aufrichtigen Freundschafft annehmen dürffe / nachdem ja selbigen solche seine Befreundung mit dem allgemeinen Feind aller deutschen Fürsten nöthigte / der ehemahligen alten Freundschafft / so er mit denen Cherußkischen / Cattischen /Sicambrischen / oder Chaucischen Häusern sonst gepflogen / zu vergessen und an statt eines so angenehmen Bothschaffters / sauersichtige und ungestüme Herolden an gedachte Höffe abzuordnen? Allein Oswald berichtete den Hertzog eines andern mit diesen Worten: Mein Herr hat das Unglück oder Glück gehabt / Marbods Ungnade auf sich zu laden / weil er von dessen wunderlichen Sinn nicht alle Unbilligkeiten annehmen wollen / die auch wohl einem gemeinen Edelmann unerträglich gewesen wären. Er beweget sich daher anitzt nicht im geringsten / ob er gleich dieses seines Schwieger-Vaters Untergang vor Augen siehet und hierdurch alle Hoffnung zu der Marckmännischen Cron verlieret. Er gönnet dem Vaterland lieber seine Freyheit / als etwa sich selbst diejenige Herrschafft / die so viel Jahr her denen Teutschen Fürsten Sorge gemacht hat / daß jene durch diese Abbruch leiden möchte. Jedoch fürchtet er nicht unbillig / daß wo Marbod eine Charybdis gewesen / Herrmann eine Scylla abgeben werde / woran die deutsche Freyheit völligen Schiffbruch leiden dürffte. Denn grosse Königreiche sind denen Kindern gleich / welche anfänglich kaum zwey Spannen lang sind / und niemand zu schaden vermögen / nachgehends aber von Jahren zu Jahren grösser / stärcker und daher fähig werden /auch wohl diejenigen zu bezwingen und über einen Hauffen zu stossen / die ihnen in ehmahliger Schwachheit hülffliche Hand geboten haben. Marbods Herrschafft erstreckte sich anfänglich bloß über die Marckmänner / hatte aber nach und nach ein so ungemeines Wachsthum / daß sie auch die Hermundurer /Sedusier / Lygier / Semnoner / Burier / Langobarden /Gothonen / Esthier / und Lemovier an sich zoge. Ebener massen hat Herrmann die Semnoner / Langobarden / und Marsinger seinen angeerbten Cheruskern beygefügt / wird auch / allem Ansehen nach / die Marckmänner seinem neuen Reiche ehest einverleiben / welchem vielleicht die Gothonen / Esthier und Lemovier mit der Zeit folgen dürfften. Jubil und Gottwald sind seine Geschöpffe / und wenn sie gleich Herren mächtiger Länder durch ihn werden / bleiben sie dennoch seine Knechte. Nunmehr muß die Zeit lehren / ob Herrmann ohne Hochmuths-Schwindel ein so hohes Glück ruhig besitzen könne / oder ob nicht seine bißherige Bescheidenheit die letzte Probe allbereit ausgehalten habe und er unter Menschen das versuchen werde / was er auf der Jagt unter Thieren gewohnet ist / nemlich / nicht mit dem schon gefälleten vergnügt zu seyn / vielmehr so fort dem annoch freyen Wild desto begieriger nachzutrachten. Der gütige Himmel gebe / daß die streitbahren Cattẽ / Sicambrern / Chaucen / Bructerer / Chassuarier und andere freye Völcker / nicht ins künfftige erfahren mögen /daß das Glück einem[1584] herrschsüchtigen Herrmann zu viel und doch nimmermehr gnug geben könne. Gestalt auch einer von seinen Marckmännischen Fuchsschwäntzern / (wie man sagen will) ihm vor kurtzer Zeit ein ertzschmeichlerisches Sinnbild überschicket hat / da das Cheruskische weisse Pferd auf einer Rennebahn im Kräyß herumblauffend gemahlt gewesen /also daß man an dessen Fußstapffen im Sande sehen können / daß es schon mehr als einmahl dergleichen Kräyß zu Ende gebracht. Hierbey soll die Uberschrifft gestanden seyn: Ein Kräyß ist zu wenig. Wie auch eine Erklärung in Reimen:


Dem Alexander war ein Weltkråyß viel zu wenig:

Auch einer ist zu klein / vor unsern neuen K \nig.


Arpus hatte bißher mit nicht geringer Gedult und noch grösserer Verwunderung zugehöret; antwortete aber endlich: Ich erfreue mich höchlich / daß Hertzog Inguiomer von neuen zu erweisen gedencket / daß seine ehemahlige Vaterlands-Liebe noch nicht erstorben / sondern dem Anas / Alpheus und andern Flüssen von dergleichen Natur ähnlich sey / indem sie sich zwar im Marbodischen Gebiete unter die Erde hat verkriechen müssen / anderweit aber / sonderlich in seinem Bructerischen Hertzogthum / desto stärcker wieder hervor bricht. Nur wünsche ich beständige Fortsetzung eines so lobwürdigen Anfangs. Solte sonst Herrmann / der bißher sich als einen grossen Eiferer für die deutsche Freyheit erwiesen / ein anderer Marbod werden / wird es so denn an tapffern Helden nicht mangeln / die ihn der Bescheidenheit nachdrücklich erinnern können. Jedoch hoffe ich noch das beste / ob ich gleich auf alle Fälle mich gefast halten / auch hiervon so viel / als nöthig / denen Chaucischen / Sicambrischen und Chassuarischen Hertzogen zu ihrer Nachricht bey Gelegenheit kund thun werde. Ubrigens halte ichs vor unbillig / wegen gedachten hochmüthigen Sinnbildes auf Herrmannen einigen Unwillen zu werffen; Nachdem kein Fürst davor kan / wenn ein Poet allerley werckliche Träume von ihm hat / und ihn trefflich zu loben meynt / indem er ihn aus einem grossen Menschen zu einen grossen Ungeheuer macht /und bedencket nicht / daß ein unmäßiger Ruhm eine Art von einer unverständigen Schmähung ist. Denn was kan wohl seltzamers erdacht werden / als daß die ser eintzige Erdkräyß einem Fürsten zu klein seyn soll? Gewiß ein solcher Tichter muß die Welt nur auf einer Land-Taffel gesehen haben. Nichts destoweniger haben wohl ehe vernünfftige Fürsten dergleichen Eitelkeiten sich wohlgefallen lassen. Wie denn eben das auf Hermannen / wegen seines Wapens / nicht uneben-gedeutete Sinnbild von etlichen Druiden dem Britannischen König Hippon zu Ehren schon vor hundert Jahren ungefehr erfunden worden; und wie lange ists / daß der Gallische König Vercingetorich selbst eine Sonne zu seinem Sinnbilde erwehlte / welche eine Welt-Kugel beschiene / mit der Uberschrift: Sie könte auch noch mehrere überstrahlen. Allein eben des so genannten grossen Alexanders Beyspiel lehret / daß eine Gruft von drey oder vier Ellen für denjenigen geraumig gnug gewesen sey / für welchen doch Anaximenes nicht hat Welten gnug erdichten können.

Sie kamen hiernächst auf andere Gespräche und giengen nicht lange darnach zur Tafel / da sich Oswald vor einen Bataver ausgab und auf Anregen der Hertzogin weitläufftig erzehlen muste / wie höchlich Fürst Dietrich mit dem Batavischen Volck und selbiges mit diesem seinem Ober-Statthalter vergnüget sey.

Nachmittage nahm er Abschied von dem Hertzog und der Hertzogin und setzte seine Reise nach dem Chassuarischen Hoffe fort / allwo er es mit Hertzog Segimern / wie mit dem Arpus / machte. Sonderlich aber bemühete er[1585] sich / weitläufftig zu erweisen / daß Hertzog Herrmann gegen seine Blutsfreunde und Schwäger sich jederzeit neidisch und ungütig erzeiget hätte. Unter andern sagte er: Es ist uns leider in mehr als zu frischen Andencken / wie er seines Vaters Bruder und ehemahligen Vormund Hertzog Inguiomern /ja seinen leiblichen Bruder Flavius so verzweiffelt gemacht hat / als er jenem an der Einnehmung des Marsischen Gebietes hinderlich war / diesem aber nicht einen Fußbreit von dem Cheruskischen Lande abtreten wolte / also daß jener bey Marboden / dieser bey denen Römern / beyde bey ihren ehemahligen geschwornen Feinden / ihr Glück zu suchen genöthiget wurden. Das Durchlauchtige Chassuarische Hauß solte ja wegen seiner nächsten Bluts-Freundin / der Hertzogin Thußnelda / in sonderbahrer Hochachtung bey ihm seyn. Allein Hertzog Segesthes ist mehr als einmahl als ein Verräther des Vaterlands von ihm in denen Fürsten-Versammlungen angeklaget worden. Und obwohl nicht zu läugnen ist / daß der sonst unvergleichliche Held etwas menschliches erlitten hat /indem er durch die Schmeicheleyen seiner betrüglichen Römischen Gemahlin / mit denen Reichs-Feinden sich in engere Bündnüsse eingelassen / als er verantworten können: Nichtsdestoweniger hat Herrmann kein geringes hierzu beygetragen / indem er ihm die Tochter mit Gewalt genommen und ihn veranlasset /bey Feinden Hülffe zu suchen / weil er keine bey Freunden zu finden wuste. Uber dieß wäre es dennoch einem Schwieger-Sohn nicht unanständig gewesen /mehr Bescheidenheit gegen seinen Schwäher zu gebrauchen / gesetzt gleich tausendmahl / daß er gefehlet hätte. Jedoch was bedarff es viel Beweises? Sie selbst / gnädigster Hertzog / dürffen nur zurück gedencken / wie höchlich es Sie müsse geschmertzet haben / als Herrmann Ihnen das Heer wider die Römer an der Weser zu führen versagte und den Grafen von Mansfeld vorzoge / umb keiner andern Ursache / als weil man ohne allen Grund befürchtete / daß Sie mit dero Bruder / dem damahls Römisch-gesinnten Hertzog Segesthes / ein heimlich Verständniß hätten. Der tapffere Fürst Sesitach konte / als ein wohlgerathener Sohn / die seinem hochverdienten Vater angethane Schmach nicht so gedultig verdauen / gabe demnach Herrmannen ungescheuet zu vernehmen /daß er sich aus dem Staube machen müste / weil man sonder Zweiffel den Sohn des unverantwortlichen Verdachts würde entgelten lassen / womit man seinen unschuldigen Vater beleget hätte. Er verlohre sich zwar hiermit aus dem Heer / hinterließ aber einen sonderbahren Stachel in meines Herrns / des Bructerischen Hertzogs Gemüth / ob er schon damahls Herrmanns bester Freund noch war / indem er hierbey / als im Spiegel / vorher sahe / daß ihm vielleicht mit der Zeit nicht danckbarer oder höfflicher würde begegnet werden; wovon ihm auch der Glaube mehr als zu zeitlich in die Hände kommen ist. Ich muß zwar gestehen / daß Sie / gnädigster Hertzog / dem Feldherrn einiger massen verbunden sind / weil er bey dem Todesfall Hertzog Segesthens dessen völlige Erbschafft Ihnen zugesprochen hat / ungeachtet Fürst Siegmund / als Sohn / ein näheres Recht zu seines Vaters Landen zu haben scheinet / als Sie / die sich nur vor des Verstorbenen Bruder angeben können. Ob man nun wohl dem Siegemund vorwirfft / daß er sich unter denen Römern als ein Priester des todten Drusus aufhalte /auch dero hertzgeliebteste Gemahlin / wie nicht weniger Thußnelden und Ismenen entführet habe / so ists doch nicht ungläublich / daß woferne nicht Herrmannen selbst durch den Raub seiner Schwester / ja derjenigen / die er mehr als sich selbst liebt / ins Hertz gegriffen wäre / möchte er vielleicht das der Hertzogin Rhamis angefügte Unrecht nicht so hoch ahnten. Ja wenn Siegmund die einige Thußnelda[1586] wieder lieferte / würden Sie demselben das Chassuarische Fürstenthum wieder abzutreten bald genöthiget werden. Denn das ehemahlige Bezeigen des Cheruskischen Hertzogs gegen Sie kan zu gnugsamen Beweißthum dienen / daß Ihnen neulichst einige Freundschaft geschehen sey / nicht weil Herrmann sonderliche Gewogenheit gegen Sie trägt / sondern vielmehr / weil er durch Ihre Beförderung seinem neuern Feinde / dem Fürsten Siegmund / nachdrücklich zu schaden und sich wohl zu rächen / gemeint gewesen ist.

Segimer antwortete hierauf: Ich kan Hertzog Herrmannen in vielen Stücken entschuldigen; doch läugne ich nicht / daß dieses ein schlechtes Freundstück gewesen / als man den Grafen von Mannsfeld das Heer an der Weser vertrauete / da ich doch diese mühselige Ehre vor mich durch meinen Sohn mit aller Höffligkeit suchen ließ. Wie dem allen aber / Herrmañ hat auf dem letzten Teutschburgischen Reichs-Tage sein Versehen gnugsam gut gemacht. Nichts destoweniger daferne ich mit der Zeit mercken solte / daß des Feldherrn mir erzeigte Wohlthat nicht aus guter Zuneigung zu mir / sondern aus einer leicht-veränderlichen Abneigung gegen meines Bruders Sohn entsprungen wäre / würde ich so dann schon wissen / was zu thun sey. Inmittelst hoffe ich / Herrmann werde sich in seinen Schrancken halten / und über freye deutsche Fürsten nicht mehrerer Gewalt sich anmassen / als ihm gebühret. Wiedrigen falls wird es keinem meines gleichen an Willen oder Vermögen mangeln / ihn zu erinnern / daß wir ihn zu unserm Feldherrn / nicht aber zu unserm König und Beherrscher / erwehlet haben.

Oswald muste damit vergnügt seyn / hielte sich aber noch drey Tage auf und machte den Hertzog von Stund zu Stund argwöhnischer gegen den unschuldigen Herrmann. Er thate hierinnen / was ihm sein Herr befohlen hatte / ob ihm gleich sein Gewissen das Gegentheil zu thun riethe und es ihm selbst eine grosse Unlust war / dem ungerechten Willen seines herschsüchtigen Fürstens zu gehorsamen.

Unterdessen ward Marbod von Gottwalden und dieser von Jubiln verjagt. Herrmann aber / da er mit einem mächtigen Heer im Anzug wider Gottwalden begriffen war und unterwegens vernahm / daß dieser schon landflüchtig wäre / hatte nur vier tausend Langobarden / als nächste Nachbarn derer Marckmänner /bey sich behalten / alle Cherusker aber nach Hause erlassen / weil er weder sie ohne Noth bemühen / noch das Marckmännische Land mit allzu grossem Gefolge beschweren wolte. Dieses gute Absehen verbitterte die schon durch Ingviomern verhetzten Gemüther / so daß sie es vor einen Schimpff aufnahmen / daß Herrmann seinem Siegs-Gepränge sie nicht beywohnen liesse / und diese Ehre denen Langobarden allein gönnete. Hierbey bliebe es zwar vor dieses mahl. Allein es ward immer ärger / als nachgehends erscholle / daß der Feldherr die Marckmänner nicht als ein Hertzog /sondern als ein König beherrschen wolte / ingleichen /daß die Langobarden / Semnoner und Marsinger sich vereiniget hätten / und eine Cron vor sich verfertigen liessen / umb solche ihm ehester Tage zu übergeben /mit Bitte / dieses dreyfache Hertzogthum zu einem eigenen Reich zu machen und sich ins künfftige einen König der Marckmänner / wie auch der Semnoner /Langobarden und Marsinger zu nennen. Denn nunmehr kunten die Cherusker / ihrer Meinung nach / an denen Fingern abzählen / daß auch sie die Reyhe bald treffen würde / ihre Freyheit seiner Herschsucht aufzuopffern. Hierzu kam / daß der schlauhe und heimtückische Drusus aus Illyricum dem König Herrmann eine güldene Crone / einen helffenbeinern Stuhl und Regiments-Stab / einen Purpurmantel und dergleichen Dinge überschickte / und ihm eine solche Freundschafft[1587] antragen ließ / wodurch einer so wohl als der andere solte verbunden seyn / einerley Freunde und Feinde zu haben. Dieses letztere Erbieten nahm zwar Herrmann nicht an. Jedoch hatte diese List des Drusus die gewüntschte Würckung / indem nicht nur alle benachbarte Fürsten / sondern auch die Cherusker selbst hierüber grosse Augen aufsperreten und besorgten / daß die übermäßige Vertrauligkeit zweyer ehmahligen Feinde die gäntzliche Sclaverey des freyen Deutschlandes zum Zweck hätte. Sie wurden in diesem falschen Wahn bestärcket / als allenthalben nicht ohne Grund verlautete / daß zu Augusta in Vindelicien auf Drusus Befehl Herrmanns Bildniß aus Ertz gegossen würde / zu welchem Ende Vellejus Paterculus den König abmahlen lassen und den Entwurff dahin senden müssen. Und welches das ärgste / solte in den Fuß des Ehren-Gedächtnüsses diese Schrifft gesetzet werden:


Der deutsche König

Herrmann

ein Freund der Römer.


Dieses ward nicht anders aufgenommen / als wenn Herrmann selbst ein solches Denckmahl verlangte /oder als wenn der Nahme eines deutschen Königs eben so viel zu sagen hätte / als dieser: Der König derer Deutschen. So verdroß es auch die Cherusker nicht wenig / als Herrmann seine beyden Kinder zu sich nach Boviasmum hohlen ließ / umb desto füglicher auf dero Erziehung nach seiner Gewonheit acht zu geben / weil er beschlossen hatte / auf der Vestung daselbst / (die man nunmehr Herrmannsburg nennete /) biß zu Anfang des Winters zu verharren / damit er durch seine Gegenwart die neuen Unterthanen umb so viel besser im Gehorsam erhalten / zugleich auch der fruchtbaren Marckmännischen Gegend zu seiner Ergetzung desto länger geniessen möchte. Man sahe dieses zu Teutschburg als eine blosse Verachtung an und redete ungescheut in allerley Gesellschafften / daß /nachdem Herrmann einen Königlichen Sitz bekommen hätte / rechnete er sichs zur Schmach / einen hertzoglichen fernerweit zu bewohnen.

Mittlerzeit erhielte Graf Styrum / der Cheruskische Stadthalter zu Teutschburg / Brieffe von dem vornehmsten Staats-Bedienten / dem Grafen von Nassau / darinnen sich dieser wunderte / warumb die Cherusker die gebührende Freude über ihres Hertzogs erlangten Königlichen Hoheit durch kein Ritter- oder Schau-Spiel / (so viel man wüste /) bezeiget hätten. Hingegen rühmte er den Eyfer derer Marckmänner /Semnoner / Langobarden und Marsinger / die sich umb die Wette bemüheten / ihrem neuen König ungemeine Ehre zu erweisen: Uberschickte ihm auch eine Beschreibung aller zu Boviasmum angestelleten Lustbarkeiten; wobey er zugleich eine ausführliche Nachricht von dem Singespiel / in welchem Hertzog Jubil zum Hermundurischen König war erkläret worden /wegen seiner artigen Erfindung zu legen / vor gut befunden hatte.

Graf Styrum zeigte alles dieses aus keiner bösen Meinung etlichen vornehmen Cheruskischen Rittern /die er zu sich auf eine Abend-Mahlzeit hatte erbitten lassen / und begehrte ihre Meynung zu wissen / auf was Art auch sie ein sinnreiches und prächtiges Denckmahl ihrer unterthänigsten Zuneigung gegen dero Durchlauchtigsten Hertzog stifften wolten / ob solches durch eine Ehrenseule / oder Ritterspiel / oder ansehnliches Geschenck geschehen solte. Denn daß es / auf was Art es auch wäre / geschehen müste / zweiffelte er nicht / weil sie andern Völckern hierinnen nicht würden weichen / vielmehr iederman hierdurch kund thun wollen / wie weit sich ihr Nachsinnen und Reichthum erstreckte.[1588] Es würde auf diesen Vortrag nichts sonderliches geantwortet / weil die Vornehmsten alsobald umb Bedenckzeit biß folgenden Abend baten. Sie waren aber kaum von dem Grafen weg / als sie alle unter einander sagten: Nun sähe man deutlich / was man bißher befürchtet. Was Herrmann verlange / das lasse er durch seinen Liebling fordern. Dieser begehre eine Freuden-Bezeigung; jedoch damit man wissen möchte / worinnen sie bestehen solle / wäre das Muster dem Brieffe beygelegt / umb daraus zu erlernen / daß die Cherusker sich eben so gegen ihren Hertzog / wie die Hermundurer gegen Jubiln / bezeigen müsten / wolten sie anders ihm einen recht gefälligen Dienst erweisen.

Hierauf giengen die Rathschläge wunderlich durch einander; doch lieffen sie endlich alle da hinaus / daß man Ingviomern zum Cheruskischen Hertzog machen solte / daferne er denen Cheruskern die Oberstelle unter allen ihm ergebenen Völckern einräumen wolte. Zwey Ritter wurden deßwegen an ihn abgeordnet. Die andern bemüheten sich inzwischen unter der Hand /die Gemüther ihrer andern Landes-Leute gleichfalls von Herrmannen abwendig zu machen / welches bey vielen angieng; Denn gleichwie ein Jähnender viel kan zu jähnen machen / daß sie selber nicht wissen /wie ihnen geschicht: Also verhielt sichs mit denen Cheruskern. Indem etliche Maul und Augen aufsperrten / und täglich auf ihren neuen Hertzog warteten /thaten es viel hundert / ja tausend andere ihnen nach. Unterdessen hatten die neulichen Gäste des Grafens Styrum ihm / ihren Versprechen nach / zu wissen gemacht / daß sie auf einen kostbaren Aufzug bedacht wären / zu dessen Anstalt aber sechs Wochen erfordert würden. Jedweder Graf solte sich mit einer absonderlichen ritterlichen Gesellschafft versehen und ein gewiß Volck in der Welt durch die Kleidung und Waffen vorstellen; alle Hauffen aber solten zuletzt einmüthig ausruffen: Herrmann sey würdig / daß alle Völcker in der Welt ihn zu ihrem Haupt erwehleten. Hierbey solte es an allerley Sinnbildern / Gesängen und dergleichen Dingen nicht mangeln. Und hoffte man / der Statthalter selbst würde sichs nicht verdrießen lassen / eine eigene Gesellschafft aus seinen Freunden und Ergebenen auszulesen und ihrer unterthänigen Freudens-Bezeigung durch seine Gegenwart ein desto grösser Ansehn geben.

Styrum war damit zu frieden und hätte sich nimmermehr von denen sonst so ehrlichen Cheruskern träumen lassen / daß / da sie ein weisses Pferd / als ein Merckmahl ihrer tapffern Großmuth und ungefärbten Redligkeit von Alters her im Wapen gehabt /sie nunmehr das Trojanische von rechtswegen hierzu gebrauchen solten / zum Zeichen / was für schändliche Arglist sie im Schilde führeten. Jedoch wie war es möglich / daß ihm nicht zum wenigsten ein halbgebrochener Wiederschall von denen heimtückischen Reden des murrenden Volckes solte zu Ohren gekommen seyn. Er merckte dannenhero wohl / daß ein grosser Sturm zu befahren wäre / weil man schon halb und halb das Toben der rasenden Winde vernehmen könte / doch wuste er nicht / daß Ingviomer der Aeolus wäre / der dieses Unwesen angerichtet hatte / erkante aber gleichwohl für höchstnöthig / daß Herrmann sich ohne Verzug wieder einfände und durch sein Ansehen die unruhigen Köpffe eben so leicht beruhigte / als Neptun bey des Aeneas Schiffahrt die Winde soll gestillet haben. Diese seine Gedancken schrieb er an den König / der denn nicht ermangelte / mit einem Gefolge von tausend Personen sich in das Cheruskische Hertzogthum wieder zu erheben. Ehe er aber anlangete / war Ingviomer mit zwey hundert Mann durch das Angrivarische Gebiet schon daselbst angekommen und hatte einen so grossen Zulauff von denen Aufrührern / daß man nicht wuste / ob er selbige / wie die Rattenfänger[1589] das Ungeziefer / zusammen bannen könte. Es folgten ihm nach und nach mehr Bructerische Hülffs-Völcker und nicht wenig Catten lieffen ihm zu / weil ihre Landes-Herrschafft ihnen solches weder erlaubete / noch verbote. Ingviomer brachte hiermit ein Heer von zwantzig tausend Mann zusammen / da hingegen Graf Styrum mit genauer Noth zehen oder zwölff tausend zu Herrmanns Dienst ins Feld stellen konte. Die meisten von denen Cheruskern waren zweiffelhafft / wem sie zufallen solten? Ingviomern / der ihnen güldene Berge versprach? oder Herrmannen / der ihr Erbherr war / sie bißher wohl beherschet hatte / nunmehr aber in einen ungewissen Verdacht kam / als ob er sie an ihrer Freyheit kräncken und gleichsam zu seinen Leibeigenen machen wolte? Doch hielt es fast die Helffte des Landes / so an die Weser stößt / mit Ingviomern / die andere Helffte aber / so die Elbe zur Gräntze hat / mit Herrmannen. Jedweder von beyden schickte einige Ritter an die benachbarten Höfe umb Hülffe. Allein diese verzögerten alle mit Fleiß die Ankunfft ihrer Völcker / weil sie fast des Vorsatzes waren / demjenigen beyzufallen / der das beste Glück / nicht aber dem / der die beste Sache habẽ möchte. Der eintzige Segimer stellte sich am eifrigsten an / mit seinen Chassuariern und Dulgibinern Herrmannen zu dienen. Die Langobarden und Semnoner wüntschten zwar ihrem König mit aller Macht beyzustehn; Allein die Gothonen stellten sich in solche Kriegs-Verfassung / daß man nicht wuste / ob jene oder diese dessen würden entgelten müssen. Daher durffte man keines von beyden Ländern gantz und gar von allen Volck entblössen.

Ob nun gleich aus dem Lust-Aufzug nichts worden war / wurde doch ein weit ernstlicher Spiel von denen beyden Mitbuhlern des Cheruskischen Hertzogthums nicht weit vom Hartzwald angefangen / welches zwar nur sieben Stunden ungefehr währte / aber so blutig war / daß auf Ingviomers Seiten sechs tausend Mann /auf Herrmanns vier tausend blieben. Jedoch verlohr jener endlich das Feld / weil die meisten von seinen Soldaten nicht nur ausser sich einen Feind hatten /sondern auch in sich selbst mit einem bösen und unruhigen Gewissen kämpfen musten; wiewohl es im Anfang mehr als einmahl das Ansehen hatte / als ob solches Unglück Herrmannen betreffen würde. Ingviomer sahe sich also genöthigt / in den Hartz-Wald zu flüchten und hätte beynahe das Land verlauffen /wenn nicht ein Chassuarischer Ritter in Bauers-Kleidern von Segimern zu ihm gekommen wäre. Denn dieser argwöhnische Fürst hatte nach Oswalds Abreise seine von Herrmannen ehemahls erlittene geringe Beleidigung so offt überdacht / daß sie / wie eine kleine Pille / so man im Munde lange käuet / ihm immer bitterer und bitterer schmeckte; da er hingegen wenig Verdruß davon würde empfunden haben / wenn er sie gleichsam alsbald verschlungen und durch eine großmüthige Vergessenheit verdauet hätte. So ward auch der Cheruskische Hertzog währender Zeit Marckmännischer König. Weil nun Oswalds Wahrsagung in diesem Stück so richtig zutraff / fürchtete der mißtrauische Chassuarier / daß gleichfalls alles das / was jener diesem schuld gegeben / nemlich / daß er gantz Deutschland umb seine Freyheit zu bringen trachte /wahr werden möchte. Hierzu kam endlich / daß er durch seine Kundschaffer sichere Nachricht erhielt /wie Siegmund bey König Herrmannen mit einem demüthigen Bittschreiben eingekommen wäre / er möchte ihm doch zu seiner väterlichen Erbschafft wieder verhelffen / nicht weil er es umb ihn verdient / sondern weil er die Ehre hätte / Thußneldens Bruder zu seyn; wobey er sich auch verbindlich gemacht / seine Schwester in der Welt zu suchen und nach Hause zu begleiten. Nun wurde zwar nicht gemeldet / daß der Feldherr solche Bitte und Erbieten angenommen.[1590] Jedoch befahrete es Segimer und ward dadurch so verhärtet in seinem Groll gegen ihn / daß er den Ingviomer in seinem bösen Vorhaben mehr als einmahl durch unterschiedene Brieffe stärckte und also auch dießmahl mündlich versichern ließ / er würde sich übermorgen unter Freundes Nahmen in Herrmanns Lager mit einer ansehnlichen Kriegsmacht einstellen /doch aber auf eine merckwürdige Art zeigen / wessen Freund oder Feind er wäre. Er funde sich auch auf die gesetzte Zeit mit zwölff tausend Mann bey König Herrmann ein / dem seine Ankunfft wohl recht lieb war / weil er durch ihn das Wespen-Nest vollends zu zerstören gedachte / das sich an seinen Hartzwald angeleget hatte. Er empfieng ihn mit grosser Höffligkeit und wurde mit grösserer Ehrerbietung von Segimern angeredet und versichert / daß er fast alle seine streitbare Unterthanen anher geführet / umb seine Danckbarkeit / vor die am Teutschburgischen Reichs-Tage genossene Wohlthat / im Werck einiger massen zu erweisen / nachdem er biß daher wenig Worte davon gemacht / und seinem Wohlthäter zum besten lieber reiffe Früchte / als etwa nur rauschende Blätter / tragen wollen. Sie speiseten hierauf in einem Gezelt /und lebten so vergnügt / als wenn dieses schon die Triumph-Mahlzeit wäre / die Herrmann wegen des gäntzlich-überwundenen Ingviomers ausrichten müste. Doch wurde beydes denen Cheruskern und Chassuariern angesagt / des nächsten Tages den verzagten Feind in seinen Schlupfflöchern aufzusuchen und zugleich dem Kriege ein Loch zu machen. Ingviomer aber erwartete dieser Zeit nicht / sondern führte noch in der Mitternacht zuvor denjenigen Anschlag /den der ehrvergessene Segimer selbst ihm unter den Fuß gegeben hatte / folgender massen aus. Er fiel mit allen seinen funfzehen tausend Mann durch einen mit Chassuariern besetzten Ort ins Lager und kam / weil alle Unterthanen des tückischen Segimers sich auf seine Seite schlugen / ohne sonderliche Mühe mitten auf den grossen Platz / auf welchem Herrmanns und Segimers Schlaff-Gezelte neben einander stunden und von fünff hundert Cheruskern und Langobarden / und eben so viel Dulgibinern und Chassuariern bewacht wurden. Segimer ließ sich auf dieses Getümmel alsbald gantz gewaffnet sehen / weil er sich eine halbe Stund zuvor schon hierzu fertig gehalten hatte. Herrmann aber kam nur mit Helm / Schwerdt und Schild hervorgesprungen und wolte Anordnung zur Gegenwehr thun. Allein die grosse Unordnung / da seine Leute weder Freund noch Feind unterscheiden kunten / machte / daß alle Anordnung vergeblich war. Herrmann gedachte nun alsobald / es würde Asblastens Wahrsagung diese Nacht eintreffen / und er sein Leben durch Verrätherey verlieren / weil keine redliche Gewalt ihm etwas anhaben konte. Er rieff demnach: Heran! heran! ihr Verräther! Hiermit aber stieß ihn Segimer / der sich bißher noch vor Freund erkläret und die Schuld des Aufflauffs auf die ungetreuen Cherusker geschoben hatte / durch den lincken Arm / ob er wohl die Brust zu treffen willens war. Der König hingegen gab dem Meuchelmörder / weil er sich am Oberleibe allenthalben verpantzert hatte / eine tieffe Wunde in das dicke Fleisch oberhalb dem rechten Knie / ward aber in dem Augenblick von so viel Fein den umbringet / daß er / nachdem seine getreuen Grafen / Nassau / Styrum / Qverfurt / Waldeck / Tecklenburg und noch zwanzig oder dreißig andere mit ihren Leichen einen rechten Wall ümb ihn gemacht hatten /gefangen und Inguiomern zugeführet wurde. Er redete den Uberwinder also an: Inguiomer! thue mit mir /was dir beliebt; Erinnere dich aber / daß mein heutiger Unfall vielleicht ein Vorbild deines künftigen sey. Der Herzog gab ihm keine Antwort / sondern nur seinen Dienern Befehl /[1591] den Gefangenen fleißig zu verbinden. Inmittelst gienge es Herrmanns Heer / wie einem Cörper / dem das Haupt abgeschlagen worden /dessen Lebensgeister sich ein wenig noch regen / und bald darnach ersterben. Denn also erstarb auch aller Geist und Muth in denen vor drey Tagen so tapffern Soldaten / daß sich einer hier / der andere dorthin verlohre; doch warff sich der hartverwundete Graf Mansfeld mit ungefehr hundert Mann ins Deutschburgische Schloß / des festen Vorsatzes / solches Herrmanns Kindern zum besten / biß auf den letzten Blutstropffen zu verthädigen / weil er verhoffte / daß in wenig Tagen die versprochene Beyhülffe derer Semnoner und Langobarden ankommen würde. Folgenden Morgen langete die Hertzogin Adelgund in einer Senffte mit vier tausend Bructerischen streitbahren Weibern an / ruhete eine Nacht aus und / ob sie wohl hochschwangern Leibes war / gieng sie dennoch nebenst ihrem Gemahl mit vor Teutschburg / allwo man aber grössern Widerstand fand / als man vermuthet hatte. Allein Inguiomer ließ den gefangenen König auf eine von ausgestochenen Rasen erbauete Höhe führen /und dem Schloß-Hauptmann / dem Grafen von Mannsfeld / andeuten / entweder die Vestung alsbald aufzugeben / oder Herrmanns Enthauptung unfehlbahr zu erwarten. Dieser muste demnach dem Feind die Schlüssel überbringen und inzwischen vier tausend Bructerer durch das eine Thor einziehen lassen / welchen denn Inguiomer / Adelgund / Segimer und ihre vornehmsten Bedienten folgten. Herrmann ward in ein tieffes / doch reinliches Gefängnüß gelegt und hierdurch zu seinem Tode sich zu schicken veranlasset. Bey Segimern hingegen schlug der kalte Brand zu seiner Wunde / weil er dieselbe nicht groß geachtet /sondern durch die starcke Bewegung und den unmäßigen Trunck bey dem angestellten Siegesmahl / dermassen gefährlich entzündet hatte / daß alle Aertzte für nöthig befunden / ihm den Schenckel abzulösen. Er wegerte sich aber dieses einzugehen / weil er befürchtete / daß das Geblüt durch seinen gantzen Leib schon angesteckt wäre / so daß der brennende Holtzhauffen das beste Mittel vor seinen kalten Brand seyn würde. In Betrachtung dessen wolte er sich umb einer ungewissen Rettung keine gewisse Marter auf den Halß laden. Hingegen muste der neue Cheruskische Hertzog in Gegenwart vieler Chassuarischen und Bructerischen Grafen und Ritter vor Segimers Bette versprechen / daß wenn dieser allenfalls an dem Leibesschaden stürbe / den er Inguiomern zu Dienst empfangen hätte / sollte Herrmann dessen entgelten und ihm in die unterirrdische Welt nachgeschickt werden. Mittlerzeit lieff Nachricht ein / daß etwan sechs tausend Langobarden und vier tausend Semnoner ihrem König zu helffen im Anzug wären / weßwegen denn dreißig tausend Cherusker / Chassuarier / Dulgibiner und Bructerer ihnen entgegen geschickt wurden. Allein weil das Geschrey auskam / Herrmann wäre bereits niedergehauen / über dieses auch eine so grosse Macht die Grentzen besetzt hielt / erkanten die Semnoner und Langobarden es vor unvernünfftig /sich ohne Noth den Kopff zu zerstossen; zogen dannenhero in unsäglicher Bekümmerniß nach Hause /umb daselbst sich zu verstärcken und die Rache alsdenn desto nachdrücklicher vor die Hand zu nehmen. Die Bructerer und Cherusker blieben an der Elbe liegen. Die Chassuarier und Dulgibiner aber kehreten wieder nach Teutschburg / weil ihnen das Hertz sagte / daß sie ihren Segimer zum letzten mahl würden gesehen haben. Diese ihre Furcht war nicht vergebens. Denn da sie den Weg biß auf eine viertel Meile ungefehr zurück geleget hatten / starb er in Inguiomers Armen unter unleidlichen / doch wohlverdienten Schmertzen / nachdem er diesen nochmahls beschworen hatte / seinem Sohn[1592] Sesitach zu seiner Erbschafft /seinem Feind Hermannen aber vom Leben zu helffen. Dieß hatte er nun von seiner gifftigen Rache / womit er eine ziemliche Zeit war schwanger gegangen und die er auf eine so verrätherische Art ans Tagelicht brachte / dabey aber einer Natter gleich wurde / die wenn sie ihrer Brut das Leben giebt / es selbst nothwendig verlieren muß. Er ward hierauf abgewaschen und seinen Völckern überliefert / ihn nach seinem Hertzogthum abzuführen und auf Fürstliche Art daselbst zu verbrennen. Allein sie zogen sich zusammen in Ordnung und wegerten sich ehe von dar zu weichen / biß sie gesehen hätten / daß man den gefangenen Herrmann ihres verstorbenen Hertzogs Geiste zum Rachopffer abgeschlachtet hätte. Inguiomer gieng nicht allzugern dran / weil seine tugendhaffte Gemahlin / die gleich damahls in Kindesnöthen arbeitete /ihm mit vielen Worten und Thränen riethe / sich hierinnen nicht zu übereilen. Als aber die Dulgibiner /Chassuarier / ja die Bructerer selbst / mit unterschiedenen gefährlichen Reden sich verlauten liessen: Wofern er sein Fürstlich Wort bräche / das er einem so hochverdienten Bundsgenossen zum Trost wegen dessen tödtlichen Verwundung gegeben hätte / wolten sie aus seinem Exempel lernen / wie man auch die Treu zu halten unverbunden wäre / wozu sonst Hülffsvölcker und Unterthanen verpflichtet sind. Dieß setzte den Hertzog in grosse Unruh / und weil er sich in einen neuen Krieg zu verwickeln nicht Lust hatte / sagte er endlich in Beyseyn einer grossen Menge / so wohl von seinen / als Segimers gewesenen Bedienten: Arnheim! Ihr wißt / was ich gesprochen. Geht dannenhero ins Gefängniß und lasset dem König das Haupt abschlagen / steckt es auf einen langen Spieß und stellet diesen auf den höchsten Thurm des Schlosses / damit es von jederman könne gesehen werden. Gebet aber ja nicht zu / daß dem übrigen Leichnam einige Beschimpfung wiederfahre / vielmehr beerdiget ihn / wie sichs gebühret / weil ich nur gegen solche Feinde Gewalt gebrauchen lasse / die fähig sind die Ruhe des Landes zu zerstören. Denn mit Schatten zu kämpfen ist kindisch / wider Todte zu wüten ist viehisch und unvernünfftig.

