»Villa Bärenfett«

Den zahlreichen lieben Kameraden, welche partuh eene Schilderung meiner Villa kennen lernen wollen, möge folgende Skizze zur Orientalisierung dienen.

Wer von Dresden aus mit dem Dampfschiffe über den lieblichen Rücken der Elbe schtreicht, dem fällt schon nach kurzer Zeit die Form eenes idyllischen Gebäudes off, dessen intriguante Mauern sich am rechten Ufer aus dem chloroformgrünen Geschträuch eenes viereckig abgerundeten Gartens erheben. Ueber der Veranda der vorderen Seite ist in großen Buchschtaben zu lesen »Villa Bärenfett«, folglich ist das meine Wohnung.

Sie liegt nur eene Schtunde von Moritzburg entfernt, wo ich das erschte Licht der Welt erblickt und für meinen berühmten Bildungsprozeß vegetiert habe. Beschtehen thut die Villa erschtens aus dem erwähnten Garten, und zweetens aus den mitten drin errichteten menschlichen Niederlassungen für mich, eenen Pfauhahn, zween Papageien, drei Brahtrapumahühnern und eenigen andern zoologischen Speziraritäten nebst Aschengrube und Weinschpalier.

Der Garten is von eenem eisernen Schtakeht mit feuerfesten Schpitzen umgeben. Wer hinten herein will, der kann nich, nämlich weil keene Thür da is. Aber als Ersatz derselbigen habe ich für Obstschpitzbuben Selbstschüsse und angelnde Füße legen lassen. Der eenzige loyale Eingang schtrahlt dem Besucher ergebenst vorn, an der Elbseite entgegen, zwischen der Besuchs- und Ueberraschungsglocke und dem Meißner Porzellanschilde, off welchem der internationale Name prangt »Heliogabalus Morpheus Edeward Franke, Prairiejäger.«

Von dort aus bewegt sich der huldreich Eingelassene an Aurikeln und langer Liebe, die ich aber erst im Frühjahr schtecken will, pietätvoll durch den Blumen- und Schneeglöckchengarten nach der Verandinah, in welcher ich jetzt im Winter die Amseln mit Amseneiern und die Meisen mit Schpeckschwarten füttere. Dann schmiegt er sich um zwee Hausecken links nach dem Obstgarten, wo ihn een Boom nach dem andern mit sympathetischen Zweigen umfängt, um ihm die dort befindlichen Herrlichkeeten zu zeigen, nämlich die grün und weiß angeschtrichenen Wäschepfähle, die amerikanischen Himbeerschträucher und den in korinthischem Schtile erbauten Karnickelschtall mit sukzessiver Hühnertreppe. Die einst dort weilende Hundehütte habe ich wegen der jetzigen Kälte in meine Schlafschtube schaffen lassen, een geistiger Ausfluß meiner Mitgliedschaft gegen die Tierquälerei und Antivivisektion. Unter dem Nußboom fällt dem verschtändnisvollen Ooge sofort die Thüre off, durch welche man sich über vier Schtufen weg mit Eleganz in das Gebäude schwippt.

Dieses letztere beschteht aus eenem chinesischen Hochparterre und eener sanguinisch-ägyptischen Bel-Etage mit dem Blitzableiter, eenem Flaggenschtock und zwee Feueressen, aus denen von morgens bis abends unausgesetzt die häuslichen Geister meines gemütvoll duftenden Herdes quellen, weil ich bekanntlich een deliciöser Feinschmecker bin.

Im Hausflur hängt meine Schmetterlingssammlung und eene Blumenampel mit versuchsweisen Sonnenrosen; ooch schteht daselbst der Schtiefelknecht. Rechts geht's in die Küche und links ins Vorzimmer. Dort schteht een hoher Pfeilerschpiegel und een Faß für nasse Regenschirme, ooch een Photographiealbinum für[397] langweiliche Leute zum Blättern mit Glacéhandschuhen. Von da aus kommt man in den Staatssalon mit Samtmöbeln und meinem Bildnisporträt mit Federhut. Das Pianino is nich für mich, sondern für Donnerschtags, wo ich für meine Anbeter großen Schur Fix habe. Der Teppich beschteht aus lauter Bärenfellen, welche die Mäuler offschsperren und mit den Schwänzen zusammengebunden sind. Gegen den Mottenfraß reibe ich ihn mit eener Tinktur aus Asa foetida und Ammoniak ein, was meinen Besuchern zu komponieren scheint, da sie nie wagen, den Salon zu betreten.

