1. Himmel und Erde

[117] »Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre;

Ihr Schall pflanzt seinen Namen fort;

Ihn rühmt der Weltenkreis; ihn prüfen alle Heere,

Drum lobet ihn, den großen Hort!«


»Wenn die Nacht mit begeisternder Herrlichkeit emporsteigt,« ruft einer unserer bedeutendsten Geographen aus, »und sie den Schleier von Sonnenstrahlen hinwegzieht am Firmamente; wenn wunderbar aus ewigen Fernen, aus den Tiefen des Weltenalls, tausende neue Sonnen, neue Erden schimmern: dann erhebt sich unser entzückter Blick nicht zur stillen Pracht der Gestirne, ohne Seiner Hoheit, Größe und Macht zu gedenken, Seiner, in dessen Lichte unermeßliche Welten wie geringe Sonnenstäubchen spielen und dessen Schöpfungen keine Schranken kennen.

Jene Gestirne predigen seine Majestät herrlicher, als es der Geist eines Sterblichen vermag. Jene Gestirne, die aus dem ewigen All uns anstrahlen, sind heilige Offenbarungen von oben her, sind Propheten der Ewigkeit, die uns anrufen, sind Weissagungen von dem unbekannten Jenseits, des unserer wartet.

Vielleicht haben wir schon, unbewußt, den Blick in das Geheimniß der Ewigkeit geworfen. Vielleicht sehen wir schon Strahlen einer Welt – dereinst unsre Welt – in der verklärt und veredelt die Geister unserer Geliebten mit überirdischem Entzücken wallen. Sehnen sie sich nach dieser Erde zurück? Vielleicht erkennen sie dieselbe kaum noch als kleinen Punkt unter den Sternen, wissen nicht, daß dieser Punkt einen kurzen Traum lang ihr Wohnort war, – wissen nicht, daß noch auf diesem Punkte ein liebendes Herz wohnt, welches sie vergebens ruft!«

Wohl mag die Indolenz ein Lächeln haben für den Glauben, welcher sich nach oben richtet und seine Hoffnungen von der Erde reißt, um sie »über die Sterne« zu lenken, aber ein ernstes und sinniges Gemüth mag und kann sich den Ahnungen nicht entziehen, welche beim Glanze des Firmamentes der Seele entsteigen und nach einer Heimath streben, welche außerhalb der Grenzen des Zeitlichen und Räumlichen liegt.

Die griechische Götterlehre erzählt uns eine tiefernste Sage: Prometheus stieg hinauf zu dem Sitze der Götter, entwendete ihnen einen Funken des himmlischen Feuers und brachte die belebende und alle Finsterniß verscheuchende Flamme den Bewohnern der Erde.

Die Götter bestraften diese verwegene That. Angeschmiedet an einen Felsen des Kaukasus, wurde er ein Raub der furchtbarsten Schmerzen, denn ein Adler mußte ihm die beständig nachwachsende Leber immer wieder von Neuem aushacken.

Diese Sage birgt einen tiefen Sinn. Es hat zu allen Zeiten solche Prometheusnaturen gegeben, welche von einem innern Drange nach Erkenntniß getrieben wurden, die kühne Hand nach dem Lichte der Wissenschaft auszustrecken, um die Räthsel des Seins zu beleuchten und zu ergründen. Aber mit jedem Schritte, den sie vorwärts thaten, wuchs der Zweifel und der Durst nach neuem und größerem Wissen; von den Finsterlingen mit dem Anathema belegt, sahen sie sich von dem Spötter verlacht, von dem unverständigen Haufen verketzert und mußten in ewiger Kerkerhaft oder gar auf dem Scheiterhaufen ihr Heldenthum büßen.