Arnheim kame dem Willen seines Hertzogs völlig nach / und machte damit eine grosse Freude bey denen wegziehenden Chassuariern und Dulgibinern / ein noch grösser Schrecken aber bey denen abtrünnigen Cheruskern / welche erst gedachten / wie greulich ihre Unthat wäre / nachdem sie dieselbe schon vollbracht hatten. Allermassen / so offt sie den stummen Todtenkopff ansahen / sie sich düncken liessen / als ob er ihnen gantz gewiß ihr instehendes Verderben ankündigte / gleichwie etwan die alten Mesopotamier den Aberglauben hatten / daß sie von denen Häuptern der geopfferten erstgebohrnen Söhne / welche sie Teraphim nennten / ihr zukünfftiges Glück und Unglück erfahren könten. Der blutige Cörper wurde unterdessen in seinem gold- und rothdurchwirckten Rock / mit welchem Herrmann in der Schlacht war bekleidet gewesen / unter der Begleitung etlicher tausend Cherusker und Bructerer sechs hundert Schritt ungefehr vom Schloß getragen / und daselbst auf einen Holtzstoß geleget. Man schlachtete auch das Pferd / dessen sich der König das letzte mahl gebraucht hatte / und warf es / nebenst Herrmanns Helm / Schild / Schwerd und Pantzer auf eben diesen Scheiterhauffen / welcher so fort an acht Orten zugleich angezündet ward. Nachdem alles verbrand war / samlete man die Gebeine nebenst der zunächstliegenden Asche / thate sie in ein marmorsteinernes Gefäß und verscharrte es in die Erde / über welche eine Spitzseule von grünen Rasen zehn Ellen hoch gebauet wurde. Viel tausend unter denen Cheruskern betauerten / daß der grosse Herrmann so eines gewaltsamen Todes sterben müssen /nachdem er nicht mehr / als sieben und dreißig[1593] Jahr in der Welt und zwölff im Regiment erlebet hätte. Noch mehr aber jammerte es sie / daß ein so hochverdienter Held keines prächtigen Begräbnüsses gewürdigt würde / weil Ingviomer weder Ritterspiele / noch Lobgesänge derer Barden dabey verstatten wollen. Je doch funde sich iemand / der nachfolgende Schrifft in eine höltzerne Tafel schnitte und / zwey Nächte hernach / oben an die Spitze des Rasen-Hauffens anhefftete:


Glaube nicht /

Leser /

daß der grosse Herrmann

in dem hier eingescharrten engen Topff

zu finden sey.

Er hat sich durch seine Tugend unsterblich gemacht:

und da er ein Behältnüß

nach seinem Tode brauchen solte /

ist nichts hierzu fähig /

als

das Gedächtnüß der gantzen Welt.


So faßte auch der grundgelehrte Barde Holenstein den Vorsatz / das ruhmwürdige Leben des grossen Herrmanns / der späten Nachwelt zum besten / mit dem grösten Fleiß zu beschreiben und hierdurch ein solches Denckmahl zu stifften / wodurch nicht nur dieser unvergleichliche Held / sondern auch er selbst /nach dem Tode unsterblich werden könte. Ja / welches das wunderbahrste war / so muste Rom / nachdem es Herrmañs Absterben erfuhr / diejenigen Tugenden an ihm in öffentlichen Schrifften rühmen / vor denen es bey seinem Leben sich gefürchtet hatte. Allermassen sonderlich der Welt-kluge Atticus in seinen Jahr-Büchern ihm dieses höchst-verdiente Lob gab: Herrmañ war ohne Zweiffel Deutschlands Erretter / der nicht das Römische Volck in seinem ersten Alter / wie andere Könige und Hertzoge ehemahls gethan; sondern das zu seiner grösten Vollkommenheit gelangete Käyserthum angetastet und in Feldschlachten zwar bißweilen zweiffelhafftig Glück gehabt / doch niemahls durch einen Krieg das geringste verlohren hat.

Unterdessen ward Ingviomern zu wissen gethan /daß eine höltzerne Tafel bey Herrmanns Grabe aufgehängt wäre. Er ließ demnach durch den Ritter Stochow selbige abreissen und sich vorlesen / worauf er anfänglich etwas stutzte / endlich aber keiner Gemahlin ins Ohr sagte: Der Verfasser dieser Schrifft weiß entweder mehr / als er schreibt / oder schreibt mehr /als er weiß. Doch hoffe ich / dieses letztere wird wohl das gewisseste seyn. Er befahl hiernächst Arnheimen /instehende Nacht den Todten-Kopff vom Schloßthurm zu nehmen / und im nächstens Walde zu verbrennen /die Asche auch daselbst in aller Stille beyzusetzen. Inmittelst trieb ihn sein unruhiger Geist / dasjenige /was ihm vor etlichen Jahren mißglücket war / noch einmahl zu versuchen / nemlich das Land der Marsen einzunehmen / welches an das Bructerische Hertzogthum anstieß und ihm deßwegen vortrefflich[1594] angestanden wäre / sonst aber den abwesenden Malovend vor seinen Herrn erkennete. Allein hierdurch verschüttete er des mächtigen Arpus bißherige Gunst; also daß derselbe nicht nur die Bructerer aus dem Gebiet seines künfftigen Schwieger-Sohns hinaus schlug / sondern auch den Inguiomer mit seiner Todtfeindschafft und einem unvermeidlichen Krieg bedräuen ließ / wo er iemahls wieder einen Gedancken fassen würde / die Marsen zu beunruhigen. So kamen auch alle seine Abgesandten nicht gar sehr vergnügt von denen Sicambrischen / Chaucischen / und Frisischen Höffen wieder zurück / allwo sie den über Herrmannen erhaltenen Sieg kund gemachet und nachtbarliche Freundschafft und Bündnüsse gesuchet hatten. Denn kein redlicher deutscher Fürst wolte das recht sprechen / daß er sich an dem allgemeinen Feld-Herrn vergriffen. Der Sicambrische Hertzog Melo versagte dem an ihn abgesandten Ritter Milissow die Verhör gantz und gar / es wäre denn / daß dessen Herr seine Unterfahung vor einer künfftigen Reichs-Versammlung gnugsam rechtfertigte. Hertzog Sesitach erbte zwar seines Vaters Lande / aber nicht dessen boßhafftes Gemüth / bedanckte sich demnach / als Inguiomer sich erbot / ihn wider Siegmunden bey seiner Erbschafft zu schützen / und wandte vor / daß er durch sein Recht sich wider alle Gewalt zu verthädigen verhoffte / jedem aber / der besser Recht / als er / dazu hätte / ohne Wegerung weichen wolte. Es ward hierüber dem Inguiomer nicht wohl zu muthe und fürchtete er / daß der Cheruskische weisse Hengst dem purpurrothen Wunderpferd des Cnäus Sejus ähnlich seyn möchte. Denn dieses hatte an Grösse / Stärcke und Farbe seines gleichen nicht / dabey aber die seltzame Eigenschafft / daß alle seine Besitzer elendiglich sterben und verderben musten; gestalt nicht nur gedachter Sejus / sondern auch nach ihm Cornelius Dolabella /Cajus Caßius und Marcus Antonius zu ihrem grossen Schaden erfahren haben. Ebenermassen dünckte Inguiomern / daß das schöne und herrliche Cheruskische Land ihn in ja so grosses Unglück stürtzen könte / als etwa dessen vorigen Herrn / dem König Herrmann / wiederfahren wäre.

Es traff auch diese seine Sorge mit dem Erfolg der Sachen gnugsam ein; alldieweil Deutschland kaum acht Wochen Herrmanns Todt beklaget hatte / als ein sehr mächtiges Heer von ungefehr funffzig tausend Mann aus Langobarden über die Elbe setzte und ins Cherusker-Land einbrach / da denn die Grentzwacht so wenig selbiges / als etwa den starcken Elb-Strom /aufhalten und hemmen konte. So bald nun Inguiomer diese unglückliche Zeitung von zehen oder zwantzig Flüchtigen erhielt / nahm er von seiner Gemahlin schwermüthigen Abschied / befahl ihr und dem Ritter Arnheim die Auffsicht über Teutschburg / welches er mit zwey tausend Cheruskern und vier tausend Bructerischen Weibern besetzte. Er selbst aber eilete mit einer Kriegs-Macht von zwantzig tausend Mann dem Feind entgegen / theils / weil er nicht eigentlich wuste / daß derselbe so starck wäre / theils / weil er sich auf seine Adelgund verließ / von welcher er auf den Fall der höchsten Noth eine gewisse Hülffe erwartete. Er hatte ungefehr fünff Meilen hinter sich gelegt / als sechs tausend Hermundurer unvermuthet auf ihn stiessen / jedoch nach einer kurtzen Gegenwehr mit blutigen Köpffen zurück gewiesen wurden. Weil aber ein anderer Hauffen von vier tausend Marckmännern diesen unterwegens begegnete / und Versicherung gab /daß noch drey tausend Langobarden ihnen auf dem Fusse nachfolgeten / ungeachtet man noch nicht gewust / daß Inguiomer sich aus Teutschburg herausgewaget / kehreten sie wieder umb mit ihrem Losungs-Worte: Rache! Rache! Die Bructerer antworteten mit dem ihrigen: Freyheit![1595] Freyheit! Inguiomer hatte eine Schildwache auf eine hohe Eiche gestellet / die Anzahl des feindlichen Heers zu überschlagen. Weil diese nun selbiges auf acht biß zehn tausend Mann schätzete / gieng der Streit an / bey welchem sich die Hermundurer / Langobarden und Marckmänner mit Fleiß verzagt anstelleten / biß daß ein Entsatz von zehen tausend Semnonern und Marsingern ankam /auch etliche tausend Cherusker von dem Bructerischen Hertzog zu ihnen übergiengen. Da wurde der Kampff allenthalben so hitzig / daß Herrmanns Geiste zu Ehren etliche tausend Schlacht-Opffer unter der ungeweyhten Priester Händen das Leben einbüsseten. Indessen langeten in drey grossen Schaaren die übrigen sieben und zwantzig tausend Mann an / und fielen mit solcher Wuth und Eifer in die Bructerer / daß sie in die Länge nicht mehr widerstehen konten / sondern die völlige Flucht zu nehmen gezwungen wurden. Ingviomer befand unmöglich / bey so gestalten Sachen das Feld zu erhalten; daher wolte er durch die Flucht sich auf eine bessere Rache sparen. Allein Haugwitz / Dölau und Nostitz warẽ ihm allzu geschwind auf dem Halse / daß er sich wenden und wehrẽ muste. Aber er ward von noch mehrern umringet / von denẽ seinigen hingegen gäntzlich verlassen und also endlich durch den dazu kommenden Graf Polheim gefangen genommen. Bald darnach führete ihn der letzt benennte in ein grosses Gezelt / allwo er zu seiner höchsten Bestürtzung auf einer Seiten die Königinnen Thußnelda und Erato / wie auch die Fürstinnen Rhamis und Catta / auf der andern den König Jubil / die Hertzoge Flavius / Siegmund und Malovend sitzen sah. Flavius wolte gleich dem Gefangenen sein Verbrechen und Urtheil vorhalten. Aber der Schmertz ware bey Thußnelden so groß / daß sie ihm zuvor kam und durch folgende Worte sich Lufft zum Hertzen machte: Kommst du / verdammter Bluthund! du ungewissenhaffter Friedens-Störer und Schandfleck aller deutschen Fürsten? Ingviomer wolte dergleichen Vorwurff nicht leiden und sagte: Durchlauchtigste Thußnelda! gehet mit mir umb / nichts als mit einem Mörder / oder gemeinen Soldaten / sondern als mit einem Fürsten / der euch vor alles angethane Unrecht gebührende Gnugthuung geben wird. Gnugthuung? (fragte die Königin;) Ja wohl werde ich dieselbe fordern und dich bey dem Grabmahl meines allerliebsten Gemahls / seinem Geist zur Versöhnung / hinrichten lassen. Aber ach! damit bekomme ich meinen Herrmann nicht wieder. Zwar die Todes-Nacht kan ihm ja so wenig den Glantz benehmen / als eine so genannte Sonnen-Finsternüß den Sonnen-Cörper verdunckeln. Ich / ich / die ich gleich einem Mond von seinem Liecht alle mein Ansehen hatte / werde nur verdüstert und der gantzen Welt zum Schreckbild vor Augen gestellet. Sey aber versichert / Ingviomer /daß mein trauriger Anblick nichts anders / als deinen Untergang und Verderben / bedeute. Der Hertzog forderte einen Stuhl / allein Flavius antwortete: Er solte seine Entschuldigung stehend vorbringen / wo er anders eine hätte. Thußnelda setzte hinzu: Wo solte die Entschuldigung herkommen / da alle Welt weiß / wie verrätherisch er die Cherusker wider ihren Erbherrn aufgewiegelt / auch dadurch so viel unschuldig Blut seiner verfluchtẽ Herrschsucht aufgeopffert. Und ach! wie kan er den an meinem allertheuersten Gemahl vollbrachten Mord leugnen oder beschönen / nachdem (leider!) iedermann dessen abgehauenes Häupt öffentlich zu sein und meiner Schmach auf dem Spiesse stecken gesehen? Ja: ist nicht der Rasenhauffen / darunter man den Aschen-Topf beygesetzt / ein stummer / doch unverwerflicher Zeuge seines höchststrafbahrẽ Frevels! Weil nun Ingviomer sich durchaus nicht verantworten wolte / daferne man ihm nicht zu sitzen vergönnete / ward das schon zuvor abgefassete Urtheil[1596] ihm kund gemacht / daß er auf morgenden Tag /an welchem man der Asche des unschuldigertödteten unvergleichlichen Herrmanns die letzte Ehre zu thun entschlossen wäre / sich zu seinem wohlverdienten Tode gefaßt halten solte. Ingviomer veränderte nicht im geringsten seine Farbe / sondern sprach mit lauter Sti e: Man will mich nicht hören auf eine mir anständige Weise. Ich muß es geschehen lassen. Aber ich schwere / daß wo mir nicht anders begegnet wird /meine Gemahlin sich auf eine so grausame Art rächen soll / daß ihr alle werdet gestehen müssen / mein Tod habe euch / oder doch dem / was euch lieb ist / mehr Schaden gebracht / als mein Leben hätte thun können. Doch will ich hiervon nicht ehe klärer reden / biß es die Nothwendigkeit erfordern wird. Flavius fiel ihm in die Rede: Wie lange soll das thörichte Prahlen währen? Graf Polheim! laßt den Verräther fortführen; weil er nicht mehr werth ist / einen Fürsten anzusehen. Inmittelst wurden zwantzig tausend Mann befehlicht /nach gehaltener Plünderung voran zu gehn und ein weites Lager umb Herrmanns Grabmahl abzustechen / die Spitzsäule nieder zu reissen und hingegen viel tausend Stück frische Erde zu graben / damit folgendes Tages eine desto höhere hiervon könte aufgebauet werden. Die Barden musten sich zu Lobgesängen /die Druiden zur Aufopfferung des Ingviomers / der Adel zum Rennen und Kämpffen zu Roß und zu Fuß /bereit machen. Die Nacht drauf war zwar wegen der Jahres-Zeit eine von denen längsten: doch dünckte sie Thußnelden gar unendlich zu seyn / weil sie mit der grösten Ungedult sich nach der Stunde sehnete / in welcher sie ihres Allerliebsten Asche mit ihren Thränen zu benetzen verhofte. Wiewol sie in sich selbst überaus zweiffelhafft war / ob sie sich bey dem Grab an einen Baum hencken und mit ihrem Tode ihre eheliche Treu versiegeln solte: massen so wohl der vorlängst schon eingerissene Landes-Gebrauch / als auch ihr hefftiger Kummer dazu riethen / hingegen die gesunde Vernunft und der von ihrem Gemahl ehemahls empfangene ausdrückliche Befehl sie davon zurücke hielten. Der so sehr gewüntschte Tag brach endlich an / worauf das übrige gantze Heer in der Morgendämmerung zum Begräbnüß fortzog / und weil es der Kälte wohl gewohnet war / auch weder Nebel noch Schnee sich hindern ließ / langete es gegen Mittag schon bey der Grabstätte an. Unterwegens hatte sich der Ritter Stochow / als ein Abgeordneter von der Hertzogin Adelgund / angemeldet und gebeten / mit Ingviomers Abschlachtung sich nicht zu übereilen /sondern biß folgenden Tag zu warten / an welchem sie ihr Kindbett verlassen und Thußnelden persönlich aufwarten / auch mit ihr einen solchen Vergleich treffen wolte / der ihnen allerseits zu sonderbahrer Vergnügung gereichen würde. Aber weder bitten noch dräuen halff etwas; Vielmehr ward dem Stochow angesagt / daß wenn er oder ein anderer mit dergleichen Anbringen wieder käme / würde man ihm nicht besser / als seinem Herrn / begegnen.

Als nun Thußnelde im Lager anlangete / ließ sie sich den Weg nach der Grufft / in welcher Herrmanns Gebeine ruhen solten / alsbald zeigen und floge gleichsam dahin / weil sie einer verwitweten Turteltaube nicht weniger hierinnen als im trauern / ächzen und girren ähnlich seyn wolte. So bald nun der marmorsteinerne Topff auf ihren Befehl ausgegraben war / umbfieng sie denselben eine viertel Stunde lang ungefähr / unter unzehlich Zähren / so daß es schiene /als wenn sie in einen Brunnen verwandelt würde / wie Egeria / da sie ihren Numa Pompilius beweinete. Sie muste endlich / nachdem sie dreymahl: Gehabe dich wohl / allerliebste Seele! ausgeruffen hatte / das Aschenbehältniß wieder beysetzen / und eine neue Spitzseule darüber aufführen lassen. Die unterste[1597] viereckte Stuffe daran war hundert Ellen breit und lang / das gantze Werck aber funffzig Ellen hoch. Denn obwohl die Deutschen damahls allzu grosse und kostbahre Grabmahle vor eine Eitelkeit / viel auch aus Aberglauben für eine Last der Todten hielten / so bekamen doch fürstliche oder sehr hoch umb das Vaterland verdiente Personen mehrentheils ein etwas beständiger Ehren-Gedächtnüß. Indem nun zwey tausend Mann hieran arbeiteten / brachte man den gefangenen Ingviomer zu einem zwantzig Schritt davon entferneten Rasen-Altar und ermahnete ihn / sich zum Tode fertig zu halten / so bald der Gesang würde beschlossen seyn / in welchem die Barden so wol Herrmañs Helden-Thaten rühmen / als auch sein frühzeitig Ende beklagen und dem abgeschiedenen Geist das Blut des zum Tode verurtheilten Feindes zum Rachopffer antragen solten. Jederman hörte nun mit möglichster Aufmercksamkeit diesen vier und zwantzig Sängern zu / die mit kläglichem Thon folgender massen sich hören liessen:


Ihr Augen! lasset Blut an statt der Thrånen rinnen:

Denn Herrmanns blutig End' ist solches Opffers werth.

Soll euch der blasse Neid den Vorzug abgewinnen /

Der Herrmanns Tugenden / obgleich unwillig / ehrt?

Er schåmt sich ja nunmehr / nach dessen Schmach zu trachten

Der beydes Låsterung und Ruhm

Mit seinem Glůck / Verstand und Thaten ůberstiegen.

Er muß fußfållig hier vor dieser Asche liegen

Und willig seyn / sein eintzig Eigenthum

(Die schn \de Schlangenbrut) zum Opffer abzuschlachten.


Der Feldherr stammete von zw \lff berůhmten Helden /

Davon ein jeder auch der Deutschen Feldherr hieß:

Doch wird man mehr von ihm bey spåter Nachwelt melden /

Weil aller Zw \lffe Bild sich in ihm sehen ließ.

Denn der zw \lff Ahnen Thun kont' einem Krayße gleichen /

Der in zw \lff Håuser abgetheilt;

Durch den hat er den Lauff nach Sonnen-Art vollfůhret /

Da er gleich so viel Jahr die deutsche Welt regieret.

Er hat nicht lang' im Erd-Kråyß sich verweilt

Und muß nun seinen Zweck im Himmels-Kråyß erreichen.


Schweigt von Andromeden und Perseus / o ihr Griechen!

Schweigt von dem Ungeheur / das sie zu fressen dråut.

Vor der Geschichte muß die Fabel sich verkriechen /

Seit Herrmañ Deutschland hat von Varus Wuth befreyt.

Wie wust' er doch den Schwamm so artig auszudrůcken /

Der ehmah's unser Schweiß und Blut

Gantz unersåttlich hatt' in sich hinein gesogen!

Baut sich ein Drusus schon Altår' und Sieges-Bogen;

Wenn unser Held nur einen Blick drauf thut /

Schlågt stracks ein Donnerstrahl die Eitelkeit in Stůcken.


Tiber ist zwar bemůht / des Varus Todt zu råchen;

Germanicus stimmt auch mit ihm im Vorsatz ein:

Doch weder List / noch Muth kan Herrmanns Kråffte schwåchen

Und weder Löwenhaut / noch Fuchsbalg schådlich seyn.

Augustus kriecht ins Grab aus Schrecken vor dem Feinde.

Tiber låßt den Germanicus

Mit unserm Herrmann sich in Deutschland abarbeiten

Vnd / wo es blitzen will / da bleibet er von weiten.

Weil aber gleich und gleich sich lieben muß /

Wird selbst des Kåysers Sohn zu Herrmanns besten Freunde.


Rom hat zwar schon den Sieg im Sinn / doch nicht in Hånden

Indem Germanicus so pråchtig triumphirt.

Allein es m \chte nur die Augen zu uns senden /

So wůrd' es durch's Geh \r' so greulich nicht verführt.

Germanicus verdient ja wohl ein Siegs-Geprånge:

Nicht / weil er Deutschland hat besiegt;

Nein! sondern weil er sich vernůnfftig ůberwunden

Vnd mit der deutschen Welt in Frieden abgefunden.

Ihr thåtet wohl / ihr R \mer / wenn ihr schwieg't!

Des Prahlens blaue Dunst besteht nicht in die Långe.


Schaut nur den Marbob an / der vormahls euer Schrecken

Das Meisterstůck des Glůcks und Deutschlands Geissel hieß!

Diß ungezåhmte Thier macht' Herrmañ stracks zur Schnecken

Da er am Havelstrom es in sein Hauß verwieß.

Ja letzlich ward ihm auch sein Hauß und Reich zu enge /

Als der Cherusker fliegend Heer

Ihm Eulen-Flůgel gab. Da must' er vor sein Leben

Aus Danckbarkeit die Cron vor Herrmanns Haupt hergeben.

Ach! daß der Streit durch ihn zu schlichten wår /

Ob Hermann / oder Rom verdien' ein Siegs-Geprånge?


Doch wer bekůmmert sich / was Rom vom Herrmann dencke?

O Greuel / den es ietzt erstaunt von Deutschland hört!

Ach! Jammer! ach! wo ist das herrlichste Geschencke /

Womit des Himmels Huld uns jemahls hat beehrt?

Rom hat beym Romulus als W \lffin sich bezeiget /

Weil es in dessen Blut sich wåscht /

Der an der W \lffin Brust doch Nahrung finden k \nnen.

Rom! Deutschland will dir nicht der W \lffin Nahmen g \ñen?

Weil es den Durst in Herrmanns Blute lescht

Vnd den nunmehr zerreißt / den es zuvor gesåuget.


Brich / tieffster Abgrund / auf! verschlinge die Verråther!

Ihr Wolcken! ist der Blitz vor M \rder allzu gut?

Wie? oder kennet ihr noch nicht die rechten Thäter

Weil ihr an ihnen nicht / was eures Amptes / thut?[1598]

Allein ihr sehet wohl / wir sind nicht alle schuldig:

Des Vaterlandes Mutter-Hertz

Wird biß in Todt gekrånckt durch seine bösen Kinder /

Vnd ist Erbarmens wehrt. Sie aber sind die Sůnder;

Dieselben strafft und håufft nicht unsern Schmertz.

Doch kans nicht anders seyn / so sind wir auch geduldig.


Indessen / wehrter Geist! ach! laß dir doch belieben

Das Opffer / das dein Land dir zur Vers \hnung bringt.

Dein immerwåhrend Lob wird hier durch Blut beschrieben /

Das aus Ingviomers verdammten Hertzen dringt.

Die Thrånen sind zu schlecht vor einen solchen Helden /

Bey dem das Leben růhmlichst war

Vnd dessen Seel' im Todt in Sternen-Himmel steiget.

Leb' ewig! lebe wohl! was du uns hast erzeiget /

Das wollen wir / wie ietzund / jedes Jahr

Durch uns'rer Lieder Thon stets danckbarlich vermelden.


Als man das letzte Gesetz anfieng / kniete Inguiomer nieder und der oberste Druide nahm das Opffermesser in die rechte / ein silbernes Becken aber in die lincke Hand / umb mit jenem ihm die Kehle abzustechen und mit diesem das Blut aufzufangen. Allein es erhub sich gleich zu Ende des Gesanges ein grosses Geruffe von weiten / daß der hierüber erzürnete Priester sich umbsahe und fragte: wer so kühn wäre / das heilige Stillschweigen zu brechen? Er muste aber an statt der Antwort damit zu frieden seyn / daß das Geschrey immer grösser wurde: König Herrmans Geist käme / seinem Rachopffer und Begräbniß-Feyer beyzuwohnen. Es währete auch nicht lange / als der vermeynte Geist in einem grün- und gold-gewirckten Kleide nebenst drey Rittern in vollen Rennen sich einfand / alsbald aber auf dem grossen Platz vom Pferde sprang / die bey dem Grabmahl sitzende und vor Harm / Furcht und Erstaunung halbtodte Thußnelda in seine Arme mit diesen Worten schloß: Ich lebe /meine Allerwertheste! Allein er bekam keine Antwort / indem sie gantz stumm und starr ihn ansahe / so daß wenn ein Mahler den Pygmalion / der seine Helffenbeinerne Liebste umbfängt / hätte abbilden sollen /würde er hier das beste Muster der Stellung angetroffen haben. Mittlerweile traten Flavius / Jubil / Erato /Catta / Rhamis / Malovend / Siegmund / der oberste Druide und andere Grossen / herbey und fragten in der allergrösten / doch höchstglücklichen Unordnung: ob sie ihren Augen trauen solten? So erholte sich auch Thußnelda und rieffe: O Himmel! habe ich das Glück / daß mein Herrmann mich überleben kan? Und damit fiel sie ihm mit unbeschreiblicher Inbrunst umb den Halß und zugleich in eine schwere Ohnmacht / daß man in Zweiffel stund / ob sie todt oder lebendig wäre. Erato hatte zu allem Glück ein güldenes Büchslein voll Balsam von Jericho bey der Hand / und brachte sie wieder zu sich selbst. Unterdessen machten sich Herrmanns Gefährten Arnheim / Stochow und Milissow zu denen Druiden und gaben ihnen zu verstehen / sie solten Inguiomern loßlassen und Fürstlich halten / nachdem der König völlig nunmehr mit ihm ausgesöhnet sey. Diese wolten nicht trauen und befragten sich deßwegen bey Herrmannen / der denn solches bekräfftigte und dem Bructerischen Hertzog /zu Bezeugung seiner Gewogenheit / von der Erden aufhub / umbarmete und Thußnelden zuführete / die hierauf neben ihrer gantzen Gesellschafft ihn aufs höfflichste wegen des bißher-vorgegangenen umb Verzeihung bat / doch aber auch freundlich verwiese /daß er lieber aus eigensinniger Einbildung einer sonderbahren Ehre sterben / als durch rechte Entdeckung der wahren Geschichte sich frey machen wollen. Er begegnete ihr hingegen mit grosser Demuth und erwiese / daß er sich zu erniedrigen ja so willig wäre /wenn man ihm seinen freyen Willen gönnete / als gegentheils unwillig und halsstarrig / daferne man ihn hierzu mit Gewalt nöthigte. Jedoch gestunde er / daß er nur umb deß willen sich so unerschrocken zum Tode angestellt / weil er eines von diesen drey Dingen verhofft / nehmlich / daß entweder seine Gemahlin Adelgund sich ins Mittel schlagen / oder Flavius ihn noch einmahl mit besserer Bescheidenheit (an statt ihm in die Rede zu[1599] fallen) umb seine versprochene Gnugthuung befragen oder endlich er selbst im Fall der höchstẽ Noth deutlicher zu reden noch Zeit haben würde / ehe ihm der Priester die Kehle abschnitte. Sonsten aber erklärete er sich öffentlich in Gegenwart des gantzen Heers / daß er hiermit allen Anspruch auf das Cheruskische Hertzogthum fahren liesse / und die Unterthanen / die ihm bißher mit Eyd und Pflicht verbunden gewesen / an ihren rechtmäßigen Erb-Fürsten / König Herrmannen / wolle gewiesen haben. Hiernächst musten / auf Flavius und Jubils Befehl / alle anwesende Völcker ein lautes Freuden-Geschrey erschallen lassen / in gleichen einige Druiden den Altar der Erden gleich machen / hundert Soldaten aber den grossen Holtzstoß / worauf Inguiomer hatte sollen verbrant werden / abtragen. Man wolte dieses auch bey dem halb-aufgebaueten Rasen-Hauffen thun: Allein Herrmann gebot das Grabmahl zu vollführen /weil der getreue Schwanitz / der sich vor ihn in der letzten Schlacht ritterlich gewaget und auch nach dem Tode ihm das Leben erhalten hätte / wohlverdiene /daß seine Gebeine mit einem ungemeinen Denckmahl beehret würden. Graf Polheim thate endlich Anregung zum Aufbruch nach Teutschburg / wohin sich denn /weil es begunte dunckel zu werden / alle König und Fürstlichen Personen nebenst zwey tausend ihrer vornehmsten Grafen und Ritter erhoben / dahingegen alle Bructerer biß etwa auf zwey hundert Männer und so viel Weiber die Vestung verliessen und im freyen Felde auf Bären- und andern dergleichen Häuten übernachteten.

