Frühlingstraum

[121] Ich träumte von bunten Blumen,

So wie sie wohl blühen im Mai,

Ich träumte von grünen Wiesen,

Von lustigem Vogelgeschrei.


Und als die Hähne krähten,

Da ward mein Auge wach;

Da war es kalt und finster,

Es schrieen die Raben vom Dach.


[122] Doch an den Fensterscheiben

Wer malte die Blätter da?

Ihr lacht wohl über den Träumer,

Der Blumen im Winter sah?


Ich träumte von Lieb' um Liebe,

Von einer schönen Maid,

Von Herzen und von Küssen,

Von Wonn' und Seligkeit.


Und als die Hähne krähten,

Da ward mein Herze wach;

Nun sitz' ich hier alleine

Und denke dem Traume nach.


Die Augen schließ' ich wieder,

Noch schlägt das Herz so warm.

Wann grünt ihr Blätter am Fenster?

Wann halt' ich dich, Liebchen, im Arm?

Quelle:
Wilhelm Müller: Gedichte. Berlin 1906, S. 121-122.
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Mitarbeit: Aufderstraße, Hartmut; Müller, Jutta; Storz, Thomas

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