Erster Auftritt

[63] van Bett gravitätisch auftretend und sinnend rund um die Halle schreitend; ihm dicht auf der Ferse folgt ein Ratsdiener, welcher eine Menge Notenblätter trägt; dann treten junge Mädchen und Burschen, ihn begrüßend, ein.


Nr. 13 a. Ensemble


VAN BETT zum Chor.

Den hohen Herrscher würdig zu empfangen,

Beschied ich, meine Freunde, euch allesamt hierher.

Es sollen Worte ihm zum Ohr gelangen,

Wie er auf dieser Welt vernimmt sie nimmermehr.

Worte voll Salbung, voll Demut und Moral,

Und Schmeicheleien ohne Zahl.

CHOR.

Laßt doch hören, laßt doch hören!

Alle sind wir gern bereit,

Einen Kaiser hoch zu ehren,

Der uns seine Liebe weiht.

Doch wir möchten gerne wissen,

Wer der große Herrscher ist,

Wenn wir ihn empfangen müssen,

Sprecht, wie heißt er?

VAN BETT.

Nun so wißt: 's ist der Kaiser aller Reußen.

CHOR.

Aller Reußen?

VAN BETT.

Oder Russen, wie ihr wollt.

Peter Iwanow hat er geheißen,

Dem man jetzt so hohe Ehre zollt.

CHOR.

Iwanow, der Zimmermann?

VAN BETT.

Das war sein Privatvergnügen;[63]

Höhern Pflichten zu genügen,

Er den schlauen Plan ersann.

Lasset ohne Zeitverlieren

Die Kantate uns probieren,

Die zu anderm Zwecke zwar verfaßt,

Sich jedoch hierher grad' paßt.

CHOR.

Her die Noten!

VAN BETT.

Nur Geduld!

Die Worte sind von mir verfaßt,

In einer schönen Stunde;

Doch bin ich nur Poet, nicht Musiker, aus diesem Grunde

Erfand mein Freund, der Kantor, mir, auf daß es wirksam sei,

Zu diesen schönen Worten eine zarte Melodei.

Den Solosang werd ich mit Kraft und Grazie vollführen.

Ihr sollt den Chor mit Präzision riskieren!

Da in der Kirche ihr perfekt von Noten singt,

So ist es ganz natürlich, daß es hier euch auch gelingt.

CHOR.

Her die Noten, Ihr sollt sehen,

Daß wir uns darauf verstehen.

Ratsdiener verteilt die Noten und stellt alle in einem Halbkreis auf.


VAN BETT.

Nehmt die Noten!

CHOR.

Mir her!


Sie greifen danach.


VAN BETT.

Und Ruhe dann.

CHOR.

Mir her!

VAN BETT.

Jetzt fang ich mein Solo an:

»»Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen.«

Dideldum. – Das ist das Zwischenspiel. –

»Es ist schon lange her,

Wir alle können uns nicht mehr darauf besinnen«,

Dideldum!

»Das freut uns um so mehr.

Aus vollem Herzen rufen wir: Heil uns, der Zar ist da!

Du bist ein großer Held! Vivat! Halleluja!«

O wie schön die Worte fließen.

Wie ein Bächlein über Wiesen;

Gar nicht schwülstig, ganz natürlich,[64]

Und der Stilus so ausführlich.

Jeder Redesatz korrekt,

Das macht sicherlich Effekt.

CHOR.

Ja, wenn wir alle erst es wissen,

Macht es sicherlich Effekt.

VAN BETT.

Aufgepaßt! Schärfet alle Äug und Ohr,

Denn noch einmal trage ich die Stelle vor.

CHOR.

Aufgepaßt! Schärfet alle Aug und Ohr,

Denn noch einmal trägt er jetzt die Stelle vor.

VAN BETT.

Ruhe, schwatzt mir nicht so viel

Und habt acht aufs Zwischenspiel.

CHOR.

»Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen,

Dideldum –«

VAN BETT ihnen nachäffend.

Dideldum! – Dideldum ist kein Gesang;

Es ist, ich sagte es euch schon,

Nur Instrumentenreflexion.

CHOR.

Aha! Es ist nur Reflexion.

VAN BETT.

Hört mich an, es ist nicht schwer,

Und dann schreit mir nicht so sehr.

Reißt die Mäuler nicht so weit,

Sonst wird's nichts in Ewigkeit.

»Heil sei dem Tag, an welchem du –«

CHOR.

»Heil sei dem Tag –«

VAN BETT.

Das ist zu hoch! Halt!

CHOR.

»Heil sei dem Tag –«

VAN BETT.

Das ist zu tief – schweigt still! Ruhe!

CHOR.

»An welchem du bei uns erschienen.«

VAN BETT.

Hört mich doch an!

DIE MÄDCHEN unter sich zankend.

Du hast gefehlt, ich war ganz recht.

VAN BETT.

Halt't eure Mäuler!

DIE MÄDCHEN.

Ich singe gut, du triffst so schlecht.

VAN BETT.

Wollt ihr schweigen!

CHOR.

Ihr sollt jetzt entscheiden, wer von uns gefehlt.

ALLE umringen van Bett und schreien ihm in die Ohren.

»Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen!«

VAN BETT.

Euer Singsang ist ein Graus.

Statt daran sich zu ergötzen,[65]

Reißt der Zar sich vor Entsetzen

Lieber alle Haare aus.

DIE MÄDCHEN.

Besser wird es uns gelingen,

Wenn wir ganz alleine singen,

Denn wenn Ihr dazwischen schreit,

Wird es nichts in Ewigkeit.

VAN BETT.

Darin bin ich eurer Meinung,

Jeder singe, wie er kann;

Fanget ohne meine Leitung

Noch einmal von vorne an.

CHOR der sich wieder im Halbkreis aufgestellt hat.

»Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen.«

VAN BETT.

Jetzt tacet für den Chor.

CHOR.

»Es ist schon lange her.«

VAN BETT.

Bravo!

CHOR.

»Wir alle können uns nicht mehr darauf besinnen.«

VAN BETT.

St!

CHOR.

»Das freut uns um so mehr.

Aus vollem Herzen rufen wir:«

VAN BETT soufflierend.

Heil uns, der Zar –

CHOR.

»Heil uns, der Zar ist da.«

VAN BETT.

Schön, schön!

CHOR.

»Du bist ein großer Held! Vivat! Halleluja.«

VAN BETT.

O wie schön die Worte fließen.

Wie ein Bächlein über Wiesen.

CHOR.

Nun sprecht, wie haben wir gesungen,

Wie ist es uns gelungen,

Legen wir wohl Ehre ein?

VAN BETT.

Köstlich habt ihr nun gesungen,

Endlich ist es euch gelungen.

CHOR.

So werdet Ihr zufrieden sein?

VAN BETT.

So werde ich zufrieden sein!

CHOR.

So legen wir auch Ehre ein?

VAN BETT.

So legt ihr große Ehre ein!

CHOR.

Wir legen Ehre ein, das wird 'ne Freude sein!

Endlich ist es uns gelungen, und wir legen damit

Ehre ein.

VAN BETT.

Wie so schön die Worte fließen, wie ein Bächlein hin;[66]

Gar nicht schwülstig, ganz natürlich,

Und der Stilus so ausführlich.

Ja, wir legen Ehre ein.

ALLE.

»Du bist ein großer Held, vivat hoch!«

Das wird 'ne große Freude sein,

Wir legen Ehre ein.


Alle wenden sich zum Gehen.


Quelle:
Albert Lortzing: Zar und Zimmermann. Stuttgart [o. J.], S. 63-67.
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