Die Durchläuchtige Gesellschafft legte nach ihrer Ankunfft ins Teutschburgische Schloß ohne Verweilung eine überaus-vergnügliche Besuchung bey der Hertzogin Adelgund ab und bezeugte ihre Freude nicht allein über der glücklichen Geburt der kleinen Velleda / sondern auch wegen des zwischen so viel hohen Häusern getroffenen höchsterwünschten Vergleichs. Eine Stunde verfloß unter solchen Höffligkeiten; worauf man von Adelgunden Abschied nehmen und zur Taffel gehen muste. Diese ward zwar in der Eyl nicht eben allzuprächtig besetzet. Jedoch würtzten der Hunger und die annehmlichen Gespräche alle Speisen dermassen / daß man weder die Phönicopter-Zungen / noch Scarus-Lebern oder Pfauen-Gehirn / davon das wollüstige Rom ein so grosses Wesen machte / dabey vermissete. Unter andern sagte König Herrmann: Wir sind heute durch Freude und Verwunderung in so grosse Unordnung gerathen / daß wir noch nicht Gelegenheit gehabt / einander unsere Begebenheiten ordentlich kund zu machen. Flavius fassete seinen Bruder bey den Worten und bate / seine Glücks- und Unglücksfälle diesen Abend zu erzehlen / versprach hingegen auf morgenden Tag eine ausführliche Nachricht von alle dem / so er zu wissen verlangen würde. Der König war alsbald willig / solchem Begehren eine Gnüge zu thun; zumahln / weil er von Thusnelden hörete / daß sie von Jubiln die Geschichten des Marbods / Gottwalds / Segesthes und Adgandesters / unterwegens die Zeit zu kürtzen und ihr Gemüth vom Kummer in etwas abzulencken /gnugsam vernommen hätten. Herrmann kam demnach alsbald auf den neulichsten Krieg mit Inguiomern und Segimern zu reden. Als er hiermit fertig war / sagte die Hertzogin Rhamis: Wie sehr mich kränckt / daß derjenige / der mir der Liebste auf Erden gewesen /etwas begangen hat / das ihn des Hasses des grossen Herrmanns schuldig macht: so höchlich erfreue ich mich / daß mein Sohn durch seine Bescheidenheit den Fehler seines Vaters ersetzet / und also der hohen Gewogenheit Eurer Königlichen Majestät mit der Zeit würdig werden dürffte. Sie zweiffeln nicht / Durchlauchtige Hertzogin / (antwortete Herrmann /) daß ich dero tugendvollkommenem[1600] Sohne zu dienen willig sey: Meine Feindschafft gegen Hertzog Segimern gehört nicht mit zu seiner Erbschafft. Ja wenn ich das Leben ihm zu geben wüste / wäre ich hierzu willig und verhoffte so viel Wohlthaten auf ihn zu häuffen /daß sein Groll wider mich darunter ersticken müste. Denn dieses halte ich vor die sicherste Art der Rache /die mir nützet und niemand schadet.

Hierauf ersuchte er Inguiomern / dasjenige vorzubringen / was nach Absterben Hertzog Segimers erfolget wäre. Weßwegen dieser sich also vernehmen ließ: Ich muß mich meiner Gemahlin höchst-verpflichtet erkennen / die durch ihr vernünfftiges Einrathen die tobende Hitze meines Herrschlüchtigen Geblüts dermassen gedämpffet und gemäßigt hat / daß kein Opffer-Messer erst demselben hat Lufft machen müssen. Wäre sie nicht König Herrmanns Schutzgeist gewesen / so dürffte ich vielleicht etwas gethan haben / das mich ewig / und doch vergeblich / gereuet hätte. Allein / da sie in schweren Kindes-Nöthen arbeitete /muste ich ihr mit einem theuren Eyd zusagen / den umb Deutschland hochverdienten Helden nicht zu tödten / sondern in dem Erdgewölbe / darinnen er verwahret wurde / so lange verbleiben zu lassen / biß er entweder durch einen natürlichen Hintritt mich überhübe / meine neue Hertzogliche Würde mit unschuldigem Blut zu entweyhen / oder auch ich mich dermassen in meiner Gewalt fest gesetzet hätte / daß ich den Unbillig-gefangenen noch ferner fest zu setzen unnöthig erkennete. Ich war auch desto williger dazu /weil das nahe Geblüt endlich meinen Ehrgeitz überwältigte und es also meinem allernächsten Vetter /dem König Herrmann und mir / als zwey Aesten eines einigen Stamm-Baums / er gieng / welche man wohl von einander beugen kan / die aber dennoch eine von der Natur eingepflantzte Begierde behalten / sich wieder zusammen zu thun / wenn nur niemand ihnen daran hinderlich ist. So sehr aber meine Adelgund mich in meinem guten Vorsatz stärckte; so wenig wolte auch gleichfalls gegenwärtiger Ritter Arnheim /nach dessen Rath ich öffters meine Entschlüssungen richte / mich hiervon abhalten. Indessen starb Segimer und seine und meine Völcker unterstunden sich / mir eine Mordthat abzutrotzen. Allein Arnheim hatte zu allem Glück unter seinen Kriegs-Gefangenen einen edlen Langobarden / den Ritter Schwanitz / der König Herrmannen an Farbe der Haare / Bildung des Gesichts und Länge des Leibes ziemlich ähnlich war. Dieser ward in der letzten Schlacht hart verwundet und starb gleich damahls / als wir eine Leiche höchstnöthig hatten. Arnheim liesse demnach durch etliche getreue Diener den Cörper in eine Lade legen / in des Königs unterirrdisches Behältniß bringen / daselbst mit dessen gold- und rothgewürckten Kleide anziehen / den Kopff abschneiden / und mit frischem Hüner-Blut überstreichen und unkäntlich machen. Hiernächst ward dieser auf dem höhesten Thurm zur öffentlichen Schau ausgestecket / der Leichnam aber verbrant und begraben. Welchergestalt nun so viel ungemeine Helden und Heldinnen mit einem auserlesenen Heer mich und die meinigen überwunden und zu einem sonderbahren Versöhnopffer des todtvermeynten Feld-Herrns der Deutschen Anstalt gemacht haben / ist ihnen besser als mir selbst bekant.

Der Hermundurische König bekam hierdurch Anlaß / Herrmannen eines und anders davon zu berichten / worauf dieser folgender Gestalt seine obangefangene Erzehlung beschlosse: Die Hertzogin Adelgund / die ich Lebenslang als ein Meisterstück der Tugend rühmen werde / hatte nicht so bald die unglückliche Nachricht von ihres Gemahls Niederlage erhalten / als sie den Ritter Stochow abordnete / so wohl dessen Freyheit bey meinen Freunden[1601] zu erbitten / als auch von ihm selbst Erlaubniß vor sie zu begehren / das bewuste Geheimniß bekant zu machen. Weil aber der Ritter nicht so glücklich seyn und Inguiomern zu sprechen bekommen konte / auch von meinem Leben nichts gehöret hatte / kam er unverrichter Sache wieder. Die wegen ihres allerliebsten Gemahls höchstbesorgte Fürstin ließ mich demnach durch dero Schloß-Hauptmañ / den Ritter Arnheim /in ihr Zimmer hohlen und machte mir jetzt besagtes kund / bate dabey / ich möchte mich so großmüthig bezeigen und Inguiomers Leben unverzüglich retten /auch damit zu frieden seyn / daß er das Cheruskische Hertzogthum mir wieder abträte. Sie wolte zwar wohl einen Ritter nochmahls an meine Gemahlin mit der Nachricht von meinem Leben absenden: Allein sie stünde in Furcht / man möchte eine so unvermuthete Sache nicht alsbald glauben / und daher das Opffer seinen Fortgang gewinnen lassen; Wodurch sie aber würde genöthiget werden / theils aus unerträglichen Kummer / theils zur merckwürdigen Rache / dieses Schloß und darinnen sich / ihre zarte Velleda und mich selbst in Rauch gen Himmel zu schicken. Ich erbote mich ihren so billigen Verlangen alsbald Folge zu leisten; setzte mich deßwegen neben Arnheim /Stochow und Milissow zu Pferde und eylete nach aller Mögligkeit dahin / wo ich schon in einem Aschentopffe stecken solte. So bald ich von der äussersten Schildwach angeschriehen wurde / wer ich wäre /nennte ich meinen Nahmen / und verursachte damit /daß man mich vor einen Geist hielt und mir mit ja so tieffer Ehrerbietung allenthalben aus dem Wege wiche / als immermehr das abergläubische Rom würde gethan haben / wenn ich vor den Halbgott Castor oder Pollux / die mehr als einmahl auf weissen Pferden reitend sollen erschienen seyn / mich auszugeben wäre gesonnen gewesen. Allein ich habe die Eitelkeit nie verlangt / ein Gott zu seyn / und der klugen Welt ein solches Possenspiel zu zeigen / als sie bey der gotteslästerlichen Vergötterung des Augustus anzusehen bekam / darüber diese Stachelschrifft zu Mäyntz ausgestreuet wurde:


Ich kan dich warlich nicht vor einen GOtt erkennen;

Doch / weil du dich so sehr im Ehebruch geůbt /

Will ich dich Jupiter und (wo es dir beliebt /)

Dem Hirtius zum Ruhm / gar Ganymedes nennen.


Dieses Getichte (sagte Malovend) ist vor des Weltweisen Seleucus Gemächte erkant worden. Denn als Tiberius ihn wegen seines Hochmuths nicht länger umb sich leiden können / und daher ins Elend gehen lassen / hatte man unter seinen Wachstaffeln und Papieren / nebenst andern Sachen von dergleichen Inhalt / den ersten Entwurff dieser vier Verse gefunden. Weswegen der Käyser / der seines verstorbenen Vaters Schmach höher / als die seinige empfand / Befehl ertheilte / den Spott-Vogel aufzufangen. Es wurde auch dieser endlich zu Athen ertappt / da er eben eine Reise ins Parther-Land thun wolte. Man machte aber nicht viel Wesens mit ihm / sondern nachdem er kaum zwey Tage gefangen gesessen hatte / hieng man ihn an seinen eigenen Halß; da denn ein lustiger Kopff diesen Reim auf ihn machte:


Er hat das A.B.C. an Schuhen långst zerrissen

Und doch das lange J. im Alter lernen můssen.


Jedennoch hatte er zuvor / sich zu rächen / diese Schutz-Schrifft verfertigt und / ich weiß nicht wie /unter das Volck gebracht / welches sie wohl tausendmahl abgeschrieben / obgleich nicht allerdings verstanden hat. Mir wurde auch solche bey meiner Durchreise von meinem Wirth gezeiget und lautete /wo ich mich noch besinnen kan / also:


Sieht Naso den August

Nach seiner geilen Lust

Was ungebůhrlichs thun /

Muß er ins Elend gehen.

Was meynt / ihr Griechen / nun /

Wodurch ich es versehen /[1602]

Daß ich an Galgen muß?

Ihr dürfft nicht lange dencken:

Es stielt Tiberius /

Drumb muß Seleucus hencken.


Inguiomer setzte hinzu: Ich habe / wie billig / einen ja so grossen Abscheu vor solcher thörichten Vergötterung / als etwan Seleucus; Nichts desto weniger hat ein Wahrsager meiner kleinen Velleda bey ihrer Geburt etwas seltzames verkündiget / dessen Warheit oder Unwarheit unsere Nachkommen erfahren mögen. Seine Worte zu dem Kinde waren diese:


Du brauchst nur funffzig Jahr / wenn du auf dieser Erden

Wilst deines Landes Haupt / ja eine Göttin / werden:

Doch nimmstu nach der Zeit an deiner Gottheit ab /

Die dein so grosses Hertz zum Eigenthum dir gab.

Wie kan es anders seyn? Aegypten mag dichs lehren:

Das Hertz wächst funffzig Jahr; hernach muß sichs verzehren.


Jederman wünschte / daß alles Glückliche in dieser Weissagung erfüllet / alles Böse aber abgewendet werden möchte. Herrmann trunck dem Jubil eine Schale voll Wein zu auf beständiges Wohlseyn der sämtlichen Bructerischen Herrschafft. Worauff denn die Gesundheiten derer Cheruskischen / Hermundurischen / Cattischen / Chassuarischen und Marsischen Königlichen und Hochfürstlichen Häuser folgten. Weil aber die gantze Gesellschafft recht müde war /begabe man sich zeitlich von der Taffel zur Ruh.

Die Sonne am Himmel war wegen der Winter-Zeit noch nicht aufgegangen / als Herrmann den süssesten Einfluß einer irrdischen Sonne durch unzählige Küsse in sich soge / und die Versicherung einer unveränderten Zuneigung mit solcher Inbrunst gab und empfing /daß die in der Kammer brennende Lampe gantz unnöthig gewesen wäre / wenn die Liebe so viel Schein /als Feuer in sich hegte. Indem ihn die unvergleichlich- schöne Thußnelda in ihre schneeweisse Arme schloß /erkante er vor die unbetrieglichste Wahrheit / daß der Schnee den Leib erwärmen / und die Augen erqvicken könne / ungeachtet eines so wohl als das andere denen in dergleichen Geheimnissen Unerfahrnen so falsch und unglaublich vorkommen möchte / als die Meynung des Anaxagoras / daß der Schnee schwartz sey. Bedient sich aber sonst ein vernünfftig Gemüth des köstlichsten Weins nur zur Lust / nicht zur Trunckenheit; so wuste in Wahrheit das tugendvollkommene Paar des Nectars wohlvergönnter Vergnügung mit gleichmäßiger Bescheidenheit zu geniessen; allermassen es noch in der Morgendemmerung das Bette verließ / ungeachtet dieser tapffere Mars und die keusche Venus sich vor keiner Sonne scheuen durften / nachdem nicht Buhlerey / sondern die Ehe sie zusa en gebracht hatte. Eine Stunde hernach funden sich Erato /Catta / Rhamis / Jubil / Flavius / Malovend / Siegmund und Inguiomer bey Herrmannen und Thußnelden ein / legten die gewöhnliche Begrüssung ab / und erkundigten sich untereinander / wie jedweden die Nachtruhe nach der Unruhe des verwichenen Tages bekommen wäre. Man setzte sich hiernechst in einen Kräyß und gebrauchte einen geglüeten Wein /als eine bewährte Artzeney vor die Kälte / welche der angehende Jenner mit sich brachte. Auf dem Deckel des güldenen Bechers / (so ehemahls dem Qvintilius Varus gehört hatte /) stund des Mercurs geflügelter Stab / welcher aber an statt der Schlangen mit einem Weinreben umbflochten war / ohne Zweiffel hierdurch zu bedeuten / daß der Wein alle die Tugenden an sich habe / so man sonsten dieser Schlangenruthe zuschreibe / nehmlich die erstorbenen Geister des Gemüthes aufzuwecken / jedoch auch die Sinnen des Leibes einzuschläffen. Herrmann nahm hiervon Anlaß zu sagen: Das Zeichen des GOttes der Beredsamkeit und des Wein-Gottes sind hier mit einander vereiniget und machen mir die Hofnung / es werde[1603] dieser Trunck Gelegenheit geben / daß gegenwärtige hochwerthe Gesellschafft ihre morgenländischen Begebenheiten in einer solchen Rede erzehle / wozu jedweder / der daran Theil gehabt / das seinige beytrage. Ich habe zwar schon einen kleinen Vorschmack heute diesen Morgen von meiner Gemahlin empfangen / wie hoch mein hertzgeliebtester Bruder mich ihm verpflichtet habe / und an was Ort in der Welt unsere Schwester Ismene lebe. Allein dieses entzündet nur meine Begierde / ein mehres zu wissen / und hat also die Natur eines guten Weins an sich / welchen man immermehr zu prüfen Lust bekömmet / so bald man nur denselben einmahl gekostet und wohlschmeckend befunden hat. Thußnelda setzte alsbald hinzu: Ich sehe schon /es werde die gütige Erato meinem Gemahl seine Bitte nicht versagen / oder sich verdriessen lassen / einen angenehmen Anfang der Geschichte zu geben / welche von uns andern zu rechter Zeit fortgesetzt werden soll. Die Armenische Königin antwortete: Dero Verlangen / Durchlauchtige Thußnelda / ist mir Befehls genug /ohne Umbschweiff ein und anders vorzubringen / welches mir seit meinem letztern Kampff / dem sie allerseits zugesehen / begegnet ist. Meine schnöde Eyfersucht verleitete mich damahls / daß ich auf des boßhafften Luitbrands Seite trat / und die unschuldig von ihm verleumbdete Fürstin Ismene mit meinem Speer schuldig zu machen mich erkühnte. Allein der gerechte Himmel straffte mich durch die tapffere Adelmunde / die / (wie ich von dem Hermundurischen König vernommen /) sich mit Fürst Catumern nach der Zeit verheyrathet hat. Ich wurde wegen meiner Verwundung in ein Cattisch Jägerhaus nebenst Saloninen / meiner Hoffmeisterin / gebracht und erlitte in meinem Gemüth alle Qvaal / so Eyfersucht / Schahm / Zorn /Haß und Liebe verursachen können. Doch würde ich mich weit mehr geängstiget haben / wenn ich schon dazumahl gewust / daß der Ritter mit dem Ulmbaum und Weinstock / der Ißmenens Sache wider den Dagobert so glücklich verfochten hatte / eben mein Zeno wäre / umb dessentwillen ich dieser keuschen Seele so aufsätzig war. Inmittelst meldete sich ein Armenier bey Saloninẽ an / als sie etliche Kräuter auf einem nicht weit vom Jägerhauß liegenden fruchtbahren Hügel zu lesen ausgegangen war / grüssete sie im Nahmen des Zeno / mit der Versicherung / daß dieser Fürst zwey Nacht hernach kommen und mich in mein Königreich führen wolte / wenn mir mit ihm dahin zu gehn beliebte. Er gab ihr überdas drey Lichter / welche aus Wachs / Mahnsafft / Allraunenwurtzel / Solanum oder Schlaffkraut / Bilsen und dergleichen Dingen / seinem Vorgeben nach / verfertigt wären und die Eigenschafft hätten / den alsbald einzuschläffen / dem man den Rauch davon in die Nasen steigen ließ. Hiermit solte sie die drey Jäger beleuchten / so würden sie alles Wachens vergessen / und nicht ehe sich wieder ermuntern können / biß die Kertzen gäntzlich verbrant oder ausgelescht wären. Die tugendhaffte Salonine trauete dem Osthanes nichts böses zu / weil Zeno sich seiner bedienete / sie auch aus allen seinen Reden schloß / daß er in den Geheimnissen der Natur eine ungemeine Erfahrung hätte. Doch hat nachgehends ein gelehrter Mann zu Artaxata uns zur Gnüge überführet / daß alle besagte Kräuter und Wurtzeln denen Wachslichtern nimmermehr eine solche Krafft hätten geben können / wenn nicht viel andere zauberische Mittel von dem Bösewicht wären hinzugefügt worden. Unterdessen blieb es bey der Abrede und stellte er sich nebenst dem Zeno und dessen 2. Rittern uñ so viel Dienern zur besti ten Stunde ein / setzte mich auf einen mit vier Pferden bespannten Wagen und fuhr mit mir unter dem Schein drey oder vier Windliechter davon.

Herrmann sahe hierüber den Flavius mit einer solchen Geberde an / die diesen nöthigte zu[1604] sagen: Ich mercke wohl / daß mein Bruder sich wundere / wie dieses übereintreffe mit dem / was ich von dem Wegzug meiner Königin ehemahls berichtet habe / nehmlich / daß sie in Gestalt einer Diana auf einem Wagen mit Hirschen bespannet in Begleitung etlich hundert Bockmenschen oder Waldgötter davon gefahren sey. Allein er wolle in Gedult den Ausgang der Erzehlung erwarten. Erato fieng hiernächst wieder an: Es ist nicht anders / als ich sage. Und schäme ich mich nicht wenig / zu bekennen / daß ein Schwartzkünstler damahls mein Fuhrmann gewesen / der (vielleicht / weil er den Zoroaster / den Stammvater aller Zauberer /vor seinen Landsmann hielt /) in solchem verfluchten Handwerck auch vollkommen zu werden / sich bemühete. Er war dem Zeno unterwegens aufgestossen / als dieser von der Kampffbahn zurück kam und hatte aus der Gesichtsbildung ihm ungebeten zu wissen gethan / daß das Glück ihm ein Königreich aufhübe. Der Fürst verlachte dieses / als eine Thorheit / weil er Ismenen noch liebte / und durch sie sein Glück in Deutschland zu machen gedachte / allwo man damahls den Nahmen eines Königreichs nicht gerne hörte. Jedoch weil / (wie ich ehmahls berichtet /) der Ausspruch zu Idessa im Phryxischen Tempel der Morgenröthe mir von ihm dieses zu wissen gethan hatte:


Wenn man dich wieder wird zur Königin einweyhn /

Wird er ein Königs-Sohn und selbst auch König seyn.


So gläubte er endlich desto ehe dem Betrüger / welcher vor einen Naturkündiger wolte angesehn seyn /der eine zeitlang bey denen Lappionen sich aufgehalten hätte / nunmehr aber wieder auf der Rückreise in sein Vaterland begriffen wäre. Zeno gerieth hierauf in Nachdencken / ob er nicht seine vorige Liebe zu mir solte wieder aufwachen lassen / nicht nur / weil er durch mich / wegen meines Rechts an Armenien / am allerersten ein König werden könte / sondern auch /weil er von einem Bedienten des Rhemetalces war berichtet worden / wie sehr ich meine noch währende Zuneigung zu ihm auf dem Kampfplan an Tag gelegt /hingegen dem Fürsten Flavius die Freyheit mich zu sehen / nach der Zeit allerdings abgesprochen hätte. Dieweil nun Osthanes denen Jägern gantz unbekant war / welche hingegen den Zeno und seine Leute mehr als einmahl gesehen hatten / befand ihn dieser am tüchtigsten / einige Bottschafft an mich oder Saloninen zu überbringen. So bald ich demnach in den Vorschlag einwilligte / kauffte der Armenier einen Wagen mit vier Pferden und machte im übrigen durch seine Künste / daß ich mich / wie obgedacht / mit dem Zeno / und der Salonine / nebenst zweyẽ Rittern / und so viel Knechten / aus dem Cattischen Gebiet ins Hermundurer Land / so Marboden noch zum Herrn hatte /flüchten konte. Daß aber Hertzog Flavius sich durch das Blendwerck des Zauberers in solche Furcht und Verwunderung bringen lassen / davor kan ich nicht; weil weder ich / noch jemand von meiner Gesellschafft dergleichen Dinge gesehn / oder vermuthet hat. Als wir über den Mayn nach der Donau giengen /verkaufften wir unser gantzes Fuhrwerck / wie es bespannt war. Hingegen schaffte ich mir und Saloninen Reit-Pferde und Mannskleider / nennte auch sie ins künfftige Saloninus und mich Herodotus / weil dieser berühmte Geschichtschreiber eines von seinen Büchern mit meinem Nahmen bezeichnet hat. Wir langten hiernächst zu Augusta in Vindelicien an / ruheten zwey Tage aus und setzten unsern Weg nach Isinisca fort. Osthanes leistete uns noch immer Gesellschafft und verkündigte mir unterwegens / daß dem Zeno ein sonderbahres Licht in seinem vermeinten / das höchste Glück aber in seinem rechten Vaterlande erscheinen würde. Ich fragte: Woher er denn so gewiß anderer Leute zukünfftige Begebenheiten erfahren könte /[1605] nachdem vielleicht seine eigenen ihm unbekant wären? Wie? (antwortete er:) Solte ich nicht wissen /was mir bevorstünde? Wollen Sie mein Geheimnüß bey sich behalten / so will ich ihnen etwas offenbahren / darüber Sie sich nicht wenig wundern / auch aus meiner Offenhertzigkeit erkennen werden / daß ich dero treuergebenster Knecht und nicht gantz unwürdig sey / bey bey dem zukünfftigen König Zeno die von ihm versprochene Ehrenstelle seines geheimbten Raths zu bekleiden. Als ich ihn nun meiner Verschwiegenheit versichert hatte / fuhr er also fort: Die Geister / denen ich mich zu dienen verpflichtet habe /und die mir hergegen zeit meines Lebens zu Gebote stehen / haben mir es in meinen freyen Willen gestellet / sterblich oder unsterblich zu seyn. Denn jenes kan ich werden / wenn ich ein wenig Ambra koste; dieses kan ich bleiben / wenn ich meiner lüstern Zunge verbiete / dieses eintzige Ding nicht zu berühren / welches zwar andern Menschen nützlich / mir allein aber schädlich ist / an statt dessen / daß alles /was man sonst Gifft nennet / meine beste Speise ist. Ich bestürtzete unsäglich über diesem greulichen Bekäntniß und fieng nun allererst an / mit zittern denjenigen anzusehn / auf dessen klugen Rath und unerschrockenen Beystand ich kurtz zuvor eine freudige Hoffnung gesetzet hatte. Indem ich nun vor Schrecken und Furcht eine viertheilstunde lang stumm gewesen war / kam ich mit meiner Begleitung an einen mittelmäßigen Fluß. Wir satzten uns dabey nieder und hielten Mittagsmahlzeit / so gut / als es unser von Augusta mitgenommener Vorrath leiden wolte; Die silberhelle Farbe des Wassers aber reitzte den durstigen Osthanes / mit der Hand zu schöpffen und zu trincken. Allein in dem Augenblick erhub sich ein Wirbelwind / der uns zwar keinen Schaden zufügte / hingegen den Zauberer so hoch in die Lufft führte / daß wir ihn nicht mehr sehn konten / bald aber so schnell wieder herunter fallen ließ / daß er sich auf eine abscheuliche Art zerschmetterte und also von seinen Geistern den gebührenden Lohn vor seine Dienste bekam. Wir erstauneten hierüber unbeschreiblicher Weise und blieben so unbeweglich stehn / als wenn wir in marmorne Bilder verwandelt wären. Zum wenigsten wusten wir nicht / ob wir uns über diesen gefährlichen Fluß wagen oder wieder zurück kehren solten. Doch erhohleten wir uns endlich / als etliche nach Augusta zu Marckt gehende Bauren von jenseits zu uns ohne allen Schaden mit einem kleinen Nachen überfuhren. Zeno erkundigte sich bey ihnen / was dieß für ein Wasser wäre und bekam die Antwort / es hiesse Ambra / und lauffe in den wohlbekanten Iserstrom. Da sahe ich erst / wie zweydeutig die betrüglichen Höllengeister ihrem Leibeigenen die Warheit gesagt / und unter dem Schein einer grossen Verheissung von seiner Unsterbligkeit / sich das Recht erworben hatten / ihm den Halß zu brechen. Das ist ja wunderbahr (sagte Jubil) und muß man mit Entsetzung anhören / daß die bösen Geister viel Jahr vorher gewust haben / es würde Osthanes jemahls den Ambra-Fluß sehn / will nicht sagen / kosten. Das kommt mir eben so seltsam nicht vor / (erwiederte Malovend.) Denn warumb kan der Mordstiffter nicht damahls schon den Vorsatz gehabt haben / denjenigen / der sich willig in seine Stricke begeben / anzureitzen / daß er in Deutschland zu reisen begierig würde / und / wenn er bey dem Ambra-Fluß ankäme / ihm die Zunge dermassen dürre zu machen / daß er sich an solchem Wasser vergreiffen müste. Gesetzt auch / es wäre ein anderer jählinger Todt darzwischen gekommen / daß der Ausspruch nicht eingetroffen / was würde es dem Ursprung der Lügen groß geschadet haben / auf einer Unwarheit ertappt zu werden / nach dem man gantze Bücher von denen betrüglichen Götter-Aussprüchen zusammen tragen könte. Und also wird viel weniger der unverschämte[1606] Höllen-Geist sich dessen schämen / was den Gott Apollo seines Ansehns in der Welt nicht beraubt hat. Thußnelde versetzte: Eine Lügen und ein Gott können so wenig beysammen stehen / als Nacht und Tag ein Ding sind. Deutschland hält billich demnach den Apollo für nichts bessers / als eine schöne Larve / worunter des Osthanes schwartzer Geist sein heßlich Gesicht verstecket und also der betrogenen Welt die Verehrung abstielt / die man dem einigen Beherscher des Himmels und der Erden schuldig ist. Allein wir weichen durch diesen Umbschweiff von unserm Vorsatz allzu weit ab und wären vielleicht schon mit der Königin Erato auf dem grossen Adriatischen Meer / daferne uns der unansehnliche Amber-Fluß nicht aufgehalten hätte. Erato antwortete: Haben wir uns zu lange bey dem Amber-Fluß verweilet / so will ich mich desto geschwinder mit meiner Erzehlung durch die Norichischen und Carnischen Lande in die Adriatische / und folgends in die Mittelländische See begeben. Denn eben so richteten wir unsere Reise ein. Als wir aber an Creta kamen / von dar wir nach Cypern / Syrien und Armenien zu gehn willens waren / erhub sich ein grausamer Sturm und trieb uns in die Enge zwischen Sestus und Abydus / da wir beynahe Schiffbruch gelitten hätten. So ist Hero und Leander wohl recht glücklich gewesen (schertzte Herrmann /) daß es nicht geschehen ist. Denn ich bin versichert / daß die Welt dieses verliebten Paars sich wenig mehr bey diesem Ort würde erinnert haben / daferne ein weit edlers und tugendhaffteres / nemlich Zeno und Erato / daselbst verunglücket wären. Mein gutes Glück (sagte Erato) überhobe uns dieser eiteln Ehre und mir war auch mehr damit gedient / ein lebendiger Herodotus / als eine todte Hero / zu heissen. Allein der Wind wolte sich doch noch nicht nach unsern Willen schicken /und führte uns biß an die andere Meer-Enge bey Byzantz. Dannenher Zeno zu mir sagte: Ich weiß nicht /ob das Wetter das Absehn meiner Reise hindert / oder befördert hat. Denn nunmehr sehe ich vor gut an /vollends durch das schwartze Meer nach Sinope zu schiffen / welches ich ehemahls vor meinen Geburts-Ort gehalten habe / als der Pontische König Polemon annoch mein Vater hieß. Vielleicht erlange ich daselbst Nachricht von der Pythodoris / die mich in meiner Kindheit der Königin Dynamis an statt ihres Sohns übergeben. Von derselben hoffe ich zu erfahren / entweder wer meine Eltern gewesen / oder / ob ich /wie die Menschen zu Deucalions Zeiten / aus einem Stein entsprungen sey. Mit einem Wort: Wir kamen zu Sinope an und fragten alsbald den Wirth in unserer Herberge: ob Pharasmanes der Statthalter zu Cyropolis ihm bekant wäre? O ja! (sagte dieser /) doch ist er schon vor viel Jahren gestorben. Seine Gemahlin aber / die unvergleichliche Pythodoris / lebt allhier / als Mutter unsers jungen Königs. Zeno wurde über dieser unvermutheten Zeitung höchst-erfreuet und wartete nebst uns der Königin auf / als sie mit wenig Bedienten in ihren grossen Lust-Garten fuhr. Er war so glücklich / daß sie / nach beywohnender gantz ungemeinen Höffligkeit / ihn / als einen ausländischen obgleich unbekanten Fürsten / in ihre Läube holen ließ /welche aber keine Wände hatte / sondern nur auf acht höltzernen und mit Weinreben umbflochtenen Seulen stunde; also daß so wohl die Königlichen Bedienten /als auch wir / die Pythodoris und den Zeno sehen /aber nicht hören kunten.