Doch ist der göttliche Funke, einmal in Brand gesteckt, nimmer wieder auszulöschen; mag der Denker unter dem Bannfluche seufzen und zum Märtyrer seiner Ueberzeugung werden, so ist es doch unmöglich, die Errungenschaften seines Geistes mit dem Interdicte zu belegen und die Idee, die ihn erleuchtete, lebt fort und geht auf andere Geister über, um unter Sturm und Drang immer weiter entwickelt und ausgebildet zu werden. Jetzt sind jene Zeiten vorüber, die Fesseln gefallen und die Scheiterhaufen verkohlt, und unbesorgt dürfen wir uns in die Schöpfungen der Männer versenken, welche nach dem Glanze der Wahrheit strebten und Antwort suchten auf die Frage nach Ursprung, Wesen und Zusammenhang des Bestehenden.

Diese Frage, obwohl zunächst an irdische Verhältnisse gerichtet, hebt unfehlbar doch zuletzt den Blick empor zum Himmel und lenkt das forschende Auge auf die hellen Punkte, von denen jeder eine Welt bedeutet. Im Glanze der Sterne nur entfaltet die Wunderblume der Erkenntniß ihre Blüthen, und mit Recht mahnt der Dichter die nach Licht und Klarheit Strebenden:


»Schwingt Euch hinauf zu jenen Fernen,

Zum großen Weltenocean,

Les't in den Sonnen, in den Sternen:

Sie zeigen Euch des ew'gen Bahn!«


Müssen wir den Mann bewundern, dessen scharfe Beobachtung hinunterdringt in die Tiefen der Erde, um den Schleier zu lüften, welcher über die Geheimnisse der Unterwelt gezogen ist, so erscheint uns erstaunlicher noch die Sicherheit, mit welcher die Berechnung des Himmelskundigen die Millionen rollender Welten erfaßt, jede Minute ihres Laufes zählt und das Dasein von Körpern beweist, welche erst die Nachwelt mit dem Rohre erreicht. Der Glanz der Sterne legt seine Strahlenaureole um das Haupt des Forschers; ein magisch Schimmern hängt sich um sein Thun, und wie sein Himmel hoch ist über der Erde, so blickt auch zu ihm selbst der Laie nur nach oben.

Mögen Andre stolz sich Herren der Erde nennen, ihm ist sie zu eng und klein, das All will er durchdringen und beherrschen, erobert eine Welt nach der andern und – bringt sie der Menschheit zum Geschenke. Die Sphären, welche durch[117] die Räume saußen, müssen ihm Rede stehen, von ihm ihr Bild sich rauben lassen und ihren Wandel seinem Aug' enthüllen. Was der stärksten körperlichen Kraft unmöglich ist, er vollbringt es, und in ihm zeigt die Macht des Geistes sich in ihrem höchsten irdischen Glanze.

Darum ist es kein Wunder, daß man seit grauer Zeit bis zum Ausgange des Mittelalters den Astronomen die Kunst beimaß, aus der Stellung und dem Laufe der Gestirne die Zukunft zu ergründen. Es liegt ein geheimnißvoller und unwiderstehlicher Reiz in der geistigen Erforschung dessen, was der Betrachtung durch das leibliche Auge sich entzieht, und so kam es, daß die Brillanten des Himmels mit ihrem magischen und zauberhaft flimmernden Lichte die Aufmerksamkeit schon der ältesten Völker auf sich zogen.

Die Bewegungen der Sonne und des Mondes mußte dem Menschen am Ersten auffallen, und das Resultat seiner Beobachtung war die Eintheilung der Zeit in Jahre, Monate und Tage. Da der Stand seiner Kenntnisse kein hoher war und ihm auch die nothwendigen Instrumente noch fehlten, so war seine Anschauung vom Weltenbau eine irrthümliche und konnte erst später mit der Erstarkung der Wissenschaft und der Erfindung und Vervollkommnung der astronomischen Werkzeuge nach und nach berichtigt werden. Dennoch aber hat man, besonders in Asien, schon in der ältesten Sagenzeit Kenntnisse von genauen Messungen und Berechnungen, welche unsere Bewunderung erregen.

