Siebenter Auftritt

[50] Die Vorigen. Lord Syndham, als holländischer Schiffer verkleidet, tritt vor.


VAN BETT ihm entgegen. Ah – Euer Herrlichkeit.

LORD leise. St! Hier bin ich nicht Lord.

VAN BETT ebenso. Das konnt' ich mir gleich denken. Ich habe schon alles eingeleitet. Dort Auf Iwanow deutend. dort ist unser Mann.

LORD. Sind Sie Ihrer Sache auch gewiß?

VAN BETT. Das sollen Sie gleich hören. Laut. Herr Iwanow!

IWANOW. Zu Befehl! Für sich. Aha, das ist der Oberst!

VAN BETT leise zum Lord. Sehen Sie, alles ist richtig.

LORD. Was richtig?

VAN BETT. Alles. Hören Sie nicht, er sagte: zu Befehl.

LORD. Nun?

VAN BETT. Wenn einer »zu Befehl« sagt, ist alles richtig.

LORD. Ich werde mich überzeugen.

IWANOW. Holla! Rum! Gläser!

ZAR. Papier und Tinte.


Man bringt das Verlangte. Der Chor hat sich währenddessen zurückgezogen.


Nr. 10. Sextett


VAN BETT, LORD, IWANOW, MARQUIS, ZAR, LEFORT.

Zum Werk, das wir beginnen,

Braucht es der Klugheit Macht,

Um Großes zu gewinnen

Durch Pläne, schlau erdacht.

Drum prüfe sich ein jeder,

Jetzt ist dazu noch Zeit,

Auf daß dann keiner später

Geschehenes bereut. Ans Werk!


Alle setzen sich: der Lord, van Bett und Iwanow an den Tisch rechts, der Zar, der Marquis und Lefort links.


LORD zu van Bett.

Sind Sie gewiß, daß wir ganz ungestört?

VAN BETT.

Sei'n Sie versichert, daß niemand hier uns hört.[50]

LORD nach rechts zeigend.

Doch jene Leute an dem Tische dort?

VAN BETT.

's sind lust'ge Vögel, hören nicht ein Wort.

Doch bäte ich, zum Ziele zu gelangen.

Daß jeder nun frei und offen seine Meinung sagt.

IWANOW.

Das ist mir lieb.

VAN BETT.

Heraus denn ohne Bangen,

Hier unter Freunden keiner etwas wagt.

MARQUIS.

Sind Sie gewiß, daß niemand hier uns hört?

ZAR.

Sei'n Sie ganz ruhig, wir sind ganz ungestört.

MARQUIS.

Doch jene Zecher an dem Tische dort?

ZAR.

's sind lust'ge Vögel, sie schwatzen, sie trinken

Und hören nich ein Wort.

LORD zu Iwanow.

Geruhen Majestät mich anzuhören.

VAN BETT erstaunt.

Majestät?!

IWANOW.

Ei, wie komm ich so zu Ehren?

LORD.

Verzeihung, ich vergaß –

VAN BETT für sich.

'ne Majestät.


Laut.


Aha!

LORD.

Nicht unvorsichtig, Herr van Bett!

IWANOW zum Lord.

Ganz frei heraus, lieber Herr, ich dächte,

Daß meine Sache man recht bald in Ordnung brächte,

Auf daß ich könnte ruhig sein.

LORD.

Sire, das liegt an Ihnen nur allein.

VAN BETT für sich.

Es ist ein Sire, das leuchtet mir jetzt ein.

MARQUIS zum Zaren.

Gestatten Majestät mir eine Frage?

ZAR.

Sehr gern.

MARQUIS.

Was halten Sie von dem Vertrage?

ZAR zum Marquis.

Zur Antwort, daß ich gern, ich will nicht leugnen,

Bereit wär', den Traktat zu unterzeichnen,

Wenn ausgedehnte Vollmacht Ihnen ward.

MARQUIS übergibt eine Schrift.

Hier der Beleg, daß nichts daran gespart.

LORD der währenddessen mit Iwanow gesprochen, freudig zu van Bett.

Ich rücke näher schon dem Ziel.

VAN BETT.