Wie er mir nachmahls gesagt / so hatte er sie ungefehr also angeredet: Gleichwie ich mich unterthänigst erfreue / daß der gütige Himmel Eurer Majestät nach dero hohen Verdienst die Pontische Cron aufgesetzet: also lebe ich der Hofnung / Sie werden geruhen in ietzigem hohen Stande / dero gnädigen Zuneigung den unglücklichen Zeno zu würdigen / nachdem er ehemahls das unschätzbare Glück gehabt / dero[1607] Mutter-Milch zu genüssen. Die Königin war hierauf voller Bestürtzung in diese wenig Worte ausgebrochen: Ists möglich / daß ich meinen Zeno sehe? Dieser wiese ihr etliche Kleinote / mit welchen ihn seine vermeynte Mutter / die Königin Dynamis / vordessen beschencket hatte / welche denn nebenst der Gesichts-Bildung sie endlich überredeten / daß dieser Frembder eben der Zeno wäre / der sonst zu Sinope unter dem Nahmen der Fürstin Arsinoe gelebet hatte. Sie umbfieng ihn demnach mit beyden Armen / zu grosser Verwunderung ihrer von ferne stehenden Hoffstatt / und konte vor grosser Gewogenheit nichts mehr / als dieses /aufbringen: Seyd höchst-willkommen / allerliebster Sohn! Zeno versetzte: Eurer Majestät gnädigstes Wohlwollen giebt mir grosse Hoffnung / zu erfahren /wie ferne ich mich der Ehre rühmen könne / dero Sohn zu seyn. Sie antwortete: Wenn ihr den Grund hiervon wissen wollt / müsset ihr meinen Lebens-Lauff anhören / den ich euch gantz kürtzlich erzehlen will: Mein Vater war ein Trallianischer Edelmann /Nahmens Pythodorus / zu dessen Andencken auch ich Pythodoris heisse. Weil nun meine Mutter das Leben über meiner Geburt aufgegeben hatte / schickte er mich an seine Schwester / die zu Satala / der Hauptstadt / in Klein-Armenien als eine Witwe lebte / welche auch / mich wohl zu erziehen / möglichst beflissen war. Indessen starb mein Vater und seine Güter gefielen etlichen von meinen Verwandten so wohl /daß sie sich selbst / mir zu Schaden / zu seinen Erben einsetzten / und meine Pflege-Mutter mit allerley verwirrten Gerichts-Händeln müde machten / so daß sie endlich das Meinige ihnen überlassen muste. Der Himmel legte mir also eine sehr beschwerliche Armuth in meiner Kindheit auf / damit ich nunmehr desto besser meine nachmahlserfolgte unverdiente Erhöhung mit demüthigsten Danck erkennen und bey der Welt ein merckwürdig Beyspiel abgeben möchte /daß es ihm ja so leicht sey / eine verarmte und verachtete Wäyse groß / als eine wohleingerichtete Welt aus einem unförmlichen Chaos zu machen. Ich war vierzehen Jahr alt / als Parrhaces / ein reicher Edelmann des Orts / mich lieb gewann und heyrathete / weil er in meinem Gesicht und Gemüth so viel gutes zu finden vermeynte / daß solches seinen grossen Glücks-Gütern die Wage halten könte. Wir lebten solchergestalt mit einander höchst-vergnügt / daß uns ein Jahr zu einem Tage wurde / in welcher Zeit ich mit einem jungen Sohn meinen Mann erfreuete / der ihm seinen Nahmen beylegte. Acht Wochen darnach ward er genöthigt eine nothwendige Reise in das grössere Armenien zu seinen Befreundten zu thun. Ich wolte ihn nicht verlassen / sondern begleitete ihn so wohl hin als her / stund aber unterwegens Glück und Unglück aus. Denn mein kleiner Säugling starb / so bald ich eine Meile von Artaxata aus nach Satala zurück gelegt hatte und setzte uns in unsägliche Bekümmernüß. Als wir hingegen über den Meerbusen Arethusa oder Arethissa schifften / welcher die Wunder-Art hat / daß er eine ziemlich-schwere Last tragen kan / daß sie nicht untersincket / kam uns eine schöne vergüldete Wiege entgegen geschwo en / in welcher ein kleines in Purpur-eingewickeltes Kind lag. Wir nahmen selbige ins Schiff als ein sonderbahres Geschenck des Himmels / der unsern Verlust einiger massen ersetzen wolte. Ich legte auch das so anmuthige Knäblein mit aller Lust an meinen mit Milch gefüllten Busen /nachdem es zuvor schlechte Nahrung in dem saltzigten Seebusen gefunden hatte; und gab ihm den Nahmen meines verblichenen Kindes / Parrhaces. Damit ihr aber wisset / was alle diese Reden zu unserm Zweck beytragen können / so vernehmet / werthester Zeno / daß ihr eben dieser kleine Parrhaces gewesen seyd. Ihr waret nun unser einige Freude / welche aber mir gar sehr durch den frühzeitigen Todt meines Ehemanns[1608] verbittert wurde. Unterdessen verjagte der König des grössern Armeniens Artaxias den Medischen König Artavasdes / welcher keine Söhne hatte /wohl aber einen kleinen Enckel / den seine Tochter Jotape mit dem jungen Alexander / des berühmten Marcus Antonius Sohn / gezeuget hatte. Dieses Kind hieß Ariobarzanes und ward dem Pharasmanes von dem Artavasdes anvertraut / mit Befehl / solches an einen sichern Ort zu flüchten. Er kam demnach damit zu Satala in Klein-Armenien an / welches unter des Pontischen Königs Polemons Gebiet gehörte / und ward mit mir bekant / auch bald hernach vermählt. Wir brachten also Kinder zusammen / dazu wir weder Vater / noch Mutter waren. Pharasmanes kauffte gleich nach dem Beylager ein überauswohlgelegenes Rittergut am Fluß Melas nicht fern von der Stadt Zyristra in gedachtem kleinern Armenien. Immittelst hatte ich noch einen Gast bekommen von der Königin Dynamis / nehmlich ihren eintzigen Sohn / den ihr Gemahl Polemon hatte in eine Wüste wegsetzẽ lassen / nachdem ihm durch unterschiedene Götteraussprüche kund worden war / daß er durch seines Sohnes Hand sterben solte. Die mitleidige Mutter aber ließ ihn durch etliche verschwiegene Diener im Walde aufheben und mir überbringen / umb ihn zu säugen und aufzuziehn / weil ich zwey Jahr zuvor so glücklich gewesen war / ihrer hohen Zuneigung theilhafft zu werden / als sie über vier Monat zu Satala Hoff hielt. Ihr schmertzlicher Verlust ward vergrössert nicht allein durch die gefährliche Reise ihres Gemahls zum Käyser nach Rom / sondern auch noch mehr durch das Absterben ihrer einigen Tochter Arsinoe. Sie wolte hierüber fast verzweiffeln / und wurde desto begieriger / ihren Sohn zu sehn / den ich Zeno nennte / ob wohl Polemon ihm bey der Geburt seinen eignen Nahmen zugelegt hatte. Ich vermuthete alsbald die Warheit / daß ihn Dynamis ohne ihres Gemahls Wissen und Willen an Hoff nehmen wolte. Damit ich nun den geweissagten Vatermord nicht befördern möchte /nahm und brachte ich euch / liebster Parrhaces / unter dem Nahmen des Zeno / nach Sinope / da ihr denn der Königin so wohl gefielt / daß sie euch mit überaus grosser Freude empfing und endlich den Vorsatz fassete / euch in Weibeskleidern aufzuziehn und den Polemon nach seiner Wiederkunfft von Rom zu überreden / daß ihr seine Arsinoe wäret. Dieser so wohlgemeinte Betrug gieng glücklich von statten. Der König hielt euch vor seine Tochter; und Dynamis liebte euch mit einer mehr als mütterlichen Zuneigung / sonderlich als ihr ihren Gemahl so wohl wider einen wilden Ochsen auf der Jagt / als in einer Schlacht wider die aufrührischen Tibarener beschütztet uñ aus augenscheinlicher Lebensgefahr risset; alldieweil hierdurch erfüllet ward / was Apollo zu Delos ihm zu Trost geantwortet hatte / als sie euch (ihren vermeynten Sohn) auf dem Arm trug und umb einen gütigern Ausspruch bate / als der gewesen / durch welchen eben diese Gottheit dem Polemon angedeutet hatte / daß er durch seinen Sohn würde getödtet werden. Denn seine Worte zu ihr lauteten also:


Bewahre / was du trägst / es wird ein Edelstein

Der Welt / des Königs Schirm und deine Freude seyn.


Pharasmanes solte inmittelst der Königin Jotape ihren Sohn den jungen Ariobarzanes nach Antiochia wieder schicken / weil Augustus sie in Schutz genommen hätte. Nun war das Kind zu unserm grossen Leidwesen gestorben und die Mutter hätte sich ohne Zweiffel zu todt bekümmert / wenn ihr der Trauerfall wäre offenbahret worden. Dahero nöthigte mich mein Ehemann mit vielen beweglichen Worten / den ohne dem verworffenen kleinen Polemon an statt und unter dem Nahmen des todten[1609] Ariobarzanes dahin zu senden / der Jotape zur Befriedigung / dem alten Polemon zur Sicherheit und dem kleinen Polemon selbst zu nutzen; Massen dieser letztere hierdurch König in Meden / wie auch im grössern Armenien wurde. Er verlangte hiernächst euch / als die so genannte Arsinoe / zur Gemahlin. Weil nun dieses wider die Natur war / muste der alte Polemon euer Geschlecht nothwendig erfahren / der euch deswegen ermorden wolte /aber durch seinen Schutzgeist mit diesen Worten verhindert ward: Halt! dieß ist weder dein Sohn / noch ein Todtschläger! Doch ließ euch der König andeutẽ /sein Gebiete zu räumen. Ariobarzanes (der nicht wuste / was es mit euch vor eine Beschaffenheit hatte und daher durch die abschlägliche Antwort des Pontischẽ Königs sich höchstbeleidigt achtet.) kündigte ihm hiermit den Krieg an und verwundete ihn in der letzten Schlacht mit einem Wurffspieß / daß er bald drauf des Todes seyn muste / nachdem mein Mann stracks nach gehaltener Schlacht auf der Wahlstatt angekommen war und so wohl ihm als auch dem hierüber fast verzweiffelnden Ariobarzanes entdecket hatte / wie nahe sie einander angiengen / und wie es der Himmel wunderbahr geschickt / daß der so tugendhaffte Sohn seinen Vater aus Unwissenheit des Lebens berauben müsse. Ariobarzanes setzte hiermit die von seinem Vater Polemon geerbte drey Cronen auf und vergnügte sich also mit Pontus / Colchis und klein-Armenien; dahingegen er denen Meden nicht wehrte / einen neuen König zu wehlen / weil er nicht der Jotape sondern der Dynamis Sohn war / Groß-Armenien aber überließ er der rechtmäßigen Erbin Erato. Ich zweiffele nicht / mein Sohn / ihr werdet dieses umbständlicher wissen / als ich / weil ihr selbst eine Haupt-Person in diesem Trauerspiel gewesen seyd. Jedoch finde ich nöthig / euch dessen zu erinnern / umb euch nunmehr kund zu thun / daß dieser Ariobarzanes / welcher sich nachgehends Polemon den andern nennte / die Erato zur Gemahlin verlangt habe. Als ihm aber solches fehl schlug und mein Pharasmanes aus grossen Kummer / daß er des ältern Polemons Todt nicht hindern können / gestorben war /that er mir die Gnade mich in sein Königlich Ehebette zu erheben / aus Erkentlichkeit / (wie er sagte /) weil er mir sein Leben und Glück zu dancken hätte. Ich konte nicht anders / als in tieffster Demuth solche unvermuthete Ehre annehmen / ward also aus einer Unterthanin Polemons des ersten / eine Gemahlin Polemons des andern und eine Mutter Polemons des dritten. Ich mag vor Kummer nicht beschreiben / wie höchst-vergnügt ich eine Zeitlang gelebet / weil leider! ach! die so schöne Morgenröthe einen betrübten Tag mir bedeutet hat / woran ich manchen Thränen-Regen vergiessen müssen. Ich meyne denselben / an welchem mein allertheuerster Gemahl von denen Aspurgianern gefangen und jämmerlich hingerichtet wurde / mit dem Vorwand / als wenn er ihnen / unter dem Schein einer freundlichen Besuchung / sein Joch hinterlistig aufzubürden gedacht hätte. Sein letzter Wille (den er vor seiner Abreise schrifftlich aufgesetzet hatte /) brachte mit sich / daß ich / so lange ich lebte / Königin und nicht gehalten seyn solte / meinem Sohne die Crone ehe / als dem Himmel meine Seele / zu übergeben. Ob ich nun wohl den Vorsatz gefaßt hatte / ohne fernere Verheyrathung meine Zeit zu beschliessen / so wurde mir doch von meinen Leuten so sehr zugesetzt / daß ich / meinem unmündigen Sohn und Tochter zum besten / den mächtigen Cappadocischen König Archelaus nicht mit abschläglicher Antwort abweisen solte / nachdem er sich so eifrig umb meine Person bewürbe. Ich bin endlich solches eingegangen / und ob ich schon den Polemon in des Archelaus Person nicht finde / ist dennoch mein Zustand erträglich; massen ich seine nicht allzufreundliche Art wegen seines hohen Alters ihm zu gut[1610] halte und mit seiner Leibes-Schwachheit groß Mitleiden trage / alldieweil er mit einer solchen Kranckheit behafftet ist / die ihn öffters zu klagen nöthiget: Wenn ich essen soll / so habe ich keine Hände / wenn ich gehen soll / so habe ich keine Füsse; wenn ich aber Schmertzen leiden soll / so habe ich zu viel Hände und Füsse. Er ist jetzt auf der Reise nach Rom begriffen / dahin ihn der Käyser erfordert hat / und seine Abwesenheit macht / daß ich meine eigenthümliche Königreiche wieder besuchen können / auch das Glück habe / euch / liebster Parrhaces / lebendig all hier zu finden. Dahingegen mein schwermüthiger Sinn mir deutlich zuvorsagt / daß mein Gemahl sein Cappadocien nicht wieder sehn / sondern entweder durch seine Gicht / oder des heimtückischen Tiberius Gifft / umbkommen werde.

Inguiomer kunte sich nicht enthalten / der Königin Erato in die Rede zu fallen: Wo ich nicht irre / so ist dieser Archelaus eben der / so vor drey Jahren ungefehr zu Rom starb? Ja (antwortete Flavius:) der Ausgang hat erwiesen / daß diese Furcht der Pythodoris nicht ungegründet gewesen; massen uns allen gnugsam bekant ist / wie Archelaus zu Rom unterschiedener gefährlicher Anschläge wider den Käyser höchstfälschlich beschuldiget und dergestalt geschrecket worden / daß er entweder aus Furcht / oder wegen hohen Alters / sein bevorstehendes grösseres Unglück nicht erlebt hat. Sein Erbreich hat Germanicus zu einer Römischen Landschafft gemacht / und den Qvintus Veranius zum Landpfleger verordnet. Seine Wittwe aber lebt zu Sinope und regiert mit solcher Klugheit / Güte und Bescheidenheit ihres Sohnes Lande / daß man sie billig vor ein vollkommen Muster einer ruhmwürdigen Königin hält. Herrmann bate die Erato / sie möchte sich in ihrer angenehmen Erzehlung nicht hindern lassen. Sie fuhr demnach also fort:

Als Pythodoris ihre Lebens-Geschichte dem Zeno oder Parrhaces ietztbesagter massen eröffnet hatte /brach dieser in folgende Worte aus: Eure Majestät werden mir es hoffentlich nicht zum Stoltz auslegen /weñ ich davor halte / daß ich der Armenische Reichs-Erbe Artaxias sey. Denn zu geschweigen / daß ein Götter-Ausspruch zu Idessa mich einen Königs-Sohn nennet / so sind umb eben die Zeit und an einerley Ort ungefehr Artaxias der Erato Bruder verlohren / und ich gefunden worden. Zu allem Glück aber hält sich in meiner Gesellschaft nicht nur die Königin Erato /sondern auch dero alte Hoffmeisterin Salonine auf /welche uns ein grosses Liecht in dieser dunckeln Sache geben kan / daferne eure Majestät die Mühe nehmen wollen / sie zu befragen / wie des Artaxias Windeln und Wiege ausgesehn haben. Ja von Hertzen gern! (sprach Pythodoris voller Freude und Verwunderung über dieser unvermutheten Zeitung:) nichts in der Welt ist / das ich eigentlich zu erfahren höher verlange. Ich kan stracks morgen zur Sache thun / und so denn die Wiege und Windeln / die ich in meiner Schatzkammer aufheben lassen / zugleich besehen; jedoch aber alles in Gegenwart des Lycaonischen Fürstens Masnaemphthes / meines geheimbden Raths /und drey oder vier vornehmer Pontischer Ritter /damit ihr Zeugniß bey denen Armeniern verursache /daß man nicht die Aussage der Salonine vor ein angelegtes Spiel achte. So bald sie diß gesagt hatte / stund sie auf / reichte dem Zeno die Hand und ließ sich zu ihren Leuten führen / allwo sie ihn beurlaubte und die Freyheit gab / folgenden Nachmittag auf dem Königlichen Schloß sie zu besuchen. Inzwischen entdeckte die Königin ihrem Gefolge / daß dieser Fürst / der sie itzt besucht habe / ihr Pfleg-Sohn Zeno sey. Das Geschrey kam hiervon ehe aufs Schloß / als Pythodoris selbst / wiewohl mit dem Zusatz / daß Zeno der Königin leiblicher Sohn wäre. Daher[1611] der junge Polemon in Sorgen gerieth / er würde diesen seinem neuen und vermuthlich ältern Bruder zum wenigsten die Helffte des Königreichs abtreten müssen. Allein die Königin weltzte einen grossen Stein von seinem Hertzen /indem sie ihn versicherte / daß Zeno ihm keinen Eintrag zu thun begehrte. Hierauff schickte sie mir und Saloninen weiblichen Schmuck und Kleidung / darinnen wir nächstkommenden Tages ihr aufwarteten. Wir fundenbey ihr ihren Sohn Polemon / den Fürsten Masnaemphthes / und drey andere von ihren Staats-Räthen / ingleichen den Osaces und Tiribaces / zwey edle Armenier / so umb etlicher Rechts-Sachen willen sich eben damahls zu Sinope aufhielten. Nachdem ihnen nun allerseits von der Königin angedeutet war /weßwegen sie hieher erfordert wären / muste Salonine einen theuern Eyd schweren / wahrhaftig auszusagen /wenn / wo und wie der junge Artaxias verlohren worden? Sobald diese ihre Erzehlung beschlossen hatte /zeigte die Königin / daß alles dieß bey dem Zeno richtig einträffe. Hierauf erkundigte sie sich ferner / wie die Wiege und Windeln gestaltet gewesen / und bekam von meiner Hoffmeisterin folgende Antwort: So viel ich mich besinne / war die Wiege von Cederholtz / starck übergüldet / in Gestalt eines kleinen Schiffs / darein aber ein berühmter Künstler drey in Helffenbein geschnittene Sinnbilder eingesetzet hatte. Im Hintertheil sahe man den noch unmündigen Jupiter / umb welchen die Curetes und Corybanten herumb sprungen / und auf Helme und Schilde mit Stecken schlugen / nebenst diesem Beywort: Wiegen-Lied eines künfftigen Heldens. Auf der rechten Seite lag Hercules in der Wiege und brachte zwey Schlangen umb. Wobey zu lesen war: Denen Bösen zur Furcht. Auff der lincken Seite trug der Centaur Chiron den kleinen Aesculapius auf dem Arm; vor welchem die noch nicht in ein Mutter-Pferd verwandelte Ocyrrhoe stund / und mit Mund und Hand eine solche Geberde machte / als ob sie weissagete / welchergestalt dieses Kind der Welt durch seine Artzeneyen mit der Zeit dienen würde; Hierbey funde sich diese Uberschrifft: Denen Frommen zur Hoffnung. Das Gestelle / auf welchen sich die Wiege hin und her bewegen ließ / war wie eine Wasserwoge geschnitzt und gemahlt. Die Windeln hatten wir aus einer schneeweissen zarten Indianischen Leinwad verfertigt / die auch wohl der Arachne Gespinste beschämen konte. Uber diese gieng ein vierecktes Purpurtuch / umb welches alles eine Schnur creutzweise herumb geschlungen ward / welche zwar auch aus Tuch von gleicher Farbe bestund; doch hatte die Königin Olympia selbst eigenhändig lauter Drachen und Bäume mit güldenen Aepffeln / einen umb den andern / von Gold und Silber drauf gestickt / anzuzeigen / daß ein solcher Reichserbe ein weit theurer Schatz sey / als die Hesperischen Aepffel / die man doch mit dem allergrösten Fleiß in acht genommen und durch wachsame Drachen bewahren lassen. An des Kindes Halse hing eine dünne güldene Müntze / auf derer einen Seite der Geburts-Tag stund: Den ersten Lous; auf der andern Seite der Löwe / das Zeichen des ietztgedachten Syrischen und Macedonischen Monats / welcher nach Römischen Calender den fünff und zwantzigsten Julius einzutreten pflegt. So bald Salonine dieß gesagt /führte uns Pythodoris in die Schatzkammer und ließ die Wiege / Purpurtuch / Windeln und Schnur / die vollkömmlich mit der Beschreibung übereintraffen /aus einem grossen eisernen Kasten heraus nehmen. Sie brachte auch die Müntze hervor / die denn einerley Schlages und Grösse war mit der / welche ich / als des Artaxias Zwillings-Schwester / am Halse trug[1612] und der gantzen Gesellschafft anzusehn überreichte: Salonine wandte sich hiermit wieder zur Pythodoris und sprach: Jetzt fällt mir ein / daß der junge Herr am rechten Arm ein klein Feuermahl führte / weil die Königin Olympia an ihren Arm unbedachtsam gegriffen hatte / als sie Zeitwährender Schwangerschafft über einer jählingen Feuersbrunst erschrocken war. Ich erinnere mich dessen gar eigentlich / alldieweil / so bald ich nach der Geburt das Kind abgewaschen hatte / ein und andere von denen Umbstehenden murmelten / es wäre immermehr schade / daß solcher Zufall dieses sonst vollkommen-schönes Kind in etwas verunstaltet hätte. Weßwegen denn ein sehr betagter Priester aus weissagendem Geist / wie ich halte / sich also gegen uns vernehmen ließ:


Ihr irret allzumahl / wenn ihr den Feuer-flecken

Der schwangern Mutter Furcht gantz unvergnůgt zuschreibt:

Wie kan diß Helden-Kind das Feuer gnug verdecken /

Das seinen muntern Geist zu grossen Thaten treibt?


Zeno muste auf diese Rede der Salonine den Arm aufstreiffen und weil sich das Mahl funde / das er selbst bißher nicht in acht genommen hatte / wurde er umb so vielmehr vor den Artaxias erkant / auch von dem Osaces und Tiribaces nach Landes Gebrauch angebetet oder fußfällig verehret. Der neue Artaxias und ich sahen nunmehr / daß unsere bißherige Zuneigung nicht die Venus / sondern die Natur / zur Mutter hätte / und befunde ich demnach allzuwahr / was mir ein Einsiedler bey dem Wunder-Brunnen nicht fern von dem nordlichen Ursprung des Dymelflusses / durch eine aus beschwornen Schlangen zusammengeflochtene Schrifft gewahrsaget hatte: Die Natur verbeut dir des Zeno Liebe. Und ob es wohl in denen Morgenländern mehr als einen Macareus und eine Canace giebt / die gleichwie sie ehemahls unter einem Hertzen geruhet / also in einem Ehebett zu liegen sich berechtigt achten; so meynten wir doch / daß die Ubereinstimmung der meisten tugendhafften Völcker eine sichere Auslegerin des Rechts der Natur / und eine Heyrath zwischen Brüdern und Schwestern billig vor ein Greuel zu halten sey. Ich muß gestehn (brach Herrmann ein) daß Clitaxus / so doch ein Oberhaupt der Druiden gewesen / zwey leiblichen Gräfflichen Geschwistern in Gallien erlaubet habe / sich in ein Eheverbündniß einzulassen. Aber ich bin auch dessen versichert / daß alle Druiden heut zu Tage darinnen übereinkommen / daß dergleichen Blutschande durch keines Menschen Vergünstigung / wider das Gesetz /so Gott unserm Hertzen eingeschrieben hat / zu einer eigentlich so genannten Ehe werden könne. Sie erschrecken allerseits vor der blossen Nennung einer solchen Heyrath fast ja so sehr / als des Atheniensers Rausimenes Frau über der würcklichen That ihrer beyden Kinder erstaunet ist / also daß sie auch vor grossen Entsetzen die Sprache auf ihre gantze Lebens-Zeit verlohren hat. Als Herrmann hierauf schwiege / setzte Erato ihre Geschicht also fort: Nachdem nun solchergestalt aus meiner Vermählung mit dem Artaxias nichts werden konte / erinnerten wir uns mit besserer Erkentlichkeit der hertzlichen / eifrigen und beständigen Gewogenheit / so die Fürstin Ismene zu meinem Bruder und Hertzog Flavius zu mir bißher getragen hatten. Wir vereinigten uns demnach beyderseits / daß wir Liebe mit Gegenliebe vergelten wolten: dafern nicht unsere letzterwiesene Kaltsinnigkeit das Feuer einer so inbrünstigen Zuneigung unterdessen gedämpffet hätte; Auf welchen Fall aber die so vielfältig bewährte und doch blindlings von uns verschertzte Treu dieser zwey edlen Geschwister des grossen Herrmanns / uns sonder Zweiffel noch manche reuende Thräne dürffte ausgepresset haben: und dennoch wäre es dahin gestanden / ob dergleichen Wasser würde tüchtig gewesen seyn / eine wiederaufglimmende[1613] Liebesglut zu leschen / oder / gleich einem Oel / mehr zu entzünden. Gleichwohl war auch dieses bey mir fest gesetzt / daß ich / wenn Hertzog Flavius seine ehemahligen Gedancken gegen mich noch hegen solte / ihn zwar nicht hassen / doch auch mich mit ihm nicht ehe vermählen wolte / biß er zum eigenthümlichen Besitzer eines Fürstenthums entweder durch den Erbfall / oder rechtmäßige Waffen / geworden wäre / welches auch derselbe höchstbillig befunde / als ich ihn nach der Zeit in Armenien zu sprechen bekam. Jedoch hat mich die unvergleichgütige Thußnelda überredet / ihr auf ihrer Rückreise von dar in Teutschland Gesellschafft zu leisten und bey ihr zu erwarten / ob und wie der Wille meines nach ungemeinen Helden-Thaten begierigen Liebhabers und des Glücks seiner übereinstimmen würde. Der Fürsatz der großmüthigen Erato (sagte Herrmann) ist ihrer Ankunfft gemäß. Nichts destoweniger bitte ich zu vergönnen / daß dero Beylager mit meinem geliebtesten Bruder auf künfftigen funffzehenden April seinen Fortgang gewinne / weil ich mich selbst hiermit zum Bürgen darstelle / daß in solcher Zeit die Bedingung erfüllet und Flavius mit so viel Land und Leuten versehen seyn soll / daß meine schöne Königin ihn ihrer Vermählung nicht unwürdig achten wird. Flavius und Erato danckten gar sehr vor diese Versicherung des Königs und stelleten ihm daher anheim / alles nach Belieben anzuordnen. Worauf denn Herrmann dem Grafen von Mansfeld befahl / eine und andere nöthige Anstalt hierzu bey Zeiten zu machen. Thußnelda /Catta / Rhamis / Jubil / Malovend / Ingviomer und Siegmund legten ihre Glückwünsche bey denen beyden Verlobten ab. Unterdessen sagte Thußnelda: Wir haben noch einen weiten Weg biß in Armenien vor uns / und werden wohl mit einiger Speise und Tranck uns versehen müssen / ehe wir unsere Reise wieder fortsetzen. Sie führte hierauf die gantze Gesellschafft mit sich zur Taffel / so in Adelgunds Zimmer gedeckt war. Es gieng dabey sehr herrlich zu / weil die Bructerische Hertzogin an diesem Tage ihr Wochenbette verließ und mit der Hochfürstlichen Gesellschafft zum erstenmahl wieder speisete. Als man nun unter andern des Königs Artaxias und seiner Gemahlin Ismene Gesundheit truncke / sagte Inguiomer: Wer hätte es uns vor etlichen Jahren sagen sollen / daß der von Polemon ins Elend vertriebene Zeno der Armenische Reichserbe wäre? Aber so geschwinde verwandelt sich offtmahls der Schauplatz dieser Welt aus einer Einöde in einen angenehmen Lust-Garten / und aus einem finstern Gefängniß in einen Königlichen Saal. Wohl dem / der nur seine Person wohl spielt und die Zeit gedultig erwartet / da die vorhergehenden Verwirrungen sich aus einander wickeln sollen. Es sind (warff Siegmund ein:) noch viel tausend Menschen zu Rom / welche vermeynen / Zeno sey Polemons leiblicher Sohn und habe also die Armenische Cron nicht seiner Geburt / sondern der Gütigkeit des Tiberius und der Sorgfalt des Germanicus allein zu dancken. Was ist das Wunder / (versetzte Flavius) nachdem die Menschen insgemein eine rechte Affenliebe zu ihren alten Irrthümern tragen? Ist wohl etwas gemeiners zu Rom / als die altväterische Sage / es wären ehemahls drey hundert und sechs Fabier in einer Schlacht wider die Vejenter am Fluß Cremera erschlagen und also das gantze Geschlecht ausgerottet worden / biß auf eine eintzige Mannsperson / welche damahls zum Kriege noch nicht alt gnug gewesen /nach der Zeit aber die Ehre erlangt habe / der Stammvater aller ietzigen Fabier zu heissen. Allein / was kan unglaublichers erdacht werden / als daß so viel hundert Edelleute ausser der Ehe gelebet / oder gantz unfruchtbare Weiber geheyrathet / oder lauter Töchter gezeuget haben / alldieweil[1614] zur Zeit erwähnter Schlacht nicht mehr als ein minderjähriger Fabius in der Welt gewesen? So wolte ich auch den Brennspiegel des Archimedes / womit er in der belägerten Stadt Syracusa des Marcellus Schiffe soll verbrannt haben /unter dergleichen ernsthaffte Mährlein der Römischen Historienschreiber nicht zehlen / daferne nur der Künstler nicht über dreißig Schritt von dem Wasser gestanden wär. Wo man aber / wie ins gemein geschieht / sagen will / daß der Spiegel über mehr als drey hundert Schritt sein Feuer habe werffen müssen /umb die Schiffe zu erreichen / so muß ich gestehn /daß meine Vernunfft zu klein sey / dergleichen Wunder zu begreiffen. Denn die gelehrte Welt hält heut zu Tage vor ein sehr grosses / daß der sinnreiche Mannfried ein Brennglaß erfunden / so auf funffzehen Schritt gezündet hat. Allein was ist das gegen drey hundert? Unter meinen Edelleuten (erwehnte Jubil) ist ietzt ein neuer Archimedes / der vermittelst eines grossen Brennspiegels / innerhalb wenig Augenblick /Holtz brennend / Steine glüend / Stahl und Eisen fliessend / Beine und unverbrennliches Federweiß zu Glaß machen kan. Doch wird man dessen Krafft schwerlich auf so viel hundert Schritt spüren. Dergleichen Irrthümer / (setzte Herrmann hinzu) die mit der Zeit Wahrheiten werden wollen / giebts nicht nur in der Historie / sondern auch in der Natur. Daß kein Hammer einen Diamant zerschlagen könne / wenn man diesen nicht durch Bocksblut erweichet habe /daß ein Amethist wider die Trunckenheit / ein Sapphir wider Zauberey helffe / daß ein Smaragd im Ehebette zerbreche / daß die Corallen gewächse im Wasser weich seyn / in der Lufft aber erst hart werden /daß eine Taube keine Galle habe / daß das Feuer einen Salamander nicht tödte / sondern ernehre / daß eine Natter allzeit über der Geburt ihrer Brut sterben müsse / daß ein Straus Eisen verdaue / daß eben die zehende Meereswelle gefährlicher sey / als die neundte oder eilffte / daß ein Chamäleon von der blossen Lufft lebe / und dergleichen Dinge sind allzusammen bey Poeten und Rednern ausgemachte Sachen; die Erfahrung mag dazu sagen was sie will. So soll sich ja auch ein Löwe vor dem Hahnen-Geschrey entsetzen; und doch weiß ich mehr als ein Exempel /daß Löwen aus ihren Behältnissen sich loßgebrochen und einen grossen Hauffen Hüner / alles ihres schreyens ungeachtet / erwürgt haben. Dieses (sagte Thußnelde lächelnd) ist zwar ein alter Irrthum gewesen / aber zu unserer Zeit eine unfehlbahre Wahrheit worden / indem der wegen seines Löwenmuths berühmte Germanicus Zeit seines Lebens keinen Hahn ohne schauren und schrecken sehen oder hören können. Herrmann beschloß: Aus allen diesen Beyspielen erhellet so viel / daß gleichwie die allgemeine Bejahung der meisten Menschen eine Sache nicht wahr zu machen vermag / die auch nur ein einiger mit vernünfftigen Gründen verwirfft; Also könne gegentheils die Wahrheit einer Sache dadurch keinen Abbruch leiden / ob gleich die gantze Welt daran zweiffelte /wenn nur dieselbe auf gutem Beweiß beruhet / ungeachtet dieser kaum einem Menschen auf Erden bekant ist. Es mag demnach Rom davor halten / oder nicht /daß Zeno Artaxias sey; so kan doch seine Unwissenheit oder Unglauben die Sache nicht zweiffelhafft machen / welche uns durch die gründliche Nachricht der klugen Erato so unwiedersprechlich heute morgends bestätigt ward. Und ich wolte wünschen / daß deroselben gefiel / anitzt fort zu fahren. Erato antwortete: Ich wäre dieß zu thun nicht weniger willig / als schuldig. Allein es ist / meines erachtens / nöthig / daß Hertzog Flavius Nachricht gebe / was ihm begegnet sey / ehe wir in denen Morgenländern wieder zusammen geko en sind. Hernach will ich die Armenischen Geschichten auszuführen nicht ermangeln. Flavius nahm demnach[1615] alsbald das Wort und sprach: Sie wissen allerseits / welcher gestalt meine gottselige Mutter mir eine scharffe Straff-Predigt gethan / als ich nebst dem Germanicus die unglückliche Schifffahrt auf der Emse verrichten wolte. Diese harte Bezeugung der sonst so gütigen Asblaste gieng mir durch Marck und Bein und stürtzte mich in unbeschreiblich-grosse Schwermuth / daß ich wohl von Hertzen gern gesehen hätte / wenn ich in dem gleich drauf erfolgten Schiffbruch untergangen wäre. Allein der Himmel gönnete mir noch eine Bußzeit / in welcher ich zwar offters willens war / von den Römern heimlich- oder öffentlichen Abschied wieder zu nehmen. Es gieng mir aber wie einem Vogel / der mit denen Flügeln in dem Leim hänget und sich nicht davon loß reissen kan / wenn er nicht zum wenigsten etliche Federn verlieren will. Denn eben also kam es auch mir schwer an / die Römische Ehrenstelle und Einkünffte fahren zu lassen /und mich wieder in mein Vaterland / auf Gnade und Ungnade meines höchstbeleidigten Bruders / zu begeben. Doch hatte ich endlich das Glück / dessen hertzgeliebteste Gemahlin zu Athen anzutreffen / allwo ich gleich einige Völcker wurbe / die / dem Germanicus zu Dienst / mit mir in Armenien ziehen solten. So ists; (sagte Thußnelda /) doch muß ich zuvor berichten / durch was Gelegenheit solches geschehen sey. Hierauf erzehlete sie umbständlich / wie sie mit dem Germanicus und Agrippinen auf dem Marsfeld zu Rom angekommen und vom Käyser beschencket worden / wie Catta in Ehr und Lebens-Gefahr gerathen /wie sie endlich nebst ihrer gantzen Gesellschafft mit Hülffe des Aristides aus ihrem prächtigen Gefängnüß glücklich entflohen wäre. Der Beschluß ihrer Rede lautete / wie folget: Es mochte nunmehr etwa eine Stunde nach Mitternacht seyn / als wir uns unter freyen Hi el berathschlagten / was zu thun wäre? Wir giengen alle in Manns-Kleidern und musten uns demnach auch Nahmen auslesen / die sich zu unserm angenommenen Geschlecht schickten. Ismene wolte ins künfftige Zenobius / Catta Hilarius / Clotildis Orpheus / ich Hermophilus / zum stillschweigenden Andencken unserer Geliebten heissen. Die Hertzogin Rhamis nennte sich Elpidius / die Gräfin von Nassau Ablavius / unser Wegweiser Aristides endlich Tychicus. Wir waren also denen sieben Irrsternen an der Zahl gleich. Aber unser Lauff war viel unordentlicher: indem etliche unter uns den nächsten Weg nach Deutschland oder Gallien erwehlen wolten; hingegen konte ich mir leicht einbilden / daß unsere Flucht nicht lange verschwiegen bleiben und man uns auf solchen Wegen am ersten nachsetzen würde / darauf wir am leichtesten in unser Vaterland wieder gelangen konten. Umb deß willen riethe ich / einen weiten Umbschweiff durch Griechenland / Thracien und Sarmatien zu nehmen. Ich bekam endlich von allen Beyfall / weil wir ohnedem nicht viel Zeit übrig hatten /uns zu besinnen. Daher giengen wir zu Fuß in möglichster Eyl biß nach Ostia / allwo wir aber kein ander Schiff segelfertig funden / als ein Sicilianisches. Auf dasselbige verdungen wir uns und kamen glücklich zu Messana an. Daselbst ruheten wir zweymahl vier und zwantzig Stunden aus / und fuhren hernach mit einem Kauff-Schiffe durch das Adriatische und Jonische Meer nach Corinth; von dar wandten wir uns nach Athen / weil wir höreten / daß Germanicus ehester Tage daselbst anko en würde / weßwegen man grosse Zubereitung machte / ihn mit ersinnlichster Pracht zu empfahen; da wir denn der tugendhafften Agrippina unsern Zustand in Vertrauen entdecken und ihres Raths uns bedienen wolten. Jedoch / weil Catta und Clotildis von der Seelufft waren kranck und mit einem kalten Fieber behafftet worden / musten wir sie zu Corinth sich wieder auswarten lassen / und langeten also nicht ehe als im December zu[1616] Athen an. Man feyerte gleich damahls das Lenäische Fest und hielt /dem Bacchus zu Ehren / nach uralter Gewohnheit /vier Schauspiele / davon das letztere sonderlich mit Stachelreden wider übermäßige Trunckenheit / Geitz /unvernünfftige Urtheil und andere im Schwang gehende Laster angefüllt war und also auch denẽ Zuschauern am allermeisten gefiel / nachdem ein ieder meynte / dieser oder jener wäre getroffen / ungeachtet er vielleicht in diesem grossen Laster-Spiegel seine Flecken so leicht hätte finden können / als anderer ihre. Das erste handelte von der Semele / des Weingotts Mutter / die von ihrem Liebhaber / dem Jupiter / mit Donner und Blitz getödtet worden. Das andere von dem Pentheus / den die Bacchen zerrissen haben / weil er ihres Gottes Macht verachtet hatte. Das dritte vom Lycurgus in Thracien / so alle Weinstöcke ausgerottet /deßwegen aber rasend worden und sich selbst ins Bein hauen und ermorden müssen. Das vierdte vom Midas / welcher den Silenus auf freyen Fuß gestellt und dem Bacchus wieder zugeführt hat / als er von den Bauern in seiner Trunckenheit mit Kräntzen gebunden und gefangen geno en worden; weßwegen dieser besagtem Phrygischen König die Wunderkrafft gegeben / alles / was er berührte / in Gold zu verwandeln: wodurch er aber eine ja so grosse Thorheit begangen / als da er den Vorzug in der Music dem Appllo ab- und dem Pan zugesprochen; daher auch jener verschaffet / daß der unzeitige Richter Esels-Ohren bekommen hat. Clotildis / weil sie nunmehr des Thracischen Poetens Orpheus Nahmen angenommen / welcher des Bacchus Gottesdienst zuerst in Griechenland gebracht / ließ uns nicht Ruhe / biß wir uns mit ihr auf den Platz bey Acropolis verfügten /allwo gantz Athen in einem kurtzen Begriff zu sehen war. Aristides / (der aus der Intel Lemnos bürtig ist /) wuste nicht / daß kein Frembder sich erkühnen darff /diesen Fest-Gebräuchen beyzuwohnen. Wir erfuhren es aber allzu zeitlich / als ein zunächst bey uns stehender Athenienser aus unserer Farbe im Gesichte schloß / daß wir Ausländer wären. Er befragte uns deßwegen gantz freundlich und wir bejaheten auch solches ohne Bedencken / unwissend / daß hierauf so grosse Gefahr stünde. Allein es erhub sich alsbald ein greulich Geschrey wider uns / und fehlete wenig /unser schöner Orpheus wäre ärger / als der Thracische / von dem wütenden Pöbel zerfleischet worden und hätte die Neugierigkeit mit seinem und unserm Blut bezahlen müssen. Die Angst ist sonst ein Wetzstein des Verstands und diese lehrte auch den Tychicus oder Aristides / mit einer klugen Nothlügen uns aus dem gewissen Verderben zu erretten. Denn er rieff: Gemach! ihr edlen Athenienser! vergreifft euch an denen nicht / die sich zu eurem Feg-Opffer wollen gebrauchen lassen. Sie erstauneten hierüber nicht weniger / als wir / und höreten mit Entsetzen an / was er ferner sagen würde: Habt ihr denn nicht mehr (fuhr er fort) die von undencklichen Zeiten hergebrachte Gewohnheit / daß ihr am sechsten Tag des Monats Aprils oder (wie ihr ihn neñt) Thargelions / zwey Personen zur Versöhnung vor alle eure Sünde abschlachtet? Seht! ich will eine von denselben seyn und dencke / durch solches gute Werck dem Apollo und der Diana einen wohlgefälligen Dienst / euch aber keine schlechte Wohlthat zu erzeigen / doch auch mir ein ewig Andencken bey euch zu stifften. Ich bin von Ankunfft ein Edelmann / und ob ich wohl wegen meiner vornehmen Eltern und Anverwandten nicht anzeigen darf / von was Geschlecht ich entsprossen / so könt ihr doch dessen zum wenigsten daher versichert seyn /weil ich sechs Knechte zu meiner Bedienung unterhalte. Ihr werdet demnach es mit Danckbarkeit erkennen / in Betrachtung / daß mich nicht etwan die verzweiffelte Armuth oder das böse Gewissen wie eure gewöhnliche Sühn-Opffer / sondern die eifrigste Andacht[1617] treibt / euch diesen Dienst zu thun. Ich will mich zwar nicht mit eurem ehemahligen König Codrus / oder mit denen großmüthigen Helden Cratinus /Aristodemus und Agraulus vergleichen / die sich selbst ehedessen zu Versöhn Opffern von eure Wohlfahrt gemacht haben. Jedennoch hoffe ich / daß mein Absterben euch eben so ersprießlich seyn werde / als jener ihres. Umb meinet willen werdet ihr auch allen meinen Leuten mit Gewogenheit zugethan seyn /nachdem keiner unter ihnen euren Gottesdienst zu entweyben / sondern allein mich hieher zu begleiten willens gewesen ist. Man nahm hierauf den so genanten Tychicus mit aller Ehrerbietung an / und meynte /wunder / was denen Atheniensern vor eine Ehre wiederführe / indem ein solcher Mann / der Stadt zum besten / sich dergestalt erniedrigte und Schmach / Fluch und Tod zu leiden so willig wäre. Er wurd in den Tempel des Apollo gebracht / mit einem beqvemlichen Zimmer / schönen Kleide und herrlichen Speiß und Tranck versorgt / erhielt auch uns die Freyheit /daß wir ihm biß zu seiner Aufopfferung aufwarten durfften und ward also zum Schein unser Gebieter aus unsern Bedienten.