Die astronomischen Nachrichten der Indier reichen bis 3102, der Chinesen bis 2449, der Chaldäer und Babylonier bis 2167 Jahre vor Christi Geburt zurück, und die Egypter hatten schon 1600 vor Christo richtige Beobachtungen von Finsternissen. Die großartigsten Erfolge freilich hat erst die neuere Zeit aufzuweisen, welcher es gelang, die Wissenschaft von den Beimischungen des Aberglaubens zu befreien und das wahrheitstreue und überwältigende Bild zu entwerfen, welches die Gegenwart von dem unendlichen Dome des Himmels besitzt. Es ist ja das Gesetz aller irdischen Entwickelung, daß der Weg zur Wahrheit durch den Irrthum geht und nur aus der Finsterniß zum Lichte führt.

Die alte Tradition, welche den winzigen Erdball zum Hauptbeziehungspunkte alles Erschaffenen machte, so daß Josua rufen durfte: »Sonne, stehe stille zu Gibeon und Mond im Thale Ajalon!« hat der Ueberzeugung weichen müssen, daß der »Staubgeborne« nicht das Recht habe, sich die höchste Daseinsform zu nennen und daß die Erde nichts Anderes für ihn sei als nur eine der Stufen, auf welchen er zur Vollkommenheit emporschreitet. Diese Ueberzeugung demüthigt die Vermessenheit, welche sich dünkt, Gott gleich zu sein, und ermuntert den Menschen, zu trachten nach dem »das droben ist«, nach dem »Reiche Gottes«, welches weder Confession noch Dogma, sondern nur das eine, große, allmächtige Gesetz der Liebe kennt, welches Alles erfüllt und Alles bewegt, »soweit der Himmel reicht«.

Jeder leuchtende Punkt am Firmamente ist eine Provinz dieses unendlichen Reiches, vielleicht von lebenden Wesen bevölkert, welche dasselbe Recht besitzen, wie wir, Kinder eines Vaters zu sein, und nichts Anderes will Christus, der viel Verkannte und Mißverstandene sagen, wenn er spricht: »In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen!«

Die Wohnung des Menschengeschlechtes, Erde genannt, welche sich mit einer Geschwindigkeit von 225 Meilen in der Stunde um sich selbst bewegt, mit einer Eile von 14,400 Meilen in der Stunde um die Sonne kreist und mit dieser in noch größerer Schnelligkeit um weitere Centralsonnen wirbelt, ist eine an den beiden Polen abgeplattete Kugel von 1,719 Meilen Durchmesser, 5,400 Meilen Umfang, 9,288,000 Quadratmeilen Flächeninhalt und wiegt ungefähr 140,000,000,000,000,000,000,000,000,000 Centner oder nahezu 14 Quadrillionen Pfund, eine Größe, für welche die gewöhnlichen Verhältnisse keinen Maßstab leihen.

Um diese Erde, deren Oberfläche zu 2 Drittheilen aus Wasser und 1 Drittheil aus festem Lande besteht, läuft der Mond mit einer Geschwindigkeit von 450 Meilen in der Stunde. Er ist im Mittel 51,816 Meilen von ihr entfernt, hat einen Durchmesser von 468 Meilen, einen Flächeninhalt von ungefähr 663,500 Meilen und einen Körperinhalt, nach welchem 49 Mondkugeln erst eine Erdkugel bilden würden.

Mit der Erde, welche im Mittel 20,450,000 Meilen von der Sonne entfernt ist, drehen sich die Planeten um dieselbe, deren größester, der Jupiter, einen Durchmesser von 19,294 Meilen und einen Flächeninhalt von 1,169,530,000 Quadratmeilen besitzt. Von ihnen steht der Merkur der Sonne mit einer Entfernung von 8 Millionen Meilen am Nächsten und der Neptun mit einer Entfernung von 621 Millionen Meilen am Entferntesten.

