Gebrauchsanweisung für Literarhistoriker

[7] Glaubt ihr mich wert, für künftige Studenten

im Namensalmanach »Wer war's?« vermerkt zu stehn –

ich lächle schon – doch mag's geschehn:

die Manen zehren gern von Ruhmesrenten.

Laßt die Magister literarischer Seminare

der Verse Rhythmen metrisch spalten,

Symbol-Metaphern unters Prisma halten

und Rühmens machen von der Dichterware,

die Zeugnis gibt poetischen Charakters,

wie sie teils griechisch-schlicht, teils in getragner Gotik

serviert wird – wenn auch leider die Erotik

oft recht obszön scheint, daß so leicht nichts Nackters

sich findet in der deutschen Lit'ratur;

dies ist betrüblich – andrerseits

lockt doch auch dieser Muse Formenreiz

und führt bisweilen gar auf ernster Liebe Spur.

Da sieht man, wie aus Herzverdruß

sich des Poeten echte Seufzer ringen,

beziehungsweise, wie Humore schwingen

(zwar häufig bittre) aus der Liebe Ungenuß. – –

So mag, was mein intimes Sein bewegte,

bei Hörern und bei Hörerinnen,

mein Lieb- und Leiden Sympathie gewinnen,

wie auch, daß mir der grelle Mondschein Furcht erregte ...

Nun aber räuspern sich die Professoren:

De mortuis nihil nisi bene!

Doch – tief bedauerlich – es geben jene

[8] ein Quantum wieder meines Ruhms verloren:

Der Dichter, von des Tages Eitelkeit verblendet,

hat manchmal sein beachtliches Talent

– kopfschüttelnd rügt es der Privatdozent –

auch an der Gosse Mobinstinkt verschwendet

und hat in solchen trüben Sphären

mit übeln Kampfgesängen Triebe aufgerührt,

die, hätte sie die Hetze nicht verführt,

dem Bürger nie zur Pein geworden wären ...

Statt poesievoll alle Menschen zu versöhnen,

schürt er – dies hüllt sein Licht in Schatten –

den Haß des Hungerpöbels auf die Satten,

die Kunst entweihend mit politischen Tönen.

So traf – der Wahrheit sei die Ehre! –

ihn, den wir gern als Zierde des Parnasses nennten

– und ein umflorter Blick streift die Studenten –,

die Strafe der Justiz mit wohlverdienter Schwere.

In den Annalen der politischen historia

wird drum, als Schädling unsres Staats,

der Name aufbewahrt – der eines Herostrats;

ein Warnungsmal: sic transit mundi gloria!

Hingegen wir, wir unpolitischen Ästheten,

wir kennen und verdammen freilich seine Schmach –

doch unser Musenalmanach

vermerke immerhin den lyrischen Poeten ...


Soll das der Nachruhm sein, der mir beschieden? –

Es sei: Mein Name gilb in Listen

form- und gemütbegeisterter Seminaristen,

mit einem Schandkreuz angemerkt. – Ich bin's zufrieden.

Sonst sei er ausgelöscht im Weltgedächtnis.

Auch sei, was ich von Mond und Mädchen je gedichtet,

für Dissertationen im Archiv geschichtet:

das Tote ist dem Leben kein Vermächtnis! ...

Doch, blieb aus meinem Freiheitsruf ein Reim,

ein einziger, lebendig bei Rebellen –

[9] gelang ein Wort mir, Dumpfheit zu erhellen,

so kehr mein Name gern zum Lethe heim.

Denn: färbt ein weißes Blütenblatt sich rot

vom Blute meiner Leidenschaft –

ein einziges auf dem Feld, wo junge Kraft

den Sieg erkämpfen soll –, so ist mein Werk nicht tot!

Es lebt im Hauche, den es stärkend trug

zum Kampf der Jugend. – – Name nicht, noch Wort –

der Geist, der wirkende lebt fort!

Darf meiner Freiheit wirken, ist's mir Ruhm genug.

Quelle:
Erich Mühsam: Ausgewählte Werke, Bd.1: Gedichte. Prosa. Stücke, Berlin 1978, S. 7-9.
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