Wir kunten uns nicht gnug wundern über dieser ungemeinen Treu des Aristides / der sich selbst dem Verderben in den Rachen stürtzte / umb uns aus denen Mord-Klauen des abergläubischen Pöbels unbeschädigt heraus zu reissen. Dannenhero sonnen wir auf Mittel und Wege / wie wir ihm wieder mit Rath und That beyspringen möchten. Inmittelst kam Hertzog Flavius nach Athen / Volck daselbst zu werben /begegnete ungefehr auf der Gasse dem Zenobius oder seiner verkleideten Schwester und ward durch ihr ansehnliches Wesen und vielleicht durch das nahe Geblüt getrieben / ihr Kriegs-Dienste anzubieten. Diese /weil sie jederzeit viel bey ihm gegolten hatte / verhoffte auch ihn zu bewegen / daß er uns allen aus unsern Nöthen hülffe. Sie ließ sich demnach werben und ward ein Unterbefehlshaber über funfzig Mann zu Fuß; dessen Ursach unter andern war / daß sie ihrem Zeno zu Liebe bey Eroberung des Armenischen Reichs auch etwas thun wolte. Sie begleitete aber den Flavius in seinen Palast und erhielt etliche Tage hernach auf ihr Ersuchen geheime Verhör / da sie ihm denn ihren rechten Nahmen / keines weges aber unsern Auffenthalt zu wissen that / ungeachtet er sie vielfältig deßwegen befragte / biß er endlich einen theuern Eyd that / daß er uns dem Käyser zu verrathen nicht begehrte / wenn er gleich Armenien / oder Cappadocien / oder Comagena / damit zu verdienen wüste. Vielmehr wolte er uns nach Mögligkeit dienen / und durch diese Busse und Besserung der Gunst seines Bruders und der Liebe seines Vaterlands sich wieder einiger massen würdig machen.

Ismene überredete hierauf uns alle mit einander /das beste von Hertzog Flavius zu hoffen. Und gewiß /solches gereuete uns keines weges. Denn als wir ihm zusprachen / empfieng er uns mit solcher Höffligkeit /daß wir ihm hoch davor verpflichtet sind. Wir nahmen insgesamt Kriegs-Dienste bey ihm an / und wurden zwey Tage hernach / weil das Winter-Wetter gar sehr erträglich und der Wind gut war / mit einem Kriegs-Schiffe in Carien verschickt / allwo wir seiner warten und so denn ferner den Feldzug in Armenien mit ihm thun solten.

Als Thußnelda in ihrer Geschichte so weit geko en war / fügte Flavius dieses hinzu: Vier Tage nach des hochfürstlichen Frauenzimmers Abreise vollzoge ich den mit meiner Schwester gemachten Anschlag. Ich ließ mich durch den Metrodorus / welcher selbiges Jahr Archon war / in gantz Athen herumbführen und besahe das Schloß / ingleichen alle Tempel / Marckt-Plätze / Grabmahle und Seehafen. Solcher gestalt kam ich endlich an den Tempel des Apollo / allwo mir unter andern der Tychicus gezeiget ward / den man als ein Schlacht-Opffer[1618] nach aller Lust mästete. So bald ich seiner ansichtig wurde / sagte ich mit einer angenommenen Geberde: Wie nun? du verlauffener Hund! Treffe ich dich hier in aller Wollust an / da du von rechtswegen vorlängst am Creutz soltest verdorret seyn? Drauff kehrte ich mich zum Metrodorus mit folgenden Worten: Dieser Aristides hat die höchste Ungnade des Käysers verdient / nachdem er demselben etwas geraubet hat / das er höher schätzt / als ein Königreich. Ich kan demnach nicht zugeben / daß der Ertzbube eines so gnädigen und geschwinden Todes sterbe / sondern gedencke selbst / ihn / als einen kundbarn Feind des Tiberius / zu gebührender Straffe nach Rom zu bringen. Doch muß er sich erst zuvor in Armenien schleppen lassen / damit er Zeit habe / in Ketten und Banden / oder auf der Ruderbanck zu überlegen / wie gerecht des Himmels Rache sey / wel che die Ubelthäter / wie der Hirsch die Schlangen /aus denen tieffsten Erdlöchern zu ihrem Verderben hervor ziehen kan. Weil nun Tychicus / (wie ihn Ismene unterrichtet hatte /) bekante / daß er der Kellermeister Aristides und des Lasters der verletzten Majestät schuldig wäre / kunten die Athenienser ihn mir nicht vorenthalten / ungeachtet sie ungern dran giengen / weil sie in dem Aberglauben steckten / alles Unglück würde sie treffen / weñ derjenige vielleicht das Leben davon brächte / der sich zum Fluch und Fegopffer vor sie selbst freywillig angeboten hätte. Aristides muste also auf das Schiff / mit welchem ich nebenst meinen Leuten den dritten Tag darnach aus dem Phalereischen Hafen ins Aegeische Meer fortsegelte. Er ließ sich aber gantz wohlgemuth mit Riemen binden / weil es nicht ewig währen solte / und ich ihn nicht übel halten ließ. Solchergestalt kam ich endlich zu Antiochia in Carien glücklich an / und fand daselbst unter meinen vorher geschickten Völckern alles in guter Verfassung. Wir genossen vier Tage einer nöthigen Ruhe und wolten den fünfften von dar in Pamphylien aufbrechen. Da ich denn mit dem frühesten aufstund / etliche Hauptleute / wie auch unsere sechs in Männer-Tracht verkleidete Amazoninnen zu mir nahm und ihnen ansagte / ich hätte einen sehr verdrießlichen Traum von dem Aristides gehabt / also daß ich in Sorgen stünde / er würde auf der langwierigen Reise noch entwischen / und ein grosses Unglück stifften. Daher wäre ich willens / gleich itzo noch den verdienten Lohn ihm zu geben / und / damit ich destoweniger Sorge tragen dürffte / daß der Bösewicht entrinnen möchte / der Hinrichtung in eigener Person beyzuwohnen. Es durffte mir niemand widersprechen. Ich hieß demnach den Gefangenen herzu hohlen und ritte mit ihm bey noch währender Demmerung in möglichster Stille unter der Begleitung von zwölf Mañ in den nächsten Wald. Alldar hielte ich ihm sein Urtheil vor / daß er sich langsam zu todte bluten und so denn den wilden Thieren zur Speise dienen solte. Nachdem diß geschehen war / ließ ich den so genanten Ubelthäter durch den Ablavius oder die Gräfin von Nassau an einen Baum binden und ihm eine Ader am rechten Arm schlagen. Gleich drauf thate ich / als wenn mir etwas wichtiges einfiele / das unverzüglich müste angeordnet werden. Daher ritte ich wieder nach der Stadt mit einer angemaßten Eilfertigkeit / und nahm alle die mit / die von dem Geheimnüß nicht wissen durfften. Denen sechs männlichen Heldinnen hingegen befahl ich / bey dem Sterbenden zu bleiben /biß er seine Seele mit dem letzten Blutstropffen von sich gegeben hätte. So bald ich aber weg war / lösete die Gräfin von Nassau den Aristides vom Baum und verband ihm die Ader / gab ihm auch herrliche Stärckungen und andere Lebens-Mittel / die sie und ihre Spießgesellinnen mit sich heimlich hinausgetragen hatte. Clotildisstellete ihm einen Brief an den Rhemetalces zu / dariñen sie ihm ihre Reise in Armenien kund machte und inständig bate / Zeigern dieses dem Sarmatischen[1619] Erbfürsten Boleßla bestermaßen zu empfehlen / damit er durch dessen Gebiet in Deutschland sicher gehen möchte. Hiermit verliessen sie ihn im Holtz und kamen bey mir mit der Nachricht an /daß meinem Willen eine Gnüge geschehn. Es hat auch Rhemetalces nach der Zeit uns berichtet / daß Aristides / so bald ich aus Carien abgezogen gewesen / sich in Thracien verstohlner Weise begeben / ihm das Schreiben überliefert und ein anders von ihm an den Boleßla erhalten habe. Ob aber dieser treue Mensch noch ietzo lebe / oder todt sey / kan ich nicht wissen. Doch wüntschte ich jenes von Hertzen / umb Gelegenheit zu haben / seine Dienste gebührender maßen zu vergelten. Aus Pamphylien gieng ich mit meinen Völckern in Cilicien / da ich denn immer unterwegens durch das an jedwedem Ort auf mich wartende Land-Volck verstärckt ward. Und endlich kam ich im grössern Armenien an. Wie es nun daselbst vor meiner Ankunfft gestanden habe / wird meine allerliebste Erato zu berichten sich belieben lassen.

Diese wolte hierauf antworten: Allein die gantze Gesellschafft war des Sitzens überdrüssig und ließ demnach die Tafel aufheben / weil man ohnedem der noch etwas schwachen Adelgund einige Mittags-Ruhe göñen muste. Inzwischen aber Herrmann seine Gäste in ein anderes Zimmer führte / ordneten Jubil und Malovend die Ritter Dießkau und Blume an den Cattischen Hertzog Arpus ab und liessen selbigem die längstverlangte Botschafft von Ankunfft seiner Tochter in Deutschland bringen / dabey such umb Erlaubnüß bitten / die Fürstin Catta nach Mattium zu begleiten. Als nun Erato alle ihre durchlauchtige Zuhörer wieder umb sich herumb stehen sahe / vollstreckte sie ihr voriges Fürhaben mit dieser Rede: Das Königreich Armenien ist von langen Zeiten her wie ein schmales zwischen zwey wilden Meeren liegendes Land gewesen / welches entweder auf der einen / oder auf der andern Seite von denen Wellen überschwemmet / verwüstet und abgespület wird. Denn also haben bald die Parther / bald die Römer mein väterlich Erbtheil angetastet und gleichsam zu einem sandigen Kampffplan machen wollen / auf welchem sie ihren Streit ausführen möchten / wer unter ihnen der gantzen Welt Könige zu geben befugt sey? Alter Geschichten nicht zu erwähnen / so ist bekant / daß / nachdem ich die Armenische Cron freywillig abgelegt / der aus Parthien vertriebene Vonones sich deroselben angemasset /weil er etwa der Meynung gewesen / daß / wenn ein Schatz niemanden eigenthümlich zusteht / habe ein jeder recht / denselben weg zu nehmen / wer nur Lust dazu hat. Allein Artabanus in Parthien dachte auch also; und überredete dañenhero durch gute und böse Wort viel edle Armenier / seinen Sohn Orodes zu ihrem König zu machen. Sie giengen solches umb so viel lieber ein / weil ihnen schimpflich dünckete / den weibischen Vonones zum Herrn anzunehmen / der denen Parthern nicht gut genug gewesen war / und den Scepter über die meisten Morgenländer sich aus den Händen so leicht und schmählich hatte winden lassen. Nichts destoweniger / weil dieser von der Stadt Rom gleichsam zum Sohn angenommen war /hoffte er / keine geringe Beyhülffe zu Behauptung des Armenischen Reiches von dar zu erhalten. Die tapffern Deutschen aber hielten den Tiberius damahls so warm / daß er mehr das seinige zu schützen / als frembden etwas zu erwerben / bedacht seyn muste. Daher bate der Syrische Landpfleger Creticus Silanus den armen König zu sich / unterhielt ihn mit steten Gastereyen und Lustspielen / auf daß er dabey das Leid wegen seines verlohrnen Reichs vertrincken möchte; ließ ihn auch durch eine starcke Römische Leibwacht bedienen / aus Furcht / er möchte entwischen und Händel anfangen / womit der Käyser bey damahligen Zustand unverworren seyn wolte.[1620] So stunden die Sachen in Armenien / als Zeno vor meinen Bruder Artaxias bey der Pontischen Königin Pythodoris zu Sinope erkant wurde.

Die beyden Armenischen Ritter / Osaces und Tiribaces / reiseten hierauf mit dieser neuen Botschafft in ihr Vaterland. Wie man nun das am liebsten glaubt /was man wüntscht: also fiel es ihnen nicht schwer /fast gantz Armenien zu überführen / daß der grosse Artaxias in seinem todt-vermeynten Sohne gleiches Nahmens wieder lebendig worden wäre. Viel zweiffelten zwar / daß Zeno von meinem Vater entsprossen sey; doch stimmeten sie mit jenen darinnen überein /es wäre besser / den tugendhafften Sohn der Pythodoris / wenn er gleich nicht Artaxias wäre / als etwan einen Parthischen Tyrannen / wie Orodes / oder einen Römischen Sclaven / wie Vonones / zum König zu haben. Denn weil die meisten auf ihren Reisen oder bey allgemeinen Ritterspielen die heldenmäßige Auferziehung der so genanten Arsinoe zu Sinope angesehn / und gnugsam bemercket hatten / daß dieser Pontische Hercules zwar Weibs-Kleider getragen /aber an statt des Rockens und der Spindel Spieß und Schwerdt im Kriege / Pfeil und Fangeisen auf der Jagt / von Jugend an geführet; so achteten sie sein eigenes Verdienst groß genug / ihrer Cron die Wage zu halten / ohne daß man erst die Thaten seiner Ahnen dazu legen dürffte. Mein Bruder schrieb hiernächst auf ihr Einrathen an den Käyser / mit Bitte / ihm zu Wiedererlangung seines Armenischen Erbreichs behülfflich zu seyn. Er würde diß wohl nimmermehr gethan haben / wenn er nicht gesehn / daß Armenien durch die bißherige Unruhe so gar von allen Kräfften gekommen wäre / daß man einen von diesen zwey mächtigen Widersachern / den Tiberius oder Artabanus / zum Freunde haben müste / wenn man sich gegen den andern vor Feind erklären wolte.

Ich war eben damahls in Rom (sagte Flavius /damit Erato ein wenig Athem schöpffen möchte /) als der Brieff ankahm. Jederman hörete die seltsame Nachricht von des in der Wiege liegenden Artaxias wunderbahren Erhaltung in dem Arethusischen Seebusem eben so an / als wenn etwa Simonides oder Euripides erzehleten / daß so wohl Perseus als auch Telephus mit ihren Müttern / Danae und Auge / in Kasten geschlossen / ins tieffe Meer geworffen und dennoch von denen Wellen lebendig an Land getrieben worden. Ungeachtet nun der Käyser das Königreich Pontus / nicht aber Armenien / vor des Zeno Vaterland hielt / so gönnete er ihm doch diese Cron lieber /als dem feindseligen Parther; erkante auch / daß er sich umb das Römische Reich in der Niederlage des Qvintilius Varus wohlverdient gemacht; suchte endlich hierdurch Gelegenheit / die mächtige Pythodoris zu begütigen / wenn sie etwa den Todt ihres Gemahls Archelaus übel empfinden möchte / welcher in des Tiberius Hertzen schon fest gesetzet war. Unterdessen verursachte dieses Begehren des Artaxias / daß Germanicus aus Deutschland zum Morgenländischen Feldzug vom Käyser abgefordert / und daher einen Frieden mit meinem Bruder zu schliessen veranlasset wurde. Allein er hatte so wohl auf dem Adriatischen als Jonischen Meer lauter widerwärtig Wetter / hielte sich auch sonst bey seiner gantzen Reise ziemlich lange auf / indem er die vornehmste Städte und Inseln in Griechenland / Thracien und Klein-Asien besahe /neue Freyheiten denen Einwohnern daselbst verliehe /dero Klagen anhörte / die eingerissenen Unordnungen abschaffte / und die verledigten Gerichts-Stellen mit tüchtigen Leuten besetzte / also gar / daß / wie er in Armenien ankam / der Krieg schon zu Ende war. Denn Artabanus fürchtete sich nicht allein vor dem weltberühmten Germanicus / der / seit dem er die Deutschen abgehalten / nicht über den Rhein / geschweige[1621] über die Alpen / zu gehn / ob er sie gleich unter das Römische Joch wieder zu bringen nicht vermocht / in so grosses Ansehen bey denen Parthern gekommen war / daß man ihn vor den grösten und glücklichsten Helden achtete / den Rom iemahls erzeuget hätte; (welcher sein Ruhm zum ewigen Nachruhm der Deutschen Tapfferkeit dienen mag:) sondern die bekante Herrschsucht seines Bruders Gotarzes machte auch den König höchst besorgt / daß dieser heimtückische Hund ihn von hinten zu anfallen möchte / so bald er mit dem muthigen Löwen Germanicus im redlichen offenbahren Kampff begriffen wäre. Inmittelst langete ich mit vier tausend Mann ungefehr in Armenien an und fand zwey Könige zugleich daselbst / nemlich den Artaxias und den Orodes; von welchen jener mit drey tausend Mann aus Pontus zwey Tage zuvor über den Antitaurus eingebrochen / und durch den meisten Land-Adel sehr verstärckt war. Dieser aber gegentheils konte aufs höchste acht tausend Mann ins Feld stellen; denn die Armenier / so ihm eine Zeitlang angehangen hatten / wurden zusehns unsichtbahr / als der bißher unsichtbahre Artaxias sich in seinem Erbreich sehen ließ. Das gantze Land unter seiner und meiner Anführung legte sich hierauf für den Königlichen Sitz Artaxata / und schloß denselben so enge ein / daß dem Orodes eben so angst wurde /als einem / dem das Geblüte aus allen Gliedmassen des Leibes mit Gewalt nach dem Hertzen dringt / also daß er fast darüber ersticken muß. Hingegen waren ich und Ismene gantz neu gebohren / da Erato und Artaxias im Lager zu uns kamen und nach angebohrner Höffligkeit sich höchlich bedanckten / daß wir uns mit so auserlesenen Völckern eingefunden hätten /dem rechtmäßigen Erben der Armenischen Cron zu dem seinigen zu verhelffen. Ich bezeugte hingegen eine ungemeine Freude über der Verwandelung meines glücklichen Mitbuhlers in den Bruder meiner Geliebten / und erkante zwar recht und billig / daß sie ihm mit der natürlichen Liebe noch ferner zugethan verbliebe / bate aber / ihrer ehelichen mich zu würdigen. Erato versicherte mich / daß sie meine beständige Gewogenheit hoch achte und zu seiner Zeit nach Verdienst zu vergelten wolte geflissen seyn. Artaxias setzte hinzu: Ich bin meiner Schwester höchst verpflichtet / daß sie sich an meiner statt gegen den Cheruskischen Hertzog danckbahr zu erzeigen und dessen treue Liebe mit Myrthen zu bekräntzen gedenckt /nachdem er mich mit Gold und Lorbern zu crönen bemühet ist. Alldieweil aber auch die unvergleichliche Ismene ihr unschätzbares Leben nicht zu theuer hält /es vor meine Wohlfahrt zu wagen / muß ich gestehen / daß ich ihr mich gantz davor schuldig achte. Daferne demnach mein Thron einer solchen Heldin nicht zu schlecht wäre / die ein Römisches Käyserthum / oder Parthisches Königreich zu beherrschen verdient /würde ich mein wol zwantzig mahl kleineres Land mit dem Tiberius und Artabanus gegen das ihrige ni ermehr zu vertauschen begehren. Ismene antwortete: Mein erwehlter Nahme Zenobius kan gnugsam darthun / daß ich die theure Zusage / so ich dem tapffern / obgleich unbekanten Zeno in Deutschland gegeben habe / nehmlich in ihm allein zu leben / dem großmächtigen Artaxias in Armenien zu halten / nicht ungeneigt sey. Und ob ich wohl an ihm nicht die Cron /sondern die Person liebe / so hat er doch die Art eines Granat-Apffels an sich / der uns wohlgefällt / wenn er noch grün und verschlossen ist / weit angenehmer aber wird / wenn er sich selber öffnet und seinen ehemahls-verborgenen Purpur sehen läst. Wir hatten dergleichen höchst vergnügliche Gespräche unter einander noch eine gute Weile / biß Thußnelda / Catta /Rhamis und Clotildis von ihrer Wacht abzogen und Gelegenheit nahmen / uns zuzusprechen / umb durch hertzliche Glückwüntsche ihre hohe Zuneigung gegen uns an Tag zu legen. Nachmittags ward Kriegs-Rath gehalten[1622] und beschlossen / mit ehesten einen Sturm auf Artaxata zu versuchen. Ehe aber solches geschahe / fiel Orodes mit etlich tausenden in unser Lager bey Mondenschein / und weil wir ihm dergleichen Kühnheit nicht zutraueten / fand er uns ein wenig unbereitet. Allein / obgleich Hermophilus nur über hundert Mann zu befehlen hatte / brachte er doch die andern Hauptleute und gemeinen in so gute Ordnung / als immermehr bey dergleichen Unruhe seyn konte / übete auch so ungemeine Helden-Thaten aus / daß Freund und Feind gestehn musten / wir hätten es ihm allein zu dancken / daß wir von den verzweiffelt-fechtenden Parthern nicht eine grössere Niederlage erlitten.

Thußnelde verwehrete dem Flavius / sie weitläufftiger zu rühmen / indem sie also sagte: Es würde mein schwacher Arm viel zu ohnmächtig gewesen seyn /den rasenden Orodes aufzuhalten / wenn nicht der unerschrockene Flavius selbst hierbey gethan hätte / was ihm als einem klugen Feldherrn zustund. Er raffte so viel Volck / als er kunte / zusammen und kam mir eben zu Hülffe / als ich auf dem vom Blute schlipferichen Erdboden gleitete und vorwärts darnieder stürtzte. Mehr als sechs Parther waren nun mit ihren Säbeln über mich her und hätten mich sonder Zweiffel in Stücken zerhauen / wenn er nicht gleich herzu gesprungen / den einen Streich mit dem Schilde aufgefangen und einen andern verhindert hätte / indem er dem Feind eine so starcke Wunde über die Faust gab /daß er das Gewehr und etliche Finger fallen ließ: Indessen Ablavius oder die Gräfin von Nassau und Ritter Gladebeck zwey andere hart verwundeten / also daß auch die übrigen gegen sie sich wenden und wehren musten. Dergestalt kame ich wieder auf die Beine und thate nach Vermögen / was so wohl meine Soldaten-Pflicht / als die Sorge vor mein Leben von mir erforderte. Weil nun mitlerzeit etliche hundert von unsern Leuten sich herzu fanden / ward Orodes die Flucht nach der Stadt wieder zu nehmen genöthigt. Zwey Tage hernach wolten wir unsern Schimpff rächen. Ich hatte auch das Glück die Mauer zu ersteigen / wurde aber nebst Ismenen und etwa zwey hundert Mann von dem Haupt-Heer abgeschnitten. Daher wehrten wir uns aufs beste und waren bemüht / unser Leben auf das theuerste zu verkauffen. Jedoch hätten wir unfehlbahr unter so einer grossen Menge / da uns niemand entsetzen konte / erliegen müssen / wenn nicht zu unserm grossen Glück allenthalben unter denen Römern / Griechen / Armeniern / ausserhalb der Stadt / und denen meisten Parthern auf der Mauer / ein grosses Geschrey entstanden wäre: Legt die Waffen nieder! Es ist Friede! Der wütende Orodes kehrte sich anfänglich hieran nicht / sondern setzte meiner kleinen Gesellschafft so hefftig zu / daß die Helffte von uns todt und wir andern alle vielfältig verwundet waren. Endlich unterrichtete ihn Abdageses / sein vornehmster Staats-Bedienter / König Artabanus befähle / Frieden zu machen. Dahero bote er uns / wiewohl höchst-ungern / Gnade an. Ob nun wohl dieses Wort: Gnade / mir nicht allerdings gefiel / war es doch vergebens / uns deßwegen in Streit einzulassen und in muthwillige Gefahr zu stürtzen. Wir nahmen demnach Leben und Freyheit an und höreten hierauf / daß unten am Graben vier Abgesandten des Artabanus stünden /die Oel-Zweige in Händen trügen und ihren Landes-Leuten zuschrieben: des Königs Wille sey / sein Sohn solle Frieden machen / und / dem Germanicus zu Ehren / Armenien verlassen. Weil nun ihr Begehren nach Wuntsch derer Stürmenden war / hatten sie bald Erlaubnüß erlangt / durch das Lager biß an die Festung zu reiten / und also dem Orodes seines Vaters Verlangen anzudeuten. Dieser / wohl wissend wie wenig mit demselben zu schertzen wär / erwieß von Stund an seinen Gehorsam / indem er den Abdageses an den Flavius und[1623] Artaxias abschickte und das gantze Königreich zu räumen sich erbote / hingegen einen freyen und sichern Abzug sich ausbedunge. Als sie deßwegen unter einander einig waren / führte der gewesene König sein Volck aus einem Thor der Vestung aus / unterdessen Artaxias durch das andere einzog / und zu seiner unbeschreiblichen Freude Ismenen nebenst mir noch lebend fand. Er verlangte zwar / sie möchte die Manns-Kleider ablegen und wie zuvor die Stadt-Mauern / also auch nun den Thron besteigen. Sie wolte aber solches nicht ehe thun / biß daß wir andern allerseits / außer Gefahr vor dem Tiberius zu seyn / verhoffen könten. Unterdessen suchte ich die Wachs-Tafel hervor / welche mir Asblaste bey meiner Vermählung geschencket hatte / mit der nachdencklichen Erinnerung / dieselbe nicht ehe zu eröffnen / als biß ich mich in Artaxata befände. Sie ist gantz klein und liegt in einem dünnen silbernen Gehäuse. Ich hatte sie dannenhero als einen grossen Schatz schon zehn Jahr lang ohne Beschwerung bey mir herumb getragen / aus schuldiger Ehrerbietung aber gegen eine so hoch-erleuchtete Auslegerin des göttlichen Verhängnüsses nicht ehe durchsehn wollen.