So schnell? Ei, das ist wirklich viel.[51]

LORD.

Sehr viel.

VAN BETT.

Entsetzlich viel!


Leise zum Lord.


Doch sagen Sie mir nur mit einem Worte,

Sie nannten diesen Mann ja Majestät –

LORD.

Nun freilich.

VAN BETT.

Was ist's denn für ne Sorte

Von Majestät?

LORD.

St!

VAN BETT.

St! Ich bin ganz Ohr.


Beiseite.


's ist nicht richtig, alle beide

Kommen mir verdächtig vor.

ALLE.

Unsre Absicht zu erreichen,

Laßt uns schlau zu Werke gehn;

Denn auch nicht das kleinste Zeichen

Deute, daß wir uns verstehn.

Darum leise und mit Vorsicht

Werde jeder Schritt getan:

Nur auf solche Weise gelinget der Plan.

VAN BETT.

Man möchte gleich des Teufels werden,

Wenn man nie etwas erfährt.

ZAR zum Marquis.

Den Entwurf nun aufzusetzen,

Sehn Sie ernstlich mich bereit.


Er schreibt.


IWANOW zum Lord.

Nur über eines bin ich nicht im klaren,

Drohn mir denn künftig auch wirklich nicht mehr Gefahren?

Sie sagten vorhin, man forsche noch nach mir.

LORD.

Darüber kann ich ganz genau berichten, Sire;

Die Herren Gesandten fremder Mächte, sie trachten

Sich Ihrer zu bemächt'gen


Leise.


in Person.


Sie sprechen weiter.


VAN BETT beiseite.

Sich seiner zu bemächt'gen, alle Wetter!

Das ist ein Demagoge, so viel merk ich schon.

Dann kann er doch auch nicht von hoher Abkunft stammen,

Denn Prinz und Demagoge, das paßt doch nicht zusammen.

Lauter Wirrwarr, keine Klarheit!

Lauter Lügen, keine Wahrheit![52]

IWANOW zum Lord.

Das eine nur, mein Herr, bemerk ich Ihnen:

Nicht hab ich Lust, ferner noch zu dienen.

LORD.

Ha, ich versteh, Neutralität ist Ihnen lieber.

IWANOW bejahend.

Neutralität.

VAN BETT.

Neutralität, da geht nichts drüber.

ZAR.

Hier mein Entwurf, lesen Sie, Marquis.

LORD leise zu van Bett.

Ich bin am Ziel. Um eins noch bitt ich Sie,

Mir ferner beizustehn, wie es geschah bisher.

VAN BETT.

Versteht sich, die seltne Ehr' –

LORD.

Fortan sei Ihre erste Pflicht,

Streng zu verhüten, daß ihn jemand spricht,

Vorzüglich niemand Fremdes! Sie verstehn mich doch?

VAN BETT.

Ist's Ihnen recht, so steck ich ihn sogleich ins Loch.

LORD.

Herr, sind Sie toll? Was reden Sie für Zeug? –

Die tiefste Ehrfurcht –

VAN BETT.

Das dacht' ich mir gleich.

ZAR.

Nun, Marquis, sind Sie zufrieden?

MARQUIS der gelesen hat.

Welch glücklich Los ward mir beschieden,

Daß zum Vermittler mich mein König auserkor.

ZAR steht auf, die andern beiden mit ihm.

Unsre Ansicht?

MARQUIS.

Ist nur eine.


Sie reichen sich die Hände.


IWANOW steht auf, die andern mit ihm.

Ihre Ansicht ist die meine.

VAN BETT für sich.

»Ihre Ansicht ist die meine.«

's ist nicht richtig, alle beide

Kommen mir verdächtig vor.

ALLE.

Unsre Absicht zu erreichen,

Laßt uns schlau zu Werke gehn;

Denn auch nicht das kleinste Zeichen

Deute, daß wir uns verstehn.

Darum leise und mit Vorsicht

Werde jeder Schritt getan:

Nur auf solche Weise gelinget der Plan.

Lefort geht auf einen Wink des Zaren ab.
[53]


Quelle:
Albert Lortzing: Zar und Zimmermann. Stuttgart [o. J.], S. 50-54.
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