Daneben liegt das Wohnzimmer mit echtem Nußboomkanapee und präparenten Tiergerippen, zugleich der Silberschrank aus Schpiegelglas und alle Sorten von Vögeln in ausgeschtopfter Positur. Von da aus kommt man in das Schpeisezimmer für zwölf Personen off echten Eichenschtühlen nebst Fußbänkchen für konventuelle Damen und der großen Schwarzwälder Uhr, welche während der Zeit des Schpeisens immerfort schpielt:


»'s is mir alles wurscht, 's is mir alles wurscht,

Hab ich Hunger, oder hab ich Durscht!«


Hier hängen ooch die Bilder von Old Shatterhand und Winnetou, von mir selbst in Boomöl gemalt, weil ich damals keen anderes kriegen konnte. Leider sieht man diese beeden Helden nur von hinten, weil sie mir von vorn nich mehr sitzen wollten.

Nun kommt die Schlafschtube mit der eisernen Feldbettschtelle und der rotseidenen Decke mit blauen Bummeln und Fransen. An den Plafong sind alle Schterne und an die Wände große Bäume gemalt, um mich schtets in den Urwald zu versetzen. Von den zwee Negern, was meine Diener sind, muß der eene, wenn ich schlafen gehe, bald wie een Bär brummen und bald wie een Tiger brüllen, nämlich draußen vor der Thür. Der andere pumpt Wasser off das Dach, natürlich sobald es nich regnet. Wenn's dann so in den Dachrinnen gurgelt und die wilden Tiere heulen, so versetze ich mich in meine berühmte Vergangenheet und sinke pêle-mêle und hochentzückt dem Träume spendenden Nautilus in die Arme.

Hier unten im Parterre lebe ich als unscheinbarer Privatmann und bescheidener, angeblicher Laie für meine Gesundheit und für meine Freunde. Aber oben in der Bel-Etage wohnt die Wissenschaft und die Gelehrsamkeet. Da liegt meine Schtudierschtube mit den Globussen und dem Schreibpapier, rechts und links davon die Bibliothekzimmer mit den Münchener fliegenden Blättern, der Dresdener Dorfzeitung und dem Kladderadatsch. Im heiligsten Kral heb ich den »Guten Kameraden« off, dessen Gönner und Mitarbeiter ich bekanntlich bin, und darüber hängen meine Waffen und Kriegskoryphäen nebst indianischer Friedenspfeife, aus welcher ich besonders dann rooche, wenn ich mich mal über meine zwee Neger geärgert habe und mir heemlicherweise sage, daß ich sie hier in Sachsen doch nich schkalpieren kann.

Die übrigen Räume sind mit philosophischen Sammlungen angefüllt, Indianergerätschaften und Kaffernhelme, japanesischen Feuerschpritzen und arabische Butterfässer, grönländische Sonnenschirme und botokudische Petroleumkocher, ägyptische Walfischharpunen und neuseeländische Notenpulte, samojedische Weinflaschen und altassyrische Bajonnete, Mausefallen aus dem Eskimolande und sogar een Paar malayische Aufschlageschtiefel mit großen Räderschporen, kurz und gut alle möglichen Gegenschtände aus allen möglichen Ländern, mit großem Fleiße von meinen Freunden gesammelt und mir aus Verehrung an meinen Geburts- und sonstigen Gedächtnistagen ergebenst gewidmet und achtungsvoll dargereicht.

Es wundert mich ungeheuer, daß die vielen, guten Kameraden, denen ich dies schreibe, nich schon ooch längst off den Gedanken gekommen sind, mir ihren schuldigen Tribut off ähnliche Weise gehorsamst entgegen zu bringen, wobei ich aber trotzdem verbleibe ihr wohlgewogener

Heliogabalus Morpheus

Edeward Franke,

kurzweg Hobble-Frank.[398]


Quelle:
»Villa Bärenfett«. […] wobei ich aber trotzdem verbleibe ihr wohlgewogener Heliogabalus Morpheus Edeward Franke, kurzweg Hobble-Frank. In: Der Gute Kamerad. 3. Jg. Nr. 25. S. 397–398. – Berlin, Stuttgart (1889), S. 397-399.
In: Der Gute Kamerad. Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung. [Jahrgangstitel: Der Gute Kamerad. Spemanns Illustriertes Knaben- Jahrbuch]. 3. Jg. Nr. 25. S. 397–398. – Berlin, Stuttgart: W. Spemann (1889). Reprint in: Der Schwarze Mustang. Anhang: Die kleineren »Kamerad«-Erzählungen von Karl May. Einführung von Erich Heinemann. Hamburg: Karl-May-Gesellschaft 1991.
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