Als Thußnelde dieses sagte / zeigte sie der Gesellschafft die sehr zart- und zierlich-gegrabene Schrifft /und lase nachfolgendes aus derselben ab:


Wehrteste Thußnelda!

Meine Weissagung /

von deiner bißherigen Wallfahrt nach Artaxata /

ist eingetroffen.

Verni nun auch /

Was ich von deiner kůnftigen Wohlfahrt zu sagen habe.

Diese Stadt

ist das weiteste Ziel /

nach welchem du /

umb den Preiß der Großmuth / Gedult und Hoffnung zu erlangẽ /

hast lauffen můssen.

Murre aber nicht /

daß der Himmel dir eine neue Průfung auflegt.

Deine Gemůths-Gelassenheit in Widerwärtigkeit

gefällt ihm so wohl /

daß er sich noch nicht satt daran gesehn hat.

Drumb sey zu frieden /

ob du gleich aus denen Morgenländern

nicht Perlen / sondern Thränen /

mit nach Hause bringst /

und so bald du die Abend-Welt wieder betrittest /

h \ren must /

deine Sonne sey blutroth untergangen.

Dencke nach /

kan auch eine Wolcke

mit einem sch \nen Regenbogen prangen /

die nicht zuvor manchen Zehren vergossen?

oder ein Rebe sůssen Wein tragen /

ehe er sich ausgeweinet?

Wůrde wohl dieses Wachs

des Aufhebens und Ansehens werth seyn /

dafern ihm der scharffe Griffel

nicht so viel Wunden gegeben håtte?

Gewiß:

keine Vergnůgung wird besser empfunden /

als die auf vielfåltiges Unvergnůgen folgt

und wer der Welt zum Beyspiel der Beståndigkeit dienen soll /

muß wie das Gold / mehr als eine Probe / aushalten.

Doch glaube getrost /

daß

wenn du vor Harm einem Schatten åhnlich worden /

und Herrmanns Schatten zu sehen hoffest /

du sein gantzes Wesen mit denen Armen fassen

und befinden sollst /

daß Schatten und C \rper bey ihm einerley sey.

Und also mag der Rasenhauffen /

womit du seine Gebeine beehren wollen /

zum Grabmahl deines Kummers /

zum Merckmahl der göttlichen Schickung /

zum Siegsmahl deiner Standhafftigkeit

und zum Denckmahl deines unverhofften Glůcks

jederzeit dienen.


So bald ich dieses das erste mahl gelesen hatte /(ergäntzte Thußnelda ihre Erzehlung) machte die vermeynte Nachricht von meines Gemahls blutigen Todt / daß mir alle Lust vergieng / in Armenien einen Augenblick zu bleiben. Mit genauer Noth ließ ich mich von dem Flavius erbitten / noch drey Wochen zu verharren / weil allein zu reisen / vor mich allzu gefährlich seyn würde / er aber nicht ehe mitziehen könte /biß er das Heer dem Römischen Feldherrn Germanicus übergeben hätte. Unterdessen kam dieser an / forderte alle Reichs-Stände nach Artaxata zusammen /stellete ihnen zu ihrer unbeschreiblichen Freude den Artaxias zum König vor und setzte ihm den Hut[1624] auf /den ich vorhin (auf deutsche Art zu reden /) die Armenische Cron nennte. Er ist aus Purpur-Tuch gemacht /hoch und etwas spitzig / auch starck gesteifft und mit Perlen und Edelgesteinen reichlich besetzet; wird unter dem Kien bey denen herabhangenden Zipfeln mit einem güldenen Hefftlein befestigt. Der hauptsächlichste Unterschied zwischen dem Königlichen und Fürstlich- oder adelichen Hüten besteht darinnen / daß diese nicht gerade in die Höhe gehn / sondern nothwendig überhängen müssen. Artaxias stellete hiernächst unterschiedene Gastereyen / Ritterspiele und Jagten an. Inzwischen wagte ich mich nebenst Ismenen und Clotildis / als Hermophilus / Zenobius und Orpheus / der tugendhafften Agrippina aufzuwarten und ihr unsern Zustand zu entdecken. Wir funden sie in grosser Schwermuth / welche durch unsere Gegenwart ein wenig gelindert wurde / wie sie uns dessen mit Worten und Geberden versicherte. Sie erzehlete uns ihre gantze Reise von Rom aus / biß in Armenien / kunte aber für vielen Thränen kaum reden / als sie berichten wolte / wie es ihr zu Colophen in Jonien ergangen; Apollo (sagte sie) hat daselbst ein Heiligthum / in welchem der Priester richts mehr / als die Nahmen und Anzahl derer Personen / so einen göttlichen Ausspruch verlangen / erfraget / hierauf in eine Höhle geht / einen Trunck aus einem daselbst befindlichen Wunder-Brunnen thut / und ob er wohl mehrentheils gantz ungelehrt ist / man auch die Fragen nur in Gedancken abfassen darff / so antwortet er doch reimweise auf alles / was man verlanget. So bald nun mein Gemahl angeländet war / bate er den Wahrsager ihm Nachricht zu geben von dem / woran er gedächte? Dieser machte sich in seine Grufft und kam mit diesen Worten wieder heraus:


Dein muntrer Helden-Geist låst dich wohl niemahls ruhn;

Du suchst es dem August an Thaten gleich zu thun /

Der dich zum Enckel angenommen.

Fahr immer also fort und bilde dir nur ein:

Es werde bald die Stunde kommen /

Da du wirst dem August gantz gleich und åhnlich seyn.


Als nun Agrippina bitterlich hierüber zu weinen aufieng / wolte Ismene sie mit diesen Worten trösten: Ich gestehe gar gern meine Einfalt. Denn ich kan nicht begreiffen / warumb die großmüthige Agrippina über einer solchen Weissagung sich so ungewöhnlich bekümmere / nachdem nichts daraus zu folgen scheint /als daß Tiberius bald sterben / dero hertzgeliebtester Gemahl aber den Käyserlichen Thron erben / und also dem August ähnlich werden soll. Wolte der Hi el /daß dem also wäre! (gab Agrippina zur Antwort /) Aber ach! nein! Es ist meinem Germanicus vorlängst der Todt in Asien durch einen klugen Chaldäer angekündigt worden. Und also bin ich leider! mehr als zu versichert / daß Apollo gemeynet habe / mein Gemahl werde aufs eheste dem Augustus / nicht im Käyserthum / sondern im Tode / gleich werden und sterben müssen. Der neue Landpfleger in Syrien Cnäus Piso wird ohne Zweiffel hierzu beytragen / was er vermag. Denn es bedarff dieser Athamas nicht / daß ihn eine Tisiphone rasend mache und wider uns aufhetze / weil seine Plancina alle Furien an Boßheit übertrifft / und weder Scham / noch Ehre achten würde / wenn sie nur ihren höchstunbilligen Haß an uns auf das allergreulichste auslassen könte. So leicht ein ungeheuerer Elephant sich von einem schwachen Knaben regieren und zum Zorn wider die Feinde reitzen läst: So wenig Mühe braucht ein ohnmächtiges Weib bey dem so genanten grossen Piso. Wir sprachen ihr hierauf einen Muth ein / so gut es uns möglich war / und befragten sie letzlich umb Rath / ob wir dem Germanicus unsere Anwesenheit kund thun solten. Sie wolte aber solches nicht gut heissen / weil er zwar sehr gerecht / mitleydig und höfflich / dabey aber gegen seinen Vater Tiberius allzu gehorsam wäre. Nachdem wir endlich unterschiedliche köstliche Kleinode zum Andencken und unzähliche Küsse zum Abschied von der gütigen Agrippina empfangen hatten / verliessen wir sie / besuchten den Hertzog Flavius und erinnertenihn / Anstalt zur Heimreise zu machen. Er gieng umb deßwillen zum Römischen Feldherrn / zeigte ihm seine Begierde an / in Deutschland zu ziehen und zu sehn / ob er daselbst ein Glück antreffen und Land und Leute sich erwerben könte; Bate dannenhero / ihn seiner Kriegsdienste zu erlassen / weil er / (Germanicus /) ohnedem / nach seiner persönlichen Ankunfft in Armenien / deroselben nicht sonderlich vonnöthen hätte. Dieser kunte ihm solches nicht versagen / theils / weil ihm (wie man sagte /) vom Käyser ausdrücklich befohlen war / die Deutschen in steter Uneinigkeit unter einander zu erhalten / wozu des Flavius Vorhaben nicht undienlich schien; sondern auch / weil er dessen ernstliche Meynung sahe und ihn / als einen freyen Fürsten / keines weges wider seinen Willen zu etwas nöthigen wolte. Er gab demnach ihm / ingleichen seiner Braut / der Königin Erato / eine ansehnliche Menge güldener Müntzen und Edelgesteine / hierbey aber auch einen offenen Freybrieff / darinnen allen Käyserlichen Beamten anbefohlen ward / Zeigern dessen / den Cheruskischen Hertzog Flavius / als einen grossen Freund des Römischen Reiches / nebenst bey sich habenden / nicht aufzuhalten / sondern ihm mit Schiffen / Fürspann / Lebens-Mitteln / oder was er sonst begehren würde / ohne Entgeld auszuhelffen. Indessen langete Rhemetalces bey uns an / seine Clotildis zu sehn / ob er wohl fürwandte / daß er den Germanicus zu besuchen käme. Ich habe in der Erzehlung / von meinem Gefängnüß auf dem Marsfeld vor Rom / gedacht / daß dieser Fürst dem Käyser ein Schreiben überbringen müssen / worinnen sein Vater Rhascuporis sich entschuldigte / daß er sich der Person des Königs Cotys versichert hätte. Tiberius und der gantze Rath antworteten: Er solte den Gefangenen dem Unterlandpfleger in Mösien Latinius Pandus ausantworten und persönlich nach Rom reisen / umb seine Sache daselbst auszuführen. Dieses stund der abgefeimten Ertzbübin Ada / des Rhemetalces Stieffmutter / keines weges an. Dannenhero beredete sie ihren Gemahl / der gleich einem Bär nach ihrer Pfeiffe allzeit tantzen muste / daß er ihr vergönnete / diesen verdrießlichen Vetter auf die Seite zu schaffen und damit dem weitläufftigen Rechts-Streit zu Rom ein kurtzes Ende zu machen. Sie gieng / auf erhaltene Erlaubnüß / frühe morgends mit zweyen Dienern / derer Verschwiegenheit und Geschicklichkeit sie in dergleichen Schelmstücken mehr als einmahl geprüfet hatte / und die ihr im Fall der Noth / wenn sich Cotys wehren wolte / ihr beystehn solten / in das Zimmer / in welchem der unschuldige König bewachet wurde und stieß ihm unter allerhand freundlichen Zureden einen Dolch mitten ins Hertz / daß er mit den Worten: O Himmel! dahin sanck. Die Knechte musten hierauf die starre Hand des Sterbenden an den Hefft des meuchelmörderischen Gewehrs legen / damit es das Ansehen gewönne / ob hätte er sich selbst aus Verzweiffelung umbs Leben gebracht. Die Scheide aber ließ sie ihm unter dem Halse zwischen das Hembde und den blossen Leib hinein stecken / auf daß man destoweniger zweiffeln dürffte / er wäre vorlängst mit diesem Dolch heimlich gewaffnet gewesen / umb entweder sich selbst / oder wohl gar dem Rhascuporis das Licht damit auszulöschen. Nur hatte sich der gefangene Cotys etliche Wochen zuvor unterschiedene Bücher /und insonderheit die Wercke des Plato / zum Zeitvertreib ins Gefängnüß bringen lassen. Unter diesen suchte Ada den Phädon oder das Gespräch von Unsterbligkeit der Seele und legte solches auf des todten Königs Schreibtisch / sonder Zweiffel darumb / weil Marcus Cato vor sechzig Jahren ungefehr sich erstochen / nachdem er diese Schrifft des Platons durchgelesen. Sie gieng hiermit davon / und indem sie in den Vorsaal trat / rieff sie nochmahls zur Thür hinein /daß es die Wacht hören kunte: Wohlan! wenn euch des Plato[1624] Grillen besser gefallen / als meine Gespräche / so will ich euch mit meiner Gegenwart nicht länger beschwerlich seyn. Umb Mittag schickte sie /nach Gewohnheit / einige Speisen von ihrer Tafel in des Cotys Gemach durch etliche Diener / so von der Mordthat nichts wusten. Diese kamen mit erschrockenen Geberden zurück gelauffen und zeigten dem Rhascuporis an / daß Cotys sich selbst entleibet habe. So sehr sich nun dieser nebenst der Ada / dem äusserlichen Schein nach / hierüber entsetzte; so sehr thate es in der Warheit der tugendhaffte Rhemetalces. Sie liessen allerseits Essen und Trincken stehn / und eileten an den Ort / allwo des Cotys Leiche lag. Ada verfluchte wohl tausendmahl den Plato / daß er mit seiner schulfüchsischen Klugheit einen sonst mehr als zu verständigen Fürsten so thöricht gemacht / auf diese so unvernünfftige Art wider sich selbst zu wüten. Dem Rhemetalces ward hiernächst anbefohlen / den Cörper des Cotys / so bald er in Honig gelegt wäre /seiner Witwe / der Antiope zu überbringen / welche nebst ihren Kindern und getreuesten Leuten eine eintzige Grentz-Festung noch inne hatte. Da hingegen das übrige gantze Land unter der Botmäßigkeit des Rhascuporis seuffzete. Ada mochte vielleicht hoffen / Antiope würde sich aus blinder Rache an dem Rhemetalces vergreiffen / weil seine Eltern dem Entleibten zum Selbstmord Anlaß gegeben hätten / indem / daß sie ihn so lange gefangen gehalten. Allein diese ward zwar biß in den Todt bekümmert über dem traurigen Geschenck / das Rhascuporis ihr überschickte; jedennoch blieb sie so vernünfftig / daß sie ihres Gemahls Feinde und Freunde gar wohl zu unterscheiden wuste. Sie beerdigte demnach die Leiche / und zoge / des angehenden ziemlich-kalten Winters ungeachtet / nach Rom / umb den Käyser zu bitten daß er den Bürgermeister Pomponius Flaccus / der in wenig Wochen sein Ampt dem abwesenden Germanicus abtreten solte / je ehe je lieber als Landpfleger in Mösien abschickte und die Gerechtigkeit ihrer Sache untersuchen liesse. Inzwischen berichtete Rhascuporis dem Römischen Unterlandpfleger Latinius Pandus den tödtlichen Hintritt des Cotys. Ich halte aber gäntzlich davor / daß der Brieff von der Tausend-Künstlerin Ada starck vergifftet gewesen / massen Pandus selbigen kaum empfangen und durchlesen hatte / als er kranck wurde / und innerhalb drey Tagen lebendig und todt war. Ob ich nun wohl hierinnen keinen Beweiß wider sie aufzubringen vermag / so stärckt mich doch in solchem Verdacht / was sich wenig Tage hernach zutrug. Nemlich sie fürchtete ohne Zweiffel / es möchte mit der Zeit durch ihre beyden Knechte ausbrechen / was es vor eine Beschaffenheit mit des Cotys Ende gehabt. Dannenhero gab sie ein groß silbernes Gefäß voll Wein nebst andern Geschencken diesen ihren Mordgehülffen / zur Ergetzung für ihre Arbeit / und versprach ihnen noch darzu güldene Berge / die grösser seyn solten / als Hämus oder Rhodope ist. Dem einen von diesen Buben schmeckte der Wein sehr wohl / bekam ihm aber gar übel / massen er des morgends im Bette todt gefunden ward. Der andere hergegen / nahmens Sitalces / hatte sich kurtz zuvor so besoffen / daß ihm gleich damahls vor allen Essen und Trincken überaus sehr eckelte und er also seinen Theil biß auf folgenden Tag aufheben muste. Allein er thate die Augen auf / als sein Geselle sie zuschloß und merckte gar bald / daß Ada keinen Zeugen ihrer Boßheit in der Welt wissen wolte. Er versuchte demnach an einem Hunde die Würckung dieses saubern Nectars und befand / daß er mit dem stärcksten Gifft angemacht wär. Hierüber ergrimmete er und schwur / sich rechtschaffen zu rächen / die Königin umbs Leben zu bringen / ihre Unthat ihr vorzuhalten und so denn durch einen schleunigen eigenhändigen Todt so wohl der Verfolgung des Königs / als auch der Qvaal seines unruhigen Gewissens zu entfliehen.[1625] Er wurde zũ Schein etliche Tage kranck / nahm auch Artzeneyen / die zũ brechen dienen / heimlich ein. Weßwegen Ada glaubẽ muste / seine Natur wäre so gut gewesen / daß sie selbst das Gifft von sich weggegeben. Etliche Wochen hernach / als eben Rhemetalces von des Cotys Witwe wieder gekommen war /brachte der rachgierige Sitalces etwas von seinen Wein in das Taffel-Gemach / und als die Königin ihren Becher forderte / schenckte er ihr davon ein. Sie that einen hertzhafften Trunck / weil sie sich von ihrem Geschöpffe / dem sie unzählig Gutthaten etliche Jahr lang erwiesen hatte / nichts böses besorgte. So bald aber dieser vermeynte / sie hätte gnug / trat er von den Tisch / umb welchen der König / die Königin und Rhemetalces herumb lagen und sagte: Ada hat den Cotys erstochen / des Platons Buch selbst aufgeschlagen / und meinen Mord-Gesellen umbgebracht. Ich straffe mich ab mit diesem Stahl / und sie selbst mit ihrem eigenen Gifft. Hiermit warf er auff des Rhemetalces Purpur-Bette ein zusammengerolletes Pergament / worinnen die gantze Geschichte weitlaüfftiger beschrieben war / und stieß sich plötzlich den Dolch durch die Brust / daß seine gottlose Seele mit dem Blut stracks durch die erste Wunde den Außgang fand / ehe sich jemand im Gemach besinnen konte / solches zu verwehren. Ada befahl / den rasenden Hund auf den Schind-Anger zu schleppen und forderte den geschriebenen Zedel vom Rhemetalces / der aber selbigen erst eylends durchsahe und hernach dem König übergabe / mit diesen Worten: E. Maj. lebe wohl! ich wil lieber unter Drachen uñ Schlangenwohnen / als an einem Hoff / da die Menschen ärger sind / als alles /was die Natur ungeheuers und gifftiges hat. Hiermit lief er zur Thür hinauß und flüchtete sich zum Comanischen König und Hohen-Priester / Dyteutus. Inmittelst starb Ada unter großer Hertzens- und Gewissens-Angst / ob sie gleich alle Arten von Widergifften / so Mithridates erfunden / gebrauchte. Sie wurde königlich zur Erden bestattet / welche Ehre ihr das gantze Land vorlängst hertzlich gern erzeiget hätte. Dannenhero ein unbekanter nachfolgendes Geticht auf sie verfertigte:


Die Natter fůhrt zwar Gifft / und doch auch Wiedergifft:

Der Gifft / den Ada mischt / mag Wiedergifft wohl heissen /

Weil er die Ada selbst kan auß der Welt wegreissen /

Ob sie schon Nattern / Schlang- und Drachen ůbertrifft.

Jedoch darff Thracien deßwegen keinen Hahn

Dem Aesculapins zu einem Opfer schlachten;

Denn Ada hat verlangt / man soll die Artzeney /

Damit sie unser Land von ihrem Gifft macht frey /

Als ihr selbst eig'nes Werck stets danckbarlich betrachten /

Weil sie doch außer dem nichts gutes ie gethan.


Nicht lange hernach kam Lucius Pomponius Flaccus von Rom auf der Post in Mösien an und verfügte sich alsbald drauf in das benachtbarte Thracien zum Rhascuporis / der ihn / als seinen alten Hertzens-Freund / höfflich empfing und prächtig bewirthete. Hingegen lude er ihn zu der Gasterey ein / die er zu Axiopolis am Ister / (welcher Strohm an andern Orten die Donau heist) bey dem Antritt seines neuen Amts denen vornehmsten Römern und Mösiern außrichten wolte. Des Königs böses Gewissen mochte ihm zwar sonder Zweifel abrathen / sich in Gefahr zubegeben. Jedoch die Errinnerung der alten Bekantschafft machte / daß er dem Flaccus alles gutes zutrauete. Daher zog er mit nach Nicopolis / allwo ihm dreyhundert Römische Soldaten unter dem Schein einer Aufwartung bey allen Schritt uñ Tritten nachfolgeten. Dieß kam ihm nicht ehe / als am vierten Tage nach seiner Ankunfft / etwas verdächtig vor. In Betrachtung dessen wolte er von seiner Heimreise reden / wurde aber mit vielen Schmeichel-Worten von dem Landpfleger ersuchet / die Ehre seiner werthen Gegenwart ihm noch etwas länger zu gönnen. Sie ritten folgenden Morgen auf die Jagt / da er sich denn etliche mahl von dem Flaccus entfernete / aber allezeit durch die Römische Leib-Wacht wider[1626] gehohlet ward. Das letzte mahl wegerte er sich mit zu gehn / und bate / in seinem Nahmen den Landpfleger zu grüßen / vor bißher erzeigte Höffligkeit zu dancken und ihn zu entschuldigen / daß er nicht persönlich Abschied genommen /auß Furcht / man möchte ihn allzu sehr nöthigen /über einer langwierigern Lustreise seine nothwendigen Reichs-Geschäffte zuversaümen. Allein der Hauptmann Clodius Celer bate unterthänigst / der König mögte ihn nicht in die unvermeydliche Ungnade seines Herrn bringen / der ihm und allen seinen Leuten die Schuld geben würde / wenn ihm das Glück / mit dem grossen Rhascuporis / (welchen er nächst dem Kayser über alles in der Welt hochschätzete /) sich gebührend zu letzen / entgehen solte. Er muste sich demnach hierdurch gewinnen lassen und wieder umbkehren. Unterdessen bekam Flaccus Befehl von Rom / den gemachten Schluß ehest zu vollziehn. Daher als ihm der Thracische König mit ziemlich-ernsthafften Worten seinen festen Vorsatz heimzureisen andeutete / fügte er ihm hingegen zu wissen / der Kayser verlange gar sehr / ihn als einen treuen Bundsgenossen des Römischen Reichs bey sich auf ein paar Monat zu sehn und eine und andere Lust / ihm zu Ehren / anzustellen. Rhascuporis brachte unzählich viel Außflüchte auf die Bahn / solche Spatzierfahrt abzulehnen. Da aber Flaccus sahe / daß kein Bitten verfangen wolte / wurde er letzlich gezwungen zu sagen: Es ist des Keysers Wille / daß ich eure Majestät nach Rom begleite. Und wird am besten seyn /sich in einer Sache nicht zu sperren / die unvermeydlich / doch wie ich hoffe / Deroselben weder schimpff- / noch schädlich ist. Solchergestalt ward er unter großer Ehrerbietung / wie ein aufgeputztes Opffervieh / wider seinen Willen in Italien getrieben. Wie es ihm nun daselbst ergangen / ist mir nicht bewust. Inzwischen hatte der Landpfleger an den Rhemetalces geschrieben / er möchte sich des Königreichs Thracien annehmen / davon ihm die Helffte von rechtswegen zustünde / die andere aber seines unschuldig-ermordetẽ Freundes / des Cotys / Söhnen eigenthümlich verbleiben müste. Deñ das solte er versichert seyn / daß Rhascuporis nimmermehr Thracien wieder sehn / und man ihm / als einem / der seiner gesunden Vernunfft nicht recht gebrauchen wolte /gleichsam einen Vormund ordnen würde / der achtung gebe / daß er weder sich selbst / noch jemand anders schaden könte. Er bedürffte ja einer solchen Person eben so sehr / als seine vorerwähnten unmündigen Vettern / denen Trebellienus Rufus vom Kayser auf eben die Art zum Vormund besti t wäre / gleichwie der Rath zu Rom die Aufsicht über des Ptolomäus Philopators Sohn dem Marcus Aemilius Lepidus vor zeiten aufgetragen hätte.

Rhemetalces verfügte sich nach Empfahung dieses in sein Erb-Königreich / welches ihn willigst zum Beherrscher annahm / wiewohl er sich außdrücklich bedunge / daß er seinen Vater umb Cron und Scepter zu bringen / nicht willens / sondern ihm beydes zu überliefern bereit wäre / dafern er jemahls wieder von denen Römern in vorige Freyheit solte gesetzt werden. Sein Stiefbruder Taxiles demüthigte sich vor ihm und bate / ihn nicht entgelten zu lassen / was Ada verschuldet / sondern zuverhoffen / daß so wenig ein Fluß deßwegen saltzig seyn müste / ob er gleich auß der See entspringe / so wenig habe er einige Feindseligkeit und heimtückischen Groll gegen ihn von seiner Mutter geerbet / von welcher er selbst nicht läugnen könte / daß sie einem wilden / ungetreuen und unruhigen Meer allzugleich gewesen sey. Der neue König erbot sich zu brüderlicher Gewogenheit und gab ihm eine außträgliche Ehrenstelle in seinem geheimen Rath. Der ehrliche Aristides hatte sich bißher in Thracien beständig aufgehalten / weil er nicht gewust / wo Rhemetalces in der Welt lebte. Damahls aber wartete er ihm auf / übergab ihm der Clotildis Schreiben /ward vortrefflich beschenckt[1627] und endlich in Sarmatien fortgeschickt. Als nun Rhemetalces seine Regierung in gute Ordnung gebracht hatte / thate er eine Reise in Armenien / kam allda obbesagter massen an / und machte mir alles ietzterzehlte kund / da wir uns eben zu unserm Abzug fertig hielten. Dieser erfolgte auch endlich und liessen wir den Zenobius und Orpheus /(oder Ismenen und Clotildis /) zu Artaxata / nachdem sie Saloninen von der Königin Erato in ihre Dienste erbeten hatten / damit sie in der Frembde eine ehemahls bekante / getreue und der Landes-Art und morgenländischen Sprachen kundige Weibesperson ümb sich wissen möchten. Sie werden sonderzweifel allbereits ihr Beylager mit denen Königen Artaxias und Rhemetalces vollzogen haben / ob ich schon hiervon noch zur Zeit keine rechte Nachricht zu geben weiß. Wir andern giengen mit dem Flavius / als seine Bedienten / durch Cilicien in die Mittelländische und folgends in die Adriatische See / da uns deñ bald Sturm und Wind / bald ein Fieber / das die Fürstin Catta abermahls befiel / theils zu Creta / theils zu Corcyra / ein ziemliche Zeit aufhielt / allenthalben aber des Germanicus Freybrief wohl zu statten kam. Mich verlangte unaußsprechlich / meinen Gemahl wieder zu sehn / nachdem ich drey gantzer Jahr solches Glücks entbehren müssen. Daher eileten wir nach Mögligkeit / durch die Carnischen und Norichischen Lande / in das Marckmännische Gebiet / alldieweil wir schon in Griechen-Land erfahren hatten / daß der Deutsche Feldherr Marbods Cron anietzo trüge. Allein wir wurden überall mit thränenden Augen bewillkommet / und angereitzet / Herrmanns Todt zu rächen. Dieß war eine Sache / darzu wir uns nicht weniger verpflichtet achtetẽ / als willig befunden. König Jubil stieß mit funfzehn tausend außerlesenen Mañ zu uns und wir brachten in die fünff und dreyssig tausend Marckmänner / Semnoner / Langobarden und Marsinger zusa en. Unser Zug gieng aus dem Marckmännischen ins Hermundurische / von dar ins Langobardische und zu allerletzt ins Cheruskische. Hiermit beschließe ich meine Erzehlung / nachdem alles /was sich mit uns in diesem Herzogthum begeben /ihnen insgesamt noch in frischen Andencken ist. Dieweil ich aber die Begebenheiten des Marsischen Herzogs wissentlich mit Stillschweigen übergangen habe / wird er selbst sich gefallen lassen / sie absonderlich vorzubringẽ.

Malovend antwortete: Ich will nicht weitlaüfftig anführen / welcher gestalt ich von Agrippinen zu der Cattischen Herzogin Erdmuth mit der erfreulichen Nachricht von des Hochfürstlichen Frauen-Zimmers Flucht abgesandt worden und so glücklich gewesen sey / daß Herzog Arpus mich / an statt des weitwürdigern Jubils / wegen bekanter Umbstände / zum Schwieger-Sohn erwehlt habe. Ich ging hierauf durch Italien und Griechen-Land in Syrien und Armenien. Jedoch war diejenige / die ich suchte / nirgends zu sehn / theils weil sie sich noch in Griechen-Land wider meine Vermuthung verweilete / theils auch /weil sie unter dem Manns-Kleide und dem Nahmen Hilarius sich so gut verbergen konte / als Arethusa in der neblichen Wolcke / umb welche ihr Liebhaber Alpheus herumbgehet und / ihrer würcklichen Anwesenheit ungeachtet / sie anzutreffen nicht vermag. Ich hielte mich nun in die andere Woche zu Thospia im grössern Armenien auf / und wolte voll verzweifelten Unmuths wieder in Teutschland gehn / weil ich alle Hoffnung verlohren gab / den Zweck meiner Reise zuerreichen. Nichts destoweniger erwartete ich noch die Ankunfft des Herzogs Flavius / mit welchem ich ehemahls so wohl unter Freunden / als Feinden unsers Vaterlands höchstvertraulich gelebet hatte. Sobald ich endlich denselben zu sprechen bekam / ertheilte ich ihm von meinem bißherigen Glück und Unglück außführliche Nachricht. Allein er wolte / ohne der Fürstin[1628] Catta Erlaubnüß / mich mit dem Trost nicht erfreuen /daß sie mir näher wäre / als ich gedächte. Er thate ihr etliche Stunden hierauf in geheim zuwissen / daß Herzog Jubil / wegen der Sache mit dem Saturninus /seine Verlobung vor nichtig achte und ich hingegen seine Stelle zu bekleiden verhoffte. Allein sie ließ sich damahls vornehmen / (wie ich nach der Zeit von ihr erfahren habe:) Sie könte Jubiln nicht verargen / daß er sich einer solchen Person zu entäußern willens gewesen / die bey ihm durch eine so verkleinerliche obgleich lügenhaffte Nachricht auß der vorigen Hochachtung wär gesetzt worden. Auch müste sie ihn wegen dieser seiner Leichtglaübigkeit erst hören / als verda en. Solte er aber ja einer vorsätzlichen und beharrlichen Untreu schuldig seyn / ungeachtet Dießkau ihm ohne Zweifel berichtet hätte / daß sie der vermeynten Schande ohne Verletzung ihrer Ehre entgangen wäre; würde dennoch ihre Rache darinnen hauptsächlich bestehn / daß sie ihn durch eine sorgfältigere Beobachtung ihrer so theuern Zusage beschämete / jedoch auch nachgehends thäte / was sich gebührte.

Mittlerweile ward ich mit dem schönẽ Hilarius bekant / und sobald ich die Aehnligkeit meiner Fürstin in ihm funde / trug ich ihm Freundschaft an / die er deñ mit grosser Demuth annahm / weil ich zwar nicht dergleichen verdiente / gleichwohl sein angenommener geringer Stand erforderte / mir als einem Fürsten solchergestalt zubegegnen. Kurtz drauff legte er eine merckwürdige Probe von seiner Gewogenheit gegen mich ab als / wir Artaxata belagerten und einsmahls in der Nacht von denen Parthern unvermuthlich überfallen wurden. Denn gleichwie Thußnelda und Flavius den einen Hauffen / welchen König Orodes selbst anführte / rühmlichst widerstunden: also muste ich mich an einen andern Ort des Lagers mit dem Abdageses in ein scharff Gefechte einlassen. Ich werde wohl nicht zu viel reden / wenn ich sage / daß ich zwölff Feinde mit eigener Hand niedergehauen habe. Jedoch kan man selten einen Fersenstich vermeyden / wenn man einer Schlangen den Kopf zertreten will. Ich bekam so viel Wunden / daß ich endlich krafftloß zu Boden fiel. Und wäre von dem Abdageses unfehlbahr hingerichtet worden / wenn nicht der tapfere Hilarius alsbald herzugeeilet / sich über mich gestellt und mich so lange beschirmet hätte / biß er von dem Ritter Tiribaces entsetzet und in ein Gezelt geführet wurde / sich am rechten Arm verbinden zulassen / an welchem er mir zum bestẽ gefährlich verwundet war. Ich wuste vier Tage lang wegen hefftiger Verblutung kaum von meinen Sinnen / geschweige von meiner hohen Wohlthäterin und befunde mich noch ehe in Artaxata / als in vollkommener Gesundheit. Doch wurde es täglich besser und besser; und hierauf vernahm ich mit großer Danckbegierde / wie Hilarius mich so gar hoch verpflichtet hätte. Ich ließ ihn demnach zu mir fordern /da eben Herzog Flavius in Begleitung des Hermophilus mich besuchete / und bote ihm zur Belohnung an /was er verlangen würde / und in meinem Vermögen stände. Er antwortete: Die eintzige Wohlthat / die ich von Herzog Malovenden zu empfahen fähig bin / kan ihm nicht schwer ankommen / dafern ihm nur beliebet mich ihm damit höher zuverbinden / als wenn er mir viel tausend Stück Goldes verehrete. Ich ruffte unverzüglich so wohl den unsichtbaren Gott / als den Flavius und die verkleidete Thußnelda zu Zeugen / daß ich alles willigst einzugehn bereit wäre. Hilarius nahm zu seiner Forderung Aufschub biß zu meiner völligen Genesung. Als nun endlich auch diese erfolgte / begehrte er von mir in Gegenwart unserer beyden Zeugen / ich möchte ihm so münd- als schrifftliche Versicherung thun / daß wenn der Hermundurische Herzog seiner verlobten Fürstin Catta von der Zeit an beständig gewogen verblieben wäre / da er von ihrer unverletzten Keuschheit durch[1629] seinen Abgesandten gnugsame Wissenschafft erhalten hätte / ich bey dero Vater dem Herzog Arpus die Vollziehung ihrer mit Jubiln so festgesetzten und theuer-beschwornen Heyrath nicht hindern sondern nach Vermögen befördern wolte. Ich sahe ihn hierauf traurig an / und sagte: Hilff Hi el! wie kö t Hilarius auf die Catta zu reden? In dem Augenblick aber erkante ich / daß diese große Fürstin selbst unter dem schlechten Soldaten-Rock anwesend wäre. Ob nun wohl meine Liebe mir tausend Außflüchte an die Hand gab / mein Wort zurück zu ziehn / so nöthigten mich doch die beyden Fürstinnen / (die nicht länger läugnen wolten / wer sie wären /) nebenst dem Flavius und der gesunden Vernunfft / daß ich meine Zusage halten / und das so billige Begehren der tugend-vollkommenen Catta vollstrecken muste / zumahl da mir die Hoffnung zu ihr nicht abgegeschnitten wurde / auf den Fall / daß ihr ehemahliger Bräutigam sich inmittelst verheyrathet hätte. Wir traffen nun diesen treuen Liebhaber nach unserer Rückreise zu Boviasmum an und vernahmen alsbald aus seinen ersten Worten / daß ich mich der bey Hertzog Arpus erlangten unverdienten Gunst nicht zum Schaden / sondern zum besten der edlen Liebe dieses durchlauchtigen Paars zu gebrauchen verpflichtet wäre.