Die Sonne selbst hat einen Durchmesser von 192,617 Meilen und eine Oberfläche von 116,556 Millionen Quadratmeilen. Sie wiegt ungefähr 320,000 mal so schwer als unsre Erde und ist 700 mal größer als alle Planeten und Monde zusammengenommen. Sie dreht sich mit einer Geschwindigkeit von 900 Meilen in der Stunde aller 25 Tage und 10 Stunden einmal um sich selbst und bildet nicht, wie man irriger Weise angenommen hat, einen Feuerball, sondern ist eine mit einer leuchtenden Hülle umgebene dunkle Kugel.

Die Kometen oder Schweifsterne, deren man wohl an 700 kennt und über 5000 vermuthet, schwingen sich vielleicht unabhängig von unserer Sonne in ungeheuren parabolischen Bahnen um andere Sonnen, durchfliegen mehrere Weltenfamilien und kehren erst nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden in die alten Himmelsgegenden zurück.

Es giebt keine Weltenkörper, welche so wenig Wirkung auszuüben vermögen als eben diese Kometen, und doch haben sie die frühere, ja zum Theil noch die gegenwärtige Menschheit in Angst und Schrecken gesetzt. Trotz ihrer völligen Unschädlichkeit selbst für den Fall einer wirklichen Berührung mit unserer Erde hat man sie für Boten des göttlichen Zornes angesehen und Pestilenz, Krieg, Theuerung und alles mögliche Unglück, ja sogar den Untergang der Welt mit ihrem Erscheinen in Verbindung gebracht.

Die Astronomen haben bewiesen, daß die Erde schon mehrere Male – das letzte mal am 24. Juni 1819 – durch einen Kometen hindurchgegangen ist und ebenso, daß solche Sterne in der nächsten Nähe an uns vorübergegangen sind und in Zukunft wieder vorübergehen werden, ohne daß davon die geringste Wirkung zu verspüren war und sein wird. Der Grund zu dieser vollständigen Unschädlichkeit liegt in der außerordentlichen Dünnheit des Stoffes, aus welchem sie bestehen und welche so bedeutend ist, daß z.B. unsere atmosphärische Luft mehrere hundert mal dichter noch ist als der Donati'sche Komet, welcher 1858 erschien.[118]

Die Bahnen dieser Himmelskörper sind so lang gedehnt, daß der Komet von 1680 der Sonne sich bis auf blos 30,000 Meilen näherte und sich dann wieder 3000 Millionen Meilen von ihr entfernte. Dieser Abstand äußerte auch eine auffällige Wirkung auf die Schnelligkeit seines Laufes, welche in der Sonnennähe 53 Meilen, in der Sonnenferne aber nur 6 Ellen in der Secunde betrug. Der Komet von 1858 braucht 2000, der von 1811 2840, ja es giebt einen, der sogar 102,500 Jahre braucht, um seine Bahn nur ein einziges Mal zu vollenden.

Bis auf Tycho de Brahe galten sie gar nicht für Weltenkörper, sondern nur für Lufterscheinungen (Meteore) und hatten also dasselbe Schicksal wie die Sternschnuppen, welche für atmosphärische Gebilde gehalten wurden, bis Chladni in Berlin im Jahre 1804 die später auch bewiesene Meinung aussprach, daß sie kosmischen Ursprung haben, Trümmern von Weltenkörpern seien und als Meteorsteine unsre Erde zuweilen besuchen, weil dieselbe ihre Bahn durchkreuzt.

So ungeheuer der Raum ist, welchen die Sonne mit den sie umschwimmenden Welten einnimmt, er ist doch verschwindend klein im großen, unausdenkbaren Weltgebäude. Schon mit bloßem Auge vermag man bei heiterem Nachthimmel 5000 Sterne zu zählen, während das bewaffnete Auge davon über 145,000 erkennt und man vermuthet, daß der ganze Himmel über 75 Millionen Sterne trägt.