Hiermit schwiege Malovend. Siegmund aber satzte dieses zum Beschluß hinzu: Es ist bekant / daß ich ein Priester des todten Drusus zu Mäyntz vor drey Jahren geworden / umb vermittelst der klugen Hermengardis / den jungen Thumelich vom Tode zu erretten / uñ solcher gestalt wieder aus zubüssen / was ich durch Entführung meiner Schwester Ubels begangen habe. Den Schimpff / ein solcher Götzen-Knecht zu seyn / könte ich nicht länger ertragen / als biß zu meines Vaters Todt / da ich mein Amt aufgabe / unter dem Vorwand / daß ich meine Erblande zu beherrschen willens wäre. Die heimtückischen Römer würden mir vielleicht die Erlassung sauer gnug gemacht haben / daferne sie nicht vermeynet / durch mich eine neue innerliche Krieges-Glut in Teutschland zu erregen; Maßen sie nicht viel großmüthiger gesinnet seynd / als eine Art von Leuten / die Feuers-Brünste gerne sehn / damit sie hernach unter und nach dem Brande die Häuser ausräumen oder (auf Deutsch zu reden) bestehlen und sich mit anderer Schaden bereichern mögen. Ich vernahme aber allzu zeitlich auf der Grentze / daß alle deutschen Fürsten mein Erbtheil dem Segimer zuerkant hätten. Dannenhero wuste ich nicht / was ich anfangen solte / weil ich meine Einkünffte bey denen Römern aufgegeben und dennoch keine bey den Chassuariern hoffen durffte. Ich zoge also wieder nach Mäyntz / allwo des Qvintus Veranius itzigen Cappadocischen Landpflegers jüngster Bruder Cajus Veranius meine Stelle allbereit bekleidete. Daselbst lebte ich von meinen erspareten geringen Mitteln / und erkühnte mich endlich / vor wenig Monaten König Herrmannen schrifftlich anzuflehn /mir zu dem meinigen wieder zu helffen und so offt er wegen des Verlusts seiner Gemahlin gegen mich zu Zorn gereitzet würde / an die Erhaltung seines Cron-Erbens zu gedencken / welcher mit einem einigen liebreichen Blick meine Sache besser führen könte /als der beste Redner mit unrählich Worten. Ich erwartete unterdessen keine Antwort / sondern ließ mich vor einen Hauptmañ über hundert Mann unter etlichen Völckern annehmen / die der Käyser von Rom aus in die Morgenländer sandte. Als ich aber unterwegens zu Corcyra den Flavius antraff / söhnte der mich bey Thußnelden wieder aus / machte mich mit gutem Willen meines Obersten von den Kriegs-Diensten loß und munterte mich auf mit nach Boviasmum und von dar anher / nach Teutschburg / zu gehn. Ich lebe nunmehr der gewissen Zuversicht / der tugendhaffte Sesitach werde nach seiner gnugbewährten[1630] Großmuth auf Zureden seiner Frau Mutter und aller gegenwärtigen hohen Häupter / sich der Billigkeit gegen mich befleissen / die Chassuarier mir abtreten und mit Beherschung derer Dulgibiner vergnügt seyn.

Dieses Gespräch verzog sich / biß es Zeit war / die Abendmahlzeit einzunehmen. Folgenden morgen reiseten Catta / Jubil und Malovend / in Begleitung drey hundert Hermundurer / nach Mattium / nachdem ietztgedachter König alle seine Völcker biß auf tausend Mann in sein Reich zurück zu gehn befehlicht hatte /weil er dem Feldherrn mit so viel Gästen beschwerlich zu seyn befürchtete. Hingegen kam zwey Tage drauf der Ritter Kanitz als Gesandter vom Sicambrischen Hertzog an und legte bey König Herrmannen die Glückwüntschung ab / so wohl wegen gedämpffter sehr gefährlichen Unruhe im Cheruskiscken Hertzogthum / als auch wegen der höchsterwüntschten Heimkunfft der Königin Thußnelda; hinterbrachte dabey / daß Hertzog Franck auf den ersten Mäy sein Beylager mit der Ascanischen Fürstin Leitholde zu vollziehn gesonnen wäre / weßwegen dessen Vater Hertzog Melo bäte / der König und dessen Gemahlin wolten geruhen / nicht nur diesem hochfeyerlichen Ehren-Fest beyzuwohnen / sondern auch Eltern-Stelle bey der hochfürstlichen Braut zu vertreten. Der Feldherr nahm Glückwüntsch- und Einladung mit gebührendem Danck an / erbote sich zu allem / was Hertzog Melo verlangte / zumahl da der Fürst von Ascanien ihm ehemahls grosse Dienste gethan / und er sich also gegen dessen hinterbliebene Tochter / die hertzogliche Braut / desto danckbarer erweisen müste / nachdem er der Asche des ritterlichverblichenen Vaters keine Freundschafft erzeigen könte. Er vernahm hiernächst / daß als Leitholde nach geendigten fünffjährigen Gelübd der Jungfrauschafft /mit gewöhnlichem Gepränge / vor dem Heiligthum der Hertha die Freyheit wieder erlangt / sich nach Belieben zu verheyrathen / wäre Hertzog Franck aus dem Schwalbacher Sauer-Brunnen dahin gekommen /den Gebräuchen zuzusehn; hätte aber von der Stund an sich die unvergleichliche Schönheit und Tugend dieser Fürstin so wohl gefallen lassen / daß er vermittelst der Gräfin von Bentheim ihre Bekantschafft gesucht und endlich die Zusage einer getreuen Gegen-Liebe erhalten habe / daferne Hertzog Melo solchen Heyraths-Schluß gut heissen wolte. Wegen ein und andern Absehns / wäre zwar dessen väterliche Einwilligung etliche Jahr lang biß ietzt verzögert worden. Nunmehr aber sey der gantze Sicambrische Hof mit diesem Eheverbündnüß dermassen wohl zu frieden /daß Hertzog Franck es nicht besser wüntschen könte. Ungeachtet nun Graf Spiegelberg schon vor ein paar Tagen nach Novesia abgereiset war / die Heyrath des Flavius und der Erato der sämtlichen Sicambrischen Herrschafft anzumelden; so ward doch Ritter Malzahn befehlichet / eben dahin eilfertigst zu gehen und inständigst zu suchen / daß Hertzog Franckens Beylager auf einen Tag und an einem Ort mit des Flavius seinem / nemlich auf den funfzehenden April und nach Teutschburg / verlegt würde; wobey er auch berichten solte / daß König Jubil sich gleichfalls wohl gefallen liesse / seine Verlobung mit der Fürstin Catta zu solcher Zeit und an eben diesem Ort durch die Ehe zum vergnüglichen Endzweck zu befördern / woferne Hertzog Arpus nicht etwas einzuwenden hätte / welches man doch nicht verhoffen wolte.

Malzahn kam acht Tage hernach wieder / mit der angenehmen Nachricht / Melo habe den gethanen Verschlag zu allen Danck angenommen und sich gar sehr verpflichtet erkant / daß Herrmann und Thußnelda mit so grosser Beschwehrung und Unkosten sich als Eltern bey Leitholden zu bezeugen so willig wären. Inmittelst sonne man vergeblich nach /warumb der Sicambrische Hertzog die Vermählung seines[1631] Sohnes mit der Ascanischen Fürstin biß anher nicht zugeben wollen. Diesem Zweiffel aber halff Aristides ab / der folgende Woche zu Teutschburg anlangete. Er wurde mit überaus grosser Freude von der danckbahren Thußnelde willkommen geheissen / königlich beschencket / auch in den Deutschen Adelstand und zu einem ansehnlichen Ehren-Amt erhoben. Auff befragen / wo er so lange gewesen / antwortete er: Eure Majestät werden sich gnädigst erinnern / daß die Fürstin Clotildis mich an König Rhemetalces /und dieser an den Sarmatischen Cron-Erben Bolesla verschickt habe. Letztbenennter Fürst war damahls zu König Marboden verreiset / umb dessen Tochter Adelgund Anwerbung zu thun / welche anietzo Hertzog Inguiomers Gemahlin ist. Dahingegen er nach der Zeit mit des Bastarnischen Fürstens Brittomartes Schwester / und dieser mit jenes seiner verheyrathet worden. Weil ich nun den Bolesla so weit zu suchen Scheu trug / aus Furcht / Marbod möchte mich gefangen nehmen lassen und nach Rom schicken; ergriff ich die Waffen unter dem Sarmatischen Könige Jagello / der seine auffrührischen Unterthanen / die Reussen / mit Gewalt zum Gehorsam brachte. Der Cimbrische Fürst Friedlev stunde ihm hierinnen treulich bey. Ich hatte das Glück / unter seinem Befehl zu fechten /und weil ich einsmahls ihn aus einer augenscheinlichen Gefahr erretten halff / erlangete ich eine so ungemeine hohe Gewogenheit bey ihm / daß er mich auch nöthigte / ihn in Norwegen / nach geendigten Reußischen Krieg / zu begleiten. Dieses Reich war des unlängst verstorbenen Suionischen Königs Erichs Eigenthum gewesen / aber von zwölff mächtigen See-Räubern eingenommen worden. Weßwegen dessen Sohn und Erbe / Haldan / den tapffern Friedlev in Sarmatien persönlich suchte und bate / ihm wider diese allgemeine Feinde der Mitternächtigen Länder mit seinem sieghafften Heer beyzuspringen. Dieser that solches gar gern / verjagte die Raub-Vögel und setzte dem Haldan die Norwegische Cron auff / vermählete ihm auch nachgehends seine Schwester Schulda / welche sonst ihr Vater nicht lange vor seinem Ende an des Sicambrischen Hertzogs / seines alten Freundes / ältesten Sohn verlobet hatte. Allein als Frotho starb / und Zeitung einlieff / daß Hertzog Franck wider seinen Willen von seinem Vater Melo zu der Cimbrischen Heyrath gezwungen würde / verdroß es die großmüthige Schulda dermassen / daß sie sich gar leicht erbitten ließ / dem Suionischen König Haldan / auff Begehren ihres Bruders / Friedlevs / die Hand zu geben. Worüber eine unbeschreibliche Freude unter denen Suionen entstund / weil man vor etlichen Jahren auff einem Marmelsteine unter der Göttin Freja Bilde im güldenen Tempel zu Upsal eine Weissagung gefunden hatte / daß / wenn Dan und Sueno oder das Cimbrische und Suionische Hauß sich zusa en vermählen würden / solte dieses in tausend Jahren nicht außsterben. Weil nun der Sicambrische Hertzog gesehen / daß dem Himmel die Verehlichung seines Sohnes mit einer königlichen Tochter nicht gefiele / soll er sich entschlossen haben / nimmermehr denselben zu einer Staats-Heyrath zu nöthigen. Es sind nunmehr vier Jahr / daß Frotho im fünff und funffzigsten seiner Regierung von einer Zauberin /unter der Gestalt einer See-Kuh / ermordet worden. Man wolte anfänglich ungern seinen Tod kund machen / damit nicht so viel umbliegende Länder / die er seinem Cimbrischen Reich einverleibet hatte / abfallen möchten / zumahl da der einige rechtmäßige Erbe Friedlev nicht zu Hause war. Dannenhero ließ man die Eingeweyde aus dem verblichenen Cörper heraus nehmen / mit Eßig abwaschen / nachmahls inwendig und außwendig ungeleschten Kalck / Alaun und Saltz etliche Tage lang mit Fleiß hinein reiben / endlich aber königlich ankleiden[1632] / auff einen Stuhl setzen und also aus einer Stadt in die andere tragen / damit es das Ansehen gewönne / ob wäre er noch lebendig / aber wegen hohen Alters so schwach / daß er nicht mehr auff die Füsse zu treten vermöchte. Jedoch als niemand mehr vor unleidlichen Gestanck umb ihn bleiben konte / ward er bey Wera / einer Brücken in Seeland / prächtig beerdiget. Unterdessen erscholle das falsche Gerücht im gautzen Reich / Friedlev wäre in einer Schlacht wider die Reussen auff dem Platz geblieben. Umb deß willen geriethen die Cimbrischen Stände auff den seltsamen Vorschlag / demjenigen den Scepter zu geben / der die Feder am besten zu führen und dem Könige eine geschickte Grab-Schrifft zu machen wüste. Ein so grosser Lohn reitzte den Hiarn an / daß er nachfolgendes Geticht verfertigte:


Die treuen Dähnen musten klagen /

Daß sich des Frotho Geist nicht länger halten ließ;

Doch ward sein Leib sehr lang durch sie herumb getragen.

Die Ehre / die das Land des Frotho Schahl' erwieß /

Bezeigt / wie hoch es sey dem Kern / der Seel / gewogen.

Die Erde schließt zwar hier den blassen Leichnam ein;

Doch mag der grosse Himmels-Bogen

Vor diesen grossen Held das Grab-Gew \lbe seyn.


Allein der gute Hiarn that sehr übel / daß er die Poetischen Lorbern mit einer güldnen Cron vertauschete; weil Friedlev bey seiner Rückkehr aus Norwegen ihm unvermuthlich über den Halß kam und ihn erstlich zwar umb das Reich / welches er zwey Jahr besessen hatte / endlich auch umbs Leben brachte. So bald dieß geschehen war / nahm ich gebührenden Abschied /welchen wir auch der König / nebenst vielen unverdienten Geschencken / willigst gab. Ich machte mich hierauff an diesen Ort / allwo ich Eure Majestät (dem Himmel sey Danck!) nach eigenem hohen Wuntsch vergnügt gefunden / und das unschätzbare Glück erlanget habe / daß ich meine übrige Zeit in Dero unterthänigsten Diensten beschliessen darff.

War nun diese Nachricht des Aristides Thußnelden angenehm: so war es vielmehr die / welche Tiribaces /der Abgesandte des Königs Artaxias / zu Ende des Mertz-Monats aus Armenien mitbrachte. Denn nach dem selbiger die Begrüssung bey Herrmannen /Thußnelden / Flavius und Erato im Nahmen seines Herrns abgelegt hatte / und gebeten ward / die Morgenländischen Geschichte / so nach der Königin Erato Abzug sich begeben / kürtzlich / doch ordentlich / zu erzehlen / that er dem Befehl mit diesen Worten eine Gnüge: Es ist ietzo anderthalb Jahr / daß Hertzog Flavius mit seiner durchlauchtigen Gesellschafft mein Vaterland verließ; dazumahl kamen gleich Parthische Abgesandten mit einem Gefolge von vier hundert Mann / die mit dem Germanicus die alten Bündnüsse erneuerten. Indessen verlieffen zwey Monat / welche die wohlbekandten Zenobius und Orpheus in ihrer männlichen Kleidung zubrachten. Hiernächst legten sie weibliche Tracht an und liessen sich / als Ismene und Clotildis / bey der Agrippina anmelden / weil sie nun nicht mehr besorgten / daß ihre Offenbahrung der Königin Thußnelda oder Fürstin Catta schädlich seyn könte. Germanicus war zu solcher Zeit in Syrien und ordnete ein und anders daselbst an. Er ward aber von denen Königen Artaxias und Rhemetalces ersuchet /auff ihrem Beylager zu erscheinen. Nun mißfiel ihm zwar anfänglich in etwas / daß das andere Frauenzimmer durch ihre heimliche Flucht ein Mißtrauen gegen ihn bezeiget hätte; allein seine Gemahlin besänfftigte ihn durch ein Schreiben / worinnen sie betheuerte / es sey derer sä tlichen Deutschen Fürstinnen Verschwiegenheit nicht aus Mangel einer guten Zuversicht zu ihm entstanden / sondern aus Besorgung / er möchte / nach seiner weltberühmten Großmuth / sie weder am Leben noch Freyheit gekräncket / und also grosse Verantwortung beym Käyser auff sich geladen haben;[1633] welches ihnen allerseits / als seinẽ grossen Freundinnen / sehr zuwider würde gewesen seyn. Diß machte / daß er sich zu Artaxata einfand und einem dreytägigen Gastgebot / Ringelrennen / zwey Schauspielen / einer Wasser-Jagt im Tiger-Fluß und dergleichen Lustbarkeiten / beywohnete. Rhemetalces zog nach Endigung solches Freuden-Festes mit seiner Gemahlin Clotildis in Thracien; Und Germanicus nebenst Agrippinen zu Anfang des neuen Jahrs in Aegypten / die der Orten befindlichen vielen Alterthümer in Augenschein zu nehmen. Ehe er von dar wiederkam / musten zwey Könige durch einen blutigen Todt büssen / daß der eine zu viel böses / der andere zu wenig gutes gethan. Durch jenen verstehe ich den Rhascuporis / des Rhemetalces Vater / welcher durch des Pomponius Flaccus List nach Rom gebracht / von des Cotys Witwe Antiope verklagt und vom Käyser verurtheilt war / in Aegypten zu Alexandria in einem freyen Gewahrsam seine Lebens-Zeit zu beschliessen. Jedoch trieb er es nicht lange / sondern ward unter dem Vorwand / als hätte er heimlich ausreissen wollen / von denen zu seiner Bewachung bestellten Soldaten erstochen. Der andere ist Vonones / so ehemahls Parthischer und hernach Armenischer König /endlich aber ein Possenspiel der Römer und ein Beyspiel der Unbeständigkeit des Glücks geworden. Diesen brachte man auf Befehl des Germanicus / dem Artabanus zu Gefallen / aus Syrien in die Cilicische Seestadt Pompejopolis. Als er nun im vorigen Sommer auf die Jagt mit seiner Römischen Leibwacht ausritte / blendete er / (wie das Geschrey geht /) den Hauptmann Remmius Evocatus mit etlichen Geschencken /daß er dieses grosse Wildpret entwischen ließ. Allein der gute Vonones trat kaum den allzu fernen Weg durch Armenien und Albanien zu seinem Blutsfreund / dem Scythischen König / an / als er schon das Ziel seiner Reise und Lebens vor sich sahe. Deñ er ward noch in Cilicien beym Fluß Pyramus von dem Vibius Fronto gefangen genommen / und / damit er nicht die rechte Beschaffenheit von seiner Flucht entdecken möchte / stieß ihm Remmius Evocatus / der ihn zum Schein auf allen Strassen verfolgt hatte / mit einem angemaßten Zorn den Degen durch den Leib / so bald er ihn antraff. Solchergestalt sind beydes Rhemetalces und Artaxias dererjenigen loßworden / von denen einiger Anspruch auf die Thracische und Armenische Cron zu befahren war. Bald nach diesem schiffte Germanicus wieder aus Aegypten in Syrien zurück. Nun war daselbst zeit seiner Abwesenheit alles / war er in Ordnung vormahls gebracht / durch den boßhafften Landpfleger Cnäus Piso gantz verändert / und einer Mathematischen finstern Kammer ähnlich worden /worinnen alles umgekehrt aussiehet. Uber solchen Frevel erzürnte er sich hefftig sehr; jedoch / weil diese Gemüths-Regung ihn umbs Leben zu bringen nicht vermochte / nahm Piso seine Zuflucht zu der beschriebenen Zauberin Martina und bekam von ihr ein langsam tödtendes Gifft / welches er dem theuern Helden über der Tafel durch dessen bestochenen Mundschencken beyzubringen wuste. Er zog hiernächst nach Seleucia und wolte von dar aus / die Würckung seines Bubenstücks abwarten. Solche äusserte sich auch gar bald; Indem der Feldherr alle Farbe und Fleisch verlohr / hingegen mit reissen in allen Gliedern geplagt ward. Man fand auch unter den Thürschwellen und in den Ritzen der Wände in seinem Palast unterschiedene Stücken Menschen-Fleisch / Zauber-Reime / bleyerne Täfelein / worauf der Nahme Germanicus geschrieben stund / und dergleichen. Weil nun des Piso Todtfeindschafft ihm stets vor Augen schwebte / kunte er niemand anders / als eben denselben wegen seiner höchstschmertzlichen Kranckheit in Verdacht ziehn. Er ließ ihm demnach /nach uralten Gebrauch / alle Freundschafft aufkündigen / und befehlen / Syrien[1634] zu räumen / vermahnte die Agrippina zur Gedult / alle Umbstehenden aber zur Rache / und erfuhr endlich im vier und dreißigsten Jahr seines Lebens / daß der Todt einem Schatten ähnlich gewesen und vor ihm geflohen / wenn sein unerschrockener Muth in so viel Schlachten unter denen Spießen und Schwerdtern der Feinde ihn gesucht / hingegen ihm nachgeeilet wäre / da er sich demselben gern entziehn wollen. Er ward zu Antiochia ohne Bildnüsse seiner Ahnen oder andere gewöhnliche Pracht verbrant. Doch war ihm das Ehre gnug / daß der grosse Parthische König und alle Morgenländer umb seinet willen die Trauer anlegten / und jederman gestehn muste / daß er dem grossen Alexander im blühenden Alter / hohen Ankunfft / ansehnlichen Leibes-Gestalt / Tapfferkeit / Siegen und Todtes-Art gleich / in Leutseligkeit gegentheils / Keuschheit und Mäßigkeit weit vorzuziehn sey. Weil das in Agrippinens Hertzen lodernde Feuer der Liebe und Rache sie gleichsam keine Kälte fühlen lassen / hat sie mitten im Winter das Aschen-Gefäß nach Rom geführt und vor wenig Wochen in des Augustus Begräbnüß beygesetzt. Der neidische Tiberius ist bey iederman in Verdacht / daß Piso alles auf seinen Befehl gethan; jedoch ist kein Zweiffel / jener wird diesen von dem wolverdienten Todt / dessen der Römische Rath und Volck ihn schuldig erkennen / nicht erretten / alldieweil solche Wüteriche die Verrätherey zwar lieben / den Verräther aber hassen / durch anderer Bestraffung den Ruhm eines unsträfflichen Wandels zu erhalten sich bemühen / und also der Welt eine blaue Dunst machen / ob sie gleich vor denen allsehenden Augen des Himmels und ihrem eigenen Gewissen ihre Mißhandlungen ni ermehr verbergen können.

So hat doch gleichwohl Apollo zu Colophon wahr geredet / (sagte Erato /) ob schon die weisse Thußnelda ihn unlängst vor eine Larve des lügenhafften Höllen-Geists hielt? Sie ärgere sich nicht / wehrteste Erato / (antwortete Thußnelda) daß ich in dieser Meinung beharre. Zukünfftige Dinge wissen ist zwar eigentlich ein göttlich Werck. Nichts desto weniger kan der arglistige Ertzbetrüger mit leichter Mühe zuvor verkündigen / was er durch seine Werckzeuge /darunter der verruchte Piso gehört / zu verrichten gesonnen ist. Gesetzt / Germanicus habe seine Gedancken weder münd- noch schrifftlich eröffnet / so war es doch vermuthlich / daß er nichts höher verlange zu erfahren / als was seine Reise in die Morgenländer vor einen Ausgang gewinnen würde / bey derer Antritt er / und noch mehr Agrippina / sich so besorgt erwiesen hatten. Warumb solte nun der so genante Apollo nicht gedacht haben: Entweder wird er / ungeachtet aller meiner Anschläge wider ihn / den Feldzug glücklich beschliessen / den ziemlich alten Tiberius überleben / und solcher gestalt dem August im Siegen und im Käyserthum ähnlich werden; Oder / wo er / wie ich hoffe / durch den Piso das Leben verliert / so ist er dennoch dem August zum wenigsten in diesem Stücke gleich. Was mochte demnach den Wahrsager-Götzen hindern / den von Agrippinen uns erzehleten Ausspruch abzufassen und seinem Priester einzugeben? Sonst aber ist er ja wohl mehr / als einmahl so schlecht bestanden / daß er nicht die geringste Antwort / will nicht sagen auf Gedancken / sondern auf deutliche Fragen / aufzubringen gewust. Als der berühmte Calchas bey einer trächtigen Sau vorbey gienge / wolte einer von ihm wissen / weñ und wie viel Ferckel sie werffen / auch von was Farbe diese seyn würden? Allein jener muste durch das Stillschweigen seine Unwissenheit verrathen. Der itzt lebende Aegyptier Apion begehrete einsmahls einen Götter-Ausspruch / an welchem Ort Homerus gebohren wäre? Er muste aber ohne Nachricht wieder abziehn. Und ich erinnere mich gar wohl / wessen ein gelehrter Mann auf meiner Rückreise aus Armenien mich glaubwürdig versichert hat / mit[1635] diesen Worten: der Delphische Apollo / wenn er aus den Gestirnen keine Antwort zusammen buchstabiren kan / pflegt er die Fragenden zu bitten / ihn mit dieser oder jener Sache zu verschonen / sonst wo sie ihn nöthigten / Bescheid zu geben / wolte er / ihnen zur Straffe / lauter Lügen vorbringen.

Erato gab sich hiermit zufrieden und Herrmann verlangte von dem Tiribaces / er möchte das Beylager des Flavius abwarten / nach welchem er seine Abschieds-Verhör erhalten solte. Unterdessen kam der dritte April herbey / auff welchem der Land-Tag der Cheruskischen Stände außgeschrieben war. Dieweil nun diese wider Herrmannen unter dem Vorwand auffgestanden waren / als könten sie nicht leiden / daß er aus ihrem Hertzogthum ein Königreich machte /vermeinten sie ihren Fehler zu verbessern / indem sie eine köstliche Cron verfertigen liessen / und ihm anitzt dieselbe übergaben / nebenst unterthänigster Bitte / sich hinfort nicht mehr Cherußkischen Hertzog / sondern König zu schreiben. Sie wusten aber nicht /ob sie ihren Augen und Ohren trauen solten / als der Deutsche Feld-Herr das Geschenck zwar annahm und einen Augenblick auffs Haupt setzte / doch alßbald dem neben ihm stehenden Flavius überreichte und sie also anredete: Edle Cherußker! Ich habe bißher in meiner höchsten Unschuld die unbillige Nachrede erlitten / als ob ich eure wohlhergebrachte Freyheit zu kräncken / und euch wohl gar zu Leibeigenen zu machen trachtete. Wäre es nun bey blosser Nachrede geblieben / so müste ich endlich solches so wenig / als das Summen einer unverschämten Fliege achten / dessen sich weder Tiberius / noch Artabanus / (die grössesten Welt-Monarchen /) entbrechen können. Allein wer weiß nicht / was dieser verdammte Argwohn vor ein würcklich Unheil gestiftet? wie er mich ins Gefängnüß und die theuren Grafen Nassau / Stirum /Teckelnburg und so viel tausend andere tapffere Helden umbs Leben gebracht? Segimers und seines gleichen anietzo zu geschweigen. Dergleichen Ubel ins künfftige zu verhüten / will ich hiermit meine Herrschafft über euch niederlegen und gerne mit der Botmäßigkeit über die Marckmänner / Semnoner / Langobarden und Marfinger / so noch nicht das geringste Mißfallen über meiner Regierung bezeuget haben /vergnügt seyn; nur / damit meine Neider sich nicht beschweren dürffen / daß sie bey meinem Wachsthum / wie die übelriechenden Zwibeln bey zunehmenden Mond / abnehmen müssen. Dencket nicht / als ob ich wegen des zwischen uns vorgegangenen einen unversöhnlichen Haß auff euch alle geworffen / und willens sey / mich gleich dem Scipio Africanus zu rächen /der von der Stadt Rom einen so unerträglichen Undanck vor seine Wolthaten einnehmen muste / daß er sich aus Verdruß auff sein Linternisches Land-Guth begab und befahl / wenn er gestorben wäre / ihn daselbst zu begraben / diese Schrifft aber über seine Grufft zu stellen: Undanckbahres Vaterland! du solst nicht einmahl meine Gebeine haben. Nein! Wehrteste Cherußker! Ich weiß / daß ihr nicht alle schuld seyd; Ich wil auch nicht die Schuldigen nennen / sondern sie ihrem eigenen Gewissen zur Straffe übergeben / und allein durch Verschenckung einer Cron erweisen / daß ich weniger Sehnsucht nach dergleichen Beschwerung trage / als man sich bißher eingebildet hat. Gewiß derjenige / der nimmermehr mit Reichs-Aepffeln ersättiget werden kan / ist (meines Erachtens) viel unseliger / als Tantalus. Wer hingegen seine Hersch-Sucht nach dem Befehl der gesunden Vernunfft beherschet / ist grösser / als wenn er die gantze Welt unter seiner Gewalt hätte. Sonsten dient mir der grosse Marcomir zum Exempel / als welcher nicht mehr Deutscher Feld-Herr zu seyn begehrte / sobald ihn dünckte / daß sein Reichs-Apffel von der[1636] Eris mit dem ihrigen außgetauschet worden; weßwegen er denn solchen seinem Bruder Ingram willigst überließ. Gleichergestalt finde ich auch niemand zu meinem Nachfolger im Cherußkischen Hertzogthum fähig / als meinen Bruder / einen Held / dessen Verstand und Tugend ungemein und tüchtig sind / euch die Hoffnung zu machen / ihr werdet das Gute / so vielleicht an mir seyn mag / bey ihm nicht vermissen /und gegentheils das / was ihr an mir getadelt / in besserer Vollkommenheit antreffen. Sein Geblüt und mein Wille macht ihn zu euren rechtmäßigen Ober-Herrn. Ich bin mich ihm selbst schuldig / nachdem ich ihm die Erlösung meiner Gemahlin und ältesten Sohns zu dancken habe. Er ist zwar durch Adgandestern und Luitbranden verleitet worden / der Römer Seite eine Zeitlang zu halten. Allein es giebt wenig Deutsche Fürsten / bey denen die Liebe so tieff in ihr Vaterland eingewurtzelt gewesen / daß diese beyde Sturm-Winde sie nicht außzureissen vermocht. Die Ruhm-würdigen Thaten / die Flavius vor und nach seinem Versehen / oder (wenn es ja so heissen soll) Verbrechen begangen hat / nehmen dieses gleichsam in die Mitten / daß man es weder von dieser / noch jener Seiten erblicken kan. Und ein solcher nun völlig verschwundener Flecken darff ihm so wenig zur Schmach gereichen / als der Sonne die ihrigen / weil doch er und sie durch gütigen Einfluß solche nicht stets-währende Mängel völlig ersetzen werden. Drumb so lebt wohl / liebste Cherußker / unter diesem eurem Hertzog / und (wenn es euch so gefället /) neuem Könige! Der Himmel segne alle dessen weise Anschläge / ihm zum ewigen Ruhm / euch zur Ruh und Frieden. Wegere ich mich gleich / als König /euch fernerweit zu befehlen / so bin ich doch bereit /als Feld-Herr / mit Rath und That euch iederzeit zu dienen / so / daß ihr bey dem Flavius etwas gewinnt /das ihr noch nicht gehabt / und bey mir nichts verliehren solt / das bißanher zu eurem Nutzen gereichet ist.

Herrmann wolte hierauff davon gehn. Allein etliche hundert Cherußker verraten ihm den Weg und baten in der grösten Unordnung / mit wüste unter einander gehendem Geschrey / ja zum Theil mit Thränen / solchen Vorsatz zu ändern und sie dessen nicht entgelten zu lassen / was sie nicht alle verdienet hätten. Sie versprachen auffs künfftige unbrüchliche Treu und solchen Gehorsam / dergleichen er von allen seinen neuern Unterthanen nimmermehr erhalten würde. Sie hielten ihm vor / daß kein erstgebohrner Edelmann sein Stamm-Hauß dem jüngern Bruder gerne überliesse; wie viel weniger ein Fürst seine Erb-Lande? Flavius selbst faßte den Feld-Herrn bey der Hand / und betheuerte höchlich / daß er sich niemanden zum Beherrscher auffzudringen verlange. Ungeachtet nun diese Versamlung dem tobenden Meer nicht unähnlich war / so erwieß sich doch auch Herrmann als ein Felß / der durch das Geräusch der umb ihn brausenden Wellen sich im geringsten nicht bewegen läßt. Endlich als die Unruh kein Ende nehmen wolte / sagte er mit heller Stimme: Tretet hervor / die ihr etwas an dem Flavius findet / das ihn / euer König zu seyn /unwürdig machet! Weil sich aber dessen niemand erkühnete / nahm er die Cron / satzte sie seinem halb-unwilligen Bruder auff / und rieff überlaut aus: Es lebe der Cheruskische König / Flavius! Die Grafen und Ritter / so Herrmann in würcklichen Diensten behielt / wiederhohleten solches Geschrey. Denen folgeten die / so sich nicht gantz rein von der neulichen Verrätherey wusten / oder bey dem neuen König einzuliebeln gedachten; und also musten die übrigen ihr Unvergnügen unterdrücken. Herrmann sprach das gantze Königreich abermahls von der Pflicht loß /womit es ihm bißher verbunden gewesen / und nöthigte die sä tlichen Stände einen andern Eyd alsbald zu leisten / daß sie nemlich dem Flavius / als ihrem Erbherrn / forthin treu / hold und gewärtig seyn wolten. Der neue König beschwuhr die[1637] uralten Land-Gesetze und verhieß / mit solchem unermüdeten Fleiß vor die gemeine Wohlfarth aller seiner getreuen Unterthanen zu sorgen / daß sie verhoffentlich des getroffenen Wechsels nicht gereuen solte / ungeachtet er sich dessen wohl bescheidete / daß er seinem unvergleichlichen Bruder zwar nachahmen / nimmermehr aber gleich werden könte.

Es wurde auch die Thußnelden zugedachte Cron durch etliche Abgeordneten des Landes der Erato in ihr Zimmer überbracht; die sä tlichen Stände aber zu einem grossen Gastgebot auff den Abend eingeladen /wobey der Feld-Herr mit seinen gewesenen Unterthanen / denen Cherußkern / sich letzete.

Vier Tage hernach kam Malovend wieder und berichtete / daß / da er und sein alter Mitbuhler Jubil mit der Fürstin Catta in Mattium eingezogen / jederman mit Schmertzen erwartet habe / was die Ursache ihrer so vertraulichen Einigkeit wäre. Nachdem aber Arpus den gantzen Verlauff vernommen / hätte er die ehemahlige Verlobung des Hermundurischen Königs und seiner Tochter alsbald bestätigt / und eingewilligt /daß das Beylager mit des Flavius seinem zugleich den Fortgang gewinne; er würde / nebenst gantzem hochfürstlichem Hause / auff den zehenden dieses unfehlbar zu Teutschburg sich einfinden und seinen Danck vor die unverdiente Gastfreyheit des Feld-Herrn persönlich abstatten. Dieses geschahe auch / indem umb bestimmte Zeit der Cattische Hertzog Arpus / und dessen Gemahlin Erdmuth / dero Sohn Catumer /Schwieger-Tochter Adelmunde / Schwieger-Sohn Jubil / und Tochter Catta sich einstelleten. Den eilfften kam der Sicambrische Hertzog Melo an / in Begleitung seiner Schwieger-Tochter Leitholde / beyden Söhne Franck und Dietrich / wie nicht weniger seines Bruders Beroris. So blieben auch die andern erbetenen hochfürstlichen Gäste nicht aus / nemlich der Chaucische Hertzog Ganasch und seine Gemahlin Theudelinde / ingleichen der Chassuarische und Dulgibinische Fürst Sesitach / wovon der letztere den zwölfften / jene den dreyzehenden anlangeten. Der ältere Dietrich / Batavischer Oberstadthalter / der Frisische Hertzog Malorich / Alemañische Ariovist uñ Schwäbische König Vañius liessen sich durch etliche Gesandten wegen zugestossener Unpäßlichkeit entschuldigen. Melo / Arpus und Ganasch samt ihrer Gesellschafft wurden durch den Flavius unter einem starcken Gefolge von vielen Grafen und Rittern mit grosser Pracht eingeholet / von Herrmannen / Thußnelden / Erato / Ingviomer / Adelgund / Rhamis und Siegmund auf das freundlichste bewillkommet und täglich mit so wohlgefälligen Gesprächen unterhalten / daß sie sich eußerst würden gewegert haben / wenn Aeneas / Tullus / Ancus und ihre übrige von denen Römern selig gepriesene Gesellschafft / die lieblichen /aber zu einem steten Stillschweigen verda ten Elysischen Felder vor das lustige Teutschburg ihnen zum Tausch angeboten hätten. Vornehmlich ward Siegmund unvergleichlich froh / als Sesitach in Gegenwart so vieler hoher Häupter sich erbote / ihm die Chassuarier abzutreten und mit der Herrschafft über die Dulgibiner zufrieden zu seyn. Den vierzehenden meldete sich ein zwar ungebetener / aber höchstwillkommener Gast an. Das war Asblaste / des Feldherrns und des Flavius leibliche Mutter. Der Ritter / der ihr in das Cimbrische Heiligthum die Freuden-Post von ihrer Söhne Wohlergehen hatte bringen sollen / verfehlte zwar ihrer. Allein / nachdem sie aus erleuchteten Geist das / wozu der funfzehnde April bestimmt wäre / längst zuvor gewust / als kame sie in ihrer Alironischen Tracht an / umb ihren Segen denen drey verlobten Paaren zu ertheilen; welcher denn keinem angenehmer war / als dem Flavius / dieweil dieser bißher einen stetsnagenden Wurm im Gewissen gehabt / seit daß ihn seine Mutter[1638] bey der Emse mit solcher Strenge angegriffen hatte. Nunmehr aber vergnügte es ihn destomehr / als sie ihn recht hertzlich in ihre Armen schloß / zum Zeichen / daß sie mit seiner Busse und Besserung völlig zu frieden wäre.

Endlich brach der zur Vermählung angesetzte Tag an; dannenhero sich die gantze durchlauchtige Gesellschafft mit dem allerfrühesten in einen nahe bey der Stadt gelegenen verschlossenen düstern Wald erhub /den man zu dergleichen Verrichtungen gebrauchte /nachdem der abgebrante Tanfanische Tempel noch in Asch und Staube lag. Als nun so viel hochfürstliche und unzählig gräflich- und adeliche Personen etwan zwantzig Schritt zwischen denen Bäumen gegen morgen zu hingegangen waren / stiessen sie auf eine hohe mit Lorbern und Myrthen-Reisern umbwundene Ehren-Pforte. Durch diese gelangte man auf einen weiten runden Platz / dessen Wände aus lauter dicht neben einander aufgewachsenen Eichen bestund. Mitten darinnen erblickte man eine sehr dicke / mit starcken schattischen Aesten. Umb diese machten drey Rasen-Altäre ein vollko enes Dreyeck / nach der Zahl der verlobten königlich- und fürstlichen Paare; gleichwie auch in eben solcher Stellung gleich so viel in einander gezogene doppelte Nahmen an dem eussersten Umbkräyß dieses Orts sich sehn liessen. Jeglicher war sechs Ellen hoch und breit / aus dünnen /doch starcken Drat verfertiget / an welchem mehr als tausend kleine gläserne und mit Zimmet-Oel angefüllte Lampen gantz nahe neben einander hiengen. Also /daß man in denen unzähligen Flammen gegen Ost das F. und E. gegen Sudwest das J. und C. gegen Nordwest aber das F. und L. gar deutlich erblicken konte. Gegen Suden stunden die drey Gratien / Thalia /Aglaia und Euphrosyne / in Lebens-Grösse / fast gantz nackend und umbarmeten sich unter einander. Das Gestelle / auf welches man alle drey zugleich aufgerichtet hatte / erklärete das Absehen auf die drey Bräute in dieser Unterschrifft:


Wundert ihr euch /

daß die drey noch nie getrennten Holdinnen

sich so eifrig umbfangen?

Sie letzen sich vor ihrem Abschied;

Weil Flavius / Jubil und Franck

sie anietzt trennen und unter sich theilen sollen.


An der Nordseite sahe man die drey Hesperischen Nymphen / Aegle / Arethusa und Hesperethusa / unter der Gestalt der Erato / Catta und Leitholde; Derer jede einen güldenen Apffel in der rechten Hand trug. Auf ihrem Fußbodem fiel jedermann nachfolgende Schrifft durch seine grossen vergüldeten Buchstaben trefflich ins Gesicht:


Rühme dich nicht / erdichteter Hercules /

daß du die Hesperischen Aepffel erobert.

Sie werden noch alle drey

vor gleich so viel Helden gesparet /

die vorlängst durch ihre Thaten

deine Fabel zur Warheit gemacht haben.[1639]


In Westen über der obgedachten Ehren-Pforte sasse die Tugend auf einem Thron / hatte unter denen Füssen einen Blitz / Meergabel und schwartzen eisernen Scepter liegen / und zoge aus einem Topff / den das Glück hielte / drey Zettel hervor / auf welchen die Nahmen Erato / Catta / Leitholde verzeichnet waren; Zur rechten Hand stund die Liebe / welche mit ihrer brennenden und überaus wohlriechenden Fackel hinüber leuchtete / daß man die Schrifft (die sonst durch den Schatten des düstern Hayns in etwas verdunckelt ward /) füglich lesen konte. An denen drey Stuffen des Throns aber erblickte man neun Zeilen:


Des Jupiters / Neptuns und Plutons berühmtes Looß

lässet der Theilung des Flavius / Jubils und Francks

den Vorzug des Glücks.

Dort kunte nur einer den Himmel erlangen.

die andern beyde musten

mit dem wilden Meer und der düstern Hölle

vorlieb nehmen:

Hier aber bekömmt jedweder

einen Himmel auf Erden.


Gegen Süd-Ost und Nord-Ost stunden zwey grosse Pfannen mit glüenden Kohlen / in welche Ambra /Weyrauch / Agtstein / Wacholderbeern / Zimmetrinde und allerley herrliche Oele und gebrante Wasser /eines umb das andere unauffhörlich geschüttet wurden.

In diesem geweyheten Wald vor obbeschriebenen drey Rasen-Altären trauete der alte Libys den Flavius mit der Erato / den Jubil mit der Catta / und den Franck mit Leitholden. Drey weisse Pferde / unterschiedene Tauben und Sperlinge wurden geschlachtet und verbrant / indessen die Barden annehmliche Lob-Gesänge erschallen liessen. Ein jeder Bräutigam gab seiner Braut ein Joch weisser Ochsen und ein vortrefflich Reit-Pferd / benebst Lantze / Schild und Schwerd. Hingegen verehrten diese jenen drey vollständige Rüstungen. Kurtz zu sagen: alle die bey Herrmañs und Thusneldens Vermählung beschriebene Gebräuche wurden hier wiederhohlet / und nachdem unter solchen über zwey Stunden verflossen waren /verfügte man sich wieder nach Teutschburg. Daselbst ward der Tag bey einem unvergleichlich-kostbahren Gastmahl hingebracht / in welchem nicht allein Nord und West einen vollständigen Auszug aller ihrer Güter auf die Tafel lieferten / sondern auch Ost und Sud mit ihren Reichthümern den Mangel derer kältern Länder überflüßig ersetzten. Die sonst leicht-vergnüglichen Deutschen erwiesen anietzt / daß sie beydes der Kargheit und der Uppigkeit feind wären / und so wohl Sparsamkeit als Freygebigkeit zu rechter Zeit anzuwenden wüsten. Es verzog sich das Gesundheit-Trincken / unter denen Gesängen derer Barden und allerhand lustigen Gesprächen / biß gegen Abend / an welchem ein artiger Tantz zwo Stunden lang angestellet wurde. Hierauf speiste man nochmahls und brachte endlich die Neugetraueten in ihre Schlaffgemächer /allwo sie die so lange vorenthaltene Liebes-Schuld mit Wucher einfordern mochten. Der folgende Vormittag verlieff unter denen gewöhnlichen Opffern und Einsegnung der neuen Eheleute.[1640]

Der siebenzehende April war zu einer Wirthschafft bestimmt / an welcher fünffhundert königlich- fürstlich- gräflich- und adeliche Personen alle Stände und Lebens-Arten in der Welt vorstellten / wie das den vergangenen Nachmittag geworffene Looß einen jeden hierzu veranlassete. Zu dem Ende hatte Herrmañ dem Barden Lebrecht anbefohlen / alle zum Auffzug nothwendigen Kleider etliche Tage zuvor herbey zu schaffen und in guter Bereitschafft zu halten. Jedweder Gesellschaffter muste einige Reime mitbringen / darinnen er seinen falschen Stand auf seinen wahren Zustand deutete. Welcher massen / zum Exempel / König Jubil einen Fischer / mit der Kleidung / dem Netze und Angelruthe / vorbildete / auch deßwegen sich also vernehmen ließ:


Wohlan! es sey also! ich will ein Fischer seyn:

Die Liebes-G \ttin selbst k \mmt in mein Netz hinein /

Die sich der Catta Leib zum Auffenthalt erlesen /

Sonst aber ist ein Fisch im Riesen-Krieg gewesen.


Hingegen ward Catta eine Alironie / hatte ihre Kleider mit einem ertztenen Gürtel aufgeschürtzet / zu Feld geschlagene Haare / blosse Arme und Füsse. Sie nahm daher eine wahrsagende Geberde an sich / und thate ihrem Amte mit folgenden Ausspruch eine Gnüge:


Die Liebe machet mich zur Alironie /

Jubil! dir kund zu thun / es werde Catta eh' /

Als ihre Gunst zu dir / in Asche sich verkehren:

Ihr Holtzstoß soll sich einst Liebes-Glut verzehren.


Flavius bekam den Titel eines Königs / und dadurch Gelegenheit also zu reimen:


Du / blindes Glůck! machst mich zum K \nig;

Doch hilfft mich deine Wohlthat wenig:

Ni sie nur wiederumb zurůck.

Mein Herrmann ist mein rechtes Glůck.

Dem will ich stets zu Dienste leben;

Er kan das Wesen selbst / du nur den Schatten geben.


Erato solte zwar / laut des von ihr erhobenen Zettels / eine Jungfrau abgeben / die sich mit einem ewig-währenden Gelübde der Hertha verbindet / nimmermehr zu heyrathen; weßwegen sie ihre Haare in Knoten gebunden und mit einem Fichten-Crantz bedeckt / sonst aber einen langen weißröthlichen Rock mit vielen güldenen Streiffen / wie auch weisse Holtzschuhe / angezogen hatte. Jedoch nöthigte sie ihr allbereit vollzogenes Eheverbündnüß zu sagen:


Kömmt auch das Looß zu spät? Wie? macht nicht Flavius

Daß Hertha nun bey mir der Freya weichen muß?

Zur steten Jungfrauschafft kan man mich nicht weyh'n:

Doch geh' ich das Gelübd der steten Keuschheit ein.


Franck führte den Nahmen eines Herolds / einen Crantz von Oelzweigen auf dem Haupt / eine Schlangen-Ruthe in der rechten Hand und diese Worte gegen seine Leitholde im Munde:


Erschrick nicht / ob ich mich gleich einen Herold nenne!

Ich bringe Frieden mit. Doch / wenn ein Liebes Streit

Dir / Werth'ste / mehr gefållt / so bin ich auch bereit

Zu sehn / wer unter uns am besten lieben k \nne.


Es muste sich eben fügen / daß Leitholde zur Amazonin durch das Looß erkläret ward. Dannenhero sie den Liebes-Krieg annahm / welcher darinnen von dem Martialischen unterschieden ist / daß dieser nur denen Unerfahrnen / jener aber denen Erfahrnen süsse vorkö t. Sie zoge mit Helm / Schwerdt / Pfeil und Bogen gewaffnet auf. Doch kunte ihr weisser Flor nicht allerdings verdecken / daß sie mehr als eine Brust hätte. Weil man nun nicht allein der Pfeile und Bogen / sondern auch grosser Steinschleudern zum Kriegs-Geschütz sich damahls gebrauchte / redete sie ihren Gemahl also an:


Solt' ich die eine Brust zum Pfeil-Gebrauch verbrennen?

Nein! sicherlich! sie ist das Zeughauß keuscher Lust.

Der Liebe grob Geschůtz bestehet in der Brust;

Der holden Augen-Strahl ist nur ihr Pfeil zu nennen.


Hieraus wird in etwas zu ersehen seyn / auf was massen die gantze Gesellschafft Nahmen und Kleidung verändert habe. Sie zogen allerseits etliche mahl / nach dieser durchs Glückgemachten Ordnung / im Schloß-Platz herumb / da denn der Graff von Solms /der sich ehemahls Catumern zum besten wolte enthaupten lassen / die Ehre genosse / als Feld-Herr[1641] den gantzen Hauffen der Herren zu führen. Das Looß hatte ihm eine Gräfin von Schwartzburg zur Gemah lin angewiesen. Und es kam noch vor Abends dahin /daß aus Schertz Ernst / und er / durch Vermittelung seines Herrns / mit diesem wunderschönen und reichen Fräulein verlobet wurde. Sie wuste sich im übrigen so vernünfftig und bescheiden zu erzeigen / daß jederman ihr das Glück gönnete / den Tag über das Oberhaupt des sä tlichen Frauenzimmers zu seyn. Eine herrliche Gasterey muste endlich diesen überaus artigen Auffzug beschliessen.

Hatte nun das Looß bey der Wirthschafft nichts /als eine blosse Lust verursachet; so verknüpffte es nächst-kommenden Tages den annehmlichen Zeit-Vertreib mit einigem Nutzen. Indem der Feld-Herr Herrmann mit der gantzen gestrigen Gesellschafft auff ein Lust-Hauß ausser der Stadt hinaus ritte / und einen Glücks-Topff mit sechs tausend Looß-Höltzern ihnen auszugreiffen übergabe. Hierunter waren zweyhundert und funffzig Ringe und Kleinode allerley Art / und mehrentheils von fast unschätzbarẽ Werth; viel güldne Ketten / silberne Trinck-Geschirre und mit Gold eingefaßte Büffels-Hörner; fünffhundert Ritter-Pferde mit aller Zubehör; eben so viel Rüstungen; dreyhundert Köcher / Pfeil und Bogen funffzig; Jagt-Hunde. Die übrigen Preise bestunden in raren Büchern / Mathematischen und Musicalischen Instrumenten / Tapezereyen / stählernen und andern Spiegeln / allerley aus Elffenbein gedrechselten Kunst- Stücken / Gemählden und dergleichen Dingen / so Herrmann mehrentheils aus des Quintilius Varus Lager / und Marbods Schatz beko en hatte / also /daß nicht mehr als zwey tausend Höltzer weiß / die andern alle mit einer gewissen Zahl bemercket waren.

Die Rüstungen und Pferde kunten die Gewinner folgende drey Tage gebrauchen / massen am ersten ein ritterliches Treffen zu Pferde / am andern ein Fußthurnier / am letztern aber ein Kopff- und Ringrennen gehalten ward. Den zwey und zwantzigsten April stellete Flavius / Thusnelden zu Ehren / eine neue Art von einem Tantz an. Denn weil sie in ihrem angebohrnen Chassuarischen Wapen eine Schach-Taffel führte /war der viereckichte Schau-Platz in vier und sechtzig gleiche / halb schwartze / halb weisse Felder abgetheilet / wovon jedes eine Elle in der Läng und Breite austrug.

Die spielenden Personen hatten sich gleichfals theils schwartz / theils weiß gekleidet. Man erkante die Könige und Königinnen an ihren Cronen und kurtzen Purpur-Mänteln / die Läuffer an dem auffgeschürtzten Rock / Stab in der Hand und Brieff-Bündel unter dem Arm / die Springer an ihren blossen Degen und aus Pferde-Köpffen gemachten Helmen /die Rochen an ihren Schilden mit gethürmten Elephanten / die Bauern an wilder Thiere Häuten / die ihnen über den Rücken hiengen / und grossen Prügeln / so sie in der rechten Hand hielten. Sie verrichteten ihre Züge auff diesem grossen Schachbrete so gut / als sie der berühmte Cheruskische Fürst Selenus entworffen hat. Doch waren die drey Abhandlungen von sehr unterschiedenen Außgang; massen in der ersten die weisse Königin den schwartzen König aller seiner Leute beraubete und dennoch nicht zwingen konte /sich zu ergeben; dannenhero der Kampff unverrichteter Sachen auffgehoben ward. In der andern behielt er zwar etliche Bauern und einen Rochen / die aber allenthalben so versetzt waren / daß er sich derselben nicht mehr zu gebrauchen vermochte; weßwegen eine so genannte Tafel / oder Friedens-Bündnüß / dabey sich kein Theil des Sieges rühmen durffte / daraus entstund. In der dritten hingegen machte die weisse Königin nach allem Wundsch ihren Widersacher schachmatt und führte ihn gefangen mit sich hinweg.[1642]

Palamedes / der Erfinder dieser Gemüths-Ergetzung / trate als Vor-Redner auff / und sunge vor dem Anfang des Tantzes ein langes Lob-Lied / dessen Inhalt da hinaus lieff / das Schach-Spiel verdiene unter denen kriegerischen Spielen / und Thusnelde unter denen Heldinnen den Preiß der Vollkommenheit. Hinter iedweder Abhandlung / oder Theil des Schauspiels ward ein Reyhen gehalten. Und zwar der erste von lauter Persen und Arabern: der andere von Griechen und Römern; der dritte von Deutschen und Scythen. Welche denn allerseits auff unterschiedene Art des obgenannten Vor-Redners Ausspruch bekräfftigten /und theils sich den Ruhm der besten Schach-Spieler zuschrieben / theils hoch erhuben / daß Thusnelda sich nicht weniger tapffer gegen den Marbod / Orodes und Varus / als die weisse Königin im Tantz wider den schwartzen König / gehalten hätte / indem Marbod seines Volcks beraubet und unverrichteter Sache die Flucht zu nehmen gezwungen worden / als er sie von Teutschburg zu entführen willens war /Orodes aber eine Friedens-Taffel aufrichten und Varus Feld und Leben verlieren müssen.

Jedoch / damit man desto weniger zweiffeln möchte / daß schon Palamedes / zur Zeit des Trojanischen Krieges / das Schachbret erfunden / ließ Flavius des Tages hernach ein Singe-Spiel von der keuschen Penelope auff den Schau-Platz bringen / in welchem die Mitbuhler ihres abwesenden Ehemanns Ulysses / der den Palamedes umbs Leben gebracht / sich die lange Weile mit dem Schach kürtzten. Sie selbst aber verhielte sich / als ein ungemeines Muster einer getreuen / vernünfftigen und tugendhafften Ehe-Gemahlin / mit welcher Erato / Catta und Leitholde verglichen zu werden sich nicht schämen durfften. Der vier und zwantzigste und folgende zwey Tage offtgedachten Monats wurden auff eine Haupt-Jagt im Hartzwald verwandt. Den sieben und zwantzigsten hingegen sahe man einen Kampff von gefangenen Bären /Schweinen / Lüchsen / wilden Pferden und Auerochsen unter einander auff dem Teutschburgischen Schloß-Platze. Dem folgte eine Wolffs-Jagt / Fuchs-Prellen und Tachs-Hätze. Den neun und zwantzigsten bezauberte das letzte Singe-Spiel von Eroberung des güldenen Vliesses die Ohren und Augen aller Zuhörer und Zuschauer; wobey denn die Vorrednerinnen / die Gedult und Hoffnung / dem tapffern Flavius / Jubil und Franck glückwüntschten / daß sie nunmehr den Zweck ihrer verliebten Sehnsucht erhalten / nachdem sie so lange darauf warten müssen; eben als wie Jason und die Argonauten nach einer langweiligen Schiffahrt das so hoch verlangte Widderfell zum Lohn ihrer Gedult- und Hoffnungs-vollen Tapferkeit davon getragen hätten.

Der letzte Tag des Aprils war auch der letzte dieses bißherigen Beylager-Festes; Massen der Feldherr an selbigen nach Boviasmum aufbrach / da ihm denn die gantze durchlauchtige Gesellschafft zum Abschieds-Mahl auf eine grüne Wiese eine halbe Meile von Teutschburg hinausbegleitete. Hierselbst hatte Flavius / seine Erkentligkeit gegen ihn zu bezeugen / durch mehr als tausend Mann / seit dem vierdten dieses Monats ein sonderbahres Gebäude aufführẽ lassen. Der Grund und Boden lag überaus lustig und zeigte auf einer Seite etwas Wald und Gebürge / auf der andern aber nicht wenig Bäche / Aecker und Dörffer. Der mittelste runde Platz hielt im Durchschnitt sechs und dreyßig / im Umkräyß aber hundert und dreyzehn Ellen ungefehr / und war in zwölff gleiche Theile /durch eben so viel höltzerne Seulen / unterschieden /derer jede eine Elle in der Dicke / und acht in der Höhe hatte / auch mit lauter geschnitzten Palmen-Lorber- und Oelzweigen umbwunden und an eine andere acht Ellen davon aufgerichtete / vermittelst eines Siegsbogens / gefügt wurde. Auf jeglicher sahe man eine Lantze mit einem daran befestigten Helm und Harnisch /[1643] deßgleichen tausenderley Arten von Waffen / davon die obersten Spitzen nicht nur biß in das Mittel derer Schwibbögen zu beyden Seiten reicheten / sondern auch sonst in die Runde herumb sich ausbreiteten und also einen angenehmen Schatten verursachten. Mitten auf denen zwölff Bögen stunden die Brustbilder derer Helden / die aus Cheruskischem Geblüt entsprossen / und vor Herrmanns Zeit zu der höchsten Würde der allgemeinen deutschen Feldherrschafft gelanget waren. Unter einen jeden auf der Erde stellte man zwey kleine dreyeckigte Tische aus Nußbaumholtz und dabey niedrige Rasensitze vor gleich so viel fürstliche Personen. Allermassen Flavius die gantze durchlauchtige Gesellschafft also eintheilete /daß Herrmann und Thußnelda unter dem Hermion /Jubil und Catta unter dem Mars / Melo und Asblaste unter dem Vandal / Arpus und Erdmuth unter den Ulsing / Ganasch und Theudelinde unter dem Alemañ /Ingviomer und Adelgund unter dem Marcomir /Franck und Leitholde unter dem Ingram / Catumer und Adelmunde unter dem Klodomir / Beroris und Rhamis unter dem Roderich / Malovend und Siegmund unter dem Malorich / Sesitach und Dietrich unter dem Aembrich / Flavius endlich mit der Erato unter seinem und Herrmanns Vater / dem Segimer /sich niederzulassen und Taffel zu halten / angewiesen wurden. Sie konten dergestalt von jedermann gesehn werden / und durch alle Bögen in die lustige Gegend hinaus schauen. Sechzehn Ellen hinter jedwedem Eingang deckte man vier und zwantzig dergleichen eintzele Tische in Form zweyer halber einander entgegen stehender Circkel; welche zweyhundert / acht und achtzig Stellen die vornehmsten gräflich- und adelichen Herren / Frauen und Fräulein bekleideten. Das andere Volck muste hier und dar aufwaren / uñ hernach in dem zunächstliegenden Wald vor der Küche die Mahlzeit einnehmen. Diese Art Taffel zu halten traff grossentheils mit denen damahligen deutschen Gebräuchen überein. Die Haupt-Ursache aber des gantzen Baues war eine zwölff Ellen hohe / und wie rother Marmor gemahlte Seule / als der Mittelpunct dieses prächtigen Umbkräyses. Auf derselben stund das gantz vergüldete Bild des Feldherrn Herrmanns in Lebens-Grösse / mit lauter Strahlen umb das Haupt herumb. Dannenhero nicht nur die Bögen in der Mitten unter denen obberührten Brustbildern mit denen zwölff Zeichen des Thierkräyses bemercket waren; sondern an jeglichen Pfeiler hienge auch ein Schild mit einem vom Sonnen-Cörper erborgten Sinnbilde. Gestalt man denn auf dem ersten zwischen denen Triumph-Bögen des Hermions und Mars / eine Nachteule sahe / die vor dem Anblick der Sonnen flohe / nebenst dieser Uberschrifft: Unglücks-Vögeln beschwerlich. Auf dem andern einen Adler / der mit starren Augen an dem grossen Welt-Auge sich ergetzte / mit dem Beywort: Tugedhafften beliebt. Auf dem dritten einen Bach / in welchem sich die Sonne bespiegelte; dabey stund: Aehnlich / nicht gleich. Auf dem vierten den blossen Sonnen-Cörper am heitern Himmel / und die Beyschrifft: Grösser / als es scheint. Das fünffte Sinnbild entwarff den Icarus /wie er der Sonnen und zugleich seinem Fall zu nahe kömmt. Hierbey lase man: Unmöglich näher. Im sechsten liessen sich die untergehende Sonne und der aufgehende Vollmond sehn / benebenst folgendem Denckspruch: Aus deinem Uberfluß. Im siebenden zoge die Sonne einen Nebel aus der Erden in die Höhe; wobey die Obschrifft also lautete: Ohne dich niedrig. Den achten Schild erfüllete eine wässerigte Wolcke / in welche die gegenüber stehende Sonne einen Regenbogen mahlte. Hierzu war geschrieben: Durch[1644] dich bepurpert. Im neunten lag eine güldene Crone auf der grünen Erden / und warff einen sehr hellen Glantz von sich / weil die Sonne / von der Seiten zu / drauf schien; weßwegen jene die Uberschrifft führte: Sonst ohne Strahlen. Das zehende Bild bestund in einem Breñspiegel / welchen die Sonne bestrahlte / also daß er einen Hauffen Holtz anzünden konte. Hierbey funde sich dieser Reim: Durch dich /zünd' ich. Das eilffte Gemählde bildete eine Sonnenblume ab / welche sich nach der Sonnen herumb drehete / mit dem Beywort: Auf deinen Winck. Das allerletzte zwischen des Feldherrn Segimers und Hermions Sieges-Bögen / enthielt in sich ein schneeweisses Pferd mit einer gestickten Decke / dergleichen die Perser der Sonne widmeten; nebenst der Aufschrifft: Der Sonne zu Dienst.

Dieses alles erläuterten zwey güldene Uberschrifften der grossen Ehrenseul mitten im Platz / wovon die erste in der einen Seite des viereckten schwartzen Fußbodens folgender massen abgefaßt war:


Dem grossen Herrmann /

Marckmännischen / Semnonischen / Langobardischen

und Marsingischen König /

wie auch allgemeinen deutschen Feldherrn /

seinem ältern Bruder /

setzet dieses Danckmahl

vor die von ihm empfangene Cron

Flavius / König der Cherusker.


Die andere gieng umb die runde lange Seule herumb / da denn die güldenen Buchstaben auf der rothen Farbe sehr wohl abstachen:


Flieht / lasterhaffte Nachteulen!

Ergetzet euch / tugendhaffte Adler!

Hier steht

eine Sonne

unter menschlicher Gestalt.

Doch bleibt zwischen ihr und dem unvergleichlichen Herrmann

eine grössere Ungleichheit /

als zwischen der Sonnen und ihrem Bild im Wasser.

Die Welt pflegt insgemein

weder der Sonnen / noch Herrmanns Grösse

bey dem ersten Anblick recht zu ermässen:

Allein im Nachdencken befindet man /

daß beyde unzählig mahl grösser sind /

als sie zu seyn scheinen.

Derjenige hat gewiß es hoch gebracht /

der / gleich dem klugen Dädalus /

dem richtigen Lauff dieser vollkommenen Tugend-Sonne

sich nähert.

Denn wer ihr gleich zu gehn sich einbildet /

wird so wenig / als der vermessene Icarus /

seinen Zweck erreichen.[1645]

Wie soll ich aber gnug rühmen /

daß Herrmann sich mehr umb mich ohne mein Verdienst verdient gemacht /

als die leblose Sonne

umb den düstern Mond / dem sie Liecht und Ansehn giebt /

umb einen schlechten Nebel / den sie in höhern Stand bringt /

umb eine trübe Wolcke / die sie mit der Purpur-Farbe

des Regenbogens bemahlt?

An statt der Strahlen wirfft er Scepter von sich

und der Glantz von meiner Cron

ist der Widerschein seiner inbrünstigen Zuneigung.

Die feuerige Liebe /

so die Cherusker nunmehr gegen mich hegen /

rührt von der Sonnen-klaren Gewogenheit her /

die er auf mich schiessen lässet /

und von mir auf sie zurück fällt:

eben als wie ein Brennspiegel /

der von sich selbst nichts entzünden kan /

durch die Sonnen-Glut fähig wird

andere Dinge in Brand zu bringen.

Die Sonnenblume soll sich dannenhero

nach dem grossen Welt-Auge nicht ämsiger umbsehn /

als ich nach dem Augenwinck meines höchsten Wohlthäters /

umb jederzeit seinen Willen

als einen anwidersprechlichen Befehl aufzunehmen.

Ja ich wiedme

das von ihm empfangene

Cheruskische weisse Pferd

nach Persischer Gewohnheit

der Deutschen Sonne zu Dienst

und verpflichte mich /

so lange ich mich desselbigen bediene /

der Freygebigkeit des großmüthigen Herrmanns /

der mich zu dessen Besitzer gemacht /

Stets danckbarlich ingedenck zu verbleiben.


Die durchlauchtige Gesellschafft war beydes mit dieser Erfindung / als auch gantzen Bewirthung des Flavius überaus wohl zu frieden. Nachdem sie nun vier Stunden ungefehr auf das Gastmahl / Gesundheit-Trincken / Glückwüntsche und Versicherungen unveränderlicher Freundschafft verwendet hatte / erfolgte der völlige Auffbruch / da Herrmann und Thußnelde nach Boviasmum / Jubil und Catta nach Calegia / Asblaste und Beroris in ihre Heiligthümer / die andern hochfürstlichen Personen aber in dero Erbländer höchstvergnügt sich erhuben.


ENDE.[1646]

Quelle:
Daniel Caspar von Lohenstein: Großmütiger Feldherr Arminius, Zweyter Theil, Leipzig 1690.
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