Diese Sterne, wegen der scheinbaren Unveränderlichkeit ihres Standortes »Fixsterne« genannt, sind so weit von unsrer Erde entfernt, daß der Lichtstrahl, welcher doch in jeder Secunde 40,000 Meilen zurücklegt, vom Monde 11/2 Secunden, von der Sonne 8 Minuten 18 Secunden, von No. 61 des Schwanes 9 Jahre, vom Polarsterne 40 Jahre und von den Plejaden 700 Jahre braucht, um zu uns zu gelangen.

Bei dieser ungeheuren Entfernung ist es sehr wahrscheinlich, daß wir heut das Licht von Sternen sehen, welche längst schon in Trümmer gegangen sind und dagegen Welten noch nicht erblicken, die schon Jahrhunderte lang auf Bahnen wandeln, welche unser Rohr zu erreichen vermag. Und trotzdem richtet der Mensch seinen Blick nach oben, läßt sich von keinem Hindernisse schrecken und besiegt, je weiter er im Wissen vorschreitet, desto größere Schwierigkeiten, welchen die Vorwelt vollständig machtlos gegenüberstand.

Ist der Geist des Menschen wirklich ein Odem Gottes, so muß ihm auch die göttliche Allmacht innewohnen, welche sich immer mehr von den Fesseln des Endlichen befreit und emporstrebt zum Schauen und Erkennen. Was der Vergangenheit ein Wunder war, das ist der Gegenwart eine Leichtigkeit, etwas Alltägliches und Gewöhnliches, und wie der vom Drange der Wissenschaft beseelte Wanderer in die Wüsten der entlegensten Continente dringt und mit Todesgefahr und tausend Fährlichkeiten die Kämme der höchsten Gebirge übersteigt, so erfaßt das bewaffnete Auge einen Stern nach dem andern und bestimmt mit Hülfe der Spectralanalyse die Stoffe, aus welchem Himmelskörper bestehen, die selbst der Blitz erst nach Jahrhunderten erreichen könnte.

»Wo warst Du, da ich die Erde gründete? Sage mir es, bist Du so klug? Worauf stehen ihre Füße versenket und wer hat ihr einen Eckstein gelegt, da mich die Morgensterne lobeten und jauchzeten alle Kinder Gottes?« fragt Hiob, und seine Zeit mußte zu diesen Fragen schweigen, während wir vor ihnen nicht mehr zu erschrecken brauchen.

Diese »Kinder Gottes«, diese »Jerubim und Seraphim«, wie unsre Bibel die Sterne nennt jauchzen dem Herrn Sabaoth ihr Hallelujah von Ewigkeit zu Ewigkeit; wir vernehmen ihre Stimme und – sprechen nicht blos von der Musik der Sphären, sondern berechnen mit genauen Zahlen die Intervalle der großen Weltenharmonie.

Die Alten erklärten sich die Entstehung der Milchstraße durch die Sage von der Ziege Amalthea, welche am Himmel weidete und denselben mit ihrer Milch betröpfelte. Welcher Unterschied zwischen dieser kindlich naiven Anschauung und den Aufklärungen, welche uns die jetzige Astronomie ertheilt! Ist es uns auch nicht möglich, jene »Zervan akerene« (anfanglose Zeit), von welcher die persischen Religionsbücher berichten, zu begreifen, so dürfen wir doch mit Stolz auf die Errungenschaften der heutigen Wissenschaft blicken, und wenn wir auch nicht vermessen genug sein können, den Himmel stürmen zu wollen, so wissen wir doch, daß uns die Entwickelung mit wenn auch langsamen, aber doch sicheren und unaufhaltsamen Schritten zu ihm emporführen wird. Und das ist die Seligkeit, welche unsrer wartet; das ist das Reich Gottes, in welchem das kleine Senfkorn des menschlichen Wissens zu einem Baume heranwachsen wird, welcher ewige und unvergängliche Früchte trägt.

Die Heimath, die da droben unsrer wartet, zieht unser bestes und schärfstes Denken himmelwärts und nimmt unser Fühlen und Wollen gefangen in einer Sehnsucht, welche, den Meistern unbewußt, sich wie ein Faden durch unser ganzes Leben zieht.

In den unergründlichen Tiefen des blauen Aethers liegt unsre Zukunft verborgen; mag der Zweifler spotten, es kommt ihm doch die Stunde, in welcher ihn eine Ahnung des Zukünftigen, welchem er sich nicht entziehen kann, überwältigt, und es ist mit Nichtem ein Triumph des Menschengeistes, wenn er sich lossagt von dem Vertrauen zum Vater, der sein Kind aus der Finsterniß zum Lichte, aus dem Dunkel zur Klarheit emporziehen will an seine Rechte.

Wenn in stiller Abendstunde der ernste Blick sich zu dem funkelnden Diademe des Himmels erhebt und, wie magnetisch festgehalten, bei den Lichtern der Nacht, der »Tausendäugigen«, verweilt, so schwellt sich die Brust unter jenem Gefühle, für welches die Sprache noch nicht das rechte Wort erfand, weil[125] sie den Ort nicht kennt, nach welchem die Sehnsucht des einsamen Menschenherzens gerichtet ist.

Wie das entzückte Auge der Braut immer wieder zurückkehrt zu den strahlenden Steinen, mit welchen sie der glückliche Bräutigam zu schmücken strebte, so kann das sinnige Gemüth nicht lassen von den funkelnden »Runen« des Himmels, welche in unvergänglicher Sprache die Liebe »Alfadurs« predigen und ihr mildes, tröstendes und beruhigendes Licht herniedersenden in das Bangen und Verlangen des Erdenlebens.

Mag die Wolke zeitweilig sie verhüllen, sie erscheinen doch immer von Neuem, jene »Coyllur cunna«, die himmlischen Heere, wie das untergegangene Volk der Inka's die Sterne nannte; ihr Schimmer kann nicht lassen von der kleinen Erde und nimmt Abschied von dem einen Volke nur, um dem andern aufzugehen und im Verschwinden das Nahen des jungen Morgens, des hellen Tages zu verkünden. Und treu wie sie, ist ihnen auch der Mensch.

Klopft sein Puls schneller unter dem belebenden Drange der Freude oder befeuchtet die Wimper sich mit den Perlen des Leides, legt der Kummer sich wie ein Berg auf die ermüdende Seele oder verdoppelt begeisternde Hoffnung die Kraft des denkenden Geistes, des schaffenden Armes, jede Regung seines Innern richtet die Sterne seines Auges empor zu ihren himmlischen Brüdern und macht sie zu Vertrauten seines Schmerzes, seines Glückes.

Und was Tausende unbewußt thun und unbeachtet empfinden, dem giebt der Dichter deutlichen Ausdruck in den Klängen, welche seiner Leyer entströmen, um hinauf zu tönen »über die Wolken.«

Der alttestamentliche Seher sieht mit prophetischem Blicke die Hoffnung seines Volkes sich erfüllen durch das Aufgehen von dem »Sterne« Davids, und die Geburt des gottähnlichsten der Menschen ward verkündet durch den Lobgesang der »himmlischen Heerschaaren« und das Erscheinen jenes Heroldes, von welchem die drei Könige sagten: »Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande«.

Die packende Macht der biblischen Poesie knüpft die höchste Seligkeit an das Wort »Himmelreich« und verdeutlicht das größeste Entsetzen durch das Bild der fallenden Sterne. Mit überwältigenden Worten schildert der »Gottessohn« den Hereinbruch des göttlichen Strafgerichtes: »Es werden Sonne und Mond den Schein verlieren; die Sterne werden hernieder fallen, und die Kräfte der Himmel werden sich bewegen. Alsdann werden heulen alle Geschlechter auf Erden.« Wie er, so that schon Moses, der große Führer und Gesetzgeber des Volkes Israel, welcher den Fluch der Sünde nicht drohender verkündigen konnte, als in den Worten: »Der Himmel über Deinem Haupte wird sein wie Erz, die Erde unter Deinen Füßen wie Eisen, und Staub und Asche wird es regnen!« Lieblich und verheißungsvoll dagegen klingt sein Segen über Asser, dem Sohne Jacobs: »Der im Himmel sitzet und daß Herrlichkeit in den Wolken ist, der sei Deine Hilfe!«

Und wie die Bibel, – Sung Tscheet, das »himmlische Buch,« wird sie von den Chinesen genannt – so weist auch das fromme Kirchenlied die Sehnsucht nach Gottes Liebe und Segen immer nach oben.


»Befiel Du Deine Wege

Und was Dein Herz nur kränkt,

Der allertreusten Pflege

Deß, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden

Giebt Wege, Lauf und Bahn,

Der wird auch Wege finden,

Wo Dein Fuß gehen kann!«


singt Paul Gerhardt, und nie ist wohl das Gottvertrauen besser ausgesprochen und begründet worden, als in dem einfach schönen Kinderliede


»Weißt Du, wie viel Sternlein stehen

An dem blauen Himmelszelt,

Weißt Du, wie viel Wolken gehen

Weithin über alle Welt etc.«


Wenn der Dichter der Urania singt:


»Nächtlich einsam wandl' ich durch die Haide,

Wo mein Geist den weiten Raum durchschifft.

Wer enthüllt mir diese Sternenschrift

An dem feierlichen Prachtgebäude,«


so antwortet ihm der Sänger des Vaterunsers:


»Du hast die Säulen Dir aufgebaut

Und Deine Tempel gegründet.

Wohin mein gläubig Auge nur schaut,

Dich Herr und Vater es findet!«


und wie die Pflanze nicht am Tage wächst, sondern dann, wenn die Sonne hinter dem Horizonte verschwunden ist, so ist es auch »Dunkelglanzmähne,« wie die nordische Mythologie die Nacht nennt, welche vorzugsweise das Gemüth zu jenem ernsten Sinnen stimmt, aus welchem der Glaube sein Wachsthum zieht. Der Tag schlingt um den Menschen die Fesseln der Arbeit und der Sorge; die Nacht befreit ihn aus diesen Banden, gewährt ihm Ruhe und spricht zu ihm von der Aufgabe, welche höher ist als alle seine irdischen Verpflichtungen.

Das Herz mit seinen unergründlichen Tiefen und unerforschten Räthseln ist dem Firmamente verwandt. Wie die Höhen des Himmels hat es seine Sterne, seine Meteore, seine Wolken, und darum macht es seine schönsten Rechte am Liebsten dann geltend, wenn die Abenddämmerung ihren duftigen Schleier über die Erde gewoben und der letzte Strahl des sinkenden Tages die erglühenden Spitzen der Berge zum Abschiede geküßt hat.

Dann lächeln die Sterne so »freudvoll und leidvoll« von oben herab, und so »leidvoll und freundvoll« hebt sich die Brust unter den Regungen des kleinen und doch so großen Menschenherzens.

Und wie der glanzumflossene Bogen des Himmels sich so gern mit der krystallenen Fluth vermählt und sein Bild in sie herniederlegt, so schickt der Himmel, welcher im Allerheiligsten der menschlichen Brust ruht, sein Bild empor in das Krystall des Auges und breitet seine verklärenden oder verdüsternden Farben selbst über die Züge des Angesichtes.

Wer in das reine Auge eines Kindes, in das verzeihende Auge einer Mutter gesehen oder dem vertrauensvollen, hingebenden Blick der Geliebten begegnete, der hat die Seligkeit gefühlt, welche dieser Himmel zu spenden vermag. Möge Jeder sein Herz bewahren in treuer Sorge; denn auch er trägt einen Himmel in demselben, auf dessen Sternenstrahl die Seinen ein heilig Anrecht haben! –[126]

Quelle:
KGeographische Predigten von Karl May. 1. Himmel und Erde. In: Schacht und Hütte. 1. Jg. Dresden (1875). Nr. 16, S. 125